Kierkegaard und die Wahl zwischen Ethik und Ästhetik


Seminararbeit, 1997
14 Seiten, Note: 1

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Titel der Arbeit:

"Kierkegaard und die Wahl zwischen Ethik und Ästhetik" Drei Wege zur Innerlichkeit Die einschlägigen Philosophiewerke, die dem Studenten zum Nachschlagen nahegelegt werden, sprechen bei Kierkegaard von drei Wegen, die zur Innerlichkeit des Ichs führen:

Zum ersten vom ästhetische Weg, der die untätige, passive Beschauung dessen, was war, das reine Erinnern, umfaßt. Zum zweiten vom ethischen Weg, jenem Weg er freien Selbstwahl, dem entscheidenden Schritt zur Tat, der aus Konfrontation und Verantwortung heraus getan wird. Er sieht die Pflichten auf moralischen Grundfesten beruhen und begreift die Entscheidung als den Grundzug des Lebens. Erinnern und Wissen gelten dem Ethiker als Selbstzweck, sondern dienen einzig der Entscheidung. Der dritte Weg ist schließlich religiöser Natur und meint einen absoluten Individualismus bezogen auf den Glauben und völlige Selbstverantwortung.

Kierkegaard setzt diese drei verschiedene Lebensformen in seinem Text "Entweder-Oder" in ein Spannungsverhältnis. Er zeichnet somit drei Wege der Selbsterkenntnis. Sein Schwerpunkt liegt dabei in der gegensätzlichen Selbstkonstruktion des Ästhetikers und Ethikers. Der religiöse Weg der Selbsterkenntnis ist hier als "Ultimatum" aufgezeichnet, als ein Kompromiß, der letztlich die ersten beiden Wege verbinden soll. Erst in den späten religiösen Schriften Kierkegaards wird dieser dritte Weg, der der Kontemplation und absoluten Zurückgeworfenheit auf das Selbst, in einem Prozeß der Individualisierung als höchster und somit erkenntnisreichster Weg beschrieben.

In meiner Arbeit möchte ich mich hauptsächlich mit der Auseinandersetzung zwischen dem Ethiker und dem Ästhetiker beschäftigen, da dieser Gegensatz der entscheidende in dem vorliegenden Text ist. Mit Foucault werde ich dann versuchen zu zeigen, wie die beiden Wege dem "Diskurs der Innerlichkeit" zugehören und welche Möglichkeiten es gibt, diesem zu entgehen. Im Gegenzug zu diesem "Diskurs der Innerlichkeit" möchte ich dann eine philosophische Alternative eröffnen: die kritische Reflexion der Gegenwart. Dabei beziehe ich mich auf späte Schriften von Michel Foucault, die sich mit der Kantschen Frage "Was ist Aufklärung?" befassen.

Die zwei Positionen

Kierkegaard teilte sein Buch "Entweder - Oder" in zwei Teile. Schon der Titel des Werkes konfrontiert den Leser mit zwei möglichen Optionen für das Leben und Kierkegaard erweist sich damit schon als ein Philosoph der Wahl. Bei solchen Worten muß jedoch gefragt werden, ob man damit Kierkegaard nicht schon in die Nähe des Ethikers rückt. Es muß aber ausdrücklich hervorgehoben werden, daß sich Kierkegaard selbst als philosophischer Autor des Buches die Maske eines Pseudonyms aufsetzt - Victor Eremita lautet der Name des Herausgebers, der sich im großen und ganzen neutral halten will, denn er spricht davon, daß keine der beiden Standpunkte den Sieg davonträgt.

Auch die Zusammenfassung aus dem besagten Nachschlagewerk birgt ein Problem. Indem nämlich der ästhetische Weg als die "untätige, passive Beschauung dessen, was war", und als das "reine Erinnern" beschrieben wird, spricht man bereits aus dem Munde des Ethikers. Die Konfrontation beider Positionen, die hier vorgenommen werden soll, muß sich also zur Aufgabe stellen, die Auffassungen beider Positionen möglichst autonom und unabhängig voneinander wiederzugeben.

Die Papiere des Ästhetikers, der vom Herausgeber als A bezeichnet wurde, sind von exklusiver Natur, zusammengesetzt aus verschiedenen Bereichen des Lebens. Der zweite Briefschreiber, der Ethiker, sei Gerichtsrat gewesen. Die Briefe sind Polemiken und Herausforderungen an den Ästhetiker und seine Lebensweise.

