"Die Gruppe 47" und der Einfluss ihrer "Trümmerlitaratur". Entwicklung, Ziele und Ideologie der Gruppe


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

8 Seiten, Note: 10 Punkte


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Die Gruppe 47

,,Wir waren ü berzeugt davon, da ß der Mensch mit Hilfe des Wortes, d.h. der Literatur, ver ä ndert werden kann. Wir wollten die Mentalit ä t der Deutschen grunds ä tzlich ver ä ndern, weg vom obrigkeitsstaatlichen Danken, hin zum demokratischen. Und daf ü r schien uns die Literatur das geeignete Mittel.

Wir glaubten, langfristig werde die Mentalit ä t eines Volkes von seiner Literatur gepr ä gt."1 Hans Werner Richter Nichts hat die Lage der Literatur in Nachkriegsdeutschland ähnlich genau wiedergegeben und geprägt wie die Gruppe 47. Man wollte weg von den alten Idealen und Traditionen, hin zu ursprünglicher Einfachheit und sachlicher Wahrheit. Die zu der Gründungszeit der Gruppe 47 allgemein vorherrschende Tendenz der inneren und äußeren Leere, oft auch unter den Begriffen ,,Kahlschlag-" und ,,Trümmerliteratur" zusammengefasst, war aber bei weitem nicht die einzige Richtung die innerhalb der Gruppe 47 eingeschlagen wurde. Binnen ihrer langjährigen Existenz kristallisierten sich immer wieder neue, unterschiedliche Tendenzen heraus.

Hans Werner Richter, Gründungsmitglied und eigentliches Herz der Gruppe, gab schon im Jahre 1946 die zusammen mit Alfred Andersch, im Zuge des re-education Programms der USA, in München gegründete Zeitschrift, die ,,Unabhängigen Blätter für die junge Generation", den ,,Ruf", heraus. Es beteiligten sich durchweg junge, damals noch unbekannte Autoren von links-demokratischer Gesinnung, so zum Beispiel Gustav René Hocke, Walter Maria Guggenheimer, Hans Sahl, Karl Krolow und Wolfdietrich Schnurre. Ihre Themen bezogen sie auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in Nachkriegsdeutschland, gesehen mit den Augen der Jugend. Dabei verfolgten sie das Ziel, die deutschen Jugendlichen, die ja schließlich gar keine andere Politik als die totalitäre und diktatorische Herrschaft des Hitlerregimes kannten, aufzuklären um so eine breite Hinwendung zur Demokratie bewirken.

Dennoch wurde dem ,,Ruf" im April 1947 von der ,,Information Control Division" der US- Militärregierung wegen Nihilismus die zum verlegen nötige Lizenz entzogen, der Druck der Zeitschrift mußte zwangsläufig eingestellt werden.

Doch Richter hatte schon Pläne für eine neue, dem ,,Ruf" ähnliche, Zeitschrift ins Auge gefaßt, die er unter dem Namen ,,Der Skorpion" veröffentlichen wollte. Also wurde September 1947 ein Treffen im Haus der Schriftstellerin Ilse Schneider-Lengyel am Bannwaldsee organisiert zu dem die Mitarbeiter des jüngst verschiedenen ,,Rufs" sowie einige Freunde und Bekannte Richters eingeladen worden waren. Da jedoch abermals die Lizenz für den US-Sektor verweigert wurde, konnte außer einem Probeexemplar in niedriger Auflage keine weitere Ausgabe verlegt werden. Dies war den in Füssen Anwesenden durchaus bewußt und man besann sich auf eine Tätigkeit, gegen die die amerikanische Militärregierung wohl nichts unternehmen konnte: Die Anwesenden Autoren trugen jeweils einen Text vor, danach wird dessen Inhalt untereinander kritisierten und diskutiert, die ,,Gruppe 47" war entstanden.

Um die Wahl des Namens ,,Gruppe 47" ranken sich einige Legenden. Zum Einen gibt es die einfachste aller Erklärungen, daß sich der Name direkt auf das Gründungsjahr 1947 bezieht. Dazu ist noch der feine Zusatz zu finden, daß dieser nach dem Vorbild der spanischen Gruppe 98 entstand, die sich 1898 die Erneuerung der spanischen Gesellschaft und Literatur nach dem verlorenen Krieg gegen die USA zum Ziel gesetzt hatte. Zum Anderen behauptet einer der Gründungsväter, Wolfgang Bächler, daß sich die Zahl 47 keineswegs auf das Jahr 1947 bezieht, sondern auf die Anzahl der Anwesenden (laut Bächler 47), was aber wohl eher scherzhaft zu verstehen ist.

