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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1995, 22 Pages
Author: Berno Lilge
Subject: History - Early and Ancient History
Details
Tags: gewalt, kirche, christentum
Year: 1995
Pages: 22
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 20 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-10597-2
ISBN (Book): 978-3-638-85184-8
File size: 103 KB
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Abstract
Abstrakt Der vorliegende Aufsatz untersucht die Frage nach dem ursprünglichen Verhältnis der frühen Christen zur Gewalt, zum Militär und zum Kriegsdienst. Das alltägliche Leben und Denken der antiken Menschen war geprägt durch die Erfahrung von Gewalt und Krieg. Mit dem Aufstieg Roms zur Weltmacht entstand bis zum ersten Jahrhundert v. Chr. eine mystische Wertschätzung des Krieges, bis hinein in die Sprache jener Zeit. Selbst die Kirchenväter verfassten ihre Schriften unter Verwendung militärischer Terminologie, wenngleich es ihnen um den Frieden ging. Die Haltung der Christen selbst war kämpferisch, durch Kriegskausalität geprägt. Der Christ verstand sich als Soldat in einer geistigen Armee, eingeschworen auf Christus. Doch widersprach der Dienst mit der Waffe zunächst den Geboten Gottes, denen sich die Menschen mit der christlichen Taufe verpflichteten. Pazifistische Interpretationen erkannten in der Schrift eine totale Ablehnung des Kriegsdienstes und der Gewalt. So entwickelten schon Kirchenväter wie Tertullian, Origenes und Laktanz eine Lehre der positiven Gewaltlosigkeit. Hier zeigt sich der tiefgehende Konflikt, in den die neue Religion ihre Anhänger stürzte. Einerseits sollten sie den religiösen Ansprüchen gerecht zu werden und einen Sitten- und Moralkodex einhalten, der das antike Selbstverständnis verdrängte. Anderseits wurden sie von der Gesellschaft verfolgt. Dies war ein Krieg der Überzeugungen, der psychische und physische Gewalt erzeugte. Später kämpften auch die Christen mit der Waffe für das Imperium, da sie meinten, es als Teil des göttlichen Heilsplans erkannt zu haben. Obwohl die Kirchenväter der Gewalt insgesamt ablehnend gegenüberstanden, waren auch sie sich über die Notwendigkeit des Krieges im Klaren. Augustinus (354–430) lieferte schließlich die Theologie der zwei Staaten, des Gottesstaates und des irdischen Reiches. Demnach könne himmlischer Friede nur im Gottesstaat bestehen, irdischer Friede dagegen müsse durch Kriege gesichert werden. Die Lehre vom gerechten Krieg erlaubte es den Christen von nun an, sich mit der Gewalt in dieser Welt zu arrangieren und erbrachte den Kompromiss zwischen Kirche und Staat. Die ursprünglichen Ansichten über die Gewaltfrage wurden auf den kleinen Teil der monastisch lebenden Nachfolger Christi und die Priesterschaft beschränkt. Nur für den Klerus und die Ordensgeistlichkeit bleiben alle Forderungen der christlichen Ethik verbindlich. Berno Jannis Lilge
Excerpt (computer-generated)
Die Gewaltfrage in der frühen Kirche
von Berno Jannis Lilge
1.Einleitung 1
2. Der Hintergrund 4
3. Das Verhältnis Jesu zur Gewalt 7
4. Die Gewaltfrage in der frühen Kirche 11
5. Literaturliste: 16
Fußnoten 18
1.Einleitung
Wenn nur alle diejenigen, die begreifen, daß sie Menschen sind nicht wegen der Form ihres Leibes, sondern auf Grund des Vermögens ihrer Vernunft, für einen Augenblick bereit gewesen wären einzuhalten und auf Seine heilsamen und friedlichen Gesetze zu hören, (...) dann hätte sich die ganze Welt schon längst des Eisens nur noch für die häuslichen Arbeiten bedient.
(Arnobius, Adversus nationes I,6; Ca. 310 n.Chr.)
Am Ende des 20. Jahrhunderts, welches mit zwei Weltkriegen, der Erfindung von Massenvernichtungswaffen, hunderten von Bürgerkriegen, dem daraus resultierendem Leid und Tod von millionen Menschen, das wohl dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte darstellt, scheinen wir einer friedlichen Welt keinen Schritt nähergekommen zu sein. Die berühmten Worte des Propheten Jesaja, auf dem Denkmal vor dem Gebäude der UNO in New York ins Metall gehauen, bleiben Zukunftsvision.(1) Der Weg der Gewalt ist gezeichnet mit unübersehbaren Meilensteinen. Auschwitz und Hiroschima fordern uns heraus. Besonders, weil sich an diesen Orten die Ergebnisse einer inzwischen rund 2000 Jahre alten Gewaltgeschichte verdichten, welche als Geschichte der Christlichen Kultur des Abendlandes bekannt ist und mit dem Martertod des Namensstifters am Kreuz begann.
Diese Geschichte stellt dem Historiker Rätsel. Um nicht vor der Fülle der Ereignisse und Fakten zu resignieren, zu verstummen oder zum Nihilisten zu werden, sollte man sich immer wieder grundsätzliche Fragen stellen. Diese sind bekanntlich die schwierigsten. Jeder Historiker ist ein Kind seiner Zeit, gefangen in seiner Biographie. Seine Schriften werden bestenfalls finanziert, gekauft, gelesen und kritisiert. Es ergeben sich Bedingungszusammenhänge, welche ihm meist selbst nicht bewußt sind. Dieselben Quellen werden von unterschiedlichen Geschichtsschreibern zu verschiedenen Zeiten so zitiert, daß die Ergebnisse sich möglicherweise sogar diametral unterscheiden. Besonders die Rezeptionsgeschichte der christlichen Quellen, welche sich zu dem Thema Gewalt verwenden lassen, ist ein Beispiel dafür.
