Die Vorfahren des Caligula


Referat / Aufsatz (Schule), 2001
16 Seiten, Note: 2

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1. Einleitung

Uns wurde im Rahmen des „Proseminars zur alten Geschichte“ im Wintersemester ´98/´99 von Herrn Professor Dr. Orth die Aufgabe gestellt, ein Referat zu halten, welches wir nach der Vorlesungszeit zu einer schriftlichen Hausarbeit ausarbeiten sollten. Dabei habe ich mich für das Thema „Die Vorfahren des Caligula“ entschieden, da mich dieser Kaiser besonders interessiert, weil man ihn aus dem Geschichtsunterricht eigentlich nur als verrückten und abartigen Kaiser kennt, sich aber nicht weiter mit ihm befaßt. Allerdings hatte ich mich bis dato noch nicht näher mit seiner Herkunft und seinen Vorfahren beschäftigt.

Dieses Thema ist meiner Ansicht nach sehr ansprechend, da durch die Lebensbeschreibungen, die uns über diese Menschen erhalten sind, die Alte Geschichte lebendiger und damit interessanter wird.

Bei der Auswahl, welche der Ahnen des Caligula ich bearbeiten sollte, habe ich mich durch zweierlei Gegebenheiten leiten lassen: zum einen behandelten wir im Proseminar die römische Kaiserzeit von Tiberius bis Claudius, und ich habe deshalb die Vorfahren gewählt, die viel Kontakt zu Tiberius selbst und zu der Kaiserfamilie hatten. Zum anderen habe ich auch darauf geachtet, welche Vorfahren Caligula besonders schätzte, und welche er nicht als seine Verwandten genannt haben wollte (vgl. Suet., Cal., 15 und 23).

Im zweiten Teil dieser Arbeit gebe ich einen kleinen politischen und geschichtlichen Abriß der Zeit wieder, in der die Vorfahren des Caligula, die ich behandele und er selbst lebten. Der dritte Teil, der den Hauptteil der Arbeit darstellt, stellt dann das Leben der Eltern und des Großvaters des Caligula, Drusus, dar, oft auch mit Bezug auf Tiberius, da dieser natürlich eine zentrale Rolle spielte. Der vierte und letzte Teil zeigt, wie Caligula zu seinen Vorfahren stand und wie er das Andenken an sie in seiner Politik verwandte.

2. Politische und geschichtliche Gegebenheiten von 40 v. Chr. - 41 n. Chr. im Römischen Reich

Nach Gaius Iulius Caesars Tod (44 v. Chr.) und dem Selbstmord der Cäsarmörder, legten die Triumvirn Octavius, Marcus Antonius und Aemilius Lepidus im Jahre 40 v.Chr. ihre Differenzen bei und steckten ihre Interessensphären ab: Octavius erhielt Westrom, Marcus Antonius den Osten des Reiches (mit Ägypten) und Lepidus bekam Africa. Durch einen Sieg seines Feldherren Agrippa über Sextus Pompeius (nahe Sizilien, 36 v.Chr.) konnte Octavius seine Macht in Rom festigen. Nachdem das Triumvirat zerbrochen war und Marcus Antonius bei Actium von Agrippa geschlagen, beging er 30 v.Chr. mit der ägyptischen Königin Cleopatra VII. Selbstmord. Ägypten wurde eine römische Provinz und Octavius de facto Alleinherrscher in Rom. Dies bedeutete auch gleichzeitig das Ende des Bürgerkrieges, und im Jahr 29 v.Chr. wurden deshalb das erste Mal seit 100 Jahren die Türen des Janustempels als Zeichen des Friedens geschlossen.

Im Jahr 27 v.Chr. wurde dann Octavius auch de jure Alleinherrscher: er nahm das Principat (die Herrschaft des Ersten Bürgers) an, welches ihm vom Senat angetragen wurde, und nannte sich Augustus (Imperator Caesar Divi filius Augustus). Damit war der Grundstein für das römische Kaisertum gelegt. Um seine Macht noch weiter zu festigen, legte Augustus 23 v.Chr. das Konsulat nieder (erhält aber 19 v.Chr. die konsularische Gewalt auf Lebenszeit) und nahm die tribunica potestas auf Lebenszeit an. Mit dieser Machtbefugnis konnte er Gesetze in den Senat einbringen und hatte das Recht, sein Veto auszusprechen. Anlässlich der Säkularspiele (Jahrhundertfeiern, eingeführt als Opferfest für die Götter der Unterwelt im ersten Punischen Krieg) verkündete Augustus im Jahre 17 v.Chr. den Frieden im Römischen Reich, die sogenannte Pax Augusta (oder Pax Romana). In den Jahren 16 - 13 v.Chr. hielt sich Augustus in Gallien auf und übergab die Präfektur über die drei gallischen Provinzen an seinen Stiefsohn Drusus (Nero Claudius Drusus), auf dessen Leben ich im dritten Teil eingehe, ebenso wie auf die Germanenfeldzüge des Drusus und des Germanicus. Das Amt des Pontifex Maximus, des Obersten Priesters, übernahm Augustus in dem Jahr 12 v.Chr., in dem auch sein Schwiegersohn und bester Feldherr Agrippa starb. Indes machte sich sein Stiefsohn Tiberius (Tiberius Claudius Nero) als Feldherr einen Namen und unterwirft im Jahr 8 v. Chr. die Germanen zwischen Rhein und Elbe, besiegte den Markomannen - König Marbod und schlug im Jahr 1 n.Chr. einen Aufstand in Pannonien nieder. Wohl auch deshalb adoptierte Augustus den Tiberius (dann Tiberius Iulius Caesar) 4 n.Chr., der wiederum seinen Neffen Germanicus (dann Gaius Iulius Caesar Germanicus) adoptierte, und erhob ihn somit zu seinem designierten Nachfolger. Ein Jahr später besiegte Tiberius die Langobarden an der Elbmündung. Nach all den römischen Erfolgen in Germanien trat dann im Jahr 9 die Katastrophe ein: der Cheruskerfürst Arminius vernichtete in der Varusschlacht (benannt nach dem römischen Feldherren Publius Quinctilius Varus) drei römische Legionen, infolgedessen die Römer Germanien östlich des Rheins aufgaben. Anfang 13 übernahm Germanicus die Präfektur der drei gallischen Provinzen und trat das Kommando über die Rheinlegionen an. Am 19.08.14 starb Augustus, und Tiberius wurde Princeps. Die mit der Thronbesteigung verbundenen Schwierigkeiten lasse ich an dieser Stelle ebenfalls weg und greife sie an anderer Stelle auf.

