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"...und Ihr in Bonn könnt die Bude zumachen..."

Untertitel: Zum Gesprächsleitungsverhalten des Moderators Böhme aus sprechwissenschaftlicher Sicht
Autor: Ingo Kallenbach
Fach: Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

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Details

Institution/Hochschule: Universität Koblenz-Landau
Kategorie: Anderes
Jahr: 1997
Seiten: 88
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 80  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 367 KB
Archivnummer: V94594
ISBN (E-Book): 978-3-640-09993-1
ISBN (Buch): 978-3-640-12125-0

Zusammenfassung / Abstract

‘Wir amüsieren uns zu Tode’ lautet der bekannte Titel des Buches von N. POSTMAN (1992). Beklagt wird darin die allmähliche Zerrüttung der Kulturtätigkeit durch das totale Entertainment. Der gewerbsmäßige Illusionismus, v. a. hervorgerufen durch elektronische Medien, gefährde die menschliche Urteilskraft und bereite die Unmündigkeit der Bürger vor, so die Behauptung POSTMANs. Warum solch harte Worte gebrauchen, ist man geneigt zu fragen? Zwar sind Medien wie Hörfunk und Fernsehen allgegenwärtig, aber sie dienen ja schließlich auch der Information ihrer Rezipienten. Warum sich also gleich zu Tode amüsieren? Auf dem hier in Frage stehenden schmalen Grad zwischen Information und Unterhaltung bewegen sich auch Talkshows, darunter insbesondere politische Talkshows. Getalkt wird dabei täglich in unterschiedlichen Sendern, wobei der eifrige Zuschauer unter 10 Shows ‘tagtäglich’ wählen kann. Was konkret kann man sich unter der Talkshow vorstellen? Welche Ziele verfolgt sie? Gehört es zu den Aufgaben ihres ‘Talkmasters’ (im folgenden ‘Moderator’), Gespräche zu leiten? Und wenn ja, in welcher Weise wird das getan? Kann mit Hilfe sprecherzieherischer Kriterien das Leitungsverhalten des Moderators analysiert und über die Kommunikationskultur reflektiert werden? Zur Untersuchung ausgewählt wurde die Talkshow TALK IM TURM. Motiviert wurde diese Wahl durch den themenzentrierten Anspruch der Sendung. Sie hebt sich durch ein scheinbar vernünftiges Miteinandersprechen von herkömmlichen Talkshows ab, da diese vorwiegend versuchen, durch amüsanten Klatsch und die Herausforderung ihrer Gäste zu verbalem Exhibitionismus und seelischem Striptease, zur Unterhaltung der Zuschauenden beizutragen. Die demokratische Kommunikationskultur, die auch zur (politischen und kritischen) Aufklärung der Zuschauer beisteuert, steht deshalb zur Diskussion (vgl. VOGT, 1996, S. 56). Erkenntnisleitende Frage der Arbeit ist folglich, ob das Leitungsverhalten des Moderators Erich Böhme zur Verbesserung der demokratischen Kommunikationskultur im Fernsehen beiträgt. Nach Problematisierung des Talkshow-Begriffs und der Intentionalität derselben, wird die ausgewählte Talkshow TALK IM TURM fokussiert. Dabei werden die konstituierenden Merkmale der Sendung beleuchtet und Folgerungen für den Untersuchungsgegenstand gezogen.

Textauszug (computergeneriert)

Abschlußarbeit

für den Studiengang Sprecherziehung (Zusatzzertifikat) an der Universi-

tät Koblenz-Landau, Abtlg. Landau, Institut für Germanistik, Studienbe-

reich Sprechwissenschaft /

Sprecherziehung

,,...und Ihr in Bonn könnt die Bude zumachen..."

Zum Gesprächsleitungsverhalten des Moderators Böhme

aus sprechwissenschaftlicher Sicht

vorgelegt von

Ingo Kallenbach

Landau, den 01. Juli 1997


INHALTSVERZEICHNIS

1.

GEGENSTAND UND ZIELE

4

I. T H E O R E T I S C H E R

T E I L

6

2.

DIE TALKSHOW - ZWISCHEN SCHILLERNDEM GENRE UND

GROSSEM RHABABERN

6

2.1 Definitionsprobleme

6

2.2

Zur Intentionalität von Talkshows: informare und delectare?

9

3

DIE TALKSHOW TALK IM TURM 13

3.1 Äußerer

Rahmen

12

3.2 Gäste

16

3.3 Der

Moderator

19

4.

