Inwiefern gegenwärtige, gesellschaftliche Verhältnisse objektive Ursachen für individuelle Entfremdungszustände sind, wird Ziel dieser Analyse sein sowie ein Blick auf dessen Belang für die Soziale Arbeit und eine Skizzierung geeigneter Maßnahmen zur Veränderung der verantwortlichen Zustände. Zunächst nähern wir uns dem Entfremdungsbegriff und seinem möglichen Gegenstück an, wonach gegenwärtige Verhältnisse von Gesellschaft mittels Rosas systematischer Theorie sozialer Beschleunigung beleuchtet werden.
Der Begriff der sozialen Entfremdung ist seit Mitte des 20. Jh. bis heute präsent als Thema in wissenschaftlichen Veröffentlichungen der modernen, philosophischen und soziologischen Literatur, in Debatten sowie als reale Erscheinung in der objektiven Wirklichkeit. Um nur ein Beispiel aus der medialen Berichterstattung zu nennen: Im vergangenen Jahr etwa berichtete die Süddeutsche Zeitung über das typisch moderne Phänomen der "Desynchronisationskrisen", verursacht durch die "Ökonomisierung der Lebensverhältnisse" – alles scheint sich zu beschleunigen, das Gefühl nicht mehr hinterherzukommen entsteht, wobei der Tag weiterhin 24 Stunden hat. Was ein Subjekt fühlt, ist sicher von multiplen Faktoren abhängig. Bei der Erfahrung des Entfremdet-Seins handelt es sich, wie in Kapitel 2 weiter ausgeführt wird, um einen Modus des subjektiven Empfindens.
Wenn die Ursachen für ebenjene Entfremdung in den Personen selbst gesucht werden und nicht bedacht wird, dass die zwar individuell erlebte Entfremdung tatsächlich entstanden ist als Reaktion auf die objektiven, gesellschaftlichen Verhältnisse und jener Modus des Empfindens als solcher erst wieder vergehen kann, nachdem die dafür verantwortlichen Verhältnisse geändert worden sind, so wirft das Probleme auf. Angenommen, gesellschaftliche Strukturen begünstigten oder erzeugten subjektiv erlebte Entfremdung erst, so müssten, um dem Phänomen beizukommen, Maßnahmen zur Veränderung in der Gesellschaft gesucht werden, bliebe dies jedoch aus, so läge der Umgang mit der subjektiv erlebten, aber gesellschaftlich bedingten Entfremdung allein bei den Betroffenen selbst.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Entfremdung als soziales Phänomen der Moderne
2.1 Annäherung an den Begriff der sozialen Entfremdung
2.2 Resonanz als Gegenstück zur Entfremdung
3 Hartmut Rosas Theorie der sozialen Beschleunigung
3.1 Grundlegende Überlegungen zum Gegenstand der sozialen Beschleunigung
3.2 Zum Verhältnis von Beschleunigung und Beharrung in der Moderne
4 Entfremdung als unvermeidliche Folge sozialer Beschleunigung
5 Tragweite der Ergebnisse für das sozialarbeiterische Handlungsfeld
6 Kritische Würdigung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der sozialen Entfremdung in der modernen Gesellschaft unter Rückgriff auf Hartmut Rosas Theorie der sozialen Beschleunigung, um die Auswirkungen auf das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit zu analysieren und Möglichkeiten für eine resonantere Lebensgestaltung aufzuzeigen.
- Theoretische Grundlagen von Entfremdung und Resonanz
- Strukturelle Dynamiken sozialer Beschleunigung nach Hartmut Rosa
- Zusammenhang zwischen Beschleunigung und Entfremdungsprozessen
- Relevanz der Beschleunigungs-Problematik für die Soziale Arbeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Annäherung an den Begriff der sozialen Entfremdung
Hartmut Rosa (2013, S. 123, 143) zufolge ist Entfremdung ein Modus erlebter Abkühlung bis hin zu gänzlicher Verstummung des „Selbst-Welt-Verhältnis[es]“, in dem eine spürbare Anverwandlung der Welt nicht (mehr) erfolgt. Hiermit knüpft Rosa an Fromm (1955, S. 113) an, der zu seiner Zeit konstatierte, eine entfremdete Person sei „außer Fühlung“ mit anderen und sich selbst, sie nehme ihre Welt zwar wahr, gehe aber in keinen resonanten Austausch mit ihr. Fromm (1961, S. 49) beschreibt Marx‘ Begriff von Entfremdung außerdem als Zustand, in dem die Beziehungen zu Welt und Selbst wesentlich als passiv erlebt werden.
