Das ländliche Frankreich im 19. Jahrhundert in der Novelle "Aux Champs" von Guy de Maupassant. Analysenansätze der naturalistischen Theorie des Milieus


Hausarbeit, 2021

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein Porträt von zwei Familien im 19. Jahrhundert
2.1 Einführung zu dem Milieu im Naturalismus
2.2 Wirkungen des Milieus in Aux Champs
2.3 Die Personenrede in Aux Champs

3 Schlussbetrachtung

1. Einleitung

Guy de Maupassant leistet in seinem Leben einen wichtigen Beitrag für die französische Literatur. Er tut das, indem er realistische und naturalistische Prosaerzählungen schreibt, die verschiedene Elementen der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts abbilden.

In der vorliegenden Arbeit steht die Novelle Aux Champs im Mittelpunkt. Dieses Werk ist besonders interessant, weil Maupassant in einer Kurzgeschichten durch ein realistisches Szenario wichtige soziale Problematiken seiner Epoche darstellt. Er fokussiert sich in Aux Champs auf die unterschiedlichen Lebensbedingungen und Weltansichten von Bürgern und Bauern. Darüber hinaus ist die Novelle nicht nur eine soziologisch, sondern auch eine soziolinguistisch interessante literarische Abbildung, da sie Differenzierungen in der Figurenrede aufweist, die zu der Zugehörigkeit der Charakteren zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zurückzuführen ist.

In Aux Champs rekonstruiert der Autor die Erzählung und Inszenierung der Handlungen und die damalige Sprachregister nach wissenschaftlichen Stilprinzipien, die typisch der naturalistischen Strömung sind. Auf deren Grundlage ist es möglich, ein besseres Verständnis der Dichotomie der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu erlangen. Aux Champs ist daher für den heutigen Leser ein wichtiges Porträt des Lebens und der diastratischen Varietäten des 19. Jahrhunderts in Frankreich.

In dieser Arbeit möchte ich herausfinden, welche Rolle die naturalistische Theorie des Milieus in Aux Champs spielt und welche seine Merkmale in der Novelle sind. Darüber hinaus möchte ich auch die Figurenrede untersuchen und dabei herausfinden, welche sprachliche Merkmale sie kennzeichnen und was ihre Wirkung in der Erzählung ist.

Allerdings werde ich meine Untersuchung auf das Milieu und den Soziolekt der Landbevölkerung einschränken. Das Vorgehen wird drei Abschnitte umfassen. Im ersten Abschnitt werde ich das Konzept vom Milieu im Rahmen des Naturalismus definieren und eine Einführung davon in Bezug auf Aux Champs einleiten. Im zweiten Abschnitt des Textes werde ich die direkt dargestellten Merkmalen der Bauernfamilien, die ihr Milieu ausmachen, in Betracht beziehen und darauf aufbauend werde ich im dritten Teil, die Kennzeichen ihres Soziolekts einordnen und analysieren. Die Forschung wird anhand von ausgewählten Abschnitten des Originaltextes verlaufen und wird das Text auf der stilistischen, semantischen und syntaktischen Ebene untersuchen.

Ein Fazit der Analyse bezüglich der Forschungsfragen und ein Ausblick beschließen die Arbeit.

2. Ein Porträt von zwei Familien im 19. Jahrhundert

2.1 Einführung zu dem Milieu im Naturalismus

Die Milieutheorie1 wurde vom französischen Philosophen Hippolyte Taine als eine der theoretischen Grundlagen des Naturalismus2 begründet. Dementsprechend ist seine entwicklungspsychologische Theorie auch in Aux Champs von Maupassant angewendet worden.

Die Elementen eines Milieus in einem naturalistischen Werk sind: der Ort der Erzählung, das Eigentum der Figuren, ihre Lebensbedingungen und ihr soziales Umfeld.

Aufgrund dessen konstituiert das Milieu ein impliziter Teil der gesellschaftlichen Darstellung. Insofern erscheint die Analyse dessen Merkmalen und Wirkungen in Aux Champs sinnvoll, um das nachgebildete Gesellschaftsbild sämtlich untersuchen zu können und um die Handlungsabläufe vollständig begreifen zu können.

Bevor man die Geschichte überhaupt liest, ist der Titel der Novelle selbst das erste Schlüsselwort über den Ort der Erzählung. Darauf folgt eine detaillierte Deskription des Ortes der Handlung und deren Hauptcharakteren in den ersten Zeilen. Die eben genannte Beschreibung und mithin die ganze Erzählung werden von einem heterodiegetischen Erzähler mit einer Nullfokalisierung3 durchgeführt, was sich an eine in der naturalistischen Literatur angestrebte wissenschaftliche4 Erzählungsweise am besten annähert.

