Schiller, Friedrich - Ästhetische Erziehung des Menschen


Referat / Aufsatz (Schule), 2000
21 Seiten, Note: 11 Punkte

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Autor: Heike Pauls

DIE ÄSTHETISCHE ERZIEHUNG DES MENSCHEN

INHALT

Leben des Schillers

Kurze Erläuterung der Klassik

Interpretation der ästhetischen Briefe

,,Auf den Flügeln der Einbildungskraft verlässt der Mensch die engen Schranken der Gegenwart,

in welche die bloße Tierheit sich einschließt, um vorwärts nach einer unbeschränkten Zukunft zu streben"

Friedrich von Schiller

Johann Christoph Friedrich von Schiller

Er ist geboren am 10.11.1759 in Marbach a. Neckar. Da er an einer chronischen Lungen- und Bauchfellentzündung litt, starb Schiller am 9. Mai 1805 in Weimar. Er ist auf dem Jakobsfriedhof bestattet worden. (1827 wurde er in die Fürstengruft überführt).

ER war der Sohn eines Wundarztes und Offiziers. In jungen Jahren (mit ca. 13 Jahren) wurde er schon mit der despotischen Willkürherrschaft des württembergischen Absolutismus konfrontiert.

Herzog Karl Eugen von Württemberg hatte Schiller gezwungen, die Militär und Beamten Schule in Stuttgart zu besuchen. Er studierte zunächst Jura, später Medizin (1773-1780.) Die ersten Werke entstehen in der Auflehnung gegen das strenge Regiment Anschließend war er Regimentsmedikus in Stuttgart. Schiller befreite sich jedoch bald von dem unliebsamen Brotberuf und flüchtete, nachdem der Herzog ihm Schreibverbot erteilt hatte, nach Meiningen (Thüringen). Die Existenz als freier Schriftsteller garantierte zwar geistige Unabhängigkeit, brachte jedoch große finanzielle Schwierigkeiten mit sich. Schillers soziale Situation verschärfte sich, als sein Vertrag am Mannheimer Nationaltheater, an dem er 1883/84 als Theaterdichter arbeitete, auslief. Daraufhin entschied er sich, eine Einladung von einem ihm nicht bekannten Verehrer anzunehmen und lebte zwei Jahre bei Christian Gottfried Körner (1785-1787).

1789 reiste Schiller nach Weimar, nach dem zweijährigen Aufenthalt in Dresden. Hier musste er sich zunächst als Redakteur und Herausgeber von Zeitschriften durchschlagen, bis er auf Vermittlung Goethes, den er ein Jahr zuvor kennensgelernt hatte, eine - anfangs unbezahlte - Professur für Geschichte und Philosophie in Jena erhielt.

1790 heiratete er Charlotte von Lengefeld (1766-1826). Sie hatten vier Kinder: Karl Ludwig Friedrich (1793-1857), Ernst Friedrich Wilhelm (1796-1841), Karoline Luise Friederike (1799-1850), Emilie Henriette Luise (1804-1872)

Als sich 1791 Schillers Gesundheitszustand durch ein schweres Lungenleiden verschlechterte, unterstützte der dänische Prinz den Dichter mit einer Pension, die ihm den Lebensunterhalt sicherte. Schiller widmete ihm zum Dank die berühmte Abhandlung "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" (1793).

Er starb 1805, am Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens, an einem chronischen Lungenleiden.

Die Klassik

(1786- 1832)

(Anlehnung an das nach folgende Hauptthema)

Die Hochklassik, beginnt mit Goethes Italienreise 1786-1788, während die neuen Ideale reiften. Die Natur- und Gefühlsschwärmereien des Sturm und Drangs wurden überwunden.

Den politischen Hintergrund für die Zeit vor und kurz nach der Jh.- Wende geben die Französischen Revolution und ihre Wirkung auf das übrige Europa, dann der Aufstieg und die Persönlichkeit Napoleons ab. Zugleich ging die Macht Preußens zurück. Der Kulturbegriff steht über dem Staatsbegriff.

Die Klassik postulieret neue Ideale. Der Mensch sieht als richtungsgebend das Gute, Wahre, Schöne und glaubt an freie Selbstbestimmung und Selbstvollendung. Er erkennt die großen Mächte der Sittlichkeit, der Kultur an. Seine politische Haltung enthebt ihn der kirchlichen Dogmen, ohne dass er zu ihnen in einen ausgesprochenen Gegensatz tritt. Die Natur erschien als ein großartig geordnetes Reich ohne Willkür und Gewalt. Alles Lebendige beseelte der Mensch von sich aus, und er erlebte das Weltganze im Gefühl einer Einheit, in der alle Disharmonien untergehen.

Das Empörerindividuum des Sturm und Drang unterwarfen sich dem höheren Gesetze der Natur, suchte einen Typus, die Norm.

Hatte der Sturm und Drang ein wesentlich amoralisches Lebensideal, so bekannte sich die Klassik zum Humanitätsideal. Allen Glauben und alle Sehnsucht legt die Klassik in den Begriff der reinen Menschlichkeit.

Die philosophische Grundlegung des Idealismus stammt von Immanuel Kant. (1724-1804) Er entwickelte ein System zunächst aus der Kritik der reinen Vernunft, einer Prüfung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, der ,,Kopernikanischen Wendung der abendländischen Philosophie".

Das Sittengesetz ist das allgemeine Gesetz für den Menschen als Vernunftwesen. Es lautet in der Form des kategorischen Imperativs:" Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst."

Das Kunstideal der Klassik war Bändigung, Formung, Normung. Schiller formulierte Schönheit als Freiheit in der Erscheinung. Das Wesen der Schönheit sei Harmonie zwischen Harmonie zwischen sinnlichem Trieb und dem Gesetz der Vernunft. Im Erhabenen sind wir Bürger einer höheren Welt, mit der, der Mensch durch den ,,reinen Dämon" in sich zusammenhängt.

Kunstgegenstand ist nach klassischer Auffassung nicht die Lebendigkeit, sondern die Gesetzlichkeit des Lebens, nicht die Wirklichkeit, sondern die Wahrheit.

Nach Goethe müsse der Dichter auch in der individuellen Gestalt den Typus erkennen lassen und dem Typus durch die individuelle Gestalt Leben verleihen.

