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Other, 1998, 16 Pages
Author: Achim Ehrenberg
Subject: History - Middle Ages, Early Modern
Details
Tags: Ferrara, Renaissance, Ariost
Year: 1998
Pages: 16
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-97258-1
File size: 72 KB
Hilfreich bei Arbeiten zu Goethes Tasso, zur Renaissance, zur ital. Kulturgeschichte
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Fulltext (computer-generated)
Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
Ferrara zur Zeit Ariosts
Verfasser: Achim Ehrenberg
Seminar: Ariosto: "Orlando furioso"
Seminarleitung: Patrizia Farinelli
Universität Osnabrück
0. Vorwort
Das vorliegende Referat entstand im Arbeitszusammenhang eines Seminars zu
Ariosts "Orlando Furioso". Es soll versucht werden, den kulturellen Kontext des
Werkes zu Beginn des !6. Jahrhunderts in Ferrara zu beschreiben.
Im Rahmen dieser Arbeit werde ich keinen Überblick über die Literatur zum Thema
geben. Während der Arbeit am Thema konnte ich allenfalls die Literatur, die eher
zufällig in den Universitätsbibliotheken Bremens und Osnabrücks vorhanden ist,
einsehen. Auch über die Fernleihe konnte ich nur auf eher zufällige Quellen zurück-
greifen.
Dennoch hoffe ich, einen angemessenen Einblick in die Problematik geben zu
können. Von Bedeutung kann die Arbeit für alle sein, die sich für
· die italienische Spätrenaissance,
· die Autoren Ludovico Ariosto und Torquato Tasso oder
· die Entstehung des Absolutismus aus der Renaissance
interessieren.
Inhalt
0.
Vorwort
1.
Einleitung
2.
Italien im ausgehenden 15. Jahrhundert
3.
Ferrara zwischen den Hegemonialmächten
4.
Die Entwicklung der Stadt Ferrara
5.
Die Organisation des Hofes
Exkurs: Die Verwaltung des Hofes
6.
Resümee / conclusioni
7.
Literatur
Anhang: Überblick in Daten
1.
Einleitung
Im folgenden werde ich zunächst einen allgemeinen Einblick in die Geschichte
Italiens zu Beginn des 16. Jahrhunderts geben. Diese Darstellung folgt der mir zur
- 1 -
Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
Verfügung stehenden Standardliteratur 1. Anschließend zeichne ich die Geschichte
der Stadt Ferrara unter der Herrschaft der Este nach und gehe dann auf die spezielle
Literatur zur höfischen Kultur in Ferrara ein. Dabei waren mir neben einigen
Aufsätzen vor allem die Werke von Chledowski, Piromalli und Gundersheimer2
besonders hilfreich. Zum Abschluß zeichne ich etwas differenzierter die
Organisation des höfischen Lebens nach, wie sie am Ende des 15. Jahrhunderts
gegeben war und in das Niccolò und sein Sohn Ludovico Ariosto integriert waren.
Im Anhang finden sich einige Schautafeln, Graphiken und Tabellen, die ich für das
mündlich vor der Seminargruppe gehaltene Referat benutzt habe.
2.
Italien im ausgehenden 15. Jahrhundert
Während es im 14. Jahrhundert in Italien im Schatten der Spannungen zwischen
Papst und Kaiser noch eine Vielzahl von selbständigen Staaten mit einem
ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung gegeben hatte und sich im 15. Jahrhundert
eine kleine Zahl von regionalen italienischen Großmächten herausgebildet hatte,
was die kulturelle Blüte der Renaissance erst politisch ermöglichte, gerieten die
italienischen Regionen als regionale Fürstentümer mit ihren höfischen Zentren im
16. Jahrhundert unter die Hegemonie Habsburgs. Im Windschatten Habsburgs
konnten sich auch anachronistisch gewordene halbautonome Kleinstaaten einige
Jahrzehnte behaupten. Hierzu gehört auch Ferrara mit seinem Hof der Este.
Ferrara wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts in den auf italienischen Terrritorium
ausgefochetenen Weltkonflikt zwischen den Habsburgern und der Französischen
Krone hineingezogen. Die Zeit, in der Ariost mit seinen Bindungen an den Ferrareser
Hof lebte, war insofern für ganz Italien dramatisch, als das Kräftegleichgewicht, das
Mitte des 15. Jahrhunderts nach dem Frieden von Lodi (1454) zwischen den da-
maligen italienischen Großmächten Neapel, Rom, Florenz, Venedig und Mailand
durch die Intervention der europäischen Hegemonialmächte, zuerst Frankreichs,
dann auch Habsburgs, gestört wurde. Zunächst marschierte Karl VIII. 1494 in Italien
ein. Mit dieser Intervention wendet sich die politische Geschichte Italiens. Für zwei
Jahrhunderte hatten sich die Regionen Italiens weitgehend selbständig entwickeln
können, ohne fremde Hegemonialmächte. Für Jahrzehnte haben die Humanisten von
einem neuen Zeitalter träumen können. Die Intervention des französischen Königs
1G. Procacci, 1987, Storia degli italiani, Bari: Laterza
W. Goez, 1988, Geschichte Italiens in Mittelalter und Renaissance, 2. Aufl.,
Darmstadt: Wiss.Buchges.
Ruggiero Romano und Alberto Tenenti, Die Grundlegung der modernen Welt,
Frankfurt (Fischer) 1967 ff.
2 C. von Chledowski, 1919, Der Hof von Ferrara, München: Georg Müller
W.L. Gundersheimer, 1973, Ferrara: the Style of a Renaissance Des-potism,
Princeton
W.L. Gundersheimer, 1972, Art and Life at the Court of Ercole d`Este, Genf
A. Piromalli, La cultura a Ferrara al tempo di Ludovico Ariosto (1953), Roma 1975
(2)
- 2 -
Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
bewirkt nicht nur militärische Turbulenzen, sondern erschüttert auch das
Selbstverständnis einer Epoche. "Avec 1494, une page est définitivement tournée.
L´équilibre italien est rompu; la guerre jette bas les convictions et les espoirs des
humanistes. Ils ne croient plus désormais en la capacité de l´homme à soumettre les
hasards et le monde. Tant rêvé, tant attendu, l´âge d´or va laisser la place à un age de
fer." (I.Cloulas, 1990, 210)
Durch die relativ plötzliche Expansion Habsburgs zu Beginn des 16. Jahrhunderts -
1519 wird Karl V. gegen Franz I. (1515-1547) zum Kaiser gewählt - wird nicht nur
die politische Landschaft Italiens, sondern ganz Europas gravierend verändert.
