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Presentation (Elaboration), 1998, 4 Pages
Author: Christofer Burger
Subject: Orientalism / Sinology - Islamic Studies
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Institut für Islamwissenschaft)
Tags: Al-Farabi, Philosophie, Institut, Islamwissenschaft, Freie, Universtität, Berlin, Proseminar, Muslimische, Staats-, Herrschaftstheorien, Bernadette, Schenk
Year: 1998
Pages: 4
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-07543-5
File size: 152 KB
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Fulltext (computer-generated)
Freie Universität Berlin
FB Philosophie und Sozialwissenschaften II/ Institut
für Islamwisse
nschaft
PS 29301 Einführung in die muslimischen Staats- und Herrschaftstheorien
Referent: Christofer Burger
war der zweite bekannte Philosoph des Islam
alexandrinischen Schule des Neuplatonismus.
Hier war
nach al-Kindi. In der islamischen Philosophie wird er als
das Erbe Platons und Plotins sowohl mit dem Christentum
"zweiter Lehrer" nach Aristoteles bezeichnet. Er war nicht
als auch (teilweise) mit der Lehre des Peripatos versöhnt
nur ein Pionier bei der Naturalisierung der Griechischen
worden. Diese Schule hatte sich außerdem nicht auf Plotins
Philosophie, seine Lehren müssen auch als erster
Metaphysik/Mystik und Ästhetik beschränkt, sondern auch
Höhepunkt in der Entwicklung des islamischen
die Politik und praktische Philosophie nie aus den Augen
Rationalismus betrachtet werden.
verloren.
Als
Lehrer Al-Farabis
wird vor allem der syrische Christ
BIOGRAPHIE DES
genannt. Über die
Entwicklung der
Über das Leben des haben
wir keine zu-
neoplatonischen Philosophie
nach der Schließung der
verlässigen Quellen
. Spätere Autoren, vor allem
Akademie von Alexandria im 7. Jh. bis ist
prak-
bieten uns wenig hilfreiche und glaub-
tisch nichts bekannt
.
würdige Information.
DIE POLITISCHE LAGE ZU LEBZEITEN
Als gesichert gelten
die folgenden Lebensdaten:
·
Der
Niedergang des abbassidischen Kalifats
hatte bei
im Bezirk
in Turkestan ge-
der Geburt schon begonnen
. Separatistische
boren
. Sein
Vater
war ein
türkischer Söldner
im
Bewegungen
in Persien, Transoxanien und Kurdistan
Dienste der abbassidischen Kalifen.
stellten die Autorität des Kalifen in Frage
,
ebenso hete-
· Er verbrachte den größten Teil seines Lebens
in Bag-
rodoxe Strömungen
wie die Mu`taziliten und Schiiten.
dad
, wo er im Umfeld
christlicher syrischer Ge-
Die Macht verlagerte sich auf ,,mobilere" Ämter wie
lehrter
studierte und schließlich selbst ein hohes Anse-
und , die je nach politischer Konstellation verliehen
hen als Universalgelehrter erlangte.
wurden, während das lebenslange
Kalifat immer weniger
· Die
letzten ca. 10 Jahre
seines Lebens verbrachte er
die realen Machtverhältnisse
widerspiegelte. So wurde
am Hof des amdanidischen
Emirs von Aleppo, Sayf
861 der Kalif Al-Mutawwakil von einem türkischen Offizier
al-Dawla
. Hier
starb
er im Jahre
950
.
ermordet.
