Wahrnehmungsphänomene aus psychologischer Sicht


Facharbeit (Schule), 2001

31 Seiten, Note: 1


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Wahrnehmungsphänomene aus psychologischer Sicht

VORWORT

In meiner Fachbereichsarbeit möchte ich visuelle Wahrnehmungsphänomene näher erläutern und ihren psychologischen Wirkungen auf den Grund gehen.

In den ersten beiden Abschnitten möchte ich einen sehr groben Überblick über verschiedene wissenschaftliche Zugänge zur Wahrnehmung in der Physik, Physiologie und Psychologie, geben.

Außerdem beschäftige ich mich mit der Wahrnehmung allgemein und mit der Funktionsweise des Auges.

Anhand der Gestaltgesetze und der Schemata möchte ich den psychologischen Hintergrund der verschiedenen Tiefenkriterien und Muster erkunden.

Im letzten Kapitel meiner Arbeit werde ich mich mit den wahrscheinlich bekanntesten Phänomenen auseinandersetzen, den optischen Täuschungen. Ich möchte ihre Wirkungen sowohl subjektiv als auch objektiv analysieren um zu veranschaulichen wie leicht sich unsere Sinne täuschen lassen.

1. Einleitung

Die Wissenschaft der Wahrnehmung lässt sich an drei wichtigen Bereichen vergegenwärtigen:

1.1. Wahrnehmung in der Physik

Die Physik des Wahrnehmens konzentriert sich auf die Funktionen des Lichts. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Wellen, wobei vor allem die Streuung, Beugung und Brechung deren sichtbarer Bereiche (Farben) besonders behandelt werden.

1.2. Wahrnehmung in der Physiologie

Die Physiologie des Sehens beziehungsweise die des visuellen Wahrnehmens untersucht den körperlichen Wahrnehmungsvorgang vom Auge bis zur Sehrinde ins Gehirn.

1.3. Wahrnehmung in der Psychologie

Die Wahrnehmungspsychologie untersucht, wie wir hören, fühlen, sehen und Geschmack und Gerüche wahrnehmen.1

Im Vordergrund stehen dabei das subjektive Erleben und die subjektive Wahrnehmung, weil die Welt objektiv gesehen aus Atomen und Strahlungen besteht.

Nicht alle Menschen sehen in den gleichen Atomen die gleichen Objekte, beziehungsweise haben eine andere emotionale Beziehung dazu.

Deshalb spielen auch besonders Empfindungen in der Wahrnehmungspsychologie eine wichtige Rolle. Scheinbar gelbes Licht, wie die Strahlen der Sonne, wird als warm empfunden. Ebenso wird ein dunkler Raum zumeist als kühl empfunden, da man die dunkle Farbe und nicht die Moleküle, aus welchen eine Farbe eigentlich besteht, als unangenehm wahrnimmt.2

Die Psychologie der visuellen Wahrnehmung beschäftigt sich mit der Entstehung des Wahrnehmungsbildes, der räumlichen Wahrnehmung und mit spezifischen Wahrnehmungsphänomenen, wie optische Täuschungen und Stereogramme.

2. Das visuelle System aus physiologischer Sicht

2.1. Das Auge

Der Sehvorgang beginnt, wenn Licht auf das Auge fällt. Das Licht passiert die durchsichtige Hornhaut, dann die als Pupille bezeichneteöffnung und schließlich die Linse.3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Auge 4

Die Linse des menschlichen Auges ist ein elastischer Körper, der mit Hilfe der Ziliarmuskeln flachgezogen oder gekrümmt werden kann. Durch Änderung der Pupillenweite bestimmt die Regenbogenhaut (Iris) das Ausmaß des Lichteinfalls in das Auge. Bei großer Helligkeit wird die Pupille also enger und bei geringer Lichtstärkeöffnet sich die Pupille.5

Die Hornhaut und die Linse stellen das Bild scharf und lenken es durch den Glaskörper auf die Netzhaut. Die Netzhaut (Retina) ist eine Schicht aus Neuronen, die sich im hinteren Teil des Augapfels befindet. Sie ist ein komplexes Netzwerk aus verschieden Arten von Neuronen, wobei die wichtigsten die Stäbchen und die Zapfen sind.6

Die Zapfen sind für das Sehen der Farben und das scharfe Helligkeitssehen verantwortlich und haben ein hohes Auflösungsvermögen. Die Stäbchen hingegen reagieren schon auf geringe Lichtintensitäten, haben jedoch ein nicht so gutes Auflösungsvermögen. Aus diesem Grund sind sie im wesentlichen für das weniger scharfe Dämmerungssehen verantwortlich. Die Zapfen sind in einem zentralen Netzhautbereich besonders dicht angesiedelt, den man als gelben Fleck bezeichnet. In der Mitte des gelben Flecks befindet sich die Stelle des schärfsten Sehens, die Sehgrube (Fovea). Wenn man einen Gegenstand fixiert, bewegt man seine Augen so, dass sein Bild auf den gelben Fleck fällt. So lässt sich das hohe Auflösungsvermögen der Zapfen bei der Wahrnehmung des Gegenstandes optimal ausnützen.

Der Rest der Netzhaut ist für die Wahrnehmung von eher allgemeineren Informationen verantwortlich.7

2.2. Nervöse Erregungsprozesse ins Gehirn

Damit die bisher erlangten Informationen verarbeitet und analysiert werden können, müssen sie den Weg wie folgt in das Gehirn finden.

Der Sehnerv wird aus den Ganglienzellen gebildet, deren Axonen das Auge verlassen und zum Gehirn führen. Die Sehnerven beider Augen treffen sich an der Sehnervkreuzung (Chiasma opticum), wo die Nervenfasern, welche mit den inneren Netzhauthälften verbunden sind überkreuzen und zur jeweils anderen Seite des Gehirns führen. Der andere Teil der Nervenfasern setzt sich auf der gleichen Seite des Gehirns fort, auf der auch das Auge liegt. Das heißt, dass die rechten Netzhauthälften beider Augen mit der rechten Hälfte des Gehirns verbunden sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Die Nervenbahnen vom Auge zur Großhirnrinde 8

Da der linke Teil des Gesichtsfeldes auf der rechten Netzhauthälfte jedes Auges abgebildet wird, werden Informationen über die linke Seite des Gesichtsfeldes zur rechten Hirnhälfte weitergeleitet und umgekehrt.9