Habsburg stellte sich dem Übergewicht Frankreichs in Italien entgegen. Während die
Franzosen Ansprüche auf Mailand und Neapel behaupteten, waren die Städte der
Lombardei der Form nach kaiserliche Lehen und das Königreich Neapel ein Erbland
der spanischen Krone. Diese Frontstellung provozierte das Wiederaufleben des jahr-
hundertealten Gegensatzes von Papsttreuen und Kaiserlichen in Italien. Der Medici-
Papst Clemens VII. (1523-1534) stützte sich auf das altbewährte antihabsburgische
Bündnis von Franzosen, Venedig, Florenz und dem guelfischen Adel in Rom. Karl
V. hingegen setzte auf seine Söldnerführer, die Colonna und Alfonso von Este,
Herzog von Ferrara.
Die Auseinandersetzung gipfelte in der Schlacht bei Pavia, bei der die Kaiserlichen
einen Sieg erfochten und Franz I. in Gefangenschaft setzten. Kurze Zeit später setzte
sich die Auseinandersetzung fort im sacco di Roma (1527), dem neun Monate
währenden Gemetzel süditalienischer, spanischer und protestantischer deutscher
Söldner in Rom. Anführer eines kaiserlichen Truppenkontingents wurde Isabella
d`Estes Sohn Federico, der Marchese von Mantua, der später von Karl V. mit einem
Herzogtitel bedacht wurde. Ihm zur Seite standen Vespasiano Colonna und sein
Vater Luigi Gazzuolo, "dem man wegen seiner Kraft und seines Draufgängertums
den Spitznamen "Rodomonte" gegeben hatte" (Confurius 1991, 33) (in Anspielung
auf den Sarazenenkönig in Ariosts "Orlando").
3.
Ferrara zwischen den Hegemonialmächten
Während der Regierungszeit Alfonsos I. kommt es zu den Erruptionen, die zur
politischen Neustaltung Italiens unter den Habsburgern führen. Ferrara steht bis 1530
in unterschiedlichen Lagern. 1509 kann Alfonso I. die nach 1482 an Venedig
verlorenen Gebiete wieder eingliedern. 1510 wird er vom Papst exkommuniziert und
abgesetzt. Alfonso I. verliert Modena und Reggio. Nach zehn Jahren erst gelingt ihm
zunächst an der Seite der Franzosen 1521 die Wiederangliederung Reggios, 1527
kommt es, jetzt an der Seite der Spanier, der Anschluß Modenas.
Nach dem politischen Chaos und dem weiteren wirtschaftlichen Niedergang tritt eine
Stabilisierung ein zwischen den beiden Hegemonialmächten Frankreich und
Habsburg im sogenannten Damenfrieden von Cambrai (3.August 1529), so genannt,
weil zwei Frauen diesen Frieden aushandeln, Louise von Savoyen, die Mutter Franz´
I., und Margarete von Österreich, die Tante Karls V.
Frankreich verzichtet auf Ansprüche in Italien, auf Mailand, Habsburg auf
Ansprüche in Burgund. Damit ist eine für Jahrhunderte wichtige Entscheidung für
Italien gefallen: eine weitgehend selbständige Entwicklung der italienischen Mächte
ist ausgeschlossen. Habsburg wird zur bestimmenden Größe auf der Halbinsel bis ins
19. Jahrhundert.
- 3 -
Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
Die für Italien relevanten Bestimmungen werden Monate später in Bologna von Karl
V. und Papst Clemens VII. festgelegt: Mailand wird unter den Sforza zunächst
spanisches Protektorat, nach 1535 kommt Mailand unter Gouverneuren direkt unter
kaiserlich-spanische Herrschaft. Genua erhält unter der Herrschaft der Doria eine
eher nominelle Unabhängigkeit. In Süditalien kommen Neapel und Sizilien direkt
unter die spanische Krone. Zum Abschluß der Versammlung von Bologna (22.
Februar1530) muß Papst Clemens VII. - für ihn eine Demütigung - Karl V. die
Kaiserkrone aufsetzen.
Florenz hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt den Ansprüchen widersetzen können und
hatte nach der Vertreibung der Medici den Weg zurück zur Republik gefunden. Der
neuen Hegemonialmacht können sich die Florentiner nicht entgegenstellen: sie
müssen die Wiedereinsetzung der Medici, die sie erneut vertrieben hatten,
akzeptieren: die Medici werden zunächst Herzöge, später Großherzöge der Toskana.
Die in Bologna besiegelte Neuordnung sollte in den kommenden Jahrzehnten trotz
immer wieder aufbrechender Konflikte zwischen den Franzosen und Habsburgern
Bestand haben.
Für Ferrara bedeutete das Ergebnis von Bologna die Rückkehr der Este: Sie erhielten
ihre angestammten Besitzungen in der Emilia, mußten aber Modena und Reggio an
den Papst zurückgeben. Der Papst bestätigte den Este gegen ein Zahlung von
100.000 Dukaten die Herrschaft über Modena und Ferrara.
Unter der Vorherrschaft der Habsburger wird zunächst eine gewisse Ordnung
restauriert, auch wenn es in der Folgezeit immer wieder zu Konflikten mit
Frankreich kommt, die auf italienischem Boden ausgetragen werden (1538 und
1542). Ohne Zustimmung der Habsburger sind territoriale Veränderungen jedoch
kaum möglich. Aber diese Ordnung ist die einer fremden Hegemonialmacht. Das
Selbstbewußtsein der Humanisten des 15. jahrhunderts ist gebrochen und die
Desillusionierung gerade der führenden Intellektuellen sitzt tief. Gerade auch in
Ariostos Hauptwerk, im "Orlando Furioso", ist dieser tiefe Pessimismus zu erkennen.