Unter der Herrschaft des Tiberius konnte der Prätorianerpräfekt Lucius Aelius Seianus seine Macht immer mehr ausbauen, sodaß er sogar zum zweiten Mann im Staat aufstieg. Während einer einjährigen Abwesenheit des Kaisers in Kampanien (21/22) leitete er de facto die Regierungsgeschäfte. Weil er Seians Machtbefugnisse beschneiden wollte, ließ Seian 23 sogar Iulius Caesar Drusus, den Sohn des Princeps, ermorden. Erst 31 wurde Seian vom Senat zum Tode verurteilt, wegen Hochverrats.

Von 26 bis kurz vor seinem Tode im Jahre 37 in Misenum, regierte Tiberius das römische Imperium von der kleinen Insel Capri aus. Mit großer Freude wurde im selben Jahr der Regierungsantritt des Germanicussohnes Gaius Iulius Caesar Germanicus, genannt Caligula (das „Stiefelchen“), gefeiert, denn die Bevölkerung projezierte alle Erwartungen, die man an Germanicus gestellt hatte, auf Caligula, genauso wie einst bei Germanicus (vgl. Tac., Ann., I. 33). Doch diesen Erwartungen wurde Caligula nicht gerecht, im Gegenteil, seine vierjährige Herrschaft wurde zu einer Schreckensherrschaft. Er führte die Hochverratsprozesse des Tiberius wieder ein, gab alle Staatsgelder aus, ließ sich als Gott verehren und führte ein ausschweifendes Leben. Jeder, der vermögend war, konnte damit rechnen, von ihm oder einem seiner Getreuen angezeigt zu werden und nicht nur seines Reichtums sondern auch seines Lebens verlustig zu gehen. Nach einigen anderen Eskapaden und schlüpfrigen Hänseleien gegen den Prätorianertribunen Cassius Chaerea (vgl. Suet. Cal. 56) wurde er auf dem Weg vom Theater zum Mittagessen von der Prätorianern erschlagen. Das Volk war so eingeschüchtert, daß es die Nachricht vom Tode des Kaisers als einen von ihm selbst ausgedachten bösen Scherz hielt (vgl. Suet., Cal., 60). Zunächst zog der Senat die Wiederherstellung der Republik in Erwägung (s. ebd.), aber es kam anders: die Prätorianer riefen Caligulas Onkel Claudius (Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus) zum neuen Princeps aus, und der Senat bestätigte aus Furcht vor den Soldaten deren Wahl.

3. Die Vorfahren des Caligula

Im folgenden beschäftige ich mich mit den unmittelbaren Vorfahren des Caligula, also seinen Eltern und seinem leiblichen Großvater väterlicherseits. Auf die Lebensdarstellung seines Großvaters mütterlicherseits, Agrippa, und die seiner Großmütter verzichte ich aus oben genannten Gründen.

3.1 Nero Claudius Drusus Germanicus (Großvater des Caligula, 38 v.Chr. - 9 v.Chr.)

Der Vater des Nero Claudius Drusus (im weiteren nur „Drusus“ genannt) war Tiberius Claudius Nero, Quästor unter Caesar, also höchster Finanzbeamter in Rom, und Befehlshaber der Flotte im Alexandrinischen Krieg, der von 48 - 47 v.Chr. stattfand und in der Schlacht bei Pharsalus den Konflikt zu Caesars Gunsten entschied. Wegen seiner Erfolge in diesem Krieg wurde er zum Pontifex bestellt, und obwohl er diese Ämter unter Caesar erlangt hatte, sprach er sich nach dessen Ermordung für eine Belohnung der Mörder aus (vgl. Suet., Tib., 4). Während seiner Prätur (der Prätor war der höchste Justizbeamte in Rom) war der Krieg zwischen den Erben Caesars und der Cäsarenmörder im vollen Gange, und nachdem ihn Sextus Pompeius (einer der Gegner der Triumvirn) herablassend behandelte, wechselte er zur Partei des Marcus Antonius. Als dieser sich mit Octavius wieder versöhnt hatte, kehrte Tiberius Claudius Nero nach Rom zurück. Dort angelangt, mußte er auf Augustus Wunsch seine schwangere Frau Livia Drusilla, mit der er schon ein Kind hatte (den späteren Kaiser Tiberius), an eben diesen abtreten. Der Vater des Drusus starb 33 v.Chr.. Drusus selbst wurde drei Monate nach der Hochzeit des Augustus und der Livia geboren, und das Gerücht, er sei ein unehelich gezeugter Sohn des Augustus hatte die Runde gemacht; das „Dreimonatskind“ war ein beliebter Spott auf Augustus (vgl. Suet., Cl., 1). Doch wollte Augustus dem Gerücht wohl entgegentreten, indem der Junge bis zum Tode des Vaters in dessen Haus wohnte (also immerhin fünf Jahre), und auch dessen Familiennamen der Claudier zu tragen hatte. Das Gerücht hielt sich nichtsdestoweniger, denn anscheinend war es offenkundig, daß Augustus Drusus bevorzugte: er bekam die „lohnenswerteren“ Aufgaben im Reich zugeteilt, sein älterer Bruder Tiberius diese dagegen erst nach Drusus Tod.

Als Quästor und Prätor wurde Drusus mit seinem Bruder Tiberius zum Oberkommandierenden in Rätien (in der heutigen Ostschweiz, Tirol und Süddeutschland bis zur Donau) ernannt. Durch diese Besetzung Rätiens und Illyricums wurde die Donau zur natürlichen Reichsgrenze Roms. Die beiden Brüder waren als junge Männer der Inbegriff der römischen Tugend (virtus) und genossen beide hohe Verehrung, wie Horaz schreibt: „dem Claudierarm ist nichts unmöglich.“ (Hor., carm., IV, 4,73).

