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Was wir umbringen ... - Presse- und Sprachkritik in Fackel und Titanic

Scholary Paper (Seminar), 2002, 55 Pages
Author: Maik Philipp
Subject: German Studies - Semiotics, Pragmatics, Semantics

Details

Event: Sprachkritik und Satire am Beispiel von Karl Kraus
Institution/College: University of Lüneburg (Fachbereich III - Kulturwissenschaften)
Tags: Presse-, Sprachkritik, Fackel, Titanic, Sprachkritik, Satire, Beispiel, Karl, Kraus
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2002
Pages: 55
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V9494
ISBN (E-book): 978-3-638-16187-9

File size: 521 KB


Excerpt (computer-generated)

Universität Lüneburg
Sommersemester 2002

Einzelveranstaltung: Sprachkritik und Satire 
am Beispiel von Karl Kraus
Fach: Sprache und Kommunikation, B1
Abgabetermin: 2. September 2002

Hausarbeit

Was wir umbringen ...
Presse- und Sprachkritik in ,,Fackel" und ,,Titanic"

Maik Philipp

Studiengang:
Angewandte Kulturwissenschaften


Fachsemester: 2

Fächerkombination:
Betriebswirtschaftslehre (HF),
Sprache und Kommunikation (HF),
Kulturinformatik (NF)

 


Stilblüten sammeln

sollte nur, wer ein Liebhaber ist. Sie auszujäten zeugt von einem schlechten Geschmack, von einem der da wünscht, daß in der Zeitung nur korrekte Phrasen wachsen. Stilblüten sind die glücklichen Ausnahmen, denen wir in der Wüste der Erkenntnis begegnen. Und ist es nicht von einer ergreifenden Symbolik, wenn einer Zeitung der Satz gelingt:
,,Sterbend wurde sie ins Spital gebracht, wo sie einem toten Kind das Leben gab."
Geschieht das nicht unser aller gemeinsamen Liebsten, der Kultur? Sterbend wurde sie in die Redaktion gebracht und gebar die Phrase. Ach, wer doch dem toten Kind das Leben gäbe! Er würde die Mutter retten.


Kraus, Karl: Die Fackel, Nr. 347/348, S. 7

 

Inhalt

Einleitung 1

1 Sagen, was ist: Fackel, Titanic und ihre Intentionen 3

1.1 Von Repressalien zur Unabhängigkeit: die Fackel 3
1.2 Aus den Ruinen der Pardon: Titanic 4
1.3 Was wir umbringen ... - Die Fackel 5
1.4 Kritik an der Dummheit, gepaart mit Humor: Titanic - Das endgültige Satiremagazin 7

2 Im Blickwinkel der Argusaugen - Die Kritik der Fackel und der Titanic an der übrigen Presse 11

2.1 Exkurs: Die Macht der (Neuen Freien) Presse in Wien um 1900 11
2.2 Halbwahrheiten - Der Kampf gegen die Desinformation 14
2.3 Merkwürdiger Pluralismus: Inhaltliche Widersprüchlichkeiten 16
2.4 Impressionen statt Informationen: Feuilleton und Feuilletonistisches 18
2.5 Hinter den Kulissen - Presse und Korruption 23

3 Beim Wort genommen - Sprachkritik in Fackel und Titanic 28

3.1 Wenn Journalisten Literaten sein möchten 29
3.2 Bewusstloses Sprechen 33
3.3 Kritik an der Basis - Grammatik und Semantik 35

Fazit 41

Literaturverzeichnis 46
Anhang 49

 

