Essen, Trinken und Tod in Rom. Über das Phänomen der Nahrungsaufnahme in Koeppens Roman "Der Tod in Rom"

Eine kleine Analyse


Essay, 2021

5 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Essen, Trinken und Tod in Rom - über das Phänomen der Nahrungsaufnahme in Koeppens Roman Der Tod in Rom. Eine kleine Analyse.

Beinahe leitmotivisch eingesetzte, intertextuelle Bausteine, Querverweise und Metaphern bilden das literarische Fundament von Wolfgang Koeppens Trilogie des Scheiterns1.

In jedem Roman formal und inhaltlich anders eingebunden und verwendet, knüpft Koeppen aus dieser Montage-Technik den roten Faden, der die drei Werke miteinander verbindet. Seien es literarisch-kulturelle Verweise oder aber wiederkehrende, semantisch aufgeladene Motive beispielsweise in Gestalt von Tieren, Gegenständen oder Verhaltensweisen von Charakteren.

Im dritten und letzten Roman der Reihe, Der Tod in Rom, ist eines dieser Elemente zweifelsohne die Nahrungsaufnahme, das Essen und das Trinken der Figuren.

Der vorliegende Text setzt sich anhand einzelner, ausgewählter Beispiele mit den variierenden Darstellungen des Akts der Nahrungszufuhr verschiedener Charaktere auseinander - wann nimmt wer etwas wie und warum zu sich - denn es wird schnell deutlich, dass Nahrung, und der Umgang mit Nahrungsmitteln überhaupt, eine gesonderte Rolle im Roman spielen. Welche Rolle das ist, soll im Folgenden erörtert werden.

Zunächst kann man sich die Frage stellen: warum das Motiv ,Essen und Trinken‘?

Das erste Argument hierfür könnte sein, dass der Roman in einer Nachkriegswelt spielt, in der Nahrungsmittel wieder freier zur Verfügung stehen. Im Krieg war das Essen für (fast) alle knapp. Es ist elementares Gut, das lange nicht selbstverständlich gewesen war. Man könnte also sagen, dass Essen und Trinken ein Stückweit Freiheit symbolisieren. Doch erkennt man bei der Lektüre schnell, dass die Figuren in sich beinahe alle unfrei sind. Das lässt sich auch an den folgenden Passagen beispielhaft festhalten:

Zu Beginn des Romans, in der ersten Innensicht Siegfrieds in der ersten Person, lernen wir den Komponisten als Grappa-Trinker kennen:2

„(...) ein Grappa, und ich trank ihn, weil ich bei Hemingway gelesen hatte, man trinke ihn in Italien.“2 (TiR 14). Bereits an dieser frühen Textstelle wird die Identitätskrise des jungen Mannes, die im Prinzip die Identitätskrise einer ganzen Generation ist, klar und deutlich gezeichnet und vorweggenommen - nur über die unbeholfene Wahl des Getränks. Identität lässt sich für Siegfried nur schwer generieren, er benötigt eine fremde Persönlichkeit zur Identitätsstiftung, in diesem Fall bezeichnenderweise die eines Literaten.

Exemplarisch seien zwei weitere Textstellen genannt, die die Funktion des Trinkens (und im weiteren Sinne auch des Essens) als Symbol für Figurenbeziehungen verdeutlichen.

Es handelt sich zum einen um das gemeinsame Trinken Siegfrieds mit einem Fremden in einer Schänke und um das Zusammentreffen von Adolf und Siegfried in dessen Hotelzimmer. Die beiden Textstellen funktionieren als Parallelen zueinander - sie spiegeln sich.

In der Schänke beobachtet Siegfried, wie sich ein Fremder einen Zwiebelsalat zubereitet: „Siegfried mag den Geschmack der Lauchgewächse nicht, aber der Mann schält und schneidet mit so viel Vorfreude die junge [...] Knolle, er mischt die Scheiben so sorgsam mit Essig und Öl und Pfeffer und Salz, er bricht so andächtig sein trockenes Brot, dass Siegfried nicht um hin kann ihm 'buon appetito' zu wünschen.“ (TiR 80)3

Die Kontaktaufnahme erfolgt, weil Siegfried von der Hingabe und Leidenschaft, die der Fremde für die Zubereitung seiner Mahlzeit aufwendet, ergriffen, mitgerissen wird. Es ist eine Leidenschaft, die er nicht kennt und nachempfinden kann (vgl. das Essen mit Kürenbergs, TiR 59).