Der kulturelle und politische Niedergang der italienischen Zentren, der sich trotz der
Blüte im ausgehenden 15. Jahrhundert ankündigte (Verlagerung der wirtschaftlichen
und politischen Zentren nach Westen an den Altantik: Spanien, Frankreich und
England), war damit zunächst aufgehalten. Die sehr unterschiedlichen Versuche
waren gescheitert. In der politischen Theorie am bedeutsamsten ist hier der Versuch
Machiavellis, mit Hilfe neuzeitlicher Machtpolitik einen italienischen Herrscher
(einen Medici) zur Eroberung der politischen Macht in Italien zu bewegen.
Seit dem Einmarsch Karls VIII. waren viele Hoffnungen und politische Konzepte
zerstört: "da quello savonaroliano di una restaurazione comunale e religiosa, a quello
coltivato alla corte di Leone X di un´alleanza tra le lettere e la pietà e di un ritorno
alla felice stagione dell´equilibro e dell´Umanesimo, a quello infine di una rigenera-
zione totale della vita italiana sul modello delle grandi monarchie straniere intravisto
dal Machiavelli." (Procacci 1987, 188/189).
4.
Die Entwicklung der Stadt Ferrara
Welche Rolle spielt nun Ferrara in diesen Auseinandersetzungen zu Beginn des 16.
Jahrhunderts? Die Geschichte Ferraras ist seit dem Mittelalter eng mit dem
Fürstenhaus der Este verbunden. Die Este waren die Herren, später die Grafen, dann
- 4 -
Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
die Herzöge von Ferrara, Modena und Reggio. Anders als die Herrscherhäuser
anderer oberitalienischer Städte, die im Spätmittelalter aus den Kaufmannsge-
schlechtern der städtischen Oligarchien entstammten und zum Teil nur mit Mühe
ihrem Namen genealogischen Glanz verleihen konnten, standen die Este in
jahrhundertealter Adelstradition. Markgräfin Mathilde - jene berühmte Besitzerin der
Burg von Canossa, die Heinrich IV. bei seinem Bußgang zu Gregor VII. aufsuchte -
hatte Ferrara der römischen Kurie übergeben, die dieses Land wiederum 1208 als
Lehen an die Este weitergab. Deutlich wird hierdurch die enge Bindung Ferraras an
Rom in der Zeit der großen Auseinandersetzung zwischen Guelfen und Ghibellinen
im 13. und 14. Jahrhundert. Die Este waren die Herren der Stadt bis 1597, als das
Geschlecht der Este ausstarb und Ferrra im Kirchenstaat aufging. Sicher gilt bis
heute, daß sich das Geschlecht auf Albert Azzo II. Este, der 1077 Heinrich IV. nach
Canossa begleitete, zurückführen läßt. Die andere Bindung ist die an Frankreich,
die aus der Zeit der Kreuzzüge herrührt. Die Lombardei und die gesamte Poebene
gehörten zum Durchzugsgebiet der Kreuzritter, die in der frühen Phase ihr Ethos und
ihre Legitimation aus den Mythen um die Gestalten aus dem Kreis um Karl den
Großen bezogen. Das Rolandslied hatte in dieser Region Tradition. Versuche, die
Genealogie der Este bis in Karolinger Zeit oder gar ins Römische Reich
zurückzugehen, gehören ins Reich der politisch motivierten Versuche, dem Herr-
scherhaus weitere Legitimation gegenüber konkurrierenden Interessen zu
verschaffen.
Erst im 14. Jahrhundert verliert die Stadt mit dem Ausbau ihrer Universität (1402) -
die Universität wurde im 13. Jahrhundert unter Kaiser Friedrich II. gegründet - die
Rückständigkeit. Mit Ugo da Siena, Giovanni Aurispa und Guarino da Verona zieht
Niccolo III. (reg. 1393-1441) führende Intellektuelle an den Ferrareser Hof. Alberti
und Mantegna kommen nach Ferrara. Der kulturellen Blüte korrespondiert zu dieser
Zeit ein wirtschaftlicher Aufschwung, der Ferrrara zur bedeutendsten Stadt der
Poebene macht. Zwischen dem Po und dem Giovecca-Kanal dehnt sich die Stadt im
15. Jahrhundert rasch aus. Seit 1480 und insbesondere seit 1492 kamen zudem
zahleiche (sephardische) Juden, nach Abschluß der Reconquista aus Spanien
vertrieben, nach Ferrara. An der Stadtmauer liegt das Schloß der Este und vor ihm
befinden sich der Verwaltungskern, der Dom und der Markt.
1492 plant Ercole umfangreiche Stadterweiterungen, die z.T. schrittweise von seinen
Nachfolgern umgesetzt wurden. Ferrara erhielt eine geometrisch angeordnete
regelmäßige Straßenführung. Die großen Stadtpaläste Roverella und dei Diamanti
liegen an geraden Straßen. "Durch diese Arbeiten erlangte Ferrara ein modernes Aus-
sehen, für das es bis dahin in Europa nichts Vergleichbares gab."(Benevolo, 1989,
599) (vgl. im Anhang die Karte, Benevolo, 599+603
Erstmals wurde hier eine völlig neue, eine moderne Stadt neben dem alten Zentrum
aus dem Geist der Renaissance geplant. Gerade weil dieser Plan so kühn war, konnte
er nicht realisiert werden, denn im 16. Jahrhundert nahm die wirtschaftliche und
politische Entwicklung nicht die Formen an, von denen Ercole I. noch ausgegangen
war.
Die anstehende Stadterweiterung und -erneuerung wurde Biagio Rossetti
überantwortet. Zentrales Anliegen der Stadterneuerung war neben der Schaffung
neuen Siedlungsraumes die Verbesserung der Verteidigung. Mit dem Auftreten von
Eisenkugeln Ende des 15. Jahrhunderts und der Artillerie mußte der mitteralterliche
Schutz verändert werden. Breite Gräben sollte Geschütze der Mauer fernhalten. "Die
Aufgabe, eine wissenschaftlich einwandfreie Verteidigung und entsprechende
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Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
Gegenmaßnahmen zu ersinnen, entsprach genau jener Art von Problemen, die wie
die linearperspektive die rationale Neugier humanistischer Bildung her-
ausforderten."3 Wuchtige Erdrampen entstanden an den Innenseiten der Mauer,
große Terrassen sollten Geschütze der Verteidiger aufnehmen.