Einleitung

Frankfurt am Main, Juli 2000. ,,[...] [W]enn ich die Drecksau auf der Straße treffe, dann landet er im Krankenhaus, dieser Hundsohn!"1 Wem der anonyme Anrufer hier einen Krankenhaus-Aufenthalt in Aussicht stellt, ist der Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn. Jener hatte mit einigen Faxen den Bestechungsskandal bezüglich der Entscheidung über das Austragungsland der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahre 2006 initiiert. Der Anrufer hingegen ist ein empörter Bild-Leser; diese hat gewohnt doktrinär und emotional über den Skandal berichtet und ihre Leserschaft dazu aufgefordert, der Titanic-Redaktion die Meinung mitzuteilen.2
Wien, Mai 1899: Ein unbekannter Schreiber richtet einen Brief an Karl Kraus, den Herausgeber und verantwortlichen Redakteur der Fackel. Der Anonymus äußert darin sein Bedauern, dass Kraus bei einem Überfall ,,nicht die Knochen gebrochen wurden"3, und seinen, so Kraus, ,,frommen Wunsch, dass dies bald nachgeholt werde" (F 5, 23). Der tätliche Angriff auf Kraus war Folge des zuvor erschienenen Textes ,,Die demolirte Literatur", in dem Kraus mit diversen Wiener Autoren abgerechnet hatte.
Zwei anonyme Drohungen, die an verantwortliche Redakteure von satirischen Zeitschriften gerichtet wurden - das sind nicht die einzigen Analogien, die zwischen der Fackel und Titanic bestehen. Diese insbesondere hinsichtlich der Sprach- und Pressekritik zu zeigen ist die Intention der vorliegenden Hausarbeit. Natürlich: Sie kann es nicht leisten, 37 Jahrgänge der Fackel und 23 der Titanic vollständig miteinander zu vergleichen, sind dies doch in der Summe mehr als 45.000 Seiten Text. Daher beschränke ich die Auswahl auf einige exemplarische Texte aus den beiden Zeitschriften. Ich bin mir ferner dessen bewusst, dass etwa Vergleiche der Fackel aus den Kriegsjahren mit der heutigen Titanic daran leiden, nicht vergleichbaren Situationen zu entstammen. Doch das, was Kraus′ Fackel kritisiert hat und die Titanic heute kritisiert, weist Ähnlichkeiten auf.
Zunächst stelle ich Fackel und Titanic, die Situationen, in denen sie gegründet wurden, und ihre Programme bzw. Wirkungsabsichten kurz vor. Ausschlaggebend sind hier die jeweils ersten Ausgaben und die Titelbilder. Im Anschluss widme ich mich der in beiden Zeitschriften geübten Pressekritik, wobei ich den zentralen Begriff ,,Phrase" in verschiedenen Varianten zeigen will. Danach behandle ich die sich aus der Pressekritik ergebende Sprachkritik bzw. die Kritik am falschen Sprechen und Schreiben anhand dreier Aspekte.4 Im Fazit schließlich gehe ich kurz darauf ein, dass geübte Kritik Folgen hat, und zwar derartige, dass Satire und Satiriker forensisch und außergerichtlich verfolgt und bestraft werden. Außerdem stelle ich dar, welche Wirkungsmacht Fackel und Titanic hatten bzw. haben.

1 Sagen, was ist: Fackel, Titanic und ihre Intentionen

Bereits die Situationen, in denen die Fackel und Titanic gegründet wurden, weisen frappierende Ähnlichkeiten auf. Die Väter beider Zeitschriften wurden von Unzufriedenheit angetrieben, ein eigenes Sprachrohr zu gründen, um ihren Worten ein geeignetes Medium zu verschaffen. Und auch die Programme der Fackel und der Titanic ähneln sich.

1.1 Von Repressalien zur Unabhängigkeit: die Fackel

Karl Kraus war bereits vor dem Erscheinen seiner Fackel journalistisch tätig. Kurz nach dem Abitur schrieb er für die Wiener Literaturzeitung eine Besprechung von Gerhart Hauptmanns Drama ,,Die Weber". Es folgten zahlreiche Artikel in anderen Zeitschriften, sowohl in Österreich-Ungarn als auch in Deutschland erscheinender. Bis 1898 schrieb Kraus für 17 Zeitungen; auch in der Neuen Freien Presse, die er später ,,unerbittlich verfolgte[]"5, erschienen von 1894 bis 1898 acht Artikel von Kraus.6 1898 war er Wochenchroniqueur der Wage, einer couragierten Zeitschrift, die im ersten Jahr ihres Erscheinens oft Opfer der Zensur gewesen war. Das evozierte eine zeitschrifteninterne Zensur, die Kraus so beschrieb: ,,Als Chroniqueur der ,Wage` hatte ich allwöchentlich länger darüber nachdenken müssen, was ich schreiben dürfe, als alles das zu schreiben Zeit erfordert hätte, was ich nicht schreiben durfte" (F 5, 10). Edward Timms schätzt die Erfahrungen Kraus′ derart ein: ,,Bis Ende 1898 war Kraus [...] die verschiedenen Formen von Zensur [...] bis zum Überdruß leid."7
Hinzu kommen die gewaltigen politischen Ereignisse in den Jahren 1897/98, etwa die Ermordung der Kaiserin Elisabeth oder die Wiederaufnahme des Dreyfus-Prozesses8; Kraus befindet, es sei kein Platz mehr für ,,Plauderfeuilletonismus"9. Doch seine neuen gesellschaftskritischen An- und Einsichten, seine ,,immer kompromißloser"10 werdende Einstellung kann der 24-Jährige nicht in bestehenden Zeitungen veröffentlichen - um unabhängig berichten zu können, benötigt Kraus eine neue Zeitschrift: Die Fackel.

