Anklänge an die Jesusgeschichte in den "Stoffen I - III" von Friedrich Dürrenmatt


Seminararbeit, 2000

21 Seiten, Note: 1,0


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Inhalt:

Prolog

Methodologische Zugänge: Das Gleichnis

Mondfinsternis

Der Rebell

Epilog

Anhang

Prolog

"Es war Weihnacht Ich sah einen Körper auf dem Schnee liegen. Es war das Christkind.

Die Glieder weiß und starr Ichöffnete seine Lider. Es hatte keine Augen. Ich hatte Hunger.

Ich aß den Heiligenschein. Er schmeckte wie altes Brot. Ich hatte Hunger. Ich biß ihm den Kopf ab. Alter Marzipan. Ich ging weiter."1 - Mit diesen Sätzen beginnt der einundzwanzigjährige Friedrich Dürrenmatt seine Laufbahn als Schriftsteller. Bereits diese erste Erzählung, "Weihnacht" aus dem Jahre 1942, kreist mithin um ein Thema, das ihn bis an das Ende seines Lebens beschäftigen sollte: Jesus und Gott. Und so begegnet dem Leser auch in dem letzten Werk Dürrenmatts, dem Roman "Durcheinandertal" von 1989, (der ursprünglich "Weihnacht II" heißen sollte2 !) Gott als Gangsterboss wieder, der dem korrupten Sektenprediger Moses Melker bei der Übernahme eines Kurhauses behilflich ist, in dem Milliardäre einmal im Jahr Armut genießen dürfen.

Die Beschäftigung mit diesem Themenkreis umschließt somit wie eine äußere Klammer das literarische Werk Dürrenmatts. Aber auch intern durchzieht diese Problematik seine Stücke, Dramen und Prosatexte. Teilweise geschieht dies in sehr direkter Form, wie z.B. in der Erzählung "Der Folterknecht"3, teilweise aber auch subtil, wenn der Autor - wie beispielsweise in "Der Rebell", mit den Motiven spielt, die in der neutestamentlichen Darstellung des Lebens und Sterbens Christi überliefert sind. Und wo diese Motive in den Hintergrund gedrängt werden, finden sich doch oft genug lakonisch-groteske Anspielungen auf die Moral der Kirche Christi, ihren Angestellten und Mitgliedern. Den Ausprägungen dieses Themenkreises im Hinblick auf die Darstellung von Motiven und Handlungsstrukturen aus der biblischen Jesusfigur im Werk Dürrenmatts nachzugehen, sie zu analysieren und in eine Deutung der Texte mit einzubeziehen, hat sich die vorliegende Arbeit zum Ziel gesetzt. Da es den gesetzten Rahmen sprengen würde, einen Überblick über das Gesamtwerk zu geben, wird sich die folgende Untersuchung ausschließlich auf die Prosatexte "Mondfinsternis" und "Der Rebell" aus den 1981 erschienenen "Stoffen I - III" beschränken. Friedrich Dürrenmatt wuchs in einem christlichen Elternhaus auf. Sein Vater war als protestantischer Pfarrer in einem Dorf im schweizerischen Kanton Bern tätig, und so wurde die Phantasie des Jungen bereits sehr früh mit dem Gedankengut der biblischen Geschichten in Berührung gebracht, was unter anderem in den apokalyptischen Zeichnungen des Schülers Ausdruck fand. Dass ihn die christliche Welt auch später nicht losließ, schildert er in den autobiographischen Texten der "Stoffe", wo er notiert: "mein Sohn ist Pfarrer geworden"4. Interessanterweise wirkt im Werk Dürrenmatts neben den Themen und Motiven noch ein Formaspekt vieler biblischer Geschichten besonders weiter: das Gleichnis. So will er seine Werke fast sämtlich als Gleichnistexte verstanden wissen: Ich bin kein Satiriker, sondern ich arbeite mit Gleichnissen. Ich fasse meine Stücke als Gleichnisse auf.5

oder an anderer Stelle:

Meine Geschichten sind alle Gleichnisse oder literarische Experimente.6 Eine derartige Prämisse stellt seine Texte aber nicht nur in eine Traditionslinie mit den berühmten Gleichnissen der Bibel, sondern auch den Interpreten vor eine sehr komplexe Aufgabe. Denn ein Gleichnis weist immer über den konkreten Text hinaus, ist immer "ein Gleichnis für" etwas. Da aber die bildliche, metaphorische Sprache eines Gleichnisses niemals in allen Teilen mit der intendierten bzw. dahinter stehenden Aussage übereinstimmen kann, ergeben sich zwangsläufig Mehrdeutigkeiten, die zum Wesen dieser Textsorte gehören. So kann das berühmte Gleichnis Jesu vom Sämann7 beispielsweise als Gleichnis für das verkündigte Wort, wie Jesus es selbst seinen Jüngern ausgelegt hat, ebenso aber auch als Gleichnis vom Hören oder vom Reich Gottes gelesen werden.

Will man nun den eigenen Aussagen Dürrenmatts Glauben schenken, ist gerade diese Mehrdeutigkeit das, was ihn am Gleichnis reizt:

Die Kunst ist an sich mehrdeutig, sie ist ein Material, das man so oder so auslegen kann. Es gibt kein Gleichnis, das nur eine Deutung zuläßt. Die Mehrdeutigkeit ist unser Schicksal.8...

Dazu kommt, und das möchte ich betonen, die Möglichkeit des Zuschauers oder Lesers, ein Bild auf seine Art, also anders, zu verstehen. Das ist sein Recht, das Recht des andern, des Partners. Sowenig unsere Welt eindimensional ist, gibt es eine eindeutige Aussage. Jede Aussage dieses Gesprächs ist in sich mehrdeutig.9

Um diesem besonderen Charakter der Werke Dürrenmatts in angemessener Weise Rechnung zu tragen und die Anklänge an die Lebens- und Sterbensgeschichte Jesu in den intendierten Kontext zu stellen, macht es sich erforderlich, zuvor den Gleichnischarakter dieser Texte zu beschreiben. Zur methodischen Absicherung dieses spezifischen Zugangs soll das nun folgende Kapitel dienen.

