Ein Vergleich der Thematisierung von Medien in Uwe Johnsons Roman Jahrestage und dessen Verfilmung von Margarethe von Trotta


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
24 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Gesine und die New York Times
2.1 im Roman
2.2 im Film

3 Marie und die Bilder
3.1. im Roman
3.2. im Film

4 Radio und Tonband im Roman und im Film

5 Schlußbemerkung

6 Bibliographie

1. Einleitung

„Vergleicht man den Film mit dem Buch, tut man ihm Unrecht“[1]

Uwe Johnsons Roman Jahrestage in vier Bänden, erschienen 1970-1983, umfaßt nicht nur eine deutsche Familiengeschichte, sondern ebenso eine Mutter-Tochter-Beziehung, eine Heimatgeschichte und die Geschichte der beiden bis 1989 getrennten deutschen Staaten.

Dies zu verfilmen ist eine sicherlich ehrgeizige Aufgabe, der sich 2000 Margarethe von Trotta mit ihren Drehbuchschreibern Peter Steinbach und Christoph Busch stellten.

Die Übersetzung von Johnsons feiner Gedächtnisarchitektur, mit ihren assoziativen Einschüben und sprunghaften Orts- und Zeitwechseln in Bilder, scheint kaum möglich. So nennt sich der Film ehrlicherweise auch „nach dem Roman von Uwe Johnson“, was auf die Problematik der Verfilmung von Literatur im Allgemeinen und die Schwierigkeit der Jahrestage im Besonderen verweist. Es ist Busch und Steinbach jedoch gelungen, zwei klare Handlungsstränge aus der komplexen Geschichte herauszukristallisieren: Gesines Leben in New York mit ihrer Tochter Marie stellt den Rahmen des Filmes, während in langen Rückblenden die Mecklenburger Familiengeschichte während des Nationalsozialismus und in Zeiten der frühen DDR erzählt wird. Auffallend ist, daß in allen Zeitebenen die Thematisierung der gescheiterten Liebesbeziehungen dominieren; Die von Gesines Eltern, Gesines eigene Beziehung zu Jakob und die mit Dietrich Erichson in New York. Diese Betonung scheint klischeehaft, ganz mediengerecht, auf das „Theater der großen Gefühle“ verweisend, den Roman abwertend. Doch genau darin liegt die Ehrlichkeit der Produzenten, die sich an der Geschichte eines großen literarischen Werkes orientieren. Sie sezieren und das betonen, was den Zuschauer erreicht und bewegen kann. Zu Recht stellte Claudia Keller fest, daß man dem Film unrecht tue, vergleiche man ihn mit dem Roman. Denn Buch und Film können, außer einigen Handlungssträngen, nichts gemein haben, da beide Medien völlig anderen Gesetzen gehorchen und sich an ganz unterschiedliche Rezipienten wenden.

Im Folgenden soll es nicht meine Aufgabe sein, Film und Buch kritisch auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu durchleuchten, sondern vielmehr ein Vergleich der Thematisierung einzelner Aspekte. Hierfür möchte ich mich an einen der zentralen Punkte des Buches halten: die Darstellung der New York Times und in diesem Zuge die Thematisierung von Medien in Film und Buch generell.

Auffallend ist die Nutzung der Protagonisten der einzelnen Medien. Ich werde daher die New York Times in Verbindung mit Gesine analysieren und ordne die Medien der Bilder, wie das Fernsehen und die Fotografie, Marie zu.

Die beiden Figuren werden aus diesem Blickwinkel kontrastiv betrachtet, entsteht doch aus dem Umgang mit den Medien ein regelrechter Konflikt zwischen Mutter und Tochter.