Zusammenfassung der wichtigen Lebensdaten

1764-66

Elementarunterricht bei Pfarrer Moser in Lorch

1766

Übersiedlung der Familie nach Ludwigsburg

1767

Lateinschule in Ludwigsburg; Sch. soll später Geistlicher werden

1773

auf Befehl des Herzogs Carl Eugen von Württemberg Eintritt in die "Militär-Pflanzschule" (der späteren Hohen Karlsschule) auf der Solitude bei Stuttgart (1770 für Kinder unbemittelter Eltern gegründet); innere Auflehnung gegen den militärischen Zwang; heimliche Lektüre der Sturm-und-Drang-Dramatik, Lessings, Klopstocks

1774

Sch. entschließt sich zum Jurastudiums

1775

Verlegung der Militärakademie nach Stuttgart; Abbruch des Jurastudiums; stattdessen Medizinstudium

1776

Lektüre Shakespeare's, Rousseau's, Young's, Ossian's

1779

Ablehnung der Dissertation (Philosophia Physiologiae)

1780

die 2. Dissertation (Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen) wird angenommen und gedruckt. Entlassung aus der Hohen Karlsschule; Regimentsmedikus in Stuttgart

1781

Die Räuber erscheinen anonym und mit fingiertem Druckort

1782

Sch. reist ohne Erlaubnis mit seinem Freund Petersen zur Uraufführung der Räuber nach Mannheim (13.1.); wird nach einer zweiten Reise (25.5.) vom Herzog mit 14 Tagen Arrest bestraft; Verbot des "Komödienschreibens". Am 22.9. zusammen mit Andreas Streicher Flucht nach Mannheim. Weiterreise über Darmstadt, Frankfurt, Mainz, Worms nach Oggersheim (Gasthof). 31.10.: Sch. wird aus der Regimenstliste gestrichen; 30.11.: Auf Einladung seiner Gönnerin Henriette von Wolzogen Reise auf ihr Gut in Bauerbach (Thüringen); lebt dort als "Dr. Ritter"; einziger näherer Umgang der Meininger Bibliothekar Reinwald; vergebliche Werbung um Charlotte, die Tochter des Hauses

1783

Abreise aus Bauerbach nach vergeblicher Werbung um Charlotte, die Tochter des Hauses v. Wolzogen; Engagement als Theaterdichter in Mannheim

1784

Bekanntschaft mit Charlotte von Kalb; Vertrag als Theaterdichter läuft aus

1785

Zeitschrift Rheinische Thalia (späterer Titel Thalia, 1792 Neue Thalia); April: Übersiedlung nach Gohlis bei Leipzig; September: Dresden; Freundschaft mit Christian Gottfried Körner

1786

historische Studien

1787

Aufenthalt in Weimar; Verkehr mit Charlotte von Kalb, Wieland, Herder; November: Besuch in Meiningen bei Henriette von Wolzogen und seiner Schwester Christophine, verheiratet mit Reinwald. In Rudolstadt Aufenthalt bei der Familie von Lengefeld

1788

Februar: Beginn des Briefwechsels mit Charlotte von Lengefeld; ab Mai in Volkstädt bei

Rudolstadt; häufige Besuche bei der Familie von Lengefeld; 7. September: in Rudolstadt erste Begegnung mit Goethe

1789

Januar: Sch. wird auf Goethes Vorschlag zum Professor in Jena ernannt (unbesoldet); Mai: Übersiedlung nach Jena; Antrittsvorlesung am 26.5.; August: Charlotte von Lengefeld gibt schriftlich ihr Ja-Wort. Begegnung mit Wilhelm von Humboldt

1790

Oktober: Begegnung mit Novalis; 31.10.: Besuch Goethes, Gespräch über Kants Philosophie

1791

ab Januar: schwere Erkrankung; Beurlaubung; Kant-Studium; Mai: Gerüchte um Schillers

Tod; Juli-August: Kur in Karlsbad; Gewährung einer dreijährigen Pension von je 1000 Talern durch Erbprinz Friedrich Christian von Augustenburg und Graf Ernst von Schimmelmann befreit Sch. aus finanziellen Sorgen

1792

Reise nach Leipzig und Dresden (Körner); Bekanntschaft mit Friedrich Schlegel; Verleihung des französischen Bürgerrechts durch die französische Nationalversammlung

1793

August: Besuch bei den Eltern; Heilbronn, Ludwigsburg; September: Begegnung mit Hölderlin

1794

Stuttgart, Tübingen (Cotta); Bekanntschaft mit Fichte; Mai: Rückreise nach Jena;

Vorbereitung der Horen; 20. Juli: Gespräch mit Goethe über die Urpflanze auf der Tagung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena: Beginn der Freundschaft; September: Einladung durch Goethe nach Weimar

1795

Januar: Die erste Nummer der Horen erscheint; Februar: Ablehnung eines Rufs an die

Universität Tübingen; April: Goethe in Jena; Juni: Bruch mit Fichte; Dezember: Herausgabe des Musenalmanachs (erscheint bis 1800)

1796

Goethe (Arbeit an den Xenien), Schelling, Jean Paul, Wilhelm v. Humboldt bei Schiller; September: Tod des Vaters

1797

Mai: Einzug in das neugekaufte Gartenhaus in Jena

1799

Dezember: Umzug nach Weimar

1800

Februar: Nervenfieber

1802

Entschluss zum dauernden Aufenthalt in Weimar; April: Bezug des Hauses an der Esplanade; Tod der Mutter; November: Sch. wird geadelt

1803

Dezember: Tod Herders; von Dez.-Febr.1804 Mme. von Stael in Weimar

1804

April-Mai: Reise nach Berlin; Juli: schwere Erkrankung

1805

Februar: erneute Erkrankung; 29. April: letzte Begegnung mit Goethe; akute Lungenentzündung

Die ästhetische Erziehung des Menschen Enzstehungsgeschichte

Am 13.12.1791 erhielt Schiller durch die Vermittlung Jens Baggersens vom Prinzen Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustemburg und vom Grafen Ernst Heinrich Schimmelmann auf drei Jahre jährlich tausend Taler zum Geschenk; damit war die durch die lange, und bestehende Krankheit Schillers verursachte finanzielle Not endlich auf lange Zeit gemildert.

Am 9.2.1793, nach dem Abschluss der historischen Arbeiten, als Schiller sich bereits mit den Kallias- Briefen beschäftigte und sich mitten im Kant-Studium befand, bat er den Prinzen von Augustenburg, ihm seine Ideen über die Philosophie des Schönen... in einer Reihe von Briefen... Stückweise zusenden zu dürfen, um damit seine Dankbarkeit für das dreijährige Stipendium zu bekunden.

