Hintergründe, Entwicklung und Aktualität antisemitischer Verschwörungsideologien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verschwörungsideologie statt Verschwörungstheorie

3. Antisemitische Verschwörungsideologien
3.1 Die besondere Rolle der Juden in Verschwörungsideologien und deren Entwicklung
3.2 Die Ideologie der jüdischen Weltverschwörung
3.2.1 Entstehung und Verbreitung der Ideologie einer jüdischen Weltverschwörung
3.2.2 Die Protokolle der Weisen von Zion bis
3.2.3 Die Ideologie der jüdischen Weltverschwörung in der Nachkriegszeit
3.2.4 Aktualität heute

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Antisemitismus ist als ein komplexes Phänomen zu verstehen, welches sich seit über 2000 Jahre durch die menschliche Geschichte zieht. So versteht man kurz gesagt unter dem Begriff die Feindschaft gegenüber Juden oder Israel aufgrund der Zugehörigkeit zum Judentum. Hierbei werden einzelne Personen einem homogenen Kollektiv untergeordnet, welchem verschiedene negative Stereotypen zugeschrieben werden, die sich zeitlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen. Diese Vorurteile gegenüber den Juden an sich stellen dann die Legitimation für Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt dar (vgl. Bergmann 2006: 2).

Der Wandel des Antisemitismus im Zeitverlauf ist fließend und untereinander schwer abgrenzbar. Nur der unbeschreibliche Tiefpunkt des Hasses gegenüber Juden während des Nationalsozialismus stellt einen deutlichen Einschnitt in der Definition dar. So umfasst der primäre oder alte Antisemitismus „fünf verschiedene und doch zueinander in Verbindung stehende Ideologieformen“ (Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat 2018: 25). Der religiöse Antisemitismus verkörpert die älteste Erscheinungsform und bedient sich im Wesentlichen dem Narrativ, dass es sich bei den Juden als Gottesmörder handelt und ihre Religion mit unmenschlichen Ritualen zusammenhängt (vgl. ebd.). Die Abwertung der Juden aufgrund der im Mittelalter stattgefundenen beruflichen und sozialen Ausgrenzung ist die zweite Form. Der sogenannte Soziale Antisemitismus umfasst demnach damit, dass Juden als gierige Wucherer dargestellt werden, da sie durch die sozialen Gegebenheiten im Mittelalter in den Bereich des Geldverleihs gedrängt wurden (vgl. ebd.). Eng hiermit verbunden ist der politische Antisemitismus, der den Juden aufgrund ihres Reichtums vorwirft, insgeheim die Strippen der Politik zu ziehen. Hierauf basieren auch diverse Verschwörungstheorien, die die Juden als geheime Weltverschwörer darstellen (vgl. ebd.). Eine weitere Ausprägung des Antisemitismus, die mit der Entstehung der Nationalstaaten erschien, kann als nationalistischer Antisemitismus bezeichnet werden. Bei dieser kommt es zu Anfeindungen gegenüber jüdischen Menschen, da sie als ethnische Gemeinschaft angesehen werden, die sich von den anderen Nationen unterscheidet und so als Fremde oder auch Feinde im Staat gelten (vgl. ebd.: 26). Ähnlich dazu, aber durch pseudobiologische Argumente begründet, ist der rassistische Antisemitismus, der Ende des 19. Jahrhunderts entstand und den Juden als Rasse von Geburt an genetische, negative und schädliche Eigenschaften zuschreibt (vgl. ebd.).

