Die Aktualität und Relevanz von Geschlechterstereotypen und dem Konzept des "Male Gaze"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Geschlechterstereotype und ihre Herkunft
2.1 Das verzerrte Frauenbild in den Medien
2.2 Die stereotype Darstellung der Männerrolle

3. Hierarchie und Machtverhältnis unter Geschlechterstereotypen

4. Die Frau als visuelles Lustobjekt: Die Theorie des „Male Gaze“ nach Laura Mulvey
4.1 Der männliche Blick als ein stereotypes Verhalten
4.2 Auftreten des „Male Gaze“ in den aktuellen Medien

5. Relevanz und Aktualität des „Male Gaze“ in der heutigen Gesellschaft

Abstract

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Anwendbarkeit einer These der Feministin Laura Mulvey auf aktuelle Medien und ihre Verbindung zu geschlechtlichen Stereotypen. Es wird, wie im Titel der Arbeit genannt, „Die Aktualität und Relevanz von Geschlechterstereotypen und dem Konzept des „Male Gaze“ untersucht.

Die Darstellung der Geschlechter in den Medien beruht auf die Anwendung von Stereotypen, welches ein bestimmtes Frauen- und Männerbild erschafft (vgl. Eckes 2008: 179). Es besteht eine klare Geschlechterhierarchie, durch welche Frauen in einer untergeordneten Position und als Objekt der Begierde abgebildet werden (vgl. Albertson 2018: 54). Es entsteht, wie in Laura Mulveys Konzept des „Male Gaze“ beschrieben, ein männlicher Blick, bei welchem die Frau zur Schau gestellt und objektiviert wird (vgl. Mulvey 1994: 55). Jedoch scheinen Geschlechterrollen aktuell häufiger gebrochen zu werden (vgl. Thiele 2015: 280). Die Vermutung liegt nahe, dass durch die Entwicklung von Geschlechterstereotypen auch die Anwendung des „Male Gaze“ eine Veränderung erfahren hat. Es resultiert die Forschungsfrage „Wie aktuell ist das Konzept des „Male Gaze“ auf Basis von stereotypischer Darstellung von Frauen und Männern in den Medien?“.

Ziel dieser Arbeit ist es, eine Verbindung zwischen der stereotypen Darstellung von Geschlechtern und dem „Male Gaze“ herzustellen und zu erforschen, inwiefern der „Male Gaze“ in dieser Form in aktuellen Medien noch zu finden ist. Durch vergleichende Literaturanalyse wurden mithilfe der Literatur von Thomas Eckes, Martina Thiele, Walter Lippmann, Erving Goffman oder auch Susanne Holschbach Geschlechterstereotype und ihre Hierarchie erforscht. Daraufhin wurde Laura Mulveys Theorie untersucht und in Verbindung zu stereotypem Verhalten gebracht. Zum Abschluss wurde mithilfe der Literatur von Cory Albertson das aktuelle Auftreten von stereotypen Geschlechterdarstellungen und dem „Male Gaze“ in den Medien betrachtet. Nach Analyse der Literatur wurde deutlich, dass die Merkmale und das Verhalten von stereotypen Männern der Auslöser und Grund für die Entstehung des „Male Gaze“ sind. Der männliche Blick hat seine Aktualität nicht verloren und lässt sich nach wie vor in den Medien auffinden. Durch die Erweiterung weiblicher Stereotype, wird der „Gaze“ nun auch auf das Bild von neuen, unkonventionellen Frauen gerichtet.

