Stilleübungen in der Motopädagogik - besonders für das hyperaktive Kind


Hausarbeit, 1999
28 Seiten, Note: sehr gut

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1. Einleitung

In meiner Arbeit soll es um Stilleübungen für Kinder gehen.

Im Kindergarten- ,Schul- und Freizeitbereich sind seit einiger Zeit immer mehr unruhige, unkonzentrierte und leicht ablenkbare Kinder zu beobachten.

Die Ursachen dafür sind im Einzelfall sicher verschieden, allerdings ist unbestritten, daß die Situation des Kindes in unserer Gesellschaft ein Grund für dieses Verhalten ist.

- die Kinder sind ständiger Reizüberflutung von Werbung und Freizeitindustrie ausgesetzt
- die Schnellebigkeit unserer Gesellschaft wirkt sich auf die Kinder aus
- an die Kinder werden schon ab der Grundschule immer höhere Anforderungen gestellt
- es fehlen Frei- und Bewegungsräume, die Kinder haben keine Möglichkeit mehr, sich auszutoben und richtig Kind zu sein
- es gibt mehr und mehr nur noch passive Freizeitangebote, wie Video, Fernsehen und Computerspiele, dies wird dem natürlichen Bewegungsdrang der Kinder nicht gerecht Kinder haben so gesehen wenig Möglichkeit, Ruhe, Stille und Entspannung zu finden und zu genießen.

Für Erwachsene steht ein breites Angebot an Entspannungsmethoden zur Verfügung, wie beispielsweise Yoga, Meditation, Eutonie und so weiter.

Meistens werden diese Programme für Kinder übernommen. Häufig fehlt dann aber die kindgerechte Übertragung in eine Bildersprache, in eine Geschichte oder in motivierender Anbietung und Gestaltung der Übung.

Die hier aufgeführten Übungen gehen auf Annahmen und Ziele der Motopädagogik zurück. Dies ist ein ganzheitlicher, heilpädagogischer Ansatz, der versucht dem gegenseitigen Bedingtsein von Motorik , Wahrnehmung und Sozial-Emotionalität gerecht zu werden. Ich stütze mich in meinen Ausführungen hauptsächlich auf die Werke von Ernst J. Kiphard und Marianne Frostig.

Genaueres wird im Verlaufe der Arbeit Beachtung finden.

Die im folgenden beschriebenen Übungen sind grundsätzlich für alle Kinder im Vorschul und Grundschulalter geeignet. Ich möchte hier aber den Kindern mit Hyperaktivität besondere Aufmerksamkeit schenken, da ich besonderes Interesse für diese Kinder hege.

2.1 Was ist Stille ?

Was unterscheidet Stille im herkömmlichen Sinne von der Stille, zu der ich mich mit den Übungen auf den folgenden Seiten äußern will?

Sie wird im allgemeinen mit Schweigen und bewegungsreduziertem Handeln gleichgesetzt. Dies ist auch der Grund dafür, daß Stille für Kinder ersteinmal negativ besetzt ist. Für viele wirkt sie gar bedrohlich und beängstigend.

Kinder sind von Natur aus meist neugierig und verspielt, und sie entdecken ihre Umwelt mit Hilfe der Bewegung.

In dieser Art und Weise sollten auch Stilleübungen für Kinder konzipiert sein. In spielerischer Form müßte es Kindern ermöglicht werden, zu Entspannung, innerer Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden. Dies kann, gerade beim hyperaktiven Kind, schon einmal sehr laut und hektisch vonstatten gehen.

Doch wenn diese Aktivitäten eine entspannende und beruhigende Wirkung auf das Kind haben, und wenn vielleicht "ganz nebenbei" noch seine Wahrnehmung geschult und die emotionalen und sozialen Fähigkeiten erweitert werden, ist meiner Meinung nach das Ziel der Stilleübung erreicht.

Stilleübungen sind nämlich viel mehr als nur kleine Tricks, die Kinder zur Entspannung führen können. Sie geben dem Kind Kraft für neue kräftezehrende Aktivitäten. Sie können ihm auch helfen, seine Persönlichkeit zu entwickeln und an Selbstvertrauen zu gewinnen.

Im schulischen Bereich können sie sogar helfen, theoretisches Wissen zu vertiefen und zu veranschaulichen.

2.2 Das hyperaktive Kind

Hyperaktive Kinder sind in ständiger Bewegung. Ihre Bewegungen sind sprunghaft, hastig, abrupt und nicht zielgerichtet.

Sie verschütten häufig Dinge am Tisch, stolpern über ihre Schnürsenkel oder schubsen andere Kinder unbeabsichtigt an.

Sie können aufgrund des Unvermögens, die Bewegung zu verlangsamen, keine Bewegungsfolgen, wie zum Beispiel einfache Tanzschritte, erlernen.

Im schulischen Bereich unterlaufen diesen Kindern oft Flüchtigkeitsfehler. Sie schreiben die Aufgabe falsch von der Tafel ab, sie vergessen beim Diktat den i-Punkt zu setzen, oder sie befolgen Aufträge unkorrekt. Dabei mangelt es dem hyperaktiven Kind entweder an räumlicher Wahrnehmung, oder es nimmt sich nicht die Zeit, sich zu orientieren und seine Handlung zu planen.

Hyperaktives Verhalten wird oft als besonders störend empfunden. Anderen Kindern fällt es schwer, die meist unbeabsichtigte Grobheit der Bewegungen zu deuten. Deshalb haben diese Kinder meist auch noch soziale Probleme, d.h. sie werden oft ungewollt zum Außenseiter einer Gruppe. Dies zehrt natürlich auch am Selbstbewußtsein. Hinzu kommen unerfahrene Eltern, Lehrer und Erzieher, die mit diesem "Problem" nicht umzugehen wissen. Aufgrund der vielen Mißerfolge im täglichen Leben und im Umgang mit anderen Menschen zeigen diese Kinder auch eine niedrige Frustrationstoleranz, das bedeutet sie können schlecht mit negativen Erfahrungen umgehen.

Auch gefühlsmäßig neigen die Kinder oder Jugendlichen zur Impulsivität. Sie zeigen einen raschen Stimmungswechsel und können von einer Minute zur anderen wütend oder jähzornig werden. Bei Nichtgelingen oder Nichterfüllen ihrer Wünsche kann es zu erheblichen Wutausbrüchen oder zu aggressiven Störungen kommen.

Es ist bisher nicht gelungen, die Ursache der Hyperaktivität zu finden. Man geht von mehreren sich ergänzenden und in Wechselwirkung stehenden Bedingungen aus.

Neben neurobiologischen Annahmen ( Minderdurchblutung bestimmter Hirnregionen und ein Ungleichgewicht der Überträgerstoffe im Gehirn ) scheint auch Vererbung eine Rolle zu spielen.

Bezüglich der verschiedenen Allergiehypothesen sind noch viele Fragen offen. Ein gehäuftes Auftreten von Asthma, Heuschnupfen und einer Nahrungsmittelallergie bei Hyperaktivität scheint gesichert zu sein.

Psychologische Annahmen gehen davon aus, daß das Hauptproblem bei hyperaktiven Verhalten eine Störung der Selbstregulation sei. ( Das Kind habe nicht gelernt, über sein Handeln nachzudenken und planvoll vorzugehen. ) Gudrun Kesper und Cornelia Hottinger haben zwei Gruppen dieser Kinder gefunden. Die eine Gruppe sind Kinder mit Problemen vor allem im vestibulären Bereich.

Vestibuläre Wahrnehmung ist die Wahrnehmung von Geschwindigkeits- und Richtungsveränderungen, und sie ist verantwortlich für das Gleichgewicht verbunden mit auditiver und visueller Reizaufnahme. Diese Art von Störung ist zurückzuführen auf eine frühkindliche Hirnschädigung, die zu einer ständigen Überregung des zentralen Nervensystems führt. Die neuralen Prozesse können nur mangelhaft koordiniert werden. Diese Kinder zeigen ähnliche Verhaltensweisen wie ich sie hier schon aufgeführt habe, hinzu kommt noch ihre gesteigerte Erregbarkeit.

Die andere Gruppe hat besondere Schwierigkeiten im taktil-kinästhetischen Bereich.

