Die pragmatische Verschiebung im Sozialbewußtseins Polens. Mit oder Gegen den Trend des zunehmenden Postmaterialismus


Skript, 2001
4 Seiten

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Die pragmatische Verschiebung im Sozialbewußtseins Polens. Mit oder Gegen den Trend des zunehmenden Postmaterialismus

von Marek Ziól’kowski

(Übersetzte Zusammenfassung des Orginaltexts: The Pragmatic Shift in Polish Social Consciousness: With or Against the Tide of Rising Post-Materialism? in: E. Wnuk-Lipin´ski (ed.) After Communism, Warszawa 1995, ISP PAN, Seite 165-180)

Text für die Vorlesung: „Social and Cultural Trauma - The experience of post-communist change“ im Studiengang Europäische Studien (www.ces.uj.edu.pl) an der Jagiellonen Universität WS 2000 von

P. Sztompka.

In diesem Artikel wird die Theorie von Inglehart „Kultureller Wandel in fortgeschrittenen industriellen Gesellschaften“ auf Polen von 1989 bis 1995 angewandt und beurteilt ob Polen sich dem globalen Trend anpaßt oder sich in die Gegenrichtung bewegt.

Einleitung: Werte, Interessen und Regeln

Das Entstehen einer neuen normativen Ordnung ist eines der augenfälligsten Zeichen in der Entwicklung eines neuen sozialen Systems in Polen.

Voraussetzung für ein normatives System:

- Werte und Interessen werden als Ziele verstanden
- Ebenso werden sie verstanden und angewandt um Ziele zu erreichen (Regeln des sozialen Verhaltens)

Definition Werte im folgenden Papier:

„gewisse Vorstellungen von Objekten, Zuständen und Prozessen, die als angemessen, moralisch gerecht und zu erwünschen angesehen werden.“

Werte steuern sowohl die gesellschaftliche Ordnung auf der „Makroebene“ als auch das Leben des Einzelnen.

In diesem Text wird zwischen Werte als normativ und Interessen als pragmatisch unterschieden. Diese beiden sind miteinander verbunden, so werden die pragmatischen Maßnahmen von den Werten beeinflußt, aber ebenso wird das Leben nach Werten nach den pragmatischen Gegebenheiten beschränkt.

Interessen und Werte während der Transformation des Systems

In Polen sind die Wert- und Interessensysteme der Einzelnen sehr stark von der Erfahrungen unter dem alten Regime, aber auch die Erfahrungen während der Aufbruchsstimmung (1989-1991) und den folgenden düsteren Jahren der Transformation beeinflußt. („Der sogenannte Tunnel am Ende des Lichtes“)

Fünf separate Systeme der normativen Ordnung werden herangezogen um die Polarisierung der Gesellschaft zu beschreiben und deren Entscheidungen in der öffentlichen Debatte zu beurteilen.

1. Gemeinsame Werte in der Aufbruchsstimmung (Flitterwochen der Transformation)

Der Sturz des alten Regimes wurde von der Mehrheit der Bevölkerung begrüßt und unterstützt. Man erhoffte sich eine glorreiche Zukunft und unterstützte die neue politische Elite (Solidarnosc) auch bei unbequemen politischen Entscheidungen. Es herrschte große Einheit in der Bevölkerung über die Schaffung eines neuen politischen und ökonomischen Systems. (In Polen dauerte dies länger an als in anderen Ländern, weil die Opposition aus einer Massenbewegung bestand.) Aus dieser Zeit kommt die Trennung der politischen Systems in Postkommunisten und „Postdissidenten“.

2. Klassische oder Traditionelle Werte

Religiöse, politische und sozio-kulturelle Orientierung beeinflußt das Wertesystem der Menschen

- Demokratie gegen autoritäres System
- Pluralismus gegen traditionellen/ständischen Kollektivismus
- religiöse Freiheit gegen starke Rolle der Kirche im Staat und der Gesellschaft
- Öffnung zum Westen gegen Nationalismus/Autarkie
- „Dicker Strich unter die Vergangenheit“ gegen Lustration der Vertreter des alten Regimes (siehe Gauck-Behörde)

3. Generelle wirtschaftliche Orientierung

Bei der Gestaltung der neuen wirtschaftlichen Ordnung gibt es verschiedene Orientierungen. Im Vergleich zum Westen sind Entscheidungen oder Orientierungen weit ideologischer, da die Erfahrung aus den früheren Systemen fehlt.

4. Pragmatische wirtschaftliche Orientierung

Bei denen, die grundsätzlich die Einführung der Marktwirtschaft (Mehrheit der Polen) akzeptieren geht es um die pragmatischen Entscheidungen in der Wirtschaftsordnung, wie Fiskalpolitik, Privatisieren und Rolle des Staates in der Wirtschaft.

