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Scholary Paper (Seminar), 2000, 38 Pages
Author: Antje - Kornelia Wegerich
Subject: Orientalism / Sinology - Japanology
Details
Institution/College: University of Leipzig
Tags: Stück, Izutsu, Vergleich, Tragödie, Iphigenie, Tauris, Seminar, Psychologie, Theaters
Year: 2000
Pages: 38
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-96588-0
File size: 407 KB
Es handelt sich um den Versuch, das japanische Nô- Theaterstück "Izutsu" - auf der Basis eines Vergleiches mit dem griechischen Drama "Iphigenie auf Tauris"- zu interpretieren.
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Fulltext (computer-generated)
Universität Leipzig
Fakultät für Kunst- und Orientwissenschaften
Ostasiatisches Institut
Seminar: "Psychologie des Nô - Theaters"
Dr. Toshiaki Kobayashi
Sommersemester 2000
Das japanische Nô- Stück "Izutsu"
im Vergleich mit
der griechischen Tragödie
"Iphigenie auf Tauris"
untersucht von: Antje Wegerich
Magister : 1. Japanologie
2. Kommunikations- und Medienwissenschaften
4. Studiensemester/ 4. Fachsemester
Abgabedatum: 09.10.2000
Inhaltsverzeichnis
2
1 Einleitung 2
2 Formaler Vergleich der beiden Theaterformen 5
2.1 Bühnenaufbau 5
2.2 Schauspieler, Chor und Bühnenhelfer 7
2.3 Kostüme und Masken 8
2.4 Theaterrequisiten 10
3 Inhaltlicher Vergleich der beiden Theaterformen 13
3.1 Funktion des Chores 13
3.2 Sprachstil und Rhythmus 14
3.3 Aufbau der Stücke 16
3.4 Bearbeitete Stoffe, Grundlagen und Quellen 18
3.4.1 Bedeutung von Symbolen 20
4 Vergleich der Theaterstücke Izutsu und Iphigenie auf Tauris 21
4.1 formaler Vergleich 21
4.2 inhaltlicher Vergleich 23
5 Interpretation von "Izutsu" 26
6 Abschlussbemerkung und Ausblick 32
7 Literaturliste 33
8 Anhang 36
8.1 Bildnachweis 36
1 Einleitung
"Innerhalb der Weltgeschichte des Theaters nimmt das Noh- Spiel, die klassische Form
3
des japanischen Dramas, einen nicht geringeren Rang ein als die griechische Tragödie."
Weber- Schäfer1
Dies ist im ersten Moment eine These, der man ohne näheres Erläutern, nicht so leicht
zustimmen kann. Es stellt sich die Frage, was wird hier verglichen? Auf welcher Basis
kann so ein Vergleich überhaupt stattfinden und basiert die Bedeutung eines Theaters
vielleicht nur auf dem Stellenwert für die eigene Kulturgeschichte2?
Möchte man diese beiden Formen des Theaters vergleichen, hat man wahrscheinlich so
einen komplexes Gebiet zu untersuchen, das es für eine Doktorarbeit reichen würde.3
Man sollte ebenso gut auf den Hintergrund der Entstehung schauen und damit auch die
für die Stücke in der Entwicklung tradierten Stoffe betrachten. Die Rezipienten und ihr
Umfeld zu untersuchen oder die eigentliche Aufführungsart und -praxis zu vergleichen
ist ebenso wichtig. Zuletzt muss man die Sprache, als wichtigstes Mittel des Theaters,
mit in die Beantwortung bzw. den Vergleich einbeziehen, denn Dramen gibt es zwar in
einer geschriebenen Fassung, aber eigentlich sind sie für die Bühne und somit das
Sprechen gedacht.
Dies ließe sich noch beliebig erweitern, aber ich möchte mich auf einige
Themenkomplexe beschränken.
Mein Anliegen ist im Grunde ein Interpretationsversuch des Nô - Stückes "Izutsu".
Dazu werde ich im Vorfeld einen Vergleich des japanischen Nô - Theaters und der
griechischen Tragödie, allgemein, und in den beiden Theaterstücke "Izutsu" und
"Iphigenie auf Tauris", speziell, ausarbeiten. Am Ende entsteht so eine Basis für ein
nähere Interpretation von "Izutsu" für den europäischen Leser.
Im zweiten Teil werde ich die rein formalen Aspekte der beiden Theaterformen
untersuchen und im dritten Abschnitt bemühe ich mich die inhaltlichen Unterschiede
und Gemeinsamkeiten der Theater aufzuzeigen. Natürlich können im folgenden vierten
Punkt diese weiterhin manifestiert oder dementiert werden.
Ich habe diese beiden Stücke gewählt, weil der Hauptdarsteller jeweils eine Frau ist, die
in einen inneren Konflikt geraten ist und diesen zu lösen versucht. In beiden Stücken
spielt weiterhin die Theophanie, das Erscheinen des Überweltlichen in der Welt eine
wichtige Rolle, wenn dies auch nicht immer mit der gleichen Intention und Bedeutung
1 aus Weber- Schäfer, Peter; Seite 2
2 und also im weiteren Sinne auch für die Weltgeschichte
3 Basil Hall - Chamberlain legte zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Ursprung für einen solchen
Vergleich./ siehe auch Lee, Sang Kyong: "Nô und europäisches Theater"; Frankfurt am Main 1983; Peter
Lang Verlag
4
geschieht. Der wichtigste Punkt ist allerdings, ich habe beide Stücke gesehen, was ja
eigentlich Sinn und Zweck eines Dramas ist. Ich habe von beiden Stücken also einen
akustischen und bildlichen Eindruck bekommen.
Wichtig ist noch anzumerken, dass das Nô - Theater für mich in der heutigen Fassung
ausschlaggebend war und dass die griechische Tragödie sich auf die Tragödie des
Euripides bezieht. Dies begründe ich damit, dass für mich beide den jeweiligen
Höhepunkt der Entwicklung in ihren Kulturen darstellen. Euripides (485/4 bis 406 v.
Chr.) gilt als der letzte große griechische Tragödiendichter nach Sophokles 4 und
Aischylos5
.
Ihm sagt man nach er sei der letzte Dichter der sich mit der Frage der
Menschen nach sich selbst im Theater beschäftigt habe. Danach erhält die Philosophie
diesen Stellenwert und das griechische Theater wird vom römischen abgelöst.
Nachdem Zeami Motokiyo 6 (1363- 1443) das Lebenswerk seines Vaters Kanami
Kiyotsugu7 (1333- 1384) vollendet hat, entstehen noch viele weitere Stilisierungen des
Nô- Theaters und es wird in eine strenge, mit Regeln durchsetzte Form gedrängt. Die
große philosophische Frage, aber - ähnlich der griechischen Tragödie - nämlich die
Frage nach dem Sinn des Lebens, wird im japanischen Theater bewahrt. In Japan finden
wir das Nô- Theater heute noch in dieser Form, weil es bemerkenswerter Weise unter
Nationalschutz gestellt wurde, während das griechische Theater für uns kaum noch
nachvollziehbar ist.
Zur Umwandlung der japanischen Vokabeln richte ich mich nach dem Hepburn- System,
das heißt o- und u- Längungen werden mit einem Strich über dem Vokal versehen, zu
und dsu werden mit z und das gedehnte e wird mit ei wiedergegeben.
Die japanischen Namen belasse ich in ihrer originalen Form, was heißt: zuerst den
Familien- und dann den Vornamen.
Alle japanischen Vokabeln schreibe ich mit dem Anfangsbuchstaben groß und Rest
klein. Eine Ausnahme bilden wiederum die Namen.
4 lebte von 497/6 bis 406/5
5 525/4- 465/4 vor Christus
6 in Kanji:
7 in Kanji
5
2 Formaler Vergleich der beiden Theaterformen
"Vergiß das Theater und sieh auf das Nô.
Vergiß das Nô und sieh auf den Schauspieler.
Vergiß den Schauspieler und sieh auf das Herz.
Vergiß das Herz, und du wirst Nô verstehen."
Seami8
Das auf dem Minimalismus basierende Nô- Theater erweckt beim Zuschauer den
Eindruck einer schlichten und stillen Ästhetik, die aber gleichzeitig das ganze
Universum erfassen kann und nur im Zusammenhang mit Text und Hintergrund eine
Tradierung erfährt. Alles ist auf das Einfachste reduziert. Nichts ist und darf zuviel sein,
was auch in dem obigen Gedicht sehr schön ausgedrückt wird. Auf sogenannte
"Showeffekte" wurde konsequent verzichtet, während diese in der griechischen
Tragödie teilweise mit besonderer Aufmerksamkeit ausgestaltet wurden. Man betrachte
hier nur die verwendeten Theaterrequisiten, um den Unterschied festzustellen, und dies
spiegelt sich natürlich auch im weiteren formalen Aufbau wieder.
2.1 Bühnenaufbau
Die japanische Bühne besteht im ganzen Holz, was ihr einen frischen, lebendigen und
natürlichen Charakter gibt. In der Entstehungszeit der griechischen Bühne war diese
ebenfalls aus Holz gestaltet. Später zeigt sie sich schon sehr viel statischer und
gewichtiger, denn ihr Grundelement wird Stein.
Während die japanische Bühne eine regelmäßige Form von einem Quadrat mit etwa
fünfeinhalb Metern Seitenlänge und einer Höhe von nicht ganz neunzig Zentimeter
bildet, sind die griechischen Bühnen ihrer natürlichen Umgebung angepaßt9 . Das
Theater besteht zur Zeit des Euripides noch aus einem Kreis, Orchestra genannt, der auf
der, den Zuschauern entgegengesetzten, Seite eine Rückenwand besitzt.
Bei beiden Bühnenformen gibt es einen Nebenschauplatz. Im Nô ist sie zu ebener Erde
angegliedert und wird als "Hashigakari"10 bezeichnet. Während die Nebenbühne im
griechischen Theater etwas erhöht hinter der Hauptbühne zu finden ist, die sogenannte
Skene. Beide Nebenbühnen haben sehr unterschiedliche Funktionen innerhalb der
Aufführung, wobei ich der Meinung bin, dass die japanische Nebenbühne für das Stück
wichtiger und von größerer Bedeutung ist, als die Griechische, da sie teilweise rein zum
8 zitiert aus: Weber- Schäfer, P.; Nachwort, Seite 207
9 Erst in der römischen Zeit entwickeln sich freistehende Theater.
10 In Kanji:
6
Nebenschauplatz umfunktioniert wird.
Die Umkleide- und Aufbewahrungsräume befinden sich im euripideischen Theater
hinter der Skene und von dort erfolgte auch meist der Auftritt der Schauspieler auf die
Hauptbühne. Im japanischen Nô- Theaterbau ist das letzte An- und Umkleidezimmer
für die Schauspieler der Kagaminoma 11 (Spiegelraum) und von dort treten die
Schauspieler auf die Hashigakari hinaus, die somit eine erste bedeutende
Funktion12 übernimmt, nämlich den Eröffnungsauftritt der Schauspieler.
Die Hashigakari ist durch einen fünffarbigen Vorhang, der mit zwei Bambusstangen
angehoben wird, vom Kagaminoma getrennt. Wahrscheinlich hat im griechischen
Theater diese Funktion ein schwerer Vorhang erfüllt, der dann mit Seilen geöffnet
wurde.