Methodologische Zugänge: Das Gleichnis In erster Näherung kann das Gleichnis gefasst werden als poetische Veranschaulichung eines Sachverhalts, Vorgangs oder Gedankens durch Vergleichung desselben mit einem analogen Vorgang bzw. Zustand aus einem anderen, anschaulicheren Lebensbereich. Der Punkt, in dem die verglichenen Sachverhalte übereinstimmen, wird als "tertium comparationis"10 bezeichnet. Seit Adolf Jülicher, dessen Werk über die Gleichnisreden Jesu11 grundlegend für die moderne Gleichnistheorie geworden ist, unterscheidet man zudem zwischen der Bild- und der Sachhälfte eines Gleichnisses. Paradigmatisch kann dies anhand des bereits erwähnten neutestamentlichen Gleichnisses vom Sämann gezeigt werden: das Aussäen der Körner durch den Sämann mit dem so ungleichen Erfolg stellt dort die Bildhälfte dar, und die Sachhälfte bestünde mithin - als Gleichnis vom verkündigten Wort - in der unterschiedlichen Aufnahme des Wortes durch die verschiedenen Menschentypen. Als tertium comparationis erschiene dann das jeweils differierende Resultat der selben Tätigkeit, sprich das bei verschiedenen Böden wie Menschen je unterschiedlich ausfallende Ergebnis. Das Bild des Sämannes kann aber beispielsweise durchaus als Gleichnis für den Verkündigenden, für das Reich Gottes (im Werden ohne menschliches Zutun) o.ä. gedeutet werden. Die charakteristische Mehrdeutigkeit eines Gleichnisses resultiert demnach aus dem Tatbestand, dass ein und derselben Bildebene mehrere Sachebenen12 zugeordnet werden können. Charakteristisch für den Ansatz Jülichers ist neben der strikten Trennung von Sach- und Bildebene auch eine radikale Gegenüberstellung von Allegorie auf der einen und Gleichnis (bzw. Parabel) auf der anderen Seite. Indem er sich stark an der Aristotelischen Rhetorik orientiert, definiert er die Allegorie als zusammenhängende Folge von bildlichen Metaphern, die für das Verständnis der Allegorie wieder in den Begriff zurückübersetzt werden müssen. Dagegen beruht das Gleichnis laut Jülicher auf dem Vergleich. Hierbei wird die Sache durch das Bild nicht nur ersetzt, sondern eben dadurch veranschaulicht. Wenn das Gleichnis also verdeutlicht, verhüllt dagegen die Allegorie den Sachbestand. Auf diesem fundamentalen Unterschied beruht nun auch die unterschiedliche Rezipierbarkeit: Allegorien sind i.d.R. schwer verständlich und nur zu entziffern, wenn der Rezipient die Eigenschaften der Sache genau zuzuordnen in der Lage ist, während Gleichnisse den Sachverhalt durch ein leicht erfassbares Bild zu verdeutlichen suchen. Im Hinblick darauf stellt Reinhard Dithmar fest:

Nach Jülicher sind Metapher und Vergleich, sind die aus Metaphern bestehende Allegorie und das auf dem Vergleich beruhende Gleichnis zwei sich ausschließende Phänomene.13 Diese Diskrepanz muss ihren Einfluss naturgemäß auch auf die Interpretation geltend machen. Während sich die Deutung von Allegorien der Aufgabe gegenübersieht, nach den sachlichen Entsprechungen der poetischen Bilder zu suchen, also die Sachen eindeutig zu identifizieren bzw. zu personifizieren, muss die Interpretation von Gleichnissen ihre Aufgabe darin sehen, eine oder mehrere Aussagen oder Sachverhalte zu finden, als deren Veranschaulichung das Gleichnis dienen könnte. Es ist Jülichers Verdienst, auf diese grundlegenden Unterschiede hingewiesen und einen regelrechten Kampf gegen die allegorische Ausdeutung der Gleichnisse Jesu geführt zu haben, die die Bibelexegese seit dem Mittelalter beherrschte. Ein instruktives Beispiel für die noch immer weit verbreitete Allegorese gibt Dithmar:

Die Auslegung der Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter etwa sieht folgendermaßen aus: Der barmherzige Samariter ist Christus, das Reittier sein irdischer Leib, die Herberge die Kirche und der Herbergswirt der Apostel Paulus;öl und Wein sind die Sakramente und die beiden Denare das Alte und Neue Testament.14 Im weiteren Sinne müssen aber auch alle anderen Auslegungen als allegorisch bezeichnet werden, die Gleichnisse nach einer vorgegebenen Sinngrundlage interpretieren. Dazu gehört auch die von neueren Arbeiten teilweise vertretenen Deutungen nach einer dem Text unterstellten "Intention"15. Für die Gleichnisse des neuen Testaments mag diese Annahme noch akzeptabel sein - dass Jesus mit seinen Erzählungen etwas bestimmtes intendiert habe, ist kaum zu bestreiten - sie engt jedoch die Mehrdeutigkeit eines Gleichnisses auf die eine vom Autor intendierte Bedeutung ein16. Da sie die für künstlerische Texte so charakteristische Vielschichtigkeit nicht zur Kenntnis nimmt und damit die Komplexität derselben reduziert, ist diese Methode meiner Meinung nach für die Interpretation literarischer Texte untauglich. Das hermeneutische Auffinden der Sachebene zu dem entsprechenden poetischen Bild - der sogenannten Richtungsänderung des Bedeutens - kann nun durch den Autor mithilfe sogenannter Transfersignale erleichtert oder auch durch Verweigerung derselben erschwert werden. Meist liegen aber zumindest implizite Signale vor, die den Leser darauf hinweisen, dass der Text einen tieferen Sinn haben kann. Oft wird die Sachebene auch benannt, wie beim Gleichnis vom Sämann in der anschließenden Exegese für die Jünger: "Der Sämann sät das Wort aus"17. Wilpert will sogar nur dann von einem Gleichnis reden, wenn die Sachebene ausdrücklich genannt ist; die meisten Gleichnisse des Neuen Testaments - wie auch viele Gleichnisse Dürrenmatts - werden nach dieser Begriffsbestimmung zu Parabeln erklärt, da sie die Sachsphäre nur erschließen lassen.

Seit Kafka zu Beginn unseres Jahrhunderts seine berühmt gewordenen Parabeln schrieb und damit auch in der Literatur eine neue Zeit einläutete, ist parabolisches Dichten zum bestimmenden Merkmal literarischer Artikulation in der Moderne geworden. Die Parabel bzw. Gleichnis scheinen in besonderer Weise geeignet, die oft als Groteske empfundene Wirklichkeit unserer Zeit zu beschreiben. Was bei Brecht dabei vornehmlich auf die Dramen zutrifft, will Dürrenmatt auf sein Gesamtwerk angewendet wissen. Um sein persönliches Verständnis von Gleichnishaftigkeit18 in der Dichtung noch klarer zu illustrieren, seien zum Abschluss der methodischen Überlegungen noch zwei Zitate aus Gesprächen mit ihm zitiert. So spricht er sich beispielsweise strikt gegen die allegorisierende Interpretation seiner Texte aus, wenn er ausführt:

Eine Allegorie hat für mich immer etwas Eingefrorenes an sich. Ich mag Allegorien nicht. Jedes Geschehen ist an sich zweideutig, mehrdeutig, die Allegorie hingegen eindeutig. Ideologie ist immer eindeutig. Und ich bin gegen das Eindeutige. Für mich ist immer das Zwei-, Drei-, Vierdeutige entscheidend.19 Wie er seine Gleichnisse selbst verstanden haben möchte, illustriert er in einem Gespräch mit Horst Bienek: Meine Arbeiten sind fingierte Modelle, in denen Gesellschaft gleichsam wissenschaftlich auf die Probe gestellt wird. Modelle von was? Von möglichen menschlichen Beziehungen.20 So liegt es nahe, die zu analysierenden Werke vornehmlich als gleichnishafte Modelle verschiedenster menschlicher Beziehungen zu interpretieren. Dabei darf die Gefahr nicht übersehen werden, dass eine solche Prämisse immer den Blickwinkel einengt und die Interpretation zur reinen Bestätigung dessen herabsinken könnte, was der Autor selbst darüber gesagt hat. Um dies zu vermeiden, wird die folgende Darstellung bemüht sein, die Vielfalt der möglichen Deutungsansätze aufzuzeigen, und so der Mehrdeutigkeit, die der Autor so stark betont, Rechnung zu tragen.

Mondfinsternis

Die Erzählung "Mondfinsternis" veröffentlichte Friedrich Dürrenmatt zuerst 1981 im Rahmen der "Stoffe I - III". Das Thema lässt sich knapp als das Eindringen eines ehemaligen Mitglieds in eine isolierte dörfliche Gemeinschaft formulieren, das das Leben dort einschneidend verändert. Motivisch kreist der Text vor allem um Geldgier auf der einen und eine "ungeheure Gier, ... noch einmal zu leben"21 auf der anderen Seite. Die Bildebene dieses Textes, den wir wie fast alle Werke Dürrenmatts als Gleichnis ansehen dürfen, ist mit dem "plot"22 derselben nahezu identisch und sei hier noch einmal kurz dargestellt: Nach 40 Jahren kehrt Wauti Locher, schwerreich geworden, in sein bitterarmes Bergdorf zurück. Er bietet jedem der vierzehn Haushalte eine Million, wenn dafür Döufu Mani, der jetzige Mann seiner damaligen Verlobten Kläri, umgebracht wird. Während Locher literweise Schnaps trinkt und mit allen Mädchen und jungen Frauen des Dorfes schläft, beschließt die Gemeindeversammlung mit nur einer Gegenstimme die Hinrichtung des damit einverstandenen (!) Döufu. Dessen einziger Wunsch, am Vorabend noch die Landwirtschaftliche Ausstellung besuchen zu dürfen, wird gewährt. Auf dem Rückweg von dort ins Dorf scheint die Anwesenheit des Pfarrers den Ausgang des Unternehmens noch einmal ernsthaft ins Wanken zu bringen, er wird jedoch isoliert und predigt vor einer leeren Kirche. Während der Hinrichtung in der vom Vollmond erhellten Sonntagsnacht kommt es zu einer Mondfinsternis, die Bauern fallen auf die Knie, geben das Opfer frei und beten das Vaterunser. Als der Mond aber wieder hervorkommt, schlagen sie sofort wieder auf die "Blüttlibuche" ein, die Döufu Mani, der nie an eine Flucht gedacht hat, dann planmäßig zerquetscht. Locher verlässt nun ohne die Leiche anzusehen das Dorf und erliegt einem Herzinfarkt. Er hinterlässt eine Dorfgemeinschaft, in der sämtliche Mitglieder korrumpiert sind: die Männer als Mörder, die Frauen als Huren und sogar der Pfarrer als Ehebrecher. Wie ein Deus ex Machina erscheint nun der Ständerat und eröffnet den verdutzten Bewohnern, dass in ihrem Dorf ein großes Ferienzentrum entstehen wird.

Die zu Beginn der Erzählung arme, hart arbeitende, dafür aber selbstsichere und zumindest seelisch zufriedene Bevölkerung hat sich am Ende in eine missgünstige, verstrittene, juristisch und moralisch schuldige und dadurch außerordentlich verängstigte Gesellschaft verwandelt. Analog zu der Entwicklung der Bewohner verändert sich aber auch die Natur ringsum: auch sie wird ihrer Natürlichkeit und ihrer Unschuld beraubt, auch sie fällt der Sucht nach Geld zum Opfer. Und so darf die finale tourismuswirtschaftliche Erschließung des vom Ständerat zuvor so überschwänglich gelobten Bergtals, "welches noch nicht durch Sesselilift (sic!) und Bauten für die Fremdenindustrie verschandelt und dessenökologie noch natürlich sei"23, durchaus als schlimmstmögliche Wendung verstanden werden. Diese Interpretation legt auch die zeichenhaft über den Häuptern der Bauern kreisende Dohle nahe, die wie ein Todesbote auch das Sterben des Wauti Locher begleitete.

Dem Ständerat Dr. Aetti muss aber noch weitergehende Bedeutung eingeräumt werden. So können dessen vorangegangene Äußerungen im "Mönch" auch als Transfersignal für ein tieferes Verständnis des Werkes gesehen werden, wenn er als Reaktion auf die Frage, was ihn denn plötzlich so gegen den Fortschritt aufbringe, antwortet: Nichts, sagt der Ständerat, aber daß man nichts als Geld im Kopf habe, ekle ihn langsam an, die Eidgenossenschaft habe nichts anderes mehr im Kopf als Geld, Luxus, Ferien, Schweinereien; was eine Hure verdiene, sei unwahrscheinlich, mehr als ein Gymnasiallehrer; doch wenn einmal einfache Bergbauern den Tanz um das goldene Kalb nicht mitmachen und ihre einfachen sauberen Sitten bewahren wollten und die Schönheit ihres Tals - denn was gebe es Erhabeneres als ein eingeschneites Dorf -, dann käme prompt die Regierung mit Repressalien.24

Flötigen - als Gleichnis für die Eidgenossenschaft, als Modell für die Schweiz? Das abgeschnittene Bergdorf mit den nur vierzehn Haushalten, das nach außen noch so unverdorben scheint und doch beim Tanz um das goldene Kalb in vorderster Reihe steht? Eine Schweiz, die korrupt wird, wenn es um Geld geht - und es ja beim Nazigold auch wirklich geworden ist? Viel spricht für diese Deutung, wobei selbst das Lokalkolorit noch als tertium comparationis dienen würde. Dass Dürrenmatt sein Vaterland als durch Wohlhabenheit korrumpiert ansah, belegen auch viele Gespräche, in denen er die Schweiz unter anderem als einen Augiasstall bezeichnete.

