Sprachliche Besonderheiten in der Jugendsprache der Techno-Generation


Hausarbeit, 1997

16 Seiten, Note: Gut


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Inhaltsverzeichnis

1. Jugendsprache
1.1 Jugendsprache gleich Mediensprache?

2. Was ist Techno?

3. Wörter, die aus der Technokultur stammen
3.1 Rave/Raver
3.2 Chillout (-Raum)
3.3 After Hour
3.4 Flyer
3.5 Ecstasy

4. Das Prinzip 'Sampling'

Literaturverzeichnis

1. Jugendsprache

Jugendsprache gibt es schon so lange wie es Jugendlichkeit gibt. Aber seit Beginn der Nachkriegszeit, der Zeit des Rock, Pop und Techno, wird das Phänomen Jugendsprache besonders auffällig. Fraglich ist, ob es eigentlich die Jugendsprache als solche gibt. Im Amerikanischen gibt es nicht einmal ein Wort dafür. Man spricht dort eher von 'slang'.

In einem Aufsatz von Gloy u.a. werden drei Thesen aufgestellt:

(1) Es gibt nicht die (eine) Jugendsprache.
(2) Es gibt nicht die Jugendsprache (im Gegensatz zu Erwachsenensprache).
(3) Es gibt nicht die Jugend sprache, sondern das Sprechen von Jugendlichen.1

Diesen Ansichten schließen sich spätere Veröffentlichungen an:

Janke und Niehues definieren Jugendsprache nicht als Ganzes, sondern als das "ständige Resultat verschiedenster Einflüsse."2 Bei ihnen ist der Zeitraum der Jugendlichkeit nicht genau festgelegt, da in der heutigen Zeit eher von Adoleszenz gesprochen werden kann, als von einer festgelegten Phase der Jugend. Die Jugend beginnt heutzutage früher und endet später als noch vor hundert Jahren.

Hermann Ehmann stellt die These auf, daß es Jugendsprache in so vielen Variationen gibt, wie es jugendlich geprägte Gruppierungen in der Gesellschaft gibt. Jugendsprache setzt sich für ihn aus jugendspezifischen Besonderheiten zusammen, die sich in "sprachlicher, grammatikalischer lautlicher und wortbildungsspezifischer Hinsicht deutlich von der Standardsprache abheben."3

Wie jede lebendige Sprache unterliegt die Jugendsprache einem ständigen Wandlungsprozeß. Will man diesen beobachten, muß man ständigen Kontakt zu den jeweiligen Sprechern halten. Der Versuch Hermann Ehmanns, den speziellen Jugendwortschatz im Jahr 1994 lexigraphisch festzuhalten, mußte schon nach zwei Jahren erneuert werden - und das Lexikon 'oberaffengeil', erschienen 19964, ist weder vollständig noch auf dem neuesten Stand.

Die sogenannte Jugendsprache Techno soll als lebendiger, sich wandelnder Organismus angesehen werden, der hier auf synchrone Weise untersucht werden soll. Schlobinski u.a. verstehen die Jugendsprache als ein Phänomen, das nur im Zusammenhang des jugendspezifischen Umfeldes verstanden werden kann.5 AN dieser Stelle erscheint eine kulturwissenschaftlich-soziologische Betrachtungsweise sinnvoll, um die Art der Erzeugung und der Verwendung von jugendsprachlichen Ausdrücken in der Techno-Szene erklären zu können. Wenn ein neues Wort einfgeführt wurde, dem kein deutsches Wort entspricht, ist es notwendig, spezifische Vorgänge zu beschreiben, für die dieses Wort steht.

Ich möchte hier zwei verschiedene Arten von Technosprache trennen. Der eine, harte Teil besteht aus den Wörtern, die eindeutig aus dem Technokontext in die deutsche Sprache übernommen wurden, z.B. After Hour, Rave, etc. Der andere, eher weiche Teil behandelt die Art und Weise, mit Sprache umzugehen, z.B. Redewendungen der Jugendsprache, die die jugendlichen Sprecher unter der Einwirkung des 'Technozeitalters' verwenden, deren Bezug zur Technoszene aber nicht unbedingt erkenntlich sein muß. In diesem Teil sollen Hypothesen darüber aufgestellt werden, wie sich innere Werte und Lebensmodelle auch in der Sprache ausdrücken.