Die Anreize und Ziele der Gruppe waren denen des ,,Rufs" sehr ähnlich, so wollten auch Richter, der sich selbst als ,,primus inter pares" bezeichnete, und seine Gäste die Wiederaufarbeitung der deutschen Vergangenheit, wobei das Eingeständnis der eigenen Mitschuld inbegriffen ist, die Förderung junger begabter Autoren, sowie eine Um- und Neugestaltung der deutschen Kultur- und Gesellschaftsform.

In den folgenden Jahren trafen sich die von Tagung zu Tagung wechselnden Autoren ein- bis zweimal jährlich, um sich der Folter des sogenannten ,,elektrischen Stuhls" auszusetzen, der stets neben Hans Werner Richter postiert wurde. Auf diesem trug man seinen Text, sein Stück oder Gedicht (von welcher Art der Vortrag war blieb dem Autor überlassen) und verließ ihn entweder hochgelobt oder gnadenlos verschmäht. Allerdings war das Urteil der Teilnehmer äußerst selten einstimmig, oft stritt man sich auch untereinander, wie das Vorgetragene denn nun zu deuten sei ohne zu einem konkreten Ergebnis zu kommen.

Richter legte enormen Wert darauf, daß ,,die Gruppe die eigentlich gar keine war", da sie weder Mitgliederregister noch eine konkrete Organisation besaß, ausschließlich von ihm persönlich neu zusammengestellt wurde, den genauen Ablauf der Tagungen überließ er jedoch dem Schicksal. Trotz ständig wechselnder ,,Besetzung" kann man eine Kerngruppe bestehend aus Richters engstem Freundeskreis heraussieben, die an (fast) allen Tagungen teilgenommen hat. Dies waren unter anderem Toni Richter (Richters Frau), Alfred Andersch, Walter Kolbenhoff und Wolfdietrich Schnurre. Einige Autoren behaupten sogar, daß eine insgesamt gute Publikumsresonanz keineswegs gleichbedeutend mit einer abermaligen Einladung einherging, sondern diese lediglich von dem Wohlwollen Hans Werner Richters abhing.

Laut verschiedener Quellen kann man die geschichtliche Entwicklung der Gruppe 47 in vier Stufen einteilen:

1. In die voröffentliche Phase der kollegialen Arbeitskritik, in der weniger eine breite Öffentlichkeit angesprochen wurde, sondern eher ein Austausch verschiedener Positionen in freundschaftlicher Atmosphäre stattfand (1947 - 1949).

2. In die Aufstiegsperiode, in der die Gruppe zusehends an Einfluß gewann und in der die Tagungen an sich zunehmend von professioneller Kritik bestimmt wurden (1950 - 1957).

3. In die Hochperiode, in der die Tagungen ganz im Rampenlicht der Öffentlichkeit standen und in der die Gruppe international anerkannt und gewürdigt wurde (1958 - 1963).

4. In die Spät- und Zerfallsphase, in der die Gruppe nicht mehr in der Lage war, aktuelle Ereignisse (Studentenbewegung,...) zu verarbeiten und mit einzubeziehen und deshalb auf einer Entwicklungsstufe stehen blieb (1964 - 1967).

Hierbei bleibt zu erwähnen, daß die Gruppe nicht, wie oft fälschlicherweise behauptet wird, 1967, sondern erst 1977 offiziell von Hans Werner Richter aufgelöst wurde. Für 1968 war sogar noch eine Tagung in Prag geplant, die aber aufgrund des ,,Prager Frühlings" abgesagt wurde. Dennoch fanden zwei (inoffizielle) Tagungen in den Jahren 1972 und 1977 statt, die aber keine besondere Beachtung in der Öffentlichkeit fanden. Im April 1990 ließ Richter die Gruppe 47 anläßlich der Ereignisse in Ost- und Westdeutschland, die immer deutlicher auf eine baldige Wiedervereinigung hindeuteten, noch ein letztes mal vor seinem Tod 1993 wiederauferstehen.