Aber die Interpretation ließe sich auch durchaus ausweiten und der Text dann als Gleichnis für die kapitalistische Gesellschaft insgesamt deuten. Somit stünde es modellhaft für die Kräfte, die der Run auf das Geld im Menschen freisetzt und die sich über jegliche Ethik und alle Konventionen der Moral hinwegsetzen. In einer typisch Dürrenmattschen Zuspritzung widerspiegelt "Mondfinsternis" so die unendliche Skrupellosigkeit dieser unserer Gesellschaftsform als Ganzes und zeigt gleichzeitig eine mögliche apokalyptische Zielrichtung auf: die gleichzeitige Zerstörung von Gesellschaft und Natur. In der "Mondfinsternis" finden sich nun eine ganze Reihe von Anspielungen auf die Jesusgeschichte. Das signifikanteste Beispiel dafür ist wohl die kurz vor dem Tod Döufu Manis einsetzende Finsternis, die der Erzählung ihren Namen gab. Analog dazu liest sich die biblische Überlieferung:

Von der sechsten Stunde bis zur neunten herrschte Finsternis im ganzen Lande. Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme auf: Eli. Eli, lama sabakthani? das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?25 Wenn bei der Kreuzigung Jesu von einer Sonnenfinsternis auszugehen ist, verfinstert sich bei der Ermordung des Mani der Mond - Mitternacht statt Mittag. Wenn Jesus an einem hölzernen Kreuz stirbt, erleidet die Figur in der Dürrenmattschen Erzählung den Tod durch den (hölzernen) Stamm der "Blüttlibuche", und die als "Blüttli"26 bezeichnete Lichtung scheint ebenso auf ihre Bestimmung hinzuweisen wie der Berg Golgatha in der Bibel, was mit "Schädelstätte"27 übersetzt wird. Und wie in der Bibel ist auch bei Dürrenmatt Geld das Motiv: Judas Iskariot bekommt für seinen Verrat 30 Silberlinge28, der Judaslohn, für den die Flötiger ihre Moral verraten, beträgt die genannte Million. Und nicht zuletzt ist es hier wie dort ein Kollektivmord: alle bis auf den alten Nobi Geissgrasser stimmen für den Tod Manis, wie auch alles versammelte Volk, das in den Ruf "Den Barrabas"29 einstimmt, die Hinrichtung Jesu verlangt.

Die vielen deutlich erkennbaren Motive aus der Kreuzigungsgeschichte Jesu rücken den Bergbauern Döufu Mani nun gleichsam in die Nähe der Christusgestalt. Ja, es wird deutlich, dass beide Figuren in der Annahme ihrer Märtyrerrolle durchaus Parallelen aufweisen. Dabei stirbt Christus - zumindest nach der tradierten amtskirchlichen Lesart - für das Heil der Menschheit, und auch Mani ist von diesem Gedanken besessen, seinen Söhnen und dem gesamten Dorf mit seinem Tod ein besseres Leben zu ermöglichen. Das Ergebnis seiner altruistischen Aufopferung ist nun allerdings weit von dieser Absicht entfernt: er erreicht genau genommen das blanke Gegenteil von dem, was er wollte. Keiner will einen Traktor, keiner will einen modernen Stall. Keiner will leben, wofür Mani stirbt. An diesem Punkt der Erörterung stellt sich nun zwangsläufig die Frage, welche Auswirkungen diese Christusanalogieschicht auf die Gleichnishaftigkeit der "Mondfinsternis" hat. Unzweifelhaft ist dabei festzustellen, dass die Tiefe der Erzählung durch diese neu aufgemachte Ebene deutlich zunimmt. So bekommt die eher provinziell dargestellte Opferung Manis einen Anstrich von globaler, ja weltbewegender Wichtigkeit, der Leser wird gleichsam dazu aufgefordert, die dargestellte Begebenheit als weltgeschichtlich potenziell bedeutend zu bewerten.

Nicht vergessen werden darf, dass die Dorfbewohner im entscheidenden Moment, als der Mond "endlich zu einem glühenden zerfressenen Auge, mit gräßlichen Geschwüren übersät, das bösartig auf den dunkelrot verfärbten Schnee und die Bauern glotzt, deren Beile wie mit Blut beschmiert scheinen"30 wird, in Weltuntergangsangst auf die Knie sinken und jenes Gebet sprechen, das Jesus Christus lehrte: das Vaterunser. Es liest sich wie Hohn, bedenkt man, dass die Bauern hinterher ungesäumt mit ihrem Morden fortfahren: Ihr sollt so beten: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, Uns vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.31 Nun ist es eine eingewurzelte Tradition gläubiger Christen, in Bedrängnis so zu beten. In diesem Kontext, wo den Worten dazu noch eine doppelbödige und geradezu absurde Bedeutung32 konnotiert wird, wird das Vaterunser jedoch zu einer Groteske. Wenn auch dies als Fingerzeig auf eine mögliche Lesart des Gleichnisses verstanden wird, ergibt sich hier die besonders plastische Darstellung von humanistischer Ethik und religiöser Moral, wie sie die auf Geldgier basierende kapitalistische Gesellschaft hervorbringt. Die Christlichkeit der Menschen hat hier bereits den Charakter eines bloßen äußerlichen Anstrichs, ja sogar von heuchlerischer Tarnung angenommen. Und auch die Verlogenheit der Kirche in Gestalt ihrer Amtsträger in der angeblichen Nachfolge Christi wird dabei angeprangert, der Ehebruch des "Freude zuvor"33 predigenden und sich bei Problemen sofort zurückziehenden Pfarrers steht doch in sehr krassem Gegensatz zum Auftrag der Kirche. Und wenn der Pfarrer die Gebote Christi nicht hält - was ist dann von der Gemeinde zu erwarten?

Andererseits könnte die Mondfinsternis aber auch als hinterfragende Parodie auf die Jesusgeschichte gedeutet werden. Hier drängt sich die Frage nach der unterstellten Sinnhaftigkeit des Märtyrertodes geradezu auf. Bei Dürrenmatt stirbt ein Mensch für ein Ideal, das sich als Illusion erweist: es verändert sich nichts in seinem Sinne zum Guten, ganz im Gegenteil. Und in der Geschichte vom Tod Jesu? Klaffen nicht auch hier Absicht und Ergebnis weit auseinander? Wurden seine Visionen erfüllt? Gibt es einen Gott? Die Kirche, die sich auf ihn beruft, führte in seinem Namen Kriege, mästete sich am Ablass und predigt Freude - das Feld der hier möglichen Überlegungen ist weit. Sie gehören zu den möglichen Bedeutungen - sprich Sachebenen -, die von jedem Leser auf seine Art verstanden werden können, in der prinzipiellen schicksalhaften Mehrdeutigkeit des Gleichnisses aber bereits angelegt sind.