1. Einleitung

In den Medien werden Frauen und Männer stets in stereotypen Geschlechterrollen abgebildet und weisen bestimmte Merkmale ihrer zugewiesenen Rolle auf (vgl. Eckes 2008: 179). Diese Darstellung der Geschlechter reflektiert dabei selten die Realität und trägt so zu einem verzerrten Bild der Wirklichkeit bei (vgl. Thiele 2015: 234). Die ständige Konfrontation mit diesen Geschlechterstereotypen bewirkt zum einen Druck auf reale Personen, sich mit diesem Rollenbild zu identifizieren und dieses zu übernehmen (vgl. Holschbach 2007: 206). Darüber hinaus wird dadurch auch eine Hierarchie zwischen den Geschlechtern gefestigt. Die stereotype Abbildung des Mannes zeigt diesen meist in einer hochrangigen Position, in welcher er die Rolle des Hauptakteurs und eines Führers übernimmt (vgl. Goffman 1981: 134). Unter ihm wird die Frau positioniert, die als passiv und hilfesuchend gilt (vgl. Goffman 1981: 146). In den Medien wird ihr Körper sexualisiert und sie fungiert als ein Objekt der Begierde (vgl. Scarbath 1994: 245). Diese Darstellung der Frau thematisiert Laura Mulvey im Jahre 1975 in ihrem Aufsatz „Visuelle Lust und narratives Kino“. Darin erarbeitet die Autorin das Konzept des „Male Gaze“ (z. Dt.: Männlicher Blick), welches besagt, dass ein heterosexueller männlicher Blick auf Frauen liegt, welcher eine Fantasie auf die Frau überträgt und so ihre Erscheinung formt (vgl. Mulvey 1994: 55). Dadurch wird diese zu Schau gestellt und objektiviert (vgl. ebd.). Der Mann lässt sich dagegen nicht als sexuelles Objekt darstellen, sondern übernimmt stets den aktiven Part (vgl. ebd.: 56). Diese Rollenverteilung und Inszenierung des Frauen- und Männerbildes verändern sich allerdings zunehmend und die stereotypen Geschlechterrollen scheinen immer häufiger gebrochen zu werden (vgl. Thiele 2015: 280). Findet eine Veränderung in der Darstellung von Geschlechterstereotypen statt, so sollte dies auch eine Auswirkung haben auf das Auftreten des „Male Gaze“ in den Medien. Daraus entsteht die folgende Forschungsfrage: Wie aktuell ist das Konzept des „Male Gaze“ auf Basis von stereotypischer Darstellung von Frauen und Männern in den Medien?

Das Ziel dieser Arbeit ist es daher herauszufinden, wie genau sich die Geschlechterstereotypen definieren und welche Hierarchie zwischen der Frauen- und Männerrolle herrscht. Dieses Machtverhältnis der Geschlechterrollen soll in Verbindung mit dem Konzept des „Male Gaze“ von Laura Mulvey gebracht werden. So soll das stereotypische männliche Verhalten als Grund für die Zurschaustellung von Frauen in Medien untersucht werden und die Relevanz und Aktualität des „Male Gaze“ in heutigen Medien erforscht werden.

In dieser Arbeit wird mittels einer vergleichenden Literaturanalyse Wissen zu den Themen Geschlechterstereotypen und der Theorie des „Male Gaze“ zusammengetragen und dadurch die Forschungsfrage beantwortet. Zunächst werden dazu die Geschlechterstereotypen und ihre Hintergründe erforscht. Dazu wird der grundlegende Begriff des Stereotypen bestimmt. Hier wird die klassische Definition von Walter Lippmann hinzugezogen, sowie die aktuelleren Definitionen von Andreas Zick und Martina Thiele. Anschließend wird der speziellere Begriff des Geschlechterstereotypen mithilfe der Literatur von Thomas Eckes erläutert und die Entwicklung dieser Stereotypen beleuchtet. Die Rollenbilder von Frauen und Männern werden daraufhin vorerst getrennt betrachtet. Mit Literatur von Martina Thiele, Christine Leinfellner, Judith Beile und Erich Küchenhoff wird erst das klassische Frauenbild untersucht und die Darstellung ebendieses in den Medien. Ebenso wird daraufhin die stereotype Männerrolle analysiert. Dabei werden die Untersuchungen von Guido Zurstiege aufgegriffen. Bei beiden Geschlechtern werden des Weiteren die jeweiligen Substereotypen nach Thomas Eckes behandelt. Die herausgearbeiteten stereotypen Darstellungen werden in Bezug zueinander gesetzt und die Hierarchie und das Machtverhältnis der beiden Geschlechterrollen erörtert. Dabei soll speziell die Dominanz der Männerrolle gegenüber der Frauenrolle mithilfe der Veröffentlichungen von Erving Goffman, Esther Wenger und Anne Externbrink untersucht werden. Auf Basis dieses Verhältnisses unter den Geschlechterstereotypen wird das Konzept des „Male Gaze“ nach dem 1975 veröffentlichten Essay von Laura Mulvey untersucht. Hier werden zunächst die Grundsätze dieses Konzeptes erarbeitet. Dazu werden auch kritische Äußerungen von Kaja Silverman, Tania Modleski und Sharon Marcus zu der Korrektheit des Konzeptes betrachtet. Anschließend wird der „Male Gaze“ auf Geschlechterstereotypen übertragen und der Zusammenhang beider Themen betrachtet. Hier wird das stereotype Verhalten von Männern als ein Grund für die Zurschaustellung von Frauen in Medien analysiert. Daran anschließend wird nach der Literatur von Cory Albertson und Martina Thiele ermittelt, ob der „Male Gaze“ in dieser Form weiterhin in den Medien zu finden ist auf Basis davon, wie Geschlechterstereotypen und speziell Frauen aktuell dargestellt werden. Zum Abschluss werden die erarbeiteten Ergebnisse vereint und geprüft, inwiefern das Konzept des „Male Gaze“ aktuell und relevant ist, um so die Forschungsfrage zu beantworten.

