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"Entwicklungsland - was ist denn das?"

Untertitel: Eine allgemeine Einführung, eine Kritik an der Beurteilung und eine Darstellung der europäischen Verantwortung aus historischer Sicht
Autor: Harald Lothaller
Fach: Gemeinschaftskunde / Sozialkunde

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Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2000
Seiten: 30
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 5  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 85 KB
Archivnummer: V98606
ISBN (E-Book): 978-3-638-97057-0
ISBN (Buch): 978-3-640-14744-1

Zusammenfassung / Abstract

"Entwicklungsland", "unterentwickelt", "Dritte Welt" - alltäglich verwendete Begriffe und dennoch oft unpräzise in der Abgrenzung bzw. unscharft definiert. Die vorliegende Arbeit zeigt im ersten Teil verschiedene Kriterien zur Definition dieser Begriffe auf, beschäftigt sich im zweiten Teil mit Indikatoren zur Identifikation von Entwicklungsstand bzw. Entwicklungsländern und geht im dritten Teil kurz auf historische Verantwortung europäischer Länder für die aktuelle Situation von Entwicklungsländern wie auch für deren Zukunft ein.

Volltext (computergeneriert)

Lehrveranstaltung: KO ,,Probleme der Entwicklungsländer: Internationale Verschuldung" (324.031)

Sommersemester 2000

Seminararbeit zum Thema:

,,Entwicklungsland ­ was ist denn das?"

Eine allgemeine Einführung, eine Kritik an der Beurteilung und eine Darstellung der

europäischen Verantwortung aus historischer Sicht

verfasst von

Harald Lothaller


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Seite 3

,,Entwicklung", ,,Dritte Welt", ,,Entwicklungsland" ­ was ist denn das?

Seite 4

Wer gilt als Entwicklungsland ­ und wer bestimmt das eigentlich?

Seite 9

Die Einteilung ist falsch! - Darstellung der Indikatoren und Kritik daran

Seite 15

Warum die Europäer Schuld tragen? - Kolonialismus und seine Folgen

Seite 21

Schlusswort

Seite 28

Literaturverzeichnis

Seite 29





2


Vorwort

Beim Suchen nach allgemeiner einführender Literatur zum Thema ,,Dritte Welt ­

Internationale Verschuldung" beziehungsweise ,,gustieren" verschiedener Themen für

eine Seminararbeit stieß ich immer wieder auf einige, sehr häufig benutzte,

alltagssprachliche und trotzdem in bestimmter Weise unklaren Begriffen wie

,,Entwicklung", ,,unterentwickelt", ,,Entwicklungsland" und ,,Dritte Welt". Natürlich war

ich mir einigermaßen sicher, was damit gemein war, nichtsdestotrotz gab es immer

wieder Ungereimtheiten, fehlten genaue Definitionen. Waren Definitionen versucht,

war mir oft nicht klar, warum genau dieser oder jener Indikator

entwicklungskennzeichnend sein sollte, waren europäisch-amerikanische Werte

entscheidend für Beurteilungen anderer Länder, anderer Kulturen. Ich begab mich

daher auf die Suche nach verschiedenen, vor allem nach immer wiederkehrenden

Kriterien für die Definition von ,,Entwicklungsländern", ,,Entwicklung" und ,,Dritte Welt"

und möchte einige im ersten Teil dieser Arbeit vorstellen.

Der zweite Teil beschäftigt sich danach mit der Frage, wer bestimmt und wer dazu

bestimmt wird, ein ,,Entwicklungsland" zu sein. Und warum. Genau mit diesen

Indikatoren beschäftigt sich der dritte Teil der vorliegenden, zeigt diese auf, geht auf

sie näher ein, um sie dann aber im zweiten Schritt zu kritisieren und Probleme und

Fehler der einzelnen Kriterien aufzuzeigen.

Abschließend wird dann anhand einiger ausgewählter Beispiele eine kurze

Einführung in die Geschichte, die zur Entwicklung der Entwicklungsländer, zur

Situation dieser und den Unterschiede zu den Industrieländern geführt hat, angefügt.

Daraus soll kurz die Verantwortung der europäischen Staaten für die Gegenwart und

Zukunft abgeleitet werden.








3


,,Entwicklung", ,,Dritte Welt", ,,Entwicklungsland" ­ was ist denn das?

In diesem Kapitel werden einige besonders relevante, immer wieder verwendete

Begriffe erläutert und definiert, mit dem Versuch, erst verschiedene Ansätze

darzustellen und dann kurze Kritiken anzufügen.

Der erste Begriff ist jener der ,,Entwicklung". Schon bei diesem ist keine einheitliche,

allgemein gültige und akzeptierte Definition zu finden. Grundsätzlich ist Entwicklung

als Synonym für Veränderung oder Aufeinanderfolgen von Formen und Zuständen

zu sehen, wobei unbedingt spätere auf frühere nach einer inneren Notwendigkeit und

mit einer bestimmten Richtung folgen. Wie Entwicklung gesehen wird ist abhängig

von räumlichen und zeitlichen Umständen sowie vom Standpunkt des Beobachters.1

Es fließen individuelle und kollektive Wertvorstellungen, vor allem über die

gewünschte Richtung der Entwicklung, Theorien zu Ursachen von Ausmaß und

Richtung von Entwicklung und historische Gegebenheiten in die Sichtweise von

Entwicklung ein. Entwicklung ist folglich ein normativer Begriff.2 Die häufigste

Anwendung von ,,Entwicklung" ist jene im Sinne von ,,entwickelt" und

,,unterentwickelt" bezogen auf ,,entwickelte Industriestaaten" und ,,unterentwickelte

Staaten der Dritten Welt". Dies impliziert bereits eine Wertung, die durch nichts zu

rechtfertigen und ein eindeutig Hinweis auf die eurozentristische Ausrichtung der

bestimmenden Personen und Ideen. Diese Wertung basiert auf der falschen

Annahme, alle Völker dieser Erde müssten eine gemeinsame, wenn auch

zeitversetzte Entwicklung vollziehen und auf ein universelles Entwicklungsziel

zusteuern. Dies sei unsere Zivilisationsform der Industriegesellschaft, die absolut gut

und anzustreben ist. Manche Völker, Staaten, Kulturen haben schon diesen höheren,

vor allem höher technisierten Status als andere erreicht und sind somit ,,entwickelt",

während andere diesen Status erst erreichen müssen und noch ,,unterentwickelt"

sind. Das dieser Zugang ganz einfach falsch sein muss wird schon daraus

ersichtlich, dass unsere Industriegesellschaft selbst an ihren Grenzen angelangt ist,

insbesondere den ökologischen.3 Die Umweltsituation, die sozialen und

gesundheitlichen Folgen in den Staaten der ,,Ersten Welt" sowie erste zaghafte

Versuche von Rückbesinnung wie zum Beispiel Versuche des ,,ökologischen

Landbaus" mit Anleihen an traditionellen Methoden, wie sie - angepasst an die

1 Vgl. Wirth, Heinz, S.20

2 Vgl. Nohlen, Dieter (Hg.), S.216

4


jeweiligen regionalen Umstände ­ auch in den Entwicklungsländern angewandt

werden, zeugen davon.

Die Begriffe ,,Dritte Welt" und ,,Entwicklungsländer" werden häufig synonym

verwendet, wobei erster eher wertneutral für eine Gruppe von Ländern im

internationalen System, für die sich bislang kein geeigneter Name finden ließ,

eingeführt wurde. Die Herkunft des Begriffs geht auf das Jahr 1949 zurück, in

Frankreich regierte die Rechte und ein Teil der Opposition versuchte unabhängig von

der Kommunistischen Partei einen dritten Weg zu gehen. Der Begriff wurde dann auf

die internationale Ebene übertragen, war vorbehaltsfrei, nicht abschätzig und

diskriminierend, eher das Gegenteil war der Fall: In den 50-er Jahren wurden unter

,,Dritte Welt" all jene Länder zusammengefasst, die positiv verstanden einen Dritten

Weg der Blockfreiheit beschreiten wollten. Erst in den 60-er Jahren gewann

wirtschaftliche Entwicklung in den internationalen Beziehungen an Bedeutung und

der Begriff wurde auf alle Entwicklungsländer in Übersee ausgedehnt.4 Welche

Staaten nun zur Dritten Welt gezählt werden, ist je nach Sichtweise und Kriterien

unterschiedlich. Da die häufigste Verwendung von ,,Dritte Welt" - etwas weniger

diskriminierend und daher auch von vielen Wissenschaftlern und Politikern in den

betroffenen Ländern bevorzugt5 - die Entwicklungsländer bezeichnet, gelten auch die

dementsprechenden Indikatoren zur Einteilung, die im nächsten Punkt diskutiert

werden, ebenso wie die dort vorgebrachten Kritiken.