Andererseits räumt der Herausgeber die Möglichkeit ein, daß beide Papiere von ein und derselben Person geschrieben worden seien. (Die Wahrheit versteckt sich bekanntlich in beiläufigen Nebensätzen, könnte ein moderner Philologe anfügen.)

"Es wäre also ein Mensch, der in seinem Leben beide Bewegungen durchlaufen oder beide Bewegungen überdacht hätte."[1] Und es wäre ein Mensch, bei dem diese konträren Positionen in ihrem Streit zu keinem Ende kämen. Deshalb wäre es auch ein Irrtum, Kierkegaard in die Nähe des Ethikers zu rücken.

Schon aus den Worten des Herausgebers, wenn er seine Schwierigkeiten beschreibt, die Papiere des Ästhetikers zu ordnen und zu editieren, verrät etwas über den Charakter des Ästhetikers und seine Lebensweise:

"Die Papiere von A zu ordnen war nicht so leicht. Ich habe daher den Zufall die Ordnung bestimmen lassen, das heißt, ich habe sie in der Ordnung belassen, in der ich sie vorfand, natürlich ohne entscheiden zu können, ob diese Ordnung chronologischen Wert oder ideelle Bedeutung hat."[2]

"... ohne entscheiden zu können..." Zeigt sich hier schon die Unmöglichkeit der Entscheidung, die vielleicht jeder Entscheidung zugrunde liegt? "Jede Entscheidung aber gründet sich auf ein Nichtbewältigtes, Verborgenes, Beirrendes, sonst wäre sie nie Entscheidung", sagt Heidegger im Ursprung des Kunstwerkes . Das Leben des Ästhetikers birgt vielleicht gerade, indem der Zufall einen Eigenbereich erhält, indem der Augenblick des Lebens betont wird, das Moment des Unentscheidbaren. Es bietet keine Grundlage, die - logisch, chronologisch oder nach anderen Kriterien folgerichtig - für eine Ordnung notwendig wäre, um eine Entscheidung zu ermöglichen.

Der Ethiker hingegen präsentiert sich als ein Mann, dessen Leben geordnet ist, dessen Auffassungen ethisch begründet sind in einem unbeirrten Glauben an Gott, an die Ehe und an die Gesellschaft, der er dient. Sein unbeirrter Glaube und beflissener Dienst verschließen ihm die Augen für das Ephemere und Zerbrechliche des Lebens. Er bindet sein Leben an Glaube und Dienst, er ordnet es einem Projekt unter, dem er sich verpflichtet. Man könnte sogar gegen ihn sagen, er überlasse sich der Unmündigkeit, wie sie Kant definierte.

Das Argument der Wahl Die Wahl ist das entscheidende Argument des Ethikers gegen die Lebensweise des Ästhetikers. Die Wahl, so ist seine Behauptung, ist immer eine ethische; der Ästhetiker wählt nicht.

"Die Wahl selbst ist entscheidend für den Gehalt der Persönlichkeit; durch die Wahl sinkt sie in das Gewählte hinab, und wenn sie nicht wählt, welkt sie in Auszehrung dahin."[3] Das Lebensprojekt des Ethikers wird bestimmt durch die Wahl. Erst dadurch kann sich für den Ethiker eine Persönlichkeit ausbilden. Er ist gezwungen, sich immerfort entscheiden zu müssen. Doch bei genauerer Analyse der Argumentation wird sichtbar, daß jedes Argument des Ethikers, wählen zu müssen, durch ein Nichtbewältigtes begründet wird, dessen Klärung auf eine andere Wahl verschoben wird, die als die nächst höhere Wahl charakterisiert wird. Der Ethiker begibt sich damit in einen infiniten Regreß. Alles wird von der Forderung, wählen zu müssen, eingeschlossen.

Das zu Wählende liegt somit nie außerhalb des Wählenden, der sich immer zur Wahl gezwungen sieht; es steht vielmehr immer im direkten Verhältnis zum Wählenden. Dem entsprechend verschiebt es sich auch mit der Bewegung des Wählenden, so wie dieser sich verändert, auch in dem Zustand des Nicht-Wählens. Für den Ethiker läuft das Leben beständig vorwärts und setzt irgendwie entweder das eine oder das andere voraus, wozu man sich in der Wahl entscheiden muß. Es gibt keine Zeit für "Gedankenexperimente". Wer es aber unterläßt zu wählen, der verliert sich selbst, weil er sich der eigenen Wahlfreiheit beraubt hat, da andere inzwischen für ihn, aus der Notwendigkeit heraus, die in der Wahl selbst liegt, wählen werden. Der Ethiker sichert also die Autonomie des Subjektes über die eigene Wahl. Selbstbestimmung durch direkte Wahl in einer Lebenssituation ist die moralische Maxime des Ethikers.