,,Die Axonen der Ganglienzellen sind entweder mit Zellen des seitlichen Kniehöckers (Corpus geniculatum laterale) oder des vorderen Vierhügelpaares (Colliculus superior) synaptisch verbunden. Beide Gebiete sind Hirnareale unterhalb der Großhirnrinde. Man nimmt an, dass der seitliche Kniehöcker für die Wahrnehmung von Details und das Erkennen von Objekten verantwortlich ist, während das vordere Vierhügelpaar bei der räumlichen Lokalisierung von Objekten eine wichtige Rolle spielt. Diese neuronalen Strukturen sind beide mit der Sehrinde - dem visuellen Cortex - verbunden."10

3. Das visuelle System aus psychologischer Sicht

Wie bereits erwähnt, beschäftigt sich die Psychologie der visuellen Wahrnehmung mit dem Entstehen eines Wahrnehmungsbildes und der räumlichen Wahrnehmung. Ihrer Entstehung möchte ich näher auf den Grund gehen und erklären, wie sie zustande kommt, beziehungsweise wie unser Verstand damit zurecht kommt.

3.1. Entstehung des Wahrnehmungsbildes

Bei der Entstehung eines Wahrnehmungsbildes spielen mehrere Kriterien zusammen.

Grundvoraussetzung sind Erfahrung, Wissen und Erlebnisse, wodurch Schemata aufgebaut werden. Nur durch diese gewissen Schemata kann man Objekte überhaupt als solche identifizieren. Genauso wäre eine Wahrnehmung unvorstellbar, würde der Mensch nicht nach den Gestaltgesetzen wahrnehmen, die voraussetzen, dass der Gegenstand in mehrere Teile zerlegt und analysiert werden muss.

Würde der Schablonenvergleich nicht stattfinden, würde man sich in der Welt nicht zurecht finden, da man Objekte nicht zuordnen könnte. Man sieht also, dass zu der Entstehung des Wahrnehmungsbildes eine Menge an Voraussetzungen erforderlich ist.

3.1.1. Schemata

Menschen haben ein bestimmtes Skript eines Handlungsablaufes oder eine bestimmte Vorstellung eines Objektes.

Diese sogenannten kognitiven Schemata sind eine Grundvoraussetzung der visuellen Wahrnehmung. In den Industriestaaten hat wahrscheinlich jeder Mensch ein bestimmtes Schema oder eine Struktur von einem Auto, einem Haus oder einer geometrischen Figur.

Menschen aus primitiven Kulturen oder aus sehr abgelegenen Winkeln der Erde haben diese Schemata eher nicht und würden verwundert reagieren, würden sie ein Auto vorfahren sehen. Sie haben diese Maschine möglicherweise noch nie wahrgenommen und haben deshalb auch kein Schema davon.

Bildlich wahrgenommene Schemata beeinflussen die Informationsverarbeitung anders als sprachliche. Wenn man diese beiden Schemata eines gleichen Handlungsablaufes besitzt, dann verfestigt sich diese Struktur eher, als wenn man nur erzählt bekommt, wie zum Beispiel ein Auto aussieht.11 Man benötigt also ein Rahmen- bzw. Hintergrundwissen, um Wahrnehmungsprozesse erkennen und einteilen zu können.

Bei dem Rahmen ,,Buch" werden wahrscheinlich Begriffe wie Umschlag, Seiten, Papier, Titel, Buchstaben oder Bilder genannt.

3.1.2. Gestaltgesetze

Bevor der Schablonenvergleich beginnen kann, muss der wahrgenommene Gegenstand in Teile gegliedert werden. Das Grundprinzip der Gestaltgesetze besagt, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Es gibt vier wichtige Gestaltgesetze.

1. Gesetz der Nähe: Nah benachbarte Elemente werden als zusammengehörig wahrgenommen. Wie Abbildung 3 zeigt, werden hier vier Linienpaare und nicht acht einzelne Linien wahrgenommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Gesetz der Nähe 12

2. Gesetz der Ähnlichkeit: Ähnliche Objekte werden eher zusammengefasst als verschiedene. In Abbildung 4 werden eher fünf waagrechte zusammengehörige Zeilen mit gleichen Elementen wahrgenommen und nicht die näher beieinanderliegenden senkrechten Zeichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Gesetz derähnlichkeit 13

3. Gesetz des glatten Verlaufs: In Abbildung 5 wird eine Linie von A nach B, sowie eine zweite von C nach D wahrgenommen. Diese weisen einen glatteren Verlauf auf, obwohl man auch die abgeknickten Linien sehen könnte.

Abb. 5: Gesetz des glatten Verlaufs 14

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4. Gesetz der guten Gestalt: Obwohl der Kreis eine scheinbar unbekannte Figur verdeckt, wird diese ebenfalls als Kreis empfunden. Das nicht sichtbare Stück könnte jedoch alle möglichen Formen haben.15

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Gesetz der guten Gestalt 16

3.1.2.1. Mustererkennung

Die Mustererkennung spielt seit den 60er Jahren, seitdem Programme entwickelt wurden, die einfache Muster erkennen können, auch bei Computern eine große Rolle. Diese für uns selbstverständliche Leistung unseres visuellen Systems beinhaltet in dieser Hinsicht die enorme, noch nicht ganz verstandene Fähigkeit, zum Beispiel unscharfe Objekte trotzdem richtig zu erkennen.17

Ein wichtiger Faktor in der Mustererkennung ist der Kontext bzw. das Wissen einer Person, welches die Verarbeitung der wahrgenommenen Information beeinflusst. So wird in Abbildung 7 das selbe Zeichen einmal als A und einmal als H gelesen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Der Einfluss des Kontextes 18

3.1.2.2. Schablonenvergleich

Eine sehr naheliegende Art der Mustererkennung ist der Schablonenvergleich. Dessen Theorie beruht auf der Annahme, dass das Netzhautbild des Gegenstandes an das Gehirn übermittelt wird und dass dann anhand der gespeicherten Muster versucht wird, es zur Deckung zu bringen. Mit Buchstaben oder Zahlen funktioniert es genauso. Wenn man zum Beispiel einen Würfel vor sich liegen hat, muss seine Form erst mit der Schablone, die man von ihm hat, verglichen werden. Der Gegenstand wird also dann als Würfel identifiziert, wenn man aus Erfahrung weiß, dass ein Würfel sechs gleich große Flächen zeigt und seine Seiten gleich lang sind.

