Soziale Entfremdung als Phänomen in einer modernen Gesellschaft. Hartmut Rosas systematische Theorie der sozialen Beschleunigung in Bezug auf den Sozialsektor


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entfremdung als soziales Phänomen der Moderne
2.1 Annäherung an den Begriff der sozialen Entfremdung
2.2 Resonanz als Gegenstück zur Entfremdung

3 Hartmut Rosas Theorie der sozialen Beschleunigung
3.1 Grundlegende Überlegungen zum Gegenstand der sozialen Beschleunigung
3.2 Zum Verhältnis von Beschleunigung und Beharrung in der Moderne

4 Entfremdung als unvermeidliche Folge sozialer Beschleunigung

5 Tragweite der Ergebnisse für das sozialarbeiterische Handlungsfeld

6 Kritische Würdigung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Der Begriff der sozialen Entfremdung ist seit Mitte des 20. Jh. bis heute präsent als Thema in wissenschaftlichen Veröffentlichungen der modernen, philosophischen und soziologischen Literatur, in Debatten sowie als reale Erscheinung in der objektiven Wirklichkeit (Gehlen, 1952, S. 338) (Fischer, 1970, S. 18) (Schaff, 1977, S. 7ff) (Rosa, 2013, S. 7f) (Rosa, 2016, S. 39ff) (Illouz, 2018, S. 334) (Hüther, 2018, S. 123). Um nur ein Beispiel aus der medialen Berichterstattung zu nennen: Im vergangenen Jahr etwa berichtete die Süddeutsche Zeitung über das typisch moderne Phänomen der „Desynchronisationskrisen“, verursacht durch die „Ökonomisierung der Lebensverhältnisse“ - alles scheint sich zu beschleunigen, das Gefühl nicht mehr hinterherzukommen entsteht, wobei der Tag weiterhin 24 Stunden hat (Bartens, 2018, S. 63). Was ein Subjekt fühlt, ist sicher von multiplen Faktoren abhängig. Bei der Erfahrung des Entfremdet-Seins handelt es sich, wie in Kapitel 2 weiter ausgeführt wird, um einen Modus des subjektiven Empfindens. Wenn die Ursachen für ebenjene Entfremdung in den Personen selbst gesucht werden und nicht bedacht wird, dass die zwar individuell erlebte Entfremdung tatsächlich entstanden ist als Reaktion auf die objektiven, gesellschaftlichen Verhältnisse und jener Modus des Empfindens als solcher erst wieder vergehen kann, nachdem die dafür verantwortlichen Verhältnisse geändert worden sind, so wirft das Probleme auf (Fischer, 1970, S. 19). Angenommen, gesellschaftliche Strukturen begünstigten oder erzeugten subjektiv erlebte Entfremdung erst, so müssten, um dem Phänomen beizukommen, Maßnahmen zur Veränderung in der Gesellschaft gesucht werden, bliebe dies jedoch aus, so läge der Umgang mit der subjektiv erlebten, aber gesellschaftlich bedingten Entfremdung allein bei den Betroffenen selbst (Fischer, 1970, S. 44). Inwiefern gegenwärtige, gesellschaftliche Verhältnisse objektive Ursachen für individuelle Entfremdungszustände sind, wird daher Ziel dieser Analyse sein sowie ein Blick auf dessen Belang für die Soziale Arbeit und eine Skizzierung geeigneter Maßnahmen zur Veränderung der verantwortlichen Zustände. Zunächst nähern wir uns dem Entfremdungsbegriff und seinem möglichen Gegenstück an, wonach gegenwärtige Verhältnisse von Gesellschaft mittels Rosas systematischer Theorie sozialer Beschleunigung beleuchtet werden. Die Verschränkung zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und Entfremdung, deren Belang für den Sozialsektor sowie die abschließend kritische Würdigung der Ergebnisse finalisieren diese Arbeit.

