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Ferrara zur Zeit Ariosts

Other, 1998, 16 Pages
Author: Achim Ehrenberg
Subject: History - Middle Ages, Early Modern

Details

Institution/College: University of Bremen
Tags: Ferrara, Renaissance, Ariost
Category: Other
Year: 1998
Pages: 16
Grade: 1
Language: German
Archive No.: V98807
ISBN (E-book): 978-3-638-97258-1

File size: 72 KB
Notes :
Hilfreich bei Arbeiten zu Goethes Tasso, zur Renaissance, zur ital. Kulturgeschichte



Fulltext (computer-generated)

Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

Ferrara zur Zeit Ariosts

Verfasser: Achim Ehrenberg

Seminar: Ariosto: "Orlando furioso"

Seminarleitung: Patrizia Farinelli

Universität Osnabrück

0. Vorwort

Das vorliegende Referat entstand im Arbeitszusammenhang eines Seminars zu

Ariosts "Orlando Furioso". Es soll versucht werden, den kulturellen Kontext des

Werkes zu Beginn des !6. Jahrhunderts in Ferrara zu beschreiben.

Im Rahmen dieser Arbeit werde ich keinen Überblick über die Literatur zum Thema

geben. Während der Arbeit am Thema konnte ich allenfalls die Literatur, die eher

zufällig in den Universitätsbibliotheken Bremens und Osnabrücks vorhanden ist,

einsehen. Auch über die Fernleihe konnte ich nur auf eher zufällige Quellen zurück-

greifen.

Dennoch hoffe ich, einen angemessenen Einblick in die Problematik geben zu

können. Von Bedeutung kann die Arbeit für alle sein, die sich für

· die italienische Spätrenaissance,

· die Autoren Ludovico Ariosto und Torquato Tasso oder

· die Entstehung des Absolutismus aus der Renaissance

interessieren.

Inhalt

0.

Vorwort

1.

Einleitung

2.

Italien im ausgehenden 15. Jahrhundert

3.

Ferrara zwischen den Hegemonialmächten

4.

Die Entwicklung der Stadt Ferrara

5.

Die Organisation des Hofes

Exkurs: Die Verwaltung des Hofes

6.

Resümee / conclusioni

7.

Literatur

Anhang: Überblick in Daten

1.

Einleitung

Im folgenden werde ich zunächst einen allgemeinen Einblick in die Geschichte

Italiens zu Beginn des 16. Jahrhunderts geben. Diese Darstellung folgt der mir zur

- 1 -


Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

Verfügung stehenden Standardliteratur 1. Anschließend zeichne ich die Geschichte

der Stadt Ferrara unter der Herrschaft der Este nach und gehe dann auf die spezielle

Literatur zur höfischen Kultur in Ferrara ein. Dabei waren mir neben einigen

Aufsätzen vor allem die Werke von Chledowski, Piromalli und Gundersheimer2

besonders hilfreich. Zum Abschluß zeichne ich etwas differenzierter die

Organisation des höfischen Lebens nach, wie sie am Ende des 15. Jahrhunderts

gegeben war und in das Niccolò und sein Sohn Ludovico Ariosto integriert waren.

Im Anhang finden sich einige Schautafeln, Graphiken und Tabellen, die ich für das

mündlich vor der Seminargruppe gehaltene Referat benutzt habe.

2.

Italien im ausgehenden 15. Jahrhundert

Während es im 14. Jahrhundert in Italien im Schatten der Spannungen zwischen

Papst und Kaiser noch eine Vielzahl von selbständigen Staaten mit einem

ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung gegeben hatte und sich im 15. Jahrhundert

eine kleine Zahl von regionalen italienischen Großmächten herausgebildet hatte,

was die kulturelle Blüte der Renaissance erst politisch ermöglichte, gerieten die

italienischen Regionen als regionale Fürstentümer mit ihren höfischen Zentren im

16. Jahrhundert unter die Hegemonie Habsburgs. Im Windschatten Habsburgs

konnten sich auch anachronistisch gewordene halbautonome Kleinstaaten einige

Jahrzehnte behaupten. Hierzu gehört auch Ferrara mit seinem Hof der Este.

Ferrara wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts in den auf italienischen Terrritorium

ausgefochetenen Weltkonflikt zwischen den Habsburgern und der Französischen

Krone hineingezogen. Die Zeit, in der Ariost mit seinen Bindungen an den Ferrareser

Hof lebte, war insofern für ganz Italien dramatisch, als das Kräftegleichgewicht, das

Mitte des 15. Jahrhunderts nach dem Frieden von Lodi (1454) zwischen den da-

maligen italienischen Großmächten Neapel, Rom, Florenz, Venedig und Mailand

durch die Intervention der europäischen Hegemonialmächte, zuerst Frankreichs,

dann auch Habsburgs, gestört wurde. Zunächst marschierte Karl VIII. 1494 in Italien

ein. Mit dieser Intervention wendet sich die politische Geschichte Italiens. Für zwei

Jahrhunderte hatten sich die Regionen Italiens weitgehend selbständig entwickeln

können, ohne fremde Hegemonialmächte. Für Jahrzehnte haben die Humanisten von

einem neuen Zeitalter träumen können. Die Intervention des französischen Königs

1G. Procacci, 1987, Storia degli italiani, Bari: Laterza

W. Goez, 1988, Geschichte Italiens in Mittelalter und Renaissance, 2. Aufl.,

Darmstadt: Wiss.Buchges.

Ruggiero Romano und Alberto Tenenti, Die Grundlegung der modernen Welt,

Frankfurt (Fischer) 1967 ff.

2 C. von Chledowski, 1919, Der Hof von Ferrara, München: Georg Müller

W.L. Gundersheimer, 1973, Ferrara: the Style of a Renaissance Des-potism,

Princeton

W.L. Gundersheimer, 1972, Art and Life at the Court of Ercole d`Este, Genf

A. Piromalli, La cultura a Ferrara al tempo di Ludovico Ariosto (1953), Roma 1975

(2)

- 2 -


Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

bewirkt nicht nur militärische Turbulenzen, sondern erschüttert auch das

Selbstverständnis einer Epoche. "Avec 1494, une page est définitivement tournée.