Die japanische Bühne wird von einem Giebeldach überschattet, das an die Shintô -
Schreine13 und Paläste in Japan erinnert und von vier Pfeilern an den Ecken der
Hauptbühne getragen wird. Über der griechischen Orchestra befindet sich nur der blaue
Himmel.
Auf die griechische Bühne kann man von einem ansteigendem Halbkreis aus
Sitzbänken sehr gut sehen, während bei der japanischen Bühne die Zuschauer tiefer
sitzen als der Bühnenboden und ihre Sicht aus verschiedenen Winkeln auf die Bühne
sogar unmöglich ist. Der Besucher ist durch einen weißen Kieselstreifen von der Bühne
getrennt, die auf drei Seiten in den Zuschauerraum hinein springt.
Allein durch diesen rein äußerlichen Aufbau der japanischen Bühne, die wahrscheinlich
ursprünglich von Wasser umgeben war und wirklich nur über eine Brücke (jetzt die
Hashigakari) zu erreichen war, wird schon eine Stilisierung ursprünglich vorhandener
Gegenstände deutlich. Die griechische Bühne hingegen entwickelte sich aus den
landschaftlichen Gegebenheiten der griechischen Inseln, nämlich ansteigenden sanften
Bergen, und dem Verhalten der Menschen sich im Halbkreis um einen interessanten
Gegenstand zu gruppieren, damit jeder etwas sah.
Die Frage bleibt offen, warum die Japaner nicht auch ihre Berghänge als natürliche
Sitzmöglichkeiten genutzt haben und/ oder warum die Griechen ihre Bühnen nicht auch
ins Wasser stellten und über Brücken zugänglich machten, da beide landschaftlich
ähnliche Voraussetzungen haben.
Beiden Theatern gemeinsam ist die besondere Schallausnutzung. Während im
japanischen Theater zur Verstärkung der Geräusche und gesprochenen sowie
11 in Kanji:
12 weitere Funktionen sind: Momente der Begegnungen/ Erkundigungen/ bloßes Zurücklegen einer
langen Wegstrecke und Ausschauhalten nach einem Dämon
13 die Tempel der urspünglichen japanischen Religion
7
gesungenen Sequenzen Tonkrüge im Boden unter der Bühne plaziert wurden, war das
Theater in Griechenland durch seinen aufsteigenden Kegel bereits bestens dafür
geeignet alle Geräusche problemlos weiterzugeben.
2.2 Schauspieler, Chor und Bühnenhelfer
Hier ähneln sich das Nô - Theater und die griechische Tragödie rein formal sehr.
In beiden Theatern durften z. B. nur Männer schauspielerische und helfende Rollen
übernehmen. Auch die Anzahl der Schauspieler und des Chores sind sich ähnlich.
Im japanischen Nô- Theater spielten meist ein Shite 14 (Hauptrolle), ein Waki 15
(Gegenspieler) und kein, ein oder mehrere Tsure16 (Nebenspieler) das Stück vor. Im
Schnitt also zwei bis drei Schauspieler. In den Stücken des Euripides ist in der Regel
von drei bis vier Schauspielern auszugehen.
Zu den japanischen Rollen ist noch anzumerken, dass auch sogenannte Kokata17,
Kinderrollen, vergeben wurden, die eben Kinder, Tiere oder den Kaiser darstellten und
weiterhin ist bemerkenswert, dass die verschiedenen Rollentypen in den
Schauspielerfamilien weitervererbt werden.
Die besondere Anerkennung eines Schauspielers wurde zur Zeit des Zeami z. B.
dadurch zum Ausdruck gebracht, dass vor der Aufführung ein besonders wertvolles
Gewand übergeben wurde.
In Griechenland wurden die besonders guten Schauspieler auf Vasenbildern und
teilweise in Fresken abgebildet und so geehrt.
Der Schreiber des Stückes studierte in Griechenland zwar mit dem Chor die Liedstücke
ein, aber sein eigenes Auftreten auf der Bühne ist nicht denkbar gewesen, während
Zeami in seinen Stücken durchaus Rollen übernommen hat.
Etwa ab dem 3. Jahrhundert vor Christus durften in Griechenland auch die Frauen am
Theater teilnehmen und die Frauenrollen ausgestalten, während in Japan auch heute
noch keine Frauen in den Reihen der Schauspieler zu finden sind.
Begleitet werden die Darsteller von einem Chor. Im japanischen Theater setzt sich
dieser aus 8 bis 12 Sängern zusammen und der griechische Chor besteht seit Sophokles
aus 12 bis 15 Sängern.
Ein weiterer formaler Unterschied zum griechischen Theater besteht in der Sichtbarkeit
der Bühnenhelfer. Sie sitzen zu zweit im hinteren Teil der Hauptbühne und helfen
Gegenstände auf der Bühne zu beseitigen oder ein Umziehen des Hauptdarstellers auf
14 in Kanji:
15 in Kanji:
16 in Kanji:
17 japanisch:
8
der Bühne zu ermöglichen, während solche Funktionen im griechischen Theater
teilweise nicht auftraten (z.B. Umziehen auf der Bühne) oder durch spezielle
Vorrichtungen erledigt wurde18.
Neben den Bühnenhelfern findet man auf der japanischen Bühne auch noch die
Instrumentalbegleitung. Sie haben eine festgelegte Sitzreihenfolge entsprechend den
Instrumenten. Vom Zuschauerraum aus sitzen im Hintergrund der Hauptbühne von
rechts nach links betrachtet eine Flöte, eine kleine Sanduhrtrommel, eine große
Sanduhrtrommel und in manchen Stücken eine flache Rührtrommel. Im griechischen
Theater ist bekannt, dass der Chor in der Orchestra auftrat und alle Schauspieler und die
Choreuten von der Aulos19 begleitet wurden. Der Standort des Instrumentalisten ist
nicht genau herausgefunden.
2.3 Kostüme und Masken
Das japanische Nô- Theater sowie das griechische Theater gehören zu den Gattungen
der Maskenspiele. Dies bedeutet allerdings noch nicht, dass die Maske zum unbedingt
anwesendem Spielmittel wird.
Einige Stücke kommen ganz ohne Masken aus (z.B.: "Ataka") und bestimmte Shite-
Rollen agieren ohne Maske und mit dem unbeweglichen, beherrschten Gesicht ihrer
Darsteller ( z.B.: "Sagi"). In der Regel ist aber der Hauptdarsteller maskiert und alle
übrigen, Gegenspieler, Bühnenhelfer und Chor sind unmaskiert. Die manchmal den
Shite begleitenden Tsure können eine Maskierung haben.
Seit der Muromachi- und Edo- Zeit haben die Masken losgelöst von fremden Einflüssen
ihre typische japanische Form der Leere und Ausdruckslosigkeit erhalten. Dies
ermöglicht den Schauspielern alles in die Maske hineinzulegen. Es gibt spezielle
Rollenmasken (z.B. Ikkaku Sennin), kultisch geprägte Ausdrucksmasken (Götter,
Dämonen) und allgemeine Ausdrucksmasken (z.B. Frau im mittleren Alter). Die Nô-
Masken können erst mit dem Kostüm und einer guten schauspielerischen Leistung im
Zusammenhang zum Leben erwachen. Sie sind ursprünglich aus Korea, Indonesien und
China eingeführt wurden. Ob hier vielleicht entfernte Kontakte zu griechischen Masken
über Indien und die eurasischen Länder durch die Seidenstraße bestanden, ist nicht
nachgewiesen, aber durchaus denkbar20.
Zu den Masken werden Perücken getragen. Sie sind bei Menschenrollen schwarz
gefärbt. Frauenperücken haben langes Haar, dass mit einem kunstvollen Brokatband
18 siehe Kapitel Theaterrequisiten 2.4
19 ein griechisches Musikinstrument, ähnlich der Schalmei
20 siehe z. B. ein Erklärungsversuch bei Hisaki Hashi im V. Kapitel der Nô - Masken
9
gehalten wird und deren lange Enden bis zum Boden fallen. Männerperücken sind kurz
und haben ein einfaches weißes und kurzes Band über der Perücke zum befestigen.
Bei der Charakterisierung von Untieren, Drachen und Dämonen sind die Perücken rot
und weiß gefärbt und haben einen wilden und zotteligen, manchmal sogar die Maske
verdeckenden, Stil. Während die Menschenmasken nicht das ganze Gesicht bedecken,
sind die Masken der Dämonen meist überproportional groß.
Die Gewänder sind je nach Stellung der vorgetragenen Rolle in Muster, Farbe, Stoff
und Stil verschieden. Erst seit der Momoyama- Generation wird hier wert auf
prunkvolle und typisierende Kostüme gelegt, vorher trug man schlichte und
zurückhaltende Gewänder.
Weitere wichtige Ausstattungsstücke, die zum Nô- Kostüm gehören, sind der Fächer
und vereinzelt grüne oder bunte Baum- oder Blütenzweige. Die männlichen Rollen
führen teilweise auch Schwerter und andere traditionelle Waffen mit sich.
Die griechischen Gewänder gehen auf die ursprünglich als dämonische Bockswesen
verkleideten Mitglieder eines Chores zurück. Diese gehörten in das Umfeld des
Dionysos, der als sehr wandelbarer und launischer Gott der Natur dargestellt wurde. In
seiner Tracht sind Schuhe enthalten, die als Kothurn bezeichnet werden. Diese und die
Maske als Zeichen der Erscheinung (Epiphanie) eines erdhaften und außermenschlichen
Wesens sind von den Schauspielern übernommen wurden.
Ein typisches Symbol der alten Festspiele zu Ehren der Götter ist auch die Bemalung
mit roter Farbe, Weinhefe und/ oder Ruß. Später haben sich daraus Leinenmasken
entwickelt, die mit Gips und Kleister gefestigt, geweißt und dann bemalt wurden. Die
Masken wurden vorrangig genutzt, um sich zu vermummen und den Gott darstellen zu
können bzw. sich in ihn zu verwandeln. Ein Schauspieler hatte durch den Gebrauch der
Maske später die Möglichkeit mehrere Rollen zu übernehmen, oder überhaupt Frauen-
und Kinder- sowie Männerrollen in verschiedenen Altersstufen darzustellen. Die
Behauptung, dass durch die trichterartige Mundöffnung der Masken die Stimme
verstärkt wurde oder das durch die starke Übertreibung der Gesichtszüge auch für die
letzten Zuschauerreihen diese sichtbar wurden, wurde von verschiedenen Autoren als
nicht haltbar zurückgewiesen21. Außer den Schauspielern trugen auch die Statisten und
Choreuten Masken.
Noch zur Zeit des Euripides wurden für jedes Theaterstück neue Masken angefertigt.
Verschiedene feststehende Typen, wie im japanischen Theater, die immer
"einsatzbereit" waren, entwickelten sich erst in späterer Zeit. Das konkrete Aussehen ist
nicht bekannt, da keine Masken überliefert wurden, ob der vergänglichen Materialien.
21 siehe: z. B. Burmeister, E. und Lesky, A.