2 Entfremdung als soziales Phänomen der Moderne

2.1 Annäherung an den Begriff der sozialen Entfremdung

Hartmut Rosa (2013, S. 123, 143) zufolge ist1 Entfremdung ein Modus erlebter Abkühlung bis hin zu gänzlicher Verstummung des „Selbst-Welt-Verhältnis[es]‘‘, in dem eine spürbare Anverwandlung der Welt nicht (mehr) erfolgt. Hiermit knüpft Rosa an Fromm (1955, S. 113) an, der zu seiner Zeit konstatierte, eine entfremdete Person sei „außer Fühlung" mit anderen und sich selbst, sie nehme ihre Welt zwar wahr, gehe aber in keinen resonanten Austausch mit ihr. Fromm (1961, S. 49) beschreibt Marx‘ Begriff von Entfremdung außerdem als Zustand, in dem die Beziehungen zu Welt und Selbst wesentlich als passiv erlebt werden. Marx und Rosa (2013, S. 142) stimmen in ihren Auffassungen von Entfremdung im Wesentlichen überein, und zwar darin, dass beide unter Entfremdung eine Form der Weltbeziehung verstehen, in der die Subjekt-Welt-Beziehung eine indifferente ist und Welt erfahren wird als äußerlicher, stummer Raum ohne Verbindung. In jedem Fall greift Rosa (2013, S. 122) Marx‘ Kategorien der Entfremdung auf, wenn er konstatiert, wovon Individuen sich eigentlich entfremden: zum einen „von ihren Handlungen“, bspw. ihrer Arbeit, „von ihren Produkten“, folglich von ihren (erzeugten) Dingen, „von anderen Menschen“, also von der sozialen Welt und letzten Endes „von sich selbst. Das Wovon muss definitiv einen Inhalt bekommen, denn, wie auch Fischer (1970, S. 29) schildert, gelangt jemand erst zu einem sinnvollen Verständnis der Bedeutung des Entfremdungszustandes, wenn definiert ist, wovon das Individuum etwa entfremdet sein soll. Die Auffassung von Marx‘ teilend, Entfremdung sei ein objektives Phänomen kapitalistischer Gesellschaften, erweitert Rosa (2013, S. 123) seine Theorie um die Betrachtung der Entfremdung von Raum und Zeit, wofür er die Akzeleration des strukturellen Wandels der Moderne zur Ursache erklärt, auf deren Zusammenhang mit der Entfremdung in Kapitel 4 dieser Untersuchung eingegangen wird. Man kann sich nun nach den genauen Ursachen für die beschriebene Entwicklung fragen, wobei in dieser Sache in der Literatur weitgehend Uneinigkeit besteht: Dies ist zu erkennen, wenn Davids (1955, S. 61 ff) einerseits, die individuelle Persönlichkeit des Subjekts selbst als Ursache für dessen eigene Entfremdungsgefühle erklärt, während etliche andere Verfasser andererseits anmerken, dass Individuen Entfremdung zwar subjektiv erlebten, dies jedoch weitgehend unabhängig sei von deren Charakter und Persönlichkeit und die Bedingungen für die Entstehung der Entfremdung stattdessen gesellschaftsbezogen und dadurch primär in den Gesellschaftsstrukturen zu suchen seien (Fischer, 1970, S. 19ff) (Schaff, 1977, S. 19ff) (Rosa, 2013, S. 122) (Rosa, 2016, S. 39ff) (Rosa, Strecker, & Kottmann, 2018, S. 174, 219). Entfremdung ist damit eine tiefgreifende, strukturelle Veränderung der Weltbeziehungen von modernen Menschen. Sie äußert sich subjektiv auf Seiten der Individuen und in Summe als kollektives Gesellschaftsphänomen, und zwar, im Ausbleiben von sinnstiftenden Tätigkeiten, Dingen sowie Erfahrungen mit der sozialen Welt und dem Selbst. Die Betroffenen empfinden sich selbst als fremd „«in die Welt gestellt»" (Rosa, 2013, S. 123). Entfremdung ist damit auch ein besonderer Modus von Freiheitsverlust, denn er verhindert, dass Betroffene bspw. wertvolle Ziele - sich persönlich und ihre soziale Position betreffend - aktiv verfolgen, auf Grund ihrer Wahrnehmung, die Welt stehe ihnen nicht länger entgegenkommend gegenüber (Jaeggi, 2005, S. 53) (Rosa, 2016, S. 660). Rosa (2013, S. 131) legt den Verlust der Autonomie im Zuge der Entfremdung auch bei sich zu Grunde und zwar, wenn er Entfremdung als Zustand beschreibt, in dem wir nicht wirklich wollen, was wir tun, obgleich wir aus freiem Willen handeln.