Ich denke, dass wir Menschen auch fähig sind Gegenstände oder Buchstaben in einer geschriebenen Form, wie wir sie noch nie gesehen haben, demnach auch keine Schablone von ihnen haben, erkennen können, wenn sie einfach gewisse Bedingungen erfüllen, die wir von ihnen kennen. Ich glaube, dass uns der Computer in dieser Hinsicht noch um einiges hinten nach ist.

Ein Computer mag vielleicht eine große Anzahl an Schriftarten erkennen, aber er versteht nicht den Sinn des Ganzen und er kann nur geringfügige Abweichungen eines Buchstabens, zum Beispiel wegen Schlampigkeit beim Schreiben, nicht mehr identifizieren. Wir Menschen besitzen im allgemeinen eine sehr flexible Mustererkennung. Wir können große und kleine Schriftzeichen unterscheiden, sind fähig unscharfe Zeichen zu entziffern und unvollständige Buchstaben ohne große Anstrengung zu vervollständigen.19 Das heißt, auch wenn das Bild eines Gegenstandes eine Größenveränderung hinter sich hat, oder sich dessen Orientierung oder Form geändert hat, ist ein Mensch in der Lage, die Gestalt zu erkennen.

3.1.2.3. Symmetrie

Eine weitere Variante eines Musters ist die Symmetrie.

In einem Versuch von Munsinger (1967) mussten sich die Versuchspersonen mit einer 8x8- Matrix, welche in vier Untermatrizen aufgeteilt war, auseinandersetzen . In jeder von ihnen war eine oder waren mehrere Zellen schwarz zugedeckt. Die Muster kamen zufällig oder symmetrisch vor. Nachdem die Versuchspersonen fünf Sekunden auf die Matrizen blicken durften, mussten sie diese in einer leeren Matrix reproduzieren. Wie sich herausstellte wurden die symmetrischen Matrizen besser reproduziert als die zufälligen. Das deutet darauf hin, dass symmetrische Muster anziehender, angenehmer und leichter zu merken sind.20

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Eine 8x8-Matrix 21

3.2. Räumliche Wahrnehmung

Ich möchte nun erläutern, wie die verschiedenen Tiefenkriterien funktionieren, die unser visuelles System, ohne dass wir uns bewusst bemühen, bewältigt. Um Entfernungen erkennen und um Informationen über die Richtung, in der sich Objekte befinden, bekommen zu können, muss sich der Betrachter mit dem dreidimensionalen Raum beschäftigen. Die darauf folgenden Kriterien zeigen, dass räumliches Wahrnehmen essentiell ist, um Entfernungen abschätzen und sich fortbewegen zu können. Ich erkläre auch, wie räumliches Sehen zustande kommt und zeige besondere dreidimensionale Effekte anhand von Stereogrammen.

Am Beispiel des Bewegungssehens erläutere ich, dass andere Kriterien auftauchen, wenn sich der Betrachter fortbewegt und nicht an derselben Stelle bleibt.

3.2.1. Tiefenkriterien

3.2.1.1. Querdisparation, Konvergenz und Akkomodation

Nur durch Kombination beider Augen erhält man wichtige Informationen über die Dreidimensionalität der Umwelt. Man muss dreidimensional sehen können, um sich jemandem zu nähern oder um Gefahren aus dem Weg gehen zu können. Eine Unterstützung ist dabei das räumliche Hören, welches einen Hinweis über die Richtung eines Geräusches gibt. Verantwortlich für das dreidimensionale Sehen sind vor allem Konvergenz und Querdisparation.22

Konvergenz geschieht, wenn sich die Augen einwärts drehen, um Objekte in der Nähe zu erfassen und zu fixieren, wobei sich der Konvergenzwinkel ändert, wenn die Augenmuskeln die Augen nach innen ziehen. Die Formveränderung der Linse nennt man Akkomodation. Dabei verdickt sich die Linse, um ein nahes Objekt scharf stellen zu können. Querdisparation ist der Ausdruck dafür, dass die Netzhäute unserer beiden Augen ein unterschiedliches Bild aufweisen. Weil sich unsere zwei Augen an verschiedenen Stellen befinden, cirka sechs Zentimeter von einander entfernt, erhalten wir zwei verschiedene Bilder von der Welt. Diese Disparation ermöglicht das sogenannte stereoskopische Sehen, die Raumwahrnehmung.

Die Querdisparation oder auch seitliche Verschiebung bedingt, dass alle Gegenstände, die näher als ein bestimmter fixierter Punkt liegen, als gekreuzte Doppelbilder erscheinen müssten, und alle die ferner als der fixierte Punkt liegen, als ungekreuzte. Das Gehirn verrechnet diese Information aber zu einem einheitlichen Bild. Bei dieser Fusion wird aus den Doppelbildern ein räumlicher Tiefeneindruck aufgebaut.23

Das kann man auch leicht selber ausprobieren, indem man einen Finger einen halben Meter von den Augen weg hält und ihn dann auf die Nase zubewegt.24

3.2.1.2. Atmosphärische Perspektive

Wenn man eine Bergwanderung macht, erscheint es manchmal, als ob der Gipfel in unmittelbarer Reichweite ist, doch dann schiebt sich doch noch ein weiterer Anstieg dazwischen.

Dieses Phänomen hängt mit der atmosphärischen Perspektive zusammen. Sie ist der Grund dafür, dass man entfernte Objekte weniger scharf sieht, weil man dabei durch die Luft, die kleine Partikel wie Staub und andere Verschmutzungen enthält, durchschauen muss. Je weiter ein Objekt entfernt ist, desto mehr Verschmutzungen liegen dazwischen und desto unschärfer wird deshalb das Objekt.

Da jedoch die Luft in den Bergen meist klarer ist als in Großstädten, kann es vorkommen, dass man Distanzen falsch einschätzt.

3.2.1.3. Verdecken

Das Verdecken ist ein Kriterium dafür, dass ein Objekt welches von einem anderen verdeckt wird, weiter entfernt aus der Sicht des Betrachters ist. Allerdings kann man nach dieser Erkenntnis nicht wissen, um wieviel das hintere Objekt weiter entfernt ist.

3.2.1.4. Relative Größe und relative Höhe

Andere Kriterien sind die relative Größe und die relative Höhe im Blickfeld. Wenn man zwei verschieden große Kreise nebeneinander sieht, nimmt man meistens an, dass der kleinere Kreis weiter entfernt ist. Wenn also alle anderen Dinge gleich sind wirkt bei der relativen Größe ein größeres Objekt näher.