Ferrara ist insofern ungewöhnlich, als es mit Herzog Ercoles Erweiterung, welche die
Größe der Stadt verdreifachte, die Möglichkeit hatte, die fürstlichen Dominanz
dadurch hervorzuheben, daß es das alte Zentrum hinter dem neuen absolutistischen
Mittelpunkt in der neuen Stadt zurücktreten ließ.
Unter Niccolo III., Lionello (1441-1450) und unter Borso (1450-1470) entwickelt
sich die Ferrara zum Kunstzentrum Italiens. Nach 1432 arbeitet Pisanello in der
Stadt, 1441 läßt Jacopo Bellini sich hier nieder. Um die Jahrhundertmitte malt
Rogier van Weyden in Ferrara, und Piero della Francesca gestaltet den Stadtpalast
der Corte Vecchia mit Fresken aus.
Kaiser Friedrich III. ernennt Borso d`Este 1452 zum Herzog von Modena und
Reggio, 1470 erhält dieser von Papst Paul II. den Herzogtitel für die Stadt Ferrara,
denn nur der Papst konnte für die Stadt den Herzogtitel vergeben.
Die Auseinandersetzung um die Nachfolge wird in der Familie d´Este erbittert
geführt. Hier steht das Herrscherhaus ganz in der Tradition spätmittelalterlicher
Potentaten. Intrige und Mord sind auch innerhalb der Familie verbreitete Methoden
der Machterlangung und -erhaltung. Ludovicos Vater Niccolo Ariosto wurde z.B.
von Ercole gedungen, einen Rivalen aus der Familie in Modena durch Gift zu töten.
"At the end of 1471 Niccolò Ariosto was sent to Mantua to arrange for Ercole
Niccolò d´Este´s assassination. He managed to bribe one of Niccolò´s men to poison
the leader, but at the last minute this agent revealed the plot, and Niccolò Ariosto
was lucky to escape with his own life. For his pains he was soon made governor ... ,
where his famous son Ludovico was born three years later. (Gundersheimer 1973,
S.180)
Ercoles Söhne Giulio und Ferrante greifen später zum gleichen Mittel, um ihre
Konkurrenten um die Macht, Alfonso und Ippolito, auszuschalten. Auch dieses
Komplott wird entdeckt, die gedungenen Helfer werden zum Tode verurteilt, und sie
selbst zu lebenslanger Haft verurteilt.
Neben dieser tyrannischen Form der Machtausübung steht eine andere Form der
Politik, die die Dynastie der Este auszeichnet. Ercole I. (1471-1505) baut Ferrara als
Zentrum höfischer Kultur der Renaissance aus. Im 15. Jahrhundert können die Este
Ferrara weitgehend aus militärischen Konflikten heraushalten, sieht man ab von den
Verwicklungen Ercoles I. mit Venedig (1482-84), die Ferrara an den Rand der
Existenz bringen. Sein Condottiere Federico da Montefeltro, ein in in ganz Italien
berühmter Ritter - Piero della Francesca hat ihn mit seinem vom Kampf ge-
zeichneten Profil portraitiert - steht ihm bei diesem Konflikt nicht mehr zur Seite.
Außenpolitisch steht Ferrara in Konfrontation mit Venedig, gebunden ist es an Rom,
Florenz und Frankreich.
Politisch taktiert Ercole I. mit einer geschickten Heiratspolitik: Seine Tochter
Isabella heiratet Francesco II. Gonzaga, Beatrice den Milanesen Lodvico Sforza. Sein
Sohn Alfonso heiratet zunächst Anna Sforza (Mailand) und später Lucrezia Borgia
(Tochter des Papstes Alexander VI. Borgia), die ihrerseits schon zwei Ehen hinter
3 Kostof 1993, Die geschichte der Architektur, Bd.2, S. 400
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Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
sich hat. Als Condottiere kämpfte er für Florenz und Mailand und gegen Neapel und
später auch gegen den Kirchenstaat. Geschickt in der Außenpolitik, offen in der
Kulturpolitik, aber rücksichtslos gegenüber Widersachern - diese heute wider-
sprüchlich anmutende Charakteristik ist typisch für die Renaissanceherrscher der
Zeit.
5.
Die Organisation des Hofes
Der Hof von Ferrara hat sich im Laufe des 15. und zu Beginn des 16. jahrhunderts zu
einem Muster eines frühabsolutistischen Staates entwickelt, ja wir können sagen zu
einem Prototypen eines Herrschaftssystems, wie es in Europa für zwei Jahrhunderte
und länger Gültigkeit haben sollte. Über den französischen Hof breitete sich ab-
solutistisches höfisches Leben in ganz Europa aus. Welche Elemente kennzeichnen
nun diesen Absolutismus, wie er am Hof zu Ferrara entstand?
"As early as the fourteenth century the Marcquess of Este succeeded in establishing
an unsually thoroughgoing despotism within the framework of Ferrarese statuory
law, and with the almost unvarying support of the people. Originally, this absolutism
represented an escape route from magnate disorder and popular unrest. Its general
effectiveness in maintaining public order and avoiding of Ferrara civil war led in the
fourteenth century to the expansion of the Este state to include a vast portion of the
southern Po Valley. To control and govern this region, with the important cities it
contained, the Estensi were obliged to develop a substantial diplomatic and
administrative bureaucracy, which evolved gradually and more or less continously
over two centuries."(Gundersheimer, 1973, 273, Hervorhebung von mir)
Auf tradierte Institutionen, wie sie in den mittelalterlichen italienischen Kommunen
üblich waren, wurden absolutistische Herrschaftsformen implantiert. Hierin waren
die Este Nachahmer des Beispiels der Visconti in Mailand. Andererseits aber war das
staatliche Territorium der Este viel kleiner, und ihre Herrschaftsausübung konnte
sehr viel direkter sein. Die Este konnten es sich leisten, diese Institutionen aus
vorabsolutistischer Zeit unangetastet zu lassen, wenngleich sie inhaltlich längst
ausgehöhlt waren. Typisch ist in diesem Zusammenhang, daß noch im 15. Jahundert
ein Parlament bestand, das die Aufgabe hatte, den neuen
signore
zu wählen. Die
Este "skillfully redefined the functions and the accountability of the communal
magistracies, so as to have absolute power over them. Thus the
podestà
became in
effect a handpicked administrator of signorial policies, the
savi
a governing board of
trusted subordinates, the chief financial officers courtiers from loyal families."(274)
Die Este sicherten sich die Loyalität durch die Vergabe bestimmter Privilegien. Sie
konnten Land vergeben, das wiederum die Quelle von Steuereinnahmen wurde.