Taktile Wahrnehmung ist verantwortlich für die genaue Lokalisation von Reizen auf der Haut, und sie gibt uns Informationen über die Beschaffenheit von Dingen, die wir ertasten. Kinästhetische Wahrnehmungen sind Sinneswahrnehmungen, die während einer Bewegung in den Muskeln und Gelenken entstehen. Diese Kinder sind taktil überempfindlich, sie vermeiden oder verweigern den Blickkontakt und weisen auch noch andere autistische Verhaltensweisen auf ( vgl. dies. 1997, S. 146 ).

Nach dieser Vielzahl von Charakterisierungen könnte der Eindruck entstehen, man könne alle hyperaktiven Kinder "über einen Kamm scheren". Dies ist nicht so.

Genau wie alle anderen Kinder haben auch diese Kinder individuelle Stärken und Schwächen. Meiner Meinung nach ist es die Aufgabe des Lehrers oder Erziehers, diese Individualität zu erkennen und zu fördern.

2.3 Motopädagogik - was ist das ?

Motopädagogik, man kann auch Psychomotorik oder Bewegungserziehung dazu sagen, ist ein heilpädagogischer Bewegungsansatz, der in enger Verbindung zu Sportpädagogik, Medizin und Psychologie steht.

Die Konzepte der Motopädagogik gehen vor allem auf Ernst J. Kiphard und Marianne Frostig zurück.

Sie sehen Bewegung in ihrem engen und unaufhebbaren Bezug zum Ganzen der Persönlichkeit eines Erwachsenen und eines Kindes ( vgl. Frostig 1992 und Kiphard 1980 ). Dies bedeutet, Bewegung wird in Beziehung zu Wahrnehmung, Kognition, Sprache, Emotionalität, Kommunikation, also allen Facetten einer Persönlichkeit, gesetzt. So gesehen ist Bewegungserziehung also kein schlichtes Funktionstraining der Sprungmuskulatur zum Beispiel, sondern das Kind wird in seiner Gesamtentwicklung angeregt und soll genügend Impulse zu Eigenaktivität und Kreativität erhalten. Mangelndes Selbstbewußtsein beispielsweise soll durch lustbetontes, kreatives Handeln überwunden werden.

Man kann zwischen Motopädagogik und Mototherapie unterscheiden.

Motopädagogik ist das Konzept einer ganzheitlichen Erziehung und Persönlichkeitsbildung über motorische Lernprozesse. Mototherapie hingegen ist eine Bewegungsbehandlungsmethode bei Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen und Störungen im psychomotorischen Leistungs- und Verhaltensbereich ( vgl. Kiphard 1980, S. 29 ).

Also ist das Thema meiner Arbeit eher ein therapeutischer als ein pädagogischer Ansatz, da Kinder mit Hyperaktivität schon gewisse Störungen im psychomotorischen Verhaltensbereich aufweisen.

Damit soll aber nicht gesagt werden, daß die folgenden Übungen nicht auch für "normale" Kinder gewinnbringend sein können.

2.4 Ziele der Motopädagogik

Das Hauptanliegen der Motopädagogik oder Mototherapie ist die wirkungsvolle Unterstützung der Gesamtpersönlichkeitsentwicklung.

Damit ein Kind erfolgreich handlungsfähig sein kann, das bedeutet sich in seiner Umwelt zurechtfinden und auch verändernd in seine Umwelt eingreifen kann, braucht es nach Kiphard Anregungen in drei großen Lernbereichen:

1. Wahrnehmungsbereich
2. Bewegungsbereich
3. Emotional - sozialer Bereich ( vgl. Kiphard 1980, S. 102 )

Diese Lernbereiche stehen in vielfältiger Beziehung untereinander. So hat die Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit auch Verbesserungen im Bewegungsbereich zur Folge, beispielsweise wenn ein Kind das optische Zielverfolgen geübt hat, wird es auch einen Ball oder ähnliches gut fangen können.

Die Verbesserung der Fähigkeiten und Fertigkeiten in diesen drei Bereichen sind Ziele der Bewegungserziehung.

Marianne Frostig führt noch zwei weitere Hauptziele auf. Zum einen soll durch die Bewegungserziehung der allgemeine Gesundheitszustand und das Wohlbefinden gefördert werden, und zum anderen soll das Selbstbewußtsein der Kinder gestärkt werden ( vgl. Frostig 1992, S. 17 ).

Im folgenden möchte ich die Ziele in den einzelnen drei Bereichen näher erläutern.

2.4.1 Ziele im Wahrnehmungsbereich

" Es gibt eine Computergesetzlichkeit, welche besagt, daß die Qualität des Input ( sensorisches Wahrnehmen ) die Qualität des Output ( motorisches Handeln ) bestimmt " ( Kiphard 1980, S.103 ). Dieses Zitat macht deutlich, wie wichtig die Förderung der Wahrnehmung ist.

Dieser Bereich schließt die optischen, akustischen, taktilen und kinästhetischen Sinneserfahrungen und die Erfahrungen der Körper- und Raumorientierung ein.

Das Kind soll befähigt werden, sich intensiv auf isolierte Sinnesreize, wie zum Beispiel optische oder taktile, zu konzentrieren und sensibel für die verschiedensten Sinneswahrnehmungen zu sein. Die Konzentration auf solch "banale" Dinge wie beispielsweise ein Geräusch wird gerade hyperaktiven Kindern, die in einer Welt der Reizüberflutung durch Werbung, Konsum und Freizeitindustrie leben, schwer fallen. Des weiteren sollen sie lernen, motorisch schnell und der Situation entsprechend auf Wahrnehmungen zu reagieren. Wenn es die Situation verlangt sollen sie auch in der Lage sein, eine langsame und feinmotorische Bewegung zu machen.

Sie müssen befähigt werden, sich mit Hilfe ihrer Sinneseindrücke in ihrer Umwelt zu orientieren und auch verändernd in sie einzugreifen.

Außerdem sollten sie ein Körperbewußtsein beziehungsweise Körperorientierung entwickeln. Das bedeutet, die Kinder sollten mit Hilfe von Sinnesreizen eine schematische Vorstellung von ihrem Körper, auch von Teilen, die sie nicht sehen können, wie beispielsweise die Wirbelsäule, gewinnen und diese im Gedächtnis speichern. Es gibt Kinder, die malen Menschen ohne Rumpf, d.h. ihr Körperbewußtsein ist gestört oder noch nicht voll entwickelt. Ihnen soll geholfen werden, das Bild vom Menschen und von sich selbst zu vervollständigen.

Weiterhin sollen die Kinder ein Zeit- und Raumgefühl entwickeln, also sich Raumbeziehungen durch motorischen Standortwechsel bewußt machen, räumliche Entfernungen motorisch erfahren, sich zeitlichen Unterschieden bei langsamen und schnellen Bewegungen bewußt werden und dynamische Unterschiede behutsamer und kräftiger Bewegung erleben.

Außerdem müssen die Kinder befähigt werden, aus konkreten sensomotorischen Erfahrungen zu Symbolen und Begriffen zu gelangen. Und sie sollen es lernen, verbale Anweisungen zu verstehen und auszuführen. Besonders das hyperaktive Kind hat oft Schwierigkeiten, eine Folge von Anweisungen zu realisieren, wie zum Beispiel : " Gehe drei Schritte vorwärts, mache eine halbe Drehung, so daß du zum Fenster schaust, und gehe dann in die Hocke."

Diese Fähigkeit kann mit Hilfe der Motopädagogik gut erlernt werden.

2.4.2 Ziele im Bewegungsbereich

In diesem Bereich liegt der Schwerpunkt auf den Bewegungsmustern selbst. Die Bewegungsfertigkeiten sollen erweitert werden. Natürlich bilden auch hier Wahrnehmung und Bewegung eine Einheit, weil sich das Kind in einer Bewegungssituation auch erst mittels seiner Sinnesorgane orientieren muß. Wenn es die Aufgabe hat, mit einem Ball in einen Reifen zu zielen, muß es optisch erst die Entfernung ermitteln und dann die Kraft, mit der es den Ball werfen wird, daran orientieren.

In diesem Bereich geht es um Fähigkeiten der Koordination, des Rhythmus´, der Flexibilität, der Geschwindigkeit, der Geschicklichkeit, des Gleichgewichts, der Kraft und der Ausdauer. Das Kind soll Grundmuster der Fortbewegung und Handgeschicklichkeit erlernen. Weiterhin soll es zur Bewegungskontrolle befähigt werden, d.h. es muß seinen Körper in Haltung und Bewegung zunehmend beherrschen lernen.