Neben dieser primären Form des Antisemitismus gibt es ebenfalls einen sekundären Antisemitismus, „der erst nach der Schoah und nicht trotz, sondern wegen ihr entstand [...]. Der offene [primäre] Antisemitismus war durch den Massenmord in Verruf geraten und tabuisiert, doch das Ressentiment wendete sich nun gegen die Schuldgefühle, relativierte die Verbrechen oder setzte gern Opfer und Täter gleich“ (Rabinovici/ Sznaider 2019: 10). Dieser sekundäre Antisemitismus beschäftigt sich also mit der Verleugnung oder Täter-Opfer-Umkehr der antisemitischen Taten und Gedanken während des Nationalsozialismus. Ebenfalls wird der ,neue‘ Antisemitismus häufig durch eine Israelkritik verschleiert oder spricht dem Staat das Existenzrecht ab (vgl. Schwarz-Friesel/ Friesel/ Reinharz 2010: 3 f.). Als Unterschied zum primären Antisemitismus kann zumindest im Westen der Nachkriegszeit ausgemacht werden, dass der Antisemitismus nicht mehr durch die politische Elite getragen oder institutionalisiert wird, sondern ein Phänomen der Gesellschaft darstellt. Zwar sind gewalttätige Formen des Antisemitismus weiterhin nur in radikalen Randgruppen zu verorten, jedoch bereitet der durch die Mitte getragene Antisemitismus, der „antijüdische Stereotype und israelfeindliche Dämonisierungen verbreite[t]“ (ebd.: 4), den Weg des Radikalen in die breite Öffentlichkeit. Das Antisemitismus ein nicht mehr bestreitbares Problemfeld in der Politik und der Gesellschaft darstellt, zeigen die über 1000 antisemitische Straftaten in Deutschland und die traurigen Höhepunkte in Form der antijüdischen Attentate in Halle oder Pittsburgh.

Eine tragende Rolle bei der Verbreitung des Antisemitismus und der Verstärkung antijüdischer Vorurteile spielen antisemitische Verschwörungstheorien. Dies wird auch dadurch verdeutlicht, dass Menschen, die eine Verschwörungsmentalität besitzen, also empfänglich für Verschwörungstheorien sind, zum Antisemitismus neigen (vgl. Appel/ Mehretab 2019: 122). Deswegen soll diese Arbeit der Frage nachgehen, was die Hintergründe antisemitischer Verschwörungstheorien sind und wie sich diese entwickelt haben, beziehungsweise warum sie noch heute Relevanz besitzen. Aufgrund der Vielzahl von verschiedenen antijüdischen Mythen und Theorien liegt der Fokus dieser Arbeit auf der Theorie der jüdischen Weltverschwörung in. Der Schwerpunkt liegt auf diesem Verschwörungsmythos, da er vor allem in der Sonderform der Protokolle der Weisen von Zion (Protokolle) alle anderen Verschwörungsideologien umklammert und deswegen den größten Impakt besaß und noch immer weit verbreitet ist. Um diese Fragen beantworten zu können, ist es zunächst notwendig das für diese Arbeit zentrale Konzept der Verschwörungstheorien genauer zu definieren. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass man die Verbindung dieses Konzepts mit dem Antisemitismus nachvollziehen kann. So wird anschließend die Entstehung und Entwicklung der jüdischen Weltverschwörungstheorie in ihren verschiedenen Phasen beschrieben und ebenfalls auf die jeweiligen Wirkungen eingegangen. Daraufhin wird in einem weiteren Punkt auf die Aktualität der antisemitischen Verschwörungstheorien eingegangen, bevor abschließend ein Fazit gezogen wird.

2. Verschwörungsideologie statt Verschwörungstheorie

Im Folgenden wird das Konzept das sich hinter den scheinbar synonymen Begriffen wie Verschwörungstheorie, Verschwörungsideologie, Verschwörungspropaganda oder Verschwörungsmythos verbirgt genauer definiert. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass die Entstehung und Entwicklung antisemitischer Verschwörungstheorien nachvollzogen werden kann. Hierfür wird der Begriff zuerst von anderen abgegrenzt und in drei Kategorien unterteilt. Anschließend wird auf die Merkmale eingegangen.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Begriff der Verschwörungstheorie als solcher schon irreführend und falsch ist, da es sich dabei nicht um das Ergebnis eines wissenschaftlichen Prozesses handelt. Aufgrund der fehlenden oder mangelhaften Methode, sowie der Voreingenommenheit bei der Beantwortung der Fragestellung müssen hier eher die Begriffe Verschwörungsmythen, Verschwörungspropaganda oder Verschwörungsideologie zur angemessenen Beschreibung gewählt werden (vgl. Götz-Votteler/ Hespers 2019: 36 f.). Auch die Unmöglichkeit der Falsifizierbarkeit, beziehungsweise das Ablehnen von Fakten stehen im Gegensatz zum wissenschaftlichen Begriff der Theorie, ebenso wie die nicht vorhandenen Belege und Fakten der eigenen These. Somit kann der Begriff Verschwörungstheorie, das Konzept nicht beschreiben (vgl. ebd.).