Selbst, die sehr kleine Gruppe von wirtschaftlich durch Handel mächtig gewordenen
Bürgern, die nicht dem Adel entstammten, konnte in das Herrschaftssystem der Este
integriert werden. Sie wurden von der Feudalklasse assimiliert.
Piromalli, der die soziale Struktur der Gesellschaft Ferraras genauer untersucht
kommt zu folgendem Ergebnis:
"Quegli Estensi ridussero tutte le classi sotto il loro segno: i nobili diventarono
cortegiani, il popolo fu ridotto a plebe, il senso dell´umano non ci fu opera loro e
l´Umanesimo fiorito presso la corte fu consequenza della loro ideologia, fu la
consacrazione della classe dominante" 12/13 Die herrschende Klasse "rimase
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Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
lontana dell´impegno di una cultura che avesse come oggetto la dignità dell´uomo a
cui ogni vero umanesimo tende". (Piromalli, 13)
Schon im 13. Jahrhundert war es den Este gelungen, die Entstehung von Gilden, von
Vereinigungen der städtischen Führungsschichten mit einem Anspruch auf politische
Partizipation, zu verhindern und - anders als zum Beispiel in Florenz - die Macht
weiterhin als Feudalmacht zu stabilisieren. Entscheidend für den Hof von Ferrara
war, daß aufsteigende Schichten, gente nova, immer die Möglichkeit erhielten, am
Hof aufzusteigen, womit sie integriert und damit politisch ungefährlich waren. Das
Instrument gut organisierter höfischer Administration machte es ihnen möglich, "to
protect themselves agaist being personally identified as evildoers or exploiters on the
few occasions when popular uprisings threatened the stability of their regime."(275)
Das System der staatspolitischen Nutzung psychologischer Mittel, das System von
"rewards and punishment", von "Zuckerbrot und Peitsche", funktionierte schon im
Ferrara des 15. Jahrhunderts recht gut. In dieser Zeit geriet sozialer Konflikt nicht
zum politischen Sprengstoff. Einen "tumulto dei ciompi" oder einen Savonarola hat
es zum beispiel nicht in Ferrrara gegeben. Konflikte, die politisch für das Sytem
bedrohlich werden konnten, gab es lediglich innerhalb der Herrscherfamilie. Zu den
Leistungen der Este gehört es, die Bürger Ferraras im 15. Jahrhundert weitgehend
vor Hunger- und auch Flutkatastrophen (Überschwemmungen des Pos bildeten
immer eine Gefahr) bewahrt zu haben. Auch das Rechtswesen war relativ weit
entwickelt, um Alltagskonflikte so zu regeln, daß substantielle Erruptionen, die das
Herrschaftssystem als solches in Frage gestellt hätten, vermieden werden konnten.
Innerhalb eines so gesicherten Staates konnten die Fürsten das kultivieren, was man
ein "neo-feudal model of monarchy" nennen könnte, das alle Formen des feudalen
Landlebens einschloß: die Jagd, das Fischen, die Falken-Jagd, Tournierkampf und
andere Formen des Vergnügens der Feudalaristokratie. So entwickelte sich aus all
dem eine "paradoxical combination of a highly rationalized, effective, and up-to-date
administration, fully conversant with the techniques and methods of the most
successful governments of its kind, in the hands of a dynsty that consistantly
maintains the styles and manners of a feudal monarchs in an almost atavistic
way."(Gundersheimer, 276)
Andererseits banden sich die Este an die nordeuropäischen Ideale, insbesondere an
die des karolingischen Frankreichs. Sie begründeten ihre Vergangenheit mythisch an
das
Chanson de Roland
. Während des 15. Jahrhunderts unterhielten sie
Beziehungen zu den Höfen von Burgund, den Hof des Duc de Berry, und den
französischen Hof. Karl VIII. empfingen sie mit Begeisterung, während andere
Italiener, z.B. die Florentiner, in ihm eine politische Katastrophe sahen, gar als
Zeichen göttlicher Strafe. Die kulturellen Bindungen der Region an Frankreich gehen
bis ins 13. Jahrhundert zurück, bis in die Zeit der Kreuzzüge und der Troubaboure,
und zeigen sich in künstlerischen Formen, Heiraten zwischen Dynastien, Büchern
und Manuskripten, in der Anwesenheit von Komponisten und Musikern. Sie halten
an bis bis 16. Jahrhundert.
Die Unterstützung bedeutsamer Humanisten durch den Hof begann in der ersten
Hälfte des 15. Jahrhunderts und setzte sich über Lionello und Borso bis zu Ercole
fort. Unter Ercole wurde das Italienische gegen das Latein am Hof unterstützt. Nicht
zufällig kam es hier zur Entwicklung einer Literatur, die die französische Tradition
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Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
des Heldenepos aufnahm und sie zur mythischen Legitimation des Herrscherhauses
nutzte.4
Und genau dieser Zwang zur Produktion von Mythen gehörte auch zu den
Instrumenten der Herrschaftskultur der d`Este. Interessant ist, daß die Mythen
italienischer Stadtrepubliken meist auf die Römische Republik rekurieren. Betont
wird hier die Rolle des Staates bei der Sicherung bürgerlicher Freiheiten.
Despotische Mythen dagegen müssen die Herkunft des Adels bezeugen und die
politischen Ziele legitimieren. Gleichzeitig müssen die Tugenden der Herrscher so
erscheinen, als seien sie in der Tradition verankert. Begründet werden muß letztlich
die Legitimität des gerade herrschenden Fürsten. Im 15. Jahrhundert erscheinen in
Ferrara eine ganze Reihe von Werken die sich dieser Aufgabe, der litearisch gefaßten
Legitimierung des Herrscherhauses, annehmen. Es erscheinen Werke, die die
Schönheit der Stadt preisen, soziale und ökonomische Gerechtigkeit werden gelobt
und Ferrara erscheint als Hort der Künste und Gelehrsamkeit. Ferrara wird dabei
immer mit einzelnen Fürsten des Hauses Este identifiziert. "They are presented as
exemplares of their house and its traditional virtues, but also as individuals with
particular strengths (not weaknesses). These tend toward love of peace, religion,
justice, order, learning, and the arts."(280)
Gundersheimer beschreibt, wie Ferrara im 15. Jahrhundert entwickelt wird "from a
dank, strife-ridden, culturally retrograde region into an elegant, peaceful, well-
ordered, cosmopolitian cultural centre." (281) Was prädestenierte diesen Hof dazu,
Vorbildfunktion für europäisches höfisches Leben zu bekommen?