L´équilibre italien est rompu; la guerre jette bas les convictions et les espoirs des

humanistes. Ils ne croient plus désormais en la capacité de l´homme à soumettre les

hasards et le monde. Tant rêvé, tant attendu, l´âge d´or va laisser la place à un age de

fer." (I.Cloulas, 1990, 210)

Durch die relativ plötzliche Expansion Habsburgs zu Beginn des 16. Jahrhunderts -

1519 wird Karl V. gegen Franz I. (1515-1547) zum Kaiser gewählt - wird nicht nur

die politische Landschaft Italiens, sondern ganz Europas gravierend verändert.

Habsburg stellte sich dem Übergewicht Frankreichs in Italien entgegen. Während die

Franzosen Ansprüche auf Mailand und Neapel behaupteten, waren die Städte der

Lombardei der Form nach kaiserliche Lehen und das Königreich Neapel ein Erbland

der spanischen Krone. Diese Frontstellung provozierte das Wiederaufleben des jahr-

hundertealten Gegensatzes von Papsttreuen und Kaiserlichen in Italien. Der Medici-

Papst Clemens VII. (1523-1534) stützte sich auf das altbewährte antihabsburgische

Bündnis von Franzosen, Venedig, Florenz und dem guelfischen Adel in Rom. Karl

V. hingegen setzte auf seine Söldnerführer, die Colonna und Alfonso von Este,

Herzog von Ferrara.

Die Auseinandersetzung gipfelte in der Schlacht bei Pavia, bei der die Kaiserlichen

einen Sieg erfochten und Franz I. in Gefangenschaft setzten. Kurze Zeit später setzte

sich die Auseinandersetzung fort im sacco di Roma (1527), dem neun Monate

währenden Gemetzel süditalienischer, spanischer und protestantischer deutscher

Söldner in Rom. Anführer eines kaiserlichen Truppenkontingents wurde Isabella

d`Estes Sohn Federico, der Marchese von Mantua, der später von Karl V. mit einem

Herzogtitel bedacht wurde. Ihm zur Seite standen Vespasiano Colonna und sein

Vater Luigi Gazzuolo, "dem man wegen seiner Kraft und seines Draufgängertums

den Spitznamen "Rodomonte" gegeben hatte" (Confurius 1991, 33) (in Anspielung

auf den Sarazenenkönig in Ariosts "Orlando").

3.

Ferrara zwischen den Hegemonialmächten

Während der Regierungszeit Alfonsos I. kommt es zu den Erruptionen, die zur

politischen Neustaltung Italiens unter den Habsburgern führen. Ferrara steht bis 1530

in unterschiedlichen Lagern. 1509 kann Alfonso I. die nach 1482 an Venedig

verlorenen Gebiete wieder eingliedern. 1510 wird er vom Papst exkommuniziert und

abgesetzt. Alfonso I. verliert Modena und Reggio. Nach zehn Jahren erst gelingt ihm

zunächst an der Seite der Franzosen 1521 die Wiederangliederung Reggios, 1527

kommt es, jetzt an der Seite der Spanier, der Anschluß Modenas.

Nach dem politischen Chaos und dem weiteren wirtschaftlichen Niedergang tritt eine

Stabilisierung ein zwischen den beiden Hegemonialmächten Frankreich und

Habsburg im sogenannten Damenfrieden von Cambrai (3.August 1529), so genannt,

weil zwei Frauen diesen Frieden aushandeln, Louise von Savoyen, die Mutter Franz´

I., und Margarete von Österreich, die Tante Karls V.

Frankreich verzichtet auf Ansprüche in Italien, auf Mailand, Habsburg auf

Ansprüche in Burgund. Damit ist eine für Jahrhunderte wichtige Entscheidung für

Italien gefallen: eine weitgehend selbständige Entwicklung der italienischen Mächte

ist ausgeschlossen. Habsburg wird zur bestimmenden Größe auf der Halbinsel bis ins

19. Jahrhundert.

- 3 -


Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

Die für Italien relevanten Bestimmungen werden Monate später in Bologna von Karl

V. und Papst Clemens VII. festgelegt: Mailand wird unter den Sforza zunächst

spanisches Protektorat, nach 1535 kommt Mailand unter Gouverneuren direkt unter

kaiserlich-spanische Herrschaft. Genua erhält unter der Herrschaft der Doria eine

eher nominelle Unabhängigkeit. In Süditalien kommen Neapel und Sizilien direkt

unter die spanische Krone. Zum Abschluß der Versammlung von Bologna (22.

Februar1530) muß Papst Clemens VII. - für ihn eine Demütigung - Karl V. die

Kaiserkrone aufsetzen.

Florenz hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt den Ansprüchen widersetzen können und

hatte nach der Vertreibung der Medici den Weg zurück zur Republik gefunden. Der

neuen Hegemonialmacht können sich die Florentiner nicht entgegenstellen: sie

müssen die Wiedereinsetzung der Medici, die sie erneut vertrieben hatten,

akzeptieren: die Medici werden zunächst Herzöge, später Großherzöge der Toskana.

Die in Bologna besiegelte Neuordnung sollte in den kommenden Jahrzehnten trotz

immer wieder aufbrechender Konflikte zwischen den Franzosen und Habsburgern

Bestand haben.

Für Ferrara bedeutete das Ergebnis von Bologna die Rückkehr der Este: Sie erhielten

ihre angestammten Besitzungen in der Emilia, mußten aber Modena und Reggio an

den Papst zurückgeben. Der Papst bestätigte den Este gegen ein Zahlung von

100.000 Dukaten die Herrschaft über Modena und Ferrara.

Unter der Vorherrschaft der Habsburger wird zunächst eine gewisse Ordnung

restauriert, auch wenn es in der Folgezeit immer wieder zu Konflikten mit

Frankreich kommt, die auf italienischem Boden ausgetragen werden (1538 und

1542). Ohne Zustimmung der Habsburger sind territoriale Veränderungen jedoch

kaum möglich. Aber diese Ordnung ist die einer fremden Hegemonialmacht. Das

Selbstbewußtsein der Humanisten des 15. jahrhunderts ist gebrochen und die

Desillusionierung gerade der führenden Intellektuellen sitzt tief. Gerade auch in

Ariostos Hauptwerk, im "Orlando Furioso", ist dieser tiefe Pessimismus zu erkennen.

