Niemand kennt den Tod. Kritische Betrachtung der These in Sokrates Werken


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.0 Argumente im Gorgias
2.1 Gespräch mit Polos
2.2 Gespräch mit Kallikles
2.3 Mythos

3.0 Argumente in der Apologie
3.1 Weisheit bei Sokrates
3.2 Stellung des Themenzitats in der Apologie
3.3 Vorstellungen vom Tod bei Sokrates

4.0 Argumente im Phaidon
4.1 Einleitung des Hauptgespräches
4.2 Beweise für die Unsterblichkeit der Seele
4.3 Ideenlehre

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema des Sterbens bzw. des Todes hat die Menschheit zu allen Zeiten beschäftigt. Auch das beginnende 21.Jahrhundert macht diesbezüglich keine Ausnahme. In sehr vielen wissenschaftlichen Abhandlungen wird sich dieses Themas angenommen. Ein meiner Meinung nach sehr aufschlussreiches Beispiel liefert die Untersuchung von Todesbildern als Gegenstand eines DFG-Forschungsprojektes unter der Leitung von Armin Nassehi und Georg Weber, die 150 Interviews, teils mit Experten, teils mit betroffenen Menschen geführt haben. Irmhild Saake thematisiert die Ergebnisse dieser Interviews in ihrem Essay „Gegenwarten des Todes im 21.Jahrhundert“.

In einer ersten Gruppe, geprägt von sicheren und flüssigen Erzählungen, geht es nur um den Tod anderer, nicht um den eigenen Tod. Die zweite Gruppe, geprägt von unsicheren Erzählungen, spricht vom eigenen Sterbeprozess. In der dritten Gruppe, beeinflusst von Konfrontation mit dem Tod durch Krankheit, wird nicht so gern über dieses Thema gesprochen, es wird mehr die Situation der Angehörigen nach dem eigenen Tod ausgemalt. Wie stark sich das Thema des Todes in unseren Gesprächen niederschlägt ist, somit davon abhängig, wie sehr wir vom Tod betroffen sind. „Mit dem Tod sind wir nicht in einer gemeinsam geteilten Gegenwart konfrontiert, sondern in vielen verschiedenen Gegenwarten“. (Irmhild Saake, Gegenwarten des Todes im 21.Jahrhundert, Seite 2)

Demzufolge und weil niemand über eine reale Todeserfahrung berichten kann, reden wir in Metaphern über den Tod, die uns helfen dieses Nichtwissen erträglicher zu gestalten. Doch wie wäre eine Vorstellung, in der diese Metaphern unnötig wären? Wie wäre es, wenn sich das Wesen der Todesvorstellung, das sich in unseren Köpfen befindet, in das Gegenteil verkehren würde?

Sokrates gibt uns in seiner Apologie dazu ein Zitat an die Hand „Niemand kennt den Tod, es weiß auch keiner, ob er nicht das größte Geschenk für den Menschen ist. Dennoch wird er gefürchtet, als wäre es gewiss, dass er das schlimmste aller Übel ist.“ (Platon, Apologie, 29 a,b) In dieser Hausarbeit will ich versuchen, Argumente zu finden, die dieses Zitat untermauern. Um die Hausarbeit nicht ausufern zu lassen, beschränke ich mich dabei auf Platons Werke „Gorgias“ „Apologie des Sokrates“, und „Phaidon“. (Anordnung der zeitlichen Abfolge nach) Diese drei Schriften Platons scheinen mir aus philosophischer Sicht genügend Antworten auf die Themenfrage zu geben: Was spricht für das betrachtete Sokrateszitat?