2 Gesine und die New York Times

2.1 im Roman

Als Einstieg in den Tag formuliert Johnson Artikel aus der New York Times des jeweiligen Datums. Zentrales Thema sind die Geschehnisse in den Vereinigten Staaten und das daraus resultierende Amerika-Bild, das sich für Gesine darlegt. Johnson nutzt die Times einerseits als Quelle um Gesine in einen historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen. Andererseits stellt er Gesines Reaktion auf diese so erlangte Information in den Vordergrund. Diese Reaktion ist geprägt durch die Information an sich und durch die Darstellungsmethode, die die New York Times wählt. Am 6. November 1967 wird diese Methodik am Beispiel der Seiteneinteilung der Times deutlich.

das andere Bild auf der ersten Seite der New York Times ist achteinhalb mal fast sieben Zoll groß. Es zeigt den Präsidenten Johnson mit Frau, Töchtern und Schwiegersöhnen.

Die Nachricht besteht darin, daß die Leute in der Kirche gewesen waren.[2]

Der Leser misst die Bedeutung von Informationen nach der Größe des dafür verwendeten Platzes. Johnson verweist an dieser Stelle durch den ironisch knappen letzten Satz auf eine spezielle Form des Journalismus hin, auf die Verschleierung. Das große Bild der vordergründig intakten, heiteren Präsidentenfamilie lenkt vom Wichtigen, von der schmutzig traurigen Realität ab.

Grundsätzlich fungiert die New York Times für Gesine als einzige Nachrichtenquelle, deren Wahrheitsgehalt für sie außer Frage steht.

Wenn sie an einem Tag am Strand die Zeitung verpaßt hat, hält sie abends ein Auge auf den Fußboden der Ubahn und auf alle Abfallkörbe unterwegs, auf der Suche nach einer weggeworfenen, angerissenen, bekleckerten New York Times vom Tage, als sei nur mit ihr der Tag zu beweisen.(JT, S.14)

Johnson läßt den Rezipenten jedoch spüren, daß er sich in dieser Hinsicht über seine Protagonistin gewissermaßen lustig macht. Seine Auseinandersetzung mit der Zeitung ist kritischer als die Gesines, geprägt von Ironie:

„Entweder liegt es am Näherrücken des Weihnachtsfestes, oder die alte Dame New York Times wird nun allen Ernstes klapprig.“421 und „so penibel ist die NYT“ (JT, S. 956)

Sara Lennox beschreibt dieses Verhalten in ihrem Essay „Die New York Times in Johnsons Jahrestage “ :

Uwe Johnson selbst aber fällt gar nicht so leicht auf den Time´schen Schein von Respektabilität herein wie seine Heldin. Seine ironische Haltung im Roman der Times gegenüber erhebt tiefgehendere Einwände gegen die Zeitung als die, deren Gesine sich anscheinend bewußt ist.[3]

Johnson reiht gelegentlich verschiedene Artikel aus der Times scheinbar wahllos aneinander und überläßt es dem Leser selbst, Schlüsse aus dem Beschriebenem zu ziehen. Fraglich bleibt allerdings, inwieweit der Leser durch diese Passagen verwirrt wird.

Bei Hanoi will die Luftwaffe zwei Bögen der Longbien-Brücke zerschmissen und einen dritten angeknackt haben. Und der Komiker Bob Hope ist abgereist zu seiner jährlichen Weihnachtstour bei den Truppen in Vietnam, der Kardinal Spellman ist ja tot, und VERGISS NICHT DIE BEDÜRFTIGEN! (JT, S. 415)

Gesine hingegen läßt nichts auf ihre Times kommen. Sie bewundert sie und personifiziert sie ob der dunklen Bilder die ihr durch die Zeitung vermittelt werden. Die New York Times wird zu „unsere biedere Tante Times“ (JT, S. 971). Die Personifikation räumt der New York Times ein wohlwollendes Quantum an Subjektivität ein.

Die Zeitung ist nicht länger nur Gesines Welttagebuch, sondern eine Person, auf deren Nähe sie keines Falls verzichten will.

