Das Sozialkreditsystem in China. Entwicklung und Funktion sowie Folgen für die chinesische Bevölkerung


Akademische Arbeit, 2018

32 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Volksrepublik China
2.1 China und die Demokratie

3. Begriffe
3.1 Sozialkreditsystem
3.2 Daten
3.3 Big Data
3.4 Algorithmen

4. Sesame Credit
4.1 Vorteile eines hohen Punktestands

5. Technologien zur Datensammlung und Überwachung
5.1 Cookies
5.2 WeChat
5.3 Gesichtserkennung

6. Der Weg zum Sozialkreditsystem in China
6.1 Planungsskizze für den Aufbau eines Sozialkreditsystems (2014-2020)

7. Sanktionen für die Bürger Chinas
7.1 Strafen bei zu niedrigem Sozialpunktestand oder unerwünschtem Verhalten
7.2 Auswirkungen des Sozialkreditsystems auf Unternehmen

8. Kritik am Sozialkreditsystem und dem Parteiapparat

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

11. Abbildungsverzeichnis

Abstract

Diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Sozialkreditsystem in China, welches der chinesischen Regierung ermöglicht, die Bevölkerung Chinas bei jedem ihrer Schritte überwa­chen zu können, zu beschreiben. Zentral für diese Arbeit waren die Fragestellungen, wie weit die Entwicklung des Sozialkreditsystems in China bereits fortgeschritten ist, wie dieses System funktioniert, sowie dessen Auswirkungen auf den Alltag der chinesischen Bevölkerung. Gear­beitet wurde mittels Literatur- und Internetrecherche mit anschließender Analyse, Interpretation und Zusammenfassung der Inhalte. Empirische Elemente sind in dieser Arbeit nicht enthalten.

Im ersten Teil wird ein Überblick über die Volksrepublik China gegeben sowie erläutert, warum diese die Demokratie bewusst ablehnt. Anschließend werden einige bedeutende Begriffe, wel­che für das Verständnis des Sozialkreditsystems erforderlich sind, erklärt, sowie mögliche Vor­teile, die sich einer angepassten Bevölkerung erschließen, angeführt. Der zweite Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Weg zum Sozialkreditsystem und den Sanktionen, mit welchen die Bürger Chinas rechnen müssen, sollten sie sich den Vorgaben und Wünschen der chinesi­schen Regierung widersetzen. Den Abschluss bilden diverse Kritikpunkte am Sozialkreditsys­tem in China und dem Parteiapparat.

1. Einleitung

Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft. Wer die Gegen- wart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit. (George Orwell)1

Soziale Medien geraten immer wieder wegen datenschutzrechtlicher Bedenken in die Schlag­zeilen. Wir alle werden rund um die Uhr mit Warnungen von Datenschutzexperten hinsichtlich des Verlustes der Vertraulichkeit von Informationen konfrontiert. Ich habe das „Sozialkredit­system in China“ als das Thema meiner vorwissenschaftlichen Arbeit gewählt, um herauszu­finden, welche Auswirkungen das Nutzen persönlicher Daten auf die Gesellschaft haben kann in einem Land mit einem politischen System, welches der dortigen Regierung freien Zugriff auf diese Daten ermöglicht.

In einer Diktatur gibt es keine demokratischen Rechte, die Herrschaftsgewalt liegt in den Hän­den einzelner Personen, Gruppen, Parteien oder Organisationen. In China liegt diese Herr­schaftsgewalt bei der Kommunistischen Partei Chinas, doch das scheint ihr nicht zu reichen, sie möchte die Diktatur neu „erfinden“. Ein System soll geschaffen werden, welches jede Per­son zu jedem Zeitpunkt, bei jedem Schritt überwachen kann. Es handelt sich hierbei um das Sozialkreditsystem in China, welches auch das Thema dieser Arbeit ist. Die Beantwortung der Leitfragen „Wie weit ist die Entwicklung des Sozialkreditsystems in China bereits vorange­schritten und wie funktioniert dieses System?“ und „Welche Auswirkungen hat die Einführung eines Sozialkreditsystems in China für die chinesische Bevölkerung?“ sind das Ziel dieser vor­wissenschaftlichen Arbeit.