Da es bisher nur sehr wenig wissenschaftliche Literatur über das Phänomen Techno gibt, muß ich mich auf Fanzines und andere Zeitschriftenartikel sowie auf meine eigene Erfahrung stützen.

1.1. Jugendsprache gleich Mediensprache?

Immer wieder taucht das Argument auf, Jugendsprache sei nur nachgeplapperte Werbe- und Mediensprache. Es läßt sich nicht von der Hand weisen, daß gewisse Medien, wie beispielsweise Comics, die Jugendzeitschrift Bravo oder der Musiksender VIVA-TV, einen sprechstilbildenden Charakter haben. Aber genauso oft werden Wörter oder Sprechstile, die von Programmautoren oder Werbetextern erfunden wurden, von der jugendlichen Zielgruppe nicht akzeptiert, da die verwendete Sprache aufgesetzt und unglaubwürdig erscheint. Die vermeintlichen Trendsetter haben den direkten Kontakt zur sprechenden Szene verloren - und damit ihre Credibility6, ihre Glaubwürdigkeit. Es kann also nicht sein, daß die Ressourcen der Jugendsprache nur die Medien sind. Viele neue Wörter und Wortkombinationen entstehen immer noch kreativ und originär im Freundeskreis, in der Schule, auf der Straße, in Szenen, der "Gesellschaftsordunung der 90er Jahre"7. Sicher ist jedoch, daß die Sprache der Jugend abhängig von Medienerfahrungen ist, die für Jugendliche ein Teil der Alltagserfahrung darstellen und sich insofern auch in der Alltagssprache niederschlagen können.8

2. Was ist Techno?

Seit Ende der 80er Jahre ist Techno der kleinste gemeinsame Nenner für eine vielfältige Entwicklung in der Jugendkultur, die bis heute noch nicht zum Stillstand gekommen ist. Auf den Technoveranstaltungen wird Musik aus der Konserve gespielt, die erst durch die geschickte Kombination durch den Disc-Jockey zu einem eintönigen, aber für jeden leicht tanzbaren Klangraum wird, der die Illusion erzeugen will, es würde nur eine einzige endlose Schallplatte über Stunden abgespielt. Techno ist aber schon seit Jahren nicht nur ein Begriff für eine Musik, sondern für eine Kultur oder ein Lebensgefühl. Dazu gehören auch Verhaltensweisen, Mode und die Art und Weise, mit Sprache umzugehen.

In England wurde erstmals 1989 auf großen Open-Air-Parties, sogenannten 'Raves' und auf illegalen, geheimgehaltenen 'Warehouse-Parties', zu der neuartigen, elektronischen Musik getanzt, die man heute allgemein mit Techno bezeichnet. Diese Musik wurde auch schnell in Deutschland populär. Besuchten 1990 noch 2000, 1994 immerhin 100.000 Menschen die Love Parade, den ausgeflippten Straßenumzug in Berlin, so waren es zwei Jahre später schon 750.0009, Tendenz steigend. Techno wurde im Jahr 1993 von einer breiten Schicht Junggebliebener als ihr neuer Musikstil entdeckt. Hier ist absichtlich nicht nur die Rede von Jugendlichen gewesen, da auch Leute, die ihren 30. Geburtstag schon längst erlebt haben, plötzlich von der neuen Musik fasziniert waren. Das Neue an der Musik war, daß sie durch ihren einfachen Aufbau und ihre Abstraktheit (z.B. ohne Gesang) viele Menschen mit völlig verschiedenen Vorlieben vereinen konnte. Nach den tanzlosen 80er Jahren wurde in den Discos und auf den Parties wieder getanzt, auch das war erfrischend neu. Es hing der Geist von Aufbruch in der Luft, der weitere Besucher zu den Parties zog.

Die Art und Weise, kleine Parties mit bis zu 400 Leuten in leerstehenden Baustellen, Ruinen, Parkhäusern und Bunkern zu feiern, erhöhte den Reiz des Verbotenen und wirkte erheblich mit an der Erzeugung einer Identität. Die Methode, vorhandene Strukturen mit Hilfe von Technologie und Phantasie zu eigenen Gunsten zu nutzen, ist eines der Hauptmerkmale der Technokultur geworden. In bezug auf Sprache meint dies, daß die Medien als Struktur gegeben sind, auf deren Grundlage man phantasievoll neue Bedeutungszusammenhänge entwickelt.

