Die Sterbeszene in E.A. Poes `Das ovale Portrait`


Hausarbeit, 2000

9 Seiten


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Die Sterbeszene in E.A. Poes 'Das ovale Portrait'

1) Einleitung:

In Kunst und Literatur der vergangenen 250 Jahre trifft man häufig auf literarische Schilderungen oder bildliche Darstellungen von Tod und weiblicher Schönheit. Speziell das Motiv der ,,schönen Leiche" begegnet uns dabei sehr oft. ,,Der Tod einer schönen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt", meinte Edgar Allan Poe. Auch in der 1842 geschriebenen Kurzgeschichte ,,Das ovale Portrait" von E.A. Poe geht es um den Tod einer schönen jungen Frau.

In meiner Hausarbeit will ich versuchen folgende Punkte zu erörtern: Welche Stellung hat die Frau in ,,Das ovale Portrait", welche Rolle nimmt sie generell in Sterbeszenen ein und wie ist die Sterbeszene zu deuten?

Um die Sterbeszene richtig deuten zu können, ist es notwendig, eine Begriffsbestimmung der Sterbeszene selber vorzunehmen. Desweiteren muß die Funktion der Sterbeszene und ihre Stellung in (Poes) Kurzgeschichten geklärt werden, womit ich mich in Kapitel zwei befassen werde.

Darauf aufbauend wird in Kapitel drei die Stellung der Frau in ,,das ovale Portrait" und in Kapitel vier ihre Rolle in Sterbeszenen generell diskutiert.

2) Strukturelle Form der Sterbeszene

Da die Struktur der Szene selber nicht eindeutig bestimmt ist, ist eine Begriffserklärung der Sterbeszene (oder auch Todesszene) notwendig.

Innerhalb der Erzählkunst hat die Szene eine herausragende Bedeutung und auch Eigenständigkeit. Bei den Versuchen das Gebilde Szene genauer zu definieren, gehen die Einordnungen allerdings weit auseinander: Kayser gibt als Merkmal der Szene Geschlossenheit, Nähe des Lesers zum Geschehen, klares zeitliches Nebeneinander innerhalb ihres Ablaufs, ferner Vorherrschen der direkten Rede und betont, daß die Szene umfassender sein kann als Beschreibung und Bericht, da sie sich diese unterzuordnen vermag. (Kayser 1959: S.182)

Dem schließt sich Friedmans Definition der Szene an: ,,Not dialogue alone but concrete detail within a specific time-place frame is the sine qua non of scene.". (Friedman 1955: S.1169- 1170) Im Gegensatz dazu ist für Petsch die Szene gleichwertig mit Gespräch, Betrachtung, Bild und Beschreibung. (Petsch 1942: S.161) Auch die Dreiteilung der englischen Romanschriftestellerin Bentley in description (Beschreibung), summary (Zusammenfassung) und scene (Szene), ist nicht ausreichend, da das Strukturgebilde der Szene in alle drei Merkmale zerlegbar ist. (Lubbers 1961: S.2) Die Sterbeszene als solche nimmt noch mal eine besondere Form ein, da weder Tod noch Szene getrennt betrachtet werden kann. Formell entspricht der Aufbau der Sterbeszene dem der Szene im Allgemeinen, jedoch hat die Sterbeszene einen Inhalt: den Tod. Die ideengeschichtliche Bedeutung des Todes in der Szene ist eines der umfassendsten Probleme in der Literatur. Kernpunkt ist die Auseinandersetzung des Menschen (Künstlers/Protagonisten) mit seinem größten Angstfaktor, dem Tod /Sterben. (Lubbers 1961: S.160)

Mit der literarischen und bildlichen Darstellung des Todes hat der Künstler (oder Protagonist) die Möglichkeit dem Tod in verschiedenen Varianten zu begegnen, ist ihm aber nicht persönlich ausgesetzt da immer eine andere, als die eigene, Person direkt betroffen ist (d.h. stirbt). (Bronfen 1994: S.10)

Der allgemeine Fundus kultureller Symbole der Todesszenen, dem sich Poe auch bedient, reichen von der antik-orientalischen Seelenwanderung ( die uns auch in der Kurzgeschichte ,,Das ovale Portrait" begegnet) über den spätmittelalterlichen Gedanken der Gleichheit aller Menschen vor dem Tode bis hin zu den deistischen und deterministischen Haltungen der, durch die Naturwissenschaften beeinflußten, Gesellschaft. (Lubbers 1961: S.170) Das Spektrum der Bedeutung des Todes innerhalb der Szene ist aber derart komplex, daß ich es hier nicht weiter ausführen kann. Ich möchte im folgenden Abschnitt genauer auf die Funktion und Stellung der Sterbeszene als Einheit in Poes Kurzgeschichten eingehen.