Piromalli faßt seine Erkenntnisse so zusammen: nel dominio estense crescò una
"dittatura accentratrice di tipo moderno"193 Andererseits zog dieser
Herrschaftstypus Zeitgenossen an und animierte zur Nachahmung:
"To contemporaries, it came to be regarded as an object of wonder, a city designed
for the pleasure and civilised pursuits, but at the same time well-fortified against the
harsh realities of the world outside. To Ariosto it represented a perfect synthesis of
arms and learning, Ars et Mars, am "exquisite fortress"."(Gundersheimer, 269)
Ercole wird für Gundersheimer zum Herrscher neuen Typus´, denn er "brought new
standards of magnificence to Ferrara" (282) und "his programm of enlarging,
beautifying, and fortifying the city"(282) waren einzigartig. Schließlich begründen
"enlargment and decoration of his palaces, the scale of his generousity to the poor,
the patterns of strategic marriages with other noble families"(282) seinen Ruhm.
Ercole versuchte als Herzog von Ferrara das wirtschaftliche Leben der Stadt zu
reaktivieren. Die Gilden wurden wirtschaftlich (nicht politisch) unterstützt, und der
Handel blühte. Jüdische Bankiers entwickelten die Bankgeschäfte.
4Alle Dynastien, die ihr Land über einhundert und mehr Jahre regieren bedürfen einer besonderen
ideologischen Legitimation. Mit dieser Frage setzen sich sehr differenziert zahlreiche Wissenschaftler
auseinander. Gundersheimer bezieht sich auf: F. Gaeta, Alcuni considerazioni sul mito di Venezia,
1961; G.Fasoli, Nascità di un mito, Firenze 1958; D.Weinstein, The Myth of Florence, London 1968;
u.a.
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Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
Im 16. Jahrhundert werden Bürokratie und Verwaltung weiter ausgebaut. Die
Verbindungen zwischen Universität und Hof werden reaktiviert. Die
Naturwissenschaften und die Jurisprudenz werden die führenden Fakultäten.
Höfische Kultur entwickelt sich zunehmend zum Entertainment: Musik und Theater
stehen im Zentrum. Die Tradition der neo-lateinischen Autoren wie Tebaldeo,
Bendedei und Guarini wird abgelöst. In der Malerei (Bellini und Tizian) zeigt sich
der Aufschwung der Venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts. Dieser Wandel
ist vor allem ein kultureller Wandel, der von einer kulturellen Elite am Hof
vollzogen wird. "though it glorified the rule of a dynasty and perpetuated an
expensive and parasitical nobility, it also exacted standards of performance from
these ruling groups which perhaps could not have been met on a sustained basis by
any other available political form at that particular time and place."(Gundersheimer,
284)
Exkurs: Die Verwaltung des Hofes
Die Verwaltung des Hofes war gekennzeichnet durch zunehmende Zentralisation
und bürokratische Differenzierung.5
Zunächst gab es eine klare Trennung zwischen der
casa d´Este
und dem
stato
.
Diese Unterscheidung wird auch in den Archiven der d´Este gemacht. Staatliche
Beamte wurden aus der staatlichen Kasse bezahlt. Sie arbeiteten nach Gesetzen in öf-
fentlichen Ämtern. Die, die im herzöglichen Haushalt tätig waren, unterlagen der
Kontrolle des Herzogs. Dies gilt auch für den Magistrat der zwölf
salvi.
Gundersheimer geht für das Jahr 1476 von 150 Beamten aus, die dem
podestà
unterstehen, dazu gehören capitani, Grenzposten, Verwalter in allen teilen des
Ferrareser Staates.
Am wichtigsten sind die Richter, Notare, Verwalter und die Heeresführung. Direkt
dem podestà unterstellt sind der sindaco del palazzo (
Palazzo della Ragione
) und
eine Anzahl von "Richtern": der "
iudex ad victualium"
(Gebietsrichter) und der
"iudex bladorum ferrariae" (Getreideversorgung). Diese "Richter" waren nicht
Richter im modernen Sinn, sondern eher Aufsichtsbeamte mit Exekutivgewalt,
wobei diese durchaus extensive Richtlinienkompetenz hatten.
Diese richterliche Kompetenz umfaßte eine ganze Reihe von Bereichen der niederen
Gerichtsbarkeit wie Landpacht, Weiderecht, Lanwirtschaft, Bodenrecht,
Wassernutzung usw. Daneben gab es eine Reihe von untergeordneten Beamten wie
z.B. den, der die Glocke von Ferrara zu verwalten hatte. Zu den Finanzbeamten ge-
hörten: zwei
factores generales
, unter ihnen diente der
sindacus camerae Ferrariae,
der sich um die Alltagsausgaben der Stadt kümmerte. Die Schatzkammer des Hofes,
über die der sindacus wachte, wurde von elf ihm unterstellten Beamten,
ratiocinator,
exactor generalis, thesaurarius
und einige Notare und Wachbeamte, verwaltet.
Diese Beamten stellten unterhalb der Ebene der zwölf
salvi
die Spitze der
Verwaltung des Ferrareser Hofes dar. Einige dieser Beamten wurden vom Fürsten
5Zu diesem Ergebnis kommt Gundersheimer auf der Basis der Dokumente des Hofes aus dem Jahr
1476 von Ugo Caleffini, Notar in Ferrara, zeitgenössischer Chronist, MS. Vat. Chig. I, I, 4, Chronica
facte et scripte per Ugo Caleffino. Im folgenden beziehe ich mich auf dieses Dokument, obwohl
hiermit eher die Zeit Niccolò Ariostos beleuchtet wird. Doch eine Generation später hat sich
strukturell nichts verändert, lediglich in quantitativer Hinsicht. Verwaltung und Hof sind noch
umfangreicher geworden.