Die Autonomie durch Selbstbestimmung birgt aber die Gefahr der Verinnerlichung. Der Ethiker begreift sich als ein Subjekt, das sein verborgenes Selbst auffinden muß. Er ist immer auf die Suche nach seinem wirklichen und eigenem Selbst zurückgeworfen. Die Beziehung der ethischen Wahl zur Innerlichkeit wird im folgenden Zitat klar: "Was gewählt werden soll, steht in der tiefsten Beziehung zum Wählenden, und wenn von einer Wahl die Rede ist, die eine Lebensfrage betrifft, so muß das Individuum ja gleichzeitig leben und kommt damit, je weiter es die Wahl hinausschiebt, leicht dazu, sie zu verändern, obwohl es ständig überlegt und überlegt und damit glaubt, die Gegensätze der Wahl auseinanderzuhalten."[4]

Der Mensch kann nicht im zeitlichen Vakuum leben. Das Leben aber impliziert eine Entwicklung der Persönlichkeit, die stete Entscheidung abverlangt. Die Persönlichkeit weist keine starre Struktur auf. Sie ist in sich ein Prozeß, "[...] denn wenn man glaubt, man könne seine Persönlichkeit auch nur einen Augenblick blank und bar erhalten oder man könne in strengerem Sinne das persönliche Leben zum Stillstand bringen und unterbrechen, so ist man im Irrtum."[5]

Die ästhetische Wahl ist keine wirkliche Wahl im Sinne des Ethikers, denn sie verliert sich in der Mannigfaltigkeit, im Moment. Ihr fehlt die letzte Konsequenz, eine ethische Entscheidungsmotivation, die aus der Bewußtheit des Selbst resultiert. "Die ästhetische Wahl ist entweder völlig unmittelbar und insofern keine Wahl, oder sie verliert sich in der Mannigfaltigkeit [...] weil das Selbstbestimmende in der Wahl nicht ethisch akzentuiert ist und weil, wenn man nicht absolut wählt, nur für den Moment wählt und deshalb im nächsten Augenblick etwas anderes wählen kann."[6]

Der Ethiker stützt seine Argumente auf ein abstraktes Höheres. Wer das Ethische wählt, wähle das Gute, das zwar noch völlig abstrakt sei, aber "indem man absolut wählt, kann man das Ethische wählen"[7] und damit das Gute. Das Ästhetische sei die Indifferenz, das Ethische aber mache die Wahl zur primären Handlung, womit die ethische Wahl eine absolute würde.

Der Ethiker verpflichtet sich in seinen Argumenten den Universalien: das Ästhetische sei immer und a priori die Indifferenz, das Ethische setze die Wahl als das absolute und erhebe damit die ethische Wahl generell über die ästhetische.

Zwei Erfahrungen von Zeit Werden die Papiere des Ästhetikers dem Leser als chaotisch unzusammenhängend nahegelegt, kann andererseits auch das Leben des Ästhetikers als momentan, flüchtig wie ein Augenblick vorübereilend ausgemacht werden. Der Ästhetiker identifiziert sich mit dem Dichter, einem Prototyp des Ästheten, der sich einen "unglückliche[n] Mensch[en], der tiefe Qualen in seinem Herzen birgt, dessen Lippen aber so geformt sind, daß, indem der Seufzer und der Schrei über sie ausströmen..."[8]

Der Ästhetiker bringt Empfindungen und Gefühle zum Ausdruck, die dem Ethiker nahezu fremd zu sein scheinen. Nur er kann der Flüchtigkeit des Lebens eine Stimme verleihen. Zugleich spricht aus seinen Worten aber eine Wehmut, eine Lebensverneinung, die den äußeren Kräften von Zeit zu Zeit nachgibt, ein krankhafter Nihilismus, eine Feindseligkeit gegenüber dem Leben, wie Nietzsche diagnostizieren würde.