Sein vor haben begründete er damit: ,,Die Revolution in der philosophischen Welt, hat den Grund, auf dem die Ästhetik aufgeführt war erschüttert, und hat das bisherige System derselben, wenn man ihm anders diesen Namen geben kann, über den Haufen geworfen. Kant hat schon, wie ich Ihnen , mein Prinz, gar nicht sagen brauche, in seiner Kritik der ästhetischen Urteilskraft angefangen, die Grundsätze der kritischen Philosophie auch auf den Geschmack anzuwenden, und zu einer neuen Kunsttheorie die Fundamente, wo nicht gegeben, doch vorbereitet. Aber so wie es in der philosophischen Welt aussieht, dürfte die Reihe wohl zu letzt an die Ästhetik kommen, eine Regeneration zu erfahren.[...] ,, Schiller ist durchaus nicht etwa gleichgültig gegen das politische Schöpfungswerk, was beinahe alle Geister beschäftigt; doch dieses Ereignis, der Versuch des französischen Volks, sich in seine heiligen Menschenrechte einzusetzen, und eine politische Freiheit zu erringen, hat seiner Meinung nach bloß das Unvermögen und die Unwürdigkeit desselben an den Tag gebracht.

Gerade dieses Ereignis ist für sein Vorhaben Anlass und Begründung zugleich und rechtfertigt seine scheinbare unzeitgemäße Betrachtung über das Schöne. Falls sich die politischen Erwartungen seines Jahrhunderts nämlich dennoch erfüllen sollen, so ist das nur möglich, wenn der Charakter der Menschheit von seinem tiefen Verfall wieder emporgehoben worden ist--- eine Arbeit für mehr als ein Jahrhundert, die, so können wir hinzusetzen, nur durch die ästhetische Erziehung zuleisten ist.

Allgemeines:

Allein in den ästhetischen Bildern - so Schillers Grundgedanke - kann der Mensch, seitdem er kein metaphysisch positives Wissen mehr von sich behauten kann (bzw. keinem fixierten Zwang mehr unterliegt )etwas über seine menschliche Beziehung zur Welt erfahren. Allein die Kunst vermag die Gespaltenheit des Menschen in Natur- und Sittlichkeitswesen zu überwinden.

Schiller versteht dabei den Drang des Menschen zur vollkommenen Kongruenz seiner beiden gegensätzlichen Wesensmerkmale Geist und Materie.

Es wird ihm die Unbeschwertheit seines Daseins bewusst. Denn einerseits verliert alles ,,Wirkliche seinen Ernst, weil es klein wird", und andererseits ,,legt das Notwendige den seinigen ab, weil es leicht wird". (Briefe, 480). Diese Leichtigkeit ist es, die denästhetischen, d.h. schönen Menschen von der begrenzten Wirklichkeit löst und ins Unbegrenzte, Absolute, Zeitlose, d.h. in die Freiheit hebt: derästhetische Zustand.

Das Hauptproblem ist der Knoten, den Kant selbst nicht lösen konnte, Schiller jedoch probiert, das man `anstatt man seine Gefühle nach Grundsätzen prüft und sich berichtigt, prüft man die ästhetischen Grundsätzen nach seien Gefühlen`.

Im Zweiten Brief kommt am Ende bereits die Hauptaussage vor und rechtfertigt wie in der Entstehungsgeschichte schon gesagt das er sich nicht mit der Politik beschäftig sonder mit der Zerlegung des Schönen. Er schrieb: Ich hoffe, sie zu überzeugen, dass diese Materie weit weniger dem Bedürfnis als dem Geschmack des Zeitalters fremd ist, ja das man, um jenes politisches Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das Ästhetische den Weg nehmen muss, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert.

Leider sind bei einem Brand des Schlosses Christiansenborg in Kopenhagen am 26.2.1794 Teile der Briefe vernichtet worden. Der Herzog von Augustenburg forderte Schiller bereits kurze Zeit nach dem Brand auf, die Briefe nachträglich wieder herzustellen, was Schiller auch in dem Brief vom 10.Juni 1794 versprach und mit der Zusendung der Späteren endgültigen Fassung der Briefe auf seine Weise auch getan hat.

Wie aus einem Brief an Körner vom 10.12 1793 hervorgeht, wollte er den ersten Band seiner Korrespodenz mit dem Prinzen von Augustenburg, der seine Theorie des Schönen entwickeln sollte, auf kommender Messe drucken lassen.

Von dem Plan einer Teilveröffentlichung der Briefe ,,über die ästhetische Erziehung..." nahm Schiller aber schon bald wieder Abstand, an Körner schrieb er am 3.2.94, dass er ihm einige Wochen vielleicht einen Teile der Briefe schicken könne: ,,weil ich doch keine Möglichkeit sehe, auf der Ostermesse mehr als einen Band fertig machen zu können, so habe ich Göschen noch gar nichts geschrieben, und werde das Manuskript" das sich damals bereits auf 10 Druckbogen belief und nun, am 3.2 gegen 14 gedruckte Bogen umfasste, ,,also noch wenigsten 4 Monate im Pult behalten."

Der wahre Grund der Verzögerung war jedoch nicht von verlagstechnischer Natur, sonder lag in der Schwierigkeit einer gedanklichen Bewältigung des Stoffes.

Im Frühjahr (1794) stockten die Arbeiten da er am Wallenstein arbeitete, der ebenfalls eine Beziehung zu den Briefen hat.

Am 17.10.94 schickte Schiller an Goethe 9 Briefe die in den Horen veröffentlicht werden sollte.

15.1.95 erschien die Horen. Schiller ließ die Briefe nach und nach veröffentlichen. 20.2.1795 und in der 6. Ausgabe der Horen am 22.6.1795.

Er widmete sie namentlich dem Prinzen von Augustenburg.

Gliederung der Briefe in verschiedene Abschnitte

Spiel- und Scheincharakter der Kunst

Schiller betrachtet Spiel und Schein nicht als Merkmal eines bestimmten Kunstwerkes, sondern als Wesen der Kunst schlechthin. Erst der Spiel- und Scheincharakter der Kunst führt den Menschen aus ,,Bruchstücken" seiner Individualität (Briefe) zu einer ,,Totalität der Gattung" zurück, die Denken und Empfinden mit gleicher Intensität einfordert. Die Kunst schützt damit die Sinnlichkeit vor dem ,,Eingriff der Freiheit" und die Persönlichkeit gegen die ,,Macht der Empfindungen" (Briefe), so dass der Mensch schließlich ästhetisch frei wird:

,, Ü ber diese ( Sinnlichkeit und Vernunft ) zu wachen und einem jeden dieser beiden Triebe seine Grenzen zu sichern, ist die Aufgabe der Kultur , die also beiden eine gleiche Gerechtigkeit schuldig ist und nicht bloßden vernünftigen Trieb gegen den sinnlichen, sondern auch diesen gegen jenen zu behaupten hat."