Verschwörungsmythen sind jedoch kein neues oder modernes Phänomen. Sie entstehen vielmehr als Folge von umfassenden politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Veränderungen oder bedeutsamen Ereignissen. Nach Katrin Götz-Votteler und Simone Hespers (2019: 31 ff.) kann man Verschwörungsideologien in drei Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe umfasst jene Verschwörungsideologien, die geschichtliche Ereignisse leugnen und angeblich existierende Beweise dafür als Fälschungen ansehen. Als Beispiel hierfür kann die Mondlandungsverschwörung genannt werden. So zweifeln manche Menschen die Echtheit der Mondlandung im Jahre 1969 an. Stattdessen seien die Videoaufnahmen in einem Filmstudio entstanden, um im ideologischen Kampf mit der Sowjetunion einen Vorteil zu erreichen (vgl. ebd.). Die zweite Kategorie umfasst Verschwörungsmythen, bei denen die Realität der Ereignisse zwar nicht verleugnet werden, jedoch die in der Politik, den Medien, beziehungsweise der Gesellschaft gültigen Erklärungen für bewusste Täuschungen gehalten werden. Das bekannteste Beispiel für die zweite Gruppe stellt wahrscheinlich die Verschwörung rund um den Terroranschlag am elften September auf die Zwillingstürme in den USA dar. So wird das offizielle Statement der Regierung, dass es sich um einen Terroranschlag von al-Quaida handelte, nicht geglaubt. Charakteristisch für diese Kategorie werden eine Vielzahl von vagen alternativen Gründen angeboten, wonach die Regierung selbst hinter den Anschlägen stecken soll oder auch der israelische Geheimdienst dafür verantwortlich sein könnte (vgl. ebd.). Unter die letzte Gruppe der Verschwörungsideologien fallen solche, die sich nicht auf einzelne Begebenheiten beziehen, sondern eine die gesamte Welt umfassende Verschwörung vermutet wird. Meist werden dabei verschiedene ,Theorien‘ miteinander verknüpft, um eine vermeintliche Erklärung für das gesamte Weltgeschehen zu erhalten. Darunter fällt auch die jüdische Weltverschwörung, welche im Punkt 3.2 näher beschrieben wird (vgl. ebd.).

Nachdem der Begriff richtig abgegrenzt wurde und in verschiedenen Kategorien unterteilt wurde, kann nun auf die Entstehungsgründe und Merkmale der Verschwörungsideologie eingegangen werden. Verschwörungspropaganda ist zwar kein modernes Phänomen, jedoch wurde die Massentauglichkeit solcher Geschichten maßgeblich vom technischen Fortschritt beeinflusst. So sorgte der Buchdruck im 15. Jahrhundert und das „Zeitungswesen seit dem frühen 17. Jahrhundert sowie die Erfindung von effizienten Zeitungsdruckmaschinen zu Beginn des 19. Jahrhunderts“ (ebd.: 39) für eine breite Verbreitung in der Gesellschaft. Wobei die Aufklärung als „Geburtsstunde der modernen Verschwörungstheorie“ (Gugenberger/ Petri/ Schweidlenka 1998: 43), wie wir sie heute kennen, bezeichnet werden kann. Bei der Entstehung von Verschwörungsideologien spielen die wahrgenommene Angst vor einem Kontrollverlust, Unsicherheit der eigenen Zukunft und fehlendes Vertrauen in führende Instanzen eine tragende Rolle, die das Resultat eines Wandels in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sind. Deswegen können Verschwörungsmythen auch als Indikatoren für Krisen und starke Veränderungen oder Wendepunkte in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Technologie herangezogen werden (vgl. ebd.: 47 ff.).