Die Kinder sollen die erlernten Bewegungsfertigkeiten in vielen wechselnden Situationen erproben und diese auch gemäß neuer Situationsanforderungen abwandeln können. Ein wichtiger Punkt, gerade im Hinblick auf hyperaktive Kinder, ist die Konzentration. Die Kinder sollen hier nämlich befähigt werden, ihre Aufmerksamkeit für längere Zeit zielgerichtet aufrecht zu erhalten.

Des weiteren sollen sie lernen, Willenskraft und Ausdauer in der Aufgabenbewältigung zu mobilisieren und den Erfolg und Mißerfolg von Bewegungshandlungen zu registrieren. Dann können sie auch durch Eigenleistung an Selbstvertrauen gewinnen.

Ein weiteres Ziel ist es, den Kindern zu helfen, eigene Wege der Problemlösung bei handlungsmotorischen Aufgaben zu finden und Kreativität im umweltverändernden Tun zu entwickeln.

2.4.3 Ziele im emotional-sozialen Bereich

Hyperaktive Kinder haben große Probleme im emotional-sozialen Bereich.

Diese können durch ein geschickt gewähltes Programm der Bewegungserziehung gut überwunden werden, wenn der Lehrer oder Erzieher eine aktive und einfühlsame Rolle in der Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse spielt.

Für diese Kinder ist es besonders wichtig, daß die Übungen kindgerecht sind und Spaß machen.

In diesem Bereich spielt die soziale Wahrnehmung eine zentrale Rolle, d.h. die Kinder müssen auch lernen, für die Bedürfnisse, Erwartungen, Wunschvorstellungen und Gefühle anderer Menschen sensibel zu sein.

Im einzelnen sollen sich die Kinder eigener Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle bewußt werden, und sie sollen lernen, diese motorisch auszudrücken. Es kann unheimlich befreiend sein, aufgestaut Gefühle, wie Angst, Trauer, Wut und Enttäuschung pantomimisch oder tänzerisch darzustellen. Aber diese Fähigkeiten müssen geübt werden. Die Kinder müssen lernen, mit negativen Affekten umzugehen. So können Entspannungsspiele helfen, solch negative Affekte aufzulösen.

Weiterhin sollen sie lernen, positive Beziehungen aufzubauen, und sie sollen sich einer sozialen Gruppe zugehörig fühlen. Dafür ist es wichtig, eigene Bedürfnisse zu äußern und gegebenenfalls durchzusetzen, sich aber auch auf andere Gruppenmitglieder einzustellen, d.h. die Kinder müssen lernen, auch einmal zugunsten anderer eigene Wünsche und Vorteile zurückzustellen.

Außerdem sollen die Kinder befähigt werden, Konflikte gewaltlos zu lösen, was meiner Meinung nach, heutzutage von großer Bedeutung ist.

2.5 Stilleübungen zur Förderung der Fähigkeiten in den einzelnen Bereichen

Im folgenden Kapitel möchte ich konkrete Übungen zur Förderung in den einzelnen Bereichen aufführen, die speziell dem hyperaktiven Kind nutzen sollen.

Es soll hier nicht um die Erstellung eines kompletten Programmes der Motopädagogik gehen. Das würde den Rahmen einer solchen Arbeit sprengen. Ich möchte hier nur einzelne Stilleübungen beschreiben, die im Sinne der Bewegungserziehung hilfreich sein können. Da es hier vorrangig um Übungen gehen soll, die dem Kind helfen, die Stille zu entdecken, werde ich den Bereich, der sich vorrangig mit den Bewegungsmustern beschäftigt, außer acht lassen. Kinder sollen in der Lage sein, zu stehen, zu laufen, zu rennen, zu hüpfen, wie auch an unterschiedlichen Sport-, Tanz- und Naturaktivitäten teilzunehmen. Aber das Erlernen dieser Fertigkeiten wird, denke ich, sehr gut durch den Sportunterricht an sich abgedeckt. Ich werde also nur Übungen zum Bereich der Wahrnehmungsförderung und zum Bereich der emotional-sozialen Förderung aufführen.

2.5.1 Die Förderung im Wahrnehmungsbereich

In der Motopädagogik gehören Sinneswahrnehmungen und Bewegungsantworten unteilbar zusammen. Aus diesem Grund sollten Wahrnehmungsübungen häufig mit Bewegungsreaktionen gekoppelt sein. Die Kinder sollen beispielsweise in die betreffende Richtung zeigen, auf das Ziel zugehen oder ihm krabbelnd, gehend oder laufend folgen.

2.5.1.1 Übungen zur optischen Sinneserfahrung

Die Augen sind das wichtigste menschliche Informationsorgan. Mit Hilfe unserer Augen erhalten wir die wichtigsten und zahlreichsten Informationen über die Beschaffenheit unserer Umwelt. Wissen wir ersteinmal wie ein Ding aussieht, können wir meist ungefähr sagen, wie es sich anfühlt, und wie es klingen könnte.

Daher ist es wichtig, den Kindern so viele unterschiedliche optische Sinneserfahrungen zu ermöglichen wie möglich. Denn die spielerische und lustbetonte Förderung des Sehens unterstützt, fördert und bereichert auch alle anderen perzeptiv-kognitiven Lernvorgänge.

Außerdem stellt die Intaktheit des Sehvorgangs auch die Grundvoraussetzung für die Bewegungskoordination dar. Ist das Sehen gestört, wie bei Erblindung beispielsweise, müssen andere Grundtrainingsprogramme durchgeführt werden.

Übung 1:

Taschenlampenspaziergang

Die folgende Übung eignet sich gut als kleine Entspannungsübung. Das optische Zielverfolgen wird hier speziell geübt. Bei derartigen Zielverfolgungsübungen wird auch die Auge-Hand-Koordination geschult.

Materialien: Taschenlampe

Die Kinder befinden sich in einem abgedunkelten, ruhigen Raum, damit sie von anderen Reizen nicht abgelenkt werden können. Besonders für hyperaktive Kinder ist dies wichtig, weil sie sich schlecht dauerhaft auf eine Sache konzentrieren können, wenn noch andere "interessante Dinge" um sie herum geschehen.

Der Lehrer oder Erzieher führt die Taschenlampe. Der Strahl der Taschenlampe macht einen langsamen Spaziergang über den Körper der Kinder, über das Gesicht, über den Rumpf, über die Arme, über die Beine und so fort. An manchen Stellen kann sich der Strahl auch ausruhen.

Die Kinder sollen den Strahl mit den Augen verfolgen.

Man kann sich die verschiedenen Körperteile, auf denen der Strahl ruht, auch benennen lassen. Das entwickelt das Sprachvermögen der Kinder weiter, d.h. sie lernen neue Begriffe hinzu. Bei älteren Kindern kann man die erwählten Körperteile mehr differenzieren, das bedeutet nicht nur die Aufmerksamkeit auf Arme und Beine lenken, sondern auch auf Schienbein, Ellenbogen und so weiter. So wird gleichzeitig die Kenntnis vom eigenen Körper erweitert.

Man kann den Strahl der Taschenlampe auch im Zimmer spazieren lassen. Neugierig kann er den ganzen Raum erkunden, mal schnell, mal langsam. Wenn der Strahl müde wird, kann er sich ausruhen. Die Kinder erraten die bestrahlten Gegenstände.

Die Übung kann auch anders gestaltet werden. Hierzu benötigen alle Kinder eine Taschenlampe. Der Lehrer oder ein Kind haben eine größere Lampe mit hellerem Strahl. Der größere und hellere Strahl muß von den Kleineren gefangen werden.

Ist der große Strahl gefangen, nimmt ein anderes Kind die hellere Taschenlampe.

Übung 2:

Daunenfeder pusten

Bei dieser Übung wird auch das optische Zielverfolgen geschult.

Materialien: etwas größere Daunenfedern

Die Kinder gehen in den Vier-Füßer-Stand ( sie knien sich hin und stützen sich mit den Händen ab ). Es empfiehlt sich, in Zweier- oder Vierer-Gruppen zu spielen, damit nicht ein zu großes Gedränge entsteht, und die Kinder sich gegenseitig verletzen.