Eine ,,hohe Gleichmütigkeit" im Empfinden und eine ,,Freiheit des Geistes" (Briefe,) sind die Proben der ,,wahren ästhetischen Güte" eines gelungenen Kunstwerkes. Es führt den Menschen zu seinem Ursprung, zu seiner Natur zurück, denn die ästhetische Stimmung selbst ist ein ,,Geschenk der Natur" (Briefe). So ist der Mensch von Natur aus mit zwei Sinnen, Auge und Ohr, versehen, die eo ipso einen Zugang zur Kunst durch bloßes Empfinden verhindern:

,,In dem Auge und dem Ohr ist die andringende Materie schon hinweggewälzt von den Sinnen, und das Objekt entfernt sich von uns, das wir mit den tierischen Sinnen unmittelbar berühren.[...] Sobald er anfängt, mit dem Auge zu genießen, und das Sehen für ihn einen selbständigen Wert erlangt, so ist er auch schonästhetisch frei, und der Spieltrieb hat sich entfaltet." (Briefe)

Die ästhetische Betrachtung ist Tat, da sie sich ein eigenständiges Bild von der Wirklichkeit macht; und daß sie, weil sie selbständig ist, eben darum nicht empirisch sein kann, macht Schiller deutlich, indem er den Schein der Kunst und die Wirklichkeit, auf die sich die Kunst bezieht, begrifflich voneinander trennt:

,,Die Realität der Dinge ist ihr (der Dinge) Werk; der Schein der Dinge ist des Menschen Werk, und ein Gemüt, das sich am Scheine weidet, ergötzt sich schon nicht mehr an dem, was es empfängt, sondern an dem, was es tut."

Damit unterscheiden sich Spiel und Schein nicht nur von der moralischen Wahrheit, weil beide ja `Geschenke der Natur' sind, sondern auch von der Wirklichkeit, weil sie subjektiv, mithin `nicht logisch' sind. Aber nur solange Spiel und Schein sich tatsächlich der Wirklichkeit enthalten, ,,aufrichtig" (Briefe) sind, und nicht Wirklichkeit vortäuschen, also ,,selbständig" sind, kann man sie ästhetisch nennen. Gibt der Mensch sich diesem ,,Genuß echter Schönheit" (Briefe) mittels Musik, bildender Kunst, Poesie und Tragödie hin, so steigt er selbst zur ästhetischen Freiheit auf.

,,Das Gemüt des Zuschauers und Zuhörers muss völlig frei und unverletzt bleiben, es muss aus dem Zauberkreise des Künstlers rein und vollkommen wie aus den Händen des Schöpfers gehn."

Der Spieltrieb in den Ästhetischen Briefen

Im Gegensatz von Geist und Materie sieht Schiller das ,,Charakteristikum menschlicher Existenz". Diesen Gegensatz zu überwinden, ist des Menschen Aufgabe, ja ,,Vorschrift" (Briefe), um so die physischen Notwendigkeiten der Natur mit den moralischen Notwendigkeiten der Vernunft in Einklang zubringen. So werde die ,,Totalität der Gattung" (Briefe) im Menschen wiederhergestellt. Statt ihn enger in sein ,,Individuum" einzuschließen, müsse der Mensch zur ,,Gattung", zur Potentialität seines Menschseins ausgedehnt werden (Briefe), wobei man ihn erst dann `ästhetisch frei' nennen dürfe.

Der Einklang von Geist und Materie bildet darüber hinaus die Grundlage des zu gründenden Vernunftstaates, den Schiller als den ,,Versuch eines mündig gewordenen Volks, seinen Naturstaat in einen sittlichen umzuformen" (Briefe) sieht. Analog zu Kants kategorischen Imperativ schreibt Schiller, ,,dass also seine Triebe mit seiner Vernunft übereinstimmend genug sind, um zu einer universellen Gesetzgebung zu taugen." (Briefe):

,,Ist der innere Mensch mit sich einig, so wird er auch bei der höchsten Universalisierung seines Betragens seine Eigentümlichkeit retten, und der Staat wird bloßder Ausleger seines schönes Instinkts, die deutlichere Formel seiner inneren Gesetzgebung sein." (Briefe)

Die Herstellung der ,,Totalität der Gattung" im Menschen als Transformation seines Menschseins vom bloßen physischen zum ästhetischen Zustande und darüber hinaus die Überwindung des auf einer ,,losegebundenen Gesellschaft", einem System des Egoismus (Briefe) gegründeten Naturstaates zu einem sittlichen Vernunftstaat, der ,,den Menschen endlich als Selbstzweck" würdigt und ,,wahre Freiheit zur Grundlage der politischen Verbindung" (Briefe) macht, ist dem Menschen aber erst durch den Spieltrieb möglich. Ihm kommt die entscheidende Vermittlung zwischen den Widersprüchlichkeiten im Menschen zu; er ist ausgewählt wie `Zeus' Enkel' und `bekleidet mit göttlichen Waffen', um Einklang hinter den gegensätzlichen menschlichen Wesensmerkmalen zu stiften.

,,Die Vernunft hat geleistet, was sie leisten kann, wenn sie Gesetze findet und aufstellt; vollstrecken muss es der mutige Wille und das lebendige Gefühl. Wenn die Wahrheit im Streit mit Kräften den Sieg erhalten soll, so muss sie selbst erst zur Kraft werden und zu ihrem Sachführer im Reich der Erscheinung einen Trieb aufstellen; denn Triebe sind die einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden Welt." (Briefe)

Der Spieltrieb ist also dem Menschen ,,im eigentlichsten Sinn des Worts die Idee seiner Menschheit" (Briefe); erst durch ihn ist eine ,,vollständige Anschauung seiner Menschheit" (Briefe) möglich; durch ihn führt der Mensch seine Bestimmung aus. Er macht den ,,Wilden zum Menschen" (Briefe) und durch ihn wird ihm ,,Freiheit durch Freiheit" (Briefe) gegeben. Will man also dieses letztgenannte Endziel der ästhetischen Erziehung verstehen, muß zunächst der Spieltrieb erörtert werden, auf dem Schiller sein Aufklärungsideal des freien, selbständigen und zweckfreien Menschseins begründet.

Dabei zeigt sich, daß neben der inhaltlichen Herleitung des Spieltriebes, seiner Definition und Bedeutung für den Menschen, bereits die formale und sprachliche Struktur der Ästhetischen Briefe Ausdruck für die Bestimmung des Spieltriebes ist.

