Kunert, Günter - Der Zentralbahnhof


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

6 Seiten, Note: 1


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Der Zentralbahnhof

Interpretation zur Kurzgeschichte

von Günter Kunert der " Zentralbahnhof " (1972)

Der Autor Günter Kunert wurde am 06.03.1929 in Berlin geboren und lebte seit 1979 mit seiner Frau in Kaisborstel nahe bei Itzehoe. Seine Mutter war eine Jüdin und aus diesem Grund wurden Sie im 3. Reich dementsprechend behandelt. Viele seiner Werke sind noch geprägt von dem Schrecken der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und den Folgen des

2. Weltkrieges. Er wurde von Brecht und J. R. Becher gefördert. Kunert schrieb Werke als Erzähler, Essayist, Rezensent, Lyriker und Hörspielautor.

Einteilung der Abschnitte:

1. Abschnitt: Zeile 1- 6 5. Abschnitt: Zeile 46- 56
2. Abschnitt: Zeile 7- 17 6. Abschnitt: Zeile 57- 64
3. Abschnitt: Zeile 18- 30 7. Abschnitt: Zeile 65- 75
4. Abschnitt: Zeile 31- 45 8. Abschnitt: Zeile 76- 84

Kurze Inhaltswiedergabe der Kurzgeschichte:

In dieser, von Günter Kunert verfassten Kurzgeschichte, bekommt eines Morgens eine Person ein amtliches Schreiben, in dem steht, dass er am 5. November des laufenden Jahres hingerichtet werden soll. Diese betreffende Person sucht bei seinen Freunden um Hilfe und bei einem Anwalt um Rat, doch er wird von jedem zurückgewiesen, so daß die Person an dem besagten Tag zur Hinrichtung geht.

Kunert beginnt seine Kurzgeschichte ohne eine besondere Einleitung ganz einfach mit "An einem sonnigen Morgen...", was scheinbar ein ganz normalen Tag ist. Die handelnde Person, in der Kurzgeschichte, wird nicht in männlich oder weiblich eingeteilt, sondern sie wird verallgemeinert und spricht dadurch jeden an, der die Kurzgeschichte ließt. Die handelnde Person findet auf dem Tisch ein amtliches Schreiben, wie es dahin kam, weiß keiner.

Entweder gibt es dort einen Mitbewohner oder ein Fremder hatte sich Zutritt zur Wohnung

verschafft. Es scheint, daß der Brief, welcher auf dem Tisch liegt, mit einer gut leserlichen Schrift geschrieben ist, wie eben behördliche Briefe geschrieben sind, denn es ,, ü berfällt den Lesenden" ( 5. Zeile). Hier im ersten Abschnitt finden wir die typischen Merkmale einer Kurzgeschichte. Wie oben beschrieben, wird man direkt ins Geschehen hineinversetzt durch ,, an einem sonnigen Morgen...". Der Raum ist knapp skizziert durch ,, in seiner Wohnung..." und über die handelnde Person erfahren wir sehr wenig, nur, daß es ,, Jemand" ist.

Im zweiten Abschnitt wird der Inhalt des amtlichen Drucks dargelegt. Der Lesende bekommt hier klare Anweisungen über seine Hinrichtung, an diese er sich besser halten soll, damit es zu keiner Bestrafung über der verwaltungsdienstlichen Verordnung kommt. Der Lesende wird in diesem Abschnitt mit dem förmlichen Sie angeredet.

Der Autor verhüllt und verschönt das amtl. Schreiben durch seine Wortwahl, wie z. B. in der ,,Herrentoilette des Zentralbahnhofs"(10. Zeile)= eine Gaskammer von einem Konzentrationslager, die auch noch durch ,, Kabine 18" genau bestimmt wird und die ,, verwaltungsdienstliche Verordnung"(Zeile 14)= die NS- Macht. Die betreffende Person (unpersönliches Sie) wird aufgefordert an jenem Tag leichte Bekleidung zu tragen, damit die Entsorgungskosten so gering wie möglich bleiben.

Der Autor will in diesem Abschnitt den Leser zum Nachdenken anregen, weil die Vorstellung total paradox ist, per Post seinen Hinrichtungsbescheid zu bekommen. Er schreibt es, als wäre es die normalste Sache der Welt, so total trocken und ohne jegliche Emotion.

Im dritten Abschnitt wird aus dem ,, Jemand" der Betroffene (Zeile 18- 19), der zu seinen Freunden geht und sie um Rat und Hilfe bittet, da er sich das Schreiben nicht erklären kann (18. - 23. Zeile). Doch die Freunde wollen mit dieser Sache nichts zutun haben und versuchen statt dessen mit Getränken und Imbiss von der eigentlichen Not abzulenken, weil sie Wissen was der Brief bedeutet. Nämlich, daß der Betroffene (Er) nur noch ein begrenztes Leben hat und das sie, wenn sie ihn helfen würden, selber in Mitleidenschaft gezogen werden können. Aus diesem Grund sind sie sehr erleichtert als die betreffende Person sie verläßt und atmen wohl auf. Doch sie überlegen, ob es sich überhaupt lohnte ihm die Tür zu öffnen. Vielleicht wurden sie jetzt von der NS- Macht entdeckt und bekommen in den nächsten Tagen auch so einen amtl.

Ab dem dritten Abschnitt wird aus dem allgemeinen ,, Jemand" ein ,,Er". Das ,,Er" ist immer noch eine Verallgemeinerung für ,, der Jude/ der Betroffene" basierend auf der männlichen Ebene.

Der Autor verwendet ab der Zeile 20 bis Zeile 30 asyndetische Verknüpfungen, wie ,, Getränke und Imbiss lehnt er ab, fordert hingegen dringlichen Rat, erntet aber nur ein ernstes und bedeutungsvolles Kopfschütteln". Durch diese asynd. Verknüpfungen bewirkt der Autor, daß ein bestimmter Ablauf kurz und bündig erzählt wird.

Im vierten Abschnitt versucht die betroffene Person einen entscheidenden Hinweis von einem Rechtsanwalt zu bekommen. Doch dieser versucht seinen neuen Klienten die Situation zu verharmlosen, es sei ein ,,Druckfehler", es müsste Einrichtung heißen, denn nichts werde so heiß gegessen wie gekocht. Diese Verharmlosung verdeutlicht der Autor durch eine Parataxe ,, Nichts werde so hei ß gegessen wie gekocht. Hinrichtung? Wahrscheinlich ein Druckfehler. In Wirklichkeit sei ,,Einrichtung gemeint. Warum nicht?". Damals wie heute sind Rechtsanwälte Wort- und Rechtsverdreher. Der Anwalt weiß genau über die Konsequenzen bescheid, da er eng mit dem Staat zusammenarbeitet. Um nicht seinen Ruf oder sogar seine Arbeit zu verlieren, rät der Anwalt seinen Klienten Vertrauen zu haben und den Termin warzunehmen. Dieses ,,Vertrauen haben" bringt Kunert durch das Stilmittel der Wiederholung, einer Anapher ,, Und vertrauen! Man muss Vertrauen haben! Vertrauen ist das wichtigste." (Zeile 44- 45) ganz deutlich zum Ausdruck.

Im fünften Abschnitt wird der Zustand der Person in der Nacht vor der Hinrichtung bildlich dargestellt (Zeile 46- 48). Der Autor stellt einen Vergleich an ,,Fliege = Freiheit", diesen verdeutlicht er durch eine Parataxe, in der die Gedanken der betreffenden Person gefasst sind. ,, Die lebt! Die hat keine Sorgen! Was wei ß die schon vom Zentralbahnhof?!". Kunert verdeutlicht durch die Fliege ganz klar die Wunschvorstellung vom unbeschwerten und sorgenfreien Leben. Wie gerne würde jeder von uns in so einer oder ähnlichen Situation mit einer Fliege tauschen, um sich von den Problemen oder den damals herrschenden politischen Verhältnissen zu befreien. Der Handelnde sieht mitten in der Nacht die letzte Chance auf einen Rat oder Unterschlupf bei seinem Nachbarn. Doch der Nachbar bleibt vom klingeln unberührt, da er genau weiß, zu welcher Menschengruppe er gehört. Aus Angst vor der NS- Macht lässt der Nachbar die Tür verschlossen und liefert damit die Person der Hinrichtung aus.

Im sechsten Abschnitt wird das Auftreten der handelnden Person beschrieben, wie es im Brief von ihm verlangt wurde und ihm die Eigenschaft ,, Pünktlichkeit" zugeteilt. Es lässt sich vermuten, daß der Handelnde dem Schicksal oder der Strafe entrinnen kann, weil er pünktlich und wie vorgeschrieben erschienen ist. Im weiteren behilft sich der Autor wieder mit Verhüllungen, wie ,, beschäftigungsloser Gepäckträger" (Zeile 62) = eine Wache des Konzentrationslagers. Der Satz ,, der Boden wird gefegt und immerzu mit einer Flüssigkeit besprengt." (Zeile 62- 63) beinhaltet die Beseitigungen der Blutspuren nach den Hinrichtungen und das Desinfizieren

Im siebten Abschnitt wird die ,, Herrentoilette" = Gaskammer kurz beschrieben, die Kammern müssen systematisch angeordnet sein, da er ,, Kabine 18" sofort entdeckt. Auch in diesem Abschnitt kommen wieder Verhüllungen vor, wie ,, Er schiebt die Münze ins Schlie ß werk der Tür" = die Person muss sich vor der betreffenden Kabine ausweisen. Was passiert jetzt? Günter Kunert beschreibt die Gedankengänge, wie Mut und Hoffnung, die in einem Menschen vorgehen, wenn man in einer Gaskammer sitzt, den Tod vor Augen hat. Dies setzt er mit einer Anapher (...,dass gar nichts passieren wird. Garnichts! Man will ihn nur einrichten, weiter nichts! (Zeile 69- 73) um. Durch eine Anapher die in Zeile 73 ,, Vertrauen! Vertrauen!" nochmal eingesetzt wird , entsteht eine Euphorie, die durch Ausrufezeichen noch verstärkt wird. Kunert verdeutlicht ganz genau, daß die Person immer noch glaubt, daß nichts passiert, ,, sie werden ihn nur einrichten" (Zeile 70- 71) dann kommt die Hoffnung ,,. .. er kann wieder nach Hause gehen..." (Zeile 72- 73) und dann das Vertauen. Im letzten Augenblick kurz vor dem Tod wird den meisten erst klar, was mit ihnen jetzt passiert und das sie zu spät angefangen haben, dagegen anzukämpfen.

Sie nehmen den Tod hin ohne jeglichen Versuch unternommen zu haben gegen den Rassenkampf anzutreten und um sich eventuell aus den politischen Verhältnissen zu lösen. Doch die NS- Macht ist so mächtig, daß sie jede Art von Aktivität gegen ihre politische Anschauung im Keim erstickt und jeder einzelne versucht den Fängen der NS zu entkommen.

Im achten und letzten Abschnitt stellt Kunert die Routine und den Skrupel der KZ- Soldaten bzw. der ,, Toilettenmänner" dar. Durch die Angabe der Zeitspanne weiß man genau, wie lange das Gas zum Einwirken und verflüchtigen braucht. Auch im letzten Abschnitt bedient sich Kunert der Verhüllungen sie schafften den Leichnam in die ,,rotziegeligen Tiefen des Zentralbahnhofes" (Zeile 79- 80) = Verbrennungsofen aus Ziegeln im Konzentrationslager. Im letzten Satz verwendet Kunert eine bildliche Beschreibung, weil jeder weiß, wie eine Lokomotive raucht und sich dies in Gedanken vorstellt ,,...über seinen Dach der Rauch angeblicher Lokomotiven hing".

Erst ab der Zeile 78 bis zum Schluß wird eigentlich klar, in welcher Zeit und Umgebung sich die Kurzgeschichte abspielt (NS- Zeit, Konzentrationslager mit den politischen Verhältnissen).

Nachdem ich mich eingehend mit der Kurzgeschichte befasst habe, war ich erst mal schockiert, wie man so ein ernstes Thema so verharmlosen kann. Doch wenn man überlegt: vielleicht wurde es damals so gesehen, die Menschen wussten (Zeile 52) ,, ja selber nichts darüber", was dort passiert ist. Der Autor benutzt so oft die verhüllten Effekte, um uns die damaligen Verhältnisse zu normalisieren, den für den Deutschen war es am Anfang der NS- Zeit ganz normal.

Wieso verwendet Günter Kunert die Überschrift der ,,Zentralbahnhof"? Ich denke er verwendet sie, weil sich auf einen Bahnhof viele Menschen unterschiedlicher Rasse, Glaubens, Klasse und Schichten treffen, die alle gemeinsam verreisen wollen. Doch hat dieser Zentralbahnhof in der Kurzgeschichte etwas Eigenartiges. Von dem jeder wusste, das niemals ein Zug eingefahren oder weggefahren ist, obwohl über dem Dach der Rauch angeblicher Lokomotiven hing. Am Schluss erkennt man, daß alles damals auf einer Lüge der NS- Macht aufgebaut wurde, die den Menschen glauben ließ, es sei wirklich nur ein Bahnhof. Doch in Wirklichkeit kamen die Menschen nur zum Sterben auf den ,, Bahnhof" = Konzentrationslager. Bei dieser Kurzgeschichte denke ich an den Film, den ich früher im KZ Buchenwald gesehen habe, wo die Menschen mit dem Zug, ohne etwas Böses zu ahnen und unter falschen Vorbehalt, zum sogenannten ,,Zentralbahnhof" gefahren sind. Alle Menschen die, dort angekommen sind, haben eine andere Art von Reise angetreten als wir sie normalerweise kennen.

Die Kurzgeschichte ist in ihrem äußeren Aufbau in klare Abschnitte gegliedert, wobei jeder Abschnitt eine bestimmte Situation beinhaltet. Beim Lesen fallen die langen Sätze mit ihren viele Kommas auf, man stellt fest das jeder Abschnitt aus ein bis drei Sätzen besteht. Durch den Satzbau und den Kommas entsteht beim lesen eine Spannungsaufbau (Zeile 20- 30) oder (Zeile 46- 69),der durch die Anapher und den Ausrufezeichen in eine kleine Euphorie kippt. Der Schluß ist weniger euphorisch, aber vom Inhalt sehr tiefgreifend und zum nachdenken anregend (Zeile 75- 84), was ein wichtiges Merkmal einer deutschen Kurzgeschichte ist. Die meisten Kurzgeschichten sind in dieser Zeit entstanden.

Die Kurzgeschichte wird in geradliniger Form erzählt, weil man ohne großes Abschweifen, direkt zur Hinrichtung gelangt.( Brief- Befehl zur Hinrichtung- Freunde, Anwalt- Letzte Nacht- Hinrichtung) Der Autor nimmt dabei die beobachtende und neutrale Erzählweise ein, weil er sich nicht in das Geschehen einmischt, sondern dem Vorgang freien lauf lässt ohne darüber zu richten.

Ein weiteres Merkmal der Kurzgeschichte ist, wir finden wenig handelnde Personen vor, nämlich nur den Betroffene (Er), der mit den Freunden und den Anwalt in Konflikt gerät. Es wird vieles beschrieben oder berichtet, wie z. B. ,, Sie haben sich, befiehlt der amtliche Druck auf dem grauen Papier, am 5. November des laufenden Jahres morgens acht Uhr in der Herrentoilette des Zentralbahnhofes zwecks Ihrer Hinrichtung einzufinden.", oder ,, Pünktlich um acht Uhr morgens betritt er am 5. Nov. den Zentralbahnhof, fröstelnd in einem kurzärmligen Sporthemd und einer Leinenhose, das leichteste, was er an derartiger Bekleidung besitzt.". Die verhüllten Effekte finden wir auch oft genug in der Kurzgeschichte, wie z.B. ,, Herrentoilette des Zentralbahnhofes"= eine Gaskammer im KZ oder ,, beschäftigungsloser Gepäckträger"= eine Wache des KZ.

Aus dem Grund , weil wir den Reportagestil und die verhüllende Effekte vorfinden. Ordne ich die Kurzgeschichte in die objektivistische Form ein.

Zum Schluß muß man sagen, ist es eine gelungene Kurzgeschichte.

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Kunert, Günter - Der Zentralbahnhof
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
6
Katalognummer
V100107
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zentralbahnhof, Kurzgeschichte
Arbeit zitieren
Heiko Behrendt (Autor), 2000, Kunert, Günter - Der Zentralbahnhof, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100107

Kommentare

  • Gast am 7.9.2001

    Nicht schlecht.

    Hi,

    na die Interpretation ist gar nicht so schlecht gelungen, denk ich zumindest nach dem ersten durchlesen!

    Tschau

    PS:weiter so

  • Gast am 12.9.2001

    günter kunert.

    sehr hilfreich!

  • Gast am 27.11.2002

    Re: günter kunert.

    Also hab heute n Deutschklausur darüber geschrieben zwei Stunden und hab ungefähr den selben Quatsch da stehen und es ist schön zusehen, dass net nur ich so denke :-)

  • Gast am 4.12.2005

    Gut gelungen.

    Gute Analyse, wobei man noch mehr auf die Überschrift hätte eingehen können... "ZENTRALbahnhof" sagt doch mehr aus als man glaubt... ;)

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