"Das Leben ist mir ein bitterer Trank geworden, und dabei soll es wie Tropfen eingenommen werden, langsam, mit Zählen."[9]

Der lebensfeindliche Nihilismus läßt sich auch aus folgenden Zeilen herauslesen. Der Wille des Ästhetikers zum Unmöglichen erweckt zugleich eine Ungeduld und einen Überdruß zum Leben:

"Mir fehlt es überhaupt an Geduld zum Leben. Ich kann das Gras nicht wachsen sehn, wenn ich aber das nicht kann, so mag ich es gar nicht sehen. Meine Anschauungen sind flüchtige Betrachtungen eines "fahrenden Scholastikers", der mit größter Eile durchs Leben stürzt. Es heißt, der Herrgott mache eher den Magen satt als die Augen; davon merke ich nichts: meine Augen sind satt und aller Dinge überdrüssig, und doch hungert mich."[10] Seltsam aber müssen dem Leser die Selbstbeschreibungen des Ästhetikers vorkommen, wenn dieser nämlich von einem Standpunkt des Ethikers aus sein Leben beurteilt. Über die Fülle des Oberflächlichen, argumentiert der Ethiker gegen des Ästhetiker, vergißt er die notwendigen Dinge des Lebens.

An anderer Stelle setzt der Ethiker der Oberfläche des ästhetischen Lebens die Tiefe des ethischen entgegen. Für das Leben des Ästhetikers steht das Bild des aufgewühlten Meeres, immer wieder wird er aus dem Strom gerissen, muß seine Position befragen. Der Ethiker aber sieht sein Leben im Bild des stillen, tiefen Wassers.[11] Der Glaube und sein Lebensprojekt geben seinem Leben Sinn und Ruhe. Er kann immer von sich sagen, einen Halt zu finden. Für ihn zählt das Ewige, seine Erfahrung der Zeit ist die Ewigkeit, die Eintönigkeit, das immer Wiederkehrende:

"Oft habe ich an einem kleinen rinnenden Gewässer gesessen. Es ist immer das gleiche, die gleiche leise Melodie, das gleiche Grün auf dem Grunde, das sich unter der ruhigen Welle biegt, die gleichen Tierchen, die sich dort unten bewegen, ein Fischlein, das unter das Versteck der Blumen schlüpft... Wie einförmig, und doch wie reich an Abwechslung! So ist das eheliche häusliche Leben, still, bescheiden, summend; es hat nicht viel Changements, und dennoch rinnt es dahin wie jenes Gewässer [...]; es ist ohne Pracht..."[12] Der Ästhetiker jedoch versucht, das Augenblickliche der Zeit einzufangen. Seine Worte wollen den momentanen Glanz zu fassen bekommen. Sein Augenmerk gilt zum Beispiel den Farbmischungen, die seine Kindheit ausmachten, und er fragt nach den Veränderungen in der Wahrnehmung:

"Der Glanz, den das Leben damals hatte, wird unserem matten Auge allmählich zu stark, zu grell!"[13] Zieht der Ästhetiker eine Linie zwischen seine augenblickshaften Wahrnehmungen, verdammt ihn sein Lebenswehmut zu einem apokalyptischen Ton. Dies ist auch ein Vorwurf des Ethikers, der weiterhin auch die ungesunde Isolation und den Schwermut des Ästhetikers diagnostiziert. Er vergleicht das Resultat der ästhetischen Lebensanschauung mit der Gestalt des Kaisers Nero, einem Ästheten auf dem Weltenthron, in dessen Seele die Schwermut beirrte. Nero war ein Kind, das niemals erwachsen geworden ist und vor allem: ein Mensch, der sich nicht selber besessen hat.[14] "[N]ur wenn die Welt vor ihm erbebt, ist er beruhigt [...]. Im Augenblick der Lust nur findet er Zerstreuung. Das halbe Rom brennt er nieder, seine Qual aber bleibt die gleiche."[15] Der Ethiker zählt mit der älteren Kirchenlehre den Schwermut zu den Kardinalssünden. Kummer, so sagt er weiter, mag der Mensch verspüren, aber schwermütig wird er aus seiner eigenen Schuld heraus.