Der Rebell

Auch der Text "Der Rebell" wurde im Rahmen der "Stoffe I - III" veröffentlicht, stammt jedoch im Entwurf - wie auch "Mondfinsternis" - aus einer früheren Schaffensperiode. Im Vergleich zur vorhergehenden Erzählung macht dieser Text einen eher skizzenhaften Eindruck, er ist offensichtlich für einen größeren Rahmen konzipiert worden. Als Thema lässt sich das klägliche Scheitern eines zum Erlöser und künftigen Herrscher hochstilisierten Fremden ausmachen. Die Motivstruktur kann mit Vatersuche und Erlösersehnsucht beschrieben werden, aber auch das bei Dürrenmatt oft vorkommende Labyrinthmotiv ist aufzufinden. Auch hier sei der "plot" als die Oberfläche des Gleichnisses kurz skizziert:

Ein junger Mann aus gutsituierten mitteleuropäischen Verhältnissen, dessen Vater noch vor seiner Geburt zu einer Reise in fremde Länder aufbrach und nie zurückkehrte, tritt nach dem rätselhaften Verschwinden der Mutter dieselbe Reise an, um seinen Vater zu suchen. Nach langer Zeit kommt er - inzwischen arm und in Lumpen gekleidet - an ein Zollhäuschen, wo die seltsame Sprache seines Vaters, die er in der Jugend gelernt hat, gesprochen wird. Er wird überaus ehrfurchtsvoll behandelt und macht sich auf einem Mausesel auf den Weg in die Hauptstadt. Die armen Bewohner säumen die Straßen, um ihn zu begrüßen, weil er als der verheißene Erlöser angesehen wird. Dies erkennt der Rebell selbst aber erst, nachdem er bereits bis in die politische Spitze vorgedrungen ist. Nun gibt es merkwürdige Hinweise darauf, dass der Herrscher und auch der Theologe mit seinem Vater identisch ist. Erweisen lässt sich dies allerdings nicht. Zögernd nimmt er jetzt die ihm angetragene Rolle an, wird aber kurz vor der Rebellion verhaftet und krepiert vertrocknend und irre geworden in einem verspiegelten Labyrinth.

Überdeutlich fallen im "Rebell" die parabolischen Züge ins Auge. Die ausgeprägte Rätselhaftigkeit, die surreale Welt, der nur schwer zu erschließende Sinn des Ganzen - vieles erinnert an Kafka. Selbst auf der formalen Ebene: die Benennung der Hauptfigur mit A scheint bewusst auf K. (sprich "Ka"), den Helden aus Kafkas34 "Prozess", anzuspielen. Mit dem Prozessroman verbindet den Rebellen außerdem der Umstand, dass die Protagonisten bis zum Schluss die Bedrohlichkeit der Situation nicht erkennen - und daran zugrunde gehen. Signale, die darauf hinweisen, dass der Text einen tieferen Sinn haben muss, gibt es durchaus, Hinweise, in welcher Richtung dieser zu suchen sei, sind dagegen kaum auszumachen. Dadurch ergibt sich eine große Streubreite möglicher Interpretationen; die Sachebenen können sowohl auf sozialpsychologischem wie auf naturwissenschaftlichem Gebiet gesucht werden. So kann der Text zum ersten als eine vergebliche Rebellion gegen die Über-Macht des Vaters gelesen werden. Seltsamerweise zieht es den Helden, der in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen lebt, über riesige Entfernungen hinweg zu seinem Vater hin, von dessen Tod er ja überzeugt sein muss - war sein Vater doch schon bei der Abreise über siebzig Jahre alt. Schicksalhaft bewegt sich A, indem er seiner Neugier folgt, auf den Fußspuren desselben. Er wird somit zur existentiellen Bedrohung für den Vater und beschwört einen Konkurrenzkampf herauf, dem er letzten Endes nicht gewachsen ist. Dass er die Konfrontation auf demselben Gebiet sucht, auf dem sich der Vater etabliert hat, ist somit ursächlich für sein Scheitern. Weitergehend kann man aber auch formulieren: Das Verfolgen des eigenen Lebensweges bringt den Sohn grundsätzlich in Konfrontation zum Vater, da ja die Aktionen des Heranwachsenden immer in der Vater-Welt ablaufen - und somit seine Lebensmaximen, sein Lebenswerk in Frage stellen. Somit zeigt das Gleichnis in übertragener Bedeutung modellhaft einen typischen Konflikt zwischen Eltern und Kindern - und vielleicht den des jungen Friedrich Dürrenmatt im Besonderen35.

Die zweite mögliche Sachebene ist soziologischer Art. Das Volk hält den ankommenden Fremden für den zukünftigen Herrscher, es steckt ihn in eine Schublade, schreibt ihm die Rolle des Rebellen zu - und A wird Rebell. Er vermag sich der Erwartung, die an ihn gerichtet wird, nicht zu entziehen, obwohl er doch anfänglich überhaupt keine Ambitionen auf die Macht hat. Auch diese Konstellation trägt modellhaften Charakter. Hier zeigt sich die starke Beeinflussung des Handelns des Menschen durch die Erwartungshaltung, die in ihn gesetzt wird. Oft genug wird ja der Lebensweg eines Menschen stärker von den Vorstellungen der Mitmenschen gesteuert als von dessen eigenen Intentionen.

Zum dritten nun kann die Unsichtbarkeit des Herrschers Anlass zu gleichnishaften Übertragungen sein: überall spürt man die Macht des Herrschers - besonders schmerzlich in den Hinrichtungen -, doch keiner hat ihn je gesehen. Er wirkt, zeigt sich aber nicht. So ist letztlich seine Existenz unbeweisbar - möglicherweise ist sie eine Fiktion. Das Volk, das die Wirkungen spürt, hinterfragt die Existenz aber nicht: was sich in der Tat manifestiert, das muss ja auch existieren. Und so wird die mangelhafte Beweislage die Basis für ein Glaubensdogma. Das deckt sich auffallend mit der ältesten Frage der Menschheit, die nach der Existenz Gottes: auch diese lässt sich nicht beweisen, sondern nur glauben - die Unsichtbarkeit des allmächtigen Vaters kann somit als tertium comparationis dienen. Ob es einen Gott gibt oder ob er "die Wesenheit des heiligen Nichts"36 verkörpert, ist offen. Für diejenigen, die das Wachsen der Pflanze aus dem Samenkorn - wie im Gleichnis vom Sämann als das tätige Wirken Gottes ansehen, ist dies ein Gottesbeweis. Mehr aber ist nicht zu erweisen, das Höchste bleibt letzten Endes vage und ungewiss.