Marx und Rosa (2013, S. 142) stimmen in ihren Auffassungen von Entfremdung im Wesentlichen überein, und zwar darin, dass beide unter Entfremdung eine Form der Weltbeziehung verstehen, in der die Subjekt-Welt-Beziehung eine indifferente ist und Welt erfahren wird als äußerlicher, stummer Raum ohne Verbindung. In jedem Fall greift Rosa (2013, S. 122) Marx‘ Kategorien der Entfremdung auf, wenn er konstatiert, wovon Individuen sich eigentlich entfremden: zum einen „von ihren Handlungen“, bspw. ihrer Arbeit, „von ihren Produkten“, folglich von ihren (erzeugten) Dingen, „von anderen Menschen“, also von der sozialen Welt und letzten Endes „von sich selbst“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der sozialen Entfremdung als modernes Phänomen ein und verknüpft diese mit gesellschaftlichen Beschleunigungsprozessen sowie der Relevanz für die Soziale Arbeit.
2 Entfremdung als soziales Phänomen der Moderne: Das Kapitel definiert soziale Entfremdung als Modus gestörter Selbst-Welt-Beziehungen und stellt dieser den Begriff der Resonanz als gelingenden Beziehungsmodus gegenüber.
3 Hartmut Rosas Theorie der sozialen Beschleunigung: Es erfolgt eine detaillierte Erläuterung der Kategorien sozialer Beschleunigung (Technik, sozialer Wandel, Lebenstempo) und deren struktureller Asymmetrie gegenüber Beharrungsprozessen.
4 Entfremdung als unvermeidliche Folge sozialer Beschleunigung: Dieses Kapitel verknüpft die Entfremdungskategorien mit den Beschleunigungsdynamiken und zeigt auf, wie Zeitdruck und Komplexität die Entfremdung von Handlung, Dingwelt und sozialer Umwelt provozieren.
5 Tragweite der Ergebnisse für das sozialarbeiterische Handlungsfeld: Hier wird diskutiert, wie die ökonomisierte Soziale Arbeit auf die Herausforderungen durch Entfremdung reagieren kann, um Räume für resonantere Verhältnisse zu schaffen.
6 Kritische Würdigung: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion über die Dominanz der Beschleunigung, das Fehlen reeller Gegenkräfte und die strukturellen Herausforderungen für Politik und Sozialsektor.
Schlüsselwörter
Soziale Entfremdung, Hartmut Rosa, Soziale Beschleunigung, Resonanz, Moderne Gesellschaft, Selbst-Welt-Verhältnis, Zeitstrukturen, Sozialarbeit, Akzeleration, Dynamisierung, Weltaneignung, Ökonomisierung, Entbettung, Lebenswirklichkeit, Strukturwandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit dem soziologischen Phänomen der sozialen Entfremdung und untersucht dieses anhand der Theorie der sozialen Beschleunigung von Hartmut Rosa.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen Mensch und Welt, die Auswirkungen von technischem und sozialem Wandel auf das individuelle Empfinden sowie die Rolle der Sozialen Arbeit in einer beschleunigten Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen modernen gesellschaftlichen Beschleunigungsprozessen und individuellen Entfremdungserfahrungen aufzuzeigen und deren Konsequenzen für die Soziale Arbeit zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse soziologischer Fachliteratur, insbesondere der systematischer Theorie der sozialen Beschleunigung von Hartmut Rosa.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Begriffe Entfremdung und Resonanz theoretisch geklärt, die Kategorien der Beschleunigung erläutert und die Kausalität zwischen Beschleunigung und Entfremdung detailliert hergeleitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Soziale Entfremdung, Soziale Beschleunigung, Resonanz, Akzeleration, Selbst-Welt-Verhältnis und Soziale Arbeit.
Wie unterscheidet sich Entfremdung von Resonanz laut dem Autor?
Entfremdung wird als ein Zustand der Abkühlung oder stummen Weltbeziehung beschrieben, während Resonanz einen aktiven, lebendigen Austausch zwischen Subjekt und Welt darstellt.
Welche Rolle spielt die Politik bei der Bewältigung von Entfremdung?
Die Arbeit hinterfragt kritisch, ob die Politik als regulierende Instanz überhaupt eine effektive Gegenkraft zur systemischen Beschleunigung darstellen kann.
- Arbeit zitieren
- Laura Göllert (Autor:in), 2019, Soziale Entfremdung als Phänomen in einer modernen Gesellschaft. Hartmut Rosas systematische Theorie der sozialen Beschleunigung in Bezug auf den Sozialsektor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003203