Im Folgenden soll zunächst ein Einblick in die Geschichte Chinas gegeben werden mit Schwer­punkt auf dem Thema, wie die chinesische Regierung der Demokratie gegenübersteht. Im An­schluss werden Erklärungen einiger technischer Begriffe geliefert, welche für ein besseres Ver­ständnis sorgen sollen und die Überleitung zu dem bekanntesten Pilotprojekt eines Sozialkre­ditsystems in China, Sesame Credit, welches Teil der Alibaba Group ist, bilden. Anschließend setzt sich diese Arbeit mit den Möglichkeiten der Datengewinnung und -sammlung auseinan­der, welche einen zentralen Schwerpunkt des Sozialkreditsystems in China ausmachen. Bevor dann über die Planungsskizze für den Aufbau eines Sozialkreditsystems in China, welches vom dortigen Staatsrat entworfen wurde und bereits im Jahr 2020 hätte abgeschlossen werden sollen, berichtet wird, sollen einige historische Ereignisse Chinas beschrieben werden, welche die Ent­wicklung eines Sozialkreditsystems in den Augen der chinesischen Regierung notwendig ge­macht haben. Ferner wird intensiv auf diverse Sanktionen für die Bürger Chinas, welche mit einem niedrigen Sozialkredit-Punktestand einhergehen, sowie mögliche Folgen für ausländi­sche Unternehmen eingegangen. Den Abschluss dieser Arbeit bilden diverse Kritikpunkte an der Einführung eines Sozialkreditsystems und dem Vorgehen des Parteiapparates in China.

2. Die Volksrepublik China

Die Volksrepublik China wurde am 1. Oktober 1949 von Mao Zedong ausgerufen. Seitdem wird das Land von der autoritären Ein-Parteien-Regierung der Kommunistischen Partei Chinas geführt. 70 Prozent der chinesischen Bevölkerung waren zu dieser Zeit besitzlose Bauern, Ta­gelöhner und Wanderarbeiter. In den kommenden Jahren konnte die beginnende kommunisti­sche Diktatur erste Erfolge erzielen. Die Wirtschaft erreichte wieder dasselbe Niveau wie vor dem 2. Weltkrieg und es gelang, die dramatische Inflation einzudämmen. In den Jahren von 1949 bis 1952 wurde unter Mao Zedong eine große „Bodenreform“ durchgeführt, bei der große Landbesitzer systematisch enteignet und deren Land anschließend an arme Bauern verteilt wurde. Die wenigen industriellen Großbetriebe wurden verstaatlicht und die Bauern von ihrem „Befreier“ Mao Zedong dazu aufgefordert, an ihren ehemaligen Unterdrückern Rache und Ver­geltung zu üben. Mao Zedong verstand es, den Volkszorn gezielt einzusetzen und zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Infolgedessen kam es im ganzen Land zu Schauprozessen, Hetz­kampanien und zu Übergriffen, bei denen mehrere tausend Menschen gedemütigt, gefoltert und getötet wurden. Im Jahr 1956 wurde die chinesische Bevölkerung von der Kommunistischen Partei unter Mao Zedong dazu aufgerufen, konstruktive Kritik am System, der Partei und der politischen Führung auszuüben. Mao Zedong wollte die gebildete Bevölkerungsschicht Chinas mit der Aussicht auf mehr Freiheit besser in den kommunistischen Apparat integrieren. Zu Be­ginn dieser Kampagne wurde Kritik nur sehr sporadisch geäußert, doch mit der Zeit wurde die Kritik am System immer größer. Die chinesische Bevölkerung stand auf, forderte die Beseiti­gung der kommunistischen Partei und setzte sich für Presse-, Rede- und politische Freiheit ein. Es war eine Bewegung, die von der Kommunistischen Partei als gefährlich eingestuft wurde. Aus diesem Grund sahen sich die Kommunisten Chinas im Jahr 1957 dazu gezwungen, radikal einzugreifen. Jene, die zuerst von der Partei dazu aufgefordert wurden, Kritik am System zu üben, wurden nun aus eben diesem Grund verfolgt, verschleppt, mundtot gemacht, eingesperrt und hingerichtet. Bei diesem Unterfangen kamen Hunderttausende Systemkritiker um oder wurden in Arbeitslagern interniert.2 Weitere Entscheidungen und Kampagnen von Mao Zedong wie den „Großen Sprung nach vorne“ und die „Große proletarische Kulturrevolution“, welche weitere schwerwiegende Folgen mit sich zogen, werden in Kapitel 6: „Der Weg zum Sozial­kreditsystem in China“, welches sich mit den Gründen für das Misstrauen der chinesischen Bevölkerung in die Regierung beschäftigt, erläutert.