Bei der relativen Höhe geht man jedoch davon aus, dass Objekte die sich im Blickfeld weiter oben befinden, weiter entfernt sind. Dies gilt allerdings nur für Gegenstände unterhalb der Horizontlinie, denn Wolken erscheinen entfernter, wenn sie im Blickfeld niedriger sind.25

3.2.2. Bewegungssehen

Bewegungen werden als Bewegungen gesehen, wenn durch einen Reiz mehrere verschiedene Stellen der Netzhaut berührt werden.

Das Bewegungssehen kann durch zwei verschiedene Abläufe Bewegungen erkennen. Der Mensch erkennt erstens sich bewegende Menschen, Autos oder Fahrräder.

Zweitens bewegt sich der Mensch selber und weil er aus Erfahrung weiß, dass sich fixe Gegenstände wie Häuser nicht bewegen, erkennt er, dass nur er sich bewegt.

Im folgenden Unterkapitel erkläre ich das Phänomen der Bewegungsparallaxe die entsteht, wenn sich der Betrachter in einem bewegten Fahrzeug befindet.26

3.2.2.1. Bewegungsparallaxe

Der besondere Effekt entsteht, wenn man bei einer Zug- oder Autofahrt aus dem Seitenfenster schaut. Nahe Gegenstände sieht man nur unscharf vorbeisausen, während sich Objekte am Horizont nur wenig zu bewegen scheinen. Das hängt damit zusammen, dass die Abbildung eines nahen Gegenstandes auf der Netzhaut einen weiteren Weg zurücklegen muss, weil es schneller vom linken Gesichtsfeld ins rechte wandert. Bei weit entfernten Objekten geschieht dies langsamer und deshalb hat das Auge mehr Zeit sie zu fokussieren.27

3.3. Wahrnehmungsphänomene

3.3.1. Stereoskop

Die folgenden Wahrnehmungsphänomene Stereoskop und Stereogramm sind nur mehr durch Benutzung beider Augen anwendbar.

Weil beide Augen ein geringfügig unterschiedliches Bild zu einem zusammenfügen (=Querdisparation) wird es auch als binokulares Tiefenkriterium bezeichnet.

Diese Tatsache machte sich der Physiker Wheatstone zunutze, um ein Stereoskop zu bauen. Die Vorrichtung ruft anhand zweier geringfügig verschiedener Bilder einer Szene einen überzeugenden Tiefeneindruck hervor. In dem Gerät werden zwei Photographien mit einer speziellen Kamera aufgenommen, die über zwei Linsen verfügt, die genauso weit wie der Augenabstand voneinander entfernt sind.

Wenn man in das Stereoskop hineinsieht erblickt das linke Auge das linke Bild und das rechte Auge das rechte Bild. Diese beiden Bilder fügen sich bei erfolgreicher Anwendung zu einer dreidimensionalen Wahrnehmung der Szene zusammen.28

3.3.1.1. Stereogramm

Bei einem Stereogramm herrscht genau der gleiche Effekt wie bei einem Stereoskop, nur dass für ein Stereogramm kein optisches Gerät benötigt wird. Dabei ist ebenfalls für jedes Auge ein Bild vorgesehen. Der Betrachter erhält wieder einen dreidimensionalen Eindruck, da die Bilder aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen wurden.

Um Stereogramme sehen zu können, muss man entweder die Schiel- oder die Paralleltechnik beherrschen. Bei der Schieltechnik ist es erforderlich so nach innen zu schielen, dass sich die Blickrichtungen der beiden Augen kreuzen. Bei der Paralleltechnik sollten beide Augen in die Ferne blicken, also auf unendlich eingestellt sein. Die Blickrichtungen sollten dabei parallel sein.29

3.3.2. Autostereogramm

Ebenfalls ein dreidimensionales Bild entsteht bei einem Autostereogramm. Der Unterschied besteht darin, dass nur ein Bild dafür benötigt wird. Auch dabei wird kein eigenes Gerät gebraucht.

In Abbildung 9 sieht man ein Beispiel für ein Autostereogramm. Der Autostereogrammeffekt wird dadurch erreicht, dass sich die Bildteile wiederholen, die den Vorgang des dreidimensionalen Sehens erzeugen, wenn man das Bild mit divergierten, also mit auf unendlich eingestellten Augen betrachtet.30

,,Die spezielle Blicktechnik besteht in einem leichten Schielen beziehungsweise darin, dass die Augen in einer Vergenzstellung gehalten werden, als ob sie ein weiter entfernt liegendes Objekt betrachten."31

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Ein Autostereogramm 32

4. Die visuelle Wahrnehmung am Beispiel der optischen Täuschungen

In diesem Kapitel möchte ich einen Überblick über die bekanntesten und beeindruckendsten visuellen Wahrnehmungstäuschungen geben.

4.1. Allgemein

,,Von einer Wahrnehmungstäuschung sprechen wir dann, wenn uns unsere Sinne auf nachweislich fehlerhafte Art die Erfahrung eines Reizmusters vortäuschen."33 Die optischen oder visuellen Wahrnehmungstäuschungen sind demnach also falsche Interpretationen unseres Wahrnehmungssystems.

Bei dem Wahrnehmungsprozess gibt es zwei Stufen, bei denen es zu Wahrnehmungstäuschungen kommen kann. Erstens beim Erfassen der Umrisse und Merkmale eines Objekts (=Organisation). Dabei entsteht das sensorische Bild auf der Netzhaut. Die Täuschungen auf der Stufe der Organisation beruhen, physiologisch gesehen, auf der Bau- und Funktionsweise des menschlichen Auges. Eine Wahrnehmungstäuschung kann geschehen, wenn die gegebenen Hinweise und Informationen auf eine Gestalt oder ein Objekt nicht eindeutig sind und verschiedene Objekte wahrgenommen werden können.

Zweitens können wir auf der Stufe der Identifizierung und Einordnung getäuscht werden.

Dabei wird das Objekt in einzelne Teile zerlegt, und es wird versucht, es mit einer Schablone zur Deckung zu bringen. Das heißt, man identifiziert beziehungsweise ordnet das Objekt ein. Wenn die Informationen nicht ausreichen, um ein Objekt ganz zu identifizieren, dann kann es ebenfalls zu einer Täuschung kommen.