Der kulturelle und politische Niedergang der italienischen Zentren, der sich trotz der

Blüte im ausgehenden 15. Jahrhundert ankündigte (Verlagerung der wirtschaftlichen

und politischen Zentren nach Westen an den Altantik: Spanien, Frankreich und

England), war damit zunächst aufgehalten. Die sehr unterschiedlichen Versuche

waren gescheitert. In der politischen Theorie am bedeutsamsten ist hier der Versuch

Machiavellis, mit Hilfe neuzeitlicher Machtpolitik einen italienischen Herrscher

(einen Medici) zur Eroberung der politischen Macht in Italien zu bewegen.

Seit dem Einmarsch Karls VIII. waren viele Hoffnungen und politische Konzepte

zerstört: "da quello savonaroliano di una restaurazione comunale e religiosa, a quello

coltivato alla corte di Leone X di un´alleanza tra le lettere e la pietà e di un ritorno

alla felice stagione dell´equilibro e dell´Umanesimo, a quello infine di una rigenera-

zione totale della vita italiana sul modello delle grandi monarchie straniere intravisto

dal Machiavelli." (Procacci 1987, 188/189).

4.

Die Entwicklung der Stadt Ferrara

Welche Rolle spielt nun Ferrara in diesen Auseinandersetzungen zu Beginn des 16.

Jahrhunderts? Die Geschichte Ferraras ist seit dem Mittelalter eng mit dem

Fürstenhaus der Este verbunden. Die Este waren die Herren, später die Grafen, dann

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Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

die Herzöge von Ferrara, Modena und Reggio. Anders als die Herrscherhäuser

anderer oberitalienischer Städte, die im Spätmittelalter aus den Kaufmannsge-

schlechtern der städtischen Oligarchien entstammten und zum Teil nur mit Mühe

ihrem Namen genealogischen Glanz verleihen konnten, standen die Este in

jahrhundertealter Adelstradition. Markgräfin Mathilde - jene berühmte Besitzerin der

Burg von Canossa, die Heinrich IV. bei seinem Bußgang zu Gregor VII. aufsuchte -

hatte Ferrara der römischen Kurie übergeben, die dieses Land wiederum 1208 als

Lehen an die Este weitergab. Deutlich wird hierdurch die enge Bindung Ferraras an

Rom in der Zeit der großen Auseinandersetzung zwischen Guelfen und Ghibellinen

im 13. und 14. Jahrhundert. Die Este waren die Herren der Stadt bis 1597, als das

Geschlecht der Este ausstarb und Ferrra im Kirchenstaat aufging. Sicher gilt bis

heute, daß sich das Geschlecht auf Albert Azzo II. Este, der 1077 Heinrich IV. nach

Canossa begleitete, zurückführen läßt. Die andere Bindung ist die an Frankreich,

die aus der Zeit der Kreuzzüge herrührt. Die Lombardei und die gesamte Poebene

gehörten zum Durchzugsgebiet der Kreuzritter, die in der frühen Phase ihr Ethos und

ihre Legitimation aus den Mythen um die Gestalten aus dem Kreis um Karl den

Großen bezogen. Das Rolandslied hatte in dieser Region Tradition. Versuche, die

Genealogie der Este bis in Karolinger Zeit oder gar ins Römische Reich

zurückzugehen, gehören ins Reich der politisch motivierten Versuche, dem Herr-

scherhaus weitere Legitimation gegenüber konkurrierenden Interessen zu

verschaffen.

Erst im 14. Jahrhundert verliert die Stadt mit dem Ausbau ihrer Universität (1402) -

die Universität wurde im 13. Jahrhundert unter Kaiser Friedrich II. gegründet - die

Rückständigkeit. Mit Ugo da Siena, Giovanni Aurispa und Guarino da Verona zieht

Niccolo III. (reg. 1393-1441) führende Intellektuelle an den Ferrareser Hof. Alberti

und Mantegna kommen nach Ferrara. Der kulturellen Blüte korrespondiert zu dieser

Zeit ein wirtschaftlicher Aufschwung, der Ferrrara zur bedeutendsten Stadt der

Poebene macht. Zwischen dem Po und dem Giovecca-Kanal dehnt sich die Stadt im

15. Jahrhundert rasch aus. Seit 1480 und insbesondere seit 1492 kamen zudem

zahleiche (sephardische) Juden, nach Abschluß der Reconquista aus Spanien

vertrieben, nach Ferrara. An der Stadtmauer liegt das Schloß der Este und vor ihm

befinden sich der Verwaltungskern, der Dom und der Markt.

1492 plant Ercole umfangreiche Stadterweiterungen, die z.T. schrittweise von seinen

Nachfolgern umgesetzt wurden. Ferrara erhielt eine geometrisch angeordnete

regelmäßige Straßenführung. Die großen Stadtpaläste Roverella und dei Diamanti

liegen an geraden Straßen. "Durch diese Arbeiten erlangte Ferrara ein modernes Aus-

sehen, für das es bis dahin in Europa nichts Vergleichbares gab."(Benevolo, 1989,

599) (vgl. im Anhang die Karte, Benevolo, 599+603

Erstmals wurde hier eine völlig neue, eine moderne Stadt neben dem alten Zentrum

aus dem Geist der Renaissance geplant. Gerade weil dieser Plan so kühn war, konnte

er nicht realisiert werden, denn im 16. Jahrhundert nahm die wirtschaftliche und

politische Entwicklung nicht die Formen an, von denen Ercole I. noch ausgegangen

war.

Die anstehende Stadterweiterung und -erneuerung wurde Biagio Rossetti

überantwortet. Zentrales Anliegen der Stadterneuerung war neben der Schaffung

neuen Siedlungsraumes die Verbesserung der Verteidigung. Mit dem Auftreten von

Eisenkugeln Ende des 15. Jahrhunderts und der Artillerie mußte der mitteralterliche

Schutz verändert werden. Breite Gräben sollte Geschütze der Mauer fernhalten. "Die

Aufgabe, eine wissenschaftlich einwandfreie Verteidigung und entsprechende

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Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

Gegenmaßnahmen zu ersinnen, entsprach genau jener Art von Problemen, die wie

die linearperspektive die rationale Neugier humanistischer Bildung her-

ausforderten."3 Wuchtige Erdrampen entstanden an den Innenseiten der Mauer,

große Terrassen sollten Geschütze der Verteidiger aufnehmen.