2.1 China und die Demokratie

Die „westliche Demokratie“ wird von China als ein untaugliches Ordnungsmodell angesehen und abgelehnt. Erschütterungen des demokratischen Regierens in den USA und Ländern der EU werden als Bestätigung dafür angesehen, dass traditionelle westliche Demokratien den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gewachsen sind und zunehmend Akzeptanz, auch in der westlichen Welt, verlieren. Laut den Aussagen der chinesischen Regierung müsse China einen eigenständigen Weg der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung beschrei­ten und nur durch die organisatorische Anleitung durch die Kommunistische Partei Chinas könne der Erfolg dieses Entwicklungsweges garantiert werden. Die Kommunistische Partei Chinas hält mit dieser Begründung an ihrem Machtmonopol fest, lässt keine unabhängigen po­litischen Kontrollinstanzen oder politische Konkurrenz zu und unterdrückt organisierte oppo­sitionelle Aktivitäten.3

In der chinesischen Verfassung von 1978 heißt es wie folgt:

Art. 1. Die Volksrepublik China ist ein sozialistischer Staat unter der demo­kratischen Diktatur des Volkes, der von der Arbeiterklasse geführt wird und auf dem Bündnis der Arbeiter und Bauern beruht.

Art. 2. Die Kommunistische Partei Chinas ist der führende Kern des ganzen chinesischen Volkes. Die Arbeiterklasse führt den Staat durch ihre Vorhut, die Kommunistische Partei Chinas. Marxismus-Leninismus und Maotsetun- gideen sind die Ideologie, von der sich die Volksrepublik China leiten lässt.4

Der Aufbau der politischen Institutionen Chinas wurde durch keine der bisherigen Verfassungs­änderungen angetastet. Die Kommunistische Partei Chinas steht über der Verfassung und über dem Volk. Die Verfassung der Volksrepublik China ist ein politisches Dokument, es gibt keine gerichtlichen Instanzen wie etwa ein Verfassungsgericht, welches ermöglicht, die konstitutio­nell zugesicherten Rechte einzuklagen. Die Einführung des Internets und sozialer Medien wurde aus westlicher Sicht als Chance für Chinas Gesellschaft angesehen, um Informationen abseits des Informationsmonopols der chinesischen Führung zu erhalten. Doch entgegen der Erwartungen wurden bald Technologien entwickelt, welche eine detaillierte Erfassung indi- vidueller Aktivitäten und Präferenzen in Gesellschaft und Märkten erlaubt. Die autoritären Kontrollstrukturen des Regierungssystems verschmelzen zunehmend mit der zentralisierten Verarbeitung großer und heterogener Datenmengen (Big Data). Unter der Anleitung der Kom­munistischen Partei Chinas entwickelt sich in China ein IT-gestützter Autoritarismus. Diese Entwicklung spiegelt sich im sogenanntem Sozialkreditsystem wider. Es besteht die Gefahr, dass ähnliches auch in anderen autoritären Staaten der Welt umgesetzt wird.5

3. Begriffe

Um die Funktion des Systems besser verstehen zu können, werden im Folgenden die wichtigs­ten Begriffe definiert.