Dem Zerfall der Dinge hat der Ethiker seinen festen Glauben entgegenzusetzen. Für den Ästhetiker aber ist dieser Glaube eine Illusion. Eine Illusion, die den Ethiker blind macht, auch blind für die gegenwärtigen Bedrohungen, dem das Leben ausgesetzt ist. Doch unterliegt das ästhetische Leben einer ständigen Bedrohung: der Sinnlosigkeit. "Das Resultat meines Lebens wird gar nichts sein, eine Stimmung, eine einzelne Farbe. Mein Resultat wird Ähnlichkeit haben mit dem Gemälde jenes jungen Künstlers, der den Durchgang des Juden durch das Rote Meer malen sollte und zu dem Ende die ganze Wand rot anstrich, indem er erklärte, die Juden seien schon hindurchgegangen und die Ägypter ertrunken."[16]

In Anlehnung an die Sinnlosigkeit, die das ästhetische Leben bedroht, beschreibt der Ästhet auch die Langeweile als verschlingenden Gegenpol seiner Lebensauffassung. Sie sei verderblich für den Menschen.

"Langeweile ist eine Wurzel alles Übels. Es ist recht sonderbar, daß Langeweile, die selbst ein so ruhiges und gesetztes Wesen ist, eine derartige Kraft hat, etwas in Bewegung zu setzen. Es ist eine durchaus magische Wirkung, die die Langeweile ausübt, nur daß diese Wirkung nicht anziehend, sondern abstoßend ist."[17]

"Das Tagebuch des Verführers" - eine gesteigerte Form des Ästhetikers Während in den Aufzeichnungen des Ästhetikers A noch Bewertungen und Urteile zu finden sind, die dem Ethiker entgegenkommen - ich wies auf die Selbstbeschreibung als "fahrenden Scholastiker" hin -, läßt sich der Verfasser des "Tagebuchs des Verführers" als eine gesteigerte oder "reinere" Form des Ästhetikers verstehen. Der Verfasser befreit sich mehr und mehr von den Werten des Ethikers und kann so das ästhetische Leben besser entfalten. Diese Lebensweise muß jedoch vom Ethiker als bedrohlicher empfunden werden, da sie die Grundfesten seines Glaubens völlig in Frage stellt. Verführung gilt dem Verführer als höchstes Gefühl und als Lust. Besitz ist nur ein flüchtiges Ereignis. Das Tagebuch ist ein laufender Kommentar über die "Auffassungen von erotischen Situationen"[18] einer angeblich anderen Person, dessen "Leben ein Versuch gewesen [ist], die Aufgabe eines poetischen Lebens zu realisieren. Mit einem scharf entwickelten Organ, das Interessante im Leben ausfindig zu machen, hat er es zu finden gewußt und, nachdem er es gefunden hatte, das Erlebte immer wieder halb dichterisch produziert. Sein Tagebuch ist darum nicht historisch genau oder einfach erzählend, nicht indikativisch, sondern konjunktivisch. Obwohl natürlich das Erlebte aufgezeichnet ist, nachdem es erlebt wurde, bisweilen vielleicht sogar längere Zeit danach, ist es oft so dargestellt, als ob es im selben Augenblick vor sich ginge, so dramatisch lebendig, daß es manchmal ist, als spielte sich alles vor unseren Augen ab."[19]

Der Verführer beschreibt nicht nur sein Leben als ästhetisch, sondern vollzieht das Ästhetische auch in der Beschreibung selbst. Damit kann seine Position als ein gesteigerter oder extremer Ästhetizismus angesehen werden. Als systemloser, amoralischer Spieler formt er sein Selbst nach verschiedenen Strategien neu. Diese ständige Selbstformung und Literarisierung seines Lebens bietet dem Ästhetiker die Möglichkeit, selbst die Verführung so zu formulieren, daß sie eine literarisierende Funktion hat. Und die Lebenspoetik gestattet ihm sogar, die Argumente des Ethikers zu literarisieren. Für den Ästhetiker läuft das Leben nicht nach einer Logik, nicht nach einem Projekt ab, für das man sich durch seine Wahl immer wieder neu entscheiden muß. Es läuft auf kein Ziel hinaus, sondern unterliegt der ständigen Umformung. Davon zeugt auch die gewählte literarische Form, die seine Gedanken zum Ausdruck bringen sollen: Aphorismen, die sich häufig auch widersprechen. Der Verführer kann sich selbst von der Schwermut befreien, weil er ständig dem Reiz der Verführung ausgeliefert ist und weil er zum anderen Schwermut selbst als ein ästhetisches Mittel nutzt, das ihn zu seinem Ziel zu führen vermag. Das verraten beispielsweise folgende Zeilen, wenn der Verführer über die ruhelosen Nachtstunden spricht:

"Da vergesse ich alles, habe keine Pläne, keine Berechnungen, werfe den Verstand über Bord, weite und stärke meine Brust durch tiefe Seufzer, eine Motion, deren ich bedarf, um nicht unter dem Systematischen in meinem Verhalten zu leiden."[20]

Mehr noch befreien die Seufzer den Verführer von der lebenszehrenden Schwermut und bewahren ihn auch vor einem Zynismus, zu dem seine Haltung zu neigen scheint. Der Zynismus, der zugleich die Gefahr für die ästhetisch-verführerische Lebensauffassung ist, könnte jedoch nur Übermacht gewinnen, wenn der Verführer in eine Systematik des Verführens verfiele und das Leiden als bloßes Instrument zur Befriedigung seiner nächtlichen Begierden ansähe.