2.1) Funktion und Stellung der Sterbeszene in Poes Kurzgeschichten

Um die Funktion der Sterbeszene innerhalb der Kurzgeschichte erklären zu können, ist es notwendig, deren Aufbau etwas genauer zu beschreiben. Die Kurzgeschichte ist zwar nicht unbedingt eine Gattung für sich, doch nimmt sie im Bereich der Prosa eine am Rande stehende spezielle Kunstform ein. (Lubbers 1961: S.1)

Infolge ihrer Kürze hat die Kurzgeschichte (short story) ein einfaches, allgemeines Handlungsschema. Dabei bewegt sich die Handlung von einer Ausgangssituation über eine steigende Reihe von Augenblicken der Spannung in mehr oder weniger geradem Verlauf auf ihren End- und Höhepunkt zu, dem nur selten eine absteigende Schlußlinie folgt wie es bei Romanen üblich ist.

Im Gegensatz zu Romanen, kann die Handlung der Kurzgeschichte so gut wie gar keine tiefere Rahmenhandlung entwickeln. Dadurch entwickelt sich die Handlung der Kurzgeschichte meist gradlinig vom Anfangs- zum Endpunkt hin.

Die Sterbeszene liegt meistens irgendwo auf dieser Linie zwischen Anfangs- und Endpunkt. Allerdings genügt es nicht, daß sie nur rein dekorativ oder als technisches Hilfsmittel vorkommt, sondern um funktionalen Charakter zu besitzen, muß die Sterbeszene zugleich als Teilelement zum Aufbau der Einheit der Kurzgeschichte beitragen, d.h. sie muß zur _Lösung´ der Geschichte beitragen. (Lubbers 1961: S.13)

Wie schon gesagt hat die Kurzgeschichte einen Ausgangspunkt und einen End- bzw.

Höhepunkt, der über ansteigende Spannungsmomente erreicht wird. Auf diesem höchsten Punkt der Handlungslinie sind zwei Begriffe auseinanderzuhalten, nämlich Höhepunkt und Schlüsselereignis. Oft, aber nicht immer deckt sich der Schlüsselmoment mit dem Höhepunkt der Handlung. Der Höhepunkt ist jener Moment der ansteigenden Handlungskurve, in dem die größte Spannung erreicht wird, ohne notwendigerweise den Sinn der Kurzgeschichte zu erhellen. Also beschreibt der Höhepunkt eine äußere Handlung. Im Gegensatz dazu beschreibt der Schlüsselmoment eine innere Handlung, die dann auch der Kurzgeschichte Sinn gibt. (West, Stallman 1949: S.649)

In Poes ,,Das ovale Portrait" ist die Entdeckung des Bildes durch den fiebernden Reisenden und dessen Entsetzen über selbiges, demnach die äußere Handlung. Die innere Handlung, der Schlüsselmoment findet dann statt, als er sich die Beschreibung zu dem Bild durchliest und somit dessen Geschichte erfährt. Sowohl Schlüsselmoment als auch Höhepunkt sind gleichermaßen wichtig, um den Sinn der Kurzgeschichte zu vermitteln. Zudem sind sie auch Angelpunkt auf den hin die Handlung strukturiert ist. (Lubbers 1961: S.14) Als theoretische Begriffe müssen Schlüsselmoment und Höhepunkt getrennt werden, obwohl sie in der Kurzgeschichte zusammenfallen kö nnen . Bisher Gesagtes läßt erkennen, daß die Sterbeszene als Funktionsträger, im Ganzen der Kurzgeschichte unterschiedliche Aufgaben erfüllen und somit auch von verschiedener Wichtigkeit sein kann (Haupt -bzw. Nebenfunktion). Die Sterbeszene kann ein Geschehen auslösen, wie etwa einen Mord, der Am Anfang der Erzählung steht und dann rekonstruiert wird (z.B. in ,,Mord in der Rue Morgue"). Sie kann ferner auch ein Teil der aufsteigenden Handlungslinie sein oder aber der äußere Höhepunkt einer Geschichte. Schließlich kann die Sterbeszene sogar den Schlüssel zum Sinn der Geschichte in sich enthalten, womit ihr eine strukturierende Bedeutung zukommen würde. In diesem Falle löst sich die verknüpfte Handlungsstruktur in einem tödlichen Finale auf. Demnach kann die Sterbeszene sehr viele Funktionen und Positionen in der Geschichte haben: Sie kann mit funktioneller Bedeutung vor der Erzählzeit stehen, kann am Rande und im Mittelpunkt des Werkes stehen und sogar Sinnmittelpunkt sein.