2.2 Resonanz als Gegenstück zur Entfremdung

Das Gegenstück zur Entfremdung muss demnach ein Zustand sein, in dem es gelingt, uns „die Welt «anzuverwandeln»" (Rosa, 2013, S. 144). Rosa zufolge können nicht Ressourcen und Optionen alleine der Maßstab für ein gelingendes Leben sein, sondern sollten in einem vernünftigen Verhältnis stehen zu dem Modus unserer Weltbeziehungen: Gradmesser für ein gelingendes Leben sind ihm zufolge einerseits, die Art wie moderne Menschen Welt erfahren (passiv) und andererseits, wie sie sich ebenjener aneignen (aktiv) (Rosa, 2016, S. 52f). Rosa unterscheidet zwei Modi von Weltaneignung: die Reichweitenvergrößerung und die Resonanzsuche (Rosa, 2016, S. 618). Erstere meint die in wettbewerbsorientierten Systemen gängige Aneignung der Welt durch Vermehrung der Ressourcen und Optionen. Für Rosa (2016, S. 341) sowie Hüther (2018, S. 149) ist dieser Modus der Weltaneignung eher Ursache als Lösung für Entfremdung, da die Folgen jenes Wettbewerbs keine anderen außer verdinglichende und indifferente Selbst-WeltBeziehungen sein können. Ungeachtet von Ressourcenvermehrung und Optionsausweitung sucht ein Subjekt auch immer das zu ihm Passende, das, was es eigentlich gerne tun würde und ist auf der Suche nach nicht-entfremdeten, vielschichtigen Erfahrungen sowie Beziehungen, die es berühren (Rosa, 2013, S. 147f). Für Rosa ist Resonanz jenes Gegenstück2 zu Entfremdung. Sie ist nicht wie Entfremdung ein Zustand, sondern ein spezifischer Beziehungsmodus, der gelingt, wenn beide bereit sind, sich dem anderen gegenüber zu öffnen und sich im Gegenzug auch durch das Gegenüber erreichen zu lassen (Rosa, 2016, S. 298). Quelle von Resonanz kann in modernen Gesellschaften bspw. der Beruf sein, in dem wir uns buchstäblich an etwas abarbeiten, in Form der Auseinandersetzung mit dem Wohl von KlientInnen z.B. (Rosa, 2013, S. 147f). Entfremdung sowie Resonanz sind beide miteinander verschränkt: So stellen sich Erfahrungen der Resonanz häufig im Anschluss an Entfremdungserlebnisse ein, wie bspw. nach einem kritischen Zustand, der das Auflösen starrer Verhältnisse, das Sich-Neuausrichten und -Öffnen zu Folge hat (Hüther, 2018, S. 181f). Rosa zufolge ist erst Entfremdung da, um von dem Punkt aus fähig zu sein, Resonanz auszubilden (Rosa, 2016, S. 320ff). Es geht also um Anverwandlung von Welt-Kontexten, die uns im Vorfeld gleichgültig waren oder die wir als ablehnend erfahren haben. Resonanz ist Rosa (2016, S. 296, Hervorhebung durch Autorin) zufolge außerdem kein dauerhafter, plan- oder kontrollierbarer Zustand, sondern eine „Form der Bezugnahme“, die Erfahrungen der Resonanz in Form einer auf uns antwortenden Welt „immer wieder möglich macht“. Rosas Theorie der Resonanz ist interessiert an einer reellen Integration in die moderne Gesellschaft und gegen radikale Veränderungen, wie bspw. Achtsamkeit in ihrer extremsten Ausprägung, in Form von Langsamkeit, die nicht Endziel sein kann (bspw. in Form einer langsamen Internetverbindung) und ermutigt eher dazu, dem Modus unserer Weltbeziehungen Wert für ein gelingendes Leben beizumessen, Resonanzquellen zu stärken sowie soziale Bedingungen für ein resonanteres Leben zu errichten. In jedem Fall ist den Menschen die Fähigkeit zur Resonanz angeboren und sie sind in der Lage, ihr Wesen und ihre Weltbeziehungen an sich zu verändern (Rosa, 2016, S. 36) (Hüther, 2018, S. 181).