Der Lehrer pustet die Daunenfeder mit einem Rohr senkrecht in die Höhe. Die Kinder müssen nun probieren, die Feder so lange wie möglich schweben zu lassen, indem sie immer wieder von unten gegenpusten. Dazu müssen sie die Feder mit den Augen verfolgen und "unter" sie krabbeln, damit sie gegenpusten können. Kinder können eine ungeheure Ausdauer bei diesem Spiel entwickeln.

Übung 3:

Farbige Geschichten

Bei der folgenden Übung lernen die Kinder, Farben optisch zu unterscheiden. Kinder kennen meist bereits sehr früh die verschiedenen Farben. Es kann jedoch nichts schaden, dies zu vertiefen. Außerdem lernen sie, sich nur auf den optischen Reiz der Farbe zu konzentrieren.

Materialen: verschiedenfarbige ( aber einfarbige) Tücher oder Teppichfliesen Die Tücher liegen wahllos im Raum verteilt. Der Lehrer liest eine Geschichte vor, wie:

Es war einmal ein schöner Tag im Park eines Schlosses. Die Sonne schien in ihrem kräftigstem Gelb und der Himmel war ganz und gar blau. In den Ästen eines Apfelbaumes saß eine schwarze Krähe. Auf dem saftig grünen, gepflegten Rasen stolzierte ein Pfau. Die Krähe krächzte: " Wie kann man überhaupt einem solch merkwürdigem Vogel gestatten, diesen Park zu betreten. Er schreitet so arrogant, als wäre er der König persönlich, und dabei hat er doch ausgesprochen häßlich graue Füße. Und sein Gefieder, in was für einem gräßlichen Blau! Eine solche Farbe würde ich nie tragen! Seinen Schweif zieht er hinterher, als wäre er ein Fuchs." Die rabenschwarze Krähe hielt inne und schwieg abwartend.

Der Pfau sagte erst gar nichts, dann begann er wehmütig lächelnd: "Ich glaube, deine Aussagen entsprechen nicht der Wirklichkeit. Was du an Schlechtem über mich sagst, beruht auf Mißverständnissen. Du sagst, ich bin arrogant, weil ich meinen Kopf aufrecht trage, so daß meine blau schimmernden Schulterfedern sich sträuben und ein Doppelkinn meinen Hals verunziert. In Wirklichkeit bin ich alles andere als arrogant. Ich kenne meine Häßlichkeiten, und ich weiß, daß meine Füße grau, ledern und faltig sind. Gerade dies macht mir soviel Kummer, daß ich meinen Kopf hoch trage, um meine häßlichen Füße nicht zu sehen. Du siehst nur meine Häßlichkeiten. Vor meinen Vorzügen und meiner Schönheit verschließt du deine schwarzen Augen." Die Krähe wurde ganz rot vor lauter Scham über ihre Worte und flog davon.

Wenn der Lehrer gerade eine Farbe liest, hält er eine Karte oder ein Tuch derselben Farbe hoch. Die Aufgabe für die Kinder besteht nun darin, zu dem gleichfarbigen Tuch im Raum zu laufen, zu rennen, zu hüpfen oder zu krabbeln. Die Art der Fortbewegung kann beliebig variiert werden. Es ist ratsam, die Geschichte erst einmal vorzulesen, damit sie die Kinder im ganzen erfassen können.

Natürlich kann man das Zeigen der Farben auch weglassen, aber dann ist diese Übung eher eine akustische Sinneserfahrung.

Übung 4:

Figuren, Zahlen und Buchstaben

Mit der nächsten Übung lernen die Kinder, Formen optisch zu unterscheiden.

Materialien: mehrere Sandsäckchen

Mit den Sandsäckchen werden auf dem Boden verschiedene Figuren markiert. Dies können sein: Dreiecke, Vierecke, Vielecke, Kreise, Herzen und so fort. Ältere Kinder kann man auch Buchstaben und Zahlen legen lassen, was den Lernprozeß positiv unterstützt. Nun sollen die Kinder um die Figuren herumlaufen. Auch hier kann die Fortbewegungsart verändert werden. Wichtig ist nur, daß Ecken auch eckig gelaufen werden, um die Formen mit Hilfe der Bewegung zu verdeutlichen.

2.5.1.2 Übungen zur akustischen Sinneserfahrung

Die folgenden Übungen können die Fähigkeit zur akustischen Wahrnehmung erweitern. Dies beginnt auf der nicht-verbalen Ebene. Es geht nämlich zunächst einmal darum, akustische Zuwendung und akustische Konzentration zu schulen.

Es werden hier bestimmte Geräusche, Töne oder Laute vom akustischen Hintergrund abgelöst. Diese akustische `Figur-Grund-Differenzierung` bildet die Voraussetzung zur Lokalisation, zur Unterscheidung und zum Im-Gedächtnis-Behalten unterschiedlicher akustischer Signale. Erst dann wird es sinnvoll sein, das Wortsinnverständnis auf verbaler Ebene anzusprechen.

Übungen zur akustischen Sinneserfahrung sind als Blindspiele besonders günstig für die Kinder, die sich durch optische Reize leicht ablenken lassen, da dabei die Augen ausgeschaltet werden. Blind- und Anschleichspiele sind besonders auch für hyperaktive Kinder geeignet, weil sie sich hier langsamer und behutsamer bewegen und somit mehr wahrnehmen können.

Da manche Kinder sich vor der Dunkelheit fürchten, sollte man ganz behutsam vorgehen. Am Anfang macht das Kind seine Augen selbst zu. Wenn es sich noch unsicher fühlt, darf es kurz blinzeln. Erst wenn sich das Kind in dieser Situation sicher fühlt, kann der Raum schrittweise abgedunkelt werden. Dann ist es auch möglich, die Augen mit einem Tuch zu verbinden.

Übung 5:

Die Klapperschlange

Mit dieser Übung lernt das Kind, die Richtung, aus der ein bestimmtes Geräusch kommt, zu bestimmen. Gleichzeitig lernt es, sich taktil-kinästhetisch im Raum zu orientieren ( aufgrund der Ausschaltung des optischen Sinnes ).

Materialien: Blechdose ( Keksdose oder ähnliches ) mit klappernden Gegenständen darin, beispielsweise Nägel und Schrauben Die Kinder stellen sich einen sehr dunklen Wald vor. In diesem Wald sucht eine Klapperschlange ihr Junges ( die Blechdose ). Sie kann es nicht sehen, da es so dunkel ist. Ein Kind ist die Klapperschlange. Dieses Kind macht die Augen zu, oder sie werden ihm verbunden. Es soll nun auf Geräusche hören, die von der rollenden Blechdose stammen. Das Kind muß versuchen, die Dose zu finden.

Man kann die Blechdose auch einem anderen Kind anbinden, welches sich mit ihr durch den Raum bewegt. Die Schwierigkeit wird erhöht, wenn dieses Kind versucht, vor der Klapperschlange wegzulaufen oder wegzukrabbeln.

Übung 6:

Topfschlagen oder Schatzsuche

Bei diesem beliebten und hinreichend bekannten Kinderspiel wird die Fähigkeit, Geräusche zu unterscheiden, geschult.

Materialien: ein Topf oder eine Schüssel, ein Kochlöffel, ein "Schatz"

Einem Kind werden die Augen verbunden. In der Hand hält es einen Kochlöffel.

Irgendwo im Raum ist ein Schatz unter einem Topf oder unter einer Schüssel versteckt. Das Kind versucht nun, meist krabbelnd, diesen Schatz zu finden, indem es mit dem Kochlöffel danach tastet. Der Schatzsucher erkennt an dem Geräusch, ob er auf den Boden, an die Wand, auf einen anderen Gegenstand oder auf den Topf, indem sich der Schatz befindet, geschlagen hat. Den Schatz darf es natürlich behalten.

Übung 7:

Geräusche raten

Durch die folgende Übung lernen die Kinder verschiedene Geräusche kennen. Sie trägt zur Fähigkeit der Geräusch- und Tonunterscheidung bei.

Materialien: eine große Decke

Der Lehrer, oder auch ein Kind, versteckt sich hinter einer gespannten Decke.

Er macht nun verschiedene Körpergeräusche, wie Klatschen, Stampfen, Füßescharren, Fingerschnippen, Schnarchen und Zähneklappern.