2.2 Wirkungen des Milieus in Aux Champs

Das Milieu der Bauernfamilien erlaubt dem fiktiven Leser beide die dargestellten explizit-direkte5 und die implizit-indirekte6 Innenweltdarstellungen der Figuren wissenschaftlich nach dem Kausalitätsprinzip7 erklären zu können. Da ihre Verhaltensweisen, nach der Milieutheorie, zu ihrer Herkunft, ihrer Lebensbedingungen und soeben zu ihrem sozialen Umkreis zurückzuführen sind. Genauso sind die erwähnten Elementen auch der Grund dafür, dass sich ihr Leben im Laufe der Erzählung verbessern oder verschlechtern wird.

In der folgenden Tabelle Tab. (N. 1) werden erstmal8 die9 Textstellen aufgelistet, die die Merkmalen des Milieus der10 Bauernfamilien ausmachen.

Tab. (N. 1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mithilfe der Analyse der11 gesammelten12 Daten aus13 der Tab. (N. 1) ist es möglich die Merkmale des14 Milieus der15 Bauernfamilien16 weiter qualitativ in Tab. (N. 2) zu definieren.

Tab. (N. 2)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Tab. (N. 2) sind die Daten17 aus Tab.18 (N. 1) nach19 semantischen20 Kriterien21 22 23 jeweils zu den Kategorien Armut und Kärglichkeit, harte Arbeit und Lebensbedingungen und zum Schluss mangelhafte Individualisierung zugeordnet. Die eben genannten Kategorien charakterisieren die Milieubestandteile in Aux Champs, die die Bauernfamilien beeinflussen.

Die Ausgangssituation, in der die Tuvache und die Vallin durch ihr Milieu gleichgestellt sind24, wird in der Erzählung durch die Anforderung eines bürgerlichen Paars an den beiden Familien modifiziert : Mme d´Hubières möchte unbedingt eins der kleinen Kinder der Tuvache mitnehmen25 und will der Familie dafür monatlich Geld auszahlen26. Obwohl die Tuvache das Angebot trotz des Geldes ablehnen,27 versuchen die d´Hubières auch das kleine Kind der Vallin gegen Geld zu nehmen28 und die Familie nimmt das Angebot an29. Ihre Armut und harte Lebensbedingungen bringen die Eltern der Bauernfamilien zu dieser schwierigen Überlegung, die ihr Leben verändern könnte und beide Familien sind damit konfrontiert, da ihre Kinder durch unzureichende Individualisierung30 charakterisiert sind.

Ihr Milieu bringt sie zu der eben illustrierten Herausforderung. Allerdings reagieren die beiden Familien anders darauf.

In der ersten Konfrontation hatte Mme d´Hubières mit Emotivität zu den Tuvache gesprochen : „Nous n’avons pas d’enfants ; nous sommes seuls, mon mari et moi … Nous le garderions … voulez-vous ? “31.

Meiner Hypothese nach ist es möglich, dass M. d´Hubières durch seine verstärkte Rhetorik es geschafft hat, im zweiten Gespräch die Vallin zu überzeugen : „M. d’Hubières recommença ses propositions, mais avec plus d’insinuations, de précautions oratoires, d’astuce.“32.

[...]


1 „Der Milieutheorie zufolge wird der Mensch von dem Umfeld, also dem Milieu, in das er hinein geboren wird und in dem er aufwächst, bestimmt“ Stangl zit. in Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, (24.12.2020).

2 Unter Naturalismus wird „europäischer Kunststil zu Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts, der eine möglichst naturgetreue Darstellung der Wirklichkeit (besonders auch des Hässlichen und des Elends) erstrebte und auf jegliche Stilisierung verzichtete“ verstanden Duden Online Wörterbuch, (24.12.2020).

3 Ich beziehe mich im Text auf die Erzählerkategorien von Gerard Genette.

4 Hiermit beziehe ich mich auf eine möglichst objektive Erzählungsweise, die die Gesellschaft, ohne sie willkürlich zu ändern, darstellen kann. Infolgedessen wird auch das Hässliche in der naturalistischen Literatur behandelt.

5 Unter explizit-direkte Innenweltdarstellungen werden hier : „wörtliche Rede, Gedankenbericht, Erlebte Rede(und) innerer Monolog“ verstanden Jost Schneider, Einführung in die Roman-Analyse, S. 75.

6 Unter implizit-indirekte Innenweltdarstellungen werden hier : „die Beschreibung von vielsagender äußerlichkeiten : Mimik, Gestik, Verhaltensweisen“ verstanden Ebd., S. 75.

7 „Kausalität bezeichnet die Vorstellung eines Menschen, dass jedes Ereignis durch ein vorangegangenes Ereignis (Ursache=lat. causa) hervorgerufen wird“ Stangl zit. in Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, (25.12.2020).