Diese Fehlinterpretation weist stark auf die enorme Fähigkeit hin, dass der Mensch normalerweise aus nur wenigen Hintergrundinformationen ein zuverlässiges Bild der Umwelt bekommt.34

4.2. Geometrisch-optische Täuschungen

Bei gewissen geometrischen Täuschungen werden andere geometrische Verhältnisse wahrgenommen, als eigentlich herrschen. Zum Beispiel können Größenunterschiede vom Auge falsch beurteilt werden. Die Linien in Abbildung 10 werden als Müller-Lyer-Linien bezeichnet, da sie von den deutschen Psychologen Müller und Lyer entdeckt wurden. Die Linie mit den Pfeilspitzen, die nach außen zeigen, erscheint kürzer als die andere. Sie sind allerdings in Wahrheit genau gleich lang.35

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 10: Müller-Lyer-Täuschung 36

Bei der Zö llnerschen Täuschung scheinen die in Wirklichkeit parallelen, langen diagonalen Linien gegeneinander geneigt zu sein. Der Eindruck entsteht durch die kurzen vertikalen und horizontalen Linien, die abwechselnd die Diagonalen schneiden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: Parallele Strecken von Zö llner 37

Zwei gerade Linien schneiden sich in einem Scheitel unter spitzem Winkel und zwei andere horizontale Linien sind verschieden weit vom Scheitel entfernt angeordnet.

Die Linie, die sich näher beim Scheitel befindet erscheint größer als die, objektiv gesehen, gleich große andere Linie. Diese Täuschung in Abbildung 12 heißt PonzoTäuschung .38 Abb. 12: Ponzo-Täuschung 39 Ein anderes sehr bekanntes Phänomen sind die Titchenerschen Kreise (Abbildung 13).

Objektiv sieht man zwei gleich große Kreise, die einmal von größeren und einmal von kleineren Kreisen umgeben sind. Der Kreis, der von kleineren Kreisen umgeben ist, scheint jedoch größer zu sein als der andere.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 13: Titchenersche Kreise 40

Die Poggendorfsche Täuschung zeigt, wie zwei Schrägstrecken, die objektiv zu einer Geraden gehören, verschoben zu sein scheinen. Der Effekt in Abbildung 14 entsteht durch die Wirkung der vertikalen Linien.41

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Abb. 14: Poggendorf-Täuschung 42

Bei der Ebbinghaus-Täuschung in Abbildung 15 erscheint der Winkel in der Mitte links größer als der auf der rechten Seite.

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Abb. 15: Ebbinghaus-Täuschung 43

Der untere der beiden Sektoren eines Ringes erscheint größer als der obere. In Wahrheit sind die Sektoren bei der Jastrowschen Täuschung (Abbildung 16) allerdings genau gleich groß.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 16: Jastrowsche Täuschung 44

4.2.1. Krümmungstäuschungen

Bei den folgenden Phänomenen handelt es sich um Krümmungstäuschungen. Das sind Täuschungen, bei denen in verschiedener Weise Krümmungen vorgetäuscht werden, die objektiv gar nicht existieren.

Dabei gibt es immer eine Testkomponente, eine Linie oder eine Figur bei der eine Krümmung vorgetäuscht wird, und eine sogennante induzierende Figur, welche die scheinbare Krümmung vortäuscht.

Durch Unterstützung anderer geometrischer Figuren, wie zum Beispiel Kreise, nehmen wir also gerade Linien als Krümmungen wahr, weil sie durch Überschneidungen mit den Kreisen verbogen erscheinen.

Die Heringsche Täuschung in Abbildung 17 ist ein bekanntes Beispiel für eine Krümmungstäuschung. Zwei parallele gerade Linien, die Testkomponenten, scheinen ein bisschen nach außen gewölbt. Die Täuschung wird durch mehrere induzierende, aus einem Punkt strömende Linien verursacht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 17: Parallele Strecken von Hering 45

Bei der Abbildung 18 erscheint das Viereck gewölbt zu sein. Der Grund dafür, dass sich die Vierecksseiten scheinbar krümmen sind die induzierenden Kreise in- und außerhalb des Vierecks.46

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 18: Gewö lbtes Viereck 47

Die Wundtsche Täuschung besteht aus den induzierenden spitzen und stumpfen Pfeilen, die sich zwischen die beiden horizontalen Linien schieben. An den Stellen wo die Winkel der Pfeile eher spitz sind, sieht es so aus, als ob sich die Testlinien entfernen würden. An den stumpfen Stellen scheint es, als ob sie sich einander nähern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 19: Wundtsche Täuschung 48

4.2.2. Perspektivische Täuschungen

Perspektivische Täuschungen passieren, weil wir davon ausgehen, dass unser Auge scheinbar weiter entfernte Objekte kleiner wahrnimmt als gleich große Objekte, die sich scheinbar näher bei uns befinden.

In Abbildung 20 sieht man ein Beispiel für eine perspektivische Täuschung. Die hintere dunkle Gestalt erscheint auf den ersten Blick größer als die vordere. Das passiert, weil wir aus dem Bild erfahren, dass sich die hintere Gestalt aus unserer Sicht scheinbar weiter weg auf der Straße befindet. In Wahrheit sind beide Gestalten allerdings genau gleich groß. Die hintere Figur müsste demnach kleiner gezeichnet werden, damit uns beide Gestalten gleich groß erscheinen würden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 20: Eine perspektivische Täuschung 49

In Abbildung 21 glaubt man drei verschieden große Menschen zu sehen. Sie sind jedoch alle gleich groß. Der Grund für diesen Irrtum liegt in der Konstruktion des sogenannten Amesschen Raumes . Die hintere Wand, die Tür und die Fenster sind geometrisch so geformt, dass der Raum vom Standpunkt der Bildaufnahme wie ein normales, rechteckiges Zimmer wirkt. Tatsächlich ist der Raum aber so gebaut, dass vom Betrachter aus, seine linke hintere Ecke fast doppelt so weit entfernt liegt wie seine rechte.50

In dem kleinen Bild sieht man die tatsächlichen Wände des Raumes und die wirklichen Standpunkte der Männer. Der kleine weiße und der kleine schwarze Kreis stellen die wahrgenommenen Standpunkte dar, die großen Kreise die tatsächlichen.