Sehr typisch für Poe'sche Kurzgeschichten ist der Fall, daß die Sterbeszene ein Ereignis ist, in dem der Tod zwar vor Augen steht, aber nicht eintritt. Zu begründen ist dies damit, das Poe, dessen Schaffen um den Tod und das Jenseits kreiste, stets versuchte die Erfahrungen der Menschen zu schildern, die Erfahrungen mit jenem Übergangsbereich zwischen Leben und Tod hatten. (Lubbers 1961: S.15)

2.1.a) Poes Ambitionen Sterbeszenen zu schreiben und seine Gedankengänge zu selbigen Das Wesen des Todes entzieht sich dem klaren Verstand und der Mensch ist nur indirekt, durch Gefühlsempfindungen, in der Lage sich damit auseinanderzusetzen.

Durch Pestepedemien und Sterbefälle im engeren Familienkreis (seine leibliche Mutter starb als er ein kleines Kind war und seine Adoptivmutter starb nach langer Krankheit, kurz bevor er ,,Das ovale Portrait" schrieb) hat Poe schon früh Bekanntschaft mit dem Tod geschlossen. Hintergründig für den Tod in Poes Geschichten kann man seinen Versuch sehen, in den Sterbeszenen die unerreichbare Wirklichkeit des Todes künstlerisch zu bannen, vielleicht sogar zu beherrschen und lenken, und so durch den Untergang und das Ende hindurch zu einer persönlichen Sicht von Unsterblichkeit und Erlösung zu gelangen. (Lubbers 1961: S.170)

Diese Gefühlsempfindungen/-reaktionen der vom Tode bedrohten Figuren (in unserer Geschichte die Frau des Malers), sowie der Zeugen des Geschehens (hier der Reisende) in den Sterbeszenen lassen sich unter vier Oberbegriffen zusammenfassen: Angstempfindungen, Entsetzen, Staunen und Ohnmächtigkeit, welche in allen Fällen vorkommen, wobei der Ausdruck des Schauervollen ,,tremenum" (bei Poe S.33: ,,Doch als er so schaute, da bebte er plötzlich am ganzen Leib, und Leichenblässe überzog seine Wangen, und er schrie, von jähem Entsetzen gepackt: _Das ist ja wahrhaftiges Leben!´ und als er sich zu seiner Geliebten wandte, da war sie tot." ,,Das ovale Portrait" Szenarische Beschreibung der Kurzgeschichte Angelehnt ist die Szenerie an die der Schauerromane der englischen Schriftstellerin Mrs. Radcliff (18.Jahrhundert). Schauplatz ist ein heruntergekommenes, verlassenes Schloß in den Alpeninnen (Italien), welches gleichermaßen prächtig wie düster ist. Die Kurzgeschichte ist in drei Teile gegliedert, wobei der erste Teil der in Kapitel 2.1) besprochenen Ausgangssituation entspricht. Schon im ersten Teil lassen sich steigende Augenblicke der Spannung entdecken, die in den zweiten Teil, mit der Schlüsselszene, führen. Auch hier kommt es noch mal zu einer Spannungssteigerung. der dritte Teil ist der Höhepunkt der Handlung, an dessen Ende es dann zum tödlichen Finale kommt. Im ersten Teil, der Rahmenhandlung, sucht ein fieberkranker Erzähler (1. Person Erzähler) Zuflucht im kleinsten, voller Bilder hängenden Zimmer eines alten Schlosses, dessenörtlichkeit er beschreibt. Innerhalb des ersten Teils erfolgt schon eine Spannungssteigerung, nämlich der Übergang der Handlungszeit in die Nacht:

,,Da es indessen nacht geworden war, befahl ich Pedro, die schweren Fensterläden zu schließen, die Kerzen eines großen Kandelabers anzuzünden, der am Kopfende meines Bettes stand, um die reichen, mit Fransen gezierten Vorhänge aus schwarzem Samt, die das Bett verdeckten, weit auseinanderzuschlagen." Der Schlüsselszene im zweiten Teil, ,,Die kleine Verschiebung des Kandelabers brachte eine ungeahnte Wirkung hervor. [...] So erblickte ich nun in grellster Beleuchtung ein Bild, das bis jetzt von mir unbemerkt geblieben war. Es war das Porträt eines jungen, eben zum Weibe erblühten Mädchens." folgt eine weitere Spannungssteigerung:

,,[...]denn mit dem ersten Kerzenschein, der auf die Leinwand fiel, schien die traumhafte Versunkenheit, die mich umfangen hatte, geschwunden zu sein, und ich war nun wieder vollkommen wach."

Im dritten Teil, dem Höhepunkt, erfährt der Erzähler (und auch der Leser) den geschichtlichen Hintergrund des Bildes und die Geschichte der darauf abgebildeten jungen Frau, dem dann das tödliche Finale folgt:

,,Und er wollte nicht sehen, daß das zarte Rot, das er auf die Leinwand pinselte, das Rot der Wangen seiner jungen Frau war, die ihm gegen- über saß. [...] Und als er sich zu seiner Geliebten wandte, da war sie tot." Die Darstellung der Frau in ,,Das ovale Portrait" Wie in vielen anderen Geschichten (z.B. E.T.A. Hoffmanns Rat Krespel) auch, wird die Frau in ,,Das ovale Portrait" in einer ganz bestimmten Art und Weise dargestellt. Sie entspricht genau dem Bild, wie ein Mann sie sich vorstellt: sanft, demütig, gehorsam und wunderschön. Das ,,soeben zur Frau gereifte" Modell des ovalen Portaits, war die Frau des Künstlers dem das Schloß gehörte, in welchem der fiebernde Reisende Unterschlupf suchte. Jedes Jahrhundert hat seine eigenen Ansichten der Darstellung von Frauen und Männern (wobei sich die in Bezug auf den Mann, bis auf ein paar Ausnahmen, nicht groß geändert haben). Während in den 80ern des 20. Jahrhunderts die Frau so eine Art weiblicher Supermann war - gutaussehend, selbstbewußt, auf die große Karriere hinarbeitend und nebenbei noch Hausfrau und Mutter - sollte die Frau des 19. Jahrhunderts dem Manne treu ergeben und schön sein. Genau diese Frauenbild findet man auch in Poes Kurzgeschichte. Jedoch denke ich, ist der Ausdruck ,,Frauenbild" eher unpassend, da die Protagonistinnen meistens noch derart jung sind, daß wir sie heutzutage ehe noch als Jugendliche bezeichnen würden, wovon man aber wiederum Abstand nehmen muß, da die Geschichte in einer zeit spielt, in der Frauen (und auch Männer) generell jünger geheiratet haben. Betrachtet man aber die Wortwahl der Geschichte genauer, wird auch hier meistens von einem Mädchen gesprochen. Einem ,,Mädchen von auserlesener Schönheit" mit einem ,,munteren Wesen". Dieses Mädchen, welches das Pech hatte von einem Maler geliebt zu werden, der bereits in seiner Kunst eine Braut gefunden hatte, entsprach genau dem Bild, das ein Mann sich von seiner Frau macht. Sie war von ,,wunderbarer Schönheit", ,,fröhlich" und ,,munter wie ein kleines Reh ". Sie liebte alles und jeden und ,,schloß alles in ihr kleines Herz ". Die Begriffe ,,kleines Reh" und ,,kleines Herz" zeigen doch schon, daß hier eigentlich nicht von einer Frau gesprochen werden kann. Ein kleines Reh mag vielleicht ein kleines Herz haben, aber ein kleines Reh muß beschützt werden und kann ohne Hilfe nicht überleben. genau das ist das Bild, welches man damals von Frauen hatte: schwach und unselbstständig. Um ein weiteres Beispiel aufzuführen dienen folgende Textstellen:

,,Sie [...] haßte nur eines: ihre Rivalin, die Kunst. Ihre einzige Furcht galt der Palette, den Pinseln [...] die ihr den Anblick des Geliebten entzog. Welchen Schrecken empfand daher das arme Geschöpf, als ihr Gatte den Wunsch äußerte, sie selbst malen zu wollen. Doch sie war demütig und gehorsam [...]" ,,[...] daß das fahle Licht [...] die Gesundheit seines jungen Weibes untergrub und ihre Seele aufsog. [...] Sie aber lächelte; lächelte immerzu und klagte nie, denn sie sah, daß der Maler [...] Tage und Nächte opferte, um die zu malen, die ihn mit so grenzenloser Liebe liebte [...]" Hier wird ganz deutlich, daß die Frau des Malers, obwohl sie solch eine Angst vor der Kunst, vor der Malerei hat, doch zustimmt sich malen zu lassen; demütigt zustimmt. Auch hier kommt das typische Frauenbild wieder zum Vorschein: Demut und liebende Hingabe. Die Frau, auch oder gerade weil sie am Ende stirbt, ist eine Märtyrerin, eine Heilige. Zusammenfassend ist zu sagen, daß die Darstellung der Frau die eines bildhübschen, jungen, lebensfrohen, gehorsamen, leidenden und demütigen Mädchens ist.

4) ,,Die schöne Leiche": Die Rolle der Frau in den Sterbeszenen ,,Der Tod einer schönen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt.", sagte einst Edgar Allan Poe. (Bronfen 1992: S.376) Es stellt sich nun die Frage, warum gerade der Tod einer schönen Frau und nicht der eines schönen Mannes am poetischsten ist. verbindet man Tod und Frau miteinander erhält man einen Widerspruch: Im Allgemeinen wird die Frau nicht mit dem Tod, sondern mit dem Leben und der Geburt verbunden, denn nur mit einer lebenden Frau ist eine natürliche Fortpflanzung möglich. Auch in der Kunst trifft man auf diese Darstellung der Frau. Für wen also ist der Tod einer Frau nun das poetischste Thema der Welt?

Poe selbst erklärt seine Wahl so: Für die Lyrik ist das Schöne der legitimste Bereich, für die Poetik die Melancholie. In Kunstwerken, in denen das Schöne mit dem Melancholischen verknüpft ist, erlebt der Leser den höchst möglichen Genuß. Die Verbindung von einer schönen Frau mit dem Tod (der letzten Steigerung in der Melancholie) bieten ihm (Poe) so den höchsten Grad ,,einer Verschmelzung von Melancholie und Schönheit". (Bronfen 1992: S.377)

Die Wiedergabe dieses Themas erfolgt, nach Poe, am besten von den Lippen des trauernden Geliebten.

Also ist der Tod einer schönen Frau für Männer das poetischste Thema der Welt. Da stellt sich sofort die frage wieso und wie sich das mit traditionellen Weiblichkeitsbildern und Kunstauffassungen vereinbaren läßt.

Wenn man die geschlechtsspezifischen Eigenschaften von Männern und Frauen im Laufe der Zeit betrachtet, lassen sich ganz bestimmte Merkmale erkennen: Der Mann, welcher sich durch Ordnung, Vernunft und Kontrolle auszeichnet und die Frau, die im Gegensatz dazu chaotisch, emotionell und hilflos ist.

Aber gerade diese Gegensätze der charakterlichen Eigenschaften zwischen Mann und Frau scheinen eine Gefahr für das männliche Ego, das männliche Wohlbefinden zu sein. In der Literatur erscheint die Frau immer als extremer Kontrast zum Mann - entweder symbolisiert sie das Gute, Hilflose, Reine, die Maria und die Heldin, oder genau das Gegenteil, nämlich das Chaotische, Verführerische, die Eva und die Hure - also das extrem Bedrohliche. Mit ihrem Tod allerdings ist die Gefahr/Bedrohung für den Mann gebannt. Er kann die gemalte, aber nun tote Frau seines Kunstwerkes offen betrachten, ihre Schönheit genießen, ohne aber die direkte Bedrohung durch sie zu erleben.