Freundlichkeit, Offenheit, Toleranz, Selbstbewußtsein und Spaß werden auf den Techno-Parties wiederentdeckt und gelebt. Auch diese Gemeinplätze sind es, die Techno für die Masse interessant macht. Die Techno-Generation wird "'die Gesellschaft mehr verändern als die 68er', weil sie das Glücksgefühl aus den langen Nächten in den Alltag der Gesellschaft trage."10

3. Wörter, die aus der Technokultur stammen:

Hier sollen fünf Wörter vorgestellt werden, bei denen der Übergang in den deutschen Sprachschatz offensichtlich vollzogen ist oder bereits weit fortgeschritten ist. Eine empirische Untersuchung über die jeweilige Verbreitung und den Bekanntheitsgrad der Wörter bei den Sprechern steht leider nicht zur Verfügung, wäre aber mittelfristig erforderlich. Um zu beweisen, daß ein Wort als Fremdwort ins Deutsche übernommen wurde, habe ich Fundstellen in deutschen Zeitschriften und Büchern angegeben.

Man könnte dagegen behaupten, die fünf Wörter gehörten einer fachspezifischen Sprache an, die für die allgemeine Sprache von weiten Teilen der Bevölkerung nicht notwendig ist. Dagegen sprechen die Zahlen, z.B. daß in Deutschland "über 6 Millionen Leute zur Techno-Generation"11 gehören.

Weitere Wörter, die an dieser Stelle untersucht werden könnten sind: Location, DJ, Track, House, tapen, abspacen, etc.

3.1 Rave / Raver

(engl. the rave: wilde, lebendige Party)

Im Oxford Advanced Learner´s Dictionary lautet die Erklärung zu 'rave' [n] "lively party, dance", der 'raver' wird als "person leading a wild and exciting social life" beschrieben. Der Ausdruck wird allerdings im persönlichen, häufig ironischen Sinne gebraucht: "You real right little raver?"12 (Na, du kleiner Stromer?)

Das Wort 'Rave' bezeichnet eine größere Technoveranstaltung, ab ca. 1000 Leuten. Auf dieser treten viele verschiedene, oft internationale Diskjockey-Künstler (DJs) auf im Gegensatz zum Club, in dem meist nur ein oder zwei DJ´s für die Musik verantwortlich sind. Ein Rave ist in der Regel eine kommerzielle Veranstaltung, der man ihre Gewinnabsicht auch ansehen kann; z.B. werden Verkaufsstände für Merchandisingartikel aufgebaut und es findet ein Vorverkauf statt. Die Atmosphäre auf Raves ist aufgrund der Größe der Veranstaltung eher unpersönlich.

Auf einem Rave wird eine spezielle Art von Technomusik geboten, die im massenkompatiblen Geschwindigkeitsbereich von 130-160 bpm (beats per minute) liegt.

Die Besucher dieser Veranstaltungen werden 'Raver' genannt, analog zum Gebrauch des Wortes in der englischen Szene. Der britische Drogenaufklärer Saunders verwendet 1993 den Wortstamm 'rave' in z.B. folgenden Sätzen: "There are even some raves organised [...] for this age group, [...]" und "Among ravers, there are [...]"13. Auch in der 'Newsweek' wird das Wort verwendet: "Manchester´s rave scene", "Rave music grinds at an impossible beat [...]" oder "At an upscale Oxford club, a 16-year-old named Simon raves, [...]"14.