Schließlich läßt sich das gesamte Buch als das eines philosophischen Verführers ansehen. Die ästhetische Weise des Schreibstils bezieht den Leser stets mit in die Erzählung ein und bringt ihn dazu, die Intentionen des Verfassers bzw. der angeblichen Verfasser zu befragen. Das Werk ist voll von Listen und Verhüllungen und so angelegt, daß es einer bequemen und autoritären Systematik zuwiderläuft. Die unter Pseudonyme schreibenden Verfasser wechseln ständig ihre Perspektive; es kommt zu Verschränkungen und Vermischungen, so daß keine der ausgeführten Positionen herrschend werden könnte.

Der Diskurs der Innerlichkeit

Der Ethiker wirft dem Ästhetiker vor:

"Sieh, darum fürchtest Du Frieden und Stille und Ruhe. Du bist nur in Dir selbst, wenn ein Widerstand da ist, deshalb aber bist Du eigentlich nie in Dir selbst, sondern stets außer dir. In dem Augenblick nämlich, da Du Dir den Widerstand assimilierst, ist wieder Stille. Das wagst Du darum nicht; dergestalt aber stehen also Du und der Widerstand einander gegenüber, und also bist Du nicht in dir selber. [...] Du bist außer Dir, und daher kannst Du das andere als Widerstand nicht entbehren."[21]

Daß sich der Ästhetiker nicht besitze, ist ein regelmäßig wiederkehrendes Argument seitens des Ethikers, das der Ästhetiker vielleicht nicht einmal begreifen kann. Denn was heißt es, mit sich eins zu sein? Aus dieser Sicht ist auch der Kompromiß, der religiöse Weg zur Innerlichkeit, ein falscher Kompromiß für den Ästhetiker. Die Positionen stoßen sich weiter ab, als daß sie einander angenähert würden.

Mit sich eins zu sein, die eigene Identität in sich selbst zu finden, ohne "äußeren Widerstand" mit sich zu leben, eben die Argumente des Ethikers, kennzeichnen das Ziel der Innerlichkeit. "Wer aber sagt, er wolle das Leben genießen, der setzt stets eine Bedingung, die entweder außerhalb des Individuums liegt, oder im Individuum ist, doch so, daß sie nicht durch das Individuum selbst ist."[22]

Der Ethiker versucht in seinen Briefen nachzuweisen, daß der Ästhetiker den Weg der Innerlichkeit nicht konsequent geht. Die Bedingungen für seine Lebensweise liegen nicht im Individuum selbst; der Ästhetiker sei von äußeren Kräften und Einwirkungen abhängig und damit unfrei. Statt das verborgene Selbst in sich selbst zu suchen, jage er den flüchtigen Eindrücken der Sinnenwelt hinterher...

Ich werde nun versuchen, die drei Wege zur Innerlichkeit dem Gedanken vom "Diskurs der Innerlichkeit" anzunähern und zu zeigen, wie die Positionen der Konstellationen der modernen Episteme, wie sie Foucault in der "Ordnung der Dinge" beschreibt, angehören und welche Möglichkeiten sie bergen, die Episteme zu durchqueren und ihren Rand zu erreichen, um sie auf eine besondere Weise zu problematisieren.

Nach Foucault versucht der Diskurs der Innerlichkeit eine Subjektivität zu konstituieren, die im epistemischen Modell der Moderne den Ausgangs- und Mittelpunkt des Denkens ausmacht. Der Mensch als konstruierte Subjektivität ist in der Analytik der Endlichkeit, die im Gegensatz zur klassischen Taxinomie und Mathesis die Moderne charakterisiert, "eine seltsame, empirisch-transzendentale Dublette, weil er ein solches Wesen ist, in dem man Kenntnis von dem nimmt, was jede Erkenntnis möglich macht."[23]

Der Mensch ist zugleich Subjekt und Objekt ein und desselben Wissens, zugleich Grundlage und betrachteter Gegenstand. Die Subjektivität ist in sich eins, obgleich es diesen Charakter der Duplizität annimmt. Der Diskurs der Innerlichkeit bezeichnet also ein Sprechen, ob literarisch oder philosophisch, das eine Subjektivität konstituiert, die diesem Charakter entspricht.

