Systemische Beratung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Geschichte
1.2. Modelle

2. Begriffe
2.1. Was ist ein System
2.2. Komplexität und Kontingenz
2.3. Autopoiese und Selbstreferenz
2.4. Konstruktivismus

3. Praxis
3.1. Hypothesen bilden
3.2. Zirkularität
3.2.1. Zirkuläres Fragen
3.2.2. Fragetechniken
3.3. Systemskulptur

4. Lösungs- und Ressourcenorientierung

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Soziale Arbeit bewegt sich in der Regel zwischen den Polen „Verändern“ und „Bewahren“ (Miller, 2001, S 1). Sehr oft haben SozialarbeiterInnen mit Menschen zu tun, die in Krisensituationen stehen. Dabei gilt es, gewisse Denk-, Gefühls-, Beziehungs- und Handlungsmuster, die einer positiven Entwicklung hemmend gegenüberstehen zu verändern. Gleichzeitig sollen aber Mechanismen, die identitätsbildend und stabilisierend wirken bewahrt und gepflegt werden. Somit sind Verändern und Bewahren zwei grundlegende Pole, innerhalb der sich Soziale Arbeit bewegt.

Die Aufgabe Sozialer Arbeit als Wissenschaft ist es ein Handwerkszeug in Form von Handlungstheorien zur Verfügung zu stellen, um die Professionalität Sozialer Arbeit sicherzustellen und SozialarbeiterInnen in der Praxis in ihrem Tun zu unterstützen. Die vorliegende Arbeit wird ein systemisches Angebot vorstellen.

1.1. Geschichte

Die systemische Therapie entstand nicht von heute auf morgen. Ihre Wurzeln reichen weit in die Psychotherapiegeschichte hinein. In den 50er Jahren begannen erste Pioniere, das Feld der Einzel- oder Gruppentherapie zu verlassen und mit Familien zu arbeiten. Die Familientherapie entstand und gewann immer mehr Anhänger. Gleichzeitig rückte die Bedeutung einer systemischen Perspektive, die Welt in einer bestimmten Weise zu sehen immer mehr in den Vordergrund. Diese Weltsicht hatte ihren Ursprung in der Atomphysik. Mit der Formulierung der „Unschärferelation“ durch Werner Heisenberg wurde ein neues Paradigma geschaffen. Diese besagt kurz formuliert, dass beobachtete Subatomare Teilchen während einer Beobachtung immer in einer Beziehung zum Beobachter stehen und durch diesen beeinflusst werden (vgl. Capra 1991. S 82). Der Beobachter stand ab diesem Zeitpunkt in einem Beziehungsrahmen zum Objekt. Es entwickelte sich eine neue Vorstellung, ein neues Paradigma (Weltsicht), in der die Beziehungen zwischen verschiedenen Objekten betrachtet wurde. „Nicht die Eigenschaften der Objekte wurden hier als entscheidend verstanden, sondern das Netzwerk der gegenseitigen Beziehungen zwischen den Objekten“ (Weiss 1998, S20). Dieses Denken blieb nicht auf die Mathematik und Physik beschränkt, sondern fand auch in anderen Bereichen schnelle Verbreitung. Am bekanntesten ist die Anwendung in der Kybernetik und der Informatik, wo durch das Denken in Regelkreisen eine völlig neue Technologie entstand, - die Computertechnik. Erst durch das zirkuläre Denken in den Kategorien von Rückmeldungen (positivem und negativem Feedback) wurde diese Entwicklung möglich.

Der Einzug der systemischen Betrachtungsweise in der Psychotherapie fand zuerst in den fünfziger Jahren in den USA statt. Mehrere Gruppen begannen, sich mit Familien zu beschäftigen und entwickelten dabei Vorstellungen von Regelzusammenhängen innerhalb der Familien. Sie verstanden die „Krankheit“ eines Familienmitglieds nicht mehr als individuelles Problem, sondern sahen das Phänomen der Störung als einen Ausdruck der Struktur der Beziehung in der Familie. Zu diesem Personenkreis gehörten unter anderem Paul Watzlawick, Salvador Minuchin und Jay Haley (um nur einige zu nennen).

1.2. Modelle

Die Familientherapie entwickelte sich zunächst in verschiedene Richtungen. Um nur einige zu nennen, werden hier zwei Modelle vorgestellt.

Das „Mental Research Institut“ in Palo Alto in Kalifornien hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der systemischen Therapie. Unter anderem gehörte Viginia Satir und die oben genannten Personen zu den Gründungsmitgliedern. Das MRI wird als die „Kommunikations-Schule“ der Familientherapie bezeichnet, da sie speziell die Kommunikationsmuster in Familien ins Zentrum ihrer Arbeit rückte. Dieses Institut erregte besonders Aufsehen durch Studien zur Schizophrenie in sozialen Gefügen, speziell durch die „Double-Bind-Methode“: Bedingt durch eine besonders enge Beziehung, wie sie vor allem in Familien vorkommt, und im Kontext einer „Straferwartung“ (ein Lernkontext, der eher auf Vermeidung von Strafe aus ist, anstelle von dem Streben nach Belohnung), können paradoxe Aufforderungen wie: “Ich möchte, dass du mich aus freien Stücken liebst“ (enthält zwei unvereinbare Aufforderungen: „ich möchte“ und „aus freien Stücken“) zu schizophrener Kommunikation führen. Zu dieser Kommunikation müssen noch drei Aspekte hinzutreten:

- Das Verbot über die Situation zu sprechen
- Das Verbot die Situation zu verlassen und
- Eine Allgegenwart dieser Kommunikationsform.