Struktur und Sprache

Obgleich Schiller den Spieltrieb erst im 14. Brief begrifflich einführt, beginnt seine inhaltliche Herleitung bereits im 11. Brief. Damit verlässt Schiller den zeithistorischen Teil der ersten zehn Briefe und wendet sich einem systematischen Teil zu, der bis zum 22. Brief reicht. Mit dem 23. Brief knüpft Schiller an den ersten Teil an und entwickelt schließlich auf Grundlage seiner Systematik die Idee des ästhetischen Staates. Die Dreiteilung der Ästhetischen Briefe deutet bereits auf das antithetische Denken Schillers hin, bei dem jeweils These und Antithese in einer Synthese aufgehen. So arbeitet Schiller durchgehend mit Gegensatzpaaren wie Person-Zustand (11. Brief), Form-Sinn (12. Brief), begreifen - ergreifen (13. Brief) usw., die in etwas Neuem wie in einem dritten Trieb (12. Brief), in einem dritten Zustand (18. Brief) usw. aufgehoben werde. Diesem Dritten kommen die Funktionen der Vermittlung zwischen zwei entgegengesetzten Polen und damit ihrer Aufhebung zu. Da die hergeleitete Synthese immer wieder mit einer neuen Antithese konfrontiert wird, zirkulieren die Gedankengänge Schillers von Brief zu Brief auf immer höheren Ebenen, an deren Ende im 27. Brief schließlich die Idee des `ästhetischen Staates' steht. Der antithetische Aufbau der Ästhetischen Briefe gleicht dabei der Funktionsweise des Spieltriebs als immerwährend sich erneuernde Synthese.

Entsprechend gestaltet sich die Sprache der Ästhetischen Briefe: Chiasmen, Parallelismen, Kontraste, Inversionen, einfache und modifizierte Wiederholungen als sprachliche sowie Wechsel des Standpunktes und (vordergründige) Paradoxien als rhetorische Mittel verstärken die spiralförmige Argumentationsstruktur, derer sich Schiller bedient. Was Schiller über den `schönen Schein' schreibt, realisiert sich damit ganz nebenbei im Essay selbst: Die durch die formale und sprachliche Struktur erzeugte Dynamik weckt im Leser einen ,,Bildungstrieb" (Briefe), der ihn mitnimmt auf einen gedanklichen Parforceritt, bei dem er sich schließlich in der Lage sieht, Schillers Ästhetische Briefe als etwas `Selbständiges nachzuahmen'. Noch vor der eigentlichen inhaltlichen Auseinandersetzung stellen sich also die Ästhetischen Briefe als solches dem Ziel der Schillerschen Aufklärungsidee: die Erziehung zur Vernunft durch und mit der schönen Kunst, auf dass Freiheit durch Freiheit gegeben werde. Der Rezipient wird mit Horaz' sapere aude angehalten zu reflektieren, sich am Fortgang der Gedanken zu beteiligen. Schiller führt im 25. Brief dementsprechend aus:

,,Die Betrachtung (Reflexion) ist das erste liberale Verhältnis des Menschen zu dem Weltall, das ihn umgibt. [...] Aus einem Sklaven der Natur, solang er sie bloßempfindet, wird der Mensch ihr Gesetzgeber, sobald er sie denkt. [...] So wie er anfängt, seine Selbständigkeit gegen die Natur als Erscheinung zu behaupten, so behauptet er auch gegen die Natur als Macht seine Würde, und mit edler Freiheit richtet er sich gegen seine Götter." (Briefe)

Die Reflexion selbst ist ein erzieherischer Akt, und was Schiller im 25. Brief über die Schönheit aussagt, kann in gleicher Weise über die Betrachtung derselben gesagte werden:

,,Die Schönheit ist also zwar Gegenstand für uns, weil die Reflexion die Bedingung ist, unter der wir eine Empfindung von ihr haben; zugleich ist sie ein Zustand unseres Subjekts , weil das Gefühl die Bedingung ist, unter der wir eine Vorstellung von ihr haben. Sie ist also zwar Form, weil wir sie betrachten, zugleich aber ist sie Leben, weil wir sie fühlen. Mit einem Wort: sie ist zugleich Zustand und unsere Tat." (Briefe)

Person und Zustand

Bevor Schiller erstmals im 14. Brief den Spieltrieb erörtert, führt er im 11. Brief den Gegensatz zwischen Person und Zustand im Menschen aus, wobei er die Person des Menschen als ,,etwas, das bleibt" und den Zustand des Menschen als ,,etwas, das sich unaufhörlich verändert" (Briefe) bestimmt. Das Bleibende nennt Schiller auch das Selbst, das Wechselnde nennt er die Bestimmung des Selbst. Charakteristisch für die Person ist ihr ,,eigener Grund" (Briefe), auf der sie steht: Sie wird durch nichts anderes bestimmt, womit in ihr, Schiller die Freiheit erkennt als ,,die Idee des absoluten, in sich selbst gegründeten Seins." Damit ist der Mensch, obgleich keine Gottheit, trotzdem göttlich zu nennen. Denn er hat Anteil an der ,,absoluten Verkündigung des Vermögens" ,das Schiller als die ,,Wirklichkeit alles Möglichen" versteht. Der Zustand ist im Gegensatz dazu begründet, `erfolgt', wie Schiller ausführt. Im Zustand sieht er deshalb das Moment der Zeit im menschlichen Dasein ,,als Bedingung alles abhängigen Seins oder Werdens". Das ,,Merkmal der Gottheit" im Zustand ist die ,,absolute Einheit des Erscheinens" ,wie Schiller die ,,Notwendigkeit alles Wirklichen" nennt. Mit Person und Zustand trägt also der Mensch die ,,Anlage zu der Gottheit [...] unwidersprechlich in seiner Persönlichkeit in sich." Sollen der unendliche, zeitlose, freie Geist und die endliche, zeitliche, abhängige Materie - dargestellt als Person und Zustand - in einem vollkommenen Wechselverhältnis stehen und soll der Mensch dabei ,,in allem Wechsel beständig er selbst bleiben" (ebd.), so muss sein Geist auf Materie (als ,,absolute Realität") und seine Materie auf Geist (als ,,absolute Formalität") drängen. Diese beiden entgegengesetzten Anforderungen an das Menschsein nennt Schiller die ,,zwei Fundamentalgesetze der sinnliche-vernünftigen Welt" (Briefe): Der Mensch ,,soll alles zur Welt machen, was bloßForm ist, und alle seine Anlagen zur Erscheinung bringen [...] er soll alles in sich vertilgen, was bloßWert ist, und Ü bereinstimmung in alle seine Veränderungen bringen; mit anderen Worten: er soll alles Innere veräußern und alles Äußere formen."