2.0 Argumente im Gorgias

2.1 Gespräch mit Polos

Ausgehend von einer Diskussion über die Redekunst, die für Sokrates keine Kunst darstellt, kommt dieser auf die Grundsätze der Lebensführung zu sprechen. Es geht um die zentrale Frage: Was ist das größte Übel?. . Sokrates gibt die Antwort „Wenn es aber notwendig ist, entweder Unrecht zu tun oder Unrecht zu erleiden, würde ich es vorziehen, eher Unrecht zu leiden, als zu tun.“ (Platon, Gorgias, 469c) Sokrates geht noch weiter, indem er sagt, dass man freiwillig zum Richter gehen und nach Strafe verlangen soll. Im anderen Fall kann es passieren, dass die „Krankheit des Unrechts“ (Platon, Gorgias, 480b) die ganze Seele verseucht. Im weiteren Gesprächsverlauf kommt Sokrates auf eine zentrale Frage zu sprechen, nämlich die Frage nach dem Glück. „Ich behaupte nämlich, dass der gute und tüchtige Mann und die gute und tüchtige Frau glücklich sind, der ungerechte und schlechte aber unglücklich.“ (Platon, Gorgias,470e) Im Folgenden führt Sokrates seine Vorstellungen genauer aus. Für ihn ist die glücklichste Person, deren Seele keinerlei Schlechtigkeit hat, am zweitglücklisten ist der, der für getanes Unrecht einer Strafe zugeführt worden ist. Unglücklich verbeiben die, die Unrecht verübt und keine Bestrafung erlitten haben. Bei diesen ist die Seele nicht von ihrer Schlechtigkeit befreit worden. An dieser Stelle kommt wieder die Rhetorik ins Spiel. Vor Gericht ist die Redekunst damit nur dann sinnvoll, wenn sie zur Aufklärung von Verbrechen beiträgt. Denn nur dann können Strafen ausgesprochen werden und eine Erlangung des Seelenheils ist möglich. Im anderen Fall tritt für die Person das Unglück ein, denn es hat ja keine Seelenbefreiung stattgefunden.

In diesem Abschnitt des Gorgias, dem Gespräch mit Polos, ist für mich bemerkenswert, dass Sokrates seine These: „Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun“ vehement verteidigt und sehr viele Argumente dafür anführt. Diese These steigt somit zu einem der Kernsätze des Gorgias auf. Wenn in diesem Zusammenhang von Gericht zu reden ist, ist meiner Überzeugung nach nicht nur von einem irdischen Gericht die Rede, sondern von einem Jenseitsgericht, denn nur vor einem Jenseitsgericht ist der Begriff des Seelenheils sinnvoll. Sokrates bereitet an dieser Stelle bereits den Boden für den Mythos (siehe 3.3). Für ihn ist damit der Tod nicht mehr das größte Übel für die Menschen, die bereits versucht haben gut zu leben, bzw. während ihres irdischen Lebens für ihre Seele gesorgt haben. Diese können dann auch vor einem Jenseitsgericht bestehen.

2.2 Gespräch mit Kallikles

In diesem Teil von Platons Gorgias bekommt es Sokrates mit einem Gesprächspartner zu tun, der einen im Vergleich zu seinem völlig gegenteiligen Lebensentwurf befürwortet. An zwei Textstellen bringt Kallikles seine Vorstellungen von einem guten Leben ins Spiel:

„Die Natur aber selbst, so meine ich, zeigt, dass es gerecht ist, dass der Bessere mehr hat als der Schlechtere und der Fähigere als der weniger Fähige. Sie zeigt allenthalben , dass es sich so verhält, sowohl an anderen Lebewesen als auch an ganzen Städten und Stämmen der Menschen, dass das Gerechte so bestimmt wird, dass der Bessere über den Schlechteren herrscht und mehr hat.“ (Platon, Gorgias , 483c,d)

Derjenige, der richtig leben will, muss die eigenen Begierden möglichst groß sein lassen und darf sie nicht zügeln; er muss fähig sein, diesen möglichst großen Begierden mit Tapferkeit und Vernunft zu dienen und zu erfüllen, worauf immer sich sein Begehren richtet.“ (Platon, Gorgias , 491e, 492a)

Sokrates lässt sich von diesen Thesen jedoch in keinster Weise verwirren. Er setzt Kallikles das sogenannte Fassgleichnis entgegen, für mich wiederum eine der Schlüsselstellen des Gorgias. In diesem Gleichnis, das sich auf den Hades, also nach der griechischen Vorstellung das Jenseits, bezieht, wird von zwei Sorten von Menschen berichtet. Die „Uneingeweihten“ (Platon, Gorgias, 493b) müssen in ein löchriges Fass mit einem Sieb, das ihrer Seele entspricht, ständig Flüssigkeit (gemeint ist die Lust) nachfüllen. Sie kommen im Jenseits zu keinem erfüllten Dasein mehr. Die andere Gruppe verfügt über ein Fass, welches nur einmal befüllt werden muss. In dieser Gruppe kann somit ein Zustand der jenseitigen Zufriedenheit erreicht werden.