10
Die Masken sind ab und zu auf Vasenbildern und Tonscherben abgebildet. Die wenigen
bekannten Exemplare sind mit einem starken und teilweise auch sehr realistischem
Gefühlsausdruck versehen22. .
2.4 Theaterrequisiten
Ganz ohne Bühnendekoration kommt auch die strenge und einfache japanische Bühne
nicht aus. Die grundlegende japanische Bühnendekoration besteht aus dem Bild einer
alten und heiligen Kiefer23, die auf die Rückwand der Bühne, das sogenannte Kagami
ita24 (Spiegelbrett), gemalt ist, einem Ikebanagesteck und drei kleinen Kiefern, die vor
der Hashigakari aufgepflanzt sind.
Direkt auf der Bühne werden Tsukuri mono 25 , als - so wörtlich übersetzt -
Gebrauchsgegenstände verwendet. Darunter versteht man zum Beispiel ein Holzgestell
zur Darstellung eines Räderkarrens, einer Sänfte, Schiffe, Höhlen und so weiter.
Obwohl diese nur symbolischen oder andeutenden Charakter besitzen, sind sie dennoch
meist in Originalgröße aufgebaut. In einigen Stücken werden sie kaum in die Handlung
einbezogen. Manchmal werden die Tsukuri mono zusätzlich auf ein Podest gestellt, um
beispielsweise die Stellung der Person stärker hervorzuheben (Kaiser) oder um
bestimmte Tanzstücke
und somit auch eine gesonderte Dynamik zu ermöglichen.
Es gibt noch eine Unterteilung in Erscheinungs- und Verwandlungs- Tsukuri mono, die
jeweils dem Hauptdarsteller, dann zum Erscheinen oder Verwandeln, was meint:
Umkleiden mit Hilfe der Bühnenhelfer zum Geist der vorher gespielten Person oder
ähnliches, dienen. Ihr Einsatz ist allerdings selten.
In einigen Stücken werden die Tsukuri mono zu einer Art persönlicher Kulisse erhoben,
wie z. B. im Drittspiel "Yugao", dann bilden sie ein "erweitertes Kostüm".
Weiterhin werden dem Schauspieler bereits Requisiten mitgegeben26 und ihm auch wie
22 Zum griechischen Theater hätten sehr ruhige Masken nicht so gut gepaßt, da ihre Darstellung sehr viel
lebhafter und nicht so stilisiert war.
23 Die Föhre ist hier nicht wie in der griechischen Theophanie Sitz des Gottes, sondern selbst der Gott.
24 in japanischen Kanji:
25 in japanischen Kanji:
26 Siehe Kapitel 2.3 am Ende: Wobei der Fächer wirklich mit als eines der wichtigsten angesehen werden
kann und muss. Mit ihm kann unter anderem ein Schwert, eine Schöpfkelle oder ein Brief dargestellt
werden, was seine vielseitige Verwendbarkeit aufzeigt und ihn dadurch gerade für den Minimalismus im
Nô - Theater prädestiniert.
11
z. B. der Kopfputz (Kaburi mono27) als Symbole in das Kostüm eingearbeitet. Zudem
werden auch Kodôgu28, Stöcke oder Stäbe, als weitere Requisiten verwendet. Sie
können Symbole für Raserei29, für Verrücktheit30, Göttlichkeit31 und für romantisch-
mystische Bedeutungen32 sein. Oft sind die Stäbe oder Zweige mit weißem Papier
umwickelt, an deren Enden bunte Blüten oder Sträuße, wie z. B. Pflaume und Pfirsich
beim Hinamatsuri, stecken.
Sämtliche, nicht dem Schauspieler anvertraute, Gegenstände werden von den
Bühnenhelfern unverhüllt auf der Bühne plaziert. Bereits beim Hereintragen verhüllte
Gegenstände behalten ihren verhüllenden Charakter auch meist auf der Bühne.
Über die Requisiten des griechischen Theaters lassen sich nicht so viele sichere und
nachweisbare Dinge berichten. Sie wurden allerdings auch nur dann eingebaut, wenn sie
einen unmittelbaren Nutzen für die Handlung erbrachten. Der Weg zu naturalistischer
Darstellung und sogenannten Showeffekten kam erst gegen Ende des 4. Jahrhunderts in
den Theatern auf. Die Bühnendekoration bestand seit der Einführung der
Skenographie33 aus der bemalten Vorderseite der Skene. Außerdem ist bei einigen
Dichtern ein Einbeziehen des Umlandes denkbar. Bei Totenszenen auf der Bühne, was
schon sehr selten der Fall gewesen sein dürfte - meist werden diese durch
Berichterstatter mitgeteilt -, stürzte sich der Sterbende wahrscheinlich rechts oder links
der Orchestra in das Gebüsch.
Mit Sicherheit kann man allerdings sagen, dass große Maschinen, zur Verschiebung der
Bühne etwa, und kleinere Gegenstände benutzt wurden. Die kleineren Gegenstände
ließen sich bestimmt noch einmal in alltägliche Gebrauchsgegenstände und religiöse
Objekte unterscheiden.
Eines, der nach Meinung mehrerer Wissenschaftler, wichtigsten religiösen Objekte,
dürfte ein Altar gewesen sein. Allein aus dem Grunde der Entstehung durch den
Dionysoskult und der starken Beeinflussung des täglichen Lebens durch die Götter in
Griechenland, kann man einen solchen erahnen. Spuren für einen feststehenden Altar,
etwa in der Mitte der Orchestra, wurden bis jetzt noch nicht gefunden, aber da in vielen
27 in japanischen Kanji:
28 in japanischen Kanji:
29 hammerförmiger Schlagstock
30 ein über der Schulter getragener Sasa- Zweig, manchmal mit eingeflochtenem Efeu oder durch ein
Bambus- Stab verlängert
31 z. B. Kirsche
32 z. B. Ackermohn
33 durch Sophokles
12
Stücken eine Verwendung34 eines solchen naheliegt, dürfte er, vielleicht aus Holz und
leicht beweglich, immer dabeigewesen sein. Ein weiteres stark religiös gefärbtes
Element, ist das Grab. An Altar und Grab wurden wahrscheinlich Opferhandlungen
durchgeführt und sie waren Anrufungs- und Zufluchtsort für Schutzsuchende. Zu den
alltäglichen Gegenständen auf der Bühne gehören Haushaltsgegenstände, Waffen und
Einrichtungsgegenstände. Ihr Einsatz wurde allerdings auf das Notwendigste
beschränkt.
Die bekannten Theatermaschinen sind das Ekkyklema, eine Rollmaschine, und die
Machina, ein Bühnenkran. Bei ihnen handelt es sich um größere Anlagen, die in das
Theater integriert waren.
Das Ekkyklema, welches die verborgenen Szenen, z. B. in einem Palast, sichtbar
machen sollte, wurde entweder durch die Drehbewegung einer Wand oder auf Rollen
durch das Hervorschieben aus dem Hintergrund in Bewegung gesetzt. Spuren für solche
Anlagen finden sich in mehreren Theatern. Manchmal war das ganze Skenengebäude
beweglich.
Die zweite große Maschine war der Bühnenkran. Er beförderte z. B. den "Deus ex
machina" vom Dach der Skene in die Orchestra oder ließ Schauspieler mit
schwebenden Wagen vorüberziehen35.
Bei Burmeister, Enno wird auch noch eine Blitzmaschine, Keraunoskopion, erwähnt.
Natürlich kam so ein sehr fantastischer Effekt in die Bühnengestaltung des griechischen
Theaters ...
34 Euripides bedient sich des Altars als Zufluchtmotiv, z. B. in Andromache oder Herakles
35 in der Medeia des Euripides z. B.
13
3 Inhaltliche Vergleiche der beiden Theaterformen
Beide Theaterformen werden als Dramen bezeichnet.
Die Tragödie ging aus dem Trag- odia, dem Bocksgesang, eines Chores hervor.
Das Nô - Theater36 hat sich aus verschiedenen Theaterformen entwickelt und sein
Name bedeutet Fähigkeit, Geschick oder Talent
Während die Tragödie mehr und mehr die Individualität aus der Gruppe herauslöst, den
Unterschied zwischen Gott und dem Menschen erkennt und die Grenze zwischen beiden
immer neu zieht, wird im japanischen Theater das vollkommene Zurücktreten des
Individuums hinter den zu spielenden Charakteren durch immer neue und strengere
Regeln bestimmt. Im Grunde dürfte, wenn die japanischen Schauspieler auf die Nô-
Bühne treten
durch die starren Regeln kein Unterschied zu sehen sein37. Dieses
Idealbild wird angestrebt.
3.1 Funktion des Chores
Nach den formalen Vergleichen, Anzahl der Schauspieler, Stellung in der Gesellschaft,
Bühnenhelfer, Instrumentalisten, usw., möchte ich jetzt noch genauer auf die Funktion
des Chores eingehen und seine inhaltlichen Aspekte ein wenig erläutern.
Der größte Unterschied im Chor besteht in seiner Aufgaben und Funktion innerhalb der
36 in japanischen Kanji: nô gaku
37 Was natürlich allein durch den Menschen, der spielt und diese Regeln interpretieren muss, immer
etwas Unterschiedliches sein wird.
14
Stücke. Im griechischen Theater war der Chor ursprünglich "einziger Darsteller". Erst
nach und nach kamen die Schauspieler dazu38 und verdrängten die Bedeutung des
Chores zusehends, der bald nur noch eine moralisierende Funktion innehatte und
schmückendes Beiwerk war39. Der Chor des Nô - Theaters hingegen kann verschiedene
Rollen übernehmen, zum Beispiel den Gesang des Shite, während dieser, meist im
letzten Teil des Stückes, einen Tanz aufführt. Er kann ebenso eine eigene Rolle, weitere
Personen, oder objektive Einwürfe und Erläuterungen zum Geschehen bringen. Damit
legt er uns die Gedankengänge und die Psyche von Shite und Waki dar, die uns sonst
verborgen geblieben wären. Hierin liegt die eigentliche Handlung im Nô - Theater,
nämlich die Lösung eines innerpsychischen Problems des Shite.
Am Einsatz des griechischen Chores trennte man früher wahrscheinlich auch die Akte
und er hatte eine nicht zu vergessende Bedeutung als Tanzchor und somit eindeutig
lyrischen Charakter. Der japanische Chor hingegen ist mehr zur Epik hin orientiert.
Während des Zwischenspieles tritt er in manchen Stücken mit dem Ai- kyôgen40 oder
dem Waki in einen Wechselgesang.
Dies ist im groben Überblick erst einmal ein großer Unterschied, aber hier muss man
auch die Wirkung ein wenig beachten, die das Theater auf die Zuschauer haben sollte.
Von der griechischen Tragödie wissen wir durch das Stück "Die Frösche" von
Aristophanes, die Schule der Sophisten und z. B. auch Gorgias, das eine moralisierende
und belehrende Wirkung beabsichtigt war, die vom Chor übernommen wurde.
3.2 Sprachstil und Rhythmus
Die sprachlichen Gegebenheiten lassen die wenigsten Gemeinsamkeiten erwarten. Aus
ihren unterschiedlichen kulturellen Entstehungen heraus, ergeben sich natürlich jeweils
eigene Stilmittel, Reime und natürlich Sprachmelodien und Rhythmus. Trotzdem
wechseln sich sowohl im griechischen als auch im japanischen Theater Bericht/
Monolog und Dialog ab. Diese werden in rezitativischem Vortrag oder arioser Melodik
bei den Hauptdarstellern ausgestaltet.