Aber anders als im Englischen ist innerhalb der Szene in Deutschland mit Raver nur derjenige Typ von Technofan gemeint, der an seinen Trillerpfeifen oder der orangefarbenen Schutzkleidung mit Reflektorstreifen leicht zu erkennen ist. Nur für Außenstehende ist Raver oft gleichbedeutend mit Technofan, Technojünger, Technotänzer oder einfach dem 'Techno'. Diese Reduzierung ist offensichtlich angelehnt an die Ableitung Rock - Rocker. Anzeichen dafür, daß das Wort Raver sich als Begriff für Mitglieder der neuartigen Jugendkultur 'Techno' in den deutschen Sprachschatz integrieren konnte, finden sich viele. Die 'Münsterische Zeitung' titelte 1994 "Die Inflation der Techno-Raves"15 ; jüngeren Datums sind Fundstellen des Wortes Raver im 'Spiegel'16. Unzählig sind die Wortbildungen: Raverin, Ravemaus (beide meinen weibliche Raver), Rave r -Philosophie17, 'Raveclub' (Name einer Discothek in Wesel), 'Rave-o-lution', 'Ravetrain', 'Airave' (Namen von Veranstaltungsreihen), 'Raveland' (ein Technosong des weiblichen DJ´s Marusha), etc. Es gibt Straßen-Raves und Hallen-Raves, auf jeden Fall aber eine "Rave-Kultur"18.

Interessant ist, daß es auch eine deutsche Verbform von Rave gibt: raven. (z.B.: "Wir gehen raven. Ich rave bis zum Umfallen.")

Das englische Gerundium 'raving' wurde in einem heftig diskutierten Aufsatz des Berliner DJ´s Westbam verwendet, um die Vision einer Raving Society, einer von Technokultur getragenen und bestimmten zukünftigen Gesellschaft zu entwerfen. Der Ausdruck wurde auch eingedeutscht zur "ravenden Gesellschaft"19. „Rave [...] hat sich als fester Begriff eingebürgert und gehört heute zum alltäglichen Sprachgebrauch der Technoszene."20

3.2 Chillout (-Raum)

(engl. to chill: abkühlen)

Chillout bedeutet wörtlich so viel wie auskühlen, meint aber in bezug auf Techno einen Raum auf einem Rave, in dem sich erhitzte Tänzer ausruhen können. Die Musik ist im Chillout leise, und die Luft ist gewöhnlich frischer als auf dem Dancefloor. Die Atmosphäre ist ruhig und behaglich, meistens gibt es Sofas oder Matrazen. Die erschöpften Tänzer erholen sich hier von der Reizüberflutung durch Musik und Lichtblitze, kurz gesagt: Man chillt in diesem Raum oder man macht ganz einfach Chillout. Die Institution Chillout ist ein Novum in der Party- und Discoszene, weshalb auch sehr häufig anerkennend über diese Räumlichkeiten berichtet wurde.

Weder für die spezielle Atmosphäre beim chillen noch für die Chillout-Räume gibt es im Deutschen bisher ein äquivalentes Wort. Über die Schreibweise ist man sich noch nicht einig. So wird es z.B. im ZEITmagazin mit Bindestrich getrennt und in Anführungszeichen verwendet21, während es andernorts auch in zwei eigenständigen Wörtern vorkommt: Chill Out. Der Musiksender VIVA-TV hatte bis 1996 eine Sendung mit Namen Chill Out im Samstagnachtprogramm.

Schon länger bekannt in Cannabis-Kreisen ist das Chillum, eine den Rauch kühlende Pfeife, die während der Chillout-Phase gelegentlich benutzt wird..

3.3 After Hour

Auch die After Hour ist eine Erfindung der Technoszene, weshalb das Wort neu in den deutschen Sprachschatz aufgenommen wurde.

Eine "After-Hour"22 beginnt morgens in der Frühe, wenn Parties und Discotheken schließen. Man kann dort in entspannter Atmosphäre das Ende einer langen Nacht herauszögern, indem man noch tanzt, frühstückt oder einfach nur chillt. Diese NachParties finden entweder in privatem Rahmen statt oder organisiert in kleineren Discotheken oder Cafés. Wenn diese mittags dann auch schließen, gibt es sogar "After-After-Hours"23. Der Name wurde vermutlich aus der Tatsache abgeleitet, daß die Sperrstunde durch die After Hour überbrückt wird.

Das Gegenstück zur After Hour ist der Warm-Up, der im Freundeskreis zu Hause stattfindet, bevor man in den Club oder auf den Rave geht.