Doch trat die Bevorzugung des Drusus besonders deutlich hervor, als Augustus ihm gegen Ende seines dreijährigen Aufenthalt im Jahre 13 v.Chr. die Statthalterschaft über die „tres galliae“ übertrug und somit auch die starken Rheinarmeen unterstellte. Daß dies den Bruder des Drusus nicht erfreute, leuchtet ein, denn schließlich hatte er als Erstgeborener viel eher das Recht, sich die „Lorbeeren“ zu verdienen, die jetzt Drusus zukamen. Daher halte ich es durchaus für möglich, daß Tiberius versucht hat, seinen Bruder vor Augustus schlecht zu machen (vgl. Suet., Tib., 50).

12 v.Chr. überschritten die vereinigten Stämme der Sugambrer und Tencterer den Rhein, fielen in Gallien ein, besiegten die fünfte Legion unter dem Statthalter der Gallia Belgica, Marcus Lollius, und erbeuteten die Standarten der fünften Legion, was eine große Schande bedeutete. Um nun die Grenzen am Rhein und an der Donau zu sichern, entsandte Augustus Drusus und Tiberius. Zu Beginn des Germanienfeldzuges wurden zwei neue Legionslager gegründet: Vetera (das heutige Birten bei Xanten) und Mogontiacum (Mainz). Drusus, dem der Feldzug gegen die Germanen unterstand, stieß bis zur See vor, fuhr in die Weser bis ins Landesinnere (so jedenfalls Tacitus und Sueton, Dio dagegen sagt nichts von der Weser, wohl aber vom Rhein) und bekämpfte als erster die Germanen gleichzeitig vom Wasser und vom Lande. Noch im Jahr 12 v.Chr. unterwarf er die Friesen und besiegte die Brukterer an der Emsmündung. Im nächsten Jahr kämpfte er Lippe-aufwärts bis zur Weser, und 10 v.Chr. im heutigen Hessen.

Im Januar des Jahres 9 v.Chr. wurde Drusus Konsul und nahm sogleich nach dem Winter den Feldzug wieder auf. Nach einigen gewonnenen Schlachten stieß Drusus tief bis zur Elbe und Saale in das Feindesland hinein. Im gleichen Jahr stirbt Drusus im Sommerlager des Heeres, woran ist unklar. Ernst Kornemann, der sich in seinem Buch „Tiberius“ meistens auf Tacitus beruft, schreibt, er sei an einem Sturz vom Pferd gestorben (die gleiche Version findet sich in anderen Büchern über das Thema). Cassius Dio dagegen behauptet, Drusus sei an einer Krankheit gestorben (vgl. Dio, LV, I, 4), nachdem ihm eine große Frau den Weg über die Elbe verstellt hätte und ihm Einhalt gebot (diese „Sage“ von der großen Frau findet sich auch bei Sueton, Cl., 1).

Auch über den Tod des Drusus gab es Gerüchte um einen Giftmord; so berichtet jedenfalls Sueton, daß es einige Schriftsteller gäbe, die „sich zu der Behauptung verstiegen haben, Drusus sei Augustus verdächtig gewesen und deshalb von ihm aus der Provinz abberufen worden; da er dem Befehl nachzukommen zögerte, habe man ihn durch Gift beiseite geräumt.“ (Suet., Cl., 1). Aber auch Sueton wertet dies als üble Nachrede, da Augustus die Leichenrede auf dem Forum selbst hielt und Drusus auch wie einen eigenen Sohn liebte, denn Augustus habe sogar eine Vita verfaßt. Drusus war nicht nur bei Augustus sehr beliebt sondern, auch beim Volk und beim Heer, hauptsächlich wegen seiner erfolgreichen Germanenfeldzüge, für die er nach seinem Tod auf Senatsbeschluß in Rom einen Triumphbogen und das auf seine Söhne vererbare Cognomen „Germanicus“ erhielt. Zusätzlich wurde ihm am Rhein noch ein Kenotaph (ein Ehren(leer)grab) geweiht (vgl. Dio, LV, II,3).

Tiberius, der seinen Bruder noch lebend angetroffen hatte, begleitete dessen Leichnam bis nach Rom. Auch Augustus erwies dem Toten hohe Ehren und übernahm ab Ticinum in Oberitalien die Führung des Leichenzuges. Cassius Dio erwähnt auch eine Lobrede des Tiberius auf seinen Bruder ( vgl. Dio, LV, II, 2), was meiner Meinung nach zeigt, daß Tiberius seinem Bruder gegenüber nicht ganz so nachtragend gewesen sein kann, wie es Sueton oder Tacitus bisweilen überspitzt darstellen.

Drusus war mit Antonia Minor verheiratet, einer Tochter der Schwester des Augustus Octavia und des Marcus Antonius, mit der er drei Kinder hatte, die ihn überlebten: Claudius (der spätere Kaiser), Livilla und Germanicus.

3.2 Germanicus Iulius Caesar (Vater des Caligula; 15 v.Chr. - 19 n.Chr.)

Germanicus wurde im gleichen Jahr wie sein Cousin Drusus, der Sohn des späteren Kaisers Tiberius, als Nero Claudius Germanicus geboren. Über seine Kindheit läßt sich wenig sagen, denn die von mir herangezogenen drei Chronisten Sueton, Tacitus und Cassius Dio beginnen ihre Beschreibung des Germanicus erst, als er bereits 19 Jahre alt war und im Jahre 4 n.Chr. auf Drängen des Augustus (der seiner Frau Livia zuliebe Tiberius zum Nachfolger bestimmte, aber Germanicus auch vorsah) von Tiberius adoptiert wurde. Mit dieser Adoption kam er, neben dem bereits erwähnten Sohn des Tiberius Drusus, als Erbe in Betracht, später ja sogar als Thronerbe. Ein Jahr später heiratete Germanicus die Tochter des Agrippa und der Iulia (die Tochter des Augustus und spätere Frau des Tiberius) Agrippina Maior, mit der er 9 Kinder zeugte, von denen aber nur 6 überlebten. Die Familie des jungen Germanicus diente Augustus auch als Vorbildfamilie für die römischen Bürger (vgl. Suet., A., 34). Bereits mit 22 bekleidete er die Qästur, obwohl das Mindestalter auf 25 festgelegt war und fünf Jahre später wurde er zum ersten Mal Konsul, ungeachtet der Tatsache, daß er eigentlich zehn Jahre nach der Quästur hätte warten müssen.