2. Geschlechterstereotype und ihre Herkunft

Frauen sowie Männer werden in Medien kontinuierlich und kulturell unabhängig in Kategorien geordnet, in welchen sie bestimmte Rollen ausführen sollen (vgl. Eckes 2008: 179). Solche Kategorien, die in Verbindung mit einer starken Überzeugung auftreten, werden als Stereotyp bezeichnet (vgl. Allport 1971: 200). Durch die Verwendung dieses Begriffes, soll verdeutlicht werden, dass ein Bild, eine Aussage oder eine Verhaltensweise nicht realitätsnah ist (vgl. ebd.: 28). Um zu verstehen, wie sich stereotype Geschlechterbilder zusammensetzen, muss zu-nächst beleuchtet werden, was Stereotype im Grundsatz sind. Für den Begriff des Stereotypen existieren „Myriaden von Definitionen“ (Zick 1997: 44). Allerdings lassen sich Stereotype grundsätzlich erklären als „kognitive Konzepte […], die Generalisierungen über andere Personen und Gruppen darstellen“ (ebd.). Mit anderen Worten: Stereotype sind „individuelle und sozial geteilte Meinungen über Merkmale der Mitglieder einer sozialen Gruppe“ (Thiele 2015: 30). Diese Meinungen haben die Form eines Urteils, welches Gruppen von Personen vereinfacht, generalisiert und ihnen sowohl positive als auch negative Eigenschaften und Verhaltensweisen zuordnet (vgl. Quasthoff 1973: 28).

Bereits 1922 prägte der amerikanische Journalist und Publizist Walter Lippmann in seinem Werk „Die öffentliche Meinung“ den Begriff. Er war nicht der erste, der sich mit dem Stereotypenbegriff beschäftigte, allerdings wird in seinem Werk erstmals der Stereotyp auf die Wahrnehmung des Menschen übertragen (vgl. Thiele 2015: 27). Lippmann sieht die „reale Umgebung [als] insgesamt zu groß, zu komplex und auch zu fließend“ (Lippmann 2018: 65), um diese vollständig aufnehmen zu können. Stereotype sollen daher als vereinfachende Muster dienen, die eine Orientierung in dieser Umgebung sicherstellen (vgl. ebd.: 65). Sie zeigen kein vollständiges Weltbild, aber eines, an welches der Mensch sein tägliches Verhalten und seine Wünsche angepasst hat (vgl. Lippmann 2018: 120). Hierbei ist wesentlich, dass in dieser Welt Menschen und Dinge ihren wohlbekannten Platz haben und so ein vertrautes und verlässliches Umfeld entsteht (vgl. ebd.: 120).