Sokrates geht sogar noch weiter. Er gibt uns gewissermaßen eine Anleitung, wie wir zu der zweiten Gruppe gehören können und damit den Tod nicht als das größte Übel betrachten müssen.

Für den Körper gilt, dass zwei Gebiete in Ordnung gebracht werden müssen, die Gesundheit und die Kraft. Dafür sorgen die Ärzte bzw. die Gymnastiklehrer. Analog dazu sind in Bezug auf die Seele zwei Tugenden anzustreben, die Gerechtigkeit und die Besonnenheit. In beiden Fällen sind die Philosophen die geeigneten Ansprechpartner zur Herstellung der Seelenordnung. Erst wenn diese hergestellt ist, können wir nach der Theorie des Sokrates den Richtern, die im Mythos benannt werden, ohne Furcht entgegentreten, denn ihr Richtspruch wird uns nicht zur Gruppe der „Uneingeweihten“ gehören lassen. Damit ist der Tod nicht mehr das größte aller Übel.

2.3 Mythos

Den krönenden Abschluss des Gorgias bildet der Mythos. In ihm geht Sokrates auf die Verhältnisse im Jenseits ein, von denen er sagt, dass er sie für einen Bericht also für wahr hält. „Denn das Sterben selbst fürchtet niemand, der nicht völlig unvernünftig und feige ist, das Unrechttun aber fürchtet er. Denn mit einer Seele, die voll ist von zahlreichen Unrechttaten, in den Hades zu kommen, ist das schlimmste aller Übel.“ (Platon, Gorgias, 522 e). Hier geht Sokrates in direkter Form auf das Thema der Hausarbeit ein. Nicht der Tod an sich ist die zu fürchtenden Größe und nicht das größte Übel, sondern eine Seele, die voll von Missetaten ist. Warum das so ist, wird im Weiteren ausgeführt: „Wer vor den Menschen sein Leben gerecht geführt hat und fromm, der kommt, wenn er gestorben ist, zu den Inseln der Seligen und wohnt dort in vollem Glück ohne Übel; wer aber ungerecht und gottlos gelebt hat, gelangt in das Gefängnis der Strafe und der Buße, das man Tartaros nennt.“ (Platon, Gorgias, 523a,b) Die Unterscheidung zwischen guten Seelen einerseits und schlechten Seelen anderseits wird von einem Richter getroffen, der sich die Seelen, die vorher von allen Äußerlichkeiten befreit worden sind, genau ansieht. „Und er sah, dass die Seele infolge von Macht, Schwelgerei, Hochmut und Unbeherrschtheit der Handlungen voll ist von Asymmetrie und Schändlichkeit. Als er dies aber sah, schickte er sie ehrlos geradewegs ins Gefängnis; dorthin angelangt, sollten sie die ihnen zukommenden Leiden erdulden.“ (Platon, Gorgias, 525a). Sokrates berichtet also ausführlich über das Jenseitsgericht und malt die dort folgenden Strafen aus. Er geht sogar so weit, dass er behauptet, dass die Seelen von Philosophen zu den guten Seelen gehören.

Allerdings bleibt Sokrates Argumente schuldig, warum er den betrachteten Mythos für wahr hält. Auch wenn man den kompletten Gorgias durchsucht, finden man diesbezüglich nur Meinungen des Sokrates, die zwar seine These wieder und wieder aus verschiedenen Blickwinkeln darstellen, aber Begründungen, wie zum Beispiel dafür, dass die Rhetorik keine Kunst ist, werden nicht angeführt. Als Sokrates den Mythos erzählt, unterbleibt auch jedwede Diskussion der vorigen Gesprächspartner, die zu diesem Zeitpunkt sicher noch anwesend sind. Abschließend bekräftigt zwar Sokrates nochmals „Wie einem Anführer also wollen wir dem Gedankengang folgen, der sich jetzt ergeben hat und uns anzeigt, dass dies die beste Lebensweise ist: die Gerechtigkeit und jede andere Tugend zu üben und auf diese Weise zu leben und zu sterben.“ (Platon, Gorgias, 527e), doch dies ändert nichts an meiner Gesamteinschätzung. Sokrates´ angeführte Theorien über den Tod werden an dieser Stelle durch nichts bewiesen, bleiben also Glaubenssache.

