Soziale Präferenzen im Kontext internationaler Klimakooperation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1. Einleitung

2. Strategisches Verhalten von Akteuren
2.1 Soziale Präferenzen
2.2 Spieltheoretische Herangehensweisen
2.3 Das Problem öffentlicher Güter

3. Modelltheoretische Ansätze für Kooperation
3.1 Ansätze zur Ungleichheitsaversion
3.1.1 Das Modell von FEHR und SCHMIDT
3.1.2 Das Modell von BOLTON und OCKENFELS
3.2 Ansätze zum Altruismus
3.3 Ansätze zur Reziprozität

4. Ausgewählte Analysen zum Einfluss sozialer Präferenzen auf internationale Klimakooperation
4.1 Klimakooperation bei Ungleichheitsaversion
4.1.1 Koalitionsbildung und Stabilität
4.1.2 Kooperation zwischen ungleichen Nationen
4.2 Klimakooperation bei Altruismus
4.3 Klimakooperation bei Reziprozität
4.4 Gerechtigkeitsprizipien und Eigennutz

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Durchschnittlicher eigener Beitrag für jeden Durchschnittsbeitrag der Gruppe

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Hypothesen und Ergebnisse aus Sicht des Landes/der Ländergruppe

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit stellt der fortschreitende Klimawandel dar. Insbesondere der jüngste Sonderbericht des Weltklimarats (engl.: IPCC) zur globalen Erwärmung macht deutlich, welche negativen Auswirkungen die zunehmende Konzentration von Treibhausgasen auf die Umwelt hat.1 Dabei ist es unerheblich, in welchem Land die Schadstoffe entstehen, weshalb es gilt, im Rahmen internationaler Zusammenarbeit effektive Klimaschutzabkommen zu treffen.2 Geht man jedoch davon aus, dass souveräne Staaten bzw. ihre Vertreter gemäß dem Bild des Homo Oeconomicus lediglich ihre eigenen Interessen verfolgen, zeichnet sich ein düsteres Bild für die Erde ab. Ein Grund dafür ist, dass dem Klima bzw. dem Klimaschutz der Charakter eines öffentlichen Gutes zukommt. Das heißt, wenn ein Land z. B. Emissionen vermeidet, profitieren alle Akteure davon. Unter Umständen bedeutet dies für ein Land ein Verlustgeschäft und die Position des Trittbrettfahrers erscheint lukrativer.

Nichtsdestotrotz ist es notwendig, dass Länder einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und freiwillig Klimakooperationen eingehen. Dies erscheint für ein individuelles Land sogar rational, wenn sein Nutzen nicht nur materielle Aspekte umfasst, sondern bspw. auch ein Gerechtigkeits- resp. Ungerechtigkeitsempfinden. Letzteres lässt sich den sozialen Präferenzen zuordnen, die seit den 1990ern verstärkt Eingang in die Ökonomie finden und auch auf die Klimaproblematik angewendet werden.

Die vorliegende Arbeit soll untersuchen, ob und wie sich Gerechtigkeitsvorstellungen und andere soziale Präferenzen auf die Bildung und Stabilität von internationalen Klimaabkommen auswirken. Die Erarbeitung beginnt mit der Definition von sozialen Präferenzen und skizziert die spieltheoretischen Herangehensweisen zu deren Erforschung. Anschließend wird kurz das Problem öffentlicher Güter im Kontext von Klimaschutzmaßnahmen aufgegriffen. Das dritte Kapitel widmet sich modelltheoretischen Ansätzen, die Kooperation zwischen Individuen bzw. Ländern rational zu erklären versuchen. Im folgenden Kapital vier werden unterschiedliche Studien vorgestellt, die sich mit Klimakooperation befassen und dabei als Grundlage unterschiedliche Präferenzmodelle verwenden. Das letzte Unterkapitel von Abschnitt vier beschäftigt sich mit den Vorstellungen hinsichtlich der Verteilung der Lasten des Klimaschutzes. Die Arbeit schließt mit einem Fazit.

2. Strategisches Verhalten von Akteuren

2.1 Soziale Präferenzen

In der Disziplin der Wirtschaftswissenschaften wird im Regelfall vom sog. Homo Oeconomicus ausgegangen. Dieser Idealtyp eines Entscheidungsträgers handelt absolut rational und egoistisch. Das bedeutet, dass er seine Nutzenfunktion maximiert, in die lediglich seine eigene Auszahlung einfließt.3 Dass diese Gestalt eine Kunstfigur darstellt, zeigt sich darin, dass in der Realität widersprüchliche Verhaltensmuster zu erkennen sind. Zum Beispiel spenden Menschen für gemeinnützige Zwecke, während sie in wirtschaftlichen Wettbewerbssituationen nach Profit streben.4 Auch in zahlreichen experimentellen Untersuchungen wird ein vom Standardmodell abweichendes Verhalten festgestellt. Vorzugsweise in Laborsituationen und unter Anwendung von verschiedenen spieltheoretischen Konzepten (sh. Abschnitt 2.2) zeigt sich, dass Individuen sehr wohl einen Sinn für das Heil anderer haben, wenn auch nicht alle.5 Demnach können soziale Präferenzen wie folgt umschrieben werden: Berücksichtigt ein Akteur neben seinem materiellen Eigennutz auch das Wohlergehen und den Erfolg anderer, spricht man von sozialen Präferenzen.6 Soziale Präferenzen beschreiben Entscheidungsvariablen, die z. B. durch den Vergleich zu einer Referenzgröße (bspw. das Einkommen eines anderen Akteurs) determiniert werden und beeinflussen somit das eigene Verhalten.7

Soziale Präferenzen können nach verschiedenen Themenbereichen, die in der Literatur nicht unbedingt trennscharf voneinander sind, klassifiziert werden. Zum einen nach Präferenzen für soziale Normen wie bspw. Fairness und die Abneigung gegen Ungleichheit.8 Zum anderen nach Reziprozität, d. h. der Erwiderung auf freundliches oder unfreundliches Verhalten eines anderen z. B. in Verteilungsfragen oder Absichten.9 Ebenfalls zu den uneigennützigen Vorlieben ist der Altruismus zu zählen. Als altruistisch können Kosten verursachende Handlungen bezeichnet werden, die anderen Personen ökonomische Vorteile verschaffen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.10 Erscheint jedoch der Akt des Gebens wichtiger als das Wohlergehen eines anderen, wird – anstelle von reinem – von unreinem Altruismus gesprochen (sog. Warm-Glow Giving).11 Mitunter wird Altruismus in einer erweiterten Form verstanden, die Fairness und Reziprozität umfasst.12

Weil sich die Beachtung von sozialen Präferenzen nicht mit dem Standardmodell vereinbaren lässt, wurde eine Reihe von Modellen entwickelt, die das Feld der Verhaltensökonomik beschreiten (sh. Abschnitt 3).13 Soziale Präferenzen besitzen insbesondere bei Fragen nach der Lastenverteilung für Klimaschutzmaßnahmen eine hohe Relevanz.14

2.2 Spieltheoretische Herangehensweisen

Mit der Spieltheorie lassen sich strategische Entscheidungssituationen, in denen handelnde Personen wechselseitig voneinander abhängig sind, beschreiben und analysieren. Ihre zentrale Lösung ist das Nash-Gleichgewicht.15 Das prominenteste spieltheoretische Konzept, das zugleich den Ausgangspunkt für viele weitere Spieltypen darstellt, ist das sog. Gefangenendilemma (engl.: Prisoner’s Dilemma),16 welches oftmals in Form eines Öffentliches-Gut-Spiels (engl.: Public-Good-Game) auf Entscheidungssituationen in der Klimapolitik übertragen wird. Dabei werden Varianten in Form von simultanen oder sequentiellen, endlichen oder unendlichen Spielen sowie Möglichkeiten der Sanktionierung eingeführt, um Kooperationen und deren Stabilität sowie Freifahrerverhalten zu untersuchen.

Aus Gründen der Vereinfachung werden Spiele vielfach mit lediglich zwei Akteuren durchgeführt. Dieses Vorgehen erscheint im Hinblick auf internationale Kooperationen, und damit auch auf solche zum Klimaschutz, insofern unkritisch, als dass es oftmals darum geht, aus zwei Möglichkeiten zu wählen: zu koalieren oder nicht zu koalieren.17

Eine Spielart zur Erforschung der Facetten zwischen Altruismus und Egoismus stellt das Ultimatumspiel dar, das sequentiell zwei Phasen umfasst. Spieler 1 (engl.: Proposer) schlägt die Aufteilung eines festgelegten Mehrbetrags vor, die von Spieler 2 (engl.: Responder) wahlweise angenommen oder zurückgewiesen werden kann. Im Fall der Zurückweisung erhalten beide Spieler nichts. Dem Standardmodell zufolge bietet der Proposer einen Anteil (engl.: share) von s = 0 an, den der Responder akzeptiert.18 In diversen Untersuchungen wurde die Vorhersage des Standards allerdings zurückgewiesen. FEHR und SCHMIDT halten zudem in einer Metaanalyse fest, dass etwa 60 bis 80 Prozent der angebotenen Anteile zwischen 0,4 und 0,5 (von1) liegen, währenddessen nur 3 Prozent unter 0,2.19 Das Diktatorspiel stellt eine Abwandlung des Ultimatumspiels in der Art dar, dass der Responder kein Recht hat, den vom Proposer angebotenen Anteil abzulehnen. Auch bei dieser Modalität sollte der Proposer bei Standardpräferenz den gesamten Anteil einbehalten. Eine Analyse von FORSYTHE et al. konstatiert jedoch, dass auch hier z.B. 29 Prozent der Diktatoren einen Anteil von 0,3 sowie 21 Prozent sogar eine hälftige Aufteilung anbieten.20 Insofern werden die beobachteten Resultate von Ultimatum- und Diktatorspielen häufig als Exempel für die Existenz von Fairnesspräferenzen angesehen.21 Beim Ultimatumspiel kommt zudem hinzu, dass als unfair wahrgenommene Angebote abgelehnt werden, was als Ausdruck von (hier: negativer) Reziprozität angesehen werden kann.22

Dass das Modell des Homo Oeconomicus jedoch oft in der Lage ist, das Verhalten von Individuen angemessen vorherzusagen, zeigen sog. Marktspiele. Ein Beispiel dafür liefert die Untersuchung von ROTH etal. Die Funktionsweise ist dem Ultimatumspiel gleich, allerdings stehen hier mehrere Käufer (hier: Proposer) einem Verkäufer (hier: Responder) gegenüber. Aufgrund des Wettbewerbs überbieten sich die Käufer bis zum vollständigen Anteil, der in der Folge vom Verkäufer vereinnahmt wird.23 Anders als in den zuvor aufgeführten Fairnessspielen produzieren Konkurrenzsituationen demnach ungerechte Ergebnisse.24

Im Rahmen der nicht-kooperativen Spieltheorie gibt es noch eine Reihe weiterer Spielarten, die zur Darstellung von Entscheidungssituationen herangezogen werden können.25 26 Wenngleich der Begriff des Spielers eine Privatperson assoziiert, können spieltheoretische Erkenntnisse durchaus auf Regierungen und politische Entscheider übertragen werden. VOGT führt hierzu an, dass Regierungen potenziell an einer Wiederwahl interessiert sind. Das bedeutet, wenn der Medianwähler Klimaschutzmaßnahmen für wichtig hält und zudem z. B. eine Aversion gegen Ungleichheit hat, sollte eine rational agierende Regierung dies in ihren klimapolitischen Entscheidungen berücksichtigen.27

2.3 Das Problem öffentlicher Güter

Öffentliche Güter zeichnen sich durch ihre Nicht-Ausschließbarkeit sowie ihre Nicht-Rivalität im Konsum aus.28 Bezogen auf den Klimaschutz bedeutet dies, dass niemand von seinem Verbrauch, d.h. von seinen positiven Effekten/vermiedenen Schäden, ausgeschlossen werden kann und alle Akteure einen Nutzen daraus ziehen. Unter den Prämissen des Standardmodells nimmt jedes Land eine Maximierung seiner Auszahlungsfunktion vor, was dazu führt, dass das öffentliche Gut Klimaschutz nicht oder zumindest nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt wird.29 Die Diskrepanz zwischen dem Nash-Gleichgewicht und dem globalen Optimum führt somit zu einem sozialen Dilemma: Wenngleich weltweite Klimaschutzanstrengungen im überwiegenden Interesse aller Staaten liegen, rentieren sich einseitige Maßnahmen, deren Kosten den Nutzen übersteigen, aus Sicht eines Landes nicht. Vielmehr besteht der individuelle Anreiz, eine Freifahrerposition einzunehmen und von den Klimaschutzaktivitäten anderer Länder zu profitieren.30

3. Modelltheoretische Ansätze für Kooperation

3.1 Ansätze zur Ungleichheitsaversion

3.1.1 Das Modell von FEHR und SCHMIDT

Einen Erklärungsansatz dafür, dass Staaten u.a. in der Klimapolitik miteinander kooperieren, obwohl es für sie nicht rational erscheint, bietet das Modell zur Ungleichheitsaversion von FEHR und SCHMIDT (1999).31 Eine Abneigung gegenüber Ungleichheit zeigt sich den Autoren zufolge darin, dass Personen willens sind, auf einen gewissen Teil ihrer materiellen Auszahlungen zugunsten von gerechteren Auskommen zu verzichten. Dabei besteht die selbstzentrierte (engl.: self-centered) Ungleichheitsaversion nicht gegenüber Divergenzen, die zwischen anderen Personen herrschen, sondern darin, dass sie ihre eigenen Auszahlungen im Vergleich zu denen anderer als unfair empfinden. Zudem unterscheiden FEHR und SCHMIDT zwischen einer Aversion gegenüber unvorteilhafter und vorteilhafter Ungleichheit, wobei erstere als schwerwiegender angenommen wird.32 Die Nutzenfunktion des Modells für n Spieler stellt sich wie folgt dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der jeweils erste Term steht 33 für die individuelle, rationale Auszahlung eines Spielers bei Standardpräferenz. Die zweiten Ausdrücke stehen für einen negativen Nutzen aus unvorteilhafter Ungleichheit, die dritten für einen Nutzenverlust aus vorteilhafter Ungleichheit. Die Stärke der Disnutzen der Auszahlungsdifferenzen hängt von den Parametern α und β ab.34

FEHR und SCHMIDT können mit ihrem Modell erklären, dass in einem bilateralen Ultimatumspiel relativ faire Auszahlungen generiert werden.35 In Marktspielen dagegen mit einem Proposer-Wettbewerb bzw. Responder-Wettbewerb konvergiert ein Anteil s (sh. Abschnitt 2.2) gegen 1 bzw. gegen 0; Ungleichheitsaversionen spielen kaum eine Rolle, da von keinem der Spieler eine Auszahlungsgerechtigkeit herbeigeführt werden kann.36 Dies gilt auch für ein mehrstufiges Marktspiel, in dem nicht einer der Akteure eine Möglichkeit hat, einen Monopolisten in irgendeiner