Als dritter und letzter Begriff folgt nun jener des ,,Entwicklungslandes", der trotz aller

Probleme und Kritikpunkte auch in dieser Arbeit aus Mangel an allgemein

verständlichen Alternativen verwendet wird. Um in die Probleme, die der Begriff

beinhaltet, einzuführen, werden erst einmal mehrere Definitionen aus verschiedenen

Arbeiten zum Thema kommentarlos, aber teilweise gekürzt wiedergegeben.

,,Es ist schwierig, eine befriedigende Definition zu erhalten, weil die Gestaltung der

Welt und damit auch der Entwicklungsländer einer ständigen Veränderung

unterworfen ist. Es lässt sich daher der Begriff Entwicklungsländer nur auf bestimmte

Gebiete der Gegenwart einengen. Zu Entwicklungsländern in geographischer

Hinsicht zählen (1) einzelne periphere Staaten des westlichen Europas, namentlich

3 Vgl. Bliss, Frank et al., S.28/29

4 Vgl. Nohlen, Dieter (Hg.), S. 184/185

5


Portugal und Griechenland (aber auch die südosteuropäischen Staaten

kommunistischen Gepräges können hierher gerechnet werden), (2) der größte Teil

Iberoamerikas (gewöhnlich ohne Argentinien, Chile, Uruguay und einigen Gebieten

Westindiens), (3) der Orient von Nordafrika bis nach Südwestasien (ohne Israel), (4)

Südasien oder der indische Raum, (5) Südostasien (ohne Singapur), (6) Ostasien

(ohne Japan und Hongkong), (7) die chinesischen Gebiete und die mongolische

Volksrepublik in Zentralasien, (8) Ozeanien und (9) Negerafrika (außer der Republik

Südafrika). Nach Meinung eines Nationalökonomen ist unter einem Entwicklungsland

ein in verschiedener Hinsicht, so im Lebensstandard, in der Allgemeinbildung und im

wirtschaftlichen Können seiner Bevölkerung sowie in der Ausnutzung seiner

wirtschaftlichen Möglichkeiten gegenüber anderen Staaten zurückgebliebener Raum

zu verstehen. Ein Entwicklungsland kann also kulturell hochstehen, auch wenn es

der Hilfe von außen für seine Menschen und seine Wirtschaft bedarf."6

,,Die Definition von Entwicklungsland hängt davon ab, ob das Entwicklungsdefizit

dieser Länder, also die Unterentwicklung, als Stadium auf dem Weg zum Zustand

der heutigen Industriestaaten oder als Strukturerscheinung, die auf Abhängigkeit

zurückzuführen ist, verstanden wird. Sieht man wie ich Unterentwicklung als ein

primär von exogenen Ursachen bedingtes Strukturproblem, dann sind

Entwicklungsländer Länder, die in asymmetrischer, sie benachteilender Weise in die

internationale Arbeitsteilung eingebunden sind, deren Produktionsstruktur auf den

Weltmarkt und auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Industrieländer ausgerichtet

ist. In der entwicklungspolitischen Praxis häufiger anzutreffen ist allerdings die

Bestimmung von Entwicklungsländern anhand von Merkmalskatalogen, wie sie

beispielsweise von den Vereinten Nationen aufgestellt werden. Dabei werden als

Kennzeichen von Entwicklungsländern unter anderen angeführt: ein niedriges Pro-

Kopf-Einkommen, ein geringer Anteil der industriellen Produktion am

Bruttoinlandsprodukt sowie eine niedrige Alphabetisierungsrate."7

Ähnlich, nur etwas genauer, aber auch unübersichtlicher, beschreibt auch das

,,Lexikon Dritte Welt" von Dieter Nohlen (Herausgeber) den Begriff

,,Entwicklungsland", auf das unzählige Arbeiten bei ihren Begriffsbestimmungen

zurückgreifen.

5 Bliss, Frank et al., S. 31

6 Brusatti, Alois et al., S. 7

7 Vgl. Wirth, Heinz, S. 21

6


,,...Die Einwohner dieser Länder sind unterernährt, die Schulbildung ist unvollständig,

es besteht Mangel an Ärzten und die durchschnittliche Lebensdauer ist viel kürzer als

in den entwickelten Ländern Die Entwicklungsländer führen Rohstoffe und

Halbfabrikate, die entwickelten Länder vor allem Fabrikate aus. Nun war die

Preisbildung dieser Güter so, dass die entwickelten Länder für ihre Güter relativ

besser bezahlt wurden, während sie ihre Einfuhrgüter relativ billig bekamen. Dadurch

verschlechterte sich die Lage der Entwicklungsländer noch mehr, denn sie mussten

relativ mehr Güter abgeben und erhielten selbst relativ weniger Güter, d.h. das

Gleichgewicht im Welthandel verschob sich zu Ungunsten der an sich schon

schlechter gestellten Länder "8 Auch diese sehr vereinfachte Erklärung ist eine

gültige Definition, wenn auch nicht wissenschaftlich, so dennoch alltagstauglich, und

vielen Europäern und US-Amerikanern, die mit ihren Wahlstimmen auch über die

Politik ihrer Regierungen gegenüber der Dritten Welt mitbestimmen, mit Sicherheit

näher als Theorie über Entwicklung als Zustand versus Struktur. Der größte Fehler

dieser letzten Definition ist aber nicht jene Unspezifität in Punkto Beschreibung von

beziehungsweise Kategorien für Entwicklungsländer, welche sie unwissenschaftlich

macht, sondern die Annahme, es hätte einmal ein Gleichgewicht am Weltmarkt

gegeben, welches sich nun verschoben habe. Darauf wird im Kapitel zur Geschichte

der Entstehung von Entwicklungsländer nochmals eingegangen.

,,Wenn wir davon ausgehen, dass es die Dritte Welt nicht gibt, sondern Länder mit

völlig verschiedenen Ressourcen und natürlich auch völlig voneinander

abweichenden Interessen, so bedeutet das keineswegs, dass sich nicht doch ein

große Gruppe von Ländern ausmachen lässt, in denen es Hunger und Armut gibt,

Länder und Bevölkerungsgruppen, die im Weltsystem in großem Maße benachteiligt

sind. Dagegen gibt es weiter Staaten, die gemeinhin zur Dritten Welt gezählt werden,

in denen wie in Saudi Arabien und Kuwait das Durchschnittseinkommen der

Bevölkerung das in europäischen Industrieländern erreicht. In der Praxis werden

beide Gruppen von Ländern jedoch in die gleiche Schublade ,,Entwicklungsländer"

oder eben Dritte Welt eingeordnet. Dies erfolgt mit Hilfe von bestimmten Kriterien, die

in der Fachsprache Indikatoren genannt werden. Dabei wird unterstellt, dass diese

Indikatoren nach objektiven Maßstäben beobachtbar oder messbar sind. Es gibt

soziale Indikatoren als Anzeiger für die gesellschaftlichen Zustände, politische

Indikatoren, die Aussagen zulasen sollen über Fragen der Macht und

8 Vgl. Abdelnasser, Hassan Mohammed, S. 1/2

7


Machtausübung, und die besonders für die Einstufung von Ländern wichtigen

ökonomischen Indikatoren, die zumindest bisher den Ausschlag für die Bewertung

geben." Ein Land gilt also gemeinhin als Entwicklungsland oder unterentwickelt,

wenn es bei diesen Kriterien im Vergleich mit den Industriestaaten schlecht

abschneidet.9

Wie diese Indikatoren genau aussehen und worin die Probleme dieser liegen wird im

entsprechenden Kapitel dieser Arbeit dargestellt.