In den Jahren 8 und 9 feierte er im Pannonischen Aufstand erste Erfolge auf dem Schlachtfeld, die aber wegen der Varusschlacht (s.o.) wenig Beachtung fanden. Ab 13 war Germanicus Präfekt in den drei gallischen Provinzen, genau wie sein Vater, und Oberkommandierender der Rheinarmeen, die acht Legionen umfaßten, vier ober- und vier niederrheinische. Damit war er faktisch Imperator und hätte im Jahr 14, nach Augustus Tod, die Herrschaft an sich reißen können. Daß er dies nicht tat, scheint Tacitus sehr bedauert zu haben, wie bei ihm deutlich wird (vgl. Tac, Ann., I, 31).

Als in den römischen Lagern in Germanien die Kunde vom Tode des Augustus ankam, begannen vier der acht Legionen zu meutern, und zwar zuerst die fünfte und die einundzwanzigste, später dann auch die erste und die zwanzigste (vgl. Tac., Ann., ebd.). Weil Tiberius zögerte, die Herrschaft anzutreten, sehen Sueton und Tacitus darin einen Beweis, daß er Angst vor Germanicus und den ihm unterstellten Legionen hatte. Diese war aber unbegründet, denn Germanicus stand treu zu seinem Adoptivvater und vereidigte zuerst die ihm unterstellten Provinzen auf den neuen Princeps, um dann schleunigst zu den aufrührerischen Truppen zu eilen.

Die Gründe für den Aufstand der Rheinarmee waren verschiedene, der wichtigste lag in meinen Augen in den sozialen Mißständen, die in der Rheinarmee grassierten: „Dann beschwerten sie sich durcheinander schreiend über die hohen Kosten für Dienstbefreiungen, die Kargheit der Löhnung, die Härte des Dienstes, und ausdrücklich über das Schanzen an Wall und Gräben, das Herbeischaffen von Futter, Baumaterial, Brennholz und andere Arbeiten, die gerade nach Bedarf oder auch nur gegen die Untätigkeit im Lager ersonnen werden. Das trotzigste Geschrei erhob sich bei den Veteranen; sie, die dreißig oder mehr Dienstjahre zählten, forderten, er solle den Erschöpften helfen; nicht Tod unter immer gleichen Mühsalen, sondern ein Ende des so qualvollen Dienstes und ein auskömmlicher Ruhestand sei ihr Wunsch.“ (Tac., Ann., I, 35). Sicher dachten die Soldaten auch daran, daß sie eine Macht im Reich darstellten und sie deshalb auch das Recht hätten, den Princeps zu stellen und so den beliebteren Germanicus als Kaiser auszurufen, doch bin ich nicht der Meinung von Erich Kornemann (Kornemann, „Tiberius“, S. 71/72), der darin den Hauptgrund für die Revolte sieht, denn die Stelle, die er bei Sueton angibt ( vgl. Suet., Tib., 25), zeigt auch die bei Tacitus angeführten Beschwerden als Hauptursache. Im Lager angekommen, ließ Germanicus zunächst das Lager wieder in Ordnung bringen (vgl. Tac., Ann., I, 34) und hielt eine Laudatio auf Tiberius. Anschließend nannten die Soldaten die oben genannten Gründe für ihre Meuterei und boten Germanicus an, ihm den Kaiserthron zu verschaffen. Von da an verschärfte sich die Situation, denn Germanicus wollte, empört über den Ungehorsam der Legionäre, daraufhin das Lager verlassen, woran ihn die Soldaten mit Waffengewalt hinderten. Germanicus drohte daraufhin mit Selbstmord, was die Soldaten aber nicht ernst nahmen und ihn sogar aufforderten, er solle mit dem gezogenen Schwert doch zustoßen (vgl. Tac., Ann., I, 35 und Dio, LVII, 5, 2). Verstört durch diese Reaktion, zog sich Germanicus mit seinen Vertrauten in sein Zelt zurück und beriet mit ihnen das weitere Vorgehen in dieser ernsten Situation. Als er wieder aus dem Zelt kam, gab er in allen Punkten den Forderungen der Legionären nach und tat so, als ob es sich um Entscheidungen des Tiberius handelte. Da die Legionäre wohl wußten, daß diese Anordnungen noch nicht von Tiberius sein konnten, entspannte sich die Lage nicht vollends, zumal sie nicht wußten, ob sie nicht doch noch wegen des Ungehorsams bestraft werden würden. Die vierzehnte Legion wurde von Germanicus „gekauft“, damit sie den Treueeid auf Tiberius schwor (vgl. Tac., Ann., I, 37), obwohl keine Forderungen vorlagen.