Obwohl es sich bei Verschwörungsideologien um ein heterogenes Konzept handelt, das ein breites Spektrum abdeckt, können mehrere zentrale Eigenschaften festgestellt werden. Zum einen werden komplexe Ereignisse oder Strukturen auf das Wirken einer kleinen Elitengruppe zurückgeführt, die im Verborgenen die Fäden der Macht in den Händen halten. Dadurch steuert diese Gruppe die Machenschaften in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und, /oder den Medien, wobei ihre Ziele im Gegensatz zu denen der Bevölkerung stehen. Die von der Bevölkerung oder von offizieller Seite vertretene Erklärung wird als Ablehnung der ,Wirklichkeit‘ oder schlichtweg als Lüge abgetan (vgl. Appel/ Mehretab 2019: 119 f.). Durch den Glauben an eine geheime Verschwörer-Elite werden scheinbar komplexe Vorgänge durch ein dichotomisiertes Weltbild versimpelt, was Antworten auf komplizierte Fragen ermöglicht und so die Unsicherheit der Anhänger nimmt und ein Gefühl der Überlegenheit erzeugt, da man ja selbst die Welt verstanden habe (vgl. ebd.). Zusätzlich liefert dieses Vorgehen gleichzeitig einen Schuldigen, beziehungsweise einen Sündenbock. Verschwörungsideologien können also als „Bewältigungsstrategien interpretiert [werden], die das Individuum via reduktionistischer Weltdeutung psychisch entlasten sollen“ (Anton/ Schetsche/ Walter 2014: 11). Zum anderen werden Ereignisse fälschlicherweise miteinander in Verbindung gebracht, da der Zufall als Bestandteil des Weltgeschehens nicht akzeptiert wird. An die Stelle des Zufalls rückt dann wiederum die heimliche Elite, was demnach eine monokausale Erklärung ermöglicht. Durch diese Elemente werden also Unsicherheiten oder Ängste reduziert und Schuldige ausgemacht, bei denen es sich oft um Minderheiten wie Juden handelt. So dienen Verschwörungsideologien auch oft als Grundlage für Repressionen aller Art gegen die scheinbar schuldige Minderheit (vgl. Butter 2014: 265 f.).

Jedoch ist es schwierig, neben diesen zentralen Merkmalen, den Begriff exakt zu definieren. Dies ist die Folge des bereits erwähnten, breiten Spektrums, das bei Verschwörungsmythen erkennbar ist, welches von links nach rechts reicht oder vom Liberalismus zum Sozialismus. Jene Unklarheit kann mit dem Konzept der thin-centered ideology von Michael Freeden aufgelöst werden. Es handelt sich also um eine dünne Ideologie, die sich an vollumfassende Ideologien, wie zum Beispiel dem Nationalsozialismus, anheftet und somit flexibel ist und von allen host ideology anders umgesetzt werden kann. Es ist also wandelbar je nachdem, welche Bewegung oder Minderheit als menschenfeindliche Verschwörer-Elite festgelegt wird. Ebenfalls können weitere Merkmale wie Antisemitismus, Rassismus und so weiter zusätzlich hinzugefügt werden (vgl. Priester 2012: 11). Das Konzept der dünnen Verschwörungsideologie kann dadurch verdeutlicht werden, dass beispielsweise die Dolchstoßlüge, die die ,wahre‘ Erklärung für die deutsche Niederlage im ersten Weltkrieg lieferte, je nach politischen Zweck unterschiedliche Gruppierungen in der Rolle der Verschwörer schob (vgl. Appel/ Mehretab 2019: 121). Somit kann festgestellt werden, dass Verschwörungsideologie der treffendste Begriff für dieses Konzept ist, bei dem „es sich also vor allem um ein politisch-ideologisches Kampfinstrument, welches sowohl in gutem Glauben als auch manipulativ eingesetzt worden ist“ (Bieberstein 2008: 11).

3. Antisemitische Verschwörungsideologien

Nachdem das Konzept der Verschwörungsideologie ausführlich beschrieben wurde, soll nun auf die Verknüpfung mit dem Begriff des Antisemitismus eingegangen werden. Wie bereits beschrieben, kann das Phänomen des Antisemitismus der dünnen Verschwörungsideologie problemlos hinzugefügt werden, was auch häufig der Fall ist. Deswegen soll hierfür geklärt werden, weshalb Juden oft das Feindbild in Verschwörungsideologien darstellen, beziehungsweise soll auf die zeitliche Entwicklung antijüdischer Verschwörungsmythen eingegangen werden. Daraufhin wird sich der Fiktion gewidmet, dass es eine jüdische Weltverschwörung gibt, da dieser Verschwörungsmythos vor allem in der Sonderform der Protokolle die einfluss- und folgenreichste antisemitische Verschwörungsideologie darstellt, die auch heute noch verbreitet ist.