9 Vgl. Bliss, Frank et al, S. 36

8


Wer gilt als Entwicklungsland ­ und wer bestimmt das eigentlich?

Wer nun als Entwicklungsland gilt, ist also abhängig von der Definition von

Entwicklungsland und, selbst wenn Einigkeit über den Begriff herrscht, von der Art

der Indikatoren, den herangezogenen Daten und den Vergleichsdaten. Mehrere

verschiedene internationale Organisationen legen fest, wer für sie als

Entwicklungsland gilt, auf diese Einteilungen stützen sich dann ­ je nach Präferenz

und Mitgliedschaft ­ Politiker und Regierungen, Wissenschaftler und Experten. Die

wichtigsten derartigen Organisationen sind das United Nations Development

Program (UNDP), die Entwicklungsbehörde der Vereinten Nationen, die Weltbank

und der Ausschuss für Entwicklungshilfe

(

Development Assistance Committee, DAC)

der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organization

for Economic Cooperation and Development, OECD). Eine einheitliche Liste existiert

also nicht, so zählen zum Beispiel für die Vereinten Nationen europäische Staaten

nicht zu den Entwicklungsländern, während das DAC einige sehr wohl miteinbezieht

und entsprechend behandelt.

Innerhalb der DAC-Liste werden wiederum verschiedene sieben Kategorien von

Ländern unterschieden, die Tabellen 1-6 zeigen die Einteilung im Jahr 1995. Tabelle

1 zeigt die ,,LLDCs" (Least Developed Countries), die am wenigsten entwickelten

Länder. Diese Gruppe wird von der UNO festgelegt nach den Indikatoren

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf unter US-$ 473, Industriequote am

Bruttoinlandsprodukt unter 10% und Alphabetisierungsquote Altersgruppe über 15

Jahre unter 20 %. Länder, die mindestens zwei der Indikatoren erfüllen und dem

dritten nahe kommen, werden von der UNO als LLDCs eingestuft.

Afrika

Asien

Ozeanien

Mittelamerika

Äquatorialguinea

Afghanistan

Kiribati

Haiti

Äthiopien

Bangladesch

Salomonen

Angola

Bhutan

Tuvalu

Benin

Jemen

Vanuatu

Burkina Faso

Kambodscha

West-Samoa

Burundi

Laos

Komoren

Malediven

Dschibuti

Myanmar (Birma)

9


Eritrea

Nepal

Gambia

Guinea

Guinea Bissau

Kap Verde

Lesotho

Liberia

Madagaskar

Malawi

Mali

Mauretanien

Mosambik

Niger

Ruanda

São Tomé und

Principe

Sambia

Sierra Leone

Somalia

Sudan

Tansania

Togo

Tschad

Uganda

Zaire

Zentralafrikanische

Republik

Tab 1: ,,LLDCs"

In Tabelle 2 sind die ,,Other LICs" (Other Low Income Countries), also andere Länder

mit geringem Bruttosozialprodukt pro Kopf (weniger als $765 in 1995, Grundlage:

World Bank Atlas), zu finden:

10


Afrika

Asien

Lateinamerika

Ägypten

China

Honduras

Ghana

Indien

Nicaragua

Guyana

Indonesien

Kenia

Pakistan

Nigeria

Sri Lanka

Zimbabwe

Tadschikistan

Timor

Vietnam

Tab2: ,,LMICs"

Tabelle 3 führt die ,,LMICs" (Lower Middle Income Countries) mit einem

Bruttosozialprodukt pro Kopf zwischen $766 und $3 035 in 1995 auf:

Europa

Afrika

Asien

Ozeanien

Lateinamerika

Albanien

Algerien

Armenien

Fidschi

Anguilla (britisches

Ex-

Côte d′Ivoire Aserbaidschan Marschallinseln Schutzgebiet)

Jugoslawien Kamerun

Georgien

Mikronesien

Belize

Kongo

Iran

Niue

Bolivien

Marokko

Irak

(Außengebiet

Chile

Namibia

Jordanien

Neuseelands)

Costa Rica

Senegal

Kasachstan

Nordmarianen Dominica

Südafrika

Kirgistan

(US-

Dominikanische

Swasiland

Korea - Nord

Commonwealth- Republik

Tunesien

Libanon

Territory)

Ecuador

Macao

Palau (Belau)

El Salvador

Mongolei

Papua-

Grenada

Palästina

Neuguinea

Guatemala

Philippinen

Tokelau

Jamaika

Syrien

(Außengebiet

Kolumbien

Thailand

Neuseelands)

Kuba

Türkei

Tonga

Panama

Turkmenistan

Paraguay

Usbeskistan

Peru

11


St. Vincent und die

Grenadinen

Turks- und Caicos-

Inseln (unter

britischer Verwaltung)

Wallis und Futuna

(französisches

Überseeterritorium)

Tab3: ,,LMICs"

Tabelle 4 enthält den ersten Teil der ,,UMICs" (Upper Middle Income Countries), den

Staaten mit einem Bruttosozialprodukt pro Kopf zwischen $3 036 und $9 385 in 1995,

und zwar jenen unterhalb der Grenze für Weltbankkredite ($4715):

Afrika

Asien

Ozeanien

Lateinamerika

Botswana

Malaysia

Cook-Inseln

Brasilien

Gabun

(Außengebiet

Mexiko

Mauritius

Neuseelands)

St. Kitts und Nevis

Mayotte (französisches

Nauru

St. Lucia

Überseedépartement)

Suriname

Trinidad und

Tobago

Uruguay

Venezuela

Tab4: ,,UMICs

­ Teil 1"

Tabelle 5 führt die ,,UMICs" oberhalb der Grenze für Weltbankkredite ($4715 in 1992)

an:

12


Europa

Afrika

Asien

Ozeanien

Lateinamerika

Gibraltar

Libyen

Bahrain

Neu Kaledonien Antigua und

Malta

Seychellen

Korea - Süd

Jungferninseln Barbuda

Oman

(UK)

Argentinien

Saudi-Arabien

Barbados

Niederländische

Antillen

Montserrat (GB)

Tab 5: ,,UMICs ­ Teil 2"

Weiters unterscheidet das DAC seit 1996 noch die Länder und Territorien im

Übergangsstadium ("Schwellenländer"), dazu gehören zentral- und osteuropäische

Staaten und neue unabhängige Staaten der ehemaligen Sowjetunion (Central and

Eastern European Countries and New Independent States of the former Soviet

Union, CEECs/NIS) und höher entwickelte Entwicklungsländer und Territorien (More

Advanced Developing Countries and Territories), die in Tabelle 6 zu finden sind:

Europa

Asien

Lateinamerika

CEECs/NIS:

Brunei

Bahamas

Bulgarien

Katar

Estland

Kuwait

Lettland

Singapur

Litauen

Vereinigte Arabische

Moldawien

Emirate

Polen

Rumänien

Russland

Slowakei

Tschechische Republik

Ukraine

Ungarn

Weißrussland

Tab 6: "Schwellenländer"

13


Alle anderen Länder dieser Erde werden zu den ,,HICs" (High Income Countries) mit

einem Bruttosozialprodukt pro Kopf höher als $9 385 in 1995 gezählt.10

Die Einteilung nach UNDP und Weltbank sowie eine aktualisierte nach DAC sind

jährlich neu zum Beispiel im Internet zu finden:

UNDP: http://www.undp.org bzw. http://www.undp.org/undp/hdro/ für den

Human

Development Report (HDR)

Weltbank: http://www.worldbank.org

DAC: http://www.oecd.org/dac/

Trotz aller Probleme bei der Begriffsbestimmung wird in dieser Arbeit weiterhin

allgemein von Entwicklungsländern die Rede sein und im entsprechenden Kapitel

werden übergreifende Kriterien dargelegt und nicht die Unterschiede zwischen den

verschiedenen Indices und Einteilungen diskutiert. Abschließend sollen hier noch ein

paar grundlegende Aspekte zur Diskussion zum Thema ,,Entwicklungsländer"

angefügt werden:

- ,,Entwicklungsländer" sind eine sehr heterogene Gruppe, d.h. sie können sehr

unterschiedliche Entwicklungsmerkmale aufweisen.