Im Bild dieses Dürrenmattschen Gleichnisses allerdings kann die Existenz eines Herrschenden kaum geleugnet werden, sprechen doch die machiavellistischen Formen der Herrschaftsausübung für einen unbedingten Willen zur Macht, den man sich kaum anders als in einer einzigen Person wirkend vorzustellen vermag. Dagegen erscheint es sehr plausibel, dass der Vater zwei Wesenheiten gleichzeitig verkörpert: den blutrünstigen Machtmenschen auf der einen Seite und den gütigen Theologen auf der anderen. Das ließe auch die merkwürdigen Abschiedsworte des Theologen in einem anderen Licht erscheinen:

Das Oberhaupt der Kirche bleibt ernst und traurig vor A stehen. "Du bist der Rebell", sagt der Theologe zu A, "versuche es nicht mehr zu leugnen. Nimm dein Schicksal auf dich, es kann dir kein Mensch mehr helfen."37

Außerordentlich interessant ist auch die im "Rebell" dargestellte Form der Religion:

Die Religion ist ein seltsames Christentum, oder genauer, das Gemisch einer unbekannten, offenbar einheimischen Religion mit dem Christentum, man glaubt an einen sechsfaltigen Gott, an die Einheit Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des Heiligen Geistes, wozu noch der Gott der heiligen Energie, der Gott der heiligen Materie und der Gott des heiligen Nichts treten, ebenfalls ans Wesenheiten gedacht, so daß sich die Einheit Gottes aus sechs Wesenheiten zusammensetzt.38

Die christliche Religion ist hier also durch atheistische Elemente zu einer Sechsfaltigkeit erweitert worden - eine kuriose Vorstellung. So werden Marxismus und Christentum in gewisser Weise gleichgesetzt: auch der Marxismus erscheint als Religion. Der christliche unterscheidet sich also von dem marxistischen Glauben nur durch die jeweils zugrundeliegenden Utopien - ein weitreichender Gedanke, den Dürrenmatt auch an anderer Stelle erläutert39.

Wenn die These der Zweiteilung allerdings zutrifft - was hier angenommen werden soll - ist folglich der Herrscher der eigentliche Schöpfer der Religion. Es ist naheliegend, dass der Vater, der ja aus einem christlichen Kulturkreis stammt, das Christentum mitbrachte und es mit dem einheimischen Glauben verschmolzen hat. Die Religion wird hier als ein menschliches Konstrukt gezeigt: vom Herrscher zur Konsolidierung der eigenen Macht ersonnen. Und das Volk mit der ihm eigenen Gläubigkeit verharrt weiter in einer Erlösungshoffnung, die inaktiv macht und alle Willkür ertragen lässt. Als Essenz könnte formuliert werden: egal, ob es einen Gott gibt oder nicht, die Religion ist ein menschliches Produkt und als solche zumindest in den Mechanismus der Machterhaltung eingebunden - wenn nicht sogar der Wille zur Macht die wesentliche Keimzelle jeglicher Religion darstellt, die vom Volk, "religiös wie es nun einmal sei"40, immer willig angenommen wird. Die Sachebene dazu lässt sich nicht nur in den meisten Diktaturen marxistischer, fundamentalistischer etc. Couleur finden, die Dürrenmatt zufolge immer religiösen Charakter tragen, sondern auch noch im Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts,- zum Beispiel in dem enormen Zulauf der Sekten, die oft in erster Linie der persönlichen Bereicherung des Gurus dienen.

Mehr noch als die "Mondfinsternis" ist "Der Rebell" von Parallelen zur Sterbensgeschichte Jesu geprägt. Sie beginnen mit dem Einzug in die Hauptstadt auf einem Maulesel41, wobei die Menschen - wie auch im Neuen Testament überliefert - die Strassen säumen und ihn sogar als "Erlöser" und "Messias" bezeichnen. Wie Jesus wird A verhaftet, wenn freilich der Tod nicht am Kreuz, sondern - bezeichnend für Dürrenmatt - in einem Labyrinth eintritt. Aber die Ähnlichkeiten gehen noch weiter: Wie Jesus wird A als Messias angesehen, bezeichnet sich selbst aber nie als solcher42. Auch er tut Wunder, wenn auch politischer Art - er versöhnt die verfeindeten Parteien miteinander. Und als A im Labyrinth gefangen ist, kommen Stimmen auf, die bezweifeln, dass er "wirklich der vom sechsfaltigen Gott verheißene Rebell sei, sonst hätte er sich doch selbst befreien können"43. Die Parallelität zur Kreuzigung Jesu ist unverkennbar:

Ähnlich trieben auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten Spott und riefen: Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Er ist Israels König, nun soll er vom Kreuz herabsteigen, dann wollen wir an ihn glauben.44

Dazu kommt noch, dass die Figur des Herrschers sich möglicherweise in zwei Erscheinungen aufgespalten hat, was an die Dreieinigkeit erinnert: wenn der Sohn, A, letztendlich "in den Schoß des Vaters" aufgenommen wird, ergibt sich eine klassische Führungsriege: Vater, Sohn und - in Form des Theologen - Heiliger Geist.

Die Fülle der Elemente, die auf die Jesusgeschichte verweisen, ist bei diesem Text so groß, dass der Eindruck entstehen könnte, es handle sich hier um eine freie Neuinterpretation der Jesusgeschichte. Eine solcher Blickwinkel muss nun vor allem die signifikanten Abweichungen von der biblischen "Vorlage" in den Mittelpunkt rücken. Hierbei fällt vor allem folgendes auf: dem Tod der Hauptfigur folgt keine Auferstehung - der Tod wird bei Dürrenmatt im Gegensatz zur neutestamentlichen Darstellung nicht nachträglich in einen Sieg verwandelt. Er bleibt was er ist - das Ende der Vision von Erlösung:

Die Rebellion unterbleibt. Zuerst vorläufig, dann endgültig.45

Zweitens erweist sich der allmächtige "Vater" als zwiespältig: einerseits als gütig und verständnisvoll, andererseits jedoch als "ein höchst skrupelloser Mensch"46. Die Schauseite entspricht der traditionellen christlichen Vorstellung, das Wesen jedoch seinem Gegenteil:

Gott und Teufel quasi in einer Person - als zwei Seiten derselben Medaille? Drittens nun wird die biblische Drei einig keit aufgebrochen: Vater und Sohn sind sich keineswegs einig, sondern stehen vielmehr in einem erbitterten Rivalitätsverhältnis, in einem Kampf um Leben und Tod. Will man nun diesem Text als eine Um-Interpretation der Jesusgeschichte verstehen, so steht diese im Zeichen des entgültigen Scheiterns: die Mission Jesu wäre dann mit dem Tod ebenso gescheitert wie die des A. Kein Siegeszug des nach göttlichem Willen Auferstandenen: das endgültige Scheitern ist das Credo, ein sinn-loser Tod ohne weitere Nachwirkungen.