Wer hat die vorgemachten Geräusche erkannt, und kann sie nachmachen?

Man kann diese Übung auch so variieren, daß das Kind, welches das Geräusch als erstes erkennt, hinter die Decke gehen darf.

Man kann natürlich auch jedes andere Geräusch bestimmen lassen.

Das könnten sein: Fahrradklingel, Wecker, Hupe und Spieluhr.

Es können auch rollende Gegenstände am Klang erkannt werden, wie zum Beispiel Holzkugel, Eisenkugel, Plastikkugel, Blechrolle, Klangholz und Gymnastikstab.

Man kann auch fallende Gegenstände am Geräusch erkennen, wie beispielsweise Papierbögen, Schlüsselbund, Tischtennisball, Medizinball, Blechteller, kleinen Glasperlen und Holzstäbe.

Bei diesen Übungen sind natürlich eine Unmenge von Materialien notwendig, die nicht immer zur Verfügung stehen. Aber bei der Durchführung dieser Übung sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

übung 8:

Das Kuckcksei

Mit dieser Übung wird das Wortsinnverständnis geschult. Die Kinder können neue Wörter hinzulernen.

Materialien: keine Der Lehrer nennt eine Reihe von Farben. In dieser Reihe befindet sich ein Wort ( das Kuckucksei ), das hier nicht hingehört, zum Beispiel rot, gelb, orange, rund.

Das letzte Wort ist das Kuckucksei. Jedesmal, wenn die Kinder ein solches, nicht zur Kategorie gehörendes Wort hören, laufen sie schnell zur gegenüberliegenden Wand, oder hüpfen zu einem im Raum liegenden Reifen.

Die Kategorien können selbstverständlich ausgetauscht werden. Andere Beispiele wären:

Werkzeuge, Obst , Blumen, Tiere und Körperteile.

Übung 9:

Stille Post

Dieses schöne und sicherlich bekannte Kinderspiel ist auch eine Übung zum Wortsinnverständnis.

Materialien: keine

Die Kinder sitzen im Kreis. Ein Kind denkt sich ein Wort oder einen lustigen Satz aus. Dieser wird dem Kind links oder rechts daneben weitergeflüstert. Bei Nicht-Verstehen darf nicht nachgefragt werden. Das letzte Kind sagt, was es verstanden hat. Dies ist meist sehr lustig. Der Lehrer kann an die Sätze auch gewisse Bedingungen knüpfen. So kann er zum Beispiel sagen: "In eurem Satz muß ein Adjektiv sein." oder "In dem Satz muß ein Verb der Bewegung sein." Das kann sehr vorteilhaft sein, wenn im Deutschunterricht gerade die verschiedenen Wortarten behandelt werden.

Übung 10:

Der Schneemann

Diese Übung hilft dem Kind, die Bedeutung verschiedener Wörter kennenzulernen oder zu verdeutlichen.

Materialien: keine

Der Lehrer liest eine Geschichte vor, wie:

"Es schneit, es schneit", ruft Anne , während sie aus dem Fenster schaut. Ihr Bruder Josef kommt gerannt, um sich davon zu überzeugen. Tatsächlich, es schneit ! Es muß wohl die ganze Nacht geschneit haben, denn es liegt schon eine Menge Schnee.

Die Kinder freuen sich. Sie ziehen sich schnell an, denn sie wollen draußen einen Schneemann bauen. Ihre Mutter bringt ihnen noch einen Schal, den sie sich um den Hals binden sollen. Damit sie keine kalten Ohren bekommen, setzen sie eine Mütze auf. Und gegen kalte Füße ziehen sie sich extra dicke Wollsocken an.

Jetzt kann es losgehen, Anne und Josef rennen hinaus in den Schnee.

Die Kinder machen nun zwei große Schneekugeln. Mit viel Mühe schaffen sie es, die eine Kugel auf die andere zu heben. Somit ist der Bauch fertig. Sie machen nun noch eine dritte Schneekugel, die sie als Kopf oben draufsetzen. Von ihrer Mutter bekommen sie Kohlen für die Augen und die Knöpfe und eine gelbe Rübe für die Nase. Den Mund machen sie aus Steinen, und zwar so, daß es aussieht, als ob der Schneemann lächelt. Von ihrem Vater erhalten sie einen alten Hut, den sie dem Schneemann auf den Kopf setzen. Zum Schluß binden sie ihm noch einen roten Schal um den Hals, und fertig ist er. Oder doch nicht? "Wir haben die Arme vergessen", ruft Anne auf einmal. Schnell machen sie noch zwei Schneerollen, die sie als Arme an der mittleren Kugel anbringen. Nun ist er wirklich fertig. Den Kindern gefällt ihr Schneemann. Sie sind so begeistert und beschließen, daß er ihr Freund sein soll, auch wenn er nicht sprechen kann.

Anne und Josef konnten noch lange mit ihrem neuen Freund spielen, bis es letztendlich zu warm für ihn wurde.

Die Kinder sollen auf die verschiedenen Körperteile in der Geschichte achten. Und jedesmal, wenn sie eines hören, sollen sie es berühren, entweder bei sich selbst oder bei einem Partner. Dazu müssen die Kinder sich aber sehr vertraut sein.

Wenn der Lehrer die Geschichte langsam vorliest, können die Augen dabei auch geschlossen werden. Die Kinder brauchen nämlich Zeit, um die verschiedenen Körperteile beim Partner zu ertasten.

2.5.1.3 Übungen zur taktilen Sinneserfahrung

Das taktile System ist eine bei der Geburt ausgereifte Struktur und umfaßt die gesamte Oberfläche des Körpers. Es ist nicht nur das Tasten mit den Händen gemeint, sondern auch das Tasten mit den Füßen oder mit dem Körper.

Die taktile Wahrnehmung ist eng mit der kinästhetischen Wahrnehmung verknüpft.

Da hyperaktive Kinder im taktil-kinästhetischen Bereich häufig Schwierigkeiten haben, ist diese Schulung von großer Bedeutung.

Durch die Ausschaltung des optischen Sinnes lernt das Kind, daß es allein durch das Tasten alle wichtigen Informationen über die Beschaffenheit von Gegenständen erhalten kann. Dies bezieht sich neben Größe, Menge und Form, auch auf das Gewicht ( leicht, schwer ), auf die Festigkeit ( hart, wabbelig, weich ), auf die Feuchtigkeit ( naß, glitschig, trocken ), auf die Temperatur ( warm, lauwarm, kalt ) und auf die Oberflächenbeschaffenheit ( glatt, rauh, geriffelt, durchbrochen, wellig, klebrig ) .

Die Tastübungen erfordern ein fast bewegungsloses Verharren und große Konzentration. Aus diesem Grund sollten sie nur kurzfristig durchgeführt werden.

Übung 11:

Gegenstände ertasten

Diese Übungen sind sehr einfach, aber überaus erfolgversprechend, und sie bereiten den Kindern großen Spaß.

Materialien: verschiedene Gegenstände, ein etwas größeres Tuch zum abdecken Die verschiedensten Gegenstände werden unter dem Tuch versteckt. Das Kind soll nun ertasten, um welchen Gegenstand es sich handelt. Die Gegenstände können sein:

Schlüsselbund, Gabel, Papier, Banane, Kugelschreiber und so weiter.

Die Übung kann auch beliebig variiert werden. Es können beispielsweise auch die Schuhe der Kinder geordnet werden. Jedes Kind hat mehrere Paar Schuhe, die es erst durcheinanderbringt und dann durch betasten richtig zusammenstellen soll.

Es können auch andere Dinge paarweise geordnet werden, wie zum Beispiel zwei Bananen, zwei Kartoffeln, zwei Äpfel und zwei Zitronen.

Ältere Kindern wären auch in der Lage, Buchstaben und Worte zu ertasten. Das Gebäck namens "Russisch Brot" eignet sich hierfür sehr gut.

Eine schöne Abwechslung ist die Zuhilfenahme der Füße zum Ertasten der Gegenstände. Die nächste Variante eignet sich nur für Gruppen, die sich sehr gut kennen und Vertrauen zueinander haben. Ein Kind legt sich unter eine große Decke, so daß der ganze Körper bedeckt ist. Ein anderes Kind muß erraten, welches Kind unter der Decke versteckt ist.