Abb. 21: Der Amessche Raum 51

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2.3. Bewegungstäuschung

Bei dieser Art von geometrisch-optischen Täuschungen entsteht das Gefühl, dass Bewegungen wahrgenommen werden, die in Wahrheit gar nicht stattfinden. Die Thomphsonsche Sektorentäuschung, oder auch das Speichenphänomen (Abbildung 22), ist so eine Bewegungstäuschung. Durch mehrere konzentrische Kreise wird mittels Drehen der Figur der Eindruck von Speichen vermittelt. Diese Scheinbewegung entsteht, weil die eng nebeneinanderliegenden Kreise wechselnde Überdeckungen bilden.52

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Abb. 22: Speichenphänomen 53

4.3. Umspringbilder

Im vorherigen Kapitel habe ich mich insbesonders mit den verschiedenen geometrisch optischen Täuschungen beschäftigt. In diesem Abschnitt möchte ich mich mit einer weiteren speziellen Art der Täuschungen beschäftigen, den Umspringbildern.

,,Bei gleicher Reizanordnung auf der Netzhaut können aber auch verschiedene Wahrnehmungen entstehen, wie man bei der Betrachtung eines Umspring- oder Kippbildes feststellen kann."54

Umspringbilder sind also Figuren oder Objekte, die sich auf verschiedene Weisen sehen lassen. Generell kann man sagen, dass die Abbildungen auf der Netzhaut oft mehrdeutig sein können, weil ihnen entscheidende Informationen, die nur auf ein bestimmtes Objekt zutreffen, fehlen. Die Erfahrung spielt dabei auch eine große Rolle. Wenn zum Beispiel ein Mensch, der auf dem Land aufgewachsen ist, in der Nacht die Umrisse einer Gestalt wahrnimmt, wird er eher annehmen ein gewöhnliches Waldtier beobachtet zu haben als einen Elefanten. Ein Stadtmensch würde die Umrisse, die auf ein Tier und einen Menschen zutreffen könnten, möglicherweise sogar für einen Einbrecher halten. Die Mehrdeutigkeit weist also darauf hin, dass ein einzelnes Bild zu verschiedenen Auffassungen in Bezug auf die Organisation führen kann.

Die Umspring- oder Kippfiguren machen deutlich, dass die Abhebung einer Figur eine beachtliche Leistung unseres Wahrnehmungssystems ist.55

Bei den folgenden Beispielen gibt es jeweils zwei verschiedene Möglichkeiten das Bild wahrzunehmen. Den Wechsel dieser beiden Auffassungen nennt man optische Inversion .

Sobald einmal beide Weisen erkannt sind, bemerken wir, dass unsere Wahrnehmung zwischen den beiden Möglichkeiten hin und her wechselt. Das passiert jedoch so schlagartig, dass man möglicherweise an einen im Bild verborgenen Trick glaubt. Die Umstellung findet aber tatsächlich nur im Verstand statt. Die sogenannte Instabilität ist eine der wichtigsten Eigenschaften mehrdeutiger Bilder.56

Obwohl beide möglichen Interpretationen dem gleichen Netzhautbild entspringen, kann diese Abbildung auf zwei Arten gesehen werden. Der dreidimensionale Necker-Würfel kann entweder aus der Perspektive von unten oder von oben gesehen werden.

Necker war einer der ersten, der erkannte, dass das Auge an der Interpretation eines Bildes nur eine kleine Rolle spielt. Er fand heraus, dass vor allem das Gehirn und der Verstand auf der Stufe der Identifizierung für die Art der Auffassung des Bildes verantwortlich sind. Das heißt, dass der Verstand darüber entscheidet, was wahrgenommen wird, sei es aus Erfahrung oder weil ihm eine Sichtweise plausibler als die andere erscheint.57

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 23: Der Necker-Würfel 58

,,Die Wahrnehmung variiert in Abhängigkeit von Kontext sowie Erwartungen und Einstellungen des Betrachters, die sich durch unterschiedliche Instruktionen steuern lassen."59 Die Abbildung 24 kann als Ente aber auch als Kaninchen gesehen werden. Das hängt davon ab, ob man das Bild von links oder von rechts betrachtet. Von rechts betrachtet, sieht man den Schnabel der Ente und ihr Auge. Wenn man das Bild jedoch nur kurz von links betrachtet nimmt man ein Kaninchen wahr, das nach links blickt und dessen Ohren nach hinten gerichtet sind.

Die Mehrdeutigkeit entsteht, weil die gegebenen Details sowohl auf eine Ente als auch auf ein Kaninchen zutreffen könnten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 24: Die Kaninchenente 60

Die reversible Treppe von Schrö der kann ebenfalls auf zwei Arten gesehen werden. Man kann sie als eine Treppe, die schräg von links oben nach rechts unten geht, oder als eine die verkehrt von rechts unten nach links oben führt, wahrnehmen. Sowohl die Schrödersche Treppe als auch der Necker-Würfel sind Figuren, die auf einer Uneindeutigkeit der Raumwahrnehmung beruhen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 25: Schrö dersche Treppe 61

Eines der einfachsten und bekanntesten Modelle für ein mehrdeutiges Bild ist Ernst Machs reversibles Buch . Die Abbildung zeigt ein halbgeöffnetes Buch. Die Mehrdeutigkeit, oder in diesem Fall die Zweideutigkeit, besteht darin, dass das Buch nach vorne und nach hinten geöffnet erscheinen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 26: Das reversible Buch 62

Die Rubinsche Vase zeigt, dass das Gehirn versucht, eine Form im Vordergrund von einem formlosen Hintergrund zu unterscheiden. Edgar Rubin bezeichnete den Vorgang der Unterscheidung als das ,, Lesen " des Bildes.63

Beim Betrachten der linken Abbildung können entweder zwei weiße Gesichter oder eine schwarze Vase mit weißem Hintergrund wahrgenommen werden. Durch hinzufügen eines Blumenstraußes wird der Eindruck, dass es sich um eine Vase handelt, verstärkt. Trotz dieser wichtigen Information kann man immer noch die Profile der beiden Gesichter erkennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 27: Rubinsche Vase 64

4.3.1. Figurdeutungen

Bisher habe ich mich nur mit zweideutigen Umspringbildern beschäftigt. Es gibt jedoch auch Bilder bei denen es unzählige Interpretationen geben kann.

So zum Beispiel haben viele Menschen schon einmal aus einer Wolke am Himmel Unterschiedliches herausgedeutet. Das ist ein Zeichen dafür, dass wir dazu neigen, immer etwas hinter den Dingen entdecken zu wollen.