- Zur Einteilung bietet die wissenschaftliche Literatur eine Reihe von

unterschiedlichen ­ teilweise auch interdisziplinären ­ Indikatorsystemen, die jedoch

in der Realität u.a. wegen einer mangelhaften Datenbasis und schlichtweg falschen

Gewichtungen zu umstrittenen, zum Teil auch absurden Einstufungen führen.11

- Die ,,Entwicklungsländer" werden heute primär unter ökonomischen Kriterien in

Gruppen eingeteilt, was an sich schon problematisch ist, weil soziale Unterschiede

mathematisch ,,geglättet" werden. Für die Zukunft werden aber insbesondere

ökologische Kriterien für einen gemeinsamen Entwicklungsprozess aller Staaten

ausschlaggebend sein.

10 Vgl. http://www.payer.de/entwicklung/entw01.htm

11 Vgl. Bliss, Frank et al, S. 106

14


Die Einteilung ist falsch! - Darstellung der Indikatoren und Kritik daran

Wie bereits im vorhergehenden Kapitel erläutert, gibt es keine einheitliche Definition,

sehr wohl aber einige immer wiederkehrende Indikatoren für Entwicklungsländer.

Anhand dieser wird ein Land mit den Industrieländern, die diese Indikatoren prägen

und entsprechend deren Gesellschafts- und Wirtschaftssystem diese formuliert

worden sind, verglichen und dementsprechend einem bestimmten Status zugeteilt.

Diese Indikatoren lassen sich in drei Gruppen einteilen: Wirtschaftliche, soziale und

politische Indikatoren, wobei die wirtschaftlichen immer noch die entscheidenden für

die Unterscheidung ,,Entwicklungsland versus Industrieland" sind. Zu jedem

einzelnen angeführten Punkt werden auch gleich einige Kritikpunkte und

Anmerkungen, persönliche Gedanken und Anregungen, angeführt, die die Kuriosität,

teilweise die Falschheit, dieser Indikatoren in der praktischen Anwendung aufzeigen

sollen. Das immer wiederkehrende Merkmal ist jenes der Orientierung an ,,höher,

besser, größer, schneller" bei der Bewertung.

1.) Wirtschaftliche Indikatoren:

a.) Die landwirtschaftliche Produktion je Landarbeiter, ausgedrückt in einer

kompatiblen ( = auf dem freien Markt tauschbaren) Währungseinheit (US-

Dollar), soll etwas über den Gesamtzustand der Landwirtschaft in einem Staat

aussagen. Ebenso verwendet werden als Indikatoren die Erträge je Hektar

Fläche, der Einsatz von Maschinen, Chemikalien oder Futtermitteln usw.

Die in Europa und den USA üblichen landwirtschaftlichen Betrieben produzieren mit

möglichst wenig Aufwand und Arbeitern und mit Einsatz von Chemie und Technik

möglichst viele Produkte, die nur selten für die Ernährung der Erzeuger und ihrer

unmittelbaren Umgebung, sondern für in- und ausländische Großhändler bestimmt

sind. An dieser Art werden nun Landwirtschaften in aller Welt gemessen. Erzeugt ein

Landwirt in einem afrikanischen Staat mit traditionellen Arbeitsmethoden, seit vielen

Generationen bewährt und im Einklang mit der ökologischen Situation, jene

Produkte, die der Ernährung seiner Familie dienen oder im Tausch an andere

Dorfmitglieder weitergegeben werden, trägt er nichts beziehungsweise negativ zur

Bewertung seines Staates bei. Dies gilt ebenso wenn ein landwirtschaftlicher Betrieb

in einem solchen Staat auf gleicher Fläche mit der zwanzigfachen Anzahl an

Arbeitern die gleiche Menge an Produkten erzeugt. Dass dabei einerseits wiederum

15


weniger Chemikalien und technische Hilfsmittel eingesetzt werden müssen und somit

ökologische Verträglichkeit gewährt bleibt, andererseits vielen Menschen Arbeit,

Einkommen und Selbstachtung gegeben wird, bleibt unberücksichtigt. Eine

ökonomisch optimal angepasste Form der Landwirtschaft, die mit geringstem

Aufwand alles notwendige für seine Kunden produziert, gilt somit als unterentwickelt.

b.) Der Verbrauch an Energie, insbesondere Elektrizität oder Stahl je Einwohner

gilt als Indikator für das industrielle Niveau eines Landes. Da man Industrie mit

,,entwickelt" gleichsetzt, stellt auch die Zahl der in diesem Sektor Beschäftigten

einen Indikator dar.

Das Gedankenkonzept hinter diesem Indikator entstammt längst vergangenen Zeiten

- als Industrialisierung der ,,Status optimale" war, Taylorismus und Fordismus als

Theorien zur optimalen Arbeit galten, Umweltverschmutzung kein Thema war.

Energieverbrauch zu senken gilt jedoch heute als positive Entwicklung. Außerdem

hat der Dienstleistungssektor in der Weltwirtschaft an Bedeutung stark zugenommen,

in der sogenannten ,,Ersten Welt" ist er vorherrschend. Wenn man also diesen

Indikator anwendet, gilt der Ruhrpott in Deutschland mit Industrie,

Umweltausbeutung und

­verschmutzung, Arbeitslosigkeit und fehlenden

Zukunftsperspektiven als höher entwickelt als Frankfurt am Main - ohne Industrie, mit

hoher Konzentration an Bankwesen, Forschung und Entwicklung ­ oder die

Computerzentren in Indien ­ ebenfalls ohne Industrie, künstliche Städte, in denen

weltweit inzwischen die höchste Konzentration an Programmierern und

Computerexperten zu finden ist.

c.) Die Höhe der Exporte (in US-Dollar) je Einwohner, der Exportanteil am

Bruttosozialprodukt sowie die Terms of Trade werden als Indikatoren für den

Bereich des Handels verwendet.

Das Problem bei all jenen Indikatoren, die auf Anteil oder Produkt pro Einwohner

abzielen, ist das gleiche, nämlich jenes der Verteilung unter den Einwohnern. Keine

Statistik, keine Berechnung enthält Angaben über die Anzahl derer, die Gewinn aus

etwas ziehen, beziehungsweise der meist viel größeren Zahl jener, die nichts davon

haben.

16


d.) Das Passagieraufkommen je Kilometer auf Eisenbahnen oder anderen

öffentlichen Verkehrsmitteln, motorangetriebene Fahrzeuge je 1000

Einwohner oder Tonnen/Kilometer Eisenbahn- oder andere Transporte je

Einwohner gelten als Indikator für den Stand des Transport- und

Verkehrswesens.

Dieser Indikator übersieht völlig erstens verschiedene geographische

Gegebenheiten, zweitens verschiedene Traditionen in Bezug auf Mobilität und

drittens in Bezug auf Transportmittel. So haben verschiedene Nomadenvölker, zum

Beispiel in den afrikanischen Wüstengebieten, eine für diese Gebiete

hochentwickelte Logistik entwickelt, die jedoch völlig ohne Eisenbahn oder öffentliche

Verkehrsmittel auskommt, auf Umwelt und Geographie des Landes Rücksicht nimmt

und angepasst ist und für ganze Völker Überlebensgrundlage ist. Eine

Modernisierung, eine Entwicklung bedeutet für diese Menschen ganz einfach den

Tod. Ebenso in Asien, dort aber aufgrund eines ökologische Kollapses, denn wenn in

China oder Indien eine ähnliche Zahl motorgetriebener Fahrzeuge für Passagier-

oder Warentransporte eingesetzt werden würde wie in Mitteleuropa oder den USA,

würde der folgende Schadstoffausstoß unweigerlich ganze Gebiete und Millionen

Menschen vergiften.

e.) Die Höhe des Bruttosozialproduktes (BSP) wird gleich in mehrfacher Hinsicht

als Indikator verwendet, z.B. BSP in US-Dollar je Einwohner eines Landes

oder die Anteile der Landwirtschaft, der Industrie oder des

Dienstleistungssektors am BSP etc.