Mit Vorliebe sucht die Kunst den Tod einer schönen Frau, denn damit bannt sie nicht nur die Angst des Mannes vor dem Tod - die Leiche ist nicht die eigene - sondern sie ermöglicht es dem Künstler/Maler zusätzlich die sterbende Frau zu seinem Objekt zu machen. Somit hat der Mann nun wieder die Kontrolle über die ihn beängstigende Frau.

,,Frauen mußten buchstäblich sterben, damit ein Kunstwerk erschaffen werden konnte." (Bronfen 1994: S.1)

Elisabeth Bronfen geht in ihrem Buch ,,Nur über ihre Leiche" davon aus, daß ,,literarische und bildliche Darstellungen des Todes, die ihr Material aus einem allgemeinen Fundus kultureller Symbole schöpfen, lassen sich als Symbole schöpfen, lassen sich als Symptome unserer patriarchalischen Kultur deuten. Und weil in dieser Kultur der weibliche Körper als Synonym für Störung und Spannung gilt, benutzt sie die Kunst, um den Tod der schönen Frau zu träumen . Sie kann damit, (nur)über ihre Leiche , das Wissen um den Tod verdrängen und zugleich artikulieren, sie kann _Ordnung schaffen´ und sich dennoch ganz der Faszination des Beruhigenden hingeben." (Bronfen 1994: 10)

5) Zusammenfassung

In der Jahren 1841 bis 1842 ist festzustellen, daß Geschichten mit ernster Gestaltung und (Todes-)Sterbeszene am geballtesten, im Laufe seiner ganzen Schaffenszeit, vorkommen. Auch ,,Das ovale Portrait", welches 1842 geschrieben wurde, liegt in diesem Zeitraum. ,,Das ovale Portrait" ist eine derart knappe Geschichte, daß man kaum von Kurzgeschichte sprechen kann. In Kapitel zwei wurde das komplexe Gebilde der Szene (Beschreibung, Zusammenfassung und szenische Momente) besprochen und wir haben herausgefunden, daß der Aufbau der Sterbeszene dem der Szene im Allgemeinen entspricht, mit dem Unterschied, daß sie den Tod als festen Inhalt hat. Auch hat die Sterbeszene innerhalb der Kurzgeschichte eine Kernfunktion: sie kann dabei die Geschichte einleiten, am Rande vorkommen oder gar Schlüsselpunkt sein. Trotz alledem helfen diese Erkenntnisse kaum, um ,,Das ovale Portrait" vollständig zu durchleuchten. Die reine Wiedergabe der Situation und der Geschichte des Bildes sowie das Fehlen fast aller Reflexionen läßt für den Leser Fragen offen, die auch die Todesszene nicht beantwortet. Das Fehlen einer thematischen Ausführung (der Maler vergißt über die Leidenschaft für sein Bild, die Liebe zum Menschen selber) macht eine eingehende Deutung unmöglich. Die Frage, wie nun die Sterbeszene in Poes Kurzgeschichte zu verstehen ist bleibt offen. Soll sie den großen Anspruch aufzeigen, den die Kunst an das menschliche Leben stellen kann, oder ist sie als eine Warnung vor allzu großen künstlerischen Exzessen zu verstehen? Letztendlich birgt sie beide Möglichkeiten in sich.

6) Bibliographie

1. Elisabeth Bronfen, 1992: Die Schö ne Leiche. Goldmann Verlag
2. Elisabeth Bronfen, 1996: Nurüber ihre Leiche. dtv; München
3. Klaus Lubbers, 1961: Die Todesszene und ihre Funktion im Kurzgeschichtenwerk von E.A. Poe. Mainzer Amerikanische Beiträge 4. Band, Hueber; München
4. N. Friedman, 1955: point of View in Fiction: the Development of a Critical Concept. PMLA LXX, S. 1169-1170

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Die Sterbeszene in E.A. Poes `Das ovale Portrait`
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Hauptseminar `Die Schöne Leiche` - Darstellungen weiblicher Sterbebilder
Autor
Jahr
2000
Seiten
9
Katalognummer
V100001
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sterbeszene, Poes, Portrait`, Hauptseminar, Schöne, Leiche`, Darstellungen, Sterbebilder
Arbeit zitieren
Kirstin Opfer (Autor), 2000, Die Sterbeszene in E.A. Poes `Das ovale Portrait`, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100001

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