3 Hartmut Rosas Theorie der sozialen Beschleunigung

3.1 Grundlegende Überlegungen zum Gegenstand der sozialen Beschleunigung

Zum Verständnis von sozialer Entfremdung als gesellschaftliches Phänomen müssen wir die Strukturen untersuchen, die das Zusammenleben in modernen Gesellschaften regulieren. Dafür plädiert auch Rosa (2016, S. 117), wenn er sagt, Zeitstrukturen hätten die Gesellschaft insofern in der Hand, dass sie unsere Handlungen und Ausrichtungen auf eine Art und Weise bestimmten, dass wir sie mit den vorherrschenden, zeitlichen Normen mitunter zwanghaft koordinieren würden. Rosa (2016, S. 28) ist der Meinung, dass das individuelle Zeitbewusstsein sozial geprägt ist und als sozialer Habitus zu einem Teil der Persönlichkeitsstruktur des modernen Menschen geworden ist. Die Präsenz von Zeitstrukturen in der klassischen, soziologischen Literatur weist auch darauf hin, dass das Leben in modernen Gesellschaften (nur) dann gelingt, wenn es mit den neuen Normen moderner Zeit vereinbar ist oder kompatibel gemacht wird (Rosa, 2016, S. 16f). Wie definiert sich Beschleunigung demnach? Grundsätzlich, so leitet Rosa (2016, S. 115) von der Newton’schen Physik (Beschleunigung = Weg/Zeit) ab, drückt sie das Verhältnis von Menge und Zeit aus: Beschleunigung wird dann erzielt, wenn eine Mengenzunahme/Zeiteinheit oder eine Zeitreduktion/Mengeneinheit vorliegt. Angenommen vor dem Einsatz digitaler Kommunikation wurden zehn Briefe in einer Stunde bearbeitet, wo es heute Standard ist, die gleiche Menge an Inhalten innerhalb von dreißig Minuten zu versenden, so sprechen wir von einer Zeitreduktion/Mengeneinheit, heute kommt ggfs. die doppelte Menge, zwanzig Inhalte, während einer Std. zur Bearbeitung (Mengenzunahme/Zeiteinheit). Dies ist ein klassisches Beispiel für beschleunigte Kommunikation, welche nach Rosa (2016, S. 85) in die Kategorie der technischen Beschleunigung fällt, wozu er auch die Beschleunigung von Transport- und Produktionsprozessen zählt. Bei technischer Beschleunigung handle es sich Rosa (2016, S. 129) zufolge um eine „intentionale Beschleunigung" bestimmter Prozesse, welche als direkte Folge des kapitalistischen Systems bzw. der Wettbewerbslogik an sich zu sehen ist, denn in einem auf Wettbewerb ausgerichteten System ist der Maßstab die Leistung (Arbeit/Zeit) und ein Vorteil gegenüber dem Wettbewerb wird dann erzielt, wenn Beschleunigung entsteht durch Mengenzunahme/Zeiteinheit oder Zeitreduktion/Mengeneinheit. Geißler (1999, S. 89) gibt an, dass sich die Geschwindigkeit der Kommunikation zu seiner Zeit um den Faktor zehn hoch sieben, die des Transports um zehn hoch zwei und die der Datenverarbeitung um zehn hoch sechs erhöht haben soll. Paradox ist nun: Obwohl wir mithilfe von Technik Zeiteinsparungen durch Beschleunigung realisieren, sind Zeitnot und Stress hingegen Gegenstände der modernen Lebenswirklichkeit (Rosa, 2016, S. 11, 117). Dieses Phänomen basiert zweifellos darauf, dass wir die Geschwindigkeit steigern (wie im Bsp. von einer Stunde auf dreißig Minuten) und es nicht dabei bleibt, denn wir erhöhen gleichzeitig auch die Menge (wie im Bsp. der zehn auf zwanzig Inhalte je Stunde), wodurch die erst gewonnene Zeit gleich wieder eingesetzt wird, um mehr zu erledigen (Rosa, 2016, S. 118). Rosa (2016, S. 15ff) führt zwei weitere Kategorien von Beschleunigung an, zum einen die des sozialen Wandels sowie zum anderen jene des Lebenstempos. Die Beschleunigung des sozialen Wandels ist ihm zufolge keine intentionale Beschleunigung gezielter Prozesse, vielmehr bezieht sie sich auf das Tempo, mit dem sich Veränderungsraten selbst beschleunigen (Rosa, 2016, S. 129). Sie zeigt sich gegenwärtig in einer verkürzten Bestandsdauer von Wissen, im Wandel von Beschäftigungs- und Familienstrukturen, sowie in der Beschleunigung von Berufs- und Intimpartnerwechseln (Rosa, 2016, S. 462) (Illouz, 2018, S. 334). Die Folge dieser Veränderungsraten ist, dass sich das greifbare „Ereignisjetzt sozialer Situationen“ wahrnehmbar reduziert (Nassehi, 1993, S. 342). D.h. auch, dass sich Zeiträume von „Dauer bzw. Stabilität“ verkürzen, in denen Menschen Zeit haben, aus Erlebtem Konsequenzen für den Moment und die Zukunft abzuleiten, und nur für jene sind gemachte Erfahrungen handlungsorientierend, da ein gewisser Erwartungshorizont vorausgesetzt werden kann (Rosa, 2016, S. 131). Technische Beschleunigung sowie jene des sozialen Wandels sind zwei miteinander verschränkte Phänomene: Die Beschleunigung des technischen Wandels sorgt durch die fortwährende Produktion von Wissen neben all den benannten Fortschritten dafür, dass die Bestandsdauer des Wissens an sich sinkt und die Folge davon ist die Beschleunigung des sozialen Wandels (Rosa, 2016, S. 85f). Auch die Zunahme von Möglichkeiten und gleichzeitiger Notwendigkeiten sind mit Sicherheit Auslöser für den sozialen Wandel (Rosa, 2016, S. 123). Rosas (2016, S. 114) dritte Kategorie ist die eingangs genannte Beschleunigung des Lebenstempos, die eine Reaktion darstellt auf das Gefühl, dass die Zeit knapp wird; sie zeigt sich bei modernen Menschen in Versuchen der Handlungsbeschleunigung (Mengenzunahme/Zeiteinheit) in Form von bspw. Kurzschlaf, Multi-Tasking oder Auslassen von Pausenzeiten. Ihr Handeln - in Arbeits- sowie Privatleben - scheint sich voll und ganz zu beschleunigen durch die Zunahme an Handlungen je Zeiteinheit. Nachdrücklich bemerkt sei hier, dass diese Erhöhung des Lebenstempos entsteht, obwohl vielerorts Zeitgewinne erzielt werden, und zwar, weil wir, wie angeführt, in der zunächst gewonnenen Zeit die Anzahl unserer Tätigkeiten gleich wieder erhöhen, so dass sich der ursprüngliche Zeitgewinn wieder auflöst (Rosa, 2016, S. 117). Folglich sind jene drei Kategorien sozialer Beschleunigung zwar inhaltlich voneinander zu unterscheiden, dennoch miteinander verbunden. Verschränkt sind sie dadurch, dass der technische Fortschritt die Beschleunigung von Veränderungsraten antreibt, das Lebenstempo an Geschwindigkeit aufnimmt, wodurch die Zeit für moderne Menschen gefühlt immer knapper wird, weshalb wiederum technischer Fortschritt im Hinblick auf Akzeleration nachgefragt wird, wodurch sich an dieser Stelle der Kreis der Beschleunigung schließt, der deutlich macht, dass alleine Beschleunigung auf Seiten der Technik spürbare Konsequenzen für das Leben moderner Menschen nach sich zieht, in dem ihre Wellen nicht Halt machen vor dem Individuum und seiner Lebensweise.