Verständlicherweise beurteilte Tiberius im fernen Rom die Lage anders: er hielt Germanicus für zu nachgiebig, und die in Germanien ankommenden Gesandten aus Rom tadelten ebenfalls die Haltung des Germanicus. Daraufhin wurde die Lage wieder bedrohlicher; die Gesandten wären beinahe gelyncht worden, nur das persönliche Einschreiten des Germanicus verhinderte schlimmeres. Er wollte seine Familie aus dem Lager nahe dem heutigen Köln in das Lager nahe Trier schicken, doch als die Legionäre das bemerkten, kamen sie zur Besinnung und baten den Feldherren, seine Familie doch nicht unter fremden Schutz zu stellen (vgl. Tac., Ann., I, 69). Germanicus nutzte diese Einsicht, noch einmal an den Gehorsam der Soldaten zu appellieren und hielt eine flammende Rede (vgl. Tac., Ann., I, 42 & 43). Das Ergebnis der anschließenden Verhandlungen war, daß Germanicus´ Sohn Gaius, genannt Caligula („Soldatenstiefelchen“), ins Lager zurückkehrte und Agrippina aufgrund ihres Zustandes (sie war schwanger) abreiste. Cassius Dio schreibt, daß Caligula gewaltsam von den Soldaten festgehalten wurde (vgl. Dio, LVII, 5, 7), ebenso berichtet Sueton davon (vgl. Suet., Cal., 48). Vielleicht lag darin der Grund für eine Rache Caligulas, dem germanischen „Feldzug“ (vgl. Suet., Cal., 43 - 47) - er ließ die in Germanien stehenden Armeen an die Nordsee marschieren und dort Muscheln für den Beweis seines Triumphes sammeln -, der eine Veralberung der Rheinarmeen darstellte und somit die Macht des Caesars gegenüber der stärksten römischen Armee verdeutlichen sollte.

Als die Ruhe am Rhein wiederhergestellt war und alle Legionen den Treueeid auf den neuen Princeps Tiberius geleistet hatten, startete Germanicus einen Feldzug gegen aufsässige Germanenstämme, um die Soldaten auch in Zukunft ruhig zu halten (einige hatten sich ja beschwert, sie hätten zu wenig zu tun).

In den Jahren 14 - 16 führte Germanicus in Germanien Krieg; zuerst überschritt er den Rhein und fiel südlich der Lippe in das Gebiet der Marser ein, die vernichtend geschlagen wurden. Nach Hilfsaktionen der Brukterer, die ihr Stammesgebiet nördlich der oberen Lippe hatten, der Tubanten und der Usipeter (im Siegerland), die die Nachhut der Rheinarmee angriffen, konnte Germanicus sich ins Winterlager zurückziehen und sein Heer besser aufrüsten, als das bis dahin möglich war. 15 nahm Germanicus dann den Kampf wieder auf und überfiel die Chatten, die sich zwischen Rhein, Main, Lahn und oberer Weser angsiedelt hatten. Die Cherusker, die im Jahr 9 die drei römischen Legionen vernichtet hatten, eilten den Chatten zu Hilfe, doch diesmal konnten die Römer den Sieg davontragen und zusätzlich die Frau des Cherusker - Feldherren Arminius als Geisel nehmen, was für die Römer eine Genugtuung gewesen sein muß. Außerdem unternahm Germanicus noch einen größeren Zug gegen die Brukterer und verwüstete deren Stammland zwischen Ems und Lippe, in welchem auch die Standarte der neunzehnten Legion (aus der Varusschlacht) wiedererbeutet wurde. Ebenfalls im Jahr 15 bestattete er die Gefallenen der Varusschlacht und errichtete ihnen zu Ehren einen Altar, was allerdings wiederum das Mißfallen des Tiberius fand (vgl. Tac., Ann., I, 62). Ein Jahr später traf Germanicus abermals auf Arminius, doch die Schlachten gegen die Cherusker brachten keinen durschlagenden Erfolg, und wohl auch deshalb berief Tiberius Germanicus aus Germanien ab. Sueton berichtet aber vom Haß des Tiberius seinem Adoptivsohn gegenüber, weil dieser beim Volke wegen seiner Kriegstaten sehr beliebt war (vgl. Suet., Tib., 52), die aber nichtsdestoweniger keinen strategischen Gewinn für das Imperium bedeuteten, im Gegensatz zu den Feldzügen seines Vaters Drusus, der ja einige Germanenstämme zu Verbündeten gewann. Im Gegenteil, die Legionen konnten öfter mit Überraschungsangriffen rechnen, da sie das weite Land mit den verhältnismäßig wenigen Truppen nicht besetzen konnten.

Am 26. Mai 17 triumphierte Germanicus als letzter „Nicht-Kaiser“ durch Rom und erhielt einen Triumphbogen nahe des Saturntempels (vgl. Tac., Ann., II, 41). Er wurde von Tiberius für das Jahr 18 als Konsul berufen und gegen seinen Willen in die oströmischen Provinzen geschickt. Dort tratt er 18 in Nikopolis sein Amt als Konsul an, und auf seiner weiteren Reise traf er seinen Freund und Halbbruder Drusus (vgl. Tac., Ann., II, 43). Der mit ihm reisende neue Statthalter Syriens, Gnaeus Piso (40 v.Chr. - 20 n.Chr.) sollte ihm bereits auf der Reise und vor allem später in der Provinz noch einige Schwierigkeiten bereiten (vgl. Tac., Ann., II, 55). Nach einigen „Bildungsreisen“ nach Griechenland und Ägypten führte Germanicus einen erfolgreichen Feldzug gegen den abtrünnigen König Armeniens und machte Kappadozien zur römischen Provinz (vgl. Suet., Cal., 1).

Nach diesen letzten Erfolgen starb Germanicus am 10. Oktober 19 in Antiochia. Auch bei dem Tode des Germanicus waren sofort Gerüchte um einen Giftmord im Umlauf, nur sind sie bis heute nicht eindeutig als Gerüchte abzutun. Sueton und Tacitus vermuten einen heimtückischen Anschlag mit langsam wirkendem Gift und verdächtigen Tiberius, den Mord geplant, und Piso, ihn ausgeführt zu haben (vgl. Suet., Cal., 1 und Tac., Ann., II, 69 & 70). Für die Theorie des Giftmordes spricht vor allem die stetige Angst des Tiberius vor seinem mächtigen Adoptivsohn und sein Neid, der in allen Quellen offenbar wird; doch muß nicht Tiberius der Hintermann der Tat sein, es könnte auch sein Prätorianerpräfekt Seian (s.o.) gewesen sein, der den Volkesliebling töten ließ, ebenso wie den Sohn des Princeps Drusus. Piso beging jedenfalls Selbstmord (20), nach einem Prozeß wegen der Tötung des Germanicus gegen ihn; ob aus Reue oder aus Angst vor dem Pöbel, ist nicht bekannt. Tacitus gibt aber auch zu bedenken, daß derGiftmord nicht eindeutig zu erkennen war (vgl. Tac., Ann., II, 73). Auch Kornemann bestreitet einen Giftmord und gibt Germanicus´ Tochter Agrippina Minor und deren Memoiren die Schuld an der Tiberius - feindlichen Darstellung. Ich halte einen Giftmord dennoch aus den oben genannten Gründen für wahrscheinlich, wenn auch nicht von Tiberius ausdrücklich gewünscht.