Das diese Theorie der vier Phasen durchaus zutrifft läßt sich anhand verschiedener Indikatoren belegen. Bei einem Blick auf die Tagungsorte (siehe Anhang) ist festzustellen, daß man seine Tagungsorte anfangs wohl eher dem geringen Budget entsprechend wählte (1948: Jugendherberge) und die Öffentlichkeit weitgehend mied, während man sich in den 60ern von dieser ,,Rückzugspolitik" verabschiedete, um sich ganz der Publicity hinzugeben (was auch für einige Autoren der einzige Anreiz geblieben war, den Tagungen beizuwohnen). Man verabschiedete sich außerdem von der Tradition, nur unveröffentlichte Texte auf den Tagungen vorzutragen, ein weiteres Zeichen für den fortschreitenden Verlust der ursprünglichen Ambitionen, die auf einer politisch zeitkritischen, entschieden antiautoritären Grundeinstellung aufbauten, die auf die (nicht zwingend aktive) Erfahrung des Nationalsozialismus zurückzuführen ist.

Als Grundstein für den, wenn auch wesentlich später folgenden, Zerfall kann die Einführung des ,,Preises der Gruppe 47" im Jahre 1950 angesehen werden. Dieser lockte zwar etliche Sponsoren, Verleger und die Medien, stiftete allerdings auch Unmut und Streit unter den Beteiligten und trug so wesentlich zur todbringenden Kommerzialisierung bei. Auch das Hinzukommen professioneller Kritiker wie Joachim Kaiser oder Marcel Reich- Ranicki war zwar auf kurze Sicht sehr förderlich für die Qualität der vorgetragenen Texte, da die Vorträger diese jetzt nicht nur mit den Mitautoren messen, sondern auch die hohe Hürde der Berufskritiker nehmen mußten, hat aber im Endeffekt zu einem Wettbewerb geführt, der die in den Anfangszeiten so lockere und freundschaftliche Atmosphäre gefährdete und teilweise sogar ganz zerstörte. Das Ende der Gruppe war also praktisch schon in der Aufstiegsperiode vorprogrammiert worden.

Allerdings darf nicht außer Acht gelassen werden, daß das eigentliche Ziel der Neuerung der deutschen Literatur und damit der Anschluß an die Weltliteratur ja bereits Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre, in der Hochperiode also, durch ihren engagierten Einsatz erreicht worden war, und die Gruppe nun, nachdem auch die Gesellschaft sich diesem Wandel unterzogen hatte, entwurzelt und ziellos umherirrte. Schließlich sollte die 31. Tagung 1967 im Gasthof ,,Pulvermühle" in der Fränkischen Schweiz (ob der Ort nur zufällig oder demonstrativ seines Namens wegen ausgewählt worden ist, ist mir nicht bekannt) die offiziell letzte vor der Auflösung der Gruppe 1977 sein.

Abschließend bleibt zu sagen, daß die Gruppe 47, die zu ihrer Zeit mit sehr zwiespältigen Gefühlen betrachtet wurde, maßgeblich an dem Wiederaufbau, beziehungsweise der Erneuerung der deutschen Literatur und damit auch der deutschen Kultur beteiligt waren. Eine zweite Vereinigung die in der Lage ist so viele Talenten zu fördern, dabei gleichzeitig bekannte Schriftsteller in großer Zahl anzulocken und damit so enorm viel gesellschaftlich und politisch zu bewegen, wird es wohl so schnell in Deutschland nicht mehr geben.

Die Tagungen

1. TAGUNG

5. - 7.9.1947 im Haus von Ilse Schneider-Lengyel am Bannwaldsee bei Füssen im Allgäu

2. TAGUNG

7. - 9.11.1947 im Haus ,,Waldfrieden" von Hans und Odette Arens in Herrlingen bei Ulm

3. TAGUNG

4.- 4.4.1948 in der Jugendherberge in Jugenheim an der Bergstraße

4. TAGUNG

September 1948 im Haus der Gräfin Degenfeld in Altbeuren/Oberbayern

5. TAGUNG

29.4. - 1.5.1949 im Rathaus von Marktbreit bei Würzburg

6. TAGUNG

14. - 16.10.1949 im Café Bauer in Utting am Ammersee

7. TAGUNG

Im Mai 1950 im ehemaligen Augustinerinnenkloster in Inzighofen (Volkshochschule)

8. TAGUNG

4. - 7.5.1951 im Haus für Internationale Begegnungen in Bad Dürkeim in der Pfalz

9. TAGUNG

im Oktober 1951 in der Laufenmühle bei Schondorf

10. TAGUNG

23. - 25.5.1952 im Gästehaus des NWDR in Niendorf an der Ostsee

11. TAGUNG

Ende Oktober 1952 auf Burg Berlepsch bei Göttingen

12. TAGUNG

22. - 24.5.1953 im Kurfürstlichen Schloß zu Mainz

13. TAGUNG

16. - 18.10.1953 im Schloß Bebenhausen bei Tübingen

14. TAGUNG

26. - 30.4.1954 im Hotel Maga Circe auf Cap Circeo in San Felice (Italien)