,,Das Bruttosozialprodukt (BSP) ist eine Geldgröße, die das gesamte Ergebnis des

Wirtschaftsprozesses eines Landes in einem bestimmten Zeitraum, meist ein

Kalenderjahr, beschreibt. Es setzt sich zusammen aus der Summe der Investitionen

(für Maschinen, Gebäude, Infrastruktur), des gesamten Konsums (von der Nahrung

bis zum Privat-PKW) sowie der Differenz von Export minus Import. Fragwürdig ist die

Auffassung, mit wachsendem BSP steige die allgemeine Wohlfahrt und das

persönliche Wohlergehen. Zyniker könnten anführen, jeder schwere Verkehrsunfall

steigere das BSP, da ein neues Auto und Geräte in Krankenhäusern benötigt

würden."12

12 Bliss et al., S.38

17


Ein weiteres Problem ist bereits im ersten Punkt der Kritik an den Indikatoren

angeführt. Und was statistischen Kennzahlen wie dem BSP ohnehin immer

vorzuwerfen ist, ist die Vertuschung des Einzelnen, der Unterschiede, die

Vorgaukelung eines einheitlichen Niveaus des Zustands. So ist es möglich, dass für

ein Land mit extremen Einkommensunterschieden ein hohes BSP berechnet wird,

aber 40 Prozent der Bewohner unter dem Existenzminimum leben und hungern,

während in einem anderen Land mit deutlich geringerem BSP jeder wenig, aber alle

genug haben. Da stellt sich dann die Frage, was anstrebenswert ist für unsere eine

Welt.

f.) An weiteren Indikatoren werden der Prozentsatz der Lohn- und

Gehaltsempfänger an der Gesamtbevölkerung genannt, die Anzahl der in den

drei Bereichen Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen Beschäftigten

usw.

In unserer westlichen Gesellschaft sind Statistiken, Ordnungen, Vorschriften

Grundlage des Zusammenlebens. Alles ist erfasst, alles ist geregelt. In vielen

anderen Gebieten und Staaten gibt es keine genaue Erfassung von jeder Kleinigkeit,

es ist einfach nicht notwendig, nicht sinnvoll, nicht machbar. Oft weiß man nicht

einmal, wie viele Menschen in einem bestimmten Gebiet wohnen, was sollen dort

also Kennzahlen wie der Prozentsatz der Lohnempfänger? Somit wird meist nur ein

geringer Teil der Gesamtbevölkerung, jener, der in den der westlichen Gesellschaft

nachempfundenen urbanisierten Gebieten lebt, in die Indikatoren übernommen.

Solche Kennwerte sind aber extrem verzehrt und daher nicht brauchbar. Dass das

Zusammenleben und die traditionelle ,,Wirtschaft" in den nicht erfassten, weil nicht

erfassbaren Gebieten, mit Tauschhandel und Nomadenleben, mit Verschmelzung

der drei Sektoren und informellem Handel, ohne Verordnungen und formelle

Buchhaltung oft besser funktioniert als in den Großstädten, ist für viele Menschen in

Europa und den USA nicht vorstellbar.

2.) Soziale Indikatoren

a.) Der Grad der Alphabetisierung soll eine Aussage über das allgemeine

Bildungsniveau (hohe formale Bildung = entwickelt) machen, dazu u.a. auch

die Einschulungsrate, die Rate der Studenten an Hochschulen, der

Prozentsatz von Mädchen an den einzelnen Schulzweigen usw.

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Bildung ist nicht gleich Bildung. Das, was wir in der westlichen Gesellschaft als

notwendige, als sinnvolle, als wünschenswerte Bildung ansehen, ist ganz und gar

nicht jene Ausbildung, die Menschen in anderen Gebieten der Welt benötigen. Vor

allem die Schaffung einer universitären Bildungselite in den afrikanischen Staaten

entspricht der westlichen Bildungsauffassung. Was das Land, was die Menschen

aber benötigen, wäre eine Basisbildung, Grundlagen in Lesen, Schreiben, Rechnen,

die in einer drei- bis vierjährigen allgemein verpflichteten Schulform vermittelt werden

kann. Danach wäre aber eine handwerkliche, agrarische oder ähnliche Ausbildung

auf breiter Basis notwendig. Und zwar so, dass aufgrund der relativ kurzen Dauer die

Zahl der Abbrecher möglichst gering gehalten wird. Nicht sinnvoll ist eine

Allgemeinbildung ähnlich unseren AHS oder amerikanischen Highschools mit

anschließend fast zwangsläufig folgender Universität für alle und schon gar nicht - so

wie derzeit und auch in näherer Zukunft ­ nur für wenige auserwählte, bessersituierte

Menschen. Und vor allem die Richtung der Ausbildung sollte überdacht werden: So

wählten in den 60-er Jahren von 100 Studierenden in Ghana 96 ein

geisteswissenschaftliches Studium! Und auch wenn sich die Zahl inzwischen etwas

reduziert hat, das, was dieses Land am ehesten benötigt, sind Spezialisten in der

Agrarwissenschaft und Bodenkultur, wenn sich die Situation der Menschen bessern

soll. Nur bedarf es dafür wiederum vor allem einer Vielzahl an basisgebildeten

Menschen mit agrarischem Grundlagenwissen, die ,,die Arbeit machen". Nur

Häuptlinge und keine Indianer mehr ­ das kann nicht die Zukunft der Bildung sein,

nicht bei uns und schon gar nicht in den ärmeren Staaten Afrikas und Asiens. Daher

ist auch ein Indikator für Entwicklung, der genau diesen Trend fordert und fördert, zu

verwerfen!

b.) Die durchschnittliche Lebenserwartung soll eine Aussage über die

Ernährungslage und das Gesundheitswesen ermöglichen, ferner werden als

Indikatoren verwendet die Kindersterblichkeitsrate, die Zahl der Einwohner je

Arzt oder Krankenbett, Todesfälle aufgrund von Seuchen etc.

Der Schluss von durchschnittlicher Lebenserwartung auf Ernährungslage und

Gesundheitswesen ist nur begrenzt zulässig, da zusätzlich sehr viele andere

Faktoren einwirken wie zum Beispiel unnatürliche Todesursachen (Kindermord,

Kriminalität, Unfälle etc.). Außerdem ist ein linearer Zusammenhang zwischen

Ernährungslage und Lebenserwartung keineswegs gegeben, wenn man zum Beispiel

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Krankheiten aufgrund unserer Überflussgesellschaft berücksichtigt. Ebenso sind

Indikatoren wie Kindersterblichkeit von anderen Faktoren beeinflusst wie traditioneller

Einstellung zu Geschlechtern und daraus folgende Kindesermordung oder auch

Abtreibungsrate und Möglichkeiten zur Geburtenkontrolle. Und bei Einwohnern pro

Arzt sind weder Stadt-Land-Gefälle berücksichtigt noch traditionelle und alternative

Medizinformen, die in den nicht-westlichen Gebieten weit verbreitet und der

Schulmedizin oft überlegen sind. Wenn man jedoch diese Kritikpunkt und gegebene

Verzerrungen berücksichtigt, sind solche Indikatoren großteils recht brauchbare

Grundlagen für Beschreibungen ­ keinesfalls jedoch für Beurteilungen!

c.) Der Konsum von Proteinen gilt als Beitrag zur Bestimmung der

Ernährungssituation.

Auch hier gilt es, traditionelle und regionale Eigenheiten zu berücksichtigen und den

nicht-linearen Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit zu beachten,

dann ist auch dieser Indikator durchaus tauglich zur weiteren Beschreibung von

Ernährungszuständen.

d.) Die Personenzahl je Wohneinheit ist ein oft verwendeter Indikator, der etwas

über die allgemeinen Wohnbedingungen aussagen soll. Genannt werden

fernen als Indikatoren die Zahl von Wohnungen mit fließendem Wasser und

WC, Wohnungen mit Stromversorgung usw.