Auf welcher Seite der Botschaft man auch dann reagiert, man hat eine Bestrafung zu erwarten.

Damit war eine wesentliche theoretische Gegenkonzeption zur somatisch/medizinischen bzw. Psychoanalytischen Richtung formuliert worden: „Schizophrenie als Kommunikationsstörung, nämlich als die einzig mögliche Reaktion auf einen absurden und unhaltbaren zwischenmenschlichen Kontext“ (Kriz, 2001. S. 243)

Auch das „Mailänder Modell“ hatte für die Entwicklung der systemischen Therapie eine enorme Bedeutung. Begriffe wie Zirkularität, Neutralität und Methoden wie das zirkuläre Fragen sind heute aus dem systemischen Werkzeugkasten nicht mehr wegzudenken. Die vier Mitglieder der Mailänder Gruppe waren: Mara Selvini Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin und Giuliana Prata. Die Mailänder Gruppe sah Familie als regelgeleitetes System: Wie bei jeder anderen Gruppe auch entwickeln sich in Familien Regeln, die die Verhaltensspielräume der einzelnen Mitglieder beschreiben und begrenzen. Die Macht liegt in den Spielregeln. Daher ist eine Veränderung – sosehr die Familie auch darunter leidet – nicht im Interesse der Familie, denn das Spiel muss weitergehen. Dies ist die Paradoxie mit der Therapeuten konfrontiert werden: „Ändert uns, ohne uns zu ändern!“ die mit einem Gegenparadoxon beantwortet wird. „Wir können euch nur unter der Bedingung ändern, dass ihr euch nicht ändert“ (Schlippe, Schweitzer, 2002. S 29). Das bekannteste Merkmal der Mailänder Gruppe (und auch am häufigsten kopierte) ist der Ansatz des Settings, also der Aufbau. Ein Therapeut arbeitet mit der Familie, während zwei andere durch eine Einwegscheibe die Sitzung beobachtet. Diese haben jederzeit die Möglichkeit die Sitzung zu unterbrechen, wenn sie den Eindruck haben, der Therapeut habe etwas wichtiges übersehen, oder sei von der Situation gefangen. „Die Sitzung besteht in der klassischen Form aus fünf Bestandteilen:

1. Vorsitzung; Diskussion der Teammitglieder über die bislang vorliegende Information, erste Hypothesen
2. Interview: Dient nur dazu Informationen einzuholen. Keine Interaktion.
3. Zwischensitzung: Alle Mitglieder diskutieren in einem separaten Raum ihre Hypothesen und entwickeln eine Schlussintervention.
4. Schlussintervention: Die Entscheidungen des Teams werden der Familie mitgeteilt, oft verbunden mit paradoxen Verschreibungen, oder der Verschreibung eines Rituals. Der Rest des Teams beobachtet genau die Reaktion der Familienmitglieder.
5. Nachsitzung: Diskussion des Teams über die Sitzung und die letzten Reaktionen“. (Schlippe Schweitzer, 2002 S. 29).

Nach der Schlussintervention wird die Sitzung schnell beendet, eine Diskussion wird nicht gestattet. Es ist nur die Absicht neue Informationen in das System einzubringen, jedes Gespräch darüber würde den Input nur verwässern. Ziel ist es dem Therapeuten zu helfen, in der Therapeutensituation zu bleiben und sich nicht von den Versuchen der Familie ablenken zu lassen die Kontrolle aufzugeben. Dies ist besonders bei Familien mit schizophrenen Mitgliedern und Schizophrenen Interaktionen wichtig, mit denen die Gruppe vorzüglich gearbeitet hat.

2. Begriffe

In der systemischen Beratung begegnen uns sehr viele Begriffe, deren Erklärung unerlässlich ist und die ihren Ursprung teilweise aus anderen Disziplinen haben.

2.1. Was ist ein System

Der Systembegriff hat sich im Laufe der Jahre jeweils mit den theoretischen Konzepten, dem er entspringt verändert. Man kann also sagen, dass es den einheitlichen Systembegriff nicht gibt. Barhelmess macht in seinem Buch Systemische Beratung aber eine sehr brauchbare Unterscheidung. Er trennt grundsätzlich Psychische Systeme (Menschen) und sozialen Systemen wie Familie, Verein, Arbeit, eine Beratungsstelle und dergleichen. In dem Zusammenwirken von psychischen und sozialen Systemen ergeben sich dann psychosoziale Einheiten. Einige Merkmale lassen sich aber definieren, die allen Systemen gemein sind.