5. Nichtmaterielle Wertorientierung

Sogenannte „post-materialistische“ Werte, wie Gleichberechtigung der Geschlechter, Umweltschutz, Minderheitenrechte, ...

Es wird davon ausgegangen, daß die Wertesysteme 2-5 in der frühen Transformationsphase entstanden sind und danach zum Ausbruch kamen. Alle Wertsysteme formen gleichzeitig die gesellschaftliche Wertorientierung und lösen sich (2-5) nicht wie im Westen einander ab.

Nicht-materielle Wertesysteme:

Die nicht-materielle Wertorientierung 2 + 5 lösen sich einander ab, da die Orientierung in der Frühzeit der Transformation nicht die Fragen des alltäglichen Lebens mehr beantworten und auch die hehren Ideale (zurück nach Europa oder Segen des Kapitalismus) für die Masse nicht mehr wichtig sind. Jedoch sind die post-materialistischen Wertevorstellungen als dominierendes Wertesystem nicht sehr tief in der Gesellschaft verankert. Die Gruppen (z. B. Vegetarier, Homosexuelle, religiöse Minderheiten) sind auch statistisch eine sehr kleine Gruppe.

Materielle Wertesysteme:

Die Einführung der Marktwirtschaft in Polen war sehr stark mit nicht-materiellen Werten verbunden. Marktwirtschaft und Recht auf Privateigentum war verbunden mit Bürgerrechten, Demokratie und individueller Verantwortung. Mit dem Fortschreiten der Transformation wurde diese Verknüpfung aufgehoben, ethische, politische und sozio-kulturelle Aspekte der Wirtschaft sind in den Hintergrund gerückt.

Die wirtschaftliche Veränderung während der Transformation, die zu einem sozialen Abstiegs großer sozialen Gruppen führte (Lehrer, Arbeiter, Rentner), führt dazu daß eine Mehrheit der Polen einen Wohlfahrtsstaat fordert, der sie vor den negativen Folgen des Kapitalismus beschützt. Sie fordern daß der Staat ihre soziale Sicherheit garantiert. Auf diese Absicherung wird viel der politischen Aufmerksamkeit und der Aktivität gewidmet. Kleinere Teile der Gesellschaft widmen ihre Energie der sozialen Mobilität und dem finanziellen Erfolg. Beide verfolgen in erster Linie Erhalt und Verbesserung ihrer sozialen Stellung. Hierzu muß bemerkt werden, daß beide Gruppen von selbst Wirtschaftsaktivitäten entwickeln, die sich nicht einmal unterscheiden. (Germanist arbeitet als schlechtbezahlter Lehrer und gibt nebenher Privatunterricht um über die Runden zu kommen oder er arbeitet nur in einer Sprachschule oder gibt Nachhilfestunden um eine eigene Sprachschule aufzumachen) Viele die ein egalitäres System fordern wollen keinen Einheitslohn, sondern gleichen Lohn für gleiche Arbeit. (Ein junger Lehrer bekommt ca. 800 Zloty im Monat, für eine Nachhilfestunde kann er bis zu 25 Zloty verlangen)

Einstellung gegenüber Demokratie

Für die wenigsten Polen ist Demokratie ein normativer Wert. Die breite Befürwortung der Demokratie beruht vielmehr auf die Ablehnung des alten Systems. Ebenso waren wirtschaftliche Verbesserung mit Demokratie verbunden. Für die Gruppe, die eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation erfahren konnten, wurde Demokratie zu einem Wert der gleichen Zugang zu Politik und Wirtschaft für alle garantiert. Für diejenigen deren Situation sich verschlechtert hatte wird Demokratie eher als Garant für soziale Gleichheit verstanden. Sie nutzen Demokratie um ihre Gruppeninteressen durchzusetzen. (z. B. Krankenschwesterstreiks in Dezember 2000 und Januar 2001)

Einstellung gegenüber den politischen Institutionen

Mit der wirtschaftlichen Transformation mußten die politischen Führer den Kapitalismus von oben herab schaffen. Somit waren die Politiker nicht nur für die Lösung momentaner Probleme zuständig sondern auch für die Schaffung der Spielregeln. Sie werden für die sozialen Kosten der Transformation zur Verantwortung gezogen. Allgemeine Einstellung für Kosten sind die „Obrigen“ verantwortlich und für Verbesserungen man selbst. Durch diese Einstellung wird auch der politische Wechsel 1993 (postkommunistische Regierung löst Solidarnosc ab) und 1997 in der Gegenrichtung verständlich.