Nach Germanicus´ Tod wurde der Trauer in Rom freien Lauf gelassen: an seinem Todestag geborene Kinder wurden ausgesetzt, Altäre geschändet, Götter beschimpft, und selbst erbitterte Feinde Roms, wie die Parther, trauerten und hielten Waffenruhe (vgl. Suet., Cal., 5). Selbst ein Vierteljahr später wurde während dem heiteren Saturnalienfest noch getrauert. Daß das Begräbnis des Germanicus nicht so prunkvoll wie das seines Vaters war, legte man auch zu Tiberius´ Lasten aus (vgl. Tac., Ann., III, 5). Dieser hielt aber dennoch eine Lobrede und ehrte den Toten. Einige von den jährlichen Ehrungen reichten noch bis in Tacitus´ Zeit hinein (vgl. Tac., Ann., II, 83).

Sicherlich war Germanicus ein beliebter Feldherr gewesen, und wie Sueton schreibt, auch ein Schöngeist: „Germanicus war bekanntlich mit allen körperlichen und geistigen Vorzügen wie kein anderer Mensch ausgestattet. Schönheit und Stärke zeichneten seinen Körper aus. Sein Geist war hochgebildet in griechischer und römischer Beredsamkeit und Literatur.“ (Suet., Cal., 3, vgl. auch: Tac., Ann., I, 33). Er hatte wohl auch selbst griechische Komödien verfaßt (s. ebd. und vgl. Tac., Ann., II, 83), war also hochgebildet und vielseitig interessiert. Doch ist die Behauptung unhaltbar, er sei überaus gnädig seinen Feinden gegenüber gewesen und habe eine ähnliche Vita wie Alexander der Große (auch um seinen Tod rankten sich Gerüchte um einen Giftmord) aufzuweisen, nur mit erfolgreicheren und besseren Taten (vgl. Tac., Ann., II, 73). Zum einen sind wohl die Eroberungen des Makedoniers unschwer erkennbar bedeutender als die des Germanicus gewesen; gegen seine überaus große Milde spricht eine Schilderung aus den Germanienfeldzügen: „...und rief den Soldaten zu, sie sollten weitermachen mit dem Morden: man brauche keine Gefangenen, allein die Vernichtung des Stammes werde dem Krieg schon ein Ende machen.“ (Tac., Ann., II, 21).

Dennoch ist das überzeichnet positive Bild des Germanicus in der Öffentlichkeit Roms haften geblieben, wie es auch Sueton und Tacitus beschreiben, und alle Erwartungen, die man in eine Thronnachfolge des Germanicus´ gesetzt hatte, setzte man nun nach dem Tode des Tiberius in die Herrschaft des Caligula.

3.3 Agrippina Maior (Mutter des Caligula, 14 v.Chr. - 33 n.Chr.)

Agrippina war die Tochter aus der zweiten Ehe der Iulia (die später unglücklich mit Tiberius verheiratet war, 39 v.Chr. - 14 n.Chr.), der ungeliebten Tochter des Augustus, mit Marcus Vipsanius Agrippas (bester Feldherr des Augustus, s.o.), der bürgerlicher Herkunft war. Wie oben bereits erwähnt, heiratete sie mit 19 Jahren den Germanicus, dem sie auf jeden Feldzug folgte, was darauf schließen läßt, daß die beiden eine vorbildliche, glückliche Ehe führten. Offensichtlich wurde sie auch von ihm in sein politisches Kalkül mit eingeweiht und miteinbezogen, denn bei der Meuterei der Rheinarmee wurde sie ja hochschwanger als Druckmittel gegenüber den Legionären eingesetzt (s.o.).

Die neunte Niederkunft hatte sie auf Lesbos, wo ihre jüngste Tochter Iulia Livilla (17 - 42) zur Welt kam. Nach Tacitus war sie bei Germanicus, als dieser starb und sie in seiner letzten Stunde ermahnte „ihren trotzigen Sinn abzulegen, sich dem blind wütenden Schicksal zu beugen und nicht nach der Rückkehr in die Hauptstadt durch das ehrgeizige Streben nach Macht die Stärkeren zu reizen.“ (vgl. Tac., Ann., II, 72). Scheinbar hoffte Agrippina darauf, daß einer ihrer Söhne der nächste Princeps nach Tiberius sein würde, auf jeden Fall gibt es bei den Geschichtsschreibern Hinweise auf ihre Herrschsucht (vgl. Tac., Ann., I, 33 / IV 52 / VI 25).

Nach dem Tode des Germanicus wollte sie Rache nehmen (vgl. Tac., Ann., II, 75), zum einen, weil sie sich ihrer Macht beraubt sah, und zum anderen, weil sie durchaus von einem Giftmord ausging, der ihrer Meinung nach von der Frau des Piso, Plancina (sie starb kurz nach Agrippina durch eigene Hand) ausgeführt wurde.

Als sie nach Rom zurückgekehrt war, sah sie sich von Tiberius verfolgt (vgl. Tac., Ann., VI, 25) und wurde von ihm nicht gerade zuvorkommend behandelt. Tiberius verweigerte ihr auch eine erneute Heirat, der er als Familienvorstand hätte zustimmen müssen (vgl. Tac., Ann., IV, 53), vermutlich, weil er glaubte, sie könne sich eine neue Machtposition mit einem einflußreichen Römer aufbauen. Nachdem Seian ihr eine Nachricht hat zukommen lassen, daß Tiberius vorhätte, sie beim Mahl zu vergiften, verweigerte sie vor den versammelten Gästen die von Tiberius ihr dargereichten Speisen, was einer öffentlichen Bezichtigung der Giftmischerei gleichkam (vgl. Suet., Tib., 53 und Tac., Ann., IV, 54).

