Die forschungsleitende Hypothese der Arbeit lautet: Durch die Einführung, Verbreitung und Nutzung von Online-Medien im gesellschaftlichen sowie im politischen Bereich entwickelt sich die politische Öffentlichkeit der deutschen Gesellschaft in beschleunigtem Maße von einer „Synthese-Öffentlichkeit“ zu einer „Wettbewerbs-Öffentlichkeit“. Der strukturelle Wandel politischer Öffentlichkeit zeigt sich in gesellschaftlichen und demokratietheoretischen Folgeproblemen.
Politischer Öffentlichkeit gelingt es immer weniger, die systemtheoretische Funktion eines politischen Sinn- und Orientierungsrahmens zu erbringen. Die explosionsartige Vervielfältigung und die globale Verfügbarkeit politischer Informations- und Kommunikationsangebote durch Online-Medien und die daraus erwachsende Selektionsnotwendigkeit verschärfen die Frage nach der Entstehung politischer Wirklichkeit. Die gesellschaftliche Integration in eine gemeinsam geteilte politische Wirklichkeit kann von der politischen Öffentlichkeit kaum noch erbracht werden. Hierdurch verstärkt sich die Problematik der gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsfindung. Politische „Wirklichkeiten“ in Form von Meinungen und Einstellungen treffen ungebremst aufeinander und stoßen in zunehmendem Maße auf gegenseitiges Unverständnis.
Ohne die entsprechenden Verfahren und Regeln einer auf einem Wettbewerb beruhenden, diskursiven Auseinandersetzung institutionalisiert zu haben, kommt es hier zu einer Fundamentalisierung von Konflikten, indem die Zulassung unterschiedlicher Meinungen die Negation der eigenen politischen Wirklichkeit bedeutet. Die nachlassende Integrationskraft politischer Öffentlichkeit ist durch eine zunehmende Verschärfung von politischen Konflikten gekennzeichnet. Nur durch die Zulassung divergierender Meinungen in einem freien Wettbewerb kann einer Fundamentalisierung von Konflikten entgegengewirkt werden. Entsprechende Verfahren, Regeln und Institutionen der Konfliktbewältigung müssen daher auf allen gesellschaftlichen Ebenen geschaffen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG UND FRAGESTELLUNG
1.1 EINFÜHRUNG IN THEMA UND FORSCHUNGSSTAND
1.2 HYPOTHESE UND VORGEHENSWEISE DER ARBEIT
2. POLITISCHE ÖFFENTLICHKEIT: EIN ÜBERBLICK
2.1 ÖFFENTLICHKEIT IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT
2.1.1 Öffentlichkeitsebenen
2.1.2 Öffentlichkeit als funktionales Teilsystem
2.1.3 Akteure massenmedialer Öffentlichkeit
2.1.4 Die Entstehung massenmedialer Öffentlichkeit
2.2 POLITISCHE ÖFFENTLICHKEIT: ZWISCHEN VOLK UND STAAT
2.2.1 Öffentlichkeit als intermediäres System
2.2.2 Das politische System als funktionales Teilsystem
2.2.3 Politische Öffentlichkeit - Öffentlichkeit des Politischen
2.2.4 Öffentliche Meinung und politische Wirklichkeit
3. ZWEI DISKURSMODELLE POLITISCHER ÖFFENTLICHKEIT
3.1 RATIONALE DISKURSE
3.1.1 Die Perspektive der Kritischen Theorie
3.1.2 Die Perspektive des Kritischen Rationalismus
3.2 SOZIALKULTURELLE MECHANISMEN DISKURSIVER KONSENSFINDUNG
3.2.1 Konsens durch Synthese
3.2.2 Konsens durch Wettbewerb
3.3 MODELLE DELIBERATIVER UND LIBERALER ÖFFENTLICHKEIT
3.3.1 Deliberative Öffentlichkeit
3.3.2 Liberale Öffentlichkeit
3.4 DAS SYNTHESE- UND DAS WETTBEWERBSMODELL POLITISCHER ÖFFENTLICHKEIT
3.4.1 Politische Öffentlichkeit als Synthese
3.4.2 Politische Öffentlichkeit als Wettbewerb
4. ZWISCHENBETRACHTUNG
4.1 ZUSAMMENFASSUNG DER THEORETISCHEN ÜBERLEGUNGEN
4.2 KONKRETISIERUNG DER HYPOTHESE
5. ONLINE-MEDIEN UND KOMMUNIKATION
5.1 GRUNDLAGEN UND ÜBERBLICK
5.1.1 Begriffsbestimmung und historische Entwicklung