"Die Sprache "verwurzelt sich" nicht bei den wahrgenommenen Dingen, sondern beim aktiven Subjekt. Und vielleicht ist sie dann eher dem Wollen und der Kraft entsprungen als jener Erinnerung, die die Repräsentation [d.h. das alte epistemische Muster der Klassik, E.H.] redupliziert. Man spricht, weil man handelt, und nicht, weil man beim Wiedererkennen erkennt. Wie die Handlung drückt die Sprache einen tiefen Willen aus."[24] Besonders die Metapher der Tiefe, auf die ich bereits in der Argumentation des Ethikers hinwies, steht offensichtlich in Beziehung zum Diskurs der Innerlichkeit und der Konstitution von Subjektivität. Aber auch die Äußerungen des Ästhetikers sind größtenteils eingebettet im Denken der Innerlichkeit. Er schöpft seine Welt aus sich und seinen Erinnerungen. Er konstituiert seine Subjektivität durch die Erinnerung und seine innere Wahrnehmung der Gefühle, der Farbenwelt. Der Ästhetiker konstruiert seine Welt aus sich heraus: "Ich habe nur einen Freund, es ist das Echo; und warum ist es mein Freund? Weil ich meine Trauer liebe, und die nimmt es mir nicht. Ich habe nur eine Vertraute, es ist die Stille der Nacht; und warum ist sie meine Vertraute? Weil sie schweigt."[25]

Die moderne Haltung des kritischen Reflektierens

Ich möchte jedoch weiter gehen und nach den Möglichkeiten suchen, dem Diskurs der Innerlichkeit zu entrinnen. Dazu gehe ich von einem späten Essay Foucaults aus, in dem er mit Bezug auf Kant und Baudelaire ein infragestellendes Handeln herausarbeitet, das den Erfordernissen der ephemeren Veränderungen der modernen Gesellschaft entspricht. Foucault nennt dieses infragestellendes Handeln "eine kritische Befragung der Gegenwart und unserer selbst" und als "kritische Ontologie unserer selbst"[26]. Damit will Foucault "die Wurzel eines Typs philosophischen Fragens in der Aufklärung unterstreichen, der gleichzeitig den Bezug zur Gegenwart, die historische Seinsweise und die Konstitution seiner selbst als autonomes Subjekt problematisiert"[27]. Zum anderen verweist Foucault auf die ständige Reaktivierung und Selbstreflexion einer Haltung, eines philosophischen Ethos, der permanente Kritik an unserem historischen Sein und damit an den Bedingungen politischer Rationalität üben kann. Ich habe an dieser Stelle nicht vor, nachzuweisen, in weit eine dieser Positionen dieser von Foucault ausgearbeiteten Haltung nahekommt. Der Ethiker scheint von seinen systemischen und universalistischen Prämissen weit von dieser Haltung entfernt und der Ästhetiker scheint demgegenüber nahezu unpolitisch zu sein. Ihn interessieren nur seine eigenen Empfindungen, aber keineswegs deröffentliche Raum politischen Handelns, falls dieses Interesse wirklich die notwendige Bedingung für jene Haltung sein soll. Ich sehe aber in der extremen Form des Ästhetikers besondere Ansätze, die eine Voraussetzung für die Ausbildung dieser kritischen Haltung bilden. Diese Beziehung scheint mir in Foucaults Ausführungen zu Baudelaire deutlich zu werden. Mit Baudelaire versucht Foucault nämlich, diese Haltung der Moderne zu charakterisieren, indem er die Moderne mit dem Bewußtsein der Diskontinuität der Zeit , dem Bruch mit der Tradition, dem Gefühl der Neuheit und des Schwindels zu fassen gedenkt. Baudelaire begreift seine Zeit als "das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige"[28]. Baudelaires Auffassung stimmt hier mit der ausgeführten ästhetischen Erfahrung von Zeit überein. Und eben diese Erfahrung sehe ich als erste Bedingung für die moderne Haltung eines kritischen Reflektierens von der Gegenwart und sich selbst. Doch für Baudelaire bedeutet nach Foucault das Modern-Sein nicht, "diese fortdauernde Bewegung anzuerkennen und anzunehmen; im Gegenteil, es bedeutet, eine bestimmte Haltung gegenüber dieser Bewegung einzunehmen; und diese freiwillige, schwierige Haltung besteht im Wiederergreifen von etwas Ewigem, das nicht jenseits oder hinter dem gegenwärtigen Augenblick liegt [wie für den Ethiker die "höhere Wahl", E.H.], sondern in ihm."[29]