Resultat

In der Transformationsperiode befinden sich viele Polen in dem Dilemma, daß sich die pragmatischen Vorstellungen aufgrund mangelnden Wissens und finanzieller Ressourcen sich nicht realisieren lassen. Ebenso werden durch kurzfristige Maßnahmen (schnelles Geld) langfristige Entwicklungen verdorben. Dies setzt sich von Tätigkeiten von Individuen bis zu politischen Maßnahmen oder sozialen Entwicklungen fort. Es ist zu beachten daß auch wirtschaftliche Debatten mit äußerster emotionaler Intensität geführt werden und auch die Forderungen unrealistisch sind. (Aktionen von Bergarbeitern oder Landwirten). Ebenso ist die Schwäche der Zivilgesellschaft einerseits ein Resultat des Materialismus, aber ebenso ist dies ein Mangel sozialen und wirtschaftlichen Rückhalts dieses Situation zu überwinden. Der Konsum westlicher Kultur wird als Ersatzreaktion zur Unfähigkeit des eigenen Schaffens gesehen.

Zusammenfassung:

Bei der Betrachtung der Gesellschaft in den Mittelosteuropäischen Ländern muß festgestellt werden, daß spwohl eine typische postkommunistische Transformation also auch ein Wandel in den Industriegesellschaften global stattfindet.

Hierbei ist zu beachten, daß die Länder Mittelosteuropas die Entwicklung von prämaterialistischen (prämoderner) zu materiellen Werten durchmachen muß, da es von den Entwicklungen im Westen lange abgeschnitten waren. Ebenso ist zu beachten, daß die Transformation dieser Region im Vergleich zu Südeuropa nicht mit wirtschaftlichen Aufschwung verbunden war, sondern mit wirtschaftlichen Niedergang. Somit hat in Mittelosteuropa sich die soziale Schere auseinanderbewegt und zur Verarmung von Massen geführtf („Lateinamerikanisierung“). Dies ist an der starken Polarisierung in der Wirtschaftspolitik zu sehen. (wirtschaftliches Links - Rechts ist nicht gleich ideologischem Links-Rechts)

Typisch für diese Länder ist das nebeneinander (oder durcheinander) von präindustriellen, kommunistischen, kapitalistisch materiellen und postmateriellen Werten.

Kritik an diesem Papier:

1. Ebenso wie viele Mittelosteuropäer vereinfacht der Autor das Bild vom Westen mit dem er Polen vergleicht. Wenn man die wirtschaftliche Debatte in Ländern wie Frankreich verfolgt erkennt man, daß dort immer noch ideologische Grabenkämpfe gefochten werden mit starker materialistischer Orientierung. (Vergl. polnische und französische Landwirte beim Streik). Ebenso übersieht der Autor, aufbauend auf die Theorie von Inglehart, daß die Masse der Bevölkerung im Westen noch nicht postmaterialistisch oder life-style orientiert ist. Aus persönlicher Erfahrung möchte ich hier anfügen, daß polnische Studenten weniger über Geld oder zukünftige Gehälter reden als Deutsche oder Amerikaner.
2. Dieser Artikel wurde in 1995 geschrieben und somit in Mitten der wirtschaftlichen Krise Polens. In dieser Zeit herrschte sowohl in der Bevölkerung, aber auch unter den Intellektuellen eine sehr negative und depressive Stimmung. Seit dem hat sich die wirtschaftliche Situation gebessert und sich auch die sozialen Spannungen vermindert, besser gesagt der soziale Graben ist nicht breiter geworden.
3. Es muß ebenso gesehen werden, daß sich post-materialistische Werte sich allmählich verbreiten und auch immer breitere Akzeptanz finden. Ebenso entwickeln sich in alternativen Szenen polnische Eigenheiten und entwickeln damit ein Gegenstück zur westlichen Konsumwelt. Dies ist vor allem ein Prozeß der städtischen Jugend und führt zu einem stärkeren kulturellen Stadt-Land- Konflikt. Trotzdem haben sie noch nicht die große Öffentlichkeit gefunden. Der letzte Präsidentschaftswahlkampf bewies das am Ende traditionelle Werte mit größerem Erfolg als post- moderne in die Schlacht geworfen wurden.

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Details

Titel
Die pragmatische Verschiebung im Sozialbewußtseins Polens. Mit oder Gegen den Trend des zunehmenden Postmaterialismus
Autor
Jahr
2001
Seiten
4
Katalognummer
V100329
Dateigröße
337 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verschiebung, Sozialbewußtseins, Polens, Gegen, Trend, Postmaterialismus
Arbeit zitieren
Robert, Pernetta (Autor), 2001, Die pragmatische Verschiebung im Sozialbewußtseins Polens. Mit oder Gegen den Trend des zunehmenden Postmaterialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100329

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