Über seine näheren Lebensumstände ist widersprüchliches
Im Jahre 873
starb der elfte
, kurz
darauf
und unglaubwürdiges zu lesen, aber es besteht ein gewisser
verschwand sein Nachfolger
. So entstand
der imami-
Konsens über die folgenden Aussagen:
tische ,,Zwölfer" Schiismus
mit seiner Lehre vom
ver-
war einfacher türkischer Herkunft, sein Vater
borgenen Imamat.
diente wohl in der Leibwache der Kalifen. Seine
wirtschaft-
Zwischen 890 und 930 konsolidierte sich die innenpolitische
liche Lage
zwang ihn dazu, sich mit
harter Arbeit
, mögli-
Herrschaft der Kalifen etwas. Gleichzeitig vermischten sich
cherweise als Gärtner,
seinen Lebensunterhalt zu
aber religiöse mit sozialen und ethnischen Konflikten. Es
verdienen
.
herrschte eine paranoide
Angst vor Andersgläubigen
, was
Aber auch, nachdem er zu wissenschaftlichem Ansehen ge-
sich in massivem
Druck auf Schiiten, Christen, Juden
kommen war, schlug er daraus keinen Profit, sondern führte
und Sufis
auswirkte. Erst nach der Machtergreifung nicht-
ein Leben, das
eher mit dem eines kynischen Philoso-
arabischer Völker, zunächst der ismailitischen Buyiden 945
phen zu vergleichen
ist, als mit dem eines berühmten In-
entwickelte sich ein Klima der religiösen Toleranz
tellektuellen. hatte in Bagdad einen Kreis von ge-
DIE BEDEUTUNG DER POLITIK IN
bildeten Anhängern und Schülern;
ein einträgliches öf-
SCHRIFTEN
fentliches Amt nahm er hier aber nicht an
.
Selbst am Hofe des berühmten Mäzens Sayf al-Dawla be-
Seine Staatstheorie entwickelt vor allem in den
gnügte er sich mit einem bescheidenen Lohn, der ihm ein
drei Büchern
sorgenfreies, aber keineswegs opulentes Leben ermöglichte.
. Sie
alle beschäf-
Daß er dem Ruf nach Aleppo folgte, ist daher neben dessen
tigen sich
zunächst ausführlich
mit Metaphysik, Physik
Ruf als Hort der Künste und Wissenschaften
wohl vor
und Anthropologie
, bevor sie nach unserem Verständnis
allem der Tatsache zuzuschreiben, daß Sayf al-Dawla in
politische Fragen erörtern. In
keinem dieser Werke
inter-
Aleppo den
imamitischen Schiismus
als offizielle Religion
essiert sich für die Kunst der
Staatsführung, für
eingeführt hatte,
dem
vermutlich anhing
.
institutionelle oder organisatorische Fragen
.
Politik ist für ihn vielmehr eine
kollektive Ethik
, die
EINFLÜSSE, TRADITIONEN UND QUELLEN
zentrale
Disziplin der praktischen Philosophie
. Sie be-
Viele zentrale Doktrinen der
fügen sich nahtlos
gründet sich
nicht auf soziologischen
oder gar empi-
in die politische Philosophie
. Neben der
rischen Erkenntnissen,
sondern wird aus der Metaphysik
steht vor allem in der Tradition der
hergeleitet
.
1
GRUNDZÜGE SEINER PHILOSOPHIE
ten, benötigt man aber einen Mann,
der metaphyische
Einsicht mit Herrscherqualitäten
vereinigt, den
Philoso-
glaubte an die letztendliche
Einheit der Wahr-
phenkönig
Platons. Nur er
versteht
einerseits
die
heit,
und daß diese
sowohl in den offenbarten Quellen
Gesetze richtig
und kann andererseits für ihre
Durch-
des Islam, als auch bei Platon und Aristoteles
zu finden
setzung
sorgen. Sollte ein solcher Mann nicht zu finden
sei. Seine Philosophie stellt daher
eine Synthese dieser
sein, so kann auch ein
Philosoph zusammen mit einem
drei Quellen
dar.
König
oder ein Rat von mehreren besonders Qualifizierten
In der Tradition des Neuplatonismus entwickelte
herrschen. Wenn aber die
Philosophie keinen Anteil
an
eine metaphysische
Hierarchie der Welt,
an deren Spitze
der Regierung hat, ist die
Stadt verloren
.