Die rhythmisierte Prosa41 und die lyrischen Textstellen42 im japanischen Theater gehen
38 Eingeführt wurde der erste Schauspieler durch Thespis, der dem Chor einen einzelnen Sprecher
gegenüberstellte, so dass ein Frage- Antwort Spiel entstand. Den zweiten Schauspieler führte Aischylos
ein, so dass Rede und Gegenrede sich in einem lebendigem Dialog entfalten konnten. Der dritte
Schauspieler wurde von Sophokles hinzugestellt.
39 bei Euripides: periphere Rolle, oft kaum mehr in Bezug Aktion der Schauspieler
40 japanisch:
41 japanisch: kotoba
15
oft unmerklich durch einen komplizierten Rhythmus ineinander über. Die Prosa des Nô
findet ihre Grundlage in der strengen Hofsprache des 14. Jahrhunderts, was ein Grund
für die Unverständlichkeit bei den heutigen Japanern sein kann. Die Lyrik hat ihre
Quelle in der japanischen Poetik. Dazu könnte man als Beispiele die Stilmittel Makura -
kotoba43 und Kake - kotoba44 nennen. Makura - kotoba ist ein feststehendes Beiwort,
das auch den Hauptbegriff in vorangegangenen Textpassagen ersetzen kann. Der
Begriff Kake - kotoba bezeichnet, so von Weber- Schäfer übersetzt, Türangelworte, die
in mehr als einem Sinn 45 verstanden werden können und uns so viele
Bedeutungsmöglichkeiten eröffnen46. In Japan sind außerdem die Alliteration47 und
Vokalassonanz48 bekannt.
Das griechische Chorlied erhielt etwa um 600 vor Christus seine endgültig Form. Es
wird als "Dithyrambos" bezeichnet, was soviel wie dionysisch gestimmter Chorgesang
bedeutet. Die Darstellungsweise, die Musik, der Rhythmus und somit auch die
Betonungen der Schauspieler und Sänger im griechischen Theater sind allerdings
unwiederbringlich verloren gegangen. Die erworbenen Kenntnisse konnten zum
Beispiel nur noch über den Sprachstil und Rhythmus aus den handschriftlichen Texten
herausgelesen werden. So ist bekannt, dass Dialoge im Maß des jambischen Trimeters
rezitiert wurden. Der Tragödienspieler sprach dabei mit erhobener Stimme in einem
feierlichen und getragenem Deklamationsstil49.
Die Textpartien mit einer lyrischen Metrik wurden gesungen. Dies geschah z. B. im
Kommos, der rituellen Totenklage, im Wechsel mit dem Chor und in Sologesängen,
was besonders zum Ende des 5 Jahrhunderts gefördert wurde50.
Beim Einzug des Chores in die Orchestra verwendete Aischylos sogenannte
Marschanapäste, die vom Chorführer vorgetragen wurden.
Egal ob trochäischer Tetrameter51, jambische Trimeter52 oder anapästische Dimeter53,
42 japanisch: utai
43 japanisch: Makura
bedeutet Kopfkissen
44 japanisch: Kake
bedeutet Türangel/ aufhängen
45 Im Deutschen bezeichnet als Homonyme.
46 Das ist eine besonders häufig auftretende Art der jap. Sprache, da sie aus zählbaren Silben besteht und
diese in gleicher Zusammensetzung mehrere Bedeutungen haben müssen. Die Unterscheidung wird dann
in den Schriftzeichen sichtbar. z. B. Hana: Blume
,
; Nase
47 gleiche Anlaute betonter Stammsilben bei aufeinanderfolgenden Wörtern; z. B. mit Kind und Kegel
48 Vokale der letzten betonten Silben decken sich, z. B. laben und klagen
49 siehe bei Apuleius: "comoedu sermocinatur, tragoedus vociferatur."
50 Siehe unter anderem auch von Euripides
51 Betonung: _ u = betont - unbetont
16
alle wurden musikalisch begleitet. Dies wurde in der Antike mit den Begriff der
Parabase bezeichnet und meint ein Sprechen, dass neben einer musikalischen Linie
herlief. Auf welche Weise die Abstimmung der Tonhöhen von Sprecher und
Instrument54 erfolgte, ist allerdings unklar.
3.3 Aufbau der Stücke
Wie bereits erwähnt, gibt es im japanischen Theater verschiedene Kategorien, in die ein
Stück eingeteilt werden kann. Es gibt fünf verschiedene Gruppen55. Unabhängig von
dieser Einteilung liegt aber allen Stücken, theoretisch wie praktisch, ein einziges
universelles und einheitliches System zugrunde. Es heißt Jo, Ha, Kyû.
Jo bezeichnet einen Einsatz, eine Einführung und/ oder einen Anfang. Das japanische
Zeichen
hat die Bedeutung von: vor oder Anfang. Es soll frei und schlicht gestaltet
sein.
Mit Ha, dessen japanisches Zeichen
auch brechen und explodieren bedeutet, wird
eine Entwicklung und Entfaltung angesprochen. Sämtliche dazugehörende Aspekte
sollen zärtlich und fein durchgeführt werden.
Das letzte Zeichen Kyû
hat die ursprüngliche Bedeutung von schnell und/ oder
steil. Es bezeichnet den Schluss oder die Lösung. Die Intention für den japanischen
Künstler soll "trocken" sein.
Neben den Bewegungsabläufen, die diesem Muster folgen56, ist auch das ganze Stück
auf diese Art und Weise in verschiedene Akte unterteilt.
Im Jo findet die Auftrittstexposition des Waki statt.
Das Ha unterteilt sich noch einmal in drei Teile. Im ersten Teil tritt der Shite auf. Im
zweiten und dritten Teil findet die Konfrontation mit dem Gegenspieler statt. Danach
kann ein sogenanntes Nakairi, abgehen des Hauptdarstellers zum Umkleiden, erfolgen.
Solche Pausen wurden früher mit einem Zwischenspiel ausgefüllt, welche vom
Ai - kyôgen, dem Zwischenspieler, und dem Chor gezeigt wurden. Dieses
Zwischenspiel entfällt heute auch häufig. Früher hatte es noch einen den
Spielhintergrund erläuternden Charakter.
52 Betonung: u _ = unbetont - betont
53 Betonung: u u _ = unbetont - unbetont - betont
54 Ein häufig erwähntes Instrument heißt Aulos. Es ist ein Blasinstrument, ähnlich der Schalmei, das als
Doppel- Aulos stets paarig gespielt und vielfältig verwendet wurde.
55 Nähere Erläuterungen dazu im Kapitel 3.4 "bearbeitete Stoffe, Grundlagen und Quellen" der
Theaterstücke im griechischen und japanischen Theater
56 siehe Bild Nr. 10
17
Nach dem Machi - uta57 betritt der Shite im Kyû erneut, aber in gewandelter Gestalt die
Bühne und führt das begonnene Gespräch mit Waki und Chor (sashi genannt) fort.
Danach folgt ein Tanz, der in zwei verschiedenen Formen, dem Mai58 oder dem
Hataraki 59 , ausgeführt werden kann. Der Mai hat monologisch, expressive
Bewegungsabläufe und - gebärden, während der Hataraki eine angedeutete gestische
Auseinandersetzung mit dem Gegenspieler, was nicht unbedingt mit dem Waki
gleichzusetzen ist, zeigt.
Der Kiri oder Abschluss kann durch den Chor in einem Gesang, ein Gespräch zwischen
den Spieler, Rongi genannt, oder einem letzten Lied des Shite, ein Age - uta, ausgeführt
werden. Die beiden zuletztgenannten Varianten sind möglich, werden aber selten
eingesetzt.
Dieser Aufbau des Nô setzt sich auch an Festtagen in der Aufführungsreihenfolge fort.
Beim Festspiel gibt es meist eine Fünferfolge, die sich aus einem Stück der Erstspiele
(Jo), einem Zwischenstück (Kyôgen), einem Ha - Stück, das aus den Zweit- bis
Viertspielen besteht, einem weiteren Kyôgen und einem Fünftspiel oder Kyû
zusammensetzt.
Die traditionelle Dreiereinteilung, in Jo, Ha und Kyû, kann also auch hier bis zur
Fünferfolge aufgebrochen werden.
Im griechischen Theater begegnen uns sehr ähnliche Strukturen. Hier liegt dem ganzen
aber kein so festes und universelles System zugrunde. Bei Wettkämpfen der Griechen
musste jeder Dichter drei Tragödien und ein Satyrspiel einreichen.
Die Stücke waren meist durch den Chorgesang in drei bis fünf Akte unterteilt. Die
Einführung erfolgte über einen sogenannten Tragödienprolog. Das sind Monologe, die
von den Hauptpersonen gesprochen wurden.
Danach begann der Einzug des Chores, Parodos genannt, in die Orchestra, wo sie ihren
Platz einnahmen. Erst jetzt beginnt die Handlung sich zu entwickeln. In der Epeisodia,
dem nun folgenden Mittelteil untermalt der Chor die kommenden Ereignisse und treibt
die Geschichte voran. Die Chorlieder unterbrechen immer wieder den Dialog der
Schauspieler und kommentieren so auch die Handlung (Stasima).
Nach dem Höhepunkt der dramatischen Kurve erfolgt der Ausmarsch des Chores,
Exodos, und beendet das Stück.
Stilistische Besonderheiten im griechischen Theater gibt es viele. Wichtige Vertreter
sind die Rhesis, die Stychomythie und z. B. der Kommos.
57 Wartegesang, japanisch:
58 japanisch:
59 japanisch:
18
Die Rhesis, im Deutschen bezeichnet als Botenbericht, erzählt Szenen, die auf der
Bühne nicht gezeigt werden konnten oder durften und so im Verborgenem blieben oder
hinter der Bühne, im Skenengebäude60, durchgeführt wurden. Bei Euripides werden
diese Botenberichte als epische Meisterleistungen besonders hervorgehoben.
Das zweite erwähnte Stilmittel ist die Stychomythie. Sie wurde besonders zur Zeit der
Sophisten gefördert und erfordert gute rhetorische Fertigkeiten der Schauspieler61. Es
handelt sich dabei um einen raschen Wechsel der Sprecher im Dialog, wobei mit jeder
Zeile die Spannung gesteigert wird.
Der Kommos ist ein weiteres wichtiges Element der griechischen Tragödie. Dieses
Klagelied zwischen Chor und Einzelpersonen hat wahrscheinlich einen älteren
Ursprung als das Theater selbst. Nur der antwortende Einzeldarsteller gehört zur
Erfindung des Theaters.
3.4 Bearbeitete Stoffe, Grundlagen und Quellen
So unterschiedlich und weit voneinander entfernt die Kulturkreise sind, das Nutzen der
Quellen und Stoffe weist viele Gemeinsamkeiten auf. In erster Linie wird auf bereits
vorhandene Mythen-, Sagen- und Geschichtssammlungen zurückgegriffen. An zweiter
Stelle fließen dann meist religiöse Vorstellungen ein.