[...]


1 An dieser Stelle wird nicht der Anspruch erhoben, die vollständige Historie der Entfremdungstheorie zu zeigen, sondern nur die theoretische Linie skizziert, die zur Klärung der wissenschaftlichen Fragestellung dient, so dass zahlreiche Entfremdungstheoretiker wie etwa Schiller, Hegel, Adorno, Marcuse, Henning und Plessner hier nicht behandelt werden.

2 Weitere Begriffe für die Bezeichnung eines Gegenstücks sind bspw. bei Hüther Würde (2018, S. 152f) oder wie bei Jaeggi Autonomie als Modus der Selbstbestimmung und -verwirklichung (2005, S. 236f).

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Details

Titel
Soziale Entfremdung als Phänomen in einer modernen Gesellschaft. Hartmut Rosas systematische Theorie der sozialen Beschleunigung in Bezug auf den Sozialsektor
Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V1003203
ISBN (eBook)
9783346380432
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Beschleunigung, Resonanz, Soziale Entfremdung, Hartmut Rosa
Arbeit zitieren
Laura Göllert (Autor), 2019, Soziale Entfremdung als Phänomen in einer modernen Gesellschaft. Hartmut Rosas systematische Theorie der sozialen Beschleunigung in Bezug auf den Sozialsektor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003203

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