Gott, das Eine, der erste Grund steht. Es folgen die imma-
teriellen Wesen, die materiellen aber perfekten Himmelskör-
DIE TUGENDHAFTE STADT
per, der Mensch und dann der Rest der Welt.
Der Mensch als
politisches Wesen
kann seine
Perfektion
Der Mensch ist
als einziges Wesen
weder in der Materie
nur in der Gemeinschaft
erreichen. Nur wenn alle Bürger
verhaftet noch
von selbst perfekt.
Er hat das Potential, die
einer Stadt
tugendhaft
handeln, d.h. so
zusammenarbei-
materielle Welt zu überwinden, darin liegt
seine Bestim-
ten
, daß jeder sein
Potential voll entwickeln
kann, führt
mung und sein Glück
. Handlungen, die dazu führen sind
das zur
Glückseligkeit
,
dem Ziel des menschlichen
gut und
tugendhaft
, die anderen böse und lasterhaft
. Um
Handelns
.
zu erkennen, welche Handlungen gut sind,
muß der
Dazu ist es notwendig, daß
alle Menschen
in der Stadt sich
Mensch also eine
Vorstellung von der Natur des Univer-
dieses Zieles bewußt
sind, daß das
Gesetz gerecht
ist,
sums haben.
richtig verstanden und befolgt
wird, und daß jeder die
Zur Erkenntnis stehen dem Menschen grundsätzlich drei
Position im Gemeinwesen
einnimmt, die
seinen Fähig-
Organe zur Verfügung: Seine Sinne, seine Vorstellungskraft
keiten entspricht
. Die tugendhafte Stadt benötigt also eine
und seine Vernunft.
wahre Religion
(samt Gesetz) und
einen perfekten Herr-
Der
Philosoph
, erfährt den Aufbau der Welt und damit
scher.
auch Tugenden und Laster durch
rationale Erkenntnis.
Er
Er lehrt die Tugenden, legt das Gesetz aus und ändert es
kann sie einigen seiner Anhänger
durch logische Beweis-
wenn nötig und weist jedem seine Stellung im Gemeinwesen
führung
beibringen.
zu. Diese Stellungen bilden eine
strenge Hierarchie
: Die
Denjenigen aber, die
zu solch theoretischer Erkenntnis
Fähigsten dienen nur dem Herrscher und befehlen allen
nicht imstande
sind, muß die Wahrheit
durch Beispiele
anderen. Andere gehorchen ihnen und befehlen wieder
und Bilder
nahegebracht werden. Das ist
die Aufgabe der
anderen. Die Unverständigsten dienen schließlich nur und
Religion.
haben niemandem zu befehlen.
Sie gründet nicht auf rationaler Erkenntnis, sondern auf der
Offenbarung
. Analog zum Philosophen, dessen
Verstand
ANDERE STAATSFORMEN
so hoch entwickelt ist, daß er
sich mit dem Göttlichen
Neben der tugendhaften Stadt gibt es verschiedene Arten
vereinigt
, gewinnt der
Prophet
seine Einsicht durch die
von
,,unwissenden"
Städten, die über das Universum und
Perfektion seiner Vorstellungskraft
, die sozusagen intui-
das Glück des Menschen nichts wissen und deshalb
andere
tiv und
bildhaft
unter Umgehung des Verstandes erkennt.
Ziele
verfolgen, z.B. Ruhm, Reichtum oder Macht.
Die
Visionen
, in denen der Prophet die Offenbarung
erhält, sind
für die Masse verständlich
, aber nicht zu un-
unterscheidet hiervon die
,,bösen"
Städte, die
terscheiden von den bloßen Halluzinationen eines Verrück-
zwar die
wahre Bestimmung
des Menschen
kennen
, sie
ten. Außerdem fehlt dem reinen Propheten die Fähigkeit,
aber nicht verfolgen
. Ihre Bürger haben zwar die Ansich-
seine
Offenbarung richtig zu interpretieren
und
daraus
ten der tugendhaften Stadt, aber das Verhalten der un-
Handlungsanweisungen
zu entwickeln. Eine
wahre Re-
wissenden Städte.