ZUR LEITUNG VON GESPRÄCHEN IN SPRECHERZIEHUNG /

SPRECHWISSENSCHAFT 20

4.1

Gesprächsleitung und/oder Moderation

20

4.2

Moderatorennöte: Das Anforderungsprofil an den Moderator

24

4.3

Zur Bedeutung der Sprechhandlung Fragen in der mündlichen

Kommunikation 27

4.4

Grundaufgaben der Gesprächsleitung

28

4.4.1

Mit Fragen leiten

28

4.4.2

Zeitrahmen, Beteiligung, Sachbezug, Stimmungen

32

4.4.3

Polarisierungen in die Gruppe öffnen

34

4.4.4 Gesprächsprozeß

offenhalten

34

4.4.5

Bündeln - verteilen - bündeln

35

II. E M P I R I S C H E R

T E I L

36

5. HYPOTHESENBILDUNG

36

2


6. DAS

UNTERSUCHUNGSMATERIAL

37

6.1

Zur Transkription der Gespräche

39

7. DATENERHEBUNG

44

7.1

Beteiligung der Gesprächsteilnehmer und des Moderators Böhme

44

7.1.1

Diskussion der Ergebnisse

50

7.2

Analyse der Gesprächsbeiträge des Moderators Böhme

54

7.2.1 Vorbemerkung

55

7.2.2

Anteil der Fragen unter den Gesprächsbeiträgen Böhmes

56

7.2.3

Frageformen: öffnend - schließend

57

7.2.4

Fragetypen: Erklärung, Rechtfertigung, Ausgrenzung, Entscheidung,

60

Suggestion

7.2.4.1 Erklärung oder Rechtfertigung?

60

7.2.4.2 Entscheidung

62

7.2.4.3 Ausgrenzung

65

7.2.4.4 Suggestion

67

7.2.5

Zur Klärung nachfragen

69

7.2.6

Diskussion der Ergebnisse

69

8.

FOLGERUNGEN UND PERSPEKTIVEN

73

9. ANHANG

76

10. LITERATURVERZEICHNIS

82

3


1. GEGENSTAND UND ZIELE

`Wir amüsieren uns zu Tode′ lautet der bekannte Titel des Buches von N. POSTMAN

(1992). Beklagt wird darin die allmähliche Zerrüttung der Kulturtätigkeit durch das

to-

tale Entertainment

. Der gewerbsmäßige Illusionismus, v. a. hervorgerufen durch elekt-

ronische Medien, gefährde die menschliche Urteilskraft und bereite die Unmündigkeit

der Bürger1 vor, so die Behauptung POSTMANs.

Warum solch harte Worte gebrauchen, ist man geneigt zu fragen? Zwar sind Medien

wie Hörfunk und Fernsehen allgegenwärtig, aber sie dienen ja schließlich auch der In-

formation ihrer Rezipienten. Warum sich also gleich zu Tode amüsieren?

Auf dem hier in Frage stehenden schmalen Grad zwischen Information und Unterhal-

tung bewegen sich auch

Talkshows

, darunter insbesondere politische Talkshows.

Ge-

talkt

wird dabei täglich in unterschiedlichen Sendern, wobei der eifrige Zuschauer unter

10 Shows `tagtäglich′ wählen kann2 - entsprechend dann auch der Titel einer Sendung:

TALK TÄGLICH.

Was konkret kann man sich unter der Talkshow vorstellen? Welche Ziele verfolgt sie?

Gehört es zu den Aufgaben ihres `Talkmasters′ (im folgenden `Moderator′), Gespräche

zu leiten? Und wenn ja, in welcher Weise wird das getan? Kann mit Hilfe sprecherzie-

herischer Kriterien das Leitungsverhalten des Moderators analysiert und über die

Kommunikationskultur reflektiert werden?

Zur Untersuchung ausgewählt wurde die Talkshow TALK IM TURM. Motiviert wurde

diese Wahl durch den themenzentrierten Anspruch der Sendung. Sie hebt sich durch ein

scheinbar

vernünftiges Miteinandersprechen von herkömmlichen Talkshows ab, da die-

se vorwiegend versuchen, durch amüsanten Klatsch und die Herausforderung ihrer Gäs-

te zu verbalem Exhibitionismus und seelischem Striptease, zur Unterhaltung der Zu-

schauenden beizutragen. Die

demokratische Kommunikationskultur

, die auch zur (poli-

tischen und kritischen)

Aufklärung

der Zuschauer beisteuert,

steht deshalb zur Diskussi-

on (vgl. VOGT, 1996, S. 56).