Zunächst wurden in Griechenland die Leidensschicksale der Götter dargestellt. Später
berichtete man über große menschliche Taten und Tote (Heroen), die als Heldensang
bezeichnet wurden. Als Quellentexte wurden die Ilias, die Odyssé, die Epen des Homer
und Werke des Hesiod herausgestellt, wobei noch viele andere Werke, die uns heute
zum Teil nicht mehr erhalten sind dazugehören werden.
Die griechische Götterwelt ist von vielen Seiten beeinflusst wurden und dadurch sehr
vielschichtig und undurchsichtig62. Es bildeten sich weiterhin Kulte zu bestimmten
Einzelgottheiten, die dann je nach der Mode auch wieder vergessen oder verändert
wurden. Einige wichtige griechische Götter sind zum Beispiel Zeus, Dyonisos, Athene
und Artemis.
Zur Zeit des Euripides entstand die philosophische Strömung der Sophistik. Sie hatte
60 z. B. die Tötung der Kinder bei "Medea": nur die Schreie der Kinder sollen zu hören gewesen sein
61 bei einigen älteren Griechen, z. B. Aristophanes, finden sich Hinweise darauf, was eine gute Stimme
ausmachte
62 Später erhalten sie zudem noch römische Namen.
19
einen bedeutenden Einfluss auf die Tragödie. Sie setzt den Mensch in den Mittelpunkt
und führt weg von dem Glauben an die Götter. In den Werken des Euripides zeigt sich
das teilweise in der Einführung der Tyche (=Schicksal) in seinen Werken. Diese spielt
den Göttern mehr und mehr einen Streich in ihren Plänen. In den Stücken wird der
tragische Moment meist im Held selbst dargestellt. Am Ende bleibt trotzdem der Gott63
das konfliktlösende Moment. Manchmal scheinen die Stücke so nur zur Erklärung eines
Ortsnamens64 oder dem Namen eines Gottes geschrieben zu sein.
Im japanischen Nô werden ebenso an Ortsnamen geknüpfte Legenden, Götter und
historische Ereignisse sowie auch Zeilen/ Zitate aus älteren Gedichten zur Grundlage
genommen. Der Konflikt findet, ebenso wie im griechischen Theater des Euripides, in
einer Person statt und soll deren innerpsychische Entwicklung darstellen. Zugunsten
dieser Darstellung wird auf jede weitere Handlung verzichtet65, was im griechischen
Theater anders ist, denn hier werden die Familie, Freunde und ganze Völker in eine sich
entwickelnde Handlung miteinbezogen.
Die Stücke werden zudem in fünf unterschiedliche Gruppen eingeteilt, die bereits den
Stoff der Darstellung und seine Grundlagen erkennen lassen.
In den Erstspielen, die als Götternô66 bezeichnet werden, und in den Fünftspielen, den
Dämonennô67, wird die Götterwelt der frühjapanischen Mythologie, der Shintôismus68,
die beiden Werke Kojiki 69 und Nihongi 70 , der vielgestaltige Pantheon des
Buddhismus71 sowie zahlreiche Gestalten der chinesischen Mythologie und Geschichte
verarbeitet. Sie bilden den Auftakt und das Ende bei größeren festlichen Aufführungen.
Innerhalb der religiös geprägten Nô - Spiele, entstanden auch christliche Nô - Stücke.
Geschichtliche Ereignisse, wie z. B. Blüte und Niedergang der Familien Minamoto72
und Taira73, dargestellt im Gempei seisui ki74 oder dem Heike monogatari75, werden in
63 siehe auch "Deus ex machina"
64 Hiermit sind heilige Orte als Sitze der Götter gemeint.
65 siehe ebenso Hisaki Hashi; Seite 48
66 japanisch: wakinômono
oder shin
67 japanisch: kirinômono
oder ki
68 in japanischen Kanji:
69 in japanischen Kanji:
70 in japanischen Kanji:
71 in japanischen Kanji:
72 in japanischen Kanji:
73 in japanischen Kanji:
74 in japanischen Kanji:
20
den Zweitspielen oder Helden-/ Kriegernô 76 dargestellt. Eine wichtige Quelle ist
außerdem die Chronik von 1318 bis 1368, genannt Taiheiki77.
Die Novellen und Romane sowie die Lyrik 78 der japanischen Literatur sind die
Grundlage für die Dritt- und Viertspiele, die mit Frauen-79 und Wahnsinnigennô80
bezeichnet werden. Herausragende Werke dabei sind: das Ise monogatari81, in dem die
Liebesabenteuer von Ariwara Narihira82 beschrieben werden, das Yamato monogatari83
und das Genji monogatari84, der Hofdame Murasaki Shikibu85.
3.4.1 Bedeutung von Symbolen
Nach C. G. Jung haben die Menschen nicht nur eine gemeinsame Entwicklung im
Bereich des Körperlichen durchlaufen, sondern in ähnlicher Art und Weise seien, mit
den Urinstinkten vergleichbare, Prägungen auf der psychologischen Ebene entstanden.
Er spricht deshalb von gleichen symbolartig verhafteten Vorstellungen oder Motiven86,
die er bei primitiven Völkern genauso wie bei den modernen Menschen zu finden
glaubt.
Jung kannte bereits den Zen- Buddhismus, als einen Vertreter der asiatischen Kultur,
war selbst Europäer und hat verschiedentlich von Erlebnissen mit afrikanischen
Kulturen berichtet, denen er bei Forschungsreisen begegnete. Durch seine untersuchten
Märchen, sind uns einige dieser Archetypen bekannt. Jung bezeichnet sie auch als
kollektives Unterbewusstsein.
Das weitere (Er)Finden kollektiver Symbole und Motive könnte durchaus auch über
Theaterstücke erfolgen. Beachten muss man allerdings, dass nicht um jeden Preis
75 bezieht sich nur auf die Familie Taira;
76 japanisch: shuramono
oder nan
77 in japanischen Kanji:
78 Verwendung von ganzen Gedichten, Zeilen oder Zitaten
79 japanisch: kazuramono
oder nyo
80 japanisch: zatsunômono
oder kyo
81 in japanischen Kanji:
82 in japanischen Kanji:
83 in japanischen Kanji:
84 in japanischen Kanji:
85 in japanischen Kanji:
86 Jung bezeichnet sie als Archetypen.
21
bekannte und der eigenen Kultur angehörende Motive auf fremde Kulturen übertragen
werden87.
4 Vergleich der Theaterstücke Izutsu und Iphigenie bei den Taurern
Das japanische Theater ist für den europäischen Kulturkreis, meines Erachtens, schwer
zu verstehen. Hier bot sich ein Vergleich mit dem griechischen Theater an, da einige
formale und inhaltliche Übereinstimmungen zu finden sind, die ich jetzt im Vergleich
der beiden Stücke "Izutsu" und "Iphigenie" festigen möchte.
4.1 formaler Vergleich
Im formalen Vergleich gehe ich auf die im Teil 2 behandelten Aspekte ein und stelle die
Dinge lediglich einander gegenüber. Dies ist eine Grundlage für den weiteren
inhaltlichen Vergleich und dient auch dazu einige Sachen besser zu verstehen.
Bühnenaufbau und Requisiten
87 Sofern diese Motive und Beweggründe für Handlungen nicht schon seit alters her von anderen Völkern
übernommen wurden.
22
Das Stück "Izutsu" spielt an einem ruhigen Ort, dem Tempel und Grab des Ariwara
Narihira. Zu sehen ist ein Brunnen, der auf der Bühne mittels eines Holzgestelles mit
Schilfpflanzen88 dargestellt wird.
Der Schauplatz der Handlung in der Iphigenie besteht aus einem freien Platz vor dem
Tempel89 der Artemis an der taurischen Küste. Ein Opferaltar ist errichtet, an dem man
Blutspuren sieht.
Schauspieler
Die Personen im Nô - Stück "Izutsu" stellen sich aus dem Chor, einem Wandermönch90
und dem Shite, der Geist der Tochter des Aritsune zusammen. Dieser Geist tritt im
ersten Teil als junges Dorfmädchen auf und wandelt sich im zweiten Teil zu einem
Geist. Gespielt wird dieses Stück von zwei Personen und den acht Chormitgliedern. Der
eigentliche Held, nämlich Ariwara Narihira (825- 880), betritt die Bühne nicht.
In "Iphigenie bei den Taurern" sind mehrere Personen in die Handlung verflochten.
Hier gibt es die Iphigenie, ihren Bruder Orestes, seinen treuen Freund Pylades, den
König der Tauren Thoas, einen Hirten, einen Boten und die Göttin Athene sowie
Tempeldiener und den Chor. Bei Euripides können drei bis vier Schauspieler alle Rollen
übernehmen, da sie sich meist nur in Dialogen gegenüberstehen und nie alle zur
gleichen Zeit zu sehen sind. Der Chor besteht aus 15 Männern, die gefangene
griechische Jungfrauen verkörpern sollen.
Masken und Kostüme
In "Izutsu" trägt der Shite die Maske einer jungen Frau. Diese behält er während der
gesamten Vorstellung auf. Im Theaterstück findet nicht wie üblich ein Austausch der
Maske statt, sondern das tragen einer militärischen Zeremonialkappe und ein Ändern
der Gewänder, das hier den Geist des Ariwara Narihira in der Symbolfarbe Lila und
dem für ihn typischen Muster, "Narihiras Lozenge" genannt, zeigt. Die übrigen
Mitspieler, Waki und Chor, sind unmaskiert. Der Shite trägt einen prunkvollen Kimono
und der Waki erscheint in Mönchsgewändern.
In "Iphigenie" tragen alle, Schauspieler und Chor, die griechischen Leinenmasken.
Diese behalten sie während des ganzen Spieles auf91. Die alltäglichen griechischen
88 In Weber- Schäfer als Riedgras in Zobel als Susuki - Gras bezeichnet, von der Bedeutung beider
allerdings mit Schilf umschreibbar.
89 Diese Tempelansicht wurde wahrscheinlich auf die Vorderseite der Skene gemalt.
90 in diesem Stück der Waki
91 In einigen Stücken wurde ein veränderter Gesichtsausdruck durch eine doppelte Maske gezeigt. Der
Schauspieler stand dann während er beispielsweise lachte mit der lachenden Seite zum Publikum und
wenn er weinte, drehte er sich um.
23
Gewänder und speziellen Theaterkothurne92 waren die Kostüme der Darsteller.
4.2 inhaltlicher Vergleich
Hier werde ich die bereits allgemein verglichenen Unterpunkte anhand der beiden
Stücke untersuchen. Wo es sich anbot, habe ich die Unterpunkte zusammengefasst.
Einordnung
Izutsu ist bei den Drittspielen, also den Frauennô, einzuordnen.
Iphigenie gehört zu den Stücken des Euripides, die ein Wiederfinden bzw. Erkennen
verlorengeglaubter Personen zum Thema haben.
Quellen
Einen starken religiösen Einfluss im Stück hat der Buddhismus, spezieller der Amida
Buddhismus mit seiner Vorstellung eines Paradieses, das im Westen liegt.
Die literarische Quelle des Izutsu - Stückes ist das Ise monogatari93 und daraus werden
Gedichte als immer wiederkehrendes Motiv rezitiert.