ligion
kann also nur von einem
Prophet-Philosophen
be-
Ferner gibt es Städte, die einst tugendhaft waren, die aber
gründet werden.
vom rechten Weg abgekommen
sind; entweder durch
Es kann durchaus
mehrere wahre Religionen
geben: Die
Verfälschung der Lehre oder weil die Bürger ihr nicht mehr
letzte
Wahrheit
, die sie abbilden, ist zwar
immer die selbe
,
gehorchten.
aber die
unterschiedlichen Völker
der Erde benötigen
un-
Schließlich gibt es Städte, deren Gründer
fälschlicherweise
terschiedliche Metaphern
, um sie zu verstehen.
glaubten, eine
Offenbarung
erhalten zu haben. Ihre Hand-
lungen gleichen denen der tugendhaften Stadt, aber ihre
An-
DER PERFEKTE HERRSCHER
sichten sind falsch
auch diese Städte haben
keine Aus-
sicht auf Glückseligkeit.
Wenn dieser Prophet-Philosoph außerdem noch über
die
Qualitäten eines Herrschers
verfügt, so kann er ein
äußert sich mit
keinem Wort
über die Einord-
perfektes Gemeinwesen
gründen; er ist
,,der wahre
nung
real existierender Staaten und Religionen
in dieses
Schema.
"
, der perfekte Herrscher über die Stadt, die Nation
und die ganze Welt.
HISTORISCHE BEDEUTUNG UND BEWERTUNG
Nachdem die wahren Gesetze und die wahre Religion also
einmal von
diesem Prophet-Philosoph-Herrscher-
vollbrachte eine
bemerkenswert schlüssige
Gesetzgeber
geschaffen wurden, kann bei seinem
Nach-
Synthese der klassischen Philosophie mit dem Islam
,
folger auf das Prophetentum verzichtet
werden. Um die
der Vernunft mit der Religion. Einen Schwachpunkt stellt
Religion und die Gesetze weiterzuführen und richtig zu deu-
dabei der Versuch dar, die islamische Vorstellung von Pa-
2
radies und Hölle mit der platonischen Seelenwanderung zu
vereinigen. persönlicher Verdienst ist schwer zu
beurteilen, da seine
unmittelbaren Quellen unbekannt
sind.
Innerhalb des
islamischen Rationalismus
ist die politische
Lehre wohl
die kompletteste und eigenstän-
digste
. Für die spätere Entwicklung der sunnitischen Staats-
theorie blieb sie aber bedeutungslos, da ihr vorgeworfen
wurde, die göttliche Offenbarung der menschlichen Ver-
nunft unterzuordnen.
Literatur:
(1) Farabi, Abu-Nasr Muhammad Ibn-Muhammad al-;
Broennle, Paul (Hrsg.): Die Staatsleitung, Leiden
1904 ( Dt. von F. Dieterici)
(2) Farabi, Abu-′n-Nasr Muhammad Ibn-Muhammad
Ibn-Tarhan al-; Walzer, Richard (Hrsg.): al- Farabi on
the
perfect
state
1985
Oxford
(arab/engl. mit Kommentar
(3) Pines, S.: Some Problems of Islamic Philosophy, in: Is-
lamic Culture 11 (1937)
(4) Sherwani, H.K.: al-Farabi′s Political Theories, in: Isla-
mic Culture 12 (1938), S. 288-308
(5) Rosenthal, E.: The Place of Politics in the Philosophy
of al-Farabi, in: Islamic Culture 29 (1955)
(6) Najjar, Farzi: Al-Farabi on Political Science, in: The
Muslim World 48 (1958), S.94-103
(7) Najjar, Farzi: Al-Farabi′s Political Philosophy and
Shi′ism, in: Studia Islamica 14 (1961)
(8) Dunlop, D.M.: al-Farabi′s Aphorisms of the Statesman,
in: Iraq 14 (1952), S.93-117
(9) Artikel ,,al-", ,,", in: Encyclopedia of
Islam
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