Auch hier sind die traditionellen Familienformen zu berücksichtigen, denn der bei uns

übliche Single- oder Klein- bzw. Kernfamilienhaushalt in einer Wohneinheit ist

keineswegs als Maß anzuwenden im Vergleich mit traditionellen Familienverbänden

mit sozialem Netz und Alten- und Kinderversorgung. Auch die Zahl der Wohnungen

mit Wasser und WC sind ein eurozentristisches Maß, da wiederum traditionelle und

regionale Eigen- und Gegebenheiten zu berücksichtigen sind. Außerdem ist zu

beachten, ob diese Wohnungen von den Bewohnern auch leistbar sind: Ein neues

Wohnhaus nach europäischen Standards zu bauen, ist vermutlich oft nicht das

Problem. Aber die Menschen müssen sich das Wohnen darin auch leisten können

und es muss den traditionellen Familiensystemen entsprechen. Ansonsten wäre zwar

die Zahl der Wohnungen und somit der Indikator hoch, die Nutzung jedoch und somit

der effektive Nutzen für die Menschen gering.

20


3.) Politische Indikatoren

a.) Die Auflagenhöhe von Tageszeitungen, bezogen auf 1000 Einwohner, die

Anschlussdichte von Telefonen, die Anzahl von Radiogeräten, Fernsehern etc.

soll den Zustand der Kommunikation in einem Land beschreiben.

Auch hier ist wiederum Rücksicht zu nehmen auf traditionelle und regionale

Eigenheiten sowie auf das Bedürfnis nach technischen Einrichtungen wie

Fernsehapparaten oder Telefonen. All diese Dinge sind global gesehen als

Luxusartikel zu betrachten, die einerseits für viele Menschen nicht notwendig, nicht

interessant, maximal verlockend sind, andererseits aufgrund von fehlender

Basisbildung bedeutungslos sind. Auch hier ist wiederum ein großes Stadt-Land-

Gefälle zu beobachten, andererseits die Bedeutung überregionaler Kontakte,

Kommunikation und Informationsverbreitung zu beachten. Drei abgelegene

Bergdörfer in den Anden werden vermutlich weniger Interesse an einer Tageszeitung

aus Lima oder einer Telefonverbindung mit den Städten im Tal haben als an den

sozialen und Handelsbeziehungen mit den Nachbarn und es würde ihre traditionellen

(Über-)Lebensweisen stark verändern oder gar zerstören, wenn vierundzwanzig

Stunden am Tag ,,Unterhaltung" und ein ganz anderes Leben per Fernsehapparat in

die Dörfer getragen würde. Aufgabe des Bauernlebens und Landflucht - wie ja

weltweit zu beobachten - wären die Folge. Also bleibt zu hoffen, dass noch ein paar

Jahre einige Gebiete bei diesem Indikator als unterentwickelt gelten!

b.) Der Grad der Freiheit politischer Organisationen und Presse oder des

Wettbewerbs zwischen Parteien soll etwas über die politischen Verhältnisse

aussagen. Angeführt werden als Indikatoren fernen der Zentralisierungsgrad

politischer Macht, die politische Bedeutung der traditionellen Eliten bzw. der

Militärs oder der wie auch immer zu definierende Grad administrativer

Effizienz (= Erfolg und Wirksamkeit von Verwaltung)

,,Es ist ja auch eine vor allem in westlichen Demokratien verbreitete Denkweise,

demokratische Freiheiten, wie sie bei uns definiert werden, anderen Freiheiten etwa

vor Hunger und Arbeitslosigkeit voranzustellen. Es nützt einem armen Inder recht

wenig, einmal alle paar Jahre wählen zu dürfen und das Recht zu genießen, seine

Meinung in Wort und Schrift zu verbreiten. Garantierte man ihm einem mittelmäßig

bezahlten Arbeitsplatz, so wäre für ihn gerade diese Garantie das höchste Recht als

21


Mensch in seinem Land. Gar eurozentristisch ist die Haltung, alles, was unserem

Verständnis von Demokratie entspricht, als allgemeingültig anzusehen und zugleich

alle anderen Interpretationen abzulehnen. Die in Ländern der Dritten Welt vielfach

vorkommende Verhandlungsdemokratie mit absolutem Minderheitenschutz ist etwas,

das bei uns nicht einmal in politischen Utopien vorkommt, geschweige denn

kurzfristig als realisierbar angesehen wird: Auch wenn es lange dauert, vielleicht

sogar tagelang, so diskutieren die Bewohner eines Dorfes, ob sie einem Brunnen

bauen wollen und wo dieser Brunnen hinkommen soll. Erst wenn alle einem

Vorschlag zugestimmt haben, ist der Beschluss gültig."13

Es sollte also weniger die Übereinstimmung des beurteilten politischen Systems mit

dem eigenen und den eigenen Präferenzen als die Folgen des Systems für die

Menschen in einem Staat und die Bedeutung für Leben und Überleben berücksichtigt

werden. Weniger Eurozentrismus und mehr soziales Hinterfragen würden diesen

Indikator objektiver, anwendbar und gültig machen, aber vermutlich für so manches

Industrieland ein trauriges Ergebnis bringen.

Eine weitere Gruppe von Indikatoren hat rein komparative Bedeutung und soll eher

beschreiben als werten, auch wenn dies häufig nicht beachtet wird. Hierzu zählen

Religion, die Umwelt, ethnischer Pluralismus und letztendlich auch der Grad der

Verstädterung.14

Auch bei diesen sollte die ego- beziehungsweise eurozentristische Maßsetzung

zugunsten einer Folgendiskussion fallengelassen werden und der Vorsatz der

Beschreibung unter möglichst objektiven Kriterien wieder in den Vordergrund rücken,

so wie es eben auch für die anderen angeführten Indikatoren sinnvoll wäre. Es bleibt

aber auch bei neuen, überdachten Kriterien die Frage offen, ob diese überhaupt

benötigt werden, ob nicht etwa soziale beziehungsweise soziologische Analysen

wirtschaftlichen Daten vorzuziehen sind und ob eine Einteilung der Welt in

verschiedene Welten aufrecht erhalten werden soll und kann.

13 Bliss et al., S. 41

14 Bliss, Frank et al., S. 36-38 für die Indikatoren

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Warum die Europäer Schuld tragen? - Kolonialismus und seine Folgen

,,Warum sollen wir denen helfen?", ,,Wir habe uns das auch selbst erarbeiten

müssen!" und ,,Die sind doch eh selbst schuld!" ­ Aussagen und Gedanken, die in

Europa und den USA immer wieder auftauchen, wenn es um die Situation ärmerer

Staaten und um eventuelle Hilfe für Entwicklungsländer geht. Was dabei oft

vergessen wird, ist die ,,europäische" Vergangenheit der meisten dieser Länder und

die Verantwortung, die Europa für die Entwicklung im Rest der Welt übernehmen

muss, oft aber noch nicht bereit und gewillt ist zu übernehmen. An Beispielen aus

dem in dieser Arbeit schon mehrfach zitierten Buch ,,Entwicklung und Abhängigkeit"

von Bliss, Ehrenberg und Schmied soll diese Verantwortung aus der Geschichte für

die gegenwärtige Situation dargestellt werden.

Zum Beispiel Indien: Die wirtschaftliche Seite

Indien war zu Beginn der britische Herrschaft ein wohlhabendes Land (mit allerdings

bereits damals ungerechter Wohlstandsverteilung), in dem Industrien, Landwirtschaft

und Handwerk auf die Umwelt und das soziale Leben abgestimmt waren. Neben dem

Abzug von Reichtümern jeder Art, vor allem von Rohstoffen, wurde das Land in

britischer Zeit vor allem Absatzgebiet für teure englische Industriewaren. Um diese

aber absetzen zu können, musste zunächst einmal die einheimische indische

Konkurrenz ausgeschaltet werden, durch Zerstörung der Produktionsstätten und

durch Verbote an die Bevölkerung, indische Waren zu kaufen. Das gelang unter

Anwendung von Polizeiterror so vollständig, dass bis zum Ersten Weltkrieg so gut

wie keine Industrie mehr vorhanden war und der traditionelle Binnenhandel

vollständig in britischer Hand oder in der weniger, von Engländern privilegierter

Fürsten blieb. Die Folgen für das unabhängige Indien waren vor allem das Fehlen

von Grundlagen für einen Aufbau moderner Gewerbezweige und von technischem

Know-How. Hinzu kam auch die heute noch vom heutigen indischen Staat kaum

bekämpfte Landflucht jener Massen, die auf dem Land keine

Einkommensmöglichkeit außerhalb der Landwirtschaft fanden und die Städte füllten.