Ein Stereotyp stellt sich meist als ein „verbale[r] Ausdruck“ (Quasthoff 1973: 28) dar, der so-wohl als simple Prädikation formuliert werden kann („Deutsche sind immer pünktlich“), aber auch als „textlinguistischer Typ“ (Gruber 1991: 14f.). Hierbei enthält der Satz einen Stereotypen, der nicht eindeutig ausgesprochen, sondern nur impliziert wird: „Er ist Jude, aber er ist sehr nett.“ (ebd.: 14). Solche Stereotype sind in der Weltansicht des Menschen verankert und ein Widerspruch ist undenkbar (vgl. Lippmann 2018: 143). Sollten diese Stereotype in Frage gestellt, wirkt dies daher wie „ein Angriff auf die Grundfeste unseres Universums“ (ebd.: 120).

Speziell auf Geschlechter übertragen, sind Stereotypen nach der Definition von Thomas Eckes „kognitive Strukturen, die sozial geteiltes Wissen über die charakteristischen Merkmale von Frauen und Männern enthalten“ (Eckes 2008: 178). Dabei gelten bestimmte Merkmale als typisch für ein Geschlecht, sodass Menschen ausschließlich aufgrund der beobachteten Merkmale umgehend auf die Eigenschaften ihres Gegenübers schließen (vgl. ebd.: 179). Diese Merkmale beruhen auf einem System der Zweigeschlechtlichkeit (vgl. Thiele 2015: 235). Daraus entstehen Geschlechterrollen, an welche sich bestimmte Erwartungen an das Verhalten von Männern und Frauen binden (vgl. Eckes 2008: 178). Insbesondere die Massenmedien unterstützen stereotype Darstellungen und tragen damit zu einem realitätsfernen Bild der Ge-schlechter bei (vgl. Thiele 2015: 234). Speziell in der Werbung ist die Verwendung von vertrauten Geschlechterrollen und die Darstellung von geschlechtergerechtem Verhalten zu verzeichnen (vgl. ebd.: 280). Dadurch wird sowohl auf die Wahrnehmung, Beurteilung und Bewertung anderer Menschen Einfluss genommen, als auch auf die Art und Weise zwischen-menschlicher Interaktion (vgl. Eckes 2008: 185).

Diese sehr allgemeinen Geschlechterstereotypen – oder auch „Globalstereotypen“ (ebd. 2008: 181) nach der Bezeichnung von Thomas Eckes – sind jedoch noch „zu weit und unscharf gefasst“ (ebd.). Sowohl bei Männern als auch Frauen tauchen im Laufe der Zeit sogenannte Substereotype auf (vgl. Thiele 2015: 235). Diese unterteilen den Globalstereotypen in individuelle Kategorien mit spezifischen Eigenschaften (vgl. Eckes 2008: 181). Diese Eigenschaften können sich beispielsweise auf das Alter, den Beruf oder die Religion beziehen (vgl. Thiele 2015: 235). Dabei können Substereotype auch von dem Globalstereotypen differieren oder deutlich im Kontrast stehen (vgl. Eckes 2008: 182). Die Stereotype zu Frauen und Männern unterscheiden sich in großem Maße, deshalb werden diese im Folgenden getrennt betrachtet und die jeweiligen Geschlechterrollen herausgestellt.

2.1 Das verzerrte Frauenbild in den Medien

In den Medien werden Frauen nur in einem „sehr engen Rollenspektrum“ (Thiele 2015: 234) repräsentiert. Sie demonstrieren bestimmte weibliche Merkmale, die sich stets zu wiederholen scheinen und so ein stereotypes Frauenbild erzeugen. Die in den Medien dargestellte Frau zeigt demnach Wärme, sie ist expressiv (vgl. Eckes 2008: 179), stets passiv und nie aggressiv (vgl. Leinfellner 1983: 112). Sie zeigt sich stets verständnisvoll und emotional (vgl. Eckes 2008: 178). Zudem wird ihre Bildung als weniger fortgeschritten dargestellt: Frauen finden sich oft in einer Hausfrauenrolle oder einer Berufsrolle mit einem niedrigen Status wieder (vgl. ebd.: 2008: 179). Sie „verstehen nichts von Politik“ (Beile 1993: 335), sind weniger intelligent und Gesprächsthemen untereinander gibt es nur selten (vgl. Leinfellner 1983: 111f.). So erscheinen ihre Lebenswelten grundsätzlich als unwichtig (vgl. Thiele 2015: 234). Zudem werden Frauen oft als sexuell passiv gezeigt (vgl. Wenger 2000: 345). Sie sind gefühlvoll, schwach und hingebungsvoll (vgl. Scarbath 1994: 246). Dafür werden sie meist als „jünger, schöner und besser angezogen“ (Leinfellner 1983:111) dargestellt. Susanne Holschbach sieht in ihrer Untersuchung zu der Modefotografie im Jahre 2007 das Frauenbild in einem Bereich zwischen „Femme Fatale“ und einem zurückhaltenden romantischen Mädchen (vgl. Holschbach 2007: 204).