Übung 12:

Auf den Rücken schreiben

Dies ist auch eine Übung zur taktilen Sinneserfahrung.

Materialien: keine

Die Kinder finden sich paarweise zusammen und setzen sich hintereinander. Das hintere Kind schreibt auf den Rücken seines Partners Buchstaben, Zahlen oder Wörter, die dann identifiziert werden müssen. Bei Kindern, die damit noch Schwierigkeiten haben, können die Buchstaben zuerst auch auf dem Handrücken geformt werden. So ist noch eine Augenkontrolle möglich.

Man kann dieses Spiel auch so ähnlich wie stille Post spielen. Dabei sitzen mehrere Kinder hintereinander. Das letzte Kind schreibt eine "Nachricht" auf den Rücken seines Vordermanns. Dieser gibt dieselbe Nachricht wieder weiter. Das geht so lange, bis die Nachricht beim ersten Kind angekommen ist. Dann wird die Nachricht laut ausgesprochen.

Übung 13:

Blinde Kuh

Dieses äußerst beliebte Kinderspiel, das auf keiner Kindergeburtstagsparty fehlen darf, kann mit seinen vielen Variationsmöglichkeiten fast alle bisher aufgeführten Sinneskanäle ansprechen.

Materialien: ein Tuch

Einem Kind werden die Augen zugebunden. Es ist die blinde Kuh. Die anderen Kinder rennen wahllos im Raum herum. ( Es ist wichtig, daß der Raum nicht zu groß ist, ansonsten hat die "blinde Kuh" gar keine Chance. ) Das Kind mit den verbundenen Augen ist der Fänger. Es muß ein Kind fangen, und wenn dies gelungen ist, muß es versuchen, dieses Kind durch Betasten zu "identifizieren".

Dann ist das gefangene Kind die blinde Kuh.

Durch das Ertasten der gefangenen Person wird der taktile Sinn geschult. Damit der Fänger nicht ganz im dunkeln tappt, kann man auch noch akustische Signale ausmachen, wie beispielsweise "heiß und kalt". Hier lernt das Kind das Richtungshören. Der Fänger muß sich "blind" im Raum orientieren, also wird zusätzlich die taktil-kinästhetische Raumorientierung trainiert. Und wenn die Kinder paarweise fangen dürfen, ist dieses Spiel auch eine soziale Erfahrung ( siehe Übungen zur Kooperationsförderung ).

2.5.1.4 Übungen zur Körperorientierung

Im folgenden soll es um eine systematische Vertiefung der Körperwahrnehmung gehen. Das Kind soll befähigt werden, sich ein schematisches Strukturbild von seinem Körper zu machen. Dieses Körperschema entwickelt sich im Laufe der Kindheitsentwicklung aus den kinästhetischen, taktilen und visuellen Empfindungen.

Es handelt sich um einen multiplen Sinneswahrnehmungsprozeß, der später durch die Kopplung mit akustisch fixierten Wortbegriffen gezielt bewußt gemacht werden kann. Das Kind speichert die verschiedenen sensorischen Informationen über seinen Körper. Sie betreffen vor allem die Kenntnis der Körpergröße, der Form, Struktur und räumlichen Anordnung der Körperteile einschließlich der segmentalen Gelenkuntergliederung sowie deren Bewegungsmöglichkeiten.

Die Kinästhesie, d.h. die körpereigenen Lage- , Bewegungs- und Muskelspannungswahrnehmungen spielen hier eine wesentliche Rolle.

Marianne Frostig gliedert die Körperwahrnehmung in Körperimago ( die Summe aller auf den Körper bezogenen Empfindungen ), Körperschema ( kinästhetische Empfindungen ) und Körperbegriff ( faktische Kenntnis vom eigenen Körper ) ( vgl. dies. 1992, S. 44 - 49 ). Da diese Komponenten in vielfältigen Wechselbeziehungen miteinander stehen, können sie, meiner Meinung nach, nicht so klar voneinander getrennt werden. Man kann die Körperwahrnehmung über die Sinneskanäle des Tastens, des Hörens und des Sehens schulen.

Übung 14:

Rückenlage

Hier wird die Körperwahrnehmung mit Hilfe des Tastens und Spürens geschult.

Materialien: keine

Die Kinder legen sich auf einer Matte oder einer Decke auf den Rücken und schließen die Augen. Sie konzentrieren sich ganz auf ihren Körper. Jetzt sollen sie die Körperteile benennen, die sie im Kontakt mit dem Boden spüren.

Der Bodenkontakt kann durch das Liegen auf Schaumstoff, Turnstäben und so weiter intensiviert werden.

Übung 15:

Fön

Bei dieser Übung wird ebenfalls der Sinneskanal des Spürens genutzt.

Materialien: keine

Die Kinder finden sich paarweise zusammen. Das eine Kind schließt die Augen, das andere Kind spielt einen Fön, d.h. es soll seinen Partner an den verschiedensten Körperstellen anpusten. Dieser soll dann zeigen, wo er den Luftzug gespürt hat. Vielleicht kann er die Körperregion sogar benennen, zum Beispiel Bauch, Knie, Nase und Daumen.

Übung 16:

Statue

Bei der folgenden Übung wird die Körperwahrnehmung mit Hilfe des Sehens trainiert.

Materialien: eine gespannte Decke Zwei Kinder begeben sich hinter die gespannte Decke. Das eine Kind, der Künstler, formt aus dem anderen Kind eine Statue in ungewöhnlicher Position. Wenn der Künstler sein Werk vollendet hat, darf er die Statue enthüllen. Die anderen Kinder sollen nun die Körperstellung der Statue nachahmen. Es ist auch möglich, daß der Rest der Gruppe paarweise zusammenkommt. Das eine Kind wird nun zum Kunstfälscher, indem es versucht die Statue an seinem Partner nachzuformen.

Mit den hier aufgeführten Übungen können vielleicht nicht alle Ziele im Wahrnehmungsbereich verwirklicht werden.

Aber die wichtigsten Bereiche der Wahrnehmung sind, meiner Meinung nach, angesprochen worden. Außerdem können, mit genügend Phantasie und Kreativität die Übungen so verändert werden, daß der Schwerpunkt der jeweiligen Übung ein anderer ist.

2.5.2 Die Förderung im emotional-sozialen Bereich

Hier soll es um Individuation ( Selbstwerdung, Reifungsprozeß des Ich ) und Sozialisation ( Prozeß des Aufbaus sozialer Beziehungen sowie Akzeptanz gesellschaftlicher Normen ) gehen. Diese beiden Prozesse sind stark ineinander verzahnt. Dabei bildet das erste die Voraussetzung für das zweite.

"Individualisierungsprozesse bedingen gleichzeitig auch gewisse Sozialerfahrungen, selbst wenn die Betonung mehr auf dem Ich als auf dem Wir liegt" ( Kiphard 1980, S. 201 ).

Wenn das Kind seine Individuation freudvoll und erfolgreich erlebt hat, wird es ihm leichter fallen, sich in die Gesellschaft einzupassen. Kooperation und Kommunikation mit anderen stehen am Ende eines langen und oft von Enttäuschungen und Niederlagen gekennzeichneten Weges. Der Sozialisationsprozeß des hyperaktiven Kindes verläuft besonders häufig mit negativen Erfahrungen und Rückschlägen. Aufgrund der vielen Enttäuschungen haben diese Kinder meist wenig Selbstvertrauen und ihr soziales Verhalten ist unangepaßt. Am Anfang sollten deshalb immer positive Sozialkontakte in Form gemeinsamer Bewegungserlebnisse stehen. Weiterhin sind Erfolgserlebnisse und Bestätigung jeglicher Art für diese Kinder besonders von Bedeutung.

2.5.2.1 Übungen zur Gefühlsausdrucksförderung

Das gesamte psychomotorische Ausdrucksverhalten des Menschen dient der Mitteilung von Bedürfnissen und Gefühlsbefindlichkeiten über die Signalsysteme der Mimik, Gestik und Sprache. So betrachtet sind emotionale Eigenschaften und Verhaltensmuster immer auch zwischenmenschliche Kommunikationsmittel. Dies ist keinesfalls ein Prozeß einseitiger Aktivitäten des sich psychomotorisch Ausdrückenden. Es geht dabei gleichzeitig um das Wahrnehmen, Deuten und Verstehen der verschiedenen ausdrucksmotorischen Phänomene anderer.