15. TAGUNG

16.- 17.10.1954 auf Burg Rothenfels am Main

16. TAGUNG

13. - 15.5.1955 im Haus am Rupenhorn in Berlin

17. TAGUNG

14. - 16.10.1955 im Schloß Bebenhausen bei Tübingen

18. TAGUNG

25. - 28.10.1956 in der DGB-Schule in Niederpöcking am Starnberger See

19. TAGUNG

26. - 29.9.1957 in der DGB-Schule in Niederpöcking am Starnberger See

20. TAGUNG

31.10 - 2.11.1958 im Gasthof ,,Adler" in Großholzleute im Allgäu

21. TAGUNG

23.- 25.10.1959 auf Schloß Elmau bei Mittenwald / Oberbayern

22. TAGUNG

26. - 29.5.1960 Hörspieltagung in der Ulmer Hochschule für Gestaltung

23. TAGUNG

3. - 6.11.1960 im Rathaus von Aschaffenburg

24. TAGUNG

14. - 16.4.1961 Fernsehspieltagung im Gasthaus ,,Adler" in Sasbachwalden bei Baden-Baden

25. TAGUNG

27.- 29.10.1961 im Jagdschloß Göhrde bei Lüneburg

26. TAGUNG

26.- 28.10.1962 im ,,Alten Casino" am Wannsee in Berlin

27. TAGUNG

25. - 27.10.1963 im Hotel ,,Kleber-Post" in Saulgau in Baden-Württemberg

28. TAGUNG

9. - 13.9.1964 in der Schule des Schwedischen Städtetages in Sigtuna/Schweden

29. TAGUNG

19. - 21.11.1965 im Haus des Literarischen Colloquiums am Wannsee in Berlin

30. TAGUNG

21. - 24.4.1966 in der Whig Hall der Universtät Princeton (USA)

31. TAGUNG

5. - 9.10.1967 im Gasthof ,,Pulvermühle" bei Waischenfeld in der Fränkischen Schweiz

Tagungen nach 1967

32. TAGUNG

29.4. - 1.5.1972 in der ehemaligen Villa von S. Fischer in Berlin, Erdener Straße 8

33. TAGUNG

16. - 19.9.1977 im Hotel ,,Kleber-Post" in Saulgau in Baden-Württemberg

34. TAGUNG

25. - 27.5.1990 auf Schloß Dobris bei Prag

Die Preisträger

1950 in Inzigkofen: Günther Eich

1951 in Bad Dürkheim: Heinrich Böll

1952 in Niendorf: Ilse Aichinger

1953 in Mainz: Ingeborg Bachmann

1954 auf Cap Circeo: Adriaan Morrien

1955 in Berlin: Martin Walser

1958 in Großholzleute: Günther Grass

1962 in Berlin: Johannes Bobrowski

1965 in Berlin: Peter Bichsel

1967 in Waischenfeld: Jürgen Becker

Quellen:

- Toni Richter ,,Die Gruppe 47 in Bildern und Texten"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997

- Hans A. Neunzig (Hg.) ,,Lesebuch der Gruppe 47"; Deutscher Taschenbuchverlag, München 1997

- ,,Meyers großes Taschenlexikon" Bd. 9 Gro-Hob, hrsg. und bearb. von Meyers Lexikonredaktion; B.I.-Tschenbuchverlag, Leipzig, Wien, Zürich - 1998

- http://www2.tagesspiegel.de/archiv/1997/09/04/kul-970905.html

- http://projects.brg-schoren.ac.at/1968/lit.htm

- http://www.mountmedia.de/shops/bwd9/litfuehr/kahlschl.htm

- http://www.fraenkische-schweiz.com/info/hist-gb/gruppe47.html

- http://www.uni-ulm.de/LiLL/senior-info-mobil/module/Lit47.htm

- http://home.t-online.de/home/hansjoerg.haas/Literatur/Gruppe47/gruppe47.htm

[...]


1 Aus: Toni Richter: ,,Die Gruppe 47 in Bildern und Texten" (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997)

7 von 8 Seiten

Details

Titel
"Die Gruppe 47" und der Einfluss ihrer "Trümmerlitaratur". Entwicklung, Ziele und Ideologie der Gruppe
Note
10 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
8
Katalognummer
V100117
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gruppe
Arbeit zitieren
Anke Rommelfanger (Autor), 2001, "Die Gruppe 47" und der Einfluss ihrer "Trümmerlitaratur". Entwicklung, Ziele und Ideologie der Gruppe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100117

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