Anderseits wäre dann Gott selbst der Mörder, der seinen Sohn am Kreuz wirklich endgültig "verlassen"47 hat: das christliche Gottesbild wird entscheidend erschüttert. Gott bekommt hier - wie im Alten Testament, wo er seine Menschheit durch die Sintflut vernichtet - eine finstere Seite, ja ein geradezu teuflisches Wesen, das durch eine gütig-göttliche Schauseite nur verdeckt wird. Und letztlich wird die Rolle Jesu insgesamt neu bestimmt als die eines "Rebellen" - und zwar gegen seinen Vater, gegen den Gott des Alten Testaments: seine revolutionäre Lehre von Armut und Nächstenliebe steht ja in Wirklichkeit in einem starken Gegensatz zu den alttestamentlichen Wertvorstellungen. Die Rache des alttestamentarischen Gottes ist bei Dürrenmatt auch dementsprechend: nicht Tod durch Wasserüberfluss, sondern durch Wasserentzug.

Die Parabel Dürrenmatts kann also letzten Endes durchaus als eine von einer jüdischen Gottesvorstellung ausgehende Betrachtung der Jesusvita erscheinen: das Scheitern eines, ja irgendeines Propheten. Denn für die Juden war Jesus ja bekanntlich nicht der wahre Messias, eben nicht der Christus, weil er sich nicht als König durchzusetzen vermochte. Wäre er wirklich der verheißene Messias, hätte er sich ja selbst befreien können; demnach war er es nicht - und so verharrt das jüdische Volk noch bis heute in Erlösungshoffnung. Ob er nun der verheißene Gottessohn war oder nicht, lässt sich genauso wenig beantworten wie die Frage nach der Existenz Gottes überhaupt - alles bleibt vage. Vielleicht aber - und darauf scheint Dürrenmatt hier besonders hinzuweisen - wurde der Prophet Jesus ja auch nur durch die glühende Erlösungshoffnung der Mitmenschen zum Messias gemacht.

Epilog

Wie die obigen Analysen aufzeigen konnten, lassen sich beide Erzählungen durchaus auch sinnvoll interpretieren, wenn man von den enthaltenen Anspielungen auf die Vita des Jesus von Nazareth absieht. Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich die Texte vor allem als Gleichnisse für das menschliche Zusammenleben interpretieren, als Gleichnisse für die Gesellschaft, in der wir leben. Dabei legt Dürrenmatt vor allem die Geldgier bloß, die stärker ist als jede Menschenliebe, stärker aber auch - und das scheint ein Zeichen unserer modernen Welt zu sein - als jede beibehaltene traditionell-religiöse Gesinnung. Die Summe aus beidem ergibt eine skrupellose Scheinheiligkeit, die unter dem Deckmantel der Religion schlimmste Verbrechen verübt - wie den Mord an Döufu Mani. Aber auch die typischen Konflikte Heranwachsender finden hier ihren Niederschlag, sei es der Konflikt zwischen Vater und Sohn oder die Persönlichkeitsentwicklung nach den Vorstellungen der sozialen Umwelt. Diese Deutungen der Gleichnisse bzw. Parabeln sind sehr treffend in dem Dürrenmatt-Wort von den Modellen "möglicher menschlicher Beziehungen"48 zu fassen. Durch die Christus-Analogieschichten, die gleichsam subkutan unter der Textoberfläche mitschwingen, erweitert sich der Bedeutungshorizont allerdings deutlich. Dabei reicht die Richtung der Auswirkungen von einer Vertiefung bzw. Substituierung der ohnedies gefundenen Deutungen über die Erweiterung des Bedeutungsfeldes bis hin zu Rückwirkungen auf die Deutung der Jesusgeschichte selbst.

In der "Mondfinsternis" stehen die Anklänge an die Geschichte der Kreuzigung Christi sehr stark im Dienste der Vertiefung des auch ohne sie ersichtlichen Bedeutungsgehalts. Sie geben der Handlung eine Bedeutung, die weit über die Begebenheit hinausreicht - und unterstützt auch damit die Deutung des Textes als Gleichnis. Die Schicht der Christusanklänge wirkt gewissermaßen zusätzlich auf den Text hin. Im "Rebell" hingegen stellen die Anklänge einen wesentlicheren Teil der Aussage dar. Bereits die Transformation des Bildfeldes auf die Unsichtbarkeit Gottes wird erst durch die auffallenden Christus-Parallelen interpretationsrelevant, und aus der Illustration des Vater-Sohn-Konfliktes allein könnte diese Erzählung wohl schwerlich ihren unbestrittenen literarischen Wert beziehen. Besondere Bedeutung kommt somit der Rückwirkung der Texte - genauer der Um- Deutungen, wie sie in den vorliegenden Erzählungen angeboten werden - auf die tradierte Christusgeschichte zu. Die "Mondfinsternis" zeigt auf, dass das Ideal, wofür Mani den Märtyrertod stirbt, eine Illusion ist. Es tritt sogar das ganze Gegenteil ein: der Märtyrertod hat Auswirkungen, die der intendierten Absicht gänzlich zuwiderlaufen. Die Geschichte Jesu unter dem Blickwinkel des Auseinanderklaffens von Absicht und Wirkung zu sehen, kann - wie gezeigt - sehr instruktiv sein. Auch der Tod des "Rebellen" hinterlässt keine Spur der Wirkung, wie sie uns aus der Bibel bekannt sind. Der Sohn wird nicht - wie dort - vom Vater angenommen, sondern bekämpft, ersteht nicht auf, sein Vermächtnis lebt nicht weiter. Es scheint, als wolle Dürrenmatt die Unwahrscheinlichkeit der überlieferten Geschichte geraderücken, sie von instrumentalisierten Idealisierungen befreien: bei ihm ergibt sich der realistische, nüchterne Blick eines modernen Menschen, der nicht mehr glauben kann, der die in der christlichen Überlieferung aufgeladene Sinnhaftigkeit aufbricht und hinterfragt. Und so stellt er durch die Parabel ein ganzes Bündel von Fragen: Beruht das Christentum vielleicht auf einer grandiosen Fehlinterpretation? Starb der Anwalt der Menschlichkeit nicht doch für eine Illusion? Ist es nicht wahrscheinlicher, dass Jesus durch die Menschen zum Messias gemacht worden ist? Und was wäre, wenn Gott ein Verbrecher, ein Kindsmörder ist? Natürlich beantworten die Parabeln Dürrenmatts diese Fragen nicht: sie stellen der Gleichnishaftigkeit der biblischen Jesusgeschichte ein neues Gleichnis gegenüber. Wo aber die Christusvita traditionell als Gleichnis für das Wirken Gottes ausgelegt wird, stellt Dürrenmatt dem mit den "Stoffen I - III" ein Gleichnis für das Wirken der Menschen in der Gesellschaft entgegen: Der Mensch ist zu allem fähig.