In der Psychodiagnostik gibt es Persönlichkeitstests, die mit der Interpretation verschiedener Bilder arbeiten. Die Art, wie die Versuchsperson ein Bild oder ein Objekt deutet, kann für den Psychologen bei der Beurteilung der Persönlichkeit behilflich sein.65

Bei einem Test vom Schweizer Psychiater Rorschach müssen die Versuchspersonen mehrere Tintenkleckse deuten. Dieser Test soll zur Diagnose des Geisteszustandes verwendet werden, da aus einem solchen unförmigen Tintenklecks eine Menge Deutungsmöglichkeiten existierten. Einige Psychologen meinen jedoch, dass dieser Test irreführend sei, da es große Unterschiede in der Bewertung des Gedeuteten gibt.66

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 28: Tintenklecks 67

Die geometrische Figur in Abbildung 29 besitzt ebenfalls unzählige Auffassungsmöglichkeiten. Aus der Sicht der Geometrie kann diese Figur einmal als stehender und das andere Mal als liegender Zylinder gesehen werden. Die sogenannte Wundtsche Serviettenringfigur kann aber auch ganz anders interpretiert werden. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass sich hier zwei Eier auf einem Viereck befinden oder dass die Figur eine Brille, aus schrägem Winkel betrachtet, darstellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 29: Wundtsche Serviettenfigur 68

4.4. Kontrasteffekte

Das Auge konzentriert sich von Natur aus mehr auf hellere als auf dunklere Figuren, auch wenn ihre Größe identisch ist. Der Grund dafür ist, dass wir ohne Licht nicht sehen könnten. Täuschungen treten auf, wenn ein starkes Licht die Netzhaut erreicht. Denn auf ein helles Objekt reagieren proportional mehr Rezeptorzellen als auf ein dunkles Objekt gleicher Größe. Deswegen erzielt der weiße Stern mehr Aufmerksamkeit.

Wegen dem starken Kontrast zwischen den Sternen und ihrem Hintergrund, entsteht der Eindruck, dass die weißen Sterne in der linken Abbildung im Vergleich zu denen in der rechten größer sind, obwohl sie in Wirklichkeit gleich groß sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 30: Weiße und schwarze Sterne 69

Das Heringsche Gitter besteht aus mehreren Vierecken und weißen Linien, die scheinbar ein Gitter darstellen.

Das Interessante an dem Gitter ist, dass nach Betrachtung an den Schnittpunkten der weißen Gitterlinien dunkle Punkte erscheinen. Man nimmt an, dass dieser Effekt zustande kommt, weil die weißen Stellen an den Schnittpunkten von weniger Kontrastfläche umgeben sind.70

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 31: Heringsches Gitter 71

4.5. Unmögliche Figuren

Eine weitere Form der Wahrnehmungstäuschungen sind die unmöglichen Figuren. Das sind Figuren dessen Teile zusammengesetzt kein real mögliches beziehungsweise ein räumlich unmögliches Objekt ergeben, wobei das visuelle System den Überblick über das Ganze verliert.

Das heißt, man kann sich zwar jedes Teil für sich räumlich vorstellen, aber das Objekt kann niemals als Ganzes wahrgenommen werden, weil dessen Konstruktion einfach nicht möglich wäre.72

M. C. Escher zeichnete eine Reihe solcher unmöglicher Figuren in seinen Bildern, und war damit einer der ersten, der sich mit dem Schaffen dieser Figuren beschäftigte.

Die Penrose-Treppe ist so ein Beispiel für eine unmögliche Figur. Wenn man diese Figur unter einem anderen Winkel betrachten würde, wäre der Effekt nicht gegeben. Durch die Kombination der Linien und der Würfel glaubt man, dass man die Stufen endlos lang hinunter oder hinauf gehen könnte, ohne jemals an ein Ziel zu gelangen. Man kann zwar jede Stufe und jede Seitenwand, ja sogar drei Seitenwände für sich wahrnehmen, aber es ist unmöglich ein konkretes Bild von der ganzen Treppe zu bekommen, da man bei der vierten Seitenwand auf einen Widerspruch bei der Konstruktion stoßen würde.73

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 32: Die Penrose-Treppe 74

Sobald man in dieser Abbildung die mittlere Zinke nach rechts hin verfolgt, scheint sie sich aufzulösen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 33: Die unmö gliche Zinke 75

Diese Abbildung besteht aus einer unmöglichen Konstruktion dreier Stäbe. Alle Seiten scheinen im rechten Winkel aufeinander zu stehen. Die Winkelsumme würde dabei 270° betragen, was für ein Dreieck normalerweise unmöglich wäre.

Auch hier entsteht der Effekt nur, wenn man die Figur unter einem bestimmten Winkel betrachtet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 34: Das Dreistabmodell 76

Hier scheint es, also ob die zwei Pfeile vier Enden hätten. Wenn man versuchen würde, sich zu konzentrieren, um herauszubekommen was man wirklich sieht, würde man wahrscheinlich verzweifeln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 35: Zwei Pfeile? 77

RESÜMEE

Durch die Auseinandersetzung mit meiner Fachbereichsarbeit wurde mir klar, was es heißt eine wissenschaftliche Arbeit, wenn auch nur in relativ kurzer Form, zu verfassen.

Interessant war für mich, dass aus der Vielfalt der Quellen, die ich mir für mein Thema zum Gebrauch machte, bei einigen Quellen andere Aspekte mehr hervorgehoben, also als wichtiger angesehen wurden als bei anderen Quellen.

Demnach war einer der schwierigsten Punkte für mich herauszufinden, welche Bereiche ich genauer und welche ich weniger genau behandeln sollte.

Ich denke, dass es bei so einer Arbeit notwendig ist, sie so zu schreiben, dass sie auch für Laien und andere Außenstehende leicht verständlich ist und die verschiedenen Kapitel aufeinander aufbauend und nicht zusammenhanglos aneinandergereiht sind.

Die Veranschaulichung der großen Zahl an visuellen Wahrnehmungstäuschungen ist der Hauptteil meiner Arbeit, der mich immer wieder fasziniert und begeistert hat. Mir ist erst durch die genauere Auseinandersetzung mit den optischen Täuschungen bewusst geworden, wie leicht sich unsere Sinne manchmal täuschen lassen.