Ferrara ist insofern ungewöhnlich, als es mit Herzog Ercoles Erweiterung, welche die

Größe der Stadt verdreifachte, die Möglichkeit hatte, die fürstlichen Dominanz

dadurch hervorzuheben, daß es das alte Zentrum hinter dem neuen absolutistischen

Mittelpunkt in der neuen Stadt zurücktreten ließ.

Unter Niccolo III., Lionello (1441-1450) und unter Borso (1450-1470) entwickelt

sich die Ferrara zum Kunstzentrum Italiens. Nach 1432 arbeitet Pisanello in der

Stadt, 1441 läßt Jacopo Bellini sich hier nieder. Um die Jahrhundertmitte malt

Rogier van Weyden in Ferrara, und Piero della Francesca gestaltet den Stadtpalast

der Corte Vecchia mit Fresken aus.

Kaiser Friedrich III. ernennt Borso d`Este 1452 zum Herzog von Modena und

Reggio, 1470 erhält dieser von Papst Paul II. den Herzogtitel für die Stadt Ferrara,

denn nur der Papst konnte für die Stadt den Herzogtitel vergeben.

Die Auseinandersetzung um die Nachfolge wird in der Familie d´Este erbittert

geführt. Hier steht das Herrscherhaus ganz in der Tradition spätmittelalterlicher

Potentaten. Intrige und Mord sind auch innerhalb der Familie verbreitete Methoden

der Machterlangung und -erhaltung. Ludovicos Vater Niccolo Ariosto wurde z.B.

von Ercole gedungen, einen Rivalen aus der Familie in Modena durch Gift zu töten.

"At the end of 1471 Niccolò Ariosto was sent to Mantua to arrange for Ercole

Niccolò d´Este´s assassination. He managed to bribe one of Niccolò´s men to poison

the leader, but at the last minute this agent revealed the plot, and Niccolò Ariosto

was lucky to escape with his own life. For his pains he was soon made governor ... ,

where his famous son Ludovico was born three years later. (Gundersheimer 1973,

S.180)

Ercoles Söhne Giulio und Ferrante greifen später zum gleichen Mittel, um ihre

Konkurrenten um die Macht, Alfonso und Ippolito, auszuschalten. Auch dieses

Komplott wird entdeckt, die gedungenen Helfer werden zum Tode verurteilt, und sie

selbst zu lebenslanger Haft verurteilt.

Neben dieser tyrannischen Form der Machtausübung steht eine andere Form der

Politik, die die Dynastie der Este auszeichnet. Ercole I. (1471-1505) baut Ferrara als

Zentrum höfischer Kultur der Renaissance aus. Im 15. Jahrhundert können die Este

Ferrara weitgehend aus militärischen Konflikten heraushalten, sieht man ab von den

Verwicklungen Ercoles I. mit Venedig (1482-84), die Ferrara an den Rand der

Existenz bringen. Sein Condottiere Federico da Montefeltro, ein in in ganz Italien

berühmter Ritter - Piero della Francesca hat ihn mit seinem vom Kampf ge-

zeichneten Profil portraitiert - steht ihm bei diesem Konflikt nicht mehr zur Seite.

Außenpolitisch steht Ferrara in Konfrontation mit Venedig, gebunden ist es an Rom,

Florenz und Frankreich.

Politisch taktiert Ercole I. mit einer geschickten Heiratspolitik: Seine Tochter

Isabella heiratet Francesco II. Gonzaga, Beatrice den Milanesen Lodvico Sforza. Sein

Sohn Alfonso heiratet zunächst Anna Sforza (Mailand) und später Lucrezia Borgia

(Tochter des Papstes Alexander VI. Borgia), die ihrerseits schon zwei Ehen hinter

3 Kostof 1993, Die geschichte der Architektur, Bd.2, S. 400

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Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

sich hat. Als Condottiere kämpfte er für Florenz und Mailand und gegen Neapel und

später auch gegen den Kirchenstaat. Geschickt in der Außenpolitik, offen in der

Kulturpolitik, aber rücksichtslos gegenüber Widersachern - diese heute wider-

sprüchlich anmutende Charakteristik ist typisch für die Renaissanceherrscher der

Zeit.

5.

Die Organisation des Hofes

Der Hof von Ferrara hat sich im Laufe des 15. und zu Beginn des 16. jahrhunderts zu

einem Muster eines frühabsolutistischen Staates entwickelt, ja wir können sagen zu

einem Prototypen eines Herrschaftssystems, wie es in Europa für zwei Jahrhunderte

und länger Gültigkeit haben sollte. Über den französischen Hof breitete sich ab-

solutistisches höfisches Leben in ganz Europa aus. Welche Elemente kennzeichnen

nun diesen Absolutismus, wie er am Hof zu Ferrara entstand?

"As early as the fourteenth century the Marcquess of Este succeeded in establishing

an unsually thoroughgoing despotism within the framework of Ferrarese statuory

law, and with the almost unvarying support of the people. Originally, this absolutism

represented an escape route from magnate disorder and popular unrest. Its general

effectiveness in maintaining public order and avoiding of Ferrara civil war led in the

fourteenth century to the expansion of the Este state to include a vast portion of the

southern Po Valley. To control and govern this region, with the important cities it

contained, the Estensi were obliged to develop a substantial diplomatic and

administrative bureaucracy, which evolved gradually and more or less continously

over two centuries."(Gundersheimer, 1973, 273, Hervorhebung von mir)

Auf tradierte Institutionen, wie sie in den mittelalterlichen italienischen Kommunen

üblich waren, wurden absolutistische Herrschaftsformen implantiert. Hierin waren

die Este Nachahmer des Beispiels der Visconti in Mailand. Andererseits aber war das

staatliche Territorium der Este viel kleiner, und ihre Herrschaftsausübung konnte

sehr viel direkter sein. Die Este konnten es sich leisten, diese Institutionen aus

vorabsolutistischer Zeit unangetastet zu lassen, wenngleich sie inhaltlich längst

ausgehöhlt waren. Typisch ist in diesem Zusammenhang, daß noch im 15. Jahundert

ein Parlament bestand, das die Aufgabe hatte, den neuen

signore

zu wählen. Die

Este "skillfully redefined the functions and the accountability of the communal

magistracies, so as to have absolute power over them. Thus the

podestà

became in

effect a handpicked administrator of signorial policies, the

savi

a governing board of

trusted subordinates, the chief financial officers courtiers from loyal families."(274)

Die Este sicherten sich die Loyalität durch die Vergabe bestimmter Privilegien. Sie

konnten Land vergeben, das wiederum die Quelle von Steuereinnahmen wurde.