3.4 Flyer

(engl. flyer, flier: kleines, weitverbreitetes Werbeblatt)

Flyer haben sich nicht nur als Wort durchgesetzt, sondern auch als Werbeform. Werbung für Raves und inzwischen auch Veranstaltungen ohne Technobezug, wird auf kleinen, bunten Flyern verbreitet. Die Begriffe Flugblatt oder Wurfsendung stellten keine geeignete Alternative dar, da ein Flyer andere Inhalte hat und die Verbreitungsweise oft auf persönlicher Weitergabe beruht. Aus diesem Grund hat sich dieses neue Wort in der deutschen Sprache etablieren können. Fundstellen sind in der 'SPEX'24 oder in der 'ZEIT'25.

Es gibt inzwischen sogar ein Szenemagazin, das sich Flyer nennt und bundesweit mit jeweiligem Regionalteil in verschiedenen Städten erscheint.26

Ein Beispiel für die Verwendung von 'Flyer': "Ähnlich wie beim Sampling in der Musik baute auch die Flyergestaltung oft auf der Kombination assoziativer Elemente aus bekanntem und beliebtem Zeichenrepertoir auf. Gemäß dem Motto: Scannen was der Scanner hält, begann bald der Ausverkauf im visuellen Supermarkt mit zunehmender Beliebigkeit und Austauschbarkeit."27

3.5 Ecstasy

(engl. ecstasy: Gefühl großer Freude oder Glücklichkeit)

Ecstasy ist vermutlich das im Zusammenhang mit Technomusik in den Medien am häufigsten genannte Wort. Es ist der allgemein gebräuchliche Name für illegale Drogentabletten, die den synthetischen Wirkstoff MDMA enthalten (sollen). Dieser Wirkstoff gehört heute zu den am meisten konsumierten sogenannten Partydrogen. Vom deutschen Pharma-Konzern Merck 1913 als Appetitzügler entwickelt, wurde MDMA in den 70er Jahren in den USA von Psychiatern und experimentierfreudigen Personen benutzt.28 Es wurde schnell unter dem verkaufsfördernden Namen Ecstasy bekannt, obwohl zuerst der der Wirkungsweise eher entsprechende Name Empathy (Einfühlungsvermögen) von den Verkäufern geplant war.29 Mitte der 80er Jahre gelangte die Droge in die englische Rave-Szene und über den Umweg der balearischen Partyinsel Ibiza später auch nach Deutschland.

In vielen Illustrierten und Fernsehsendungen wurden Berichte zu dem Thema Ecstasy veröffentlicht, so daß man davon ausgehen, kann, daß dieses Wort vielen deutschen Sprechern bekannt ist (z.B. in BRAVO: "die teuflische Designer-Droge Ecstasy"30 ). Nur in der Schreibweise sind ist man sich noch nicht sicher. So scheint die Übertragung aus dem Englischen ernorme Schwierigkeiten zu bereiten, denn es finden sich die unterschiedlichsten Schreibweisen: Extasy, Extacy 31 , Ecstacy oder Ecstasy. Interessant ist die Reduzierung des Wortes auf eine Art minimale Lautschrift. In diesem Fall wird es einfach nur XTC geschrieben. Diese Verkürzung der Schreibweise bei Erhaltung der Aussprache ist zunehmend beliebt. Andere Beispiele sind hierfür "2 fast 4 U" oder "NRG"

4. Das Prinzip 'Sampling'

Das neue an der Techno-Musik war die Idee, neue Technologien entgegen den Beschreibungen der Gebrauchsanleitungen zu nutzen, besonders das von den RapProduzenten übernommene neue Instrument: der Sampler.

Er ist das Pendant zur E-Gitarre der 50er und 60er Jahre. Das Sample-Prinzip ist eine der "wichtigsten jugendkulturellen Strategien der 90er Jahre geworden."32 "Mit dem Sampler konnte man zumindest potentiell auf alle bisher jemals erzeugten und festgehaltenen Klangquellen zurückgreifen, sie nutzen, zu seinen Zwecken modifizieren, modulieren, verändern und neu definieren um etwas eigenes daraus zu kreieren. Es entstand nicht nur die Aneinanderreihung des Dagewesenen, sondern tausend neue Sounds."33

Die relativ günstigen Massenspeichermedien haben zu einer Demokratisierung der Jugendkultur geführt, denn theoretisch ist es jedem möglich, zuhause ein Musikstück aus 'geklautem' Material zu produzieren.