Zum Beispiel Algerien: Ein Land wird zur Steppe

Wenn heute das algerische Grünland am Mittelmeer oft kaum mehr als 50-100

Kilometer tief ins Landesinnere reicht, so ist das kein gottgewollter natürlicher

Zustand. Die Franzosen, zum Großteil als Siedler ins Land gekommen, drängten die

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algerischen Bauern in wenig produktive und ökologisch sensible Gebiete zurück und

errichteten auf dem erbeuteten Land die heute noch ­ in Hand des Staates ­

bestehenden Großfarmen mit ihren Monokulturen, vor allem Wein und Weizen. Unter

anderem im Gebiet zwischen den beiden Zügen des Atlasgebirges, früher eine der

Natur angepasste einträgliche und viele Zehntausende Nomaden ernährende

Weideregion, wurde der Boden aufgerissen und bepflanzt. Das restliche Land, auf

das die Einheimischen zusammengedrängt wurden, musste von diesen völlig

übernutzt werden, wenn sie überleben wollten. Die heute noch zu beobachtenden

Folgen sind eine weit verbreitete Bodenerosion, entweder durch Überweidung

verursacht oder durch die in diesem Naturraum einfach nicht zu verkraftende

Zerstörung der bodenschützenden Schicht. Wo früher eine feste, graswurzelnde

Oberfläche war, rissen im Winter die Wassermassen den umgepflügten,

freiliegenden Boden zwischen den Weinstöcken auf. Es entstanden tiefe

Erosionsrinnen, du der Humus von ganzen Flächen wurde abgespült. Der Wind im

Frühjahr fegte das restliche lose Material davon. Heute können wir Hunderte von

Kilometern durch das Hochland fahren, wo nichts als Halbwüste ist. Im letzten

Jahrhundert begann also aus der kolonialen Situation heraus das, was wir heute

erstaunt als das ,,Vordringen der Sahara" nach Süden oder in diesem Fall nach

Norden feststellen.

Im Süden der Sahara war es übrigens ganz ähnlich. In Ländern wie Mali oder dem

Niger vertrieb die Kolonialmacht die Menschen von guten Böden und zwang sie

dazu, in sensiblen Savannengebieten das Land übermäßig auszubeuten, so dass es

auch hier zu Desertifikation, zu menschengemachter Wüstenbildung kann. Auf den

guten Flächen aber wurde mit Maschinen für den Export ins ,,Mutterland" produziert,

mit wenigen Arbeitskräften, aber höchst profitabel. Die unabhängigen Staaten fanden

als Ergebnis der Kolonialzeit entweder vergrößerte Wüsten vor oder

landwirtschaftliche Flächen, die mit dem Mitteln der betroffenen Länder kaum zu

bewirtschaften waren.

Zum Beispiel Senegal: Ausbildung und Studium in Frankreich

Der Senegal ist ein Land mit 12 größeren ethnischen Gruppen. Als die Franzosen

Mitte des 19. Jahrhunderts eindrangen, stellte man deren kulturellen Einflüssen vom

Islam geprägte Erneuerungsbewegungen in Religion und Politik entgegen. Die

kulturpolitische und verwaltungstechnische Antwort der Kolonialherren war die

24


Spaltung der Gesellschaft, indem man einen Teil der Einwohner neu gegründeter

und damit stark kontrollierter Städte die französische Staatsbürgerschaft ,,schenkte".

Das senegalesische Volk wurde damit erfolgreich aufgespalten in solche, die sich als

Franzosen fühlen durften, in Paris studierten und fortan zumeist auch unbewusst die

,,weiße Seele in schwarzer Haut" in ihrem Land umhertrugen, und die große

Bevölkerungsmehrheit, die vom Einfluss her aber zur afrikanischen Minderheit

wurde. So kann es nicht verwundern, dass mit Persönlichkeiten wie dem

zweifelsohne bedeutenden früheren Staatschef L.S.Senghor Senegalesen kulturell

wie politisch dominierten, die selbst dann, wenn sie den afrikanischen Nationalismus

und die Bedeutung der afrikanischen kulturellen Tradition betonen, dieses aus Sicht

und mit dem Mitteln der europäischen Geisteswissenschaftler betrieben. Eine

senegalesische Nationalkultur, eine wesentliche Voraussetzung für eine

unabhängige und selbstbewusste Entwicklungspolitik, ist damit auf Generationen

unmöglich gemacht worden.

Zum Beispiel Tunesien: Arabischunterricht in französischer Sprache

Tunesien wurde von 1881 bis 1956 von Frankreich mehr oder weniger als Kolonie

beherrscht, wenngleich man dem Dey von Tunis einige Restbefugnisse beließ. Als

die Franzosen in das Land eindrangen, gab es kein alle Kinder des Landes

erreichendes Bildungssystem nach europäischem Vorbild, wohl aber eine Reihe von

Einrichtungen, in denen neben der Religion des Islam andere Dinge gelehrt wurden,

die wie Lesen, Schreiben oder islamische Tradition auch heute noch wesentliche

Bestandteile des Unterrichts sind ­ wieder sind, müsste man besser sagen. Denn die

Franzosen schafften in dem arabischen Land Arabisch als Sprache im

Bildungssektor fast völlig ab. Französische Sprache, Geschichte und Geographie

sind nur einige Fächer, die tunesischen Kindern beigebracht wurden, sofern sie zu

den wenigen gehörten, die überhaupt einen Platz in den Schulen erhielten. Dies

paradoxe Situation ging so weit, dass an der Universität von Tunis in den 50er

Jahren arabische Literatur und Sprache auf Französisch gelehrt wurde. Als das Land

1956 seine Unabhängigkeit wiederbekam, konnte kaum jemand mit Schul,,bildung"

noch richtig Arabisch. Sämtliche Lehrinhalte und Lehrpläne an den Hochschulen

mussten in mühevoller Kleinarbeit umgeschrieben und praktisch das gesamte

Schulwesen musste in einem mühsamen Prozess auf Tunesien selbst zugeschnitten

werden. Begonnnen wurde an den Grundschulen, wo ein Fach nach dem anderen

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auf Arabisch umgestellt wurde, und es dauerte fast eine Generation, bis genügend

Lehrer zur Verfügung standen, die in einem arabischen Land in der Lage waren, den

Unterricht auch an höheren Schulen in der Landessprache zu gestalten.

Zum Beispiel Marokko: Der eine beherrscht den anderen

Obwohl weder die Franzosen die herausragenden Kolonialherrscher noch die

nordafrikanischen Staaten die allein Geschädigten des Kolonialismus sind, sei

anhand von Marokko auf eine weitere aus der Kolonialzeit resultierende Ursache für

schlechte Startbedingungen nach der Unabhängigkeit verwiesen, das Prinzip ,,Teile

und herrsche". Spannungen zwischen dem kulturell zumeist arabisch beeinflussten

Herrschaftsgebiet des Sultans von Marokko und den mehr oder weniger

unabhängigen Berberstämmen der Atlasregion und des Rif wurden von den

Franzosen ausgenutzt, indem man zuerst die Araber gegenüber den Berbern, später

die letzteren zu Lasten der Araber bevorzugte, teilweise sogar zur Unterdrückung der

anderen benutzte. Während das gesamte Sultansland strengen französischen

Gesetzen unterworfen wurde, gewährte man den Berbern, oder besser gesagt ihren

Führern, weitgehende Autonomie, ließ sie sogar bei Spannungen Frankreichs mit

dem Sultan gegen diesen militärisch ausrücken. Nach dem Prinzip ,,Teile und

herrsche" ging man sogar so konsequent vor, dass der Lohn, den der gerade

,,Begünstigte für sein Wohlverhalten erhielt, wider alle Menschlichkeit sein durfte. So

konnte der Fürst von Marrakech (der ,,Glaoui") ein Imperium mit mittelalterlichen

Methoden aufbauen, bei denen Sklaverei, Vergewaltigung, Folter und Beraubung der

Untertanen ­ und das bis in die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts! ­ an der

Tagesordnung waren. Als Gegenleistung stellte der Glaoui den Franzosen mehr als

einmal seine Macht zum Kampf gegen den (arabischen) Sultan zur Verfügung. Auch

wenn viele Marokkaner dieses Spiel mit den ethnischen Gruppen des Landes

durchschauten, ist es bis heute nicht gelungen, die damals fremdgesteuerten

Spannungen zwischen arabisch- und berbersprachigen Ethnien völlig aufzuheben.