Selbst, die sehr kleine Gruppe von wirtschaftlich durch Handel mächtig gewordenen

Bürgern, die nicht dem Adel entstammten, konnte in das Herrschaftssystem der Este

integriert werden. Sie wurden von der Feudalklasse assimiliert.

Piromalli, der die soziale Struktur der Gesellschaft Ferraras genauer untersucht

kommt zu folgendem Ergebnis:

"Quegli Estensi ridussero tutte le classi sotto il loro segno: i nobili diventarono

cortegiani, il popolo fu ridotto a plebe, il senso dell´umano non ci fu opera loro e

l´Umanesimo fiorito presso la corte fu consequenza della loro ideologia, fu la

consacrazione della classe dominante" 12/13 Die herrschende Klasse "rimase

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Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

lontana dell´impegno di una cultura che avesse come oggetto la dignità dell´uomo a

cui ogni vero umanesimo tende". (Piromalli, 13)

Schon im 13. Jahrhundert war es den Este gelungen, die Entstehung von Gilden, von

Vereinigungen der städtischen Führungsschichten mit einem Anspruch auf politische

Partizipation, zu verhindern und - anders als zum Beispiel in Florenz - die Macht

weiterhin als Feudalmacht zu stabilisieren. Entscheidend für den Hof von Ferrara

war, daß aufsteigende Schichten, gente nova, immer die Möglichkeit erhielten, am

Hof aufzusteigen, womit sie integriert und damit politisch ungefährlich waren. Das

Instrument gut organisierter höfischer Administration machte es ihnen möglich, "to

protect themselves agaist being personally identified as evildoers or exploiters on the

few occasions when popular uprisings threatened the stability of their regime."(275)

Das System der staatspolitischen Nutzung psychologischer Mittel, das System von

"rewards and punishment", von "Zuckerbrot und Peitsche", funktionierte schon im

Ferrara des 15. Jahrhunderts recht gut. In dieser Zeit geriet sozialer Konflikt nicht

zum politischen Sprengstoff. Einen "tumulto dei ciompi" oder einen Savonarola hat

es zum beispiel nicht in Ferrrara gegeben. Konflikte, die politisch für das Sytem

bedrohlich werden konnten, gab es lediglich innerhalb der Herrscherfamilie. Zu den

Leistungen der Este gehört es, die Bürger Ferraras im 15. Jahrhundert weitgehend

vor Hunger- und auch Flutkatastrophen (Überschwemmungen des Pos bildeten

immer eine Gefahr) bewahrt zu haben. Auch das Rechtswesen war relativ weit

entwickelt, um Alltagskonflikte so zu regeln, daß substantielle Erruptionen, die das

Herrschaftssystem als solches in Frage gestellt hätten, vermieden werden konnten.

Innerhalb eines so gesicherten Staates konnten die Fürsten das kultivieren, was man

ein "neo-feudal model of monarchy" nennen könnte, das alle Formen des feudalen

Landlebens einschloß: die Jagd, das Fischen, die Falken-Jagd, Tournierkampf und

andere Formen des Vergnügens der Feudalaristokratie. So entwickelte sich aus all

dem eine "paradoxical combination of a highly rationalized, effective, and up-to-date

administration, fully conversant with the techniques and methods of the most

successful governments of its kind, in the hands of a dynsty that consistantly

maintains the styles and manners of a feudal monarchs in an almost atavistic

way."(Gundersheimer, 276)

Andererseits banden sich die Este an die nordeuropäischen Ideale, insbesondere an

die des karolingischen Frankreichs. Sie begründeten ihre Vergangenheit mythisch an

das

Chanson de Roland

. Während des 15. Jahrhunderts unterhielten sie

Beziehungen zu den Höfen von Burgund, den Hof des Duc de Berry, und den

französischen Hof. Karl VIII. empfingen sie mit Begeisterung, während andere

Italiener, z.B. die Florentiner, in ihm eine politische Katastrophe sahen, gar als

Zeichen göttlicher Strafe. Die kulturellen Bindungen der Region an Frankreich gehen

bis ins 13. Jahrhundert zurück, bis in die Zeit der Kreuzzüge und der Troubaboure,

und zeigen sich in künstlerischen Formen, Heiraten zwischen Dynastien, Büchern

und Manuskripten, in der Anwesenheit von Komponisten und Musikern. Sie halten

an bis bis 16. Jahrhundert.

Die Unterstützung bedeutsamer Humanisten durch den Hof begann in der ersten

Hälfte des 15. Jahrhunderts und setzte sich über Lionello und Borso bis zu Ercole

fort. Unter Ercole wurde das Italienische gegen das Latein am Hof unterstützt. Nicht

zufällig kam es hier zur Entwicklung einer Literatur, die die französische Tradition

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Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

des Heldenepos aufnahm und sie zur mythischen Legitimation des Herrscherhauses

nutzte.4

Und genau dieser Zwang zur Produktion von Mythen gehörte auch zu den

Instrumenten der Herrschaftskultur der d`Este. Interessant ist, daß die Mythen

italienischer Stadtrepubliken meist auf die Römische Republik rekurieren. Betont

wird hier die Rolle des Staates bei der Sicherung bürgerlicher Freiheiten.

Despotische Mythen dagegen müssen die Herkunft des Adels bezeugen und die

politischen Ziele legitimieren. Gleichzeitig müssen die Tugenden der Herrscher so

erscheinen, als seien sie in der Tradition verankert. Begründet werden muß letztlich

die Legitimität des gerade herrschenden Fürsten. Im 15. Jahrhundert erscheinen in

Ferrara eine ganze Reihe von Werken die sich dieser Aufgabe, der litearisch gefaßten

Legitimierung des Herrscherhauses, annehmen. Es erscheinen Werke, die die

Schönheit der Stadt preisen, soziale und ökonomische Gerechtigkeit werden gelobt

und Ferrara erscheint als Hort der Künste und Gelehrsamkeit. Ferrara wird dabei

immer mit einzelnen Fürsten des Hauses Este identifiziert. "They are presented as

exemplares of their house and its traditional virtues, but also as individuals with

particular strengths (not weaknesses). These tend toward love of peace, religion,

justice, order, learning, and the arts."(280)

Gundersheimer beschreibt, wie Ferrara im 15. Jahrhundert entwickelt wird "from a

dank, strife-ridden, culturally retrograde region into an elegant, peaceful, well-

ordered, cosmopolitian cultural centre." (281) Was prädestenierte diesen Hof dazu,

Vorbildfunktion für europäisches höfisches Leben zu bekommen?