Diese Abbildung des weiblichen Geschlechtes in den Medien kann allerdings auch als unrealistisch gewertet werden, da Frauen unverhältnismäßig wenig repräsentiert werden (vgl. Thiele 2015: 234). Dies bestätigt bereits eine der ersten Studien, die auf dem Gebiet der Geschlechterstereotypen- und Medienforschung ausgeführt wurde. Die Studie von Erich Küchenhoff „Die Darstellung der Frau und die Behandlung von Frauenfragen im Fernsehen“ im Jahre 1975 zeigt eine deutliche Unterrepräsentation von Frauen im deutschen Fernsehen auf (vgl. Küchenhoff 1975: 241). Dort werden laut der Studienergebnisse Frauen unpolitisch gezeigt und ihre Sorgen, Wünsche und Probleme vernachlässigt oder gar nicht erst nicht thematisiert (vgl. ebd.: 241ff). Küchenhoff fordert „neue Identifikationsmodelle für Frauen […] um Frauen zur Erkenntnis politischer Zusammenhänge und zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehen anzuleiten“ (ebd.: 250). Bis heute wird auf diese Studie zurückgegriffen, um zu erforschen, ob sich im Laufe der Zeit etwas verändert hat. (vgl. Thiele 2015: 243).

Tatsächlich gab es in einigen Aspekten des medialen Frauenbildes eine Entwicklung. Bereits Judith Beile erkennt 1993 eine Entwicklung in der Darstellung von Frauen in den Medien. Ihre Aufgabe ist es nicht mehr nur, sich ausschließlich um den Haushalt und die Familie zu kümmern (vgl. Beile 1993: 334). Es ist Frauen auch möglich einen Beruf auszuüben und selbstständig ein Einkommen zu beziehen (vgl. ebd.). Nichtsdestotrotz bleiben sie unpolitisch (vgl. ebd.: 334). Im Zentrum steht nur ihr Aussehen und nicht ihre Intelligenz (vgl. ebd.: 335). Aber auch in einer Untersuchung von Werbespots des deutschen Fernsehens zwischen 1989 bis 1991 erkennt die Autorin Brigitte Spieß das vereinzelte Auftreten von alternativen Frauenrollen (vgl. Spieß 1992: 97). Die „äußerliche Attraktivität und Jugendlichkeit“ ist immer noch ein entscheidendes Merkmal des inszenierten Frauenbildes (vgl. Thiele 2015: 274), welches in Ausnahmen aber durch Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit ergänzt wird (vgl. Spieß 1994: 423). Unter diesen unkonventionellen Frauenrollen tauchen Substereotype auf, wie die „dominante, kühle [und] selbstbewusste“ (Eckes 2008: 182) Karrierefrau und die politische und für Frauenrechte eintretende Emanze (vgl. ebd.). Diese erweiternden Substereotype implizieren, dass Frauen nun nicht nur nach ihren Äußerlichkeiten gewertet werden, jedoch bringt dies wiederum „zusätzliche Anforderungen“ (Thiele 2015: 275) mit sich. Auch die Kommunikationswissenschaftlerinnen Angela Vennemann und Christina Holtz-Bacha beobachten in ihrer Untersuchung von Frauenbildern in der Werbung im Jahre 2007 eine neue Frauenrolle, die sie als „Die Unkonventionelle“ (Vennemann/Holtz-Bacha 2011: 95) bezeichnen. Diese lässt sich keinem der traditionellen weiblichen Geschlechterstereotypen zuordnen (vgl. ebd.). Hier treten neue Merkmale auf, wie Abenteuerlust, Mut und vereinzelt die Übernahme der typisch männlichen Rolle (vgl. ebd.: 96). Diese Entwicklungen des Frauenbildes hat allerdings „keine substanzielle Änderung der Rollenverteilung“ (Eckes 2008: 186) bewirkt. Im Jahre 2008 beschreibt Thomas Eckes die zentrale Rolle von Frauen immer noch als eine der Hausfrau und Mutter (vgl. ebd.). Die Möglichkeit für eine Frau ihren Beruf ins Zentrum zu stellen ist gering, da die Frauenrolle und die Führungsrolle im Grundsatz nicht übereinstimmen (vgl. ebd.).