1.2 Aus den Ruinen der Pardon: Titanic

Ganz ähnlich erging es den Titanic-Gründern Robert Gernhardt, Peter Knorr, Clodwig Poth, Hans Traxler und Friedrich Karl Waechter. Sie alle waren, zum Teil seit der ersten Ausgabe, Mitarbeiter der im Juli 1962 erstmals erschienenen satirischen Zeitung Pardon.11 Deren enormer Erfolg - im Januar 1969 sollte sie eine Rekord-Auflage von 320.000 Exemplaren erreichen12 - hielt nicht lang an. Die Pardon-Herausgeber Hans A. Nikel13 und Erich Bärmeier nahmen massiven Einfluss auf den Inhalt der Zeitschrift. Nikel übte interne Zensur aus und Bärmeier wünschte sich eine stärkere Behandlung des Themas Sex.14 Schließlich verkam ,,die Nonsens-, Satire- und Polit-Zeitschrift Pardon zu einem kontur- und profillosen Allerweltsblättchen mit spiritistischem Flair und stetig schlechter werdendem Ruf."15 Die alten Mitarbeiter zogen sich zurück; sie hatten ihre Lektion gelernt. Für ihre neue Plattform Titanic sicherten sie sich ihre Autonomie in Form eines unantastbaren Redaktionsstatuts, ,,das uns [der Redaktion - M. P.] völlige Unabhängigkeit, sowohl inhaltlich als auch personell, garantiert"16 und damit verhindert, dass der Verleger Einfluss nimmt. Zudem besitzen die fünf Gründer der Titanic 25,1 Prozent des Titanic-Verlags, was vor ,,feindlichen Übernahmen" schützt.17

1.3 Was wir umbringen ... - Die Fackel

[...]


1 N. n. Zit. nach: o. A.: Sie sind ein ganz großes Schwein, die Titanic! Bild-Leser telefonieren mit der Redaktion. Titanic 21 (2000), H. 8, S. 16f., S. 16.

2 Vgl. ebd. und Sonneborn, Martin: Wie Titanic einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte. Protokoll einer erfolgreichen Bestechung. A. a. O., S. 12 - 15, S. 15.

3 Kraus, Karl: Die Fackel 1 (1899), Nr. 5, S. 23. - Die genannte Stelle der Fackel und aller weiteren im Text zitierten stammen aus: Kraus, Karl: Die Fackel. (Wien 1899 - 1936) Nachdruck von Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 1976. Von nun an werden Zitate aus der Fackel direkt im Text nachgewiesen und entsprechen der üblichen Zitierweise: Dem Buchstaben ,,F" folgen Ausgabe- und Seitennummer. Sperrungen im Original werden von mir gleichfalls gesperrt.

4 Dass die Presse- und Sprachkritik hier nicht umfassend und vollständig bearbeitet werden können, ist mir gleichfalls bewusst.

5 Fischer, Jens Malte: Karl Kraus. Stuttgart 1974, S. 2.

6 Vgl. ebd.

7 Timms, Edward: Karl Kraus. Satiriker der Apokalypse. Leben und Werk 1874 bis 1918. Frankfurt a. M. 1999, S. 62. - Dies bestätigt Kraus′ Aussage aus der ersten Fackel: ,,Nicht die Censur des Staatsanwalts habe ich gefürchtet, vielmehr die intimere eines Chefredacteurs [...]" (F 1, 5).

8 Vgl. a. a. O., S. 63.

9 Kraus, Karl: Frühe Schriften. Herausgegeben von J. J. Brakenburg, Band II. München 1979, S. 132. Zit. n.: a. a. O., S. 62.

10 A. a. O., S. 63. - Dies beweisen die satirischen Autorenporträts in ,,Die demolirte Literatur" (1897) und die Broschüre ,,Eine Krone für Zion" (1898), in der er Theodor Herzl kritisierte.

11 Vgl. Schmitt, Oliver Maria: Das Super-Sexy-Satire-Spritzpistolen-Schwebe-Blatt. In: Titanic 22 (2001), H. 9, S. 36 - 40, S. 36f.

12 Vgl. a. a. O., S. 40.

13 Zudem war Nikel Verleger und Chefredakteur. Vgl. Litz, Christian [2001]: Käpt′n, wir sinken.
URL: http://www.brandeins.de/magazin/archiv/2001/ausgabe_08/was_menschen_bewegt/artikel1.html (Stand: 2002-07-31)

14 Vgl. Schmitt, Das Super-..., S. 37, S. 40.

15 Ebd. - Mehr zur Geschichte von Pardon, die noch bis 1982 erschienen ist, und der Neuen Frankfurter Schule in: Schmitt, Oliver Maria: Die schärfsten Kritiker der Elche. Die Neue Frankfurter Schule in Wort und Strich und Bild. Berlin 2001.

16 Sonneborn, Martin. E-Mail vom 2. August 2002. - Die E-Mails sind im Anhang abgedruckt.

17 So wollten sowohl der Verlag Gruner + Jahr als auch Springer die Titanic kaufen, was die von den Gründern gehaltenen 25,1 % Eigentum am Verlag verhinderten. Vgl. Litz, Christian [2001]: Käpt′n, wir sinken.
URL: http://www.brandeins.de/magazin/archiv/2001/ausgabe_08/was_menschen_bewegt/artikel1.html (Stand: 2002-07-31).


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