Diese Gedichte aus der Übersetzung von Weber- Schäfer, P. lauten:
"Am Rand des Brunnens,
Am Brunnenrand verglichen wir
Einst unsere Größe.
Ich bin viel größer geworden,
Seit ich dich nicht mehr sah."94
"Mein langes Haar,
Das wir verglichen, hängt jetzt
Lose um die Schultern.
Für wen, wenn nicht für dich,
92 Die Darstellung eines nackten Orestes und Pylades auf der Scherbe im Anhang (Bild 6) entspricht
wahrscheinlich nicht den Tatsachen.
93 Genauer dir zweiundzwanzigste Episode der Novellensammlung.
94 Das ist das erste Gedicht, dass der junge Ariwara an die Tochter des Aritsune schrieb.
24
Sollte ich es hochstecken?"95
"Sturmwind weht,
Weiß erheben sich die Wogen.
Über dem Drachenfeldberg
Zieht um Mitternacht
Alleine mein Geliebter."96
Die Iphigenie ist ein teilweise erfundenes Stück. Sie geht auf die griechische Mythen-
und Sagenwelt um Agamemnon97 und eine dem Dichter bekannte Erzählung über einen
Tempel an der Küste der Halbinsel Krim, bei dem Menschenopfer stattfinden, zurück.
Der ausgedachte Moment liegt in der Verbindung der beiden durch den Charakter der
Iphigenie, die Euripides als von Artemis gerettet an die Küste der Krim entführt. Dort
hat sie das Priesteramt in jenem Tempel inne. Die griechische Artemis entspricht der
römischen Göttin Diana. Sie ist ein Symbol für die Jagd und den Animus in der Frau.
Eine weitere Gottheit ist Athene, die mit ähnlichen "herrischen" Eigenschaften
verbunden wird.
Funktion des Chores
Der Chor übernimmt im Nô - Stück die Rolle und somit die Antwort des Mädchens auf
die Fragen des Mönches, genauso wie die Rolle des Mönches, der noch mehr erfahren
möchte. Er schiebt sich also in den Vordergrund, um psychische Zustände aufzuzeigen.
Der Text während des Mai- Tanzes wird nicht vollständig vom Chor übernommen, hat
aber eine entlastende Funktion.
Der griechische Chor ist schon in seiner Stellung zu den Schauspielern anders gesetzt,
weil er selbst eine Rolle verkörpert, nämlich die gefangenen griechischen Jungfrauen.
Er schmückt so die Szenen aus und bringt öfters die Gefühlsseite stärker zum
Vorschein98. In seinen häufigen Kommentaren ist die moralisierende Wirkung, wie sie
95 Die Antwort des Mädchens auf das obere Gedicht.
96 Sie haben geheiratet und er betrügt sie mit einer anderen Frau. Sie sagt nichts dazu und erst, wenn er
hinaus zieht, geht sie vor die Tür und spricht dieses Gedicht.
Alle Gedichte zitiert aus: Weber- Schäfer, P.; Seite 84 und 85
97 Was hier bedeutet der Feldzug nach Troja.
98 z. B. Reclam, Seite 30: Der Chor zu Pylades: "Weh, schreckliche Heimfahrt! Weh, weh!" und zu Orest
25
in der Literatur beschrieben wird, allerdings kaum zu finden.
Aufbau und Inhalt
Im Stück "Izutsu" beginnt, streng nach dem klassischen Schema Jo, Ha und Kyû, der
Mönch seine Vorstellung. Danach im Ha 1 tritt der Shite als junges Mädchen auf und
erklärt sich nur ein wenig. Nun spitzt sich die Situation immer weiter zu, die in einer
Wechselrede von Mädchen und Mönch bis in den Ha 3 Teil reicht. Kurz vor dem Ende
des Ha 3 ist die Spannung auf dem höchsten Punkt angelangt und löst sich mit den
Worten des Mädchens: "Ich bin in Wahrheit jene Liebende, ..."99 etwas auf. Hier gibt
sie zu, dass sie der Geist der mittlerweile verstorbenen Tochter des Aritsune ist. Danach
tritt sie ab und die Verwandlung bzw. Umkleidung erfolgt, während der Mönch einen
Wartegesang anstimmt. Im Kyû Teil erfolgt die Handlung im Traum des Mönches, was
man als Mugen - nô100 bezeichnet. Das Mädchen erscheint hier wieder und sieht im
Brunnen, vermeintlich ihr Spiegelbild betrachtend, ihren Geliebten. Dieses Erblicken
geschieht während des Mai- Tanzes, der hier den Eindruck von Rausch und Ekstase
vermittelt.
Den Schluss singt der Chor, während der Mönch erwacht.
Die Einführung in das Stück des Euripides beginnt mit dem Monolog der Iphigenie, die
uns über ihren Traum vom Tod des Bruders und ihre schlechten Vorahnungen berichtet.
Zugleich erklärt sie damit den Hintergrund der Geschichte näher. In einem
Szenenwechsel erfahren wir nun ähnliches aus der Sicht des Orestes und Pylades.
Mit dem Einzug des Chores, entwickelt sich die Handlung allmählich. In der
Wechselrede zwischen Iphigenie und dem Hirten, deutet sich ein Gefühlsumschwung
der Iphigenie zum Negativen an101, was beim Zuschauer natürlich die Spannung erhöht,
denn er weiß um die Identität der an Land gegangenen Männer. Iphigenie empfängt sie
sodann auch und bittet Orestes oder Pylades einen Brief in die Heimat zu bringen. Ein
freundschaftlicher Streit, wer den Brief überbringen soll, entspringt, denn der jeweils
Dableibende wird im Tempel getötet. Pylades erhält danach den Brief mit der Bitte ihn
dem Orestes zu überbringen. Bis zur Offenbarung des Orestes, der sich als Bruder der
Iphigenie zu erkennen gibt, wächst die Spannung durch die Stychomythie. Hier in der
gewandt: "Du bist des Todes Raub! Weh, weh!".
99 zitiert aus Weber- Schäfer, P.: Seite 89
100 japanisch:
101 Früher hatte sie Mitleid mit den Fremden, nun scheint ihr alles sinnlos und verloren. Seite 16: "Mein
armes Herz, du warest immerdar zuvor sanftmütig und mitleidig gegen Fremdlinge... Jetzt aber, nach dem
Traume, der mich hart gemacht, ..."
26
Mitte des Stückes ergibt sich also ein Absacken der Spannungskurve, die dann gegen
Ende erneut ansteigt und erst durch den "Deus ex machina" vollkommen gelöst wird,
denn nun steht die Flucht aller drei Personen, Orestes, Pylades und Iphigenie, bevor.
Die Flucht gelingt, aber erst durch das Eingreifen der Göttin Athene.
Die letzte Textpassage wird hier, ebenso wie im japanischen Stück, durch den Chor
gestaltet.
5 Interpretation von "Izutsu"
Nach dem formalen und inhaltlichen Vergleich der beiden Theaterstücke, versuche ich
aus dem griechischen und europäischem Verständnis für Theater und Tragödie heraus
eine Interpretation des Nô - Stückes "Izutsu".
Zuerst einmal gehört es zu den Maskenspielen. Die Masken wurden von anderen
Völkern und Kulturen übernommen. Vom griechischen Theater wissen wir, dass die
Maske ursprünglich eine religiöse Bedeutung besaß und zur Verwandlung in den Gott
Dyonisos verwendet wurde. Die Verwandlung, in ein nicht irdisches Wesen, spielt auch
27
im japanischen Theater eine wichtige Rolle. Hier handelt es sich um Geister und
Dämonen, die dargestellt werden. Da die Menschen auch wenn sie Masken tragen,
keine Besonderheiten aufweisen, die sie übermenschlich erscheinen lassen, wurden
verschiedene Dinge in die Maske hineininterpretiert. Der Glaube, "dass die Kraft der
Maske ihren Träger verwandelt"102, ist tief im japanischen Volk verwurzelt. Dies führt
neben dem ganz pragmatischen Aspekt, mit Hilfe der Maske aus einem Mann eine Frau
zu machen oder aus einem alten einen jungen Mann, zu einer tieferen psychologischen
Ebene. Dieser hat sich auch im Nô erhalten. Für den Zuschauer noch unsichtbar, ist das
letzte Stück, das der Schauspieler anlegt, die Maske. Dies geschieht im Kagaminoma,
dem Spiegelraum, und zwar eben vor diesem Spiegel. Der Spiegel ermöglicht das
Entstehen eines Doppelgängers. Dieser kann das eigene Ich teilen, vertauschen103 oder
eben verdoppeln. Das Aufsetzen der Maske vor dem Spiegel hilft dem Darsteller dies zu
erkennen und auch zu ermöglichen. In tiefer Konzentration sollte er so das eigene Ich
mit dem Fremden vertauschen und ganz die Rolle im Theater ausfüllen.
Der Archetyp, der von Jung mit dem Begriff Persona bezeichnet wurde, hat auch einen
interessanten Hintergrund. Jung nimmt den Begriff aus der Antike und dort hatte er die
Bedeutung von Maske oder Gesicht. Der Archetyp stellt bei Jung die sozialen Rollen
und deren Übernahme dar. Das Mädchen hat als Geliebte des Narihira eben auch eine
solche Rolle übernommen und trägt seine Maske. Dies geschieht sinnbildlich im Tragen
seiner Kleider und vielleicht auch im Sehen eines falschen Spiegelbildes im Brunnen.
Das Stück "Izutsu" gehört weiterhin zu den Dramen. Die europäische Literaturwelt
unterscheidet hier etwa 20 weitere Unterarten. Eine eigene Gattung stellen davon aber
nur die Komödie und die Tragödie dar. Was ist "Izutsu" in diesem europäischem
Kontext? Wo sollte man es einordnen?
Schon die Grundstimmung der Tragödie - traurig - entspricht eher dem melancholischen
Wesen des Stückes, als die lustig, fröhliche Grundstimmung der Komödie.
Mit der Entwicklung der Tragödie in Griechenland haben sich auch spezifische
Merkmale entwickelt. Dazu gehört, zum Beispiel, das Hineinversetzen und Mitleiden
der Zuschauer in die gespielten Charaktere und so hat der Zuschauer im Gegensatz zur
Komödie104 eine geringe Distanz zum Stück. Bei den Nô - verstehenden Japanern105 ist
dies auch deutlich zu spüren. Sie leiden und fühlen mit dem Shite. Dieser ist vor allem
102 Yanagita, Kunio; Seite 252 aus Zobel,
103 sprich seinen Platz einnehmen
104 Die Distanz wird in der Komödie von vornherein durch das Lachen der Zuschauer aufgebaut und
erhalten.
105 Das Problem, das nicht alle Japaner der modernen heutigen Zeit dieses Theater verstehen, greife ich
später noch einmal auf.