Die beiden gegenüberliegenden Positionen bei der Lösung von zwischenmenschlichen Konflikten sind dabei einerseits die absolute Gewaltfreiheit, andererseits die Legitimation der Gewalt, die zu einer Theologie des gerechten Krieges führte.(2) Bis zum heutigen Tag gibt es zu diesem Thema keinen Konsens. Die pazifistische Version wird totgeschwiegen, belächelt oder bekämpft. Geistige Vordenker und Aktivisten dieser Richtung sterben selten eines natürlichen Todes. Jeder Mensch entwickelt im Laufe des Lebens seine persönliche Haltung zur Gewaltfrage. Jeweils zu Quartalsbeginn stellt sich diese Frage tausenden jungen Männern entscheidend bei der Einberufung zum Wehrdienst. Letztlich ist jeder von ihnen selbst vor seinem Gewissen verantwortlich. Die wenigsten allerdings machen in strenger Nachfolge Jesu mit den Lehrsätzen von der Nächsten- bis hin zur Feindesliebe ernst. Es scheint, als handele es sich hier um die schwierigsten ethisch-religiöse Forderung überhaupt. 1949 wurde die Glaubens- und Gewissensfreiheit aufgrund der bitteren Erfahrungen des zweiten Weltkrieges zu einem zentralen Grundrecht erklärt und durch das Grundgesetz garantiert.(3)
Das Wundern darüber, daß aus dem was am See Genezareth als Botschaft eines Wanderpredigers begann, innerhalb weniger Jahrhunderte eine mächtige Weltreligion wurde, führt immer wieder in die Anfangszeit zurück. Die Frage nach dem ursprünglichen Verhältnis der frühen Christen zur Gewalt, zum Militär und Kriegsdienst wird deswegen nach wie vor gestellt. Bei der Beantwortung dieser Frage ergeben sich für den Historiker aufgrund der großen zeitlichen Distanz zu den Menschen der Spätantike und deren Welt jedoch einige Probleme. Die Suche in den Quellen mit der Methode der kritischen Textinterpretation hat sich bei der Behebung dieser Probleme als hilfreich erwiesen, weil dadurch Mechanismen der Mythenbildung, der Verfälschung und Umdeutung aufgedeckt werden können. Zum historischen Kern der Ereignisse wird man dennoch nur bedingt vorstoßen. Lediglich Schalen und Hüllen, hinter denen sich jener verbirgt, kommen zum Vorschein.
Ziel dieses Aufsatzes ist es, in groben Zügen das Verhältnis der frühen Christen zur Gewalt zu beleuchten. Wobei immer die Gefahr besteht, nach unserem heutigen Verständnis eine Frage in die Vergangenheit zu projizieren, welche dort noch keine Begrifflichkeit hat. Es wird davon ausgegangen, daß ein vergleichbarer Begriff der `Gewalt′ vorhanden ist, im Sinne von bewußtem Zufügen von körperlichen Schmerzen (Auslöschen der physischen Existenz), von Leid und Unglück durch einen potentiell überlegenen Täter gegenüber einem schwächeren Opfer, verbunden mit einem Überschreiten der allgemein verbindlichen Normen und Sitten innerhalb einer Gesellschaft (auf personeller wie auch auf struktureller Ebene). Dabei stehen die Aussagen Jesu, wie sie uns durch die Evangelisten überliefert sind, naturgemäß am Anfang der Untersuchung.
Bei der Interpretation der Quellen des Neuen Testaments ergeben sich vielfältige Übersetzungsprobleme. Die anfangs mündliche Überlieferung ist gefiltert, durch spätere Interessen der Autoren redaktionell bearbeitet. Jesus selbst hat wahrscheinlich einen in Galiläa üblichen aramäischen Dialekt gesprochen. Seine geistige Heimat waren die Schriften der Thora. Er war Jude. Die Evangelien wurden erst sehr viel später, nach seinem Tod, auf griechisch niedergeschrieben. Schon diese Übersetzung in die Sprache der Philosophen, der Wissenschaft und des Polytheismus macht diese Quellen zu Überresten einer beispielhaften Kultursynthese.(4)
[...]
Fußnoten
1 Jesaja 2.4 "Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen."
2 Pazifistische Positionen müssen nicht religiös motiviert sein, sondern können auch aus dem ideologischen Hintergrund des Humanismus stammen, das Ziel ist hier eine wirkliche Weltverbesserung, eine friedliche Welt. Christlich religiöse Vertreter der Gewaltfreiheit handeln (auch) aus individuell heilsorientierten Motiven. Nur durch radikales Befolgen der Gebote Gottes, kann das Seelenheil gerettet werden. Nach der Entstehung eines "Heiligen Römischen Reichs" konnte jeder Krieg im Namen Gottes als ein gerechter Krieg geführt werden. Die Interpretationen gingen soweit, daß schon die Teilnahme an einem solchen Krieg heiligend wirkte (Kreuzzüge).
3 Artikel 4, Absatz 3. Grundgesetz: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz."
4 Zur ausführlichen Quellenkritik der synoptischen Evangelien siehe: Bultmann, R.: Die Geschichte der synoptischen Tradition. Bezeichnend dafür ist die Übersetzung des jüdischen Messiastitels in "Christos" (der Gesalbte), Zunamen wie "Kyrios" (Gottessohn) kamen hinzu.
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