Form- und Sinntrieb

Sind Person und Zustand die Kräfte, so stellen sich Form- und Sinntrieb als ihre ,,Sachführer im Reich der Erscheinung" (Briefe) dar. Sie `bewegen' die beiden Kräfte, indem der Formtrieb die Materie dem Gesetz der Vernunft unterwirft (,,das soll sein") und der Geist durch den Sinntrieb dem Gesetz der Materie bzw. dem Naturgesetz (,,das ist") untergeordnet wird (Briefe). Damit bewahrt der Formtrieb die Person vor Veränderung, wobei der Sinntrieb den Menschen in Verbindung zur Welt setzt. So der Formtrieb also die Welt begreift und `Form' außer sich schafft, so ergreift der Sinntrieb eben diese und entwickelt des Menschen Anlagen, die Person, in ihm. (Briefe) Beide Triebe bedingen sich folglich, wobei der Sinntrieb ,,mit dem Anfang des Individuums", der ,,ersten Erfahrung des Lebens", erwacht, und erst danach der Formtrieb ,,mit dem Anfang seiner Persönlichkeit", der ersten ,,Erfahrung des Gesetzes". Nicht eher als beide sich herausgebildet haben, ,,ist seine Menschheit aufgebaut." (Briefe). So schreibt Schiller im 19. Brief:

,,Nur von demjenigen, der sich bewusst ist, wird Vernunft, d.h. absolute Konsequenz und Universalität des Bewusstseins gefordert; vorher ist er nicht Mensch, und kein Akt der Menschheit kann von ihm erwartet werden." (Briefe)

Da beide Triebe in einem Wechselverhältnis stehen, haben sie, ,,insofern sie als Energien gedacht werden" (Briefe), ,,Abspannung" nötig, wie Schiller im 14. Brief ausführt. Der Formtrieb wird abgespannt, indem der Sinntrieb zur stärkeren Geltung kommt. Andererseits wird der Sinntrieb abgespannt, indem der Formtrieb mehr gefördert wird. Abspannung des Formtriebes bedeutet also nicht, mit dem Denken aufzuhören, sondern dem Denken Empfindungen zuzugesellen. Andersherum bedeutet Abspannung des Sinntriebes nicht, weniger zu empfinden, sondern seinen Empfindungen in Beziehung zum Denken zu setzen. Im 16. Brief konkretisiert Schiller diesen Gedanken, indem er der `Abspannung' eine `Anspannung' gegenüberstellt. So wie Abspannung dadurch erreicht wird, da Form- und Sinntrieb gleichmäßig angespannt, also im Sinne der Dialektik Hegels aufgehoben werden, so wird eben diese Anspannung dadurch erreicht, da sich Form- und Sinntrieb gleichmäßig wieder abspannen.

Leben und Gestalt

Das Streben nach Kongruenz von Geist und Materie durch An- und Abspannung ist Ausdruck eines neuen, dritten Triebes,

,,der eben darum, weil die beiden andern in ihm zusammenwirken, einem jeden derselben, einzeln betrachtet, entgegengesetzt sein und mit Recht für einen neuen Trieb gelten würde. Der sinnliche Trieb will, dass Veränderung sei, dass die Zeit einen Inhalt habe; der Formtrieb will, dass die Zeit aufgehoben, dass keine Veränderung sei. Derjenige Trieb also, in welchem beide verbunden wirken (es sei mir einstweilen, bis ich diese Benennung gerechtfertigt haben werde, vergönnt, ihn Spieltrieb zu nennen), der Spieltrieb also würde dahin gerichtet sein, die Zeit in der Zeit aufzuheben, Werden mit absolutem Sein, Veränderung mit Identität zu vereinbaren." (Briefe)

Sind Form- und Sinntrieb vollkommen ausgeglichen und damit Geist und Materie kongruent, so ist Schönheit verwirklicht. In ihr fällt der Gegenstand des Formtriebs, die Gestalt - als ,,Begriff, der alle formalen Beschaffenheiten der Dinge und alle Beziehungen derselben auf die Denkkräfte unter sich fasst" (Briefe) - und der Gegenstand des Sinntriebs, das Leben - als ,,Begriff der alles materiale Sein und alle unmittelbare Gegenwart in den Sinnen bedeutet" - in eine lebende Gestalt zusammen. Damit ist der Gegenstand des Spieltriebes die Schönheit, wobei es Schiller für unerheblich hält, ob ein ,,Marmorblock" oder ein Mensch als lebende Gestalt, mithin als schön angesehen werden kann.

,,Nur indem seine Form in unsrer Empfindung lebt und sein Leben in unserm Verstande sich formt, ist er lebende Gestalt, und dies wirdüberall der Fall sein, wo wir ihn als schön beurteilen." (Briefe)

Zwar gibt Schiller die ,,Bestandteile" des Schönen in immer neuen Gegensatzpaaren an (Geist und Materie, Person und Zustand, Denken und Empfinden, Form und Sinn, Gestalt und Leben), doch kann er den Spieltrieb als deren Vermittler ,,in seiner Genesis" nicht begründen. Es sind transzendentale Gründe, warum die Vernunft mit dem Spieltrieb die Gemeinschaft zwischen Formtrieb und Stofftrieb vollendet:

,,Sie mußdiese Foderung aufstellen, weil sie Vernunft ist - weil sie ihrem Wesen nach auf Vollendung und auf Wegräumung aller Schranken dringt."

An anderer Stelle betont Schiller, dass ,,Empfindungen und Selbstbewusstsein völlig ohne Zutun des Subjekts" entspringen und ,,beider Ursprung [...] jenseits unseres Willens, als er jenseits unseres Erkenntniskreises" (Briefe) liegen. So ist es zwar Sache des Menschen zu beurteilen, ob das Objekt seiner Betrachtung schön ist oder nicht; es liegt jedoch nicht in seinem Vermögen zu ergründen, wie diese Schönheit sich entfalten konnte. Dass ein Mensch schön, also kongruent bzw. ,,innerlich mit sich einig" (Briefe) ist, zeigt sich an der Unbeschwertheit seines Daseins: Denn einerseits verliert alles ,,Wirkliche seinen Ernst, weil es klein wird", und andererseits ,,legt das Notwendige den seinigen ab, weil es leicht wird". (Briefe). Damit hat Schiller auch den Begriff des Spieltrieb s gerechtfertigt:

,,Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." (Briefe)

Leere und erfüllte Unendlichkeit

Hat sich der Spieltrieb schließlich entfaltet, verliert das menschliche Denken und Handeln seine Zweckgebundenheit und wird weder physisch noch moralisch genötigt. Der Mensch ist dann ,,von aller Bestimmung frei" (Briefe), womit durch den Spieltrieb seine ,,ästhetische Beschaffenheit" zum Ausdruck gekommen ist:

,,Endlich kann er uns aber auch, unabhängig von diesem allen, und ohne dass wir bei seiner Beurteilung weder auf irgendein Gesetz, noch auf irgendeinen Zweck Rücksicht nehmen, in der bloßen Betrachtung und durch seine bloße Erscheinungsart gefallen. In dieser Qualität beurteilen wir ihnästhetisch."