5.1.2 Dienste im Internet
5.2 KOMMUNIKATION IM INTERNET
5.2.1 Kommunikationsleistungen von ICMC
5.2.2 Das Internet als Hybridmedium
6. POLITISCHE ÖFFENTLICHKEIT:
6.1 DIE PROZEßSTUFE DES INPUT POLITISCHER ÖFFENTLICHKEIT
6.1.1 Informationssammlung: Zugänglichkeit und Selektivität
6.1.2 Kommunikativer Input des politischen Systems
6.1.3 Kommunikativer Input gesellschaftlicher Teilsysteme
6.1.4 Zusammenfassung: Expansion des kommunikativen Input
6.2 DIE PROZEßSTUFE DES THROUGHPUT POLITISCHER ÖFFENTLICHKEIT
6.2.1 Informationsverarbeitung und Meinungsbildung
6.2.2 Verminderung der Synthetisierungsleistung
6.2.3 Steigerung der Synthetisierungsleistung
6.2.4 Zusammenfassung: Dynamisierung der öffentlichen Meinungsbildung
6.3 DIE PROZEßSTUFE DES OUTPUT POLITISCHER ÖFFENTLICHKEIT
6.3.1 Anwendung von Information und Entscheidung
6.3.2 Entscheidung durch Synthese
6.3.3 Entscheidung durch Wettbewerb
6.3.4 Zusammenfassung: Fragmentierung politischer Entscheidungsfindung
7. SCHLUßBETRACHTUNG
7.1 ZUSAMMENFASSUNG UND VALIDIERUNG DER HYPOTHESE:
7.2 GESELLSCHAFTLICHE UND DEMOKRATIETHEORETISCHE FOLGEPROBLEME
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, den durch Online-Medien ausgelösten Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit in Deutschland zu untersuchen. Die zentrale Forschungsfrage lautet, inwiefern sich die politische Öffentlichkeit durch die Nutzung neuer Kommunikationsmedien von einer konsensorientierten „Synthese-Öffentlichkeit“ hin zu einer wettbewerbsorientierten „Wettbewerbs-Öffentlichkeit“ transformiert und welche demokratietheoretischen Auswirkungen dieser Wandel mit sich bringt.
- Strukturwandel politischer Öffentlichkeit durch Online-Medien
- Theoretische Diskursmodelle (Kritische Theorie vs. Kritischer Rationalismus)
- Konsensfindungsmechanismen (Synthese vs. Wettbewerb)
- Analyse des Input-Throughput-Output-Prozesses politischer Kommunikation
- Demokratietheoretische Implikationen der Online-Kommunikation
Auszug aus dem Buch
6.1.1 Informationssammlung: Zugänglichkeit und Selektivität
Durch das Internet, und speziell durch das World Wide Web (WWW), ist in den vergangenen Jahren ein enormer Informationszuwachs zu verzeichnen, der im wesentlichen auf einer Veränderung der Zugänglichkeit zu Informations- und Kommunikationsangeboten basiert. Politische Informations- und Kommunikationsangebote steigen in atemberaubendem Maße. Über die Qualität und Nützlichkeit dieser Informationen soll hier zunächst nichts ausgesagt werden.
Der exponentielle Informationszuwachs drückt sich sowohl im globalen Wachstum des Internet sowie im Wachstum des Internet in Deutschland, als auch im Wachstum des WWW aus (vgl. Renderland 1998)61. So war das absolute Wachstum des Internet von Juli 1997 bis Juli1998 mit 10,7 Millionen Hostrechnern niemals höher als zuvor. Im Juli 1998 waren somit weltweit 36.739.000 Hostrechner miteinander verbunden. Die Anzahl der Hostrechner in Deutschland beträgt dabei 1.308.706. Auch in Deutschland ist ein exponentielles Wachstum des Internet zu verzeichnen. So hat sich die Anzahl der Hostrechner in Deutschland seit Juli 1994 nahezu verzehnfacht. Das WWW, als nutzerfreundliche und beliebteste Art der Internetnutzung, ist gleichzeitig durch ein Wachstum gekennzeichnet, das die Wachstumsrate des Internet um ein Vielfaches übersteigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG UND FRAGESTELLUNG: Einführung in die Problematik des Strukturwandels politischer Öffentlichkeit unter dem Einfluss des Internets und Definition der Forschungshypothese.