Systeme verfügen über Systemgrenzen.

Systeme entstehen durch eine Unterscheidung von System und Umwelt (die ihrerseits wiederum ein System darstellt). Diese systemhervorbringende Unterscheidung wird von einem Beobachter gemacht. „Wenn ein Beobachter etwas betrachtet, so kann er alles, was er sieht zusammenfassend als ein Ganzes betrachten (beispielsweise eine Landschaft, die er in ihrer Gesamtheit auf sich wirken lässt). Betrachtet unser Beobachter dagegen Einzelheiten, (z.b. einzelne Häuser oder Bäume), so unterscheidet er zwischen dem Rest der Landschaft und dem einzelnen Haus oder Baum. ... Erst zu diesem Zeitpunkt, zu dem unsere gedachte Peron zwischen Haus und Umwelt unterscheidet. ... Entsteht in der Welt des Betrachters das Haus. ... Unsere sozialwissenschaftliche Systemtheorie orientiert sich daher bei der Erklärung der Systementstehung zunächst an der Wahrnehmung einer Differenz.“ (Barthelmess, 2001. S 22).

Eine weitere Unterscheidung von Systemen lässt sich treffen, wenn man lebende und nichtlebende Systeme vergleicht. Schweitzer und Schlippe reden in diesem Zusammenhang von trivialen und nichttrivialen Systemen. Ein Beispiel eines trivialen Systems stellt eine „Black Box“ dar, auf deren einen Seite sich vier Knöpfe (rot, gelb, grün und blau) und auf deren anderer Seite sich vier Lichter in den selben Farben befinden. Drückt man nun den roten Knopf, so leuchtet auf der anderen Seite das rote Licht. Beim drücken des gelben Knopfes leuchtet das gelbe Licht und so weiter. Dieses System ist also hoch vorhersehbar. Ganz anders die nichttriviale Maschine. Um es einfach zu machen, ordnen wir dieser Maschine zwei innere Zustände zu: Zustand A = gute Laune und Zustand B = schlechte Laune. Und wie wir das auch von uns kennen, das was außerhalb von der Box passiert beeinflusst das Innenleben der Maschine. Entweder wird die Laune verändert oder sie wird bestätigt. Ein Forscher der diese nichttriviale Maschine nun bedient gerät schier in Verzweiflung. Aus den unterschiedlichen Möglichkeiten von Input, Reaktion der Box und Output. Ergeben sich 2 hoch 16 = 65 536 Möglichkeiten. Wenn wir nun diese Zwei Möglichkeiten (gute Laune, schlechte Laune) um die Zustände erregt/gehemmt, euphorisch/schüchtern und wütend/erfreut erweitern, so ergeben sich gleich 10 hoch 970 Millionen Verhaltensmöglichkeiten. Und doch ist das nur eine geringfügige Zustandskomplexität verglichen mit einem Tier oder einem Menschen. In all diesen Fällen ist die Annahme einer einfachen Ursache – Wirkung – Denkens unhaltbar und es ergibt sich daraus die These der Unmöglichkeit, ein nichttriviales System zu berechnen. (vgl. Schweitzer, Schlippe, 2002, S. 56). Diese Ausführung führt uns unmittelbar zur nächsten Eigenschaft eines Systems, der

2.2. Komplexität und Kontingenz

Komplexität lässt sich am einfachsten mit der „Summe aller Möglichkeiten“ am obigen Beispiel erklären. Daraus ergibt sich aber auch, wie schon erwähnt, die Unmöglichkeit der Vorhersage der verschiedenen Möglichkeiten einer Reaktion oder Handlungen „...die besagt, dass die Binnenkomplexität eines Systems, dessen Elemente und deren Verknüpfung nicht mehr gänzlich, sondern lediglich zu einem Bruchteil erfasst werden können. ... Vieles bleibt kontingent, das heißt unbestimmt.“ (Miller, 2001. S 47). Wenn zu Beispiel eine Sozialarbeiterin im Rahmen eines Gesprächs einen Adressaten mit ihrer Problemsicht konfrontiert, weiß sie nicht, wie dieser tatsächlich reagieren wird. Er kann sich z.b. einsichtig zeigen und zustimmen, kann entrüstet ablehnen oder äußerlich dem Gesagten zustimmen, innerlich jedoch ablehnen, er kann das Gesagte ignorieren und vieles andere mehr. All diese Möglichkeiten gehören zur Komplexität. Wir können also nie mit völliger Sicherheit sagen wie wir oder andere in konkreten Situationen tatsächlich handeln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Systemische Beratung
Hochschule
Fachhochschule Heidelberg  (SRH Gruppe)
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V10008
ISBN (eBook)
9783638165747
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemische, Beratung
Arbeit zitieren
Reinhard Bracke (Autor), 2002, Systemische Beratung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10008

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