3.0 Argumente in der Apologie

3.1 Weisheit bei Sokrates

In seiner Apologie berichtet Sokrates, was die Gründe für sein Befragen der Mitmenschen waren. Sein Freund Chairephon hat in Delphi das Orakel befragt, ob jemand weiser sei als Sokrates. „Da gab ihm die Pythia den Bescheid, niemand sei weiser.“ (Platon, Apologie, 21a).

Diesen Bescheid der weissagenden Priesterin des delphischen Apollon Pythios will Sokrates jedoch nicht auf sich beruhen lassen und beginnt daraufhin Menschen zu befragen und zu prüfen, angefangen mit einem Politiker. Hierbei kommt er zum Schluss, dass dieser Mann nur nach der Meinung anderer Menschen und nach seiner eigenen Meinung weise zu sein schien, jedoch eine Weisheit im absoluten Sinn nicht besteht. Sokrates empfindet sich selbst eine Spur weiser. Er sagt von sich selbst : „Offenbar bin ich im Vergleich zu diesem Mann um eine Kleinigkeit weiser, eben darum, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube:“ (Platon Apologie, 21d) Diese Selbsterkenntnis ist meiner Meinung nach äußerst wichtig für die folgenden Betrachtungen über den Tod, da sie eine tiefe Überzeugung des Sokrates wiederspiegelt.

Die betrachtete Prozedur führt Sokrates nun an einem nach dem anderen durch. Für ihn ist ein ungeprüftes Leben nicht lebenswert. Es werden viele Leute befragt, um die Wahrheit des Orakelspruches zu ergründen. Nach den Politikern kommen die Dichter und schließlich die Handwerker an die Reihe mit immer dem gleichen Ergebnis. Sokrates fasst das Ergebnis seiner Befragungen zusammen: „ So scheint denn, ihr Männer, allein der Gott wahrhaft weise zu sein und mit seinem Orakelspruch eben dies zu meinen, dass die menschliche Weisheit nur wenig wert ist oder rein nichts.“ (Platon, Apologie, 23a). Um die menschliche Weisheit ist es deshalb nicht allzu gut bestellt. In allen von Sokrates untersuchten Fällen ist die Weisheit nur vorgegaukelt. Bei genauerem Hinsehen fallen die Gedankengebäude in sich zusammen. Hinter den nach außen zur Schau getragenen Szenarien kommt die Wahrheit, nach der Sokrates suchte, zu Tage. Obwohl diese Erkenntnisse Sokrates in Schwierigkeiten gebrachte haben, lässt er nicht locker. Er setzt seine Befragungen unbeirrt solange fort, bis sie ihn vor Gericht gebracht haben. Auch dort erläutert er die Ergebnisse seiner Untersuchungen ohne Rücksicht auf eventuelle Konsequenzen. Es ist damit folgerichtig, dass er seinen Begriff von Weisheit auf den Begriff des Todes überträgt. Unter diesen Aspekten ist allerdings anzumerken, dass Platon, der beim Prozess anwesend war und bei einer Geldstrafe für Sokrates gebürgt hätte, Sokrates´ Aussagen stark stilisiert hat, denn ich glaube kaum dass ein normaler Mensch, der ja Sokrates doch, war; eine solch geschliffene Rede hätte halten können, wenn so viel auf dem Spiel steht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Niemand kennt den Tod. Kritische Betrachtung der These in Sokrates Werken
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V1000916
ISBN (eBook)
9783346374820
ISBN (Buch)
9783346374837
Sprache
Deutsch
Schlagworte
niemand, kritische, betrachtung, these, sokrates, werken
Arbeit zitieren
Michael Ledwig (Autor), 2018, Niemand kennt den Tod. Kritische Betrachtung der These in Sokrates Werken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1000916

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