1. Einleitung
„Vergleicht man den Film mit dem Buch, tut man ihm Unrecht“
Uwe Johnsons Roman Jahrestage in vier Bänden, erschienen 1970-1983, umfaßt nicht nur eine deutsche Familiengeschichte, sondern ebenso eine Mutter-Tochter-Beziehung, eine Heimatgeschichte und die Geschichte der beiden bis 1989 getrennten deutschen Staaten.
Dies zu verfilmen ist eine sicherlich ehrgeizige Aufgabe, der sich 2000 Margarethe von Trotta mit ihren Drehbuchschreibern Peter Steinbach und Christoph Busch stellten.
Die Übersetzung von Johnsons feiner Gedächtnisarchitektur, mit ihren assoziativen Einschüben und sprunghaften Orts- und Zeitwechseln in Bilder, scheint kaum möglich. So nennt sich der Film ehrlicherweise auch „nach dem Roman von Uwe Johnson“, was auf die Problematik der Verfilmung von Literatur im Allgemeinen und die Schwierigkeit der Jahrestage im Besonderen verweist. Es ist Busch und Steinbach jedoch gelungen, zwei klare Handlungsstränge aus der komplexen Geschichte herauszukristallisieren: Gesines Leben in New York mit ihrer Tochter Marie stellt den Rahmen des Filmes, während in langen Rückblenden die Mecklenburger Familiengeschichte während des Nationalsozialismus und in Zeiten der frühen DDR erzählt wird. Auffallend ist, daß in allen Zeitebenen die Thematisierung der gescheiterten Liebesbeziehungen dominieren;
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Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2 GESINE UND DIE NEW YORK TIMES
2.1 IM ROMAN
2.2 IM FILM
3 MARIE UND DIE BILDER
3. 1. IM ROMAN
3.2. IM FILM
4 RADIO UND TONBAND IM ROMAN UND IM FILM
5 SCHLUßBEMERKUNG
6 BIBLIOGRAPHIE
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht kontrastiv die mediale Thematisierung in Uwe Johnsons Roman Jahrestage sowie dessen Verfilmung durch Margarethe von Trotta, wobei der Schwerpunkt auf den unterschiedlichen Funktionen von Print- und elektronischen Medien liegt.
- Die Rolle der New York Times als Informationsquelle und "Person" für die Protagonistin Gesine.
- Der Einfluss von Bildmedien wie Fernsehen und Fotografie auf die Wahrnehmung der Realität durch die Figur Marie.
- Die Funktion von Tonbandaufzeichnungen als Speichermedium für individuelle Erinnerungen.
- Die medientheoretische Einordnung von Informationsverhalten anhand der Ansätze von Joshua Meyrowitz.
Auszug aus dem Buch
Gesine und die New York Times
Als Einstieg in den Tag formuliert Johnson Artikel aus der New York Times des jeweiligen Datums. Zentrales Thema sind die Geschehnisse in den Vereinigten Staaten und das daraus resultierende Amerika-Bild, das sich für Gesine darlegt. Johnson nutzt die Times einerseits als Quelle um Gesine in einen historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen. Andererseits stellt er Gesines Reaktion auf diese so erlangte Information in den Vordergrund. Diese Reaktion ist geprägt durch die Information an sich und durch die Darstellungsmethode, die die New York Times wählt. Am 6. November 1967 wird diese Methodik am Beispiel der Seiteneinteilung der Times deutlich.
Die Nachricht besteht darin, daß die Leute in der Kirche gewesen waren. Der Leser misst die Bedeutung von Informationen nach der Größe des dafür verwendeten Platzes. Johnson verweist an dieser Stelle durch den ironisch knappen letzten Satz auf eine spezielle Form des Journalismus hin, auf die Verschleierung. Das große Bild der vordergründig intakten, heiteren Präsidentenfamilie lenkt vom Wichtigen, von der schmutzig traurigen Realität ab. Grundsätzlich fungiert die New York Times für Gesine als einzige Nachrichtenquelle, deren Wahrheitsgehalt für sie außer Frage steht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Herausforderung der Verfilmung von Johnsons komplexer Gedächtnisarchitektur und führt in die mediale Problematik der Romanvorlage ein.