(Briefe)

In diesem ästhetischen Zustand ist der Mensch zwar frei von allen Zwängen, ,,aber keineswegs frei von Gesetzen", wie Schiller betont. Im Unterschied zu seinem vorherigen, von den physischen und moralischen Notwendigkeiten bestimmten Dasein, unterliegt der ästhetisch freie Mensch nun seinen eigenen Notwendigkeiten: er bestimmt sich aus sich selbst. Seine Gesetze, die - dem aufklärerischen Ideal folgend - nicht Ausdruck seines Individuum, sondern seiner Gattung sind, mithin der Maxime des kategorischen Imperativs von Kant unterliegen, erfahren im ästhetischen Zustand eben darum ,,keinen Widerstand", weil sie ,,nicht als Nötigung" erscheinen.

Diese ,,ästhetische Bestimmungsfreiheit" (Briefe) ist Ausdruck eines ä sthetischen Zustandes, den Schiller einerseits ,,Null" (Briefe), andererseits ,,höchste Realität" (Briefe), mithin `Alles' nennt. `Null' ist er insofern, als dass es ihm an ,,jeder besondern Determination" (Briefe) mangelt, da er bloß absolutes Vermögen ist und als solcher Ausdruck einer unendlichen Potentialität der Person, mit der der Mensch die ,,Wirklichkeit alles Möglichen" in sich einschließt. Der ästhetische Zustand ist jedoch auch ,,höchste Realität", da in ihm die ,,Summe der Kräfte" ohne jede Beschränkungen zusammenkommen und ,,gemeinschaftlich tätig" sind (Briefe).

,,Nur derästhetische ist ein Ganzes in sich selbst, der alle Bedingungen seines Ursprungs und seiner Fortdauer in sich vereinigt. Hier allein fühlen wir uns wie aus der Zeit gerissen; und unsre Menschheitäußert sich mit einer Reinheit und Integrität , als hätte sie von der Einwirkungäußerer Kräfte noch keinen Abbruch erfahren."

Der ästhetische Zustand als die Freiheit zum `Werde, was du bist' bewertet Schiller als ,,die höchste aller Schenkungen" und als ,,die Schenkung der Menschheit". So sagt er von der Schönheit, sie sei ,,unsre zweite Schöpferin". Denn die Schönheit führt den Menschen zurück zur Unendlichkeit, die vor aller Bestimmbarkeit des Geistes leer war, nun aber erfüllte Unendlichkeit ist. Daher kann Schiller dialektisch formulieren:

,,Die Natur (der Sinn) vereinigtüberall, der Verstand scheidetüberall, aber die Vernunft vereinigt wieder; daher ist der Mensch, ehe er anfängt zu philosophieren, der Wahrheit näher als der Philosoph, der seine Untersuchung noch nicht geendigt hat." (Briefe)

Ideal und Wirklichkeit

Obgleich die Bestimmungslosigkeit als Anlage in jedem Menschen ursprünglich vertreten ist, verliert sie sich doch in der weltlichen Konfrontation mit den physischen und moralischen Zuständen. Der Mensch muss deshalb ,,jedes Mal aufs neue" seine ästhetische Bestimmungslosigkeit, die ihn ja erst schön macht, mittels des Spieltriebes verwirklichen. Und erst in diesem ästhetischen Zustand ist er fähig, seine Vernunft zu gebrauchen:

,,Der Ü bergang von dem leidenden Zustande des Empfindens zu dem tätigen des Denkens und Wollens geschieht also nicht anders als durch einen mittleren Zustandästhetischer Freiheit. [...] Mit einem Wort: es gibt keinen andern Weg, den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen, als dass man denselben zuvorästhetisch macht." (Briefe, 499)

Es wird deutlich, dass die Schönheit zwar nicht die Schöpferin der Vernunft ist, aber ihre Realisierung überhaupt erst ermöglicht, indem sie dem Menschen das Vermögen zur Vernunft gibt. Eine `Hilfe zum Denken' durch die Schönheit käme dagegen einer Bevormundung des Menschen gleich und wäre ein `offenbarer Widerspruch'. (Briefe, 489) Die Aufgabe des Spieltriebes, den physischen und den moralischen Zustand in einem ästhetischen Zustande aufzuheben, ist dabei ein weitaus größerer Schritt, als der Schritt vom ästhetischen Zustande zur ,,Wahrheit und zu Pflicht" (Briefe), sprich zur Vernunft. Denn der Mensch, der erst schön geworden ist, musste sich zuvor ,,erweitern" ,indem er zu seinen Empfindungen das Denken geben musste; der bereits schöne Mensch muss freilich bloß seine vernünftige Bestimmung wählen, also sich ,,vereinzeln". Will der ästhetisch freie Mensch also vernünftig werden, so muss er aus seinem Vermögen, indem er `urteilt und denkt' (Briefe), eine Bestimmung ausschließen:

,,Um eine Gestalt im Raum zu beschreiben, müssen wir den endlosen Raum begrenzen; um uns eine Veränderung in der Zeit vorzustellen, müssen wir das Zeitganze teilen. Wir gelangen also nur durch Schranken zur Realität, nur durch Negation oder Ausschließung zur Position oder wirkliche Setzung, nur durch Aufhebung unsrer freien Bestimmbarkeit zur Bestimmung." (Briefe.)

Doch keine Freiheit ohne Risiko: denn es ist nicht zwingend, dass sich der Mensch seiner Bestimmungsfreiheit auch vernünftig bedient. Es ist vielmehr sein Wille, ,,der sich gegen beide Triebe als eine Macht [...] verhält." (Briefe). Strebt aber der Wille des Menschen nicht zum Einklang von Geist und Materie, sondern bevorzugt er entweder das eine oder das andere, so verfehlt er seine Bestimmung zur ästhetischen Freiheit. Schlimmer noch: der Mensch bleibt ,,Null" (Briefe), leere Unendlichkeit. Denn wenn sich der Geist über die Materie erhebt, hört der Mensch auf sich zu verändern, er wird ,,nie etwas anderes". Wenn andererseits die Materie über den Geist steht, findet der Mensch nie zu seiner Persönlichkeit, er wird ,,nie er selbst". Diese ,,Abweichungen des Menschen von dem Ideale seiner Bestimmung" (Briefe) skizziert Schiller anschaulich, und es erfordert die Gegenüberstellung vom Ideal der `Briefe' und der Wirklichkeit des Dramas, auf diese Abweichungen näher einzugehen.

Unausgewogenheit im Verhältnis von Geist und Materie

So entsteht aus der Übermacht des Geistes,,bloß Einförmigkeit" (Briefe), aber ,,keine Harmonie", was Schiller bei Kant bemängelt. Wie sich eine ,,überwiegende Rationalität" (Briefe) in der praktischen Lebenswelt äußert, wird anhand der Naturwissenschaft und der Erziehung deutlich. So weist Schiller auf die `teleologischen Urteile' der Naturwissenschaften hin, mit denen sie ihre Theorien durch die Wirklichkeit zu beweisen suchen:

,,Die Natur mag unsre Organe noch so nachdrücklich und noch so vielfach berühren - alle ihre Mannigfaltigkeit ist verloren für uns, weil wir nichts in ihr suchen, als was wir in sie hineingelegt haben, weil wir ihr nicht erlauben, sich gegen uns herein zu bewegen, sondern vielmehr mit ungeduldig vorgreifender Vernunft gegen sie hinaus streben."