Hier geht es demzufolge einerseits darum, die Kinder zu lehren, ihre Gefühle und Bedürfnisse psychomotorisch auszudrücken, und andererseits sie für Sozialwahrnehmungen sensibel zu machen, d.h. empfindsam für die Gefühle anderer Kinder. Beides zusammen bildet die Voraussetzung für spätere sozial-integrative und kommunikative Interaktionen. Kinder, die ihre Gefühle unterdrücken müssen, empfinden dies als beengend , ja sogar schmerzlich. Dabei handelt es sich meist um "negative" Gefühle, wie Wut, Zorn, Trotz und ausgelassene Fröhlichkeit. Solche Gefühle dürfen Kinder meist nicht spontan zeigen. Es ist aber psychisch gesehen eminent wichtig, die Kinder zu lehren, daß Gefühle keinesfalls etwas Schlechtes sind und daß jeder Mensch das Recht hat, Gefühle zu haben und auch zu zeigen.

Übung 17:

Eine lange Reise

Man sollte mit der Darstellung von Empfindungen beginnen, da dies den Kindern nicht so schwer fällt. Es könnte nämlich Kinder geben, die eine gewisse Scheu haben , sich "schauspielerisch" vor der Gruppe zu produzieren. Die Darstellung von einfachen Empfindungen, wie beispielsweise Kälte und Schmerz können diese Scheu schnell überwinden.

Materialien: keine

Wir stellen uns vor, wir machen eine lange, lange Reise. Sie beginnt am Nordpol.

Dort ist es unheimlich kalt. Wir fangen an ganz schrecklich zu frieren. Wer kann richtig zittern und mit den Zähnen klappern? Versucht euch irgendwie warm zu machen. Ja, man kann mit den Armen an den Körper schlagen, auf der Stelle hüpfen oder sich in die Hände pusten.

Dann bringt uns unser Flugzeug nach Afrika. Dort beginnen wir ganz fürchterlich zu schwitzen. Die Sonne brennt uns auf den Nacken, und wir verspüren Durst. Wischt euch den Schweiß von der Stirn, fächelt euch Luft zu, stöhnt und pustet vor Hitze. Dann bringt uns das Flugzeug auch noch in die Sahara. Wißt ihr, was die Sahara ist? Richtig, eine Wüste. Dort ist es noch viel heißer und trockener als in Afrika. Und zu allem Übel tobt auch noch ein gewaltiger Sandsturm. Ihr versucht zurück zum Flugzeug zu laufen, aber das funktioniert schlecht, weil ihr nicht gegen den Wind ankommt. Die Augen müßt ihr euch auch schützen, damit kein Sand hinein kommt.

Endlich seid ihr im Flugzeug, welches euch zurück nach Hause bringt. Am heimatlichen Flughafen warten schon eure Eltern mit etwas zu Trinken auf euch. Die Erleichterung steht euch im Gesicht geschrieben.

Übung 18:

Gefährliche Tiere

Mit dieser Übung werden bereits Gefühle, wie Angst, angesprochen.

Materialien: keine

Wer will einmal eine giftige Schlange oder ein anderes Raubtier sein?

Alle anderen Kinder spielen nichtsahnend am Boden. Und plötzlich und unerwartet taucht das gefährliche Tier auf. Dann fliehen wir alle so schnell wir können und retten uns irgendwo an einen sicheren Ort. Jetzt kommt noch ein Jäger, der dem gefährlichen Tier selbst Angst einjagt, so daß es auch wegrennen muß.

Man kann alle Art von Gefühlen darstellen lassen, wie beispielsweise Glück und Freude nach einer guten Note in Mathe, Trauer und Niedergeschlagenheit, weil die Mutter schwer krank ist, oder Ärger und Wut, weil andere den kleinen Bruder geärgert haben.

2.5.2.2 Pantomimische Übungen

Um Handlungen, Tiere, Personen oder Gefühle pantomimisch ausdrücken zu können, muß sich das Kind in seine Rolle hineinleben können. Was macht ein Handwerker einer bestimmten Berufsgruppe, wie bewegt sich ein bestimmtes Tier, welche Laute gibt es von sich? Welche Tätigkeiten führt eine Person aus oder wie fühlt sich diese in einer bestimmten Situation?

Sich in eine Rolle hineindenken zu können, erfordert Vorstellungsvermögen, Phantasie und Kreativität. Pantomimische Übungen regen das Kind an, sich in andere hineinzuversetzen, sich auf deren Stimmungen und Gefühle einzustellen, sie zu erkennen, richtig einzuordnen und zu verstehen.

Pantomimische Übungen zeigen fließende Übergänge zu den Übungen der Gefühlsausdrucksförderung.

Übung 19:

Heiteres Beruferaten

Materialien: keine

Es wird ein beliebiger Beruf von einem Kind pantomimisch dargestellt, beispielsweise Schuster, Maurer, Schornsteinfeger und so weiter.

Die anderen Kinder sollen versuchen, den dargestellten Beruf zu erkennen. Ist er erraten, darf das nächste Kind einen Beruf vormachen.

Man muß nicht unbedingt Berufe pantomimisch darstellen. Es können auch Sportarten, wie Fechten, Schwimmen oder Tennis erraten werden.

Man kann auch das Spielen auf verschiedenen Musikinstrumenten, wie Geige, Flöte oder Klavier vormachen und raten lassen.

Übung 20:

Die Katze

Diese Übung ist nicht nur eine pantomimische Übung, sie vertieft gleichzeitig nocheinmal die Körperwahrnehmung der Kinder.

Materialien: keine

Die Kinder sollen eine Katze pantomimisch darstellen. Dazu ist es notwendig, die Kinder vorher an das Wesen der Katze zu erinnern:

Könnt ihr euch vorstellen, wie eine Katze sich bewegt? Stellt euch vor sie schläft und wird dann wach. Was tut sie? Sie streckt und räkelt sich in alle Richtungen. Sie ist noch ganz vorsichtig in ihren Bewegungen. Die Katze macht einen Buckel, dann macht sie sich wieder ganz lang. Jetzt ist sie richtig munter.

Dann verspürt die Katze Hunger. Sie will auf Mäusejagd gehen ... Probiert es aus! Was könnte die Katze an diesem Tag alles erleben?

2.5.2.3 Übungen zur Kooperationsförderung

Gemeinsame Gefühlserlebnisse tragen dazu bei, daß der einzelne sich in der Gemeinschaft wohlfühlt und sich zu anderen hingezogen fühlt. Daraus entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Miteinander-Verbunden-Seins. Aber sollten die Kinder immer die Möglichkeit haben, ihre Teilnahme auf das passive Beobachten zu beschränken. Damit wird ihre soziale Wahrnehmung geschult.

Es geht hier um eine partnerschaftliche Kommunikation bei gemeinsamer Aufgabenbewältigung. Im Partner- und Gruppenspiel lernt das Kind, Rücksicht auf andere zu nehmen, warten zu können und sich einer Regel unterzuordnen.

Der einzelne sollte trotzdem ermutigt werden, seine Wünsche und Spielvorstellungen auch gegenüber anderen zu vertreten. Entweder die anderen schließen sich seiner Meinung an, oder es kommt zu einer anderen Abstimmung, die den einzelnen zwingt, seine Ideen und Wünsche zugunsten der Gemeinschaft zurückzustellen. Jede Unstimmigkeit und jeder Konflikt birgt für den Pädagogen eine große Chance. Hier kann er nämlich den Kindern zeigen, wie man Meinungsverschiedenheiten demokratisch und vor allem gewaltlos lösen kann.

Übung 21:

Partnersuche

Die folgenden Übungen sind meist Übungen zu zweit. Es ist nicht immer leicht, den richtigen Partner zu finden. Dabei hilft das folgende Spiel. Außerdem übermittelt es Sympathien und positive, soziale Beziehungen werden hergestellt.

Materialien: keine

Jeder darf sich beim freien Herumgehen im Raum einen Partner suchen. Wenn er dem gewünschten Partner begegnet, soll er ihn intensiv ansehen. Ist der Partner einverstanden, so blickt er den Suchenden gleichfalls an. Ist er dies nicht, so geht er einfach weiter. Wenn wie Partner sich gefunden haben, bleiben sie voreinander stehen und setzen sich dann im Schneidersitz gegenüber.