Sie ist mit der New York Times zu Gange und zu Hause wie mit einer Person, und das Gefühl beim Studium des großen grauen Konvoluts ist die Anwesenheit von Jemand, ein Gespräch mit Jemand, dem sie zuhört und antwortet mit der Höflichkeit, dem verhohlenen Zweifel, der verborgenen Grimasse, dem verzeihenden Lächeln und solchen Gesten, die sie heutzutage einer Tante erweisen würde, einer allgemeinen, nicht verwandten, ausgedachten: ihrem Begriff von einer Tante. (JT, S. 14)

Grundsätzlich muß man Gesine jedoch eine gewisse Kritikfähigkeit zuschreiben, denn als Leserin sucht Gesine, nach Meyrowitz[4], ihr Informationsmedium aktiv aus, vertritt allein durch den Kauf schon eine spezifische Grundeinstellung.

Auch wenn Gesine nicht in der Stadt ist, nimmt sie jeden Umstand auf sich, um ein Exemplar der New York Times zu ergattern. Der mütterlich behütende Beigeschmack dieser Personifikation ist durchaus gewollt und wird sogar besonders betont.

Haben wir nicht fortwährend treu gesagt, die New York Times sei eine Tante? Wir können es beweisen mit ihrem Erscheinen von heute, den gut 800 Zeilen über die Brutalität der amerikanischen Polizei; streng und ärztlich beugt sie sich über die Sünder und fragt, woran es denn liegt; (...) Sie wird die Polizisten der Nation schon noch zu artigem Benehmen bringen, diese Tante. (JT, S. 1344)

Als treue Leserin ist Gesine den ganzen Tag von der Times umgeben. Der morgendliche Kauf am Kiosk wird zum Ritual, das Studieren der Nachrichten am Arbeitsplatz bringt ihr die Aufmerksamkeit De Rosny´s ein und am Abend in ihrer Wohnung geht Gesine weitere Artikel mit Ruhe und Muße durch.

Gesine kauft die New York Times wochentags am Stand, der Bote könnte ihre Frühstückszeit doch verfehlen. Am Bahnsteig faltet sie das Blatt einmal und nocheinmal längs,(...) In der Mittagspause räumt sie ihren Arbeitstisch frei und liest in den Seiten hinter dem Titelblatt, die Ellenbogen gegen die Tischkante gestemmt, nach der europäischen Manier.(..) Sie behält das geknickte, flappige Blatt unter dem Arm bis hinter der Wohnungstür und liest beim Essen noch einmal die Berichte aus der Finanz. (JT, S. 14)

Das Bild, das Johnson durch die New York Times zeichnet ist ein dunkles, das ganz deutlich die Brutalität fokusiert. Er wählt Hauptereignisse aus einem politisch und gesellschaftlich turbulenten Jahr, dessen zentraler Komplex der Vietnam Krieg ist. Fast täglich ist Gesine mit schockierenden Meldungen über die Anzahl von Toten konfrontiert. Johnson trifft seine Auswahl sehr sorgfältig: Den formellen Kriegsberichten folgen Artikel, die den Widerstand im Land registrieren. Während die Absätze aus der Times zunächst wahllos und unkoordiniert erscheinen, bildet sich schnell ein Muster. Johnson fokusiert die negative, kalte Seite von Amerika. Angefangen vom Vietnam Krieg, über die Attentate auf Kennedy und Martin Luther King, bis hin zur Beschreibung von gewaltsam unterdrückten Widerständen. Die Passagen, die scheinbar belanglose Alltagssituationen beschreiben, sind ebenfalls von Brutalität geprägt. Kleinere Verbrechen, wie sie täglich in New York passieren, tragen dazu bei, ein negatives Gesamtbild amerikanischen Sozialverhaltens zu zeigen, er nennt sie „die gewöhnlichen Morde“ (JT, S. 134)

Gesine selbst liest die Schreckensmeldungen jedoch nicht ohne eine gewisse voyeuristische Lust, sieht sie als eine Art Unterhaltung. Aufgrund der Tatsache, daß Gesine fast den ganzen Tag arbeitet, verbringt sie ihre knapp bemessene Freizeit mit dem Studium der New York Times, was ihr offensichtlich Freude

bereitet. Sie selbst spricht in diesem Zusammenhang von ihrer eigenen Entwicklung, hin zur konservativen Times.