Piromalli faßt seine Erkenntnisse so zusammen: nel dominio estense crescò una

"dittatura accentratrice di tipo moderno"193 Andererseits zog dieser

Herrschaftstypus Zeitgenossen an und animierte zur Nachahmung:

"To contemporaries, it came to be regarded as an object of wonder, a city designed

for the pleasure and civilised pursuits, but at the same time well-fortified against the

harsh realities of the world outside. To Ariosto it represented a perfect synthesis of

arms and learning, Ars et Mars, am "exquisite fortress"."(Gundersheimer, 269)

Ercole wird für Gundersheimer zum Herrscher neuen Typus´, denn er "brought new

standards of magnificence to Ferrara" (282) und "his programm of enlarging,

beautifying, and fortifying the city"(282) waren einzigartig. Schließlich begründen

"enlargment and decoration of his palaces, the scale of his generousity to the poor,

the patterns of strategic marriages with other noble families"(282) seinen Ruhm.

Ercole versuchte als Herzog von Ferrara das wirtschaftliche Leben der Stadt zu

reaktivieren. Die Gilden wurden wirtschaftlich (nicht politisch) unterstützt, und der

Handel blühte. Jüdische Bankiers entwickelten die Bankgeschäfte.

4Alle Dynastien, die ihr Land über einhundert und mehr Jahre regieren bedürfen einer besonderen

ideologischen Legitimation. Mit dieser Frage setzen sich sehr differenziert zahlreiche Wissenschaftler

auseinander. Gundersheimer bezieht sich auf: F. Gaeta, Alcuni considerazioni sul mito di Venezia,

1961; G.Fasoli, Nascità di un mito, Firenze 1958; D.Weinstein, The Myth of Florence, London 1968;

u.a.

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Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

Im 16. Jahrhundert werden Bürokratie und Verwaltung weiter ausgebaut. Die

Verbindungen zwischen Universität und Hof werden reaktiviert. Die

Naturwissenschaften und die Jurisprudenz werden die führenden Fakultäten.

Höfische Kultur entwickelt sich zunehmend zum Entertainment: Musik und Theater

stehen im Zentrum. Die Tradition der neo-lateinischen Autoren wie Tebaldeo,

Bendedei und Guarini wird abgelöst. In der Malerei (Bellini und Tizian) zeigt sich

der Aufschwung der Venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts. Dieser Wandel

ist vor allem ein kultureller Wandel, der von einer kulturellen Elite am Hof

vollzogen wird. "though it glorified the rule of a dynasty and perpetuated an

expensive and parasitical nobility, it also exacted standards of performance from

these ruling groups which perhaps could not have been met on a sustained basis by

any other available political form at that particular time and place."(Gundersheimer,

284)

Exkurs: Die Verwaltung des Hofes

Die Verwaltung des Hofes war gekennzeichnet durch zunehmende Zentralisation

und bürokratische Differenzierung.5

Zunächst gab es eine klare Trennung zwischen der

casa d´Este

und dem

stato

.

Diese Unterscheidung wird auch in den Archiven der d´Este gemacht. Staatliche

Beamte wurden aus der staatlichen Kasse bezahlt. Sie arbeiteten nach Gesetzen in öf-

fentlichen Ämtern. Die, die im herzöglichen Haushalt tätig waren, unterlagen der

Kontrolle des Herzogs. Dies gilt auch für den Magistrat der zwölf

salvi.

Gundersheimer geht für das Jahr 1476 von 150 Beamten aus, die dem

podestà

unterstehen, dazu gehören capitani, Grenzposten, Verwalter in allen teilen des

Ferrareser Staates.

Am wichtigsten sind die Richter, Notare, Verwalter und die Heeresführung. Direkt

dem podestà unterstellt sind der sindaco del palazzo (

Palazzo della Ragione

) und

eine Anzahl von "Richtern": der "

iudex ad victualium"

(Gebietsrichter) und der

"iudex bladorum ferrariae" (Getreideversorgung). Diese "Richter" waren nicht

Richter im modernen Sinn, sondern eher Aufsichtsbeamte mit Exekutivgewalt,

wobei diese durchaus extensive Richtlinienkompetenz hatten.

Diese richterliche Kompetenz umfaßte eine ganze Reihe von Bereichen der niederen

Gerichtsbarkeit wie Landpacht, Weiderecht, Lanwirtschaft, Bodenrecht,

Wassernutzung usw. Daneben gab es eine Reihe von untergeordneten Beamten wie

z.B. den, der die Glocke von Ferrara zu verwalten hatte. Zu den Finanzbeamten ge-

hörten: zwei

factores generales

, unter ihnen diente der

sindacus camerae Ferrariae,

der sich um die Alltagsausgaben der Stadt kümmerte. Die Schatzkammer des Hofes,

über die der sindacus wachte, wurde von elf ihm unterstellten Beamten,

ratiocinator,
exactor generalis, thesaurarius

und einige Notare und Wachbeamte, verwaltet.

Diese Beamten stellten unterhalb der Ebene der zwölf

salvi

die Spitze der

Verwaltung des Ferrareser Hofes dar. Einige dieser Beamten wurden vom Fürsten

5Zu diesem Ergebnis kommt Gundersheimer auf der Basis der Dokumente des Hofes aus dem Jahr

1476 von Ugo Caleffini, Notar in Ferrara, zeitgenössischer Chronist, MS. Vat. Chig. I, I, 4, Chronica

facte et scripte per Ugo Caleffino. Im folgenden beziehe ich mich auf dieses Dokument, obwohl

hiermit eher die Zeit Niccolò Ariostos beleuchtet wird. Doch eine Generation später hat sich

strukturell nichts verändert, lediglich in quantitativer Hinsicht. Verwaltung und Hof sind noch

umfangreicher geworden.