Ich ziehe aus der intensiven Beschäftigung mit diesem Thema den positiven Schluss, dass ich mich gerne damit beschäftigt und meinen geistigen Horizont dabei erweitert habe. Außerdem war es erstaunlich für mich zu erfahren, wie sehr man sich in ein Thema, das für mich die Welt der Täuschungen und Illusionen war, vertiefen kann.

[...]


1 Vgl. BENESCH, H., SAARFELD, H./ Atlas zur Psychologie Band 1, München: DTV, 987, S. 91

2 Vgl. KONECNY E., LEITNER M.-L./ Psychologie, Wien: Braumüller-Verlag, 1997, S. 45

3 Vgl. GOLDSTEIN E./ Wahrnehmungspsychologie, Heidelberg: Spektrum-Verlag, 1997, S. 40

4 ANDERSON J./ Kognitive Psychologie, Heidelberg: Spektrum-Verlag, 1989, S. 38

5 Vgl. BIRBAUMER N., SCHMIDT R./ Biologische Psychologie, Berlin/Heidelberg: Springer- Verlag, 1999, S. 384 f.

6 Vgl. GOLDSTEIN E., 1997, S. 40

7 Vgl. ANDERSON J., 1989, S. 38

8 ANDERSON J., 1989, S.39

9 Vgl. ANDERSON J., 1989, S.39

10 ANDERSON J., 1989, S. 39

11 Vgl. STÄDTLER T./ Lexikon der Psychologie, Stuttgart: Kröner-Verlag, 1998, S. 951 f.

12 ANDERSON J., 1989, S. 64

13 ANDERSON J., 1989, S. 64

14 ANDERSON J., 1989, S. 64

15 Vgl. ANDERSON J., 1989, S. 63 ff.

16 ANDERSON J., 1989, S. 64

17 Vgl. STÄDTLER T., 1998, S. 710

18 ANDERSON J., 1989, S. 68

19 Vgl. ANDERSON J., 1989, S. 58

20 Vgl. FISCHER H./ Entwicklung der visuellen Wahrnehmung, Weinheim: Beltz-Verl., 95, S. 418

21 FISCHER H., 1995, S. 420

22 Vgl. ZIMBARDO P., GERRIG R./ Psychologie, Berlin/Heidelberg: Springer-Verlag, 1999, S. 136f.

23 Vgl. BIRBAUMER N., SCHMIDT R., 1999, S. 376 f.

24 Vgl. GOLDSTEIN E., 1997, S. 216 f.

25 Vgl. GOLDSTEIN E., 1997, S. 218 f.

26 Vgl. KONECNY E., LEITNER M.-L, 1997, S. 58 f.

27 Vgl. BIRBAUMER N., SCHMIDT R., 1999, S. 222 f.

28 Vgl. GOLDSTEIN E., 1997, S. 224 f.

29 Vgl. ARS EDITION/ Stereogramm, Zug: Ars Edition, 1994, S. 10

30 Vgl. GOLDSTEIN E., 1997, S. 232

31 STÄDTLER T., 1998, S. 1254

32 ARS EDITION/ Das Magische Auge, Belgien: Ars Edition, 1994, S. 7

33 ZIMBARDO P., GERRIG R., 1999, S. 111

34 Vgl. BIRBAUMER N., SCHMIDT R., 1999, S. 378

35 Vgl. RODGERS N./ Unglaubliche optische Illusionen, Augsburg: Bechtermünz Verl., 1998, S. 31

36 RODGERS N., 1998, S. 31

37 FISCHER H., 1995, S. 180

38 Vgl. STÄDTLER T., 1998, S. 385

39 FISCHER H., 1995, S. 182

40 FISCHER H., 1995, S. 179

41 Vgl. ZIMBARDO P., GERRIG R., 1999, S. 112

42 FISCHER H., 1995, S. 182

43 FISCHER H., 1995, S. 183

44 STÄDTLER T., 1998, S. 387

45 FISCHER H., 1995, S. 180

46 Vgl. STÄDTLER T., 1998, S. 388

47 RODGERS N., 1998, S. 34

48 STÄDTLER T., 1998, S. 386

49 KONECNY E., LEITNER M.-L, 1997, S. 60

50 Vgl. GOLDSTEIN E., 1997, S. 242

51 KONECNY E., LEITNER M.-L, 1997, S. 62

52 Vgl. STÄDTLER T., 1998, S. 965

53 STÄDTLER T., 1998, S. 965

54 KONECNY E., LEITNER M.-L, 1997, S. 61

55 Vgl. STÄDTLER T., 1998, S. 528

56 Vgl. ZIMBARDO P., GERRIG R., 1999, S. 110 f.

57 RODGERS N., 1998, S. 48

58 ZIMBARDO P., GERRIG R., 1999, S. 111

59 STÄDTLER T., 1998, S. 528

60 RODGERS N., 1998, S. 40

61 FISCHER H., 1995, S. 178

62 RODGERS N., 1998, S. 49

63 Vgl. RODGERS N., 1998, S. 39

64 RODGERS N., 1998, S. 39

65 Vgl. BENESCH, H., SAARFELD, H./ Atlas zur Psychologie Band 2, München: DTV, 1987, S. 359

66 Vgl. COHEN D./ Lexikon der Psychologie, Weyarn: Seehamer Verlag, 1997, S. 257

67 RODGERS N., 1998, S. 38

68 STÄDTLER T., 1998, S. 1002

69 RODGERS N., 1998, S. 110

70 Vgl. RODGERS N., 1998, S. 111

71 STÄDTLER T., 1998, S. 441

72 Vgl. ERNST B./ Der Zauberspiegel des M. C. Escher, Köln: Taschen Verlag, 1994, S. 88

73 Vgl. RODGERS N., 1998, S. 65

74 RODGERS N., 1998, S. 65

75 RODGERS N., 1998, S. 70

76 RODGERS N., 1998, S. 62

77 RODGERS N., 1998, S. 63

31 von 31 Seiten

Details

Titel
Wahrnehmungsphänomene aus psychologischer Sicht
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
31
Katalognummer
V100015
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein sehr detailierter Überblick über viele optische Täuschungen aus der Sicht der Psychologie im Rahmen der Maturavorbereitung.
Schlagworte
optische Täuschungen
Arbeit zitieren
Matthias Reichmayr (Autor), 2001, Wahrnehmungsphänomene aus psychologischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100015

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