3.1 Die besondere Rolle der Juden in Verschwörungsideologien und deren Entwicklung

Im Folgenden soll geklärt werden, weshalb sich Juden als Antagonisten in einer Vielzahl von Verschwörungen wiederfinden. Die verschiedenen Formen des Antisemitismus sind eng mit diesn Gründen verbunden. Verschwörungsideologien ziehen häufig die bekannten Stereotypen oder Feindbilder heran und verwenden diese in den drei Formen der Verschwörungsmythen. So reicht die Spannweite der antijüdischen Verschwörungsideologien von simplen Legenden und Mythen, hin zu allumfassenden Welterklärungskonzepten. Die Gründe, weswegen die Juden oft als Schuldige betitelt werden, sind weitreichend, hängen jedoch mehr oder weniger voneinander ab, beziehungsweise begünstigen sich gegenseitig.

Wie bereits erwähnt, kam es als Folge des religiösen Antisemitismus zur Exklusion von Juden im christlichen Europa. Die Ausgrenzung drängte sie auch in Berufe, die für Christen im Mittelalter verboten waren, wie zum Beispiel den des Pfandleihers. Dies hatte wiederum zur Folge, dass es zum sozialen und politischen Antisemitismus kam, da der Geldverleih ein jüdisches Monopol war (vgl. Benz 2001: 14). Durch das berufliche Monopol und dem Umstand, dass Juden mithilfe hoher Abgaben an den Adel Schutz, beziehungsweise Duldungen erkauften, entstand beim Volk die Wahrnehmung, dass Juden mit Geld in Verbindung stehen würden. Diese Schutzgelder konnten sich auch nur wohlhabendere, jüdische Familien leisten, was die Wahrnehmung des reichen Juden nochmals verstärkte (vgl. ebd.: 14 f.). Mit der Erlaubnis des christlichen Zinshandels im 13. Jahrhundert wurden Juden schließlich zu Konkurrenten im damaligen Finanzsystem, was die Ausgrenzung weiter vorantrieb. Ebenfalls wirkte sich der Umstand, dass einige wenige sehr reiche, jüdische Familien als Finanziers des Adels tätig waren, in der Bevölkerung so aus, dass man den jüdischen Mitbürgern eine Machtgier nachsagte (vgl. ebd.). Durch die angenommene Verbindung der Juden mit Macht und Geld wurden ihnen verschiedene negative Eigenschaften zugeschrieben, welche sich auch im Laufe der Zeit nicht lösten. Juden galten dadurch ab dem Mittelalter unter anderem als gierig, geizig, arglistig oder unehrlich. Zusammen mit den kulturellen, beziehungsweise religiösen Differenzen sind Juden prädestiniert dafür, als Feindbild der Bevölkerung herangezogen zu werden. Als Minderheit, die im Volk mit Geld, Macht und einer Vielzahl von negativen Eigenschaften in Verbindung standen, stellten die Juden die optimale Gruppe dar, um die verschwörerische Elite zu verkörpern (vgl. Gugenberger/ Petri/ Schweidlenka 1998: 40 ff.). Diese Umstände bildeten häufig die Grundlage für Vertreibungen der jüdischen Bewohner über die Zeit hinweg, was zur Folge hatte, dass Juden immer als die Fremden wahrgenommen wurden. So entwickelte sich eine Spirale der antijüdischen Verschwörungen, die sich fast über zwei Jahrtausende durchzieht und so jüdische Stereotypen in der Gesellschaft manifestierte, welche immer wieder leicht aufgegriffen, abgewandelt und missbraucht werden können. So stellen die Juden für jede gesellschaftliche Gruppe oder Ideologie ein permanent verwendbares Feindbild dar (vgl. ebd.).

Der Verlauf der antisemitischen Verschwörungsideologien im zeitlichen Verlauf soll nun erklärt werden, da dies die Voraussetzung dafür ist, die Verschwörungsideologie der jüdischen Weltverschwörung nachvollziehen zu können.

