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Hauptseminararbeit, 1994, 31 Seiten
Autor: Claudia Zundel
Fach: Theaterwissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Theaterwissenschaft)
Tags: Dekadenz, Tod, Leben, Ästhetik
Jahr: 1994
Seiten: 31
Note: 1-
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-16407-8
ISBN (Buch): 978-3-638-64126-5
Dateigröße: 216 KB
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Zusammenfassung / Abstract
In dem 1892 verfassten Essay „Die Legende einer Wiener Woche“ schreibt der achtzehnjährige Hugo von Hofmannsthal: „Denn dazu, glaube ich, sind Künstler: dass alle Dinge, die durch ihre Seele hindurchgehen, einen Sinn und eine Seele empfangen ... . Und manche Wolken, schwere goldengeballte, haben ihre Seele von Poussin, und manche rosig-runde, von Rubens, und andere, prometheische, blauschwarze, düstere, von Böcklin.“ Es lässt sich kaum übersehen, in welchem Zeitalter diese Zeilen geschrieben wurden; Die Beanspruchung Kunst sei der Natur weit überlegen, und darüber hinaus sei Natur ausschließlich auf die Wahrnehmungs- und Deutungsmuster eines Künstlers angewiesen, lassen sich eindeutig in den Symbolismus bzw. Ästhetizismus oder Decadence der Jahrhundertwende einordnen. Noch im selben Jahr eröffnet der junge Hofmannsthal seinen Aufsatz „Südfranzösische Eindrücke“ mit folgenden Worten: „... der unabsichtlichen Anmut, die das Leben hat. Denn die Bilder des Leben folgen ohne inneren Zusammenhang aufeinander und ermängeln gänzlich der effektvollen Komposition.“ Beispiele dieser Art finden sich viele im Werke Hofmannsthals, die von seiner ambivalenten Haltung gegenüber dem Symbolismus zeugen. Ebenso widersprüchlich war und ist die Rezeption des künstlerischen Schaffens Hofmannsthals. Besonders repräsentativ hierfür scheint die Figur des Claudio, in dem 1894 erschienenen lyrischen Drama „Der Tor und der Tod“ zu sein, das sein populärstes Frühwerk wurde. Die einen sehen in Claudio den in sich ruhenden Ästheten par excellence, der keine Wandlung durchmacht; andere wiederum meinen, Claudios selbstverschuldete Krankheit des Ästhetizismus werde durch den Prozess, den der Tod ihm mache, am Ende überwunden bzw. geheilt. Anhand der nun folgenden Analyse des Dramas „Der Tor und der Tod“ soll dargelegt werden, inwieweit sich gerade hier Hofmannsthals Ambivalenz gegenüber dem Symbolismus manifestiert.
Textauszug (computergeneriert)
Freie Universität Berlin WS 1993/94
Institut für Theaterwissenschaft
Fachbereich Kommunikationswissenschaften
HS 27 450: „Symbolismus und Stilbühne“
CLAUDIO - LEBEN EINES TOTEN
Analyse des Dramas „Der Tor und der Tod“
Von Hugo von Hofmannsthal
Vorgelegt von:
Claudia Zundel
GLIEDERUNG
1. Einleitung S. 1
2. Claudios Eingangsmonolog S. 2
3. Wandlung durch Musik S. 6
4. Im Angesicht des Todes S. 7
5. Tanz der Toten S. 13
6. Der Tod - sein Leben S. 18
7. Epilog S. 23
8. Beginn einer Wandlung des Ästheten S. 24
9. Hofmannsthals Ästhetizismusbegriff S. 25
In dem 1892 verfassten Essay „Die Legende einer Wiener Woche“ schreibt der achtzehnjährige Hugo von Hofmannsthal:
„Denn dazu, glaube ich, sind Künstler: dass alle Dinge,
die durch ihre Seele hindurchgehen, einen Sinn und
eine Seele empfangen ... . Und manche Wolken, schwere
goldengeballte, haben ihre Seele von Poussin, und manche
rosig-runde, von Rubens, und andere, prometheische,
blauschwarze, düstere, von Böcklin.“1)
Es lässt sich kaum übersehen, in welchem Zeitalter diese Zeilen geschrieben wurden; Die Beanspruchung Kunst sei der Natur weit überlegen, und darüber hinaus sei Natur ausschließlich auf die Wahrnehmungs- und Deutungsmuster eines Künstlers angewiesen, lassen sich eindeutig in den Symbolismus bzw. Ästhetizismus oder Decadence ²) der Jahrhundertwende einordnen.