In Erziehungsfragen kann diese fehlende Empathie schnell zu einem ,,verderblichen Missbrauch" der Vernunft führen:

,,Wie können wir, bei noch so lobenswürdigen Maximen, billig, gütig und menschlich gegen andere sein, wenn uns das Vermögen fehlt, fremde Natur treu und wahr in uns aufzunehmen, fremde Situationen uns anzueignen, fremde Gefühle zu dem unsrigen zu machen? Dieses Vermögen aber wird sowohl in der Erziehung, die wir empfangen, als in der, die wir uns selbst geben, in demselben Maße unterdrückt, als man die Macht der Begierde zu brechen und den Charakter durch Grundsätze zu befestigen sucht."

Überwiegt andererseits die Materie, so bleibt dem Menschen eine Anschauung über sein geistiges Vermögen verwehrt, denn er ist nur ,,ein erfüllter Moment der Zeit" (Briefe), und da ,,alles, was in der Zeit ist, nacheinander ist, so wird dadurch, dass etwas ist, alles andere ausgeschlossen." (Briefe)

Der Mensch, der dem ,,schlimmen Einfluss einer überwiegenden Sensualität" (Briefe) unterliegt, schließt damit seine Persönlichkeit (als das Moment des absoluten Vermögens) aus. Schiller weist hierbei auf die Redensart außer sich seinhin, die anzeigt, dass der Mensch ,,nur empfindet" solange er nicht `Ich' ist. In der Beziehung zur Religion und zum Moralgesetz wird außerdem deutlich, wie sehr ein Übermaß an Materie wahre Religiosität karikieren kann. Denn ein `sinnlich selbstverliebter' Mensch wird das ,,Heilige im Menschen" (Briefe) als ,,bloße Fesseln" empfinden, nicht aber als ,,unendliche Befreiung". ,,Begriffe von Recht und Unrecht" wird er - wenn überhaupt - nur als ,,Statuten" befolgen und nicht als ewig und an seine eigene Person gebunden betrachten.

,,Kein Wunder, wenn eine Religion, die mit Wegwerfung seiner Menschheit erkauft wurde, sich einer solchen Abstammung würdig zeigt, wenn er Gesetze, die nicht von Ewigkeit her banden, auch nicht für unbedingt und in alle Ewigkeit bindend hält. Er hat es nicht mit einem heiligen, bloßmit einem mächtigen Wesen zu tun. Der Geist seiner Gottverehrung ist also Furcht, die ihn erniedrigt, nicht Ehrfurcht, die ihn in seiner eigenen Schätzung erhebt."

Denkt man diese auf Furcht und Strafe sowie - im Gegensatz dazu - auf paternitäres Wohlwollen bauende Gottesverehrung weiter, so hält sie den Menschen als rein zweckrational handelndes Wesen notwendigerweise gering und seiner eigentlichen Bestimmung für unwürdig:

,,Weil die Sinnlichkeit keinen andern Zweck kennt als ihren Vorteil und sich durch keine andre Ursache als den blinden Zufall getrieben fühlt, so macht er jenen zum Bestimmer seiner Handlungen und diesen zum Beherrscher der Welt." (Briefe)

Grenzüberschreitungen im Verhältnis von Geist und Materie Der zum Absoluten führende Formtrieb verfehlt seine Ziel , wenn der Mensch ihm in Bereich der Materie anwendet. Hört der Formtrieb aber auf, für den absoluten Geist ,,Sachführer im Reich der Erscheinung" (Briefe) zu sein, und begibt er sich ganz in dem Bereich der Materie, so endet der Mensch gleichzeitig darin, sein Individuum zur Gattung zu abstrahieren und weitet statt dessen seine Individualität ins Absolute aus. Hat sich der Formtrieb einmal im Bereich der Materie vergriffen, bringt das im Menschen ,,nichts als ein unbegrenztes Verlangen, als ein absolutes Bedürfnis hervor" (Briefe), ja letztlich nur ,,Sorge und Furcht"

,,Eine grenzenlose Dauer des Daseins und Wohlseins, bloßum des Daseins und Wohlseins willen, ist bloßIdeal der Begierde, mithin eine Forderung, die nur von einer ins Absolute strebende Tierheit kann aufgeworfen werden."

An anderer Stelle weist Schiller daraufhin, dass sich das ,,wahrhaft Große der Vorstellung" (Briefe) mit dem ,,Gigantesken und Abenteuerlichen" verbindet, wenn die `energische Schönheit' in ihrer anspannenden Wirkung über den Geist in die Materie greift. Denn an Kraft gewinnt durch diese Gebietsverletzung nicht allein die Person, sondern auch ihr Zustand und unterdrückt wird nicht nur die rohe Natur des Menschen, sondern auch die Humanität der Person. Umgekehrt besteht die Gefahr, dass die `schmelzende, abspannende Schönheit' sich ins Reich des Geistes begibt, wodurch nicht nur die ,,Gewalt der Begierden" und ,,Energie der Gefühle" erstickt werden, sondern darüber hinaus der ,,Charakter einen Kraftverlust" ereilt. Die Konsequenz einer abspannenden Wirkung auf den Gebiet des Geistes ist, dass aus Weichheit Weichlichkeit, aus Fläche Flachheit, aus Korrektheit Leerheit etc. wird. Schiller weist im 17. Brief darauf hin, dass sich der wirkliche, also nicht-ideale Mensch, sich immer entweder in einem an- oder abspannenden, energischen oder schmelzenden Zustand befindet, mithin es der ausgleichende Spieltrieb ist, der den Menschen zum Ideal seiner Schönheit hebt. Jede ausschließende, einseitige Herrschaft eines seiner beiden Grundtriebe, ist für den Menschen daher ein

,,Zustand des Zwanges und der Gewalt; und Freiheit liegt nur in der Zusammenwirkung seiner beiden Naturen." (Briefe)

Quellen: Nationalausgabe Erster und Zweiter Teil Schillers philosophische Schriften

Schillers theoretische Schriften www.schiller.de

20 von 21 Seiten

Details

Titel
Schiller, Friedrich - Ästhetische Erziehung des Menschen
Note
11 Punkte
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V100148
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schiller, Friedrich, Erziehung, Menschen
Arbeit zitieren
Laus Stephanie (Autor), 2000, Schiller, Friedrich - Ästhetische Erziehung des Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100148

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