Die angeführten Beispiele ließen sich beliebig fortführen, teilweise noch krasser

darstellen. Wesentlich ist, dass erkannt wird, mit welchen unterschiedlichen

Auswirkungen der Kolonialzeit die Länder im Süden heute zu kämpfen haben,

welche Behinderungen ihrer Bewegungsfreiheit berücksichtigt werden müssen, wenn

26


man das wirtschaftliche, kulturpolitische oder auch umweltorientierte Handeln der

Regierungen beurteilen oder gar bewerten will. Aus Platzgründen konnte dabei nicht

einmal näher auf die oft willkürlichen kolonialen Grenzziehungen eingegangen

werden, mit denen vor allem Afrika noch heute leben muss. Ganze Völker wurden

auf zwei oder mehrere Staaten verteilt (z.B. im Sahel), wirtschaftliche Großräume

wurden zerschnitten und unzählige weitere Probleme für die zukünftige

Nationwerdung geschaffen. Politikern, Bauern oder Arbeitern in ehemaligen Kolonie

ihre fehlende Erfahrung, schlechte Wirtschaftsführung oder gar den katastrophalen

ökologischen Zustand ihrer Länder vorzuwerfen, sind in vielen Fällen (weitaus nicht

allen Fälle!) mit die peinlichsten Ausrutscher, die den Nachfahren der alten

Kolonialherren heute möglich sind.

Abschließend sollen hier noch eine modernere Form des Kolonialismus genannt

werden, nämlich einige Arten der ,,Internationalen Entwicklungszusammenarbeit".

Während die Entwicklungszusammenarbeit" in der Öffentlichkeit ohne jede

Differenzierung als großmütige Hilfe für arme Länder in der ,,Dritten Welt" dargestellt

wird, ist sie doch in zahlreichen Fällen nichts anderes als die direkte Fortsetzung des

alten Kolonialismus ohne militärische Mittel. Als eines der schlimmsten Beispiele

kann dabei die Weizenpolitik der USA im Hinblick auf Länder wie Ägypten oder die

Elfenbeinküste angesehen werden. Erst schenkt man einem keinesfalls bedürftigen

Land Getreide im Überfluss, bis dort selbst kaum noch etwas angebaut werden kann

(preislich kann kein Bauer der Welt die Konkurrenz mit kostenlosem Weizen

bestehen) und das Land im wahren Sinne des Wortes hilfebedürftig wird. Dann

werden die Geschenke auf einmal zu teurer Importware, die ein land hoch

verschuldet und damit verarmen lassen. Oder das Land hoch verschulden und damit

verarmen lassen. Oder das Land wird politisch auf Gedeih und Verderb an den

Weizen,,spender" ausgeliefert und muss sich so verhalten, wie der Spender es für

richtig hält. Eine derartige Politik wird auch als Neo-Kolonialismus bezeichnet.15

15 Bliss et al., S. 18, 22-27

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Schlusswort

Wie der Ausweg aussieht, um einen Verbesserung der Situation für alle Menschen

dieser Welt, unabhängig von ihrer Rasse, Herkunft, Ort, an dem sie leben, nur

abhängig von ihren individuelle Bedürfnissen, zu erreichen, dass weiß leider

niemand. Aber eine Verbesserung der Situation jener Menschen, die in den armen

Ländern, vor allem auf der südlichen Erdhalbkugel, leben, kann nur in den Köpfen

beginnen, jedoch gefolgt von praktischer Anwendung und Umsetzung. Das

Umdenken betrifft einerseits die Menschen in Europa und den USA, und zwar in der

Änderung der Sichtweise der Verantwortung für die Lage anderer Menschen, in der

Art, wie man sich diesen Ländern gegenüber verhält, und im Verhalten, vor allem

Konsumverhalten, mit dem man den verdeckten Kolonialismus am Leben erhält. Vor

allem die Sichtweise, die Bewertung, die Einstellung gegenüber den

,,Entwicklungsländern" muss sich ändern, solange diese als unterentwickelt, weniger

zivilisiert und wert, nicht als gleichberechtigte Partner mit anderen Voraussetzungen,

solange die Menschen in diesen Ländern Bittsteller und die in Europa und den USA

als großherzige Spender gesehen werden, wird es auch zu keiner relevanten

Änderung kommen. Ebenso muss sich die Einstellung bei den Regierungen, aber

auch den ,,kleinen Menschen" in den verarmten Staaten ändern. Denn solange man

sich als abhängig von fremder Hilfe sieht, für diese Hilfe alles gibt, sich eher mit

fremden, zum Beispiel den Hilfegebern, als den eigenen Leuten solidarisiert, bleibt

man abhängig und biegsam für Einflüsse von außen. Eine Besinnung auf das

Gemeinsame nach Innen, eine Stärkung des ,,Wir"s, eine gewisse Abgrenzung nach

außen, vor allem gegen eine unreflektierte Übernahme jeglicher Vorgaben und

Gedanken, wird ein erster Schritt in Richtung Gleichberechtigung, Gleichstellung und

internationale Partnerschaft sein. Dann muss es auch möglich sein, selbständig zu

entscheiden, freie Entscheidungen zu treffen, dazu gehört dann auch die Freiheit,

Hilfe anzunehmen oder auch abzulehnen. Erst dann können praktische Maßnahmen

beginnen, die nicht nur eine kurzfristige Notlinderung im Katastrophenfall oder eine

Steigerung der Abhängigkeit und Fortsetzung des Kolonialismus bedeuten, die nicht

an Bedingungen gebunden sind, sondern langfristig stabile Verbesserungen für die

Menschen bringen.

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Literaturverzeichnis

Bücher:

Abdelnasser Hassan Mohammed: ,,Entwicklungsländer (Allgemeine Kennzeichen ­

Entwicklungshilfe)" Inaugural-Disseration zur Erlangung der Doktorwürde an

der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Karl-Franzens-

Universität Graz, Graz, April 1967

Bliss, Frank, Ehrenberg, Eckehart, Schmied, Ernst A.:

,,Entwicklung und Abhängigkeit ­ Eine Einführung zur entwicklungspolitischen

Bildung" 2.Auflage, herausgegeben von Polit. Arbeitskreis Schulen e.V.; Bad

Honnef: Horlemann, 1993

Brusatti Doz. Dr. Alois, Karpstein Dkfm. Herta und Wintersberger Dkfm. Dieter:

,,Österreichische Entwicklungshilfe ­ Leistungen und Möglichkeiten unter

besonderer Berücksichtigung der Vermittlung von Wissen und technischem

Können" - Österreichische Schriften zur Entwicklungshilfe, Band 2,

herausgegeben von Prof. Dr. Leopold Scheidl, Vorstand der

Forschungsinstitutes des Österreichischen Auslandsstudentendienstes, Wien

1963, Verlag Ferdinand Berger, Horn

Wirth Heinz: ,,Aspekte des Zusammenhangs von Entwicklungshilfe und

Entwicklungsplanung in Tansania" Inaugural-Dissertation zur Erlangung der

Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-

Wilhelms-Universität zu Bonn, Bonn 1985

Internet:

http://www.payer.de/entwicklung/entw01.htm (Mai 2000)

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