- 10 -


Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

selbst aus der Familie besetzt. Auffällig ist die Personalunion von Posten der staat-

lichen Verwaltung und Posten direkt am Hof des Fürsten. Namen wie Severi, Sardi,

Sandali, Villa, Ariosti, Barbalonga, Cestarelli, Machiavelli und Giglioli tauchen in

beiden Verwaltungen auf.

Man kann bei der Besetzung der Ämter unterscheiden zwischen Familien aus dem

landbesitzenden Adel, die wichtigere Positionen innehatten, und solchen des

niederen Adels und der reicheren städtischen Familien.

Nächst dieser Gruppe unmittelbar am Hof gibt es die Richter, die Verwalter in

anderen wichtigen Städten des Staatsgebietes. Hierzu gehörten die podestà der Städte

Modena, Massa Fiscagli, Codegoro, Massa Lombardia, Lendinara und andere.

Andere Städte wurden unter "vicecomes" oder einem "vicarius" oder "capitanus"

verwaltet. Für die Verwaltung der Städte des Staates gab es keine starren Gesetze,

man nahm vielmehr Rücksicht auf die lokalen Besonderheiten.

Die nächste Ebene der staatlichen Verwaltung wird eingenommen von den

Finanzverwaltern, "officialis", die mit der Einziehung bestimmter Steuern und der

Supervision der Bücher beauftragt waren. An der Spitze dieser Einnehmer stand der

"Superior gabellarum Ferrariae".

Die nächste Gruppe der Beamten ist die der "capitani" der befestigten Orte Ferraras

und des gesamten Staatsgebietes. Diese Beamten gehörten in der regel nicht zu den

großen Familien Ferraras.

Die Liste von Hausbediensteten, die Ercole am 22. Januar 1476 herausgegeben hat,

ist länger als die Liste der Staatsbediensteten.

In dieser Liste sind auch die Gehälter aufgelistet, so daß eine Gewichtung der Ämter

möglich ist.6 Sigismondo, ein Bruder Ercoles, erhält danach 2.375 LM monatlich

Messer Alberto Ramaldo erhält 500 LM, er hatte vermutlich eine - nicht näher

spezifizierte - Beraterfunktion am Hof.

Alberto, Ercoles Halbbruder, hat ein monatliches Salär von 831 LM, Scipione,

Albertos Neffe, erhält 120 LM und

Polidoro, ein anderer Neffe Albertos, 15 LM.

Die Ratsmitglieder, sieben an der Zahl sitzen im

Consiglio Segreto

, einem

Beratungsgremium des Herzogs, erhielten 8 bis 80 LM monatlich.

Diesem Gremium folgt der

Consiglio di Giustizia,

aus drei doctores der

Jurisprudenz bestehend, die alle von außerhalb des Reiches kamen. Sie erhielten 45

LM.

Unterhalb dieser höchsten Ebene des Hofes folgte die Kanzelei des Hofes mit Paolo

Antonio Trotti als erstem Sekretär mit einem Salär von 50 LM monatlich. Ihm

unterstellt waren weitere Bedienstete im Rang von cancelleri. Es folgen Kuriere,

Reiter mit Gehältern von ca. 20 LM monatlich.

Die folgende Stufe ist die der

oratori

oder Botschafter. Bonfranceso degli Arlotti

bespielsweise war Botschafter beim Papst, er erhielt 28 LM. Die Botschafter in

Venedig und Florenz erhielten etwa 40 LM, und das höchste Gehalt bezog der

Botschafter in Mailand mit 83 LM.

Die Ausgaben für alle Ämter, ausgenommen das gehalt für seinen Bruder

Sigismondo, beliefen sich auf 1884 LM monatlich.

6LM=Lire Marchesane. Ludovico Ariosto wird gut 30 Jahre später 25 LM monatlich als Salär

am Hofe erhalten, drei Pferde und zwei Diener eingeschlossen.

- 11 -


Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

Untergeordenete Bedienstete am Hof, wie etwa die Beamten der Schatzkammer,

Filippo Cestarelli und Iacomo Machiavelli, erhielten 20 LM im Monat.

Mittlere Gehälter bezogen Planer, Architekten oder Gärtner (etwa 20 LM monatlich).

Eher geringe Gehälter bezogen die 23 unteren Bediensteten; sie erhielten 1 LM

monatlich.

Heterogen ist eine andere Gruppe von am Hofe Besoldeten: die "compagni",

"zentilhomini", "medici", "camerlenghi", "seschalchi" oder "scuderi". Hierzu

gehörte die Alimentation von Angehörigen des alten Adels der Stadt.

Eine weitere Kategorie macht die Gruppe der Künstler, der "musici", "trombeti",

"piffari", "tromboni" und herzöglichen Sänger. Überraschend sind hier besonders

hohe Gehälter von vermutlich an den Höfen hoch geschätzten Künstlern. So taucht

der Flötist Corado de Alemagna mit 26 LM in der Gehaltsliste auf. Sie kommen aus

allen möglichen Ländern Europas: aus Flandern, Brabant, Paris, Mantua.

Die unterste Ebene sind die Schneider, Maultiertreiber, Bogenschützen.

Für den herzöglichen Hof gibt Ercole im Jahr 1476 monatlich 9.328 LM aus. Hinzu

kommen etwa 1.700 LM für die Hofhaltung von Eleanora d´Aragona, die separat

ausgewiesen ist.

Der gesamte Hof, vom kleinsten Bediensteten bis zum hohen Berater, umfaßte 1476

etwa 600 Personen. Das Durchschnittseinkommen belief sich auf 12 LM, wobei die

Spitzensaläre der Familienmitglieder nicht berücksichtigt sind. Ein einfacher Mann

konnte mit etwa 2 LM monatlich auskommen, ein Adliger konnte standesgemäß von

etwa 25 LM leben. Die Großen am Hof, z.B. die Mitglieder des

Consiglio di
Giustizia

, hatten 85 oder 90 LM im Monat zur Disposition.

Diese Organisation des Hofes war eine Garantie für die Effektivität des Staates.

Gundersheimer urteilt abschließend: Die höfische Verwaltung der d´Este "offered

very appreciable rewards in terms of salaries, opportunities for advancement, the

intangible satisfaction of serving a great personage, and ultimately, the possibility of

even greater gifts of land, titles, and other noble prerogatives" (D.- 296)

6.