3.1 Sozialkreditsystem

Unter einem Sozialkreditsystem ist im Allgemeinen ein datengestütztes, digitales Überwa- chungs-, Erfassungs- und Ratingsystem zu verstehen, welches sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen und Organisationen mittels eines Punktesystems bewertet.6

Das erste landesweite Sozialkreditsystem mit verpflichtender Teilnahme hätte bereits im Laufe des Jahres 2020 in China eingeführt werden sollen. Bisher ist jedoch nur die Existenz einzelner Pilotprojekte mit teils unterschiedlichen Ansätzen und Herangehensweisen bekannt. Derzeit finden schätzungsweise 70 solcher Projekte statt. Durch die Einführung dieses Systems in China soll erreicht werden, dass die Bürger ihr Verhalten verstärkt am Allgemeinwohl orien­tieren. Das Sozialkreditsystem soll die Einwohner Chinas unter anderem dazu motivieren, sich vorbildlich, sozial und regierungstreu zu verhalten, beispielsweise durch die Ausführung ge­meinnütziger Arbeit. Die chinesische Regierung erwartet sich als Resultat der Einführung eines Sozialkreditsystem mehr Ehrlichkeit und Vertrauen innerhalb der Gesellschaft.7

3.2 Daten

Die folgende Beschreibung des Datenbegriffs beschränkt sich auf digitale Daten. Digitale Da­ten sind einzelne Elemente, die aneinandergereiht eine Information repräsentieren. Sie werden durch die Länge des Datenwortes bestimmt und durch die Umsetzung der binären Einheiten (Bits) zu alphanumerischen Zeichen (Buchstaben, Ziffern und Symbole). Da digitale Daten nicht durch menschliche Sinne aufgenommen werden können, werden sie in datenverarbeiten­den Anlagen (Computer, Prozessoren, Zentraleinheiten) verarbeitet und anschließend in Spei­chersystemen gespeichert.8 Dargestellt werden können diese Daten dann in Form von binären Werten, aus nur zwei Zahlen: 0 und 1. Ein Bit bildet hierbei die kleinste Einheit von Daten und stellt nur einen einzigen Wert dar, ein Byte ist bereits acht Binärziffern lang. In der Regel spricht man bei Datenmengen jedoch von Mega-, Giga-, und Terabyte.

3.3 Big Data

Big Data bezeichnet Datenbestände, die so groß, schnelllebig oder komplex sind, dass sie mit herkömmlichen Methoden nicht oder nur schwer verarbeitet werden können. Der Begriff „Big Data“ jedoch gewann erst Anfang der 2000er Jahre an Bedeutung, als der Branchenanalytiker Doug Laney im Jahr 2001 die heute anerkannte Definition von Big Data wie folgt in seinem 3- V-Modell formulierte.9

1) Volume (Volumen): Das bisher noch nie dagewesene Volumen an Daten (es wird davon ausgegangen, dass das „digitale Universum“ bis 2025 180 Zettabyte erreichen wird). Die neue Herausforderung, die sich dadurch ergibt, besteht deshalb nicht mehr länger darin, diese Daten abzuspeichern, sondern die relevanten Daten aus diesen gigantischen Datenmengen zu identifizieren und diese gezielt zu nutzen.
2) Velocity (Geschwindigkeit): Von Jahr zu Jahr werden immer mehr Daten generiert. Um einige Beispiele zu nennen:

- In einer Minute gehen bei Google mehr als 3,8 Millionen Suchanfragen ein.
- In derselben Zeit senden E-Mail-Benutzer 156 Millionen Nachrichten und 243.000 Fotos werden von Facebook-Nutzern hochgeladen.

Datenwissenschaftler werden dadurch vor die Herausforderung gestellt, Wege zu fin­den, um diese riesigen Datenmengen zu erfassen, zu verarbeiten und zu nutzen, sobald diese eingehen.