Diese Unterstellung entsprach einer Majestätsbeleidigung, und Tiberius ließ sie deshalb auf die Insel Pandataria (heute Pandotina) verbannen, die gleiche Insel, auf die Augustus ihre Mutter Iulia wegen ihres unsittlichen Lebenswandels ins Exil schickte. Auch ihre beiden Söhne Nero und Drusus wurden des Hochverrats bezichtigt, und Nero (gest. durch Selbstmord 31) wurde auf die Insel Pontia (heute Ponza) verbannt; Drusus wurde dagegen eingekerkert (er verhungerte im Kerker 33).

Als Seian verurteilt und hingerichtet war, schöpfte Agrippina neue Hoffnung und Lebenswillen, doch der Ruf des Princeps, sie könnte nach Rom zurückkehren, blieb aus. Im Gegenteil: Tiberius ließ Agrippina des öfteren grob mißhandeln, sogar so stark, daß sie ein Auge verlor. Da sie offensichtlich keine Gnade erwarten konnte, hungerte sie sich zu Tode und starb am 18. Oktober 33 in der Verbannung (vgl. Suet., Tib., 53).

Tiberius ließ sich nach ihrem Tod vom Senat dafür danken, daß er ihre Leiche nur verbrennen und in alle Winde zerstreuen ließ und sie nicht, wie es für Hochverräter üblich war, die gemonischen Treppen heruntergeschleift wurde (s. ebd. und vgl. Tac., Ann., VI, 25). Nach Dio (vgl. Dio, LVIII, 22, 5) wurde sie verscharrt, und ihre Gebeine erst unter Caligulas Herrschaft von ihm selbst nach Rom überführt; die Villa, in der sie unter Arrest stand, wurde niedergerissen. Dio behauptet auch, sie und ihr Sohn Drusus wurden auf Befehl des Kaisers umgebracht, doch lassen sich dafür keine Anhaltspunkte in anderen Quellen finden. Kornemann äußert sich über die Frau des Germanicus oftmals unangemessen und übertreibt den Einfluß, den Agrippina auf ihre Umgebung hatte. So hätte sie allein „die Atmosphäre im Herrscherhaus vergiftet“ (vgl. Kornemann, „Tiberius“, S.87 unten), sei eine „hysterische Frau“ (vgl. Kornemann, „Tiberius“, S. 179 oben) gewesen und hätte am Hofe des Tiberius mit ihren Konkurrenten eine „Weiberwirtschaft“ (vgl. Kornemann, „Tiberius“, S. 180) geführt, die Tiberius den Hauptgrund für seine Flucht nach Capri lieferte. In jedem Fall behielt Agrippina recht, denn der einzige überlebende Sohn, der sich mit Tiberius arrangieren konnte, wurde der nächste Princeps: Gaius Iulius Caesar Germanicus, genannt Caligula.

4. Das Verhältnis des Caligula zu seiner Familie und deren Darstellung in der Öffentlichkeit

Als Caligula 37 die Regierung antrat, wurde er frenetisch gefeiert, denn alle Hoffnungen, die das Volk in Germanicus und dessen Vater Drusus gesetzt hatte, sollte nun Caligula erfüllen (vgl. Suet., Cal., 13 und Tac., Ann., VI, 46). Die Sympathien, die ihm entgegenschlugen, galten also nicht ihm persönlich, denn dazu war er der Öffentlichkeit zu unbekannt. Da Caligula sich dessen bewußt gewesen sein mußte, ließ er keine Gelegenheit verstreichen, seine Abstammung deutlich zu machen. Das erste Mal deutete er bereits in der Leichenrede auf Tiberius auf die Vorfahren hin, in deren Tradition er sich zu sehen wünschte: Augustus und Germanicus ( vgl. Dio, LIX, 3, 7). Nachdem er Tiberius ein aufwendiges Begräbnis hatte zuteil werden lassen, holte er die Gebeine seiner Mutter und seines Bruders von den Strafinseln und überführte diese mit viel Aufsehen in das augusteiische Mausoleum (vgl. Suet., Cal., 15 und Dio, LIX, 3, 5). Zu Ehren seiner Mutter stiftete er jährliche Zirkusspiele, als Andenken und zum Gedächtnis an seinen Vater benannte er den Monat September in „Germanicus“ um.

Seine noch lebende Großmutter Antonia (die Frau des Drusus) bekam alle Ehren, die die Frau des Augustus, Livia Augusta, bekommen hatte, und sein Onkel Claudius (der spätere Kaiser) durfte neben ihm das Konsulat bekleiden, auch wenn ihm dies später als Spott auf seinen Onkel ausgelegt wurde.

Auch ließ er zu Propagandazwecken Münzen mit den Bildnissen seiner Vorfahren prägen, insbesondere mit Bildnissen seiner Mutter Agrippina und seines Vaters Germanicus, aber auch seines Großvaters Drusus.

Mit einigen seiner Ahnen wollte Caligula aber nicht in Verbindung gebracht werden, so z.B. mit seinem Großvater Agrippa, da er sich „dessen geringer Herkunft schämte. Er geriet in heftigen Zorn, wenn einer jenen in Prosa oder Versen in die kaiserliche Familie einreihte.“ (Suet., Cal., 23), vielleicht aber auch, weil dieser gegen einen anderen Ahnen (Tiberius Claudius Nero, s.o.) Krieg geführt hatte; dieses hatte er seiner Urgroßmutter Livia Augusta vorgeworfen (vgl. Suet., ebd.). Seine Großmutter Antonia wollte er auch nicht mehr ohne Zeugen empfangen, vermutlich weil er sich nicht bevormunden lassen wollte und es wird berichtet, er habe sie mit seinem schlechten Verhalten ihr gegenüber in den Tod getrieben (sie sei aus Gram gestorben, so jedenfalls Suet., ebd. und Dio LIX 3,6).