Resümee

Der politische und kulturelle Erfolg der Este kann - nach meiner sicherlich nur unter

Vorbehalten gültigen Sichtung der mir zur Verfügung stehenden Literatur -

thesenartig folgendermaßen zusammengefaßt werden:

In einer für die Este günstigen politischen "Großwetterlage" gelang es dem

Herrscherhaus im 15. Jahrhundert zwischen den damaligen italienischen

Großmächten als regionale politische Macht zu überleben. (Bedrohung vor allem

durch Venedig)

In einer für Italien dramatischen Situation gelang es den Este Anfang des 16.

Jahrhunderts bei der Neuordnung Italiens zwischen den beiden europäischen

Großmächten erfolgreich zu lavieren und das Herzogtum letztlich für einige Jahr-

zehnte zu stabilisieren.

Den Este gelang es, alle führenden Klassen der Region in einer gegen das Volk

gerichteten Politik zu integrieren, insbesondere das neu aufkommende Bürgertum

und die Intellektuellen.

- 12 -


Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

Die Este errichteten ein für die damalige Zeit äußerst effektives Steuersystem, das

die Basis der wirtschaftlichen Führung des Hofes ausmachte und das half, die

ehrgeizigen Projekte des Hofes zu finanzieren.

Den Este gelang die Verschmelzung von absoluter politischer Macht mit einer

höfischen Kultur.

Der höfische Adel, das neu aufkommende Bürgertum und schließlich die

bürgerlichen Intellektuellen, die Literaten, wurden vom Hof integriert. Ihr Wunsch

aufzusteigen wurde in den Dienst des Hofes gestellt. Ein neuer Typus eines Intel-

lektuellen war geboren: jemand, der im Besitz individueller Initiative war und in

einer ästhetisierten Welt bzw. einer Welt höfischer Ritterlichkeit lebte.

- 13 -


Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

7. Literatur

- G. Procacci, 1987, Storia degli italiani, Bari: Laterza

- G. Confurius, Sabbioneta oder Die schöne Kunst der Stadtgründung, Ffm 1991

- M. Seidlmayer, 1962, Geschichte Italiens, Stuttgart: Kröner

- L. Benevolo, 1989, Die Geschichte der Stadt, Frankfurt: Campus

- C. von Chledowski, 1919, Der Hof von Ferrara, München: Georg Müller

- L. Ariosto, 1987, Orlando Furioso, Edizione integra, Edizione a cura di Nicola

Zingarelli, Settima edizione, Milano: Hoepli

- W. Goez, 1988, Geschichte Italiens in Mittelalter und Renaissance, 2. Aufl.,

Darmstadt: Wiss.Buchges.

- J. Burckhardt, 1952, Die Kultur der Renaissance in Italien, Stuttgart: Kröner

- L. Chiappini, 1967, Gli Estensi, Varese

- Walter Moretti, L`ideale Ariostotesco di un´europa pacificata e unità e la sua crisi

nel terzo "Furioso", in: J. Salomons

- W.L. Gundersheimer, 1972, Art and Life at the Court of Ercole d`Este, Genf

- W.L. Gundersheimer, 1973, Ferrara: the Style of a Renaissance Despotism, Prin-

ceton

- Cloulas, 1990, L´avènement des nouveaux princes, in: Chr. Bec et.al., L`Italie de

la renaissance. Un monde en mutation (1378-1494), Paris: Fayard

- G. Pagagno e A.Quondam (ed.), La corte e lo spazio. Ferrara estense, Roma 1982

- Padoan, G., L´Orlando Furioso e la crisi del Rinascimento, in: Lettere italinae,

27, 1975, S. 286-307

- J. Salomons (ed.), The Renaissance in Ferrara and Its European Horizons, Car-

diff-Ravenna 1984

- E. Sestan, Gli Estensi e il loro stato al tempo dell´Arriosto, in "Rassegna della

letteratura italiana", LXXIX (1975), pp. 19-33

- Piromalli, La cultura a Ferrara al tempo di Ludovico Ariosto (1953), Roma 1975

(2)

- Storia della letteratura italiana, Vol.: Il Quattrocento e l´Ariosto, Milano, Garzan-

ti, 1988 (nuove ed.), pp. 926-927

- 14 -


Ehrenberg ­ Ferrrara zur Zeit Ariosts -

Anhang:

Chronologie

Ludovico Ariosto e la corte estense a Ferrara

1208-1597

gli Estensi sono le signorie della città

1452

Borso d´Este diviene duca di Modena e Reggio

1471

il marchesato di Ferrara è trasferrito in un ducato dalla Santa Sede

1471-1505

Ercole d`Este (nato nel 1435)

1471

Niccolo Ariosto va a Modena per uccidere Niccolo di Lionello d´Este

(uno dei concorrenti di Ercole)

1471

Niccolo Ariosto è nominato maggiordomo

1474

la nascità di Ludovico Ariosto (morto nel1533)

1482-84

guerra conro Venezia

1483

la peste a Ferrara e inverni gravi

1486

Niccolo Ariosto è Giudice de´ Savi

1489

Niccolo Ariosto è capitano a Modena

1490-1500

l´Addizzione Erculea (Sigismondo d`Este: il Palazzo dei Diamanti)

1491

matrimonio di Alfonso e Anna Sforza

1497

Ercole fa riscuotere il danaro occorrente alla costruzione della nuove

mura

1502

matrimonio di Alfonso e Lucrezia Borgia

1503

Ludovico Ariosto è familiaris del cardinale Ippolito (240 lire annale)

1505-1534

Alfonso d`Este

1503-13

conflitto fra Alfonso e la Santa Sede (Giulio II)

1506

Ariosto finisce i primi libri del "Orlando"

1506

Giulio e Ferrante d`Este sono accusati della tentativa dell´ omicidio

(Ippolito e Alfonso)

1509

battaglia sul Po contro Venezia

1511

battaglia di Mirandola (Giulio II vs. Alfonso)

1514

Ariosto incontra Alessandra Benucci (la vedova di Tito Strozzi)

1515 La prima edizione del "Orlando"

1517 Ariosto è licenziato

1518

Ariosto è nominato cameriere e familiaris (25 lire al mese, 3 servi, 2

cavalli

1523

Ariosto è ambasciatore alla Santa Sede

1527

sacco di Roma

1529

pace di Cambrai

1530

convento di Bologna: Carlo V nominato imperatore dal Papa

1532

l´incontro di Ariosto e Carlo V

- 15 -



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