2.2 Die stereotype Darstellung der Männerrolle

Der männliche Geschlechterstereotyp steht im Gegensatz zu der Darstellung von Frauen. Die in den Medien abgebildete Rolle des Mannes ist nicht eine schwache, warme und emotionale, sondern zeugt von Dominanz und Zielstrebigkeit (vgl. Eckes 2008: 178). Männer haben zudem eine deutliche mediale „(Über-) Präsenz“ (Thiele 2015: 277), nehmen in der Werbung oftmals die Hauptrolle ein und treten als Experten auf (vgl. Thiele 2015: 90). Dadurch wird der Mann vor allem in einer Führungsrolle präsentiert, wie bereits der Soziologe Erving Goffman im Jahre 1967 feststellt (vgl. Goffman 1976: 134). Des Weiteren wird Männern die Aufgabe des Lehrenden zugeschrieben (vgl. ebd.: 144). Es ist nicht unüblich, dass sie in einer Position gezeigt werden, in welcher sie Frauen belehren (vgl. ebd.). Aufgrund dieser Dominanz nehmen Männer „Berufsrollen mit hohem Status“ (Eckes 2008: 179) ein und dienen als Ernährer der Familie (vgl. ebd.). Judith Beile bestätigt dies in dem Ergebnis ihrer Studie zu Familienserien des deutschen Fernsehens zwischen 1954 und 1976 und bezeichnet die dargestellten Väter als „unumstrittenes Familienoberhaupt“ (Beile 1993: 333), sowie als „alleinige Ernährer“ (ebd.) mit „Finanzhoheit“ (ebd.). Der in den Medien gezeigte stereotype Mann wird grundsätzlich als „aktiv[en], stark[en], aggressiv[en], rationalitäts- und technikorientiert[en]“ (Scarbath 1994: 246), sowie als selbstüberzeugter Frauenheld abgebildet (vgl. Thiele 2015: 277). Er ist traditionell ein kompetenter Entscheider (vgl. ebd.) mit einem ausgeprägten politischen Interesse (vgl. Beile 1993: 333) und besitzt mehr Begabungen als sein weibliches Gegenüber (vgl. Leinfellner 1983: 112).

Bei männlichen Geschlechterstereotypen zeigen sich ebenfalls Substereotype. Im Laufe der Zeit wird die stereotype Darstellung von Männern differenzierter und kann durch verschiedenste Merkmale ausgezeichnet sein (vgl. Krohne 1995: 151). Dabei reicht „die Bandbreite von Männerprofilen […] mittlerweile von dümmlich bis intelligent, von schön bis häßlich, von feinfühlig bis gefühllos, von kindlich bis erwachsen oder von albern bis humorlos“ (ebd.). Im Jahre 1998 untersucht Guido Zurstiege die Anzeigenwerbung zwischen den 1950er und 1990er Jahren. Er beobachtet bei seiner Analyse sieben verschiedene Substereotype, die er wie folgt typisiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Zurstiege 1998: 164)