1 Wenn ich in der vorliegenden Arbeit nur die männliche Form benutze, so geschieht das aus Gründen

der Einfachheit und Lesbarkeit und ist in keinster Weise diskriminierend zu verstehen.

2 Vgl. FOLTIN (1994, S. 91)

4


Erkenntnisleitende Frage der Arbeit ist folglich, ob das Leitungsverhalten des Modera-

tors Erich Böhme zur

Verbesserung der demokratischen Kommunikationskultur

im

Fernsehen beiträgt.

Nach Problematisierung des Talkshow-Begriffs und der Intentionalität derselben, wird

die ausgewählte Talkshow TALK IM TURM fokussiert. Dabei werden die konstituieren-

den Merkmale der Sendung beleuchtet und Folgerungen für den Untersuchungsgegens-

tand gezogen.

Der Gesprächsleiter ist tot, es lebe der Moderator. Nach der notwendigen Auseinander-

setzung mit diesem Spannungsfeld und den damit verbundenen Aufgaben des Modera-

tors, wird die Bedeutung von Fragen in der mündlichen Kommunikation entwickelt und

die Grundaufgaben des Gesprächsleiters auf der Basis sprecherzieherischer Methodik

beschrieben. Dadurch wird dieVorgehensweise, die für Untersuchung ausschlaggebend

ist, transparent.

Im anschließenden empirischen Teil werden nach Bildung der Hypothesen die unter-

suchten Sendungen vorgestellt und die Verfahren zur Transkription der Gespräche er-

läutert. Gemäß den Untersuchungskriterien werden im folgenden die Daten analysiert,

die Ergebnisse ausgewertet und Schlußfolgerungen gezogen. Unter Bezug auf die in der

Analyse gewonnen Erkenntnisse werden zuletzt Hinweise gegeben, die aus sprecherzie-

herischer Perspektive zur Verbesserung der Kommunikationskultur im Fernsehen die-

nen könnten. Damit schließt sich der Kreis der Vermitteltheit zwischen Praxis, Theorie,

Analytik und Didaktik3.

3 Vgl. hierzu das Flußdiagramm bei GEISSNER (1986a, S. 20)

5


I . T H E O R E T I S C H E R T E I L

2. DIE TALKSHOW - ZWISCHEN SCHILLERNDEM GENRE UND

GROSSEM RHABABERN


2.1 Definitionsprobleme

Ihren Ursprung haben Talkshows in den USA. Die erste Sendung dieser Art flimmerte

im Jahr 1950 über den Bildschirm, ihr Titel war BROADWAY OPEN HOUSE und ihr Mo-

derator hieß Jerry Lester (vgl. FOLTIN, 1994, S. 69). Der Siegeszug der `Schwafelrun-

den′ und `Quakformate′ (SOKOLOWSKY, 1996, S. 16) ging derart schnell vonstatten,

daß sie heute aus dem Fernsehen nicht mehr wegzudenken sind.

Was versteht man nun eigentlich unter Talkshow? Dividiert man das Substantiv `Talk-

show′ in seine zwei Bestandteile, so erhält man `Talk′ und `Show′. Die Übersetzung

von `Talk′ fällt nicht weiter schwer, `Show′ wird in den USA synonym zu `Sendung′

gebraucht. Allein der Begriff `Gesprächssendung′ erleichtert die Definition jedoch noch

nicht, läßt aber eine frühe, begriffliche Approximation zu.

Eine der ersten Definitionen im deutschsprachigen Raum stammt von BARLOEWEN

und BRANDENBERG (1975), die als konstitutive Faktoren für die Talkshow feststel-

len:

1.

Der Seriencharakter der Sendung.

Nur wenn die Sendung in regelmäßigem, möglichst

häufigem Rhythmus wiederkehrt, etabliert sie sich im Bewußtsein der Zuschauer als

eine feste Einrichtung.

2.

Die zentrale Figur des Gastgebers.

Der Talk Master, mehr als der eine oder andere

Gast, prägt die Sendung, entscheidet über Erfolg oder Mißerfolg. Er repräsentiert die

Sendung; wird zum Star, zum Identifikationsobjekt.

3.

Das Talk Show-Gespräch ist nicht Sachgespräch, sondern personenbezogen.

Nicht der

Fachmann, der Spezialist ist als Gast geeignet, sondern vor allem derjenige, der als

Person interessant ist. Die Diskussion einzelner Themen steht nicht im Mittelpunkt

und soll das Hauptanliegen, die Charakterisierung von Personen, nicht verdrängen. (S.