Antijüdische Verschwörungsideologien sind so alt wie das Christentum selbst und wurden zunächst von religiösem Antisemitismus gespeist. Der erste Verschwörungsmythos über Juden wird bereits in den Evangelien im neuen Testament der Bibel verbreitet und dreht sich darum, dass die Juden sich gegen Jesus verschworen haben und im Pakt mit dem Teufel stehen, um Christus zu ermorden. Es handelt sich um eine vergleichsweise leichte Form der Verschwörungsideologie, jedoch verkörpert sie den Beginn der Spirale (vgl. Wippermann 2007: 20 f). Diese Geschichte, die zwar eigentlich nur von den Pharisäern spricht, einer Untergruppe des antiken Judentums, wurde über die Jahrhunderte verbreitet und gelehrt. Sie verfolgte den Zweck, das Judentum abzuwerten, um eine Missionierung zum Christentum umzusetzen (vgl. ebd.). Dieses verbreitete Bild setzte sich jedoch in den Köpfen der Menschen fest und verbreitete sich, was dazu beitrug, dass Juden auch bei weiteren Ereignissen als Feindbild herangezogen wurden. Dies zeigte sich unter anderem in einer weiteren Verschwörungsideologie, die während des 12. Jahrhunderts in England auftrat und sich von dort über Europa verbreitete. Dabei wurden die Juden beschuldigt, bei Ritualmorden christliche Kinder zu töten, da sie ihr Blut benötigen, womit tragische Unfälle erklärt wurden, da es scheinbar einen Schuldigen gab (vgl. ebd.: 22 f). Der Wunsch nach einem Schuldigen zog sich durch eine Vielzahl von Ereignissen und so wurden häufig Juden in diese Position gesetzt. Gleiches gilt auch für die Ereignisse der Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa. Hier verbreitete sich die Verschwörungsideologie, dass Juden die Brunnen vergifteten, um so die christliche Bevölkerung durch den schwarzen Tod auszulöschen (vgl. Appel/ Mehretab 2019: 117). Diese verschiedenen Beispiele zeigen, dass es sich bei den antijüdischen Verschwörungsideologien der Antike und des Mittelalters um simple, religiös konnotierte Mythen handelt, die dem Mechanismus eines Sündenbocks dienen „für alle möglichen Katastrophen, wie Mißernten, Brände, Krankheiten und Kriege. Für alle Übel wurden die Juden verantwortlich gemacht“ (Gugenberger/ Petri/ Schweidlenka 1998: 41). So verliefen ihre Verbreitung und damalige Aktualität in Wellen und auch regional unterschiedlich, abhängig von der Notwendigkeit eines Feindbildes, welches durch Unsicherheit oder Angst durch Ereignisse nötig war (vgl. Appel/ Mehretab 2019: 120 f.). Während sich die Verschwörungsmythen in dieser Zeit eher auf konkrete Ereignisse bezogen, änderte sich das im Zuge der Aufklärung, des Humanismus, des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts sowie der französischen Revolution in der Neuzeit. Hier entwickelte sich eine komplexere sowie schnellere Welt, welche durch großen Wandel und Auflösen bekannter Muster und Machtverhältnisse gekennzeichnet war. Dies verursachte nicht nur das Bedürfnis nach neuen, beziehungsweise einfachen Erklärungen, die auch die in Verschwörungsideologie versteckten Ablehnung der damaligen Veränderungen verbreiteten (vgl. von Bieberstein 2008: 194 f.). Deswegen entstanden während des 17. und 18. Jahrhunderts neue, umfangreichere Verschwörungsideologien, wie die jüdische Weltverschwörungsideologie, aber auch alte Mythen wurden neu aufgegriffen und an die modernen Geschehnisse angepasst. Dies sieht man auch an der Entwicklung der Ritualmordideologie, die in dreierlei Hinsicht modernisiert und säkularisiert wurde. Sie begründen ihren Antisemitismus hauptsächlich aus den politischen, nationalistischen und rassistischen Bereichen. Der Ritualmordmythos wurde dahingehend abgewandelt, dass Blut eine Metapher für Geld ist, also Juden alles für Geld tun. Des Weiteren wurde das angebliche jüdische Verlangen nach christlichem Blut mit den verschiedenen Rassen erklärt (vgl. Wippermann 2007: 31). Ab dem 19. Jahrhundert wurden auch „politische Attentate [...] von den Verschwörungstheoretikern gerne als rituelle Opfermorde der jüdischen Verschwörer dargestellt. Durch sie sollte der jüdische Gott Jahwe besänftigt werden, um der Weltherrschaft wieder ein Stückchen näher zu kommen“ (Gugenberger/ Petri/ Schweidlenka 1998: 40 f). Hier kann man bereits die Verbindung mit der jüdischen Weltverschwörung erkennen. Diese Verschwörungsideologie, welche im nächsten Punkt ausführlicher behandelt wird, weist eine Vielfalt an Elementen und Formen auf, wie die Sonderform der Protokolle. Ebenfalls kam mit der These der jüdischen Hochfinanz, also einer durch die Juden kontrollierte Plutokratie, eine antikapitalistische Komponente bei den Nationalsozialisten hinzu (vgl. Benz 2001: 25). „Während die christlichen und rassistischen ^beziehungsweise primären] Formen des Antisemitismus nach dem Holocaust in den Hintergrund gedrängt wurde, hat der politische und wirtschaftliche Antisemitismus in Gestalt von Verschwörungstheorien überlebt und nimmt in der Gegenwart die unglaublichsten Formen an (Gugenberger/ Petri/ Schweidlenka 1998: 42).