Dieses Prinzip findet seitdem nicht nur in der Musik statt, sondern auch in anderen Bereichen der Jugendkultur. Man setzt einfach Bruchstücke aus vorhandenen Medien neu, wie in einer Collage, zusammen: Zeitschriften werden aus Schnipseln anderer Magazine zusammengestellt; Mode setzt sich aus Anleihen verschiedener Stile zusammen und ergibt so ein völlig neu zu interpretierendes Ganzes. "Durch diese dekonstruktivistische Methode rücken Aussagen in neue Zusammenhänge und können gezielt ironisiert und unterhöhlt werden."34 Damit ist jedoch keinesfalls eine Geringschätzung der Quellen gemeint, sondern es ist eine Huldigung an die Künstler der reproduzierten Quelle, wenn man einen Teil daraus samplet. Es findet eine Identifikation mit den Aussagen und Werten der gesampleten Quelle statt. Man sucht sich die witzigsten, einprägsamsten, passendsten, bekanntesten und besten Stücke aus einer Schallplatte, Stilrichtung oder Kultur heraus und verwendet sie als Zitat in der Hoffnung, ebenso denkende Jugendliche werden diese Zeichen verstehen.

Hinter dem Prinzip Sampling steht eine Ideologie, die die "freie Verfügbarkeit und Kombinierbarkeit aller Symbole"35 vehement vertritt. Urheberrechte interessieren nicht, eher schon die Vorstellung vom gemeinsamen menschlichen Wissensbestand, der per Internet jedem auf anarchische Weise zugänglich sein soll. Alles ist möglich. In der Sprache wird gesamplet, wenn in einem Satz Zitate aus Medien eingeflochten werden, die in der jeweiligen Situation auf den Songtext, den Schauspieler, etc. verweisen. Sagt jemand "Boah, ey...", dann kann man davon ausgehen, daß auf die Mantafahrer-Satire "Manta-Manta" hingewiesen wird. Wird jemand mit "Setz dich, nimm dir ´nen Keks ... Du Arsch !" begrüßt, wird eine Willkommenssituation mit einem Zitat aus dem Film "Leben des Brian" von Monty Python aufgelockert. Wird auf diese freundlich gemeinte Begrüßung geantwortet: "Nicht immer, aber immer öfter.", dann wird darin der Werbeslogan der Biermarke Clausthaler eingebracht. Diese Beispiele sind schon seit Jahren veraltet, und sie sind deshalb vielen Menschen geläufig, aber es ist schwer, aktuellere Beispiele aus der momentanen Jugendszene zu finden und zu verstehen. Jede Quelle, ob Zeitschrift, Fernsehen oder normale, gesprochene Sprache, kann auf diese Art und Weise zitiert oder gesamplet werden.

Das Sampling-Prinzip als Lebenseinstellung wird noch ergänzt durch das postmoderne Jugendlichkeitsideal, demzufolge alles gut und erstrebenswert ist, was neu und unverbraucht ist. Man möchte nicht nur neue Unterhaltung in den Medien oder neue, individuelle Kleidung, sondern auch unverbrauchte, individuelle Wörter und neue Zeichen. Will man sich in der Massengesellschaft noch individuell darstellen, ist eigene Kreativität gefordert. Erlaubt ist alles, was gefällt. Jugendliche der Technogeneration spielen mit der Sprache, starre Regeln sind angreifbar und reizen dazu, gebrochen zu werden. Zugleich jedoch erfordert die heutige Kommunikation einen Austausch knapper, aber hochverdichteter Information ohne viele Worte.

Die freie Kombination aller Symbole durch die Methode des Sampling ermöglicht einerseits spielerisch verkrampfte Tabus aufzubrechen, aber andererseits hat sie eine zunehmende Sinnentleerung der Zeichen zur Folge, so daß keine beständigen, verläßlichen Symbole mehr bestehen bleiben können. Aus diesem Grunde fällt es auch so schwer, Jugendsprache zu erfassen und zu katalogisieren. Für die Jugendlichen bedeutet dies einen zunehmenden Kreativitätsdruck, denn wenn ein Ausdruck für jeden nachschlagbar ist, dann taugt er nicht mehr, um eine gesellschaftliche Distanz zu erzeugen, die für viele Jugendliche der wichtigste identitätsstiftende Faktor ist.