8 „Maison rurale couverte de chaume“ ; „Maison simple ou pauvre (cf. cabane, chaumine). Chaumière de paysan“Centre National de Ressources Textuelles et Lexicales, (25.12.2020).

9 Diese und alle weiteren Primärtextzitate sind entnommen aus : Guy de Maupassant, Aux Champs, o.-O. 2016, und werden im Folgenden durch Seitenangaben in Klammerschreibweise gekennzeichnet.

10 Hervorhebung des ländlichen Charakter des Ortes.

11 „Édifice, maison en ruines; habitation misérable, délabrée “ Centre National de Ressources Textuelles et Lexicales, (25.12.2020).

12 „L'abri est un lieu (au sens propre); mais il apporte une protection plutôt morale“Centre National de Ressources Textuelles et Lexicales, (25.12.2020). Betonung auf den Schutz vor der Schwierigkeiten der externen Welt.

13 „Travailler péniblement, s'occuper de travaux médiocres pour un maigre résultat“Centre National de Ressources Textuelles et Lexicales, (26.12.2020).

14 Hier die Antithese zwischen der harten Arbeit der Bauern und jedoch der Unfruchtbarkeit der Erde, die sie bebauen, zeigt ihre schwierige Lebensbedingungen.

15 Hier bezieht sich der Erzähler auf die Kinder der Bauernfamilien , die als „produits dans le tas“ bezeichnet werden. Diese konstituiert eine Analogie zum Vokabular der Aufzucht in Bezug auf die Kindererziehung.

16 „Au prix de beaucoup d'effort, de fatigue, de souffrance physique“Centre National de Ressources Textuelles et Lexicales, (26.12.2020).

17 Die dreiteilige Reihung betont die Kärglichkeit der Mahlzeit Bauernfamilien. Die Inkompatibilität des letzten Gliedes mit dem Essensvokabular unterstreicht ihre Armut.

18 „Mélange d'aliments formant une pâte dont on nourrit certains animaux domestiques LeRobert Dico en Ligne, (26.12.2020).

19 Der Vergleich macht hier die Analogie zur Tierwelt und zur Aufzucht mit der Versorgung der Kinder explizit.

20 Metapher, die die bescheidene Lebensbedingungen des Kindes unterstreicht.

21 „ manger avec lenteur“ ; „parcimonieusement“ ; „un peu“ ; „une assiette entre eux deux“ dadurch ist die Mahlzeit durch Mangel charakterisiert.

22 „Faire un travail physique très pénible, travailler très durement“Centre National de Ressources Textuelles et Lexicales, (26.12.2020).

23 Hiermit beziehe ich mich auf die analysierte denotative und konnotative Bedeutung von den ausgewählten Textstellen aus Tab. 1

24 „Les deux chaumières étaient côté à côté (…) les mariages et, ensuite les naissances, s’étaient produits à peu près simultanément dans l’une et l’autre maison“ Guy de Maupassant, Aux Champs, S. 1.

25 „je voudrais bien emmener avec moi votre … votre petit garçon” Ebd. : S. 4.

26 „on vous servira jusqu’à votre mort une rente de cent francs par mois“ Ebd. : S. 5.

27 „Vous voulez que j‘ vous vendions Charlot ? Ah ! mais non (…) Ce s’rait une abomination“ Ebd. : S. 5

28 „ – Mais l´autre petit n´est pas à vous ? (…) – Non, c’est aux voisins ; vous pouvez y aller si vous voulez.” Ebd. : S. 6-7.

29 „Cent francs par mois, c’est point suffisant pour nous priver du p’tit“ Ebd. : S. 8.

30 Ich vermute, dass das nicht nur an das gleiche Milieu liegt, sondern auch an die Abwesenheit von Bildung . Im Rahmen der Arbeit ist nicht möglich diese Hypothese nachzugehen.

31 Ebd. : S. 4.

32 Ebd. : S. 7.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das ländliche Frankreich im 19. Jahrhundert in der Novelle "Aux Champs" von Guy de Maupassant. Analysenansätze der naturalistischen Theorie des Milieus
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Seminar: sprachwissenschaftliche Analyse literarischer Texte
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
14
Katalognummer
V1001135
ISBN (eBook)
9783346374318
ISBN (Buch)
9783346374325
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maupassant, GuydeMaupassant, Naturalismus, Naturalisme, AuxChamps, Novelle, Patois, DIalekte, Normandie, Bourgeoisie, Bürgertum, Land, 19esiècle, 19Jahrhundert, littératurefrançais
Arbeit zitieren
Vittoria Guarino (Autor), 2021, Das ländliche Frankreich im 19. Jahrhundert in der Novelle "Aux Champs" von Guy de Maupassant. Analysenansätze der naturalistischen Theorie des Milieus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1001135

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