Anhang

Literaturverzeichnis:

- Arnold, Heinz L.: Friedrich Dürrenmatt. Gespräche 1961 - 1990. 4 Bände. Zürich: Diogenes 1996
- Bienek, Horst: Werkstattgespräche mit Schriftstellern. München: Hanser 1965
- Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bd. 19. Aufl. Mannheim: Brockhaus
- Die Heilige Schrift des Neuen Testaments. Übersetzt von Fritz Tillmann. Leipzig: St. Benno 1951 [zit. als NT]
- Dithmar, Reinhard: Fabeln, Parabeln und Gleichnisse. Paderborn: Schöningh (UTB) 1995
- Dürrenmatt, Friedrich: Gesammelte Werke. 7 Bde. Zürich: Diogenes 1996
- Große, Wilhelm: Friedrich Dürrenmatt. Literaturwissen für Schule und Studium. Stuttgart: Reclam 1998
- Koch-Häbel, Bärbel: Unverfügbares Sprechen. Zur Intention und Geschichte des Gleichnisses. Münster: Aschendorff 1993
- Schneider, Jost: Einführung in die moderne Literaturwissenschaft. Bielefeld: Aisthesis 1998
- Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Kröner 1989

[...]


1 Dürrenmatt 1996, Bd. 5, S. 9.

2 Vgl. Arnold 1996, Bd. 4, S. 73.

3 Dort heißt es u.a.: "Die Folterkammer ist die Welt. Die Welt ist Qual. Der Folterknecht ist Gott." Dürrenmatt 1996, Bd. 5, S. 19.

4 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 180.

5 Arnold 1996, Bd. 4, S. 50.

6 Arnold 1996, Bd. 4, S. 82ff.

7 NT, Mk. 4, 1 - 25.

8 Arnold 1996, Bd. 3, S. 191ff.

9 Arnold 1996, Bd. 2, 317ff

10 "Das Dritte des Vergleichs" (lat., nach Wilpert 1989, S. 928)

11 Jülicher, Adolf: Die Gleichnisreden Jesu. 2 Teile in einem Band. Tübingen 1910. Nachdruck: Darmstadt 1969.

12 Um der suggestiven Wirkung der Termini "Bild- bzw. Sach hälfte " zu entgehen, soll im folgenden von "Bild ebene" und "Sach ebene" die Rede sein.

13 Dithmar 1995, S. 29.

14 Dithmar 1995, S. 29.

15 So u.a. Jüngel, Eberhard: Paulus und Jesus. Eine Untersuchung zur Präzisierung der Frage nach der Christologie. Tübingen 1979.

16 Auch den Verfechtern dieses Zugangs scheint die Enge desselben bewusst zu sein, die dann bemüht sind, durch teilweise schwammige Mystifizierung diese wieder zu erweitern. Zum Exempel eine intentionsbasierte Betrachtung des Sämannsgleichnisses: "Als Erzählung tendiert das Gleichnis auf etwas, das es nicht benennt, aber tautologisch darstellt und somit in seiner Bedeutung vermittelt. Darin reflektiert es die eigene Gleichnishaftigkeit. Mit dem Gleichnis ist es wie mit dem Samen: seine Intention spricht gerade aus den erzählten Sätzen, ohne daß sie explizit benannt würde." Koch-Häbel 1993, S. 53.

17 NT, Mk. 4, 14.

18 Da in den Dürrenmattschen Werken aber oft nur schwer auf die Sachebene geschlossen werden kann, trifft der Sachbestand der "Verdeutlichung" kaum zu. Deshalb sollen sie hier im korrekt literaturwissenschaftlichen Sinn als Parabeln aufgefasst werden.

19 Arnold 1996, Bd. 2, 317f.

20 Bienek 1965, S. 128.

21 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 260.

22 Zur Begriffsbestimmung vgl. Schneider1998, S. 46 - 57.

23 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 265.

24 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 242.

25 NT, Mt, 27, 45/46. Die Darstellung der Finsternis findet sich im übrigen nur in den drei synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas, im Johannesevangelium ist sie nicht überliefert.

26 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 254.

27 NT, Mt, 27, 33.

28 NT, Mt, 26, 14 - 16.

29 NT, Mt, 27, 21.

30 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 256.

31 NT, Mt, 6, 9 - 13.

32 "Unser täglich Brot" steht ja nicht nur alltagssprachlich für das Auskommen bzw. Einkommen- und kann so für Lochers Millionen stehen.

33 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 247.

34 Auf die enge Verwandtschaft seiner "Urmotive" mit denen Kafkas weist er selbst in der "Dramaturgie des Labyrinths" hin, die in die Stoffe I-III eingewoben ist. Vgl. Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 69ff.

35 Diese Deutung legt Dürrenmatt selbst nahe, wenn er in dem vorangehenden autobiographisch-essayistischen Abschnitt schreibt: "Versuchte ich in diesem [ Winterkrieg M.C. ], ein Weltgleichnis, ging es mir in jenem [ Rebell ] darum, ohne daß ich es ahnte, meine eigene konfuse Lage darzustellen." Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 277.

36 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 311.

37 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 313.

38 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 307.

39 Vgl. Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 182.

40 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 312.

41 NT, Mt. 21, 1 - 11. Bei Mk., Mt. und Lk. steht "Füllen", bei Joh. "Eselsfüllen".

42 Vgl. Brockhaus Bd. 11, S. 172.

43 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 315.

44 NT, Mt. 27, 41 /42.

45 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 315.

46 Dürrenmatt 1996, Bd. 6, S. 311.

47 Vgl. Fußnote 25.

48 Siehe Fußnote 20.

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Anklänge an die Jesusgeschichte in den "Stoffen I - III" von Friedrich Dürrenmatt
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Seminar "Dürrenmatts Stoffe"
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V100002
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dürrenmatts hochinteressante "Stoffe" liegen bereits seit 20 Jahren gedruckt vor, und doch sind Analysen und Interpretationen dünn gesät: die Literaturwissenschaft scheint die Auseinandersetzung damit zu meiden. Hier wird nach einem Exkurs über den Gleichnischarakter der Dürrenmattschen Texte der Versuch unternommen, die Mondfinsternis (eng verwandt mit der Alten Dame!) und Der Rebell unter dem spezifischen Gesichtspunkt der Anklänge an die biblische Jesusgeschichte zu analysieren.
Schlagworte
Anklänge, Jesusgeschichte, Stoffen, Friedrich, Dürrenmatt, Seminar, Dürrenmatts, Stoffe
Arbeit zitieren
Markus Catenhusen (Autor), 2000, Anklänge an die Jesusgeschichte in den "Stoffen I - III" von Friedrich Dürrenmatt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100002

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