Die Auswirkungen dieses Prinzips für die zukünftige Entwicklung der Allgemeinsprache faßt Ehmann überspitzt zusammen: "Der Sprachverstoß von heute ist die potentielle Sprachnorm von morgen."36

Literaturverzeichnis:

- "Tod durch Ecstasy!" In: BRAVO Nr.3. München. 11.01.1996
- Anz, Philipp; Walder, Patrick (Hrsg.): techno. Zürich. 1995.
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Ecstasy. Eine Broschüre zur Suchtvorbeugung. Köln. [ohne Jahrgang]
- Chubbuck, Katharine: Dancing with Death. In: Newsweek. The international Newsmagazine. 4.12.1995.
- DEEP. Das Dance-Magazin in Deutschland. Nr. 2. Krefeld. 1995.
- Diefenbach, Katja: "Techno ´94" In: SPEX Nr.1. Köln. Januar 1995
- Ehmann, Hermann: oberaffengeil: neues Lexikon der Jugendsprache. München. 1996.
- Fischer, Marc (u.a.): "Der pure Sex. Nur besser." In: Der Spiegel. Hamburg. 1996. Bd. 29. 15.7.1996.
- FLYER. Frankfurt a. M., Hamburg, Köln, München, Berlin. 1997.
- Gloy, Klaus; Bucher, Hans-Jürgen; Cailleux, Michel: Bericht zum Zusammenhang von sozialem Wandel und Sprachwandel. In: Ermert, Karl (Hrsg.): Sprüche - Sprachen - Sprachlosigkeit. Ursachen und Folgen subkultureller Formen der Kommunikation am Beispiel der Jugendsprache. Rehburg-Loccum. 1985.
- Hackensberger, Alfred: "DJs - Die Aufmischer" In: ZEITmagazin Nr. 2. Hamburg. 6.1.1995.
- Hagel, Michael: Die Inflation der Techno-Raves. In: Münsterische Zeitung. Münster. 25.10.1994
- Janke, Klaus; Niehues, Stefan: Echt abgedreht Die Jugend der 90er Jahre. München. 1995.
- Laarmann, Jürgen: "Von Anfang an kein Zurück!!!" In: Frontpage. Bd. 2. Berlin. 1996
- OXFORD ADVANCED LEARNER´S DICTINARY OF CURRENT ENGLISH. Großbritannien. Oxford. 1989
- Peyerl, Andreas: Fly.er{´flaie} engl. In: Die Gestalten Berlin (Hrsg.): localizer 1.0. the techno house book. Berlin. 1995
- Saunders, Nicholas: E for Ecstasy. England. 1993.
- Schlobinski, Peter; Kohl, Gaby; Ludewigt, Irmgard: Jugendsprache. Fiktion und Wirklichkeit. Opladen. 1993.
- Schnibben, Cordt: "Die Party-Partei" In: Der Spiegel. Hamburg. 1996. Bd. 29. 15.7.1996

[...]


1 Vgl. Gloy, Klaus; Bucher, Hans-Jürgen; Cailleux, Michel: Bericht zum Zusammenhang von sozialem Wandel und Sprachwandel. In: Ermert, Karl (Hrsg.): Sprüche - Sprachen - Sprachlosigkeit. Ursachen und Folgen subkultureller Formen der Kommunikation am Beispiel der Jugendsprache. Rehburg-Loccum. 1985. S. 115ff.

2 Janke, Klaus; Niehues, Stefan: Echt abgedreht Die Jugend der 90er Jahre. München. 1995. S. 105. Künftig zitiert: Janke, Klaus; Niehues, Stefan: Echt abgedreht.

3 Ehmann, Hermann: oberaffengeil: neues Lexikon der Jugendsprache. München. 1996. S.23

4 Ebd.

5 Schlobinski, Peter; Kohl, Gaby; Ludewigt, Irmgard: Jugendsprache. Fiktion und Wirklichkeit. Opladen. 1993. S. 37f Künftig zitiert: Schlobinski, u.a.