(...), daß ich zwangsläufig, auf dem Weg über den Lübecker General – Anzeiger, den Völkischen Beobachter, der Sowjetunion Tägliche Rundschau und Junge Welt und Neues Deutschland, über die Frankfurter Allgemeine und die Rheinische Post, dazu erzogen wurde, am Tag eine Stunde lang mich zu unterhalten mit einer alten Tante. (JT, S. 463)

Trotzdem befindet sie sich in einer Art lethargischer Grundhaltung den Geschehnissen der Welt gegenüber. Während Marie loszieht und Geld für die Opfer von Vietnam sammelt, fühlt sich Gesine unfähig politischen Einfluß zu nehmen.

Ich könnte einen Leserbrief an die New York Times schreiben; ich könnte fürs Leben ins Zuchthaus gehen wegen eines erfolglosen Attentats auf den Präsidenten Johnson; ich könnte mich öffentlich verbrennen. Mit Nichts könnte ich die Maschine des Krieges aufhalten um einen Cent, um einen Soldaten; mit Nichts. (JT, S. 894)

Trotz Gesines Faszination für die Stadt New York, entsprechen ihre eigene Erfahrungen, in abgeschwächter Form, denen der Times. Sie erfährt beispielsweise durch Francine die Auswirkungen von Rassismus.

Bei täglich zwei Morden in New York, wann muß einer Mrs. Cresspahl treffen? In welcher Nacht wird die Scheibe splittern, ein Schatten unter Straßenbrücke mit einem Messer aufwachen, ein Arm um ihren Hals sie von der Straße in einen Kellergang ziehen?“ (JT, S. 81)

Doch das scheint keineswegs abschreckend auf Gesine zu wirken, sie fühlt sich durch die New York Times gewappnet für ein Leben in dieser Stadt. „Diese Person des Vertrauens, sie hat uns ausgerüstet mit Gründen für ein Leben in New York.“ (JT, S. 68).

Johnsons Bemühen, Gesines Bewußtsein der einzelnen Tage durch die New York Times darzustellen bleibt trotz der Tatsache, daß sie keine anderen Informationsquellen nutzt nicht einseitig, denn die New York Times fungiert als Erinnerungshilfe für Gesine, versetzt sie zurück nach Jerichow. Aus der New York Times können wir am 27. Oktober 1967 entnehmen: „Der Mensch ist geneigt, Dinge zu vergessen, die mit unangenehmen Erfahrungen zu tun haben.“ (JT, S. 204)

[...]


[1] Claudia Keller, „Das Buch wird bleiben,“ www.tagesspiegel.de/2000“10/04/ak-me-10661.html.

[2] Uwe Johnson , Jahrestage (Frankfurt, 2000), S. 241. (Zitate aus dem Roman im Folgenden direkt hinter dem Zitat unter dem Kürzel JT plus Seitenzahl.)

[3] Sara Lennox, „Die New York Times in Uwe Johnsons Jahrestage,“ in: Wolfgang Paulsen (Hg.), Die USA und Deutschland. Wechselseitige Speigelungen in der Literatur der Gegenwart (München,1876), S.105.

[4] Vgl. Joshua Meyrowitz, Die Fernsehgesellschaft (Weinheim,1990), Band 1 und 2.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich der Thematisierung von Medien in Uwe Johnsons Roman Jahrestage und dessen Verfilmung von Margarethe von Trotta
Hochschule
Universität Mannheim  (Fachbereich Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Uwe Johnsons Jahrestage
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
24
Katalognummer
V1001
ISBN (eBook)
9783638106191
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Thematisierung, Medien, Johnsons, Roman, Jahrestage, Verfilmung, Margarethe, Trotta
Arbeit zitieren
Tina Hau (Autor), 2000, Ein Vergleich der Thematisierung von Medien in Uwe Johnsons Roman Jahrestage und dessen Verfilmung von Margarethe von Trotta, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1001

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