Die nächste Aktion ist ausschlaggebend: der Fremde bietet Siegfried Wein aus seinem Glas an und „er überwindet den Ekel und kostet den Wein“ (TiR 80), auf Ekel folgt Verbrüderung - eigentlich ein Widerspruch - man teilt sich ein Glas, obwohl man sich gänzlich fremd ist. Erst über diesen Akt ist ein Sprechen möglich („Sie trinken und reden(...)“, TiR 80) und ein Froh-Sein (zumindest „Für einen Augenblick“, TiR 80).

Die Parallelstelle findet sich nur wenige Seiten darauf. Adolf sucht Siegfried in seinem Hotelzimmer auf, es ist die erste familiäre Zusammenkunft im Roman!

Da Siegfried nur einen Zahnputzbecher hat, bietet er Adolf seinen einzigen Becher zum Teilen3 1 an (TiR 85). Adolf verneint, er trinke nicht.

Durch das Nicht-Gemeinsam-Trinken zeigt sich die emotionale Barriere, die der Familienkonstellation Judejahn-Pfaffrath zugrunde liegt, ein erstes Mal. Die Folge ist - folgerichtig, d.h. der Parallelstelle entsprechend - Sprachlosigkeit: „Wir schwiegen“ (TiR 87).

Beispielhaft kann auch Adolfs Erinnerung an das Zusammentreffen mit dem jüdischen Jungen angeführt werden. Sie teilen sich Adolfs Ration. Im Essen sind die beiden ungleichen Gleichaltrigen kurzfristig vereint: „Er setzte sich zu Adolf. Die Mandeln aßen sie zusammen.“ (TiR 97). Die eigentliche, tragische Ungleichheit wird im Folgenden drastisch gekennzeichnet, durch das Erbrechen des Jungen („Er gab die Wurst und das Brot und die Margarine wieder von sich.“ TiR 97), das Erbrechen des Essens des Nazi-Sohnes ist ein starkes Bild, das neben der Diskrepanz der Figuren einerseits, außerdem die buchstäbliche Hilflosigkeit (, denn sein Essen hilft ihm nicht) Adolfs andererseits aufzeigt.

Diese Hilf- und Mittellosigkeit kennzeichnet Adolfs Person, auch im Erwachsenenalter.

Es könnten nun gewiss noch weitere Textstellen als Beispiele aufgeführt werden, doch am aussagekräftigsten ist vermutlich das Ess- und Trinkverhalten Judejahns einerseits und der Kürenbergs andererseits, da sie sich grundlegend voneinander unterscheiden und auch den größten Anteil der Essszenen im Roman beanspruchen. Gleichzeitig stehen sie für eine zweite Ebene, die das Motiv ,Essen und Trinken‘ aufmachen kann, nämlich die Ebene der Sinnlichkeit und Existenz (in Verbindung mit dem oben angeführten ,Freiheits- bzw, Unfreiheitsmotiv ‘).

[...]


1.Auflage, Scherz & Goverts Verlag, 1954: Stuttgart. Ich werde im Folgenden aus dieser Ausgabe zitieren. interessant ist, dass gerade die Zwiebel noch einmal aufgegriffen wird. So heißt es auf Seite 89: „Die Zwiebeln schmeckten Judejahn.“ - ein direkter Vergleich der beiden Figuren und eine Verbildlichung Ihres Antagonismus.

2 Obwohl von Koeppen ursprünglich nicht als Trilogie konzipiert, wurden die drei Romane von der Literaturkritik dementsprechend aufgefasst und benannt.

3 2Die genannten Seitenzahlen beziehen sich auf die mir vorliegende Ausgabe des Koeppen Textes. Der Tod in Rom,

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Essen, Trinken und Tod in Rom. Über das Phänomen der Nahrungsaufnahme in Koeppens Roman "Der Tod in Rom"
Untertitel
Eine kleine Analyse
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Deutsche Sprache und Literatur
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2021
Seiten
5
Katalognummer
V1001930
ISBN (eBook)
9783346377050
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Koeppen, Trilogie des Scheiterns, Der Tod in Rom
Arbeit zitieren
Lara Vinciguerra (Autor:in), 2021, Essen, Trinken und Tod in Rom. Über das Phänomen der Nahrungsaufnahme in Koeppens Roman "Der Tod in Rom", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1001930

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