Die moderne Haltung ist diejenige, "die es ermöglicht, das "Heroische" des gegenwärtigen Moments zu erfassen. Modernität ist nicht eine Art des Gespürs für den flüchtigen Augenblick; sie ist der Wille, die Gegenwart zu "heroisieren"."[30] Dieser Wille ist die zweite Bedingung für die moderne Haltung, die ebenfalls aus der ästhetischen Lebensanschauung erwachsen könnte. Nun muß aber erwähnt werden, daß diese Heroisierung selbstverständlich ironisch ist. Dieser Ironie begegnet der Leser in dem "Tagebuch des Verführers". Sie ist gleichzeitig die dritte Bedingung. "In der Haltung der Moderne geht es nicht darum, den vergänglichen Augenblick zu sakralisieren, um ihn bewahren oder verewigen zu wollen. Es geht vor allem nicht darum, ihn als flüchtige und interessante Kuriosität aufzunehmen: dies wäre, was Baudelaire eine Haltung des "Flanierens" nennt. Das Flanieren gibt sich damit zufrieden, die Augen offenzuhalten, aufmerksam zu sein und in der Erinnerung zu sammeln.[31] " Das Flanieren bezeichnet die Gefahr für den Ästhetiker und der Leser kann sie oft den Aphorismen des Ästhetikers entnehmen. Der moderne Mensch hat ein höheres Ziel als der Flaneur, ein anderes, umfassenderes Ziel als das des gemeinen Ästhetikers, der im flüchtigen Augenblick Vergnügen sucht. Für den modernen Menschen hingegen "handelt es sich darum, von der Mode das loszulösen, was sie im Geschichtlichen an Poetischem ... enthalten mag."[32]

Der moderne Mensch geht dann ans Werk, wenn die ganze Welt in einen Schlaf verfallen ist. Er nimmt sie nicht nur wahr in ihrer flüchtigen Existenz, er verwandelt sie. Diese Auffassung findet der Leser im "Tagebuch des Verführers", wo es darum geht, den Erlebnissen, ja dem gesamten Leben eine poetische Existenz zu geben und es neu zu erschaffen.

[...]


1 Sören Kierkegaard: Entweder-Oder. Teil 1 und 2. München 1988, S. 23/24.

2 ebd., S. 16.

3 ebd., S. 711.

4 ebd., S. 711/12.

5 ebd., S. 713.

6 ebd., S. 715/16.

7 ebd., S. 728.

8 ebd., S. 27.

9 ebd., S. 35.

10 ebd., S. 34.

11 ebd., S. 691.

12 ebd.

13 ebd., S. 32.

14 ebd., S. 739.

15 ebd.

16 ebd., S. 38.

17 ebd., S. 331.

18 ebd., S. 351.

19 ebd., S. 353.

20 ebd., S. 410.

21 ebd., S. 690/91.

22 ebd., S. 731.

23 Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt 1974, S. 384.

24 ebd., S. 353.

25 Sören Kierkegaard, a.a.O., S. 44.

26 Michel Foucault: Was ist Aufklärung?; in: Ethos der Moderne. Hg. von Eva Erdmann. Frankfurt 1990, S. 53.

27 Ebd., S. 45.

28 Charles Baudelaire: Der Maler des modernen Lebens; in: Gesammelte Schriften. Band 4. Dreieich 1981, S. 286.

29 Michel Foucault: Was ist Aufklärung?, a.a.O., S. 42.

30 ebd., S. 43.

31 ebd.

32 Charles Baudelaire, a.a.O., S. 285.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Kierkegaard und die Wahl zwischen Ethik und Ästhetik
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Proseminar Sören Kierkegaard
Note
1
Autor
Jahr
1997
Seiten
14
Katalognummer
V100011
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kierkegaard, Wahl, Ethik, Proseminar, Sören
Arbeit zitieren
Arnold Kammler (Autor), 1997, Kierkegaard und die Wahl zwischen Ethik und Ästhetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100011

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