2 GESINE UND DIE NEW YORK TIMES: Dieses Kapitel analysiert die zentrale Rolle der New York Times als Welttagebuch für Gesine im Roman sowie deren Funktion als bloßes Requisit in der filmischen Adaption.
3 MARIE UND DIE BILDER: Hier wird Maries Faszination für das Fernsehen und die Fotografie gegenübergestellt, wobei insbesondere der Mutter-Tochter-Konflikt durch den unterschiedlichen Medienzugang beleuchtet wird.
4 RADIO UND TONBAND IM ROMAN UND IM FILM: Der Abschnitt untersucht das Tonband als Instrument der Erinnerungskonservierung und die Rolle des Radios als Medium zur Herstellung eines Kontakts zur Außenwelt.
5 SCHLUßBEMERKUNG: Die Schlußbemerkung fasst zusammen, dass die mediale Darstellung im Roman und Film jeweils eigenen Gesetzen gehorcht und eine direkte Vergleichbarkeit an der unterschiedlichen Rezeptionsweise scheitert.
6 BIBLIOGRAPHIE: Verzeichnis der herangezogenen Primär- und Sekundärliteratur sowie der genutzten Internetquellen.
Schlüsselwörter
Uwe Johnson, Jahrestage, Margarethe von Trotta, Medienanalyse, New York Times, Fernsehen, Radio, Tonband, Gesine, Marie, Literaturverfilmung, Medientheorie, Joshua Meyrowitz, Erinnerungsarchitektur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die Art und Weise, wie Medien wie Zeitungen, Fernsehen, Radio und Tonbänder in Uwe Johnsons Roman Jahrestage dargestellt werden und wie diese in der gleichnamigen Verfilmung durch Margarethe von Trotta umgesetzt wurden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die unterschiedlichen Mediennutzungen der beiden Hauptfiguren Gesine und Marie sowie der Kontrast zwischen gedruckten Informationen (Printmedien) und visuell geprägten, elektronischen Medien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifischen funktionalen Unterschiede der Medien in beiden Werken herauszuarbeiten und zu erörtern, warum die Rezeption von Roman und Film unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine kontrastive Analyse zwischen Roman und Film unter Einbeziehung medientheoretischer Konzepte, insbesondere der Ansätze von Joshua Meyrowitz zur Mediennutzung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert kapitelweise den Umgang mit der New York Times, die Bedeutung der Bilder für die Figur Marie sowie die Funktion von Radio und Tonband als Kommunikations- und Speichermedien.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind die "Gedächtnisarchitektur", der "Mutter-Tochter-Konflikt", die "Illusion der Begegnung von Angesicht zu Angesicht" sowie die Unterscheidung zwischen konservativen Printmedien und modernen, elektronischen Transportmedien.
Warum fungiert die New York Times im Roman als "Tante"?
Gesine personifiziert die Zeitung, um eine emotionale Nähe aufzubauen. Sie dient ihr als Vertrauensperson und Brücke zwischen den historischen Ereignissen in den USA und ihrer eigenen Lebenswelt.
Welchen Stellenwert nimmt das Fernsehen in Bezug auf die Figur Marie ein?
Für Marie ist das Fernsehen ein Fenster zur Welt. Es dient ihr nicht nur zur Unterhaltung, sondern fungiert als ein Medium, das Distanz überbrückt und ihr eine Teilhabe an aktuellen Weltgeschehnissen ermöglicht, die für sie im Erwachsenenbereich liegen.
- Quote paper
- Tina Hau (Author), 2000, Ein Vergleich der Thematisierung von Medien in Uwe Johnsons Roman Jahrestage und dessen Verfilmung von Margarethe von Trotta, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1001