So tragen antijüdische Verschwörungsideologien, allen voran die jüdische Weltverschwörung, den primären Antisemitismus in die heutige Zeit und stellen auch häufig die Grundlage für den sekundären Antisemitismus. Antisemitismus und Verschwörungsideologien hängen also schon immer eng miteinander zusammen. Auch heute noch werden hinter besonderen Ereignissen oder Krisen jüdische Verschwörer vermutet, was das Produkt einer über zwei Jahrtausenden stattfindenden Entwicklung ist, bei der die Ideologie der jüdischen Weltverschwörung eine zentrale Rolle einnimmt, welche im Folgenden näher beschrieben wird.

3.2 Die Ideologie der jüdischen Weltverschwörung

Nachdem die besondere Rolle der Juden in Verschwörungsmythen und die zeitliche Entwicklung beschrieben wurde, soll nun genauer auf die Ideologie der jüdischen Weltverschwörung eingegangen werden. Dieser Verschwörungsmythos nimmt in zweierlei Hinsicht eine besondere Rolle ein. Zum einen vereint er, wie bereits erwähnt, alle gängigen antisemitischen Verschwörungsmythen unter einem Dach, da bereits existierende, beziehungsweise neue Ideologien dem Narrativ angeheftet werden können, dass es dem übergeordneten Ziel der Juden dienen soll, mehr Macht anzuhäufen. Zum anderen stellt er, auch wegen der ersten Eigenschaft, die bekannteste und einflussreichste Verschwörungsideologie dar. Vor allem die Sonderform der Protokolle hatte großen Impakt während des Nationalsozialismus. Ebenfalls besitzt sie auch heute noch Relevanz durch ihre weltweite Verbreitung (vgl. Benz 2001: 21 f). Aus diesen Gründen soll im Folgenden zunächst auf die Entstehung, Verbreitung und den Zweck dieser Ideologie eingegangen werden. Anschließend soll die die besondere Stellung der Sonderform der Protokolle behandelt werden und die Rolle antisemitischer Verschwörungsmythen in der Nachkriegszeit beschrieben werden. Daraufhin soll noch das Problem der Aktualität dieses Mythos aufgezeigt werden.

3.2.1 Entstehung und Verbreitung der Ideologie einer jüdischen Weltverschwörung

Die Idee eines verschwörerischen Geheimbundes entstand zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Diese Zeit war geprägt von weitreichendem gesellschaftlichen und politischen Wandel durch den technischen Fortschritt, die Französische Revolution und durch die Aufklärung verbreiteten liberalen Gedanken in der Bevölkerung (vgl. Horn 2012: 2 f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Hintergründe, Entwicklung und Aktualität antisemitischer Verschwörungsideologien
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Antisemitismus - Ursachen, Erscheinungsformen und politische Antworten
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V1000224
ISBN (eBook)
9783346379450
ISBN (Buch)
9783346379467
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus, Vorurteile, Juden, Extremismus, Verschwürungstheorien, Verschwörungsideologien, Stereotype, Geschichte des Antisemitismus, die Protokolle der Weisen von Zion
Arbeit zitieren
Michael Meier (Autor:in), 2020, Hintergründe, Entwicklung und Aktualität antisemitischer Verschwörungsideologien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1000224

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