28
in den Kriegern-, Frauen- und Wahnsinnigen- Nô ohne eigene Schuld beziehungsweise
ohne eigenes Zutun in ein tragisches Schicksal verwoben. In "Izutsu", das ja zu den
Drittspielen gehört, findet dies einen Anklang in der Situation des Mädchens, das
aufgrund der großen Liebe zu Ariwara Narihira diesen nicht mit seinem "Fremdgehen"
konfrontieren möchte. Sie ist durch sich selbst befangen, denn sie weiß, dass sie wenn
sie sich bei ihm beklagt, ihm Vorwürfe macht oder gar selber fremdgehen würde, er
sich noch intensiver der anderen Frau zuwenden wird als bisher und sie möchte ihn
nicht verlieren106. Sie ist zum Schweigen und ausharren gezwungen und genau das ist
der tragische Aspekt, der in uns Mitleid und Verständnis hervorruft.
Die Hauptpersonen erscheinen meistens als Geister. Aus diesem Grund kann das Ende
nicht ihr Tod107 sein, wie in den europäischen Werken. Das Stück löst sich eher in der
Befreiung vom umherirrenden Geisterzustand und dem Loslassen des angestauten
Konfliktpotentials auf. Hier geht nicht nur der Zuschauer gereinigt aus dem Theater
hervor, sondern auch der dargestellte Charakter selbst, dessen psychische Entwicklung
im Stück darin seinen Höhepunkt findet.
Dieser dramatische Charakter erhält erst durch die Wiederholung von Aussagen und
Gedanken eine seelische Konstanz, die ihn für uns, den Leser, zu erschließen vermag.
Man denke hier nur an die dreimalige Wiederholung des Gedichtes vom
Drachenfeldberg. Diese Aussage im Prozess des Dramas und im jeweiligen
Bewusstseinszustand des Mädchens und des Mönches führt uns konsequent zum
eigentlichen Problem hin.
Mit der Auftrittsrede des Wanderpriesters wird es zum ersten Mal erwähnt und im Ha 3
Teil, der Erklärung des Mädchens, wird es als erstes der drei Gedichte und somit auch
wichtigstes vorangestellt108. Die letzte Erwähnung findet kurz nach der Offenbarung als
Geist statt.
Hier kann man aus dem veränderten Gedicht: "In weißen Wellen der Ungewißheit
Über den Drachenfeldberg
kam ich um Mitternacht."
bereits verschiedene Schlüsse ziehen. Einmal ist durch ihr `outen′ ihre seelische
Spannung etwas gelöst und ihre Haltung zum Priester offener geworden, andererseits ist
dies der Beweis dafür, dass sie wirklich jene Geliebte ist.
Drittens zeigt der erste Satz: "In weißen Wellen der Ungewißheit ... kam ich", das sie
106 siehe auch die Untersuchung der amerikanischen Frauenärztin Barbara Bross in Bornemann, E.
107 auch der typische Untergang der europäischen Helden fehlt
108 Bezeichnenderweise spricht der Chor hier die Zeilen: " Zieht um Mitternacht/ Alleine mein
Geliebter."
29
selbst ein sehr unbestimmtes Gefühl zu ihrem Handeln antreibt.
Die Handlung schreitet nun in der Gegenwart voran, während das ursprüngliche
Problem aus der Vergangenheit aufgeklärt wird109.
Die Beschreibung der Vergangenheit finden wir im Ise monogatari und im Kokin shû110.
Dort wird findet man auch Hinweise auf die historische Stellung des Mädchens und des
Dichters und Hauptmannes der kaiserlichen Garde Ariwara Narihira. Hier wird ein
Rangunterschied deutlich, der sich auch im Stück wiederfindet.
Das Mädchen hat zum Beispiel keinen eigenen Namen erhalten, sondern wird als
Tochter des Ki no Aritsune beschrieben111. Dies könnte auch ein Hinweis auf die Zeit
des Dichters Zeami sein, der in der Muromachi - Periode lebte.
Neben den literarischen Quellen spielen natürlich der Shintôismus und der Buddhismus
eine wichtige Rolle. Auch wenn der Shintô nicht direkt im Stück erwähnt wird, so ist er
durch das Symbol des Brunnens dennoch fest miteingebunden. Ähnlich wie in der
griechischen Götterwelt, wo der Berg der Sitz eines Gottes sein kann, ist hier der
Brunnen der Ort, an den die Geister von Narihira und dem Mädchen gebunden sind112.
Einmal im Jahr zur Kirschblütenzeit kann sie darin ihren Geliebten erblicken.
Im europäischen Theater funktionieren Requisiten als Kristallisationskerne der
Werke113. Im Stück "Izutsu" ist das Requisit nicht nur Synonym für Kindheit, Jugend
und Lebenslauf eines einsamen Dorfmädchens, sondern auch Titel des Stückes und
Symbol für eine tiefe Liebe. Die Übersetzung von Weber- Schäfer dürfte hier sehr gut
die japanischen Wortspiele wiedergeben.
Zitat von Seite 89: "Am Brunnen vor dem Tore
...
Tief waren die Wasser, ihre Herzen
Waren im tiefsten ein Herz nur."
Seit der Kindheit hat sich das Symbol des Brunnens in der Psyche des Mädchens
eingeprägt und im Laufe der Zeit sind viele Bedeutungen hinzugelangt.
109 auch das ist ein weiteres Konvergenzkriterium, das wir bei europäischen Stücken finden und ordnet
"Izutsu" bei den analytischen Dramen ein.
110 Japanisch:
111 Früher war es nicht üblich für Mädchen einen Namen in den japanischen Kanji (chinesischen
Zeichen) zu wählen, sondern es wurde in der einfacheren japanischen Silbenschrift Katakana geschrieben.
Zum Beispiel hieß ein Junge Toshihiro
und ein Mädchen Yukiko
.
112 Der Unterschied zw. griechischer und shintôistischer Theophanie besteht darin, dass der Berg in
Griechenland nur der Sitz des Gottes ist und im Shintô der Berg den Gott selbst darstellt.
113 In der "Iphigenie bei den Taurern" ist es zweifelsohne das Bild der Artemis, als Symbol der immer
wieder auftretenden Göttlichkeit, das Iphigenie und Orest rauben wollen(!!!).
30
Der Brunnen114 wird zum sichtbaren Drehpunkt der Geschichte und gibt dem Stück
eine sehr große und auch geheimnisvolle Dichte. Dieses Geheimnisvolle und im ersten
Moment Unerklärbare entsteht durch die verschiedenen Symbole und Bilder, die sich
im Brunnen vereinen und in uns Gefühle und Assoziationen wachrufen. Schaut man in
den Brunnen hinein115, sieht man sein Spiegelbild, aus ihm heraus schöpft das Mädchen
Wasser und an seiner Seite befindet sich Schilfrohr, das zusätzlich noch mit dem Ärmel
des Mädchens gestreift wird, während es einen Tanz um den Brunnen herum aufführt.
Wenn man diese Bilder nach ihren Symbolgehalten hin untersucht, kommt man zu
erstaunlichen Feststellungen116.
Der Brunnen117 ist zum Beispiel das Symbol für Jungbleiben (siehe Jungbrunnen) und
unergründliche schöpferische118 Tiefe, was wiederum das Unterbewusstsein darstellt.
Das Mädchen nimmt aus ihm Wasser auf. Das Wasser ist bei Freud und Ryborz ein
Zeichen für einen Ursprung beziehungsweise eine Geburt und darüber hinaus noch
Zeichen psychischer Energie119. Dies ist ein Bild, das uns zum ersten Mal auf den Kern
des Symbolgehaltes vom Brunnen stößt, nämlich zu Erkennen, dass aus dem Brunnen,
gleichzeitig ihr Unterbewusstsein, der Ursprung ihres Leidens genauso wie ihrer Kraft
kommt.
Beim Tanzen werden nach Ryborz psychische Energien zum Fließen gebracht und
bestimmte Vorstellungen mit Kraft gefüllt. Das ganze Stück - aber - ist ein "Tanz" um
den Brunnen und zeigt uns in der Auslegung nun zum zweiten Mal, dass das
Unterbewusstsein des Geistes hierin ausgedrückt werden soll. Ein seelischer Konflikt
wird losgelassen und seine Bilder werden mit Kraft gefüllt. Bei Freud findet man den
Tanz außerdem als eine Darstellung für den Geschlechtsverkehr, was wiederum sehr gut
zum Tragen der Gewänder des Narihira, also einer symbolischen Vereinigung, passt.
Während des Tanzens streift das Mädchen ein Schilfrohr, welches als Symbol für
Wankelmut und Schwäche bei Ryborz erwähnt wird. Es hat zu dieser Zeit allerdings
schon die Kleider des Narihira an und ich denke hier ist der Wankelmut und die
Unzuverlässigkeit des Narihira angesprochen, seine treue Geliebte zu verlassen.
114 Das Verhalten zum innerpsychischen Problem hat das Mädchen schon vorher, in der erklärenden
Auftrittsrede, angedeutet.
115 Die wohl aufregendste Stelle ist der Blick in den Brunnen im Kyû- Teil.
116 Ich kann jetzt nur aus der europäischen Sicht und mit Hilfe von Freud und Ryborz weitergehen, da
mir der japanische Symbolgehalt nicht bekannt ist. Nach den Jung′schen Archetypen müssten sie sich
aber in jedem Falle ähneln.
117 Bei Freud nur im Bezug auf Springbrunnen erwähnt.
118 Siehe Wasser aus dem Brunnen schöpfen
119 siehe Jung, C. G.
31
Die Rolle des Priesters und seine Position zu dem Mädchen und ihrem Geist hat auch
eine tiefere Bedeutung. Hier stimme ich der These von Herrn Kobayashi zu, dass der
Mönch eine heilende Funktion, sprich Psychiaterrolle120 übernimmt. Der Traum, der
vom Mönch geträumt wird (!) und der zur Heilung121 des Mädchengeistes beiträgt, ist
auch keine Besonderheit und passt in das Bild der Freudschen Traumdeutung hinein, in
der, der Psychiater möglichst als Spiegelbild oder als Projektionsfläche für die
Probleme des Patienten genutzt wird. Es zeigt uns vielleicht, dass der Konflikt des
Mädchens nicht mehr von ihm aus gelöst werden kann, weil es zu tief in das Problem
verstrickt ist.
Ein seelischer Konflikt aus dem Unterbewussten.
"Jeder seelische Konflikt besteht aus einem Triebwunsch und aus der gegen ihn gerichteten
Abwehr. Jeder Triebwunsch enthält notwendig eine sexuelle Dimension."122
Das der Geist einen Konflikt in sich trägt und dieser im Verlauf des Stückes aufbricht
und sichtbar wird, ist klar, aber wo ist die Quelle? Welche Normen der Gesellschaft und
Kultur liegen dem Konflikt zugrunde? Was ist beispielsweise eine Beziehung, die die
Tochter des Aritsune und Narihira gepflegt haben?
Bei Reiche und Freud gehören drei Dinge dazu: die sexuelle Lust, die soziale
Verantwortung und die biologische Reproduktion. Die sexuelle Lust und die
biologische Reproduktion sind einfach zu verstehen. Die soziale Verantwortung meint
die Fähigkeit zur Sorge oder das gemeinsam geteilte soziale Leid. Das ist ein wichtiger
Punkt der hier, neben der sexuellen Lust durch Narihira verletzt wird. Es entsteht eine
Eifersucht und dies ist ein Zeichen dafür, dass einer den anderen besitzen möchte und
dies auch in einer gewissen Weise so ist, denn der Geist des Mädchens zeigt sich von
Narihira sprichwörtlich besessen. Jung hat in seiner Abhandlung der Archetypen daraus
geschlussfolgert, dass der Komplex 123 , der als "selbstständiges Lebewesen" zu
bezeichnen ist, diesen so versinnbildlicht124.