- 10 -
Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
selbst aus der Familie besetzt. Auffällig ist die Personalunion von Posten der staat-
lichen Verwaltung und Posten direkt am Hof des Fürsten. Namen wie Severi, Sardi,
Sandali, Villa, Ariosti, Barbalonga, Cestarelli, Machiavelli und Giglioli tauchen in
beiden Verwaltungen auf.
Man kann bei der Besetzung der Ämter unterscheiden zwischen Familien aus dem
landbesitzenden Adel, die wichtigere Positionen innehatten, und solchen des
niederen Adels und der reicheren städtischen Familien.
Nächst dieser Gruppe unmittelbar am Hof gibt es die Richter, die Verwalter in
anderen wichtigen Städten des Staatsgebietes. Hierzu gehörten die podestà der Städte
Modena, Massa Fiscagli, Codegoro, Massa Lombardia, Lendinara und andere.
Andere Städte wurden unter "vicecomes" oder einem "vicarius" oder "capitanus"
verwaltet. Für die Verwaltung der Städte des Staates gab es keine starren Gesetze,
man nahm vielmehr Rücksicht auf die lokalen Besonderheiten.
Die nächste Ebene der staatlichen Verwaltung wird eingenommen von den
Finanzverwaltern, "officialis", die mit der Einziehung bestimmter Steuern und der
Supervision der Bücher beauftragt waren. An der Spitze dieser Einnehmer stand der
"Superior gabellarum Ferrariae".
Die nächste Gruppe der Beamten ist die der "capitani" der befestigten Orte Ferraras
und des gesamten Staatsgebietes. Diese Beamten gehörten in der regel nicht zu den
großen Familien Ferraras.
Die Liste von Hausbediensteten, die Ercole am 22. Januar 1476 herausgegeben hat,
ist länger als die Liste der Staatsbediensteten.
In dieser Liste sind auch die Gehälter aufgelistet, so daß eine Gewichtung der Ämter
möglich ist.6 Sigismondo, ein Bruder Ercoles, erhält danach 2.375 LM monatlich
Messer Alberto Ramaldo erhält 500 LM, er hatte vermutlich eine - nicht näher
spezifizierte - Beraterfunktion am Hof.
Alberto, Ercoles Halbbruder, hat ein monatliches Salär von 831 LM, Scipione,
Albertos Neffe, erhält 120 LM und
Polidoro, ein anderer Neffe Albertos, 15 LM.
Die Ratsmitglieder, sieben an der Zahl sitzen im
Consiglio Segreto
, einem
Beratungsgremium des Herzogs, erhielten 8 bis 80 LM monatlich.
Diesem Gremium folgt der
Consiglio di Giustizia,
aus drei doctores der
Jurisprudenz bestehend, die alle von außerhalb des Reiches kamen. Sie erhielten 45
LM.
Unterhalb dieser höchsten Ebene des Hofes folgte die Kanzelei des Hofes mit Paolo
Antonio Trotti als erstem Sekretär mit einem Salär von 50 LM monatlich. Ihm
unterstellt waren weitere Bedienstete im Rang von cancelleri. Es folgen Kuriere,
Reiter mit Gehältern von ca. 20 LM monatlich.
Die folgende Stufe ist die der
oratori
oder Botschafter. Bonfranceso degli Arlotti
bespielsweise war Botschafter beim Papst, er erhielt 28 LM. Die Botschafter in
Venedig und Florenz erhielten etwa 40 LM, und das höchste Gehalt bezog der
Botschafter in Mailand mit 83 LM.
Die Ausgaben für alle Ämter, ausgenommen das gehalt für seinen Bruder
Sigismondo, beliefen sich auf 1884 LM monatlich.
6LM=Lire Marchesane. Ludovico Ariosto wird gut 30 Jahre später 25 LM monatlich als Salär
am Hofe erhalten, drei Pferde und zwei Diener eingeschlossen.
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Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
Untergeordenete Bedienstete am Hof, wie etwa die Beamten der Schatzkammer,
Filippo Cestarelli und Iacomo Machiavelli, erhielten 20 LM im Monat.
Mittlere Gehälter bezogen Planer, Architekten oder Gärtner (etwa 20 LM monatlich).
Eher geringe Gehälter bezogen die 23 unteren Bediensteten; sie erhielten 1 LM
monatlich.
Heterogen ist eine andere Gruppe von am Hofe Besoldeten: die "compagni",
"zentilhomini", "medici", "camerlenghi", "seschalchi" oder "scuderi". Hierzu
gehörte die Alimentation von Angehörigen des alten Adels der Stadt.
Eine weitere Kategorie macht die Gruppe der Künstler, der "musici", "trombeti",
"piffari", "tromboni" und herzöglichen Sänger. Überraschend sind hier besonders
hohe Gehälter von vermutlich an den Höfen hoch geschätzten Künstlern. So taucht
der Flötist Corado de Alemagna mit 26 LM in der Gehaltsliste auf. Sie kommen aus
allen möglichen Ländern Europas: aus Flandern, Brabant, Paris, Mantua.
Die unterste Ebene sind die Schneider, Maultiertreiber, Bogenschützen.
Für den herzöglichen Hof gibt Ercole im Jahr 1476 monatlich 9.328 LM aus. Hinzu
kommen etwa 1.700 LM für die Hofhaltung von Eleanora d´Aragona, die separat
ausgewiesen ist.
Der gesamte Hof, vom kleinsten Bediensteten bis zum hohen Berater, umfaßte 1476
etwa 600 Personen. Das Durchschnittseinkommen belief sich auf 12 LM, wobei die
Spitzensaläre der Familienmitglieder nicht berücksichtigt sind. Ein einfacher Mann
konnte mit etwa 2 LM monatlich auskommen, ein Adliger konnte standesgemäß von
etwa 25 LM leben. Die Großen am Hof, z.B. die Mitglieder des
Consiglio di
Giustizia
, hatten 85 oder 90 LM im Monat zur Disposition.
Diese Organisation des Hofes war eine Garantie für die Effektivität des Staates.
Gundersheimer urteilt abschließend: Die höfische Verwaltung der d´Este "offered
very appreciable rewards in terms of salaries, opportunities for advancement, the
intangible satisfaction of serving a great personage, and ultimately, the possibility of
even greater gifts of land, titles, and other noble prerogatives" (D.- 296)
6.