Ein besonderes Verhältnis hatte Caligula zu seinen Schwestern, die er sogar bei den Eidesformeln auf ihn erwähnt wissen wollte (vgl. Suet., Cal., 15). Dieses besondere Verhältnis wurde ihm und wird ihm bis heute oft als Inzest ausgelegt (vgl. Suet., Cal., 24). Dafür gibt es jedoch keinen Hinweis, außer bei Sueton oder Tacitus, die jedoch schon Tiberius ein ausschweifendes Leben auf Capri nachsagten (vgl. Suet., Cal., 16 Anfang). Daß Caligula seine Schwestern liebte, kann ihm kaum angelastet werden, solange er sie nicht sexuell mißbrauchte. Bei Agrippina Minor und Iulia Livilla ist aber der Inzest streitbar, denn beide mußten nach einer Intrige und geplanten Umsturz in die Verbannung, bei Drusilla ist er immerhin fraglich. Auch wenn sie die „Lieblingsschwester“ von Caligula war und versuchte, Einfluß auf ihn zu nehmen (und dies auch als einzige durfte), kann dies ein normaler liebevoller Umgang zwischen Bruder und Schwester gewesen sein, die sich gut verstanden und dies auch öffentlich zeigten. Sicher ist, daß Caligula besonders über den Tod der Drusilla getrauert hat (vgl. Suet., Cal., 24) und diesen mit einer übertriebenen Reaktion zu kompensieren versuchte (Vergöttlichung der Drusilla vgl. Suet., ebd.).

Auch sein Onkel Claudius blieb während der Regentschaft des Caligula vom Terror verschont, wenn auch hier wieder Gründe des Selbstzweckes angeführt wurden: Caligula wollte seinen Spaß an ihm haben (vgl. Suet., Cal., 23), was unwahrscheinlich anmutet, wenn er sich durch Claudius bei den Spielen vertreten ließ (vgl. Suet., Cl., 7).

Dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Herrschaft des Caligula das Vertrauen in das Principat nachhaltig erschütterte, und auch nicht über die Gewalt- und Willkürakte des „Stiefelchen“, welches 41 von den Prätorianern erschlagen wurde (s.o.). Die Würde des Kaisertums war nach Caligula nachhaltig geschädigt und seinem Onkel Claudius, der sein Caligulas Nachfolger war, wurde auch oft als eine Marionette seiner Frauen bezeichnet. Erst unter Vespasian (Kaiser von 70 - 79) kehrte allmählich wieder Ruhe um das Kaisertum ein, vorher wechselten die Kaiser sehr oft (vgl. Dreikaiserjahr Galba, Otho, Vitellius, 69). Das Kaisergeschlecht der claudisch - iulischen Familie starb mit Nero im Jahre 68 aus.

5. Schluß

So interessant das Arbeiten an antiken Quellen und Überlieferungen ist, so schwer ist es auch zwischen ihnen zu differenzieren. Besonders bei Tacitus (55 - 115) und Sueton (70 - 120) ist deutlich zu spüren, daß sie gegen einige der von ihnen beschriebenen Personen eine große Abneigung hegten. Sehr schlecht in den Beschreibungen aller Geschichtsschreiber kommt Tiberius weg. Er wird als verschlagen und hinterhältig dargestellt, als jemand, der aus niederen Motiven nicht zögerte, Familienmitglieder umbringen zu lassen. Aus heutiger Sicht würde man aber davon Abstand nehmen, vermutlich würde man ihn als Menschenscheu und introvertiert bezeichnen, aber ihn zu glorifizieren, wie Kornemann dies tut, wäre auch nicht angebracht. In jedem Fall ist es schwer, bei Sueton und auch bei Tacitus, zu differenzieren, was wahrscheinlich und was übertrieben dargestellt ist.

Cassius Dio (~ 155 - 235) hat offensichtlich vieles auch von Tacitus und Sueton übernommen, doch ist sein Werk leider nicht vollständig erhalten, sodaß man ihn z.B. bei der Schilderung des Todes des Germanicus gar nicht verwenden kann. Desweiteren ist er zeitlich gesehen zu weit von den Ereignissen entfernt.

Auch Caligula ist meiner Meinung nach viel Unrecht in der Geschichtsschreibung widerfahren. Gerade Behauptungen, wie der Inzest mit seinen Schwestern (s.o.) und das vortäuschen eines anderen Charakters bei seinem Regierungsantritt, halte ich für üble Nachrede. Vielmehr ist der Wandel seines Charakters wohl vielmehr eine Folge seiner schweren Krankheit (vgl. Suet., Cal., 14), nach der er offensichtlich an einer Persönlichkeitsspaltung litt. Sicherlich wäre er dann auch nach heutigen Maßstäben nicht für ein Regierungsamt geeignet. Es kann jedoch niemand beweisen, daß mit einem Kaiser Drusus oder Germanicus alles besser geworden wäre. Die Darstellung dieser beiden ist ausnahmslos positiv, aber (wie oben gesagt) oftmals ins lächerliche überzeichnet. Dennoch ist gerade diese Schwierigkeit beim Differenzieren der Quellen gleichzeitig ein Anreiz, mehr über die Personen (Schreiber, wie Beschriebene) herauszufinden. Doch auch hier entstand für mich ein weiteres Problem: man findet nicht viele Bücher neueren Datums zu diesem Thema. Viele Veröffentlichungen sind über fünfzig Jahre alt oder noch älter; besonders viele über dieses Thema gab es Anfang diesen Jahrhunderts, vor den Weltkriegen. Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges war das Interesse an den Ursachen für diesen verständlicherweise größer, als am römischen Kaisertum. Erst in den fünfziger Jahren wuchs das Interesse wieder, doch nach 1970 wurde äußerst wenig über Caligulas Vorfahren geschrieben. Für die Zukunft bleibt nur zu hoffen, daß sich dies ändert oder alte Bücher über dies Thema wieder aufgelegt werden.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Die Vorfahren des Caligula
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V100205
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vorfahren, Caligula
Arbeit zitieren
Peter Sievert (Autor), 2001, Die Vorfahren des Caligula, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100205

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