Eine Eifersucht zu unterdrücken ist für einen japanischen Mann, der "Ehre", bestimmt
ebenso schwierig wie für eine Frau. Allerdings ist die Eifersucht des Mannes eine
120 Eine solche wird zum Beispiel auch den katholischen Priestern bei der Beichte ihrer Gläubigen
zugesprochen.
121 Das eine Erlösung stattfindet, ist ein Kennzeichen des Nô und kommt auch im positiven Ausklang des
Stückes zum Vorschein.
122 Zitat: Reimut Reiche in den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (Freud, S.), Seite 14
123 um einen solchen handelt es sich hier zweifelsfrei
124 Zitat aus Samuel, A.: "Im Grunde, ..., ist das ganz richtig, denn wenn die Menschen des Altertums
oder des Mittelalters davon sprachen, dass jemand von einem Dämon besessen sei ..., dann meinten sie
die Besessenheit von einem Komplex oder das Verdrängen eines Komplexes."
32
akzeptierte, während die Frau eher dulden sollte. Seit frühester Kindheit wird ihr
eingepflanzt, die Schuld in sich selbst zu suchen125 . Der Koitus ist zudem ein
geheimer Akt, was das Lösen eines solchen Konfliktes nicht gerade erleichtert, denn
darüber redet man nicht. In einer Schuldgesellschaft kämpft jeder für sich und laut
Bornemann liegt hier eine große Gefahr zur Ausbildung einer Neurose. Dies erklärt uns
den Konflikt, doch damit ist er noch nicht gelöst.
Warum begeht Narihira "Ehebruch" und wie findet er zu der Tochter des Aritsune
zurück?
Der Mensch wurde nicht für die Monogamie geschaffen. Dazu führt Bornemann sogar
Bibelzitate an. Der Mann muss sich also ähnlich wie der Priester eine Abstinenz
auferlegen. Doch Narihira hat diese gebrochen und stillt seine Neugier und seinen
Drang. Das ihm die Tochter des Aritsune treu bleibt, setzt er voraus und er erwartet, das
sie sich zu seinem `Fehlverhalten′ äußert, was sie nicht tut. Folgerichtig, denn seine
Erwartungshaltung wird enttäuscht, schließt er, dass sie ihn nicht mehr liebt und ist nun
seinerseits, eifersüchtig, auf der Suche nach dem Grund dafür126. Da er keinen Grund
findet, sondern im Gegenteil einen noch stärkeren Beweis ihrer Liebe erhält, gibt er die
fremde Frau auf und kehrt zur Tochter des Aritsune zurück. Selbst nachdem Ariwara
Narihira nun erkannt hat, das seine Frau eine bessere Gefährtin ist als bisher geglaubt
und sie ihre große Liebe wiedergefunden hat, ist das Schuldgefühl der Frau
wahrscheinlich nicht vollständig beseitigt, denn sie hat ja einer anderen Frau den
Liebhaber entrissen. Diesen Komplex scheint sie zu Verdrängen und da es ihr nicht
vollständig gelingt dies zu tun, bricht er immer wieder in ihr Bewusstsein ein und
kommt zum Vorschein. Der Archetyp des Animus in der Frau wird bei Jung auch als
Brücke zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten bewertet. Dies könnte auch
ein Grund dafür sein, dass sich die Tochter des Aritsune mit dem Bild des Narihira
personifiziert und in dessen Gestalt erscheint sowie sein Spiegelbild im Wasser sieht.
6 Abschlussbemerkung und Ausblick
125 Die Japaner gehören, nach der Definition von Bornemann, ebenso zur Schuldkultur, wie die Europäer.
Das Gegenteil der Schuld- ist die Schamkultur.
126 Siehe Seite 85 bei Weber- Schäfer, P.
33
"Izutsu" zählt mit zu den beliebtesten Drittspielen in Japan. Dies kommt, meiner
Meinung nach, von den vielen stimmungsvollen Bildern, für die Japaner sehr
ansprechbar sind, und der intensiven Dichte.
Das Nô - Theater an sich ist allerdings bei der heutigen Generation nicht sehr beliebt.
Dies hat mehrere Gründe. Das Nô hat einen sehr hohen ästhetischen Anspruch an die
Darsteller genauso wie an die Zuschauer127. Für den amüsierungswilligen Japaner, denn
dazu gehen die meisten ins Theater, ist dies wahrscheinlich nicht genug der
Entspannung. Die Darstellungsweise der Stücke ist durch ihre Komplexität und
gleichzeitige Einfachheit für einen ungeübten Zuschauer ebenfalls nicht sehr leicht
verständlich. Die vielfachen Bedeutungsmöglichkeiten einzelner einfacher Gesten
erschweren hier das Begreifen zusätzlich. Den Textpassagen im alten Japanisch kann
man auch nicht entnehmen, worüber das Stück gerade handelt und die Aufmerksamkeit
und Spannung geht so schnell verloren. Das kann bestimmt jeder nachvollziehen der
schon einmal eine Oper auf Italienisch gesehen hat und nichts von der Handlung wusste
oder die Sprache verstand.
Die Handlung möge für den an psychischen Problemen interessierten Laien in den
handschriftlichen Aufzeichnungen noch ein gutes Thema sein, aber spätestens hier ist
dem Uninteressierten der Stoff zu langweilig.
Dadurch, dass keine Handlung auf der Bühne erfolgt und " nur" ein innerer Konflikt
dargestellt wird, fehlen auch `spektakuläre ` Effekte, die im griechischen Theater von
den Zuschauern gern gesehen und den Dichtern ebenso gern eingebaut wurden.
Am Rande kann man noch bemerken, dass das Nô Theater in der frühesten
Entstehungszeit für Höhere und Adelige gedacht war und auch gerade am Hof sein
Publikum fand, während dem normalen Volk ein lustiges Stück aus dem Kabuki-
Theater seit jeher wohl wertvoller war.
Im Rahmen einer solchen Hausarbeit kann man sich nicht mit allen Aspekten
tiefgründig befassen. Für mich war es sehr spannend die beiden Dramen aus dem
Blickwinkel von Sigmund Freud, Carl G. Jung oder Heinz Ryborz zu vergleichen. Das
gründliche Einarbeiten in die beiden Theaterformen und die Psychologie waren dabei
für mich ebenso wertvoll und wichtig, wie am Ende die Interpretation aus der
psychischen und der vergleichenden Sicht niederzuschreiben.
Der ein oder andere Ansatz wird bestimmt Ausgangspunkt einer weiteren
Beschäftigung mit diesem Thema sein.
7 Literaturliste
127 Insbesondere meine ich hier die ästhetische Idee vom Yûgen, auf die ich nicht näher eingegangen bin.
34
Blume, Horst- Dieter
"Einführung in das antike Theaterwesen"
; Darmstadt 1991;
Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Bohner, Hermann
"Gestalten und Quellen des Nô"
; Wiesbaden; Harrassowitz
Burmeister, Enno "Antike Theater in Attika und auf der Peleponnes"; München
1996; tuduv - Verlag
Engert, Rolf
"Iphigenie auf Tauris"
; Leipzig 1998; Verlag "Max- Stirner-
Archiv" Leipzig
Freud, Sigmund:
"Das Unbehagen in der Kultur"
; Wien 1930;
Psychoanalitischer Verlag Wien
"Die Traumdeutung"
; Frankfurt am Main 1994; Fischer
Verlag
"Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie"
; Frankfurt am Main
1991; Fischer Taschenbuch Verlag
"Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse"
; Frankfurt
am Main 1996; Fischer Verlag
Hisaki Hashi
"Ästhetische Aspekte des Nô- Theaters"
; Frankfurt
am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1995;
Europäische Verlag der Wissenschaften
Jung, Carl G.
"Symbole und Traumdeutung"
; Düsseldorf 1998; Walter
Verlag
Lesky, Albin
"Die griechische Tragödie"
, 5. Auflage, Stuttgart
1984, Alfred Kröner Verlag
"Geschichte der griechischen Literatur"
; 3. Auflage;
München 1971; Francke Verlag Bern und München
Löhrer, Dr. P. Robert
"Mienenspiel und Maske in der griechischen Tragödie"
aus
35
Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums; Paderborn
1927; Ferdinand Schöningh Verlag
Pound, Ezra/
"Nô - vom Genius Japan"
; Zürich 1990; Verlag Arche
Fernollosa, Ernest
Reclam
"Iphigenie bei den Taurern"
; Stuttgart 1994; Reclam Verlag
Ryborz, Heinz
"Die helfende und heilende Kraft der Symbole"
; Bergisch
Gladbach 1994; Lübbe Verlag
Samuel, Andrew
"Jung und seine Nachfolger"
; Stuttgart 1989;
Klett- Cotta Verlag
Sang Kyong
"Nô und europäisches Theater"
; Frankfurt am Main 1983;
Peter Lang Verlag
Schwinge, Ernst- Richard
"Griechische Tragödie und zeitgenössische
Rezeption:
Aristophanes und Gorgias"
; Hamburg 1997; Verlag
Vandenhoeck & Ruprecht
Weber- Schäfer; Peter
"Vierundzwanzig Nô- Spiele"
; Frankfurt am Main 1986;
Insel Verlag
Zobel, Günter
"Das Nô - Theater"
; Tokyo 1987; Deutsche Gesellschaft für
Natur- und Völkerkunde Ostasiens
36
8 Anhang
8.1 Bildnachweis
Bild 1 : Die ursprüngliche griechische Bühne, die sich den natürlichen Gegebenheiten
anpasst. Beim Modell B ist bereits das Skenengebäude zu sehen
entnommen aus: Burmeister, E.
Bild 2 : Die griechische Bühne im Grundriss.
entnommen aus Blume, Horst- Dieter
Bild 3 : Die japanische Bühne in der Vorderansicht vom Zuschauerraum heraus.
Bild 4 : Bühnenplan der japanischen Bühne, mit eingezeichneten Sichtlinien.
Bild 3 und 4 entnommen aus Zobel, G.
Bild 5 : Die Entwicklung der griechisch/ römischen Bühne.
entnommen aus Burmeister, E.
Bild 6 : Zwei Abbildungen griechischer Masken und eine Vasenszene, die das Stück
"Iphigenie bei den Taurern" zeigt.
entnommen aus Burmeister, E.
Bild 7 : Eine japanische Dämonenmaske und menschliche Bühnencharaktere mit
Maske
und Kostüm.
entnommen aus Zobel, G.
Bild 8 : Die griechischen Bühnenmaschinen: Machina (Bühnenkran) und Ekkyklema
(Rollbühne).
entnommen aus Burmeister, E.
Bild 9 : Abbildungen einiger japanischer Tsukuri mono.
entnommen aus Zobel, G.
Bild 10 : Jo, Ha und Kyû im Bewegungsablauf der Darsteller: Die Bewegung der Füße
beim Laufen.
Anleihen entnommen aus Zobel, G.
37
Bild 11 : Eine Spannungskurve des Nô- Stückes "Izutsu" und der "Iphigenie bei den
Taurern".
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