Resümee
Der politische und kulturelle Erfolg der Este kann - nach meiner sicherlich nur unter
Vorbehalten gültigen Sichtung der mir zur Verfügung stehenden Literatur -
thesenartig folgendermaßen zusammengefaßt werden:
In einer für die Este günstigen politischen "Großwetterlage" gelang es dem
Herrscherhaus im 15. Jahrhundert zwischen den damaligen italienischen
Großmächten als regionale politische Macht zu überleben. (Bedrohung vor allem
durch Venedig)
In einer für Italien dramatischen Situation gelang es den Este Anfang des 16.
Jahrhunderts bei der Neuordnung Italiens zwischen den beiden europäischen
Großmächten erfolgreich zu lavieren und das Herzogtum letztlich für einige Jahr-
zehnte zu stabilisieren.
Den Este gelang es, alle führenden Klassen der Region in einer gegen das Volk
gerichteten Politik zu integrieren, insbesondere das neu aufkommende Bürgertum
und die Intellektuellen.
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Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
Die Este errichteten ein für die damalige Zeit äußerst effektives Steuersystem, das
die Basis der wirtschaftlichen Führung des Hofes ausmachte und das half, die
ehrgeizigen Projekte des Hofes zu finanzieren.
Den Este gelang die Verschmelzung von absoluter politischer Macht mit einer
höfischen Kultur.
Der höfische Adel, das neu aufkommende Bürgertum und schließlich die
bürgerlichen Intellektuellen, die Literaten, wurden vom Hof integriert. Ihr Wunsch
aufzusteigen wurde in den Dienst des Hofes gestellt. Ein neuer Typus eines Intel-
lektuellen war geboren: jemand, der im Besitz individueller Initiative war und in
einer ästhetisierten Welt bzw. einer Welt höfischer Ritterlichkeit lebte.
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Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
7. Literatur
- G. Procacci, 1987, Storia degli italiani, Bari: Laterza
- G. Confurius, Sabbioneta oder Die schöne Kunst der Stadtgründung, Ffm 1991
- M. Seidlmayer, 1962, Geschichte Italiens, Stuttgart: Kröner
- L. Benevolo, 1989, Die Geschichte der Stadt, Frankfurt: Campus
- C. von Chledowski, 1919, Der Hof von Ferrara, München: Georg Müller
- L. Ariosto, 1987, Orlando Furioso, Edizione integra, Edizione a cura di Nicola
Zingarelli, Settima edizione, Milano: Hoepli
- W. Goez, 1988, Geschichte Italiens in Mittelalter und Renaissance, 2. Aufl.,
Darmstadt: Wiss.Buchges.
- J. Burckhardt, 1952, Die Kultur der Renaissance in Italien, Stuttgart: Kröner
- L. Chiappini, 1967, Gli Estensi, Varese
- Walter Moretti, L`ideale Ariostotesco di un´europa pacificata e unità e la sua crisi
nel terzo "Furioso", in: J. Salomons
- W.L. Gundersheimer, 1972, Art and Life at the Court of Ercole d`Este, Genf
- W.L. Gundersheimer, 1973, Ferrara: the Style of a Renaissance Despotism, Prin-
ceton
- Cloulas, 1990, L´avènement des nouveaux princes, in: Chr. Bec et.al., L`Italie de
la renaissance. Un monde en mutation (1378-1494), Paris: Fayard
- G. Pagagno e A.Quondam (ed.), La corte e lo spazio. Ferrara estense, Roma 1982
- Padoan, G., L´Orlando Furioso e la crisi del Rinascimento, in: Lettere italinae,
27, 1975, S. 286-307
- J. Salomons (ed.), The Renaissance in Ferrara and Its European Horizons, Car-
diff-Ravenna 1984
- E. Sestan, Gli Estensi e il loro stato al tempo dell´Arriosto, in "Rassegna della
letteratura italiana", LXXIX (1975), pp. 19-33
- Piromalli, La cultura a Ferrara al tempo di Ludovico Ariosto (1953), Roma 1975
(2)
- Storia della letteratura italiana, Vol.: Il Quattrocento e l´Ariosto, Milano, Garzan-
ti, 1988 (nuove ed.), pp. 926-927
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Ehrenberg Ferrrara zur Zeit Ariosts -
Anhang:
Chronologie
Ludovico Ariosto e la corte estense a Ferrara
1208-1597
gli Estensi sono le signorie della città
1452
Borso d´Este diviene duca di Modena e Reggio
1471
il marchesato di Ferrara è trasferrito in un ducato dalla Santa Sede
1471-1505
Ercole d`Este (nato nel 1435)
1471
Niccolo Ariosto va a Modena per uccidere Niccolo di Lionello d´Este
(uno dei concorrenti di Ercole)
1471
Niccolo Ariosto è nominato maggiordomo
1474
la nascità di Ludovico Ariosto (morto nel1533)
1482-84
guerra conro Venezia
1483
la peste a Ferrara e inverni gravi
1486
Niccolo Ariosto è Giudice de´ Savi
1489
Niccolo Ariosto è capitano a Modena
1490-1500
l´Addizzione Erculea (Sigismondo d`Este: il Palazzo dei Diamanti)
1491
matrimonio di Alfonso e Anna Sforza
1497
Ercole fa riscuotere il danaro occorrente alla costruzione della nuove
mura
1502
matrimonio di Alfonso e Lucrezia Borgia
1503
Ludovico Ariosto è familiaris del cardinale Ippolito (240 lire annale)
1505-1534
Alfonso d`Este
1503-13
conflitto fra Alfonso e la Santa Sede (Giulio II)
1506
Ariosto finisce i primi libri del "Orlando"
1506
Giulio e Ferrante d`Este sono accusati della tentativa dell´ omicidio
(Ippolito e Alfonso)
1509
battaglia sul Po contro Venezia
1511
battaglia di Mirandola (Giulio II vs. Alfonso)
1514
Ariosto incontra Alessandra Benucci (la vedova di Tito Strozzi)
1515 La prima edizione del "Orlando"
1517 Ariosto è licenziato
1518
Ariosto è nominato cameriere e familiaris (25 lire al mese, 3 servi, 2
cavalli
1523
Ariosto è ambasciatore alla Santa Sede
1527
sacco di Roma
1529
pace di Cambrai
1530
convento di Bologna: Carlo V nominato imperatore dal Papa
1532
l´incontro di Ariosto e Carlo V
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