Noch im selben Jahr eröffnet der junge Hofmannsthal seinen Aufsatz „Südfranzösische Eindrücke“ mit folgenden Worten:
„... der unabsichtlichen Anmut, die das Leben hat. Denn
die Bilder des Leben folgen ohne inneren Zusammenhang
aufeinander und ermängeln gänzlich der effektvollen
Komposition.“³)
Beispiele dieser Art finden sich viele im Werke Hofmannsthals, die von seiner ambivalenten Haltung gegenüber dem Symbolismus zeugen. Ebenso widersprüchlich war und ist die Rezeption des künstlerischen Schaffens Hofmannsthals. Besonders repräsentativ hierfür scheint die Figur des Claudio, in dem 1894 erschienenen lyrischen Drama „Der Tor und der Tod“ zu sein, das sein populärstes Frühwerk wurde. Die einen sehen in Claudio den in sich ruhenden Ästheten par excellence, der keine Wandlung durchmacht; andere wiederum meinen, Claudios selbstverschuldete Krankheit des Ästhetizismus werde durch den Prozess, den der Tod ihm mache, am Ende überwunden bzw. geheilt. Anhand der nun folgenden Analyse des Dramas „Der Tor und der Tod“ soll dargelegt werden, inwieweit sich gerade hier Hofmannsthals Ambivalenz gegenüber dem Symbolismus manifestiert.
Gleich zu Beginn des kleinen Dramas präsentiert sich Claudio als einer, der aus dem Leben in eine Welt von Künstlichkeit geflüchtet ist. Noch bevor er sich äußert zeugt die Gestaltung seines Studierzimmers auf visueller Ebene von Claudios Vorliebe, sich mit Gegenständen zu umgeben – Hinterlassenschaften früherer Generationen, vergangene Zeiten kündend - , die ein treffliches Ambiente für Träumereien und Phantasievorstellungen bieten. Allein steht Claudio am Fenster und blickt hinaus auf das Bild der abendlichen Landschaft; einem Gemälde gleich, umrahmt vom Fenster, beschreibt er, was er dort draußen sieht:
„So malen Meister aus den frühen Tagen
die Wolken, welche die Madonna tragen.“(5 f.)
Für Claudio besitzt die natürliche Abendlandschaft keinen Eigenwert, sondern ihre Schönheit wird erst im Vergleich mit etwas Artifiziellen, als Nachahmung, Bestätigung seines künstlerischen Vorentwurfs genießbar. „Die Wolken sind so zum Alabasterwolkenkranz gemacht, und Wolken vergleichbar, wie Raffael sie gemalt hat, oder sie haben wenn sie ’goldengeballt’ sind, ihre Seele von Poussin, andere ’rosig-runde’, von Rubens und die blauschwarzen von Böcklin ...“ 4). Hier betrachtet ein Ästhetizist die Welt: Die ihn umfangende Stimmung rückt er in eine befremdende Distanz, die ihn nicht beglückt erleben, sondern unbefriedigt mit ästhetischen Vor-Bildern vergleichen lässt. So wechselt Stimmung in Reflexion und Anschauung in Vorstellung. Doch wie die Abendlandschaft transponiert er auch alle menschlichen Tätigkeiten – Arbeit ebenso wie emotionale Beziehungen – in ein Verhältnis ästhetischer Distanz. Wenn Claudio die gute „Mattigkeit der Glieder“ (14) der Arbeitenden im Kontrast zu seiner eigenen Müdigkeit preist, unter erfreulichen Bedingungen „die wilden Bienen sind / Um sie und Gottes helle, heiße Luft“ (17 f.) ihr Werk verrichten sieht, so verdichtet sich das Nicht-Erfahrene, die vermeintliche naturnahe Welterfahrung, die den Körper herausfordernde, und in der Auseinandersetzung mit ihr ermüdende Tätigkeit, für ihn zu einem Bild der Idylle. Die Hirten auf den fernen Bergen und die Schiffe, die fernhin über „wunderschwere Flut“ (31) gleiten, sind ihm nahegerückt, weil er sie gleichfalls ästhetisiert, sie ihrer Negativität, die jedem Dinge innewohnt, entkleidet und somit ein realitätsfernes Bild der Mythologie entwirft.
[...]
1) Hofmannsthal, Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Prosa I, S.84
2) a.a.O., S.86
3) Auf eine eindeutige Begriffsbestimmung soll hier verzichtet werden. Dazu schrieb Hermann Bahr : Man hat manchen Namen. Die einen nennen es Decadence, als ob es die letzte Flucht der Wünsche aus einer sterbenden Kultur und das Gefühl des Todes wäre. Die anderen nennen es ’Symbolismus’“. (Hermann Bahr, „Symbolisten“ in: Theorie des literarischen Jugendstils, S.134 f.)
4) Kobel, „Hugo von Hofmannsthal“, S.27
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