Die zentralen Eigenschaften eines stereotypen Mannes aber bleiben: Erfolg, physische Kraft und Kompetenz bestimmen ihn (vgl. Thiele: 179). Thomas Eckes beschreibt zehn Jahre später zwei weitere Substereotype, den „Alternativen“ und den „Intellektuellen“, die sich durch ihre Merkmale von dem Globalstereotyp entfernen. Der „Alternative“ geht mit seinen Emotionen offen um und ist ein nachdenklicher Typ (vgl. Eckes: 2008: 182). Den „Intellektuellen“ beschreibt Eckes hingegen als „redegewandt, selbstkritisch [und] kulturell interessiert“ (ebd.). Des Weiteren hat sich Anfang der 2000er Jahre der Substereotyp des „Metrosexuellen“ entwickelt (vgl. Dreßler 2011: 153). Der metrosexuelle Mann zeigt einige traditionell weibliche Eigenschaften auf und widmet sich ausgiebig seinem Äußeren und der Körperpflege (vgl. ebd.). Er besitzt aber auch traditionell männliche Merkmale und kann gleichzeitig ein kompetenter Familienvater oder ein Macho sein (vgl. ebd.). Trotz der Erscheinung dieser unterschiedlichen Substereotypen, die sich vom traditionellen Männerbild entfernen, ist zu beachten, dass diese nicht immer etwas Neues repräsentieren (vgl. Thiele 2015: 284). Viele der Neuerscheinungen stützen sich darauf, dass der traditionelle Männerstereotyp bereits bekannt ist und bauen lediglich auf diesem Wissen auf (vgl. ebd.).

3. Hierarchie und Machtverhältnis unter Geschlechterstereotypen

Nachdem herausgestellt wurde, was die Merkmale von weiblichen und männlichen Stereotypen ausmacht, wird nun die Darstellung des Verhältnisses von Männern und Frauen zueinander und der Geschlechterhierarchie beleuchtet. Dies ist von Bedeutung, da durch stereotype Darstellung beider Geschlechter ein Machtverhältnis impliziert wird, das in den Medien häufig beobachtet werden kann (vgl. Eckes 2008: 183). Da Stereotype Einfluss auf zwischenmenschliche Interaktionen ausüben (vgl. ebd.), werden die Hierarchie und das Machtverhältnis insbesondere in der nonverbalen Körpersprache und der verbalen zwischengeschlechtlichen Interaktion deutlich (vgl. Thiele 2015: 251). Männliche Figuren in den Medien werden intellektuell, körperlich als auch durch den simplen Einsatz bildlicher Positionierung über die Frau gestellt. Letzteres wird beispielsweise im Fernsehen oder auf der Leinwand deutlich. Hierbei wird die relative Größe der gezeigten Personen auf dem Bildschirm eingesetzt, um das gesellschaftliche Gewicht hervorzuheben (vgl. Goffman 1976: 120). Auffällig ist, dass meist der Mann sich über die Frau lehnt und auf sie herabschaut (vgl. ebd.).

Die körperliche Überlegenheit des Mannes wird speziell in Gefahrensituationen deutlich (vgl. Wenger 2000: 345). Die Fernsehregisseurin Esther Wenger erkennt in ihrer Studie zu Inhalten des ARD, ZDF, RTL, und SAT1 im Jahre 1994 das Auftreten filmischer Klischees und stereotypisierung, wie das „Opfer-Retter-Muster“: Durch das kompetente, starke Auftreten der männlichen Figur, wird diese häufig als Retter der geschwächten, hilflosen Frau dargestellt (vgl. ebd.). Indem Männer als Lehrende abgebildet werden, wird außerdem ein höherer Intellekt angedeutet (vgl. Goffman 1976: 144). Sie üben Kritik an Frauen aus und verhängen zudem Verbote (vgl. Wenger 2000: 345). Aus Sicht der Männer ist der Intellekt der Frauen dagegen nicht relevant (vgl. Beile 1993: 335). Zentral sind ihre äußere Erscheinung und ihr Auftreten (vgl. ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Aktualität und Relevanz von Geschlechterstereotypen und dem Konzept des "Male Gaze"
Hochschule
Technische Hochschule Mittelhessen
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V1001660
ISBN (eBook)
9783346377326
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Geschlecht, Stereotyp, Stereotypen, Geschlechterstereotypen, Male Gaze, Frauen, Film, Frauenbild, Geschlechterrolle, Laura Mulvey, Mulvey, Machtverhältnis, Hierarchie, Geschlechterhierarchie, Objektifizierung, Thiele, Lippmann, Goffman, Albertson
Arbeit zitieren
Jana Kostova (Autor), 2020, Die Aktualität und Relevanz von Geschlechterstereotypen und dem Konzept des "Male Gaze", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1001660

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