Die Partnersuche kann auch anders verlaufen.

Alle Kinder laufen bei Musik beliebig durch den Raum. Wenn die Musik stoppt, ruft der Lehrer eine Zahl, zum Beispiel 4. Jetzt müssen sich vier Kinder zu einer Gruppe zusammenfinden und sich bei den Händen fassen. Als Variation kann die Zahl vom Lehrer auch mit den Finger gezeigt werden. Oder man schreibt sie an die Tafel, oder man wirft einen großen Würfel. Bei diesem Spiel wird gleichzeitig noch die akustische oder die optische Wahrnehmung geschult, sowie das Zahlenverständnis vertieft.

Übung 22:

Den Partner ziehen

Hier wird die Kooperationsfähigkeit zwischen den Partner erweitert, und die Partner lernen, sich gegenseitig zu vertrauen.

Materialien: eine Decke

Jedes Paar hat eine Decke, auf die sich einer der Partner stellt. Der andere hat die Aufgabe, die Decke so langsam auf dem glatten Fußboden zu ziehen, daß sein Partner stehend das Gleichgewicht halten kann.

Wenn dies gelungen ist, werden die Rollen getauscht.

Übung 23:

Blindes Vertrauen

Bei dieser Übung wächst auch das Vertrauen zwischen den Partnern, und das eine Kind lernt, sich für das andere verantwortlich zu fühlen.

Materialien: keine

Ein Partner soll die Augen freiwillig schließen und sich vom anderen sicher durch den Raum führen lassen. Der Partner wird dabei nur leicht an den Fingerspitzen angefaßt. Schwieriger wird die Sache dann, wenn das "blinde Kind" Aufgaben erfüllen soll, wie beispielsweise einen Reifen an einen bestimmten Ort bringen.

Übung 24:

Vertrauenskreis oder Steifer Baum

Diese Übung stärkt das Vertrauen und das Bewußtsein der Kinder, für andere verantwortlich zu sein.

Materialien: keine

Die Kinder bilden einen kleinen Kreis. In der Mitte steht ein Kind mit geschlossenen Augen. Es macht sich steif. Das Kind wird nun von den Kindern im Kreis vorsichtig hin und her bewegt. Es muß aber immer wieder aufgefangen werden.

Übung 25:

Wir bauen ein Haus

Kreatives Problemlösen spielt bei dieser Übung eine wichtige Rolle. Das Problem wird an eine Gruppe herangetragen, also wird auch die Kooperationsfähigkeit geschult.

Materialien: Kästen, Leitern, Matten, Bretter, Kartons

Jeweils eine Dreiergruppe hat die Aufgabe , aus gleich vielen Einzelteilen

( Materialien wie oben aufgeführt ) ein Haus zu bauen. Vor Baubeginn hat jede Gruppe eine bestimmte Zeit zur Verfügung, um sich zu überlegen, wie das Haus gebaut werden soll. Alle zusammen küren dann das schönste, das orginellste oder das wohnlichste Haus.

Übung 25:

Feuerball

Diese Übung richtet sich wieder an eine Gruppe, die versuchen muß, gemeinsam eine Aufgabe zu lösen. Das Spiel findet auf einem Trampolin statt.

Die Großgeräte laden zum Herumtoben ein, die Kinder sind gut motiviert, andererseits wird das Verhalten schon durch die Begrenzung des Trampolins reguliert. Außerdem fordert das Springen ein hohes Ausdauervermögen, so daß selbst das hyperaktive Kind nach kurzer Zeit eine erholende Pause braucht.

Trampolin-Übungen entwickeln auch die Körperwahrnehmung. Auf Grund des Unterschiedes in der Schwerkraft wird sich das Kind, wenn es in die Luft springt, seines Körpers bewußt. Natürlich wird außerdem noch die Sprungkraft der Beine trainiert.

Übungen am Trampolin erfordern aber gewisse Sicherheitsregeln, da es sonst zu schlimmen Verletzungen kommen kann. Die Kinder dürfen nie unter das Sprungtuch klettern, solange jemand springt. Sie sollen immer langsam absteigen, und der Lehrer muß immer ein Auge auf die Kinder haben, damit sie es nicht übertreiben.

Materialien: Trampolin, ein roter Ball

2-3 Kinder springen auf dem Trampolin, während sich ein roter Ball ( Feuerball ) auf dem Trampolin dadurch bewegt. Sobald er ein Kind berührt, wird dieses gebrannt und die Kinder erhalten als Gruppe einen Minuspunkt. Schaffen sie es dagegen ohne Berührung, nur durch Springen den Ball vom Trampolin zu bringen, erhalten sie einen Pluspunkt. Nun werden in einer bestimmten Zeit Punkte gesammelt. Die Gruppe mit den meisten Punkten ist der Gewinner.

Diese Übung erfordert natürlich von den Kindern schon einige Erfahrung im Umgang mit dem Trampolin. Mit Kindern, die das Gerät noch nicht kennen, sollte diese Übung nicht durchgeführt werden.

3. Schlußteil

Leider habe ich keine praktischen Erfahrungen mit den von mir beschriebenen Übungen.

Aber aufgrund meiner vielfältigen Erfahrungen mit Kindern, speziell auch mit hyperaktiven Kindern im Bekanntenkreis, bin ich überzeugt, daß die aufgeführten Übungen und Spiele in der Praxis gut anwendbar und durchführbar sind.

Ich hoffe im Verlauf der Arbeit ist deutlich geworden, wie wichtig Stille für Kinder ist.

Es hat sich herausgestellt, daß die Motopädagogik eine gute Basis für Stilleübungen darstellt. Gerade die Bereiche der Wahrnehmungsförderung und der Förderung der Sozial- Emotionalität, die immer in Verbindung mit Bewegung stehen sollten, lassen sich gut damit vereinen, den Kindern zu helfen, ihren Weg zu Stille und Entspannung zu finden. Besonders für hyperaktive Kinder kann es von Vorteil sein, Stille zu entdecken ( und sicherlich wäre dies auch von Vorteil für die Menschen, die tagtäglich mit ihnen zu tun haben ).

Diese bewegungsorientierten Übungen und Spiele können und sollen nicht das "non plus ultra" in der Therapie bei Hyperaktivität sein. Die Therapie muß außerdem ein strukturiertes und wohl durchdachtes Ganzes aus Medizin, Psychologie und Pädagogik sein. Doch diese Stilleübungen können vor allem helfen, das Wohlbefinden und Selbstbewußtsein der Kinder erheblich zu steigern. Sie fühlen sich ausgeglichen und entspannt.

Literaturverzeichnis

Frostig, Marianne: Bewegungserziehung. Neue Wege der Heilpädagogik. München: Ernst Reinhardt Verlag 1992

Kesper, Gudrun und Hottinger, Cornelia: Mototherapie bei sensorischen

Integrationsstörungen. Eine Anleitung zur Praxis. München: Ernst Reinhardt Verlag 1997

Ernst J. Kiphard: Motopädagogik. Psychomotorische Entwicklungsförderung - Band 1. Dortmund: Verlag Modernes Lernen 1980

Maschwitz, Gerda und Rüdiger: Stilleübungen mit Kindern. Ein Praxisbuch. München: KöselVerlag 1993

Schäfer, Ulrike: Mußt du dauernd rumzappeln? Die hyperkinetische Störung. Ein Ratgeber. Bern: Verlag Hans Huber 1998

Sherborne, Veronica: Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik. München: Ernst Reinhardt Verlag 1998

Speck, Otto: System Heilpädagogik. Eineökologisch reflexive Grundlegung. München: Ernst Reinhardt Verlag 1996

Theunissen, Georg: Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten. Bad Heilbrunn: Klinkhardt Verlag 1997

28 von 28 Seiten

Details

Titel
Stilleübungen in der Motopädagogik - besonders für das hyperaktive Kind
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Mit Kindern auf dem Weg der Stille, um sich und andere Menschen zu erkennen und zu verstehen
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
28
Katalognummer
V100008
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stilleübungen, Motopädagogik, Kind, Kindern, Stille, Menschen
Arbeit zitieren
Maja Riese (Autor), 1999, Stilleübungen in der Motopädagogik - besonders für das hyperaktive Kind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100008

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