6 Janke, Klaus; Niehues, Stefan: Echt abgedreht. S. 104.

7 Ebd. S. 17 ff

8 Vgl. Schlobinski, u.a. S. 35

9 Der Spiegel (8.7.1996) Nr. 30. Hamburg. 1996. S. 92

10 Schnibben, Cordt: "Die Party-Partei" In: Der Spiegel. Hamburg. 1996. Bd. 29. 15.7.1996

11 Laarmann, Jürgen: "Von Anfang an kein Zurück!!!" In: Frontpage. Bd. 2. Berlin. 1996

12 OXFORD ADVANCED LEARNER´S DICTINARY OF CURRENT ENGLISH. Großbritannien. Oxford. 1989

13 Saunders, Nicholas: E for Ecstasy. England. 1993. S. 29f

14 Chubbuck, Katharine: Dancing with Death. In: Newsweek. The international Newsmagazine. 4.12.1995. S. 24

15 Hagel, Michael: Die Inflation der Techno-Raves. In: Münsterische Zeitung. Münster. 25.10.1994

16 Vgl. Schnibben, Cordt: "Die Party-Partei" In: Der Spiegel. Hamb urg. 1996. Bd. 29. 15.7.1996 und "Jeder eine Pille, fertig" In: Der Spiegel. Hamburg. 1996. Bd. 30. 21.7.96

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. Schnibben, Cordt: "Die Party-Partei". In: Der Spiegel. Hamburg. 1996. Bd. 29. 15.7.1996.

19 Diefenbach, Katja: "Techno ´94" In: SPEX Nr.1. Köln. Januar 1995. S.15

20 Anz, Philipp; Walder, Patrick (Hrsg.): techno. Zürich. 1995. S.19

21 Hackensberger, Alfred: "DJs - Die Aufmischer" In: ZEITmagazin Nr. 2. Hamburg. 6.1.1995. S. 22 9

22 Hackensberger, Alfred: "DJs - Die Aufmischer" In: ZEITmagazin Nr. 2. Hamburg. 6.1.1995. S. 22

23 Fischer, Marc (u.a.): "Der pure Sex. Nur besser." In: Der Spiegel. Hamburg. 1996. Bd. 29. 15.7.1996. S. 98

24 Diefenbach, Katja: "Techno ´94" In: SPEX Nr.1. Köln. Januar 1995.S.18

25 Hackensberger, Alfred: "DJs - Die Aufmischer" In: ZEITmagazin Nr. 2. Hamburg. 6.1.1995. S. 21

26 FLYER. Frankfurt a. M., Hamburg, Köln, München, Berlin. 1997.

27 Peyerl, Andreas: Fly.er{´flaie} engl. In: Die Gestalten Berlin (Hrsg.): localizer 1.0. the techno house book. Berlin. 1995 [ohne Seitenangaben]

28 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Ecstasy. Eine Broschüre zur Suchtvorbeugung. Köln. [ohne Jahrgang]

29 Vgl. Saunders, Nicholas: E for Ecstasy. England. 1993. S. 15

30 "Tod durch Ecstasy!" In: BRAVO Nr.3. München. 11.01.1996

31 DEEP. Das Dance-Magazin in Deutschland. Nr. 2. Krefeld. 1995. S.5

32 Janke, Klaus; Niehues, Stefan: Echt abgedreht. S.129ff

33 Laarmann, Jürgen: the techno principle or "What Is Techno Really?". In: Die Gestalten Berlin (Hrsg.): localizer 1.0. the techno house book. Berlin. 1995 [ohne Seitenangaben]

34 Janke, Klaus; Niehues, Stefan: Echt abgedreht. S. 130

35 Janke, Klaus; Niehues, Stefan: Echt abgedreht. S. 134

36 Ehmann, Hermann: affengeil. S.14.

15 von 16 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Besonderheiten in der Jugendsprache der Techno-Generation
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
Gut
Autor
Jahr
1997
Seiten
16
Katalognummer
V100273
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachliche, Besonderheiten, Jugendsprache, Techno-Generation
Arbeit zitieren
Carsten Böhmert (Autor), 1997, Sprachliche Besonderheiten in der Jugendsprache der Techno-Generation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100273

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