3) Variety (Vielfalt): Daten nehmen unterschiedliche Formen an. Zum einen gibt es struk­turierte Daten; diese können in Spalten einer Datenbank organisiert werden, was abru­fen, speichern und analysieren einfach gestaltet. Zum anderen gibt es unstrukturierte Daten, wie zum Beispiel E-Mails, Beiträge auf sozialen Medien, sowie Audio-, Video- und Fotodateien. Die Sortierung und Extrahierung dieser Daten ist erheblich schwieri- ger.10

3.4 Algorithmen

Ein Algorithmus ist eine Reihe von Anweisungen, die Schritt für Schritt ausgeführt werden, um ein Problem zu lösen oder eine Aufgabe zu bewältigen. Der Schriftsteller Werner Stangl defi­niert einen Algorithmus wie folgt11:

Ein Algorithmus bezeichnet eine systematische, logische Regel oder Vorge­hensweise, die zur Lösung eines vorliegenden Problems führt.12

Folgende Eigenschaften treffen auf einen Algorithmus zu:

1) Bei gleicher Eingabe liefert ein Algorithmus immer die gleiche Ausgabe, er ist somit determiniert.
2) Der nächste Rechenschritt eines Algorithmus ist zu jedem Zeitpunkt anhand der bishe­rigen Zwischenergebnisse klar vorgegeben. Diese Eigenschaft wird mit dem Ausdruck deterministisch beschrieben.
3) Da der Quelltext eines Algorithmus nur aus einer begrenzten Anzahl von Zeichen be­stehen kann und ihm für jedem Rechenschritt ein begrenzter Speicherplatz zu Verfü­gung steht, ist er finit.
4) Sollte ein Algorithmus bei einer Eingabe nach endlich vielen Schritten zu keinem Er­gebnis kommen, wird der Rechenvorgang kontrolliert abgebrochen, sodass keine End­losschleife entsteht. Ein Algorithmus ist deshalb terminiert.
5) Um schneller zu einem Ergebnis zu kommen, sollte jede Anweisung eines Algorith­mus einen bestimmten sowie sinnvollen Zweck erfüllen. Ein guter Algorithmus ist da­her effektiv.13

Algorithmen nehmen vor allem im Bereich „Big Data“ eine entscheidende Rolle ein, da mit ihnen große Datenmengen nach Mustern und Zusammenhängen durchsucht werden können.14

4. Sesame Credit

Das wohl bekannteste Beispiel eines Pilotprojektes für das Sozialkreditsystem in China ist Teil der Alibaba Group. Die Teilnahme an Sesame Credit steht hierbei jedem Kunden von Alibaba frei. Nach der Aktivierung dieses Dienstes starten die Nutzer in der Regel mit 600 Punkten, sofern keine Vergehen bekannt sind. Der niedrigste zu erreichende Punktestand sind 350 Punkte und der höchste zu erreichende Punktestand sind 950 Punkte.15

Folgende Kriterien nehmen Einfluss auf den Punktestand von Sesame Credit:

- Die allgemeine Kredithistorie: Ausschlaggebend ist die pünktliche Zahlung von Gas und Strom, da dies in China oft über Alipay erledigt wird. Zudem gibt es Punkteabzüge, wenn Personen beim Kauf von Artikeln im Internet nicht mehr genügend Guthaben ha­ben und somit ihre Kreditkarte überziehen.
- Das Online-Verhalten der Internetnutzer: Besonderes Augenmerk wird auf die getätig­ten Einkäufe gelegt. Sollte zum Beispiel jemand viele Produkte für Babys kaufen, wird diese Person vom Algorithmus als verantwortungsbewusster Elternteil eingestuft. Ein weiterer Bereich, der in die Punktevergabe einfließt, ist die Nutzungsdauer des Internets der einzelnen Personen. Jemand, der täglich 10 Stunden im Internet verbringt, wird mit Punkteabzügen rechnen müssen, da dieser mit seinem Verhalten der chinesischen Wirt­schaft schadet, denn eine Person, welche genug Freizeit hat, um mehrere Stunden pro Tag im Internet zu verbringen ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht berufstätig und lebt auf Kosten anderer. Dieser Zustand gilt bei der chinesischen Regierung als uner­wünscht.
- Das Kontaktnetzwerk: Hierbei wird vor allem darauf geachtet, wie viele Kontakte die Nutzer haben und wie die Interaktionen zwischen diesen ablaufen. Unter anderem wer­den bei der Punktevergabe Äußerungen über die Regierung miteinbezogen, wobei po­sitive Äußerungen mit einer Zunahme der Punkte verbunden sind, kritische Äußerungen wiederum führen zu Punkteabzügen.16