2. POLITISCHE ÖFFENTLICHKEIT: EIN ÜBERBLICK: Theoretische Grundlegung von Öffentlichkeit als funktionales Teilsystem und die Rolle politischer Akteure in diesem System.
3. ZWEI DISKURSMODELLE POLITISCHER ÖFFENTLICHKEIT: Entwicklung zweier Modelle basierend auf der Kritischen Theorie und dem Kritischen Rationalismus, die als Basis für das Verständnis von Konsensbildung dienen.
4. ZWISCHENBETRACHTUNG: Synthese der theoretischen Überlegungen zur Vorbereitung auf die empirische Analyse der Auswirkungen von Online-Medien.
5. ONLINE-MEDIEN UND KOMMUNIKATION: Definition und historische Einordnung des Internets sowie Analyse der spezifischen Kommunikationsleistungen von Online-Medien.
6. POLITISCHE ÖFFENTLICHKEIT: STURKTURWANDEL DURCH ONLINE-MEDIEN: Kernkapitel mit der empirischen Analyse, wie Online-Medien die Prozeßstufen (Input, Throughput, Output) politischer Öffentlichkeit verändern.
7. SCHLUßBETRACHTUNG: Zusammenfassung der Ergebnisse und Validierung der Hypothese hinsichtlich des Wandels zur Wettbewerbs-Öffentlichkeit.
Schlüsselwörter
Politische Öffentlichkeit, Online-Medien, Internet, Strukturwandel, Synthesemodell, Wettbewerbsmodell, Deliberative Öffentlichkeit, Liberale Öffentlichkeit, Diskurs, Meinungsbildung, Massenkommunikation, Interaktivität, Systemtheorie, Konsensfindung, Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den strukturellen Wandel der politischen Öffentlichkeit in der deutschen Gesellschaft, der durch die Verbreitung und Nutzung von Online-Medien und dem Internet verursacht wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte der deliberativen und liberalen Öffentlichkeit, der Wandel von Synthese- zu Wettbewerbsmodellen der Konsensfindung sowie die veränderte Rolle von politischen und gesellschaftlichen Akteuren im Netz.
Was ist die zentrale Hypothese?
Die Hypothese besagt, dass sich die deutsche politische Öffentlichkeit durch Online-Medien beschleunigt von einem Synthese-Modell (Konsens durch Einigung) hin zu einem Wettbewerbs-Modell (Konsens durch Konkurrenz) entwickelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse unter Einbeziehung systemtheoretischer und konstruktivistischer Ansätze sowie diskurstheoretischer Grundlagen (u.a. von Habermas und Popper).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die drei Prozeßstufen der politischen Öffentlichkeit (Input, Throughput, Output) und zeigt auf, wie Online-Medien die Selektivität, Verarbeitungsfähigkeit und Entscheidungsfindung innerhalb dieser Stufen transformieren.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind politische Öffentlichkeit, Online-Medien, Synthese-Modell, Wettbewerbs-Modell, Diskurs und gesellschaftliche Fragmentierung.
Welche Rolle spielen die "Gatekeeper" in der neuen Online-Öffentlichkeit?
Die Arbeit zeigt, dass die klassische Rolle der Journalisten als "Gatekeeper" im Netz an Bedeutung verliert, da der Nutzer durch die technische Struktur des Internets zunehmend selbst zum Regisseur seines Informationsangebots wird.
Warum erschweren Online-Medien die klassische Konsensfindung?
Durch die hohe Komplexität und schiere Menge an verfügbaren Informationen und die daraus resultierende Fragmentierung des Publikums ist eine konsensuelle Entscheidungsfindung nach dem klassischen Vorbild kaum noch realisierbar.
- Quote paper
- Ingo Seeligmüller (Author), 1998, Strukturwandel politischer Öffentlichkeit durch Online-Medien. Politische Öffentlichkeit zwischen Synthese und Wettbewerb, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1000740