18)

Angesichts der Fülle der heute über den Äther flimmernden Talkshows ist diese Defini-

tion nur noch begrenzt brauchbar. Im folgenden soll sie ergänzt und verbessert werden.

Dennoch weist die Definition, und deshalb ist sie auch von Interesse, auf den Wandel

6


hin, der sich seit der ersten Talkshow4 im bundesdeutschen Fernsehen (1973) bis zum

jetzigen Zeitpunkt, vollzog.

Festhalten bei der Definition von BARLOEWEN und BRANDENBERG kann man si-

cherlich am `Seriencharakter′ der Talkshow (Punkt 1), wobei die Frequenz zwischen

beinahe täglich und viermal jährlich divergieren kann (vgl. FOLTIN, 1994, S. 70).

Die Bedeutung des `Talk Masters′ (Punkt 2) ist heute gleichwertig mit der Bedeutung

der anwesenden Gäste zu sehen. Ein noch so blendender Moderator tut sich schwer,

wenn seine Gäste nicht entsprechend `mittalken′. Zudem bieten Gäste eine Projektions-

fläche von Wünschen und Bedürfnissen für das Publikum Zuschauer. Diesem Faktor

mißt auch MIKOS (1994) Relevanz zu, wenn er sagt:

Denn Gäste, die Besonderes geleistet haben und nicht nur einfach bekannt sind, und Stars

sind gewissermaßen symbolische Objektivationen von Lebensromanen der Zuschauer,

von den Vorstellungen von einem besseren Leben, einem Leben, wie es eigentlich sein

sollte, aber aufgrund der alltäglichen Zwänge nicht geworden ist. (S. 160)

Überholt ist - und damit zurück zur Definition von BARLOEWEN und BRANDEN-

BERG - gewiß der dritte konstitutive Faktor, nachdem Talkshows nicht sach-, sondern

personbezogen sind. Gerade die themenorientierten Shows, STEINBRECHER und

WEISKE sprechen von `Themen-Talk′ im Kontrast zu `Promi-Talk′ (1992, S. 23 ff), er-

freuen sich bei den Zuschauern zunehmender Beliebtheit (vgl. FRIED, 1990, S. 307).

Der Gast ist entweder

Experte

per se, oder

Betroffener

, der seine spezifische Meinung

oder Erfahrung zum Thema miteinbringen kann.

Die

Anwesenheit von Studiopublikum

ist charakteristisch für heutige Talkshows. Fehlen

die Zuschauer, bekommen die Gesprächsteilnehmer kein Feedback. Die Zuschauer die-

nen somit als Stimmungsbarometer. Durch ihr Lachen und Applaudieren wird die At-

mosphäre im Studio aufgelockert, was zu einer veränderten Gesprächsbereitschaft der

Gäste führt (vgl. STEINBRECHER & WEISKE, 1992, S. 58). Die Anwesenheit des

Publikums mildert auf diese Art die Sterilität des Studios. Damit erfüllt das Studiopub-

likum eine wichtige Funktion innerhalb von Talkshows.

4 Titel der Sendung war JE SPÄTER DER ABEND, Sendestart der 4. März 1973 im dritten Programm des

WDR. Moderiert wurde die Sendung vom Österreicher Schönherr. Die Sendung kam bei den Zuschauern

so gut an, daß sie in der Sylvesternacht 1973/74 zum ersten Mal im Programm der ARD bundesweit ge-

sendet wurde (vgl. STEINBRECHER & WEISKE, 1992).

7


Dies führt zu einem weiteren Kriterium: der relativen

Freiheit im Ablauf des Gesprächs

.

Da es sich bei Talkshows nicht um Parlamentarische Debatten oder Fernsehdiskussio-

nen (jeweils vor oder nach Wahlen - sog. `Elefantenrunden′) handelt, bei denen die Re-

dezeit begrenzt, Gesprächsregularien bekannt und Themata weitgehend vorstrukturiert

sind, wird beim Zuschauer Zuhause und im Studio Spannung durch die

Erwartung von

etwas Unvorhersehbaren

erzeugt. KALVERKÄMPER (1982) schreibt hierzu:

Was [. . .] kurzweilig unterhält, ist primär die Erwartung des Unerwartbaren, ist die reiz-

volle Nichtkalkulierbarkeit, ist der Peinlichkeitsreiz für den Zuschauer, der auf den Pat-

zer, auf die Entlarvung der Persönlichkeit, auf das spontane Ablegen eines Rollenverhal-

tens beim Gast und beim Gastgeber wartet. (S. 182)

Dies ist besonders bei personenzentrierten Sendungen (sog. `Promi-Talk′ oder `Portrait-

Talk′) der Fall. Mit Spannung erwartet wird eine Person, die `aus der Rolle fällt′, mit

Worten aus der Soziologie kann man sagen: eine Person, die das Bündel von Verhal-

tenserwartungen an ihre Position nicht aufrecht erhält.

FOLTIN (1994, S. 72/73) nennt drei weitere, konstituierende Kennzeichen, auf die ich

in gebotener Kürze noch eingehen möchte: `Ehrlichkeit′ der Gespräche, bestimmte

Show-Effekte und die nachträgliche Verarbeitung in direkter Kommunikation.

Die Zuschauer von Talkshows erwarten von den Gästen ein gewisses Maß an

Ehrlich-

keit

in ihren Gesprächen. Je ehrlicher und offener die Gäste sind, desto höher werden sie

selbst

und

die Sendung bewertet. Daraus läßt sich für die Position des Moderators

schlußfolgern: Der Moderator muß sich in einer Weise verhalten, die Ehrlichkeit und

Offenheit bei den Gästen provoziert, der `Seelenstriptease′ steht hoch im Kurs. Gleiches

wird von Politikern im übrigen nicht erwartet (vgl. FOLTIN, 1994, S. 72), hier gehen

die Zuschauer sowieso nur von einem begrenzten Maß an Ehrlichkeit aus.

Unter

Showeffekten

sind Musikeinlagen oder künstlerische Vorführungen zu verstehen.

Sie dienen der Abwechslung und Zerstreuung zwischen einzelnen Gesprächsphasen und

geben den Zuschauern Zeit, über das gerade Erlebte nachzudenken und zu sprechen.

Fehlen diese zusätzlichen Showeinlagen, darf die `Show′ natürlich trotzdem nicht zu

kurz kommen. Durch das Einfangen nonverbaler bzw. extraverbaler Kommunikation

mit der Kamera werden den Zuschauenden visuelle Reize geboten, die das Geschehen

8


kurzweiliger machen. Zu denken ist dabei an das Kneten der Finger nach einer peinli-

chen Frage oder an das wutverzerrte, hocherrötete Gesicht einer Person, die sich

(un/gerecht-fertigten) Anschuldigungen ausgesetzt fühlt.

Zu den Merkmalen gelungener Talkshows zählt FOLTIN (1994) auch das

nachträgliche

Sprechen mit anderen

über die gesehene Talkshow. Ob dieser Faktor angesichts der

Fülle von parallel laufenden Talkshows überhaupt noch zu erfüllen ist, mag jedoch be-

zweifelt werden.

Wie hier kurz skizziert werden konnte, gibt es

die

Talkshow, wie es sie im Jahre 1975

noch gab, nicht mehr.

Ich möchte deshalb abschließend mit den Worten von L. MIKOS (1994, S. 158) die

Talkshow allgemein als ,, . . . ein Subgenre definieren, bei dem ein oder mehrere Gast-

geber in einem Studio oder Saal vor anwesendem Publikum mit mehreren Gästen Ge-

spräche führen; im Mittelpunkt der Gespräche stehen die Gäste selbst sowie aktuelle

Themen oder Ereignisse".

2.2 Zur Intentionalität von Talkshows: informare und delectare

Nachdem

die

Talkshow im ursprünglichen Sinn nicht mehr existiert, sondern nur eine

Fülle unterschiedlicher Sendeformen, ist die allgemeine Frage nach der Intentionalität

von Talkshows nicht leicht und auch sicherlich nicht generell, zu beantworten. Dennoch

möchte ich vom Allgemeinen - der

Rhetorizität

des Fernsehens - ausgehen, um zum Be-

sonderen - der

Intentionalität

von Talkshows - zu gelangen.

Rhetorik kann traditionell als die `Theorie und Praxis der

beeinflussenden

Rede′ be-

zeichnet werden. Unter Rede ist dann nicht nur die Rede

zu

anderen (Rederhetorik),

sondern auch die Rede

mit

anderen (Gesprächsrhetorik) zu verstehen. Subsumierbar ist

ebenfalls die geschriebene Rede, weil auch sie beeinflussen möchte.

In diesem Kontext ist deshalb BLACK (1978, S. 17, zit. nach GEISSNER, 1987) zu

verstehen, der sagt: ,,Rhetorical discourses are those discourses, spoken or written,

which aim

to

influence

[Hervorhebung v. Verf.] men". Im Mittelpunkt steht folglich: `to

influence someone′, `jmd. beeinflussen′. Allem Reden wohnt entsprechend ein Rheto-

9


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