4.1 Vorteile eines hohen Punktestands

Seit November des Jahres 2017 ist es Nutzern von Sesame Credit, welche einen Punktestand von über 650 Punkte haben möglich, ihre Wartezeiten in an diesem Programm teilnehmenden Krankenhäusern um bis zu 60% zu verkürzen. Diese Zeiteinsparung ist vor allem dadurch mög­lich, dass jene Menschen mit einem Punktestand ab 650 Punkten sich nicht mehr anstellen müs­sen, um ihre medizinische Untersuchung und anschließend ihre Medikamente im Voraus zu bezahlen. Stattdessen können sich diese bereits mit ihrem Smartphone im Krankenhaus regist­rieren. Der Betrag für die medizinische Untersuchung wird automatisch abgebucht und der Per­son wird eine Nummer zum Aufsuchen des Arztes zugeteilt. Nach der Untersuchung kann der Patient sich sofort seine Medikamente abholen, auch hier werden die Kosten für die Medika­mente automatisch abgebucht. Ein regulärer Arztbesuch in China nimmt in der Regel über zwei Stunden Zeit in Anspruch. Mit einem Sesame Credit Punktestand von über 650 Punkten jedoch ist es möglich, die meisten Arztbesuche in unter einer Stunde zu erledigen. Des Weiteren bietet Sesame Credit Personen mit einem Punktestand von über 700 Punkten bei Einkäufen auf der von der Alibaba Group betriebenen E-Commerce Plattform Tmall die Möglichkeit, Produkte auszuprobieren. Sollte dem Verbraucher das Produkt nicht gefallen, kann er den Artikel kos­tenlos zurückschicken. Häufig finden auch Werbeaktionen von Marken und Unternehmen in Zusammenarbeit mit Sesame Credit statt. So können Personen ab einem gewissen Punktestand unter anderem ein neues Auto oder auch ein Smartphone für einige Tage kostenlos verwenden, ohne es danach kaufen zu müssen (Abbildung 1).17

Ein weiterer Vorteil eines hohen Punktestandes ist die Aufnahme von Krediten des Online­Kreditdienstes Huabei. Personen mit einem Punktestand von über 750 Punkten ist es zum Bei­spiel möglich, bis zu 20.000 RMB (2.500 Euro) zu leihen. Zudem ist Sesame Credit eine Part­nerschaft mit den Bike-Sharing-Plattformen Hello Bike und Ofo eingegangen. Nutzern von Se­same Credit mit einem Punktestand von über 650 Punkten dürfen damit Fahrräder ausborgen, ohne eine Anzahlung zu tätigen. Auch an einigen Bahnhöfen in China wurden bereits eigene Logen für Sesame Credit Mitglieder errichtet, welche einen Punktestand von über 650 Punkten aufweisen.18

[...]


1 Orwell, George: 1984 (Neu übersetzt von Jan Strümpel). München: Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2021, S.46f Vgl. Strittmatter, Kai: Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert. 7. Auflage. München: Piper Verlag GmbH, 2019, S.180f

2 Vgl. Delvaux de Fenffe, Gregor: China unter Mao: 1949-1966 29.07.2016. https://www.planet-wissen.de/ge- schichte/diktatoren/mao zedong gnadenloser machtmensch/pwiechinauntermao100.html [Zugriff: 26.01.2021]

3 Vgl. Heilmann, Sebastian/Stepan, Matthias/Wessling, Claudia/Ohlberg, Mareike: Charakteristika des politi­schen Systems 07.09.2018. https://www.bpb.de/internationales/asien/china/44270/charakteristika-des-politi- schen-systems?p=0 [Zugriff: 25.12.2020]

4 Vgl. Verfassung der Volksrepublik China (1978). http://www.verfassungen.net/rc/verf78-i.htm [Zugriff: 25.12.2020]

5 Vgl. Heilmann, Sebastian/Stepan, Matthias/Wessling, Claudia/Ohlberg, Mareike: Charakteristika des politi­schen Systems 07.09.2018. https://www.bpb.de/internationales/asien/china/44270/charakteristika-des-politi- schen-systems?p=0 [Zugriff: 25.12.2020]

6 Vgl. Ionis by 1&1: Social-Credit-System in China: Bewertungssystem mit weitreichenden Folgen 05.10.2020. https://www.ionos.de/digitalguide/online-marketing/web-analyse/was-ist-das-social-credit-system/ [Zugriff: 26.10.2020]

7 Vgl. Ionis by 1&1: Social Credit System in China: Bewertungssystem mit weitreichenden Folgen 2020.

8 Vgl. ITWissen.info: Daten 10.07.2019. https://www.itwissen.info/Daten-data.html [Zugriff: 04.01.2021]

9 Vgl. SAS: Big Data. Was es ist und was man darüber wissen sollte. https://www.sas.com/de de/insights/big- data/what-is-big-data.html [Zugriff: 04.01.2021]

10 Vgl. University of Wisconsin, Data Science: What is Big Data? https://datasciencedegree.wisconsin.edu/data- science/what-is-big-data/ [Zugriff: 04.01.2021]

11 Vgl. Schanze, Roberts: Was ist ein Algorithmus? Einfach erklärt 07.06.2017. https://www.giga.de/ratge- ber/specials/was-ist-ein-algorithmus-einfach-erklaert/ [Zugriff: 04.01.2021]

12 Schanze: Was ist ein Algorithmus? 2017.

13 Vgl. Schanze, Roberts: Was ist ein Algorithmus? Einfach erklärt 07.06.2017. https://www.giga.de/ratge- ber/specials/was-ist-ein-algorithmus-einfach-erklaert/ [Zugriff: 04.01.2021]

14 Czernik, Agnieszka: Was ist ein Algorithmus - Definition und Beispiele 14.10.2016. https://www.dr-daten- schutz.de/was-ist-ein-algorithmus-definition-und-beispiele/ [Zugriff: 03.02.2021]

15 Vgl. Koetse, Manya: Insights into Sesame Credit & Top 5 Ways To Use a High Sesame Score 07.11.2018. https://www.whatsonweibo.com/insights-into-sesame-credit-top-5-ways-to-use-a-high-sesame-score/ [Zugriff: 27.10.2020]

16 Vgl. Koetse, Manya: Insights into Sesame Credit & Top 5 Ways To Use a High Sesame Score 07.11.2018.https://www.whatsonweibo.com/insights-into-sesame-credit-top-5-ways-to-use-a-high-sesame-score/ [Zugriff: 27.10.2020]

17 Vgl. Koetse, Manya: Insights into Sesame Credit & Top 5 Ways To Use a High Sesame Score 07.11.2018.https://www.whatsonweibo.com/insights-into-sesame-credit-top-5-ways-to-use-a-high-sesame-score/ [Zugriff: 27.10.2020]

18 Vgl. Koetse, Manya: Insights into Sesame Credit & Top 5 Ways To Use a High Sesame Score 07.11.2018. https://www.whatsonweibo.com/insights-into-sesame-credit-top-5-ways-to-use-a-high-sesame-score/ [Zugriff: 27.10.2020] Vgl. Koetse: Insights into Sesame Credit & Top 5 Ways To Use a High Sesame Score 2018.

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Details

Titel
Das Sozialkreditsystem in China. Entwicklung und Funktion sowie Folgen für die chinesische Bevölkerung
Autor
Jahr
2018
Seiten
32
Katalognummer
V1001109
ISBN (eBook)
9783346373922
ISBN (Buch)
9783346373939
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sozialkreditsystem, china, entwicklung, funktion, folgen, bevölkerung
Arbeit zitieren
Benedikt Beer (Autor:in), 2018, Das Sozialkreditsystem in China. Entwicklung und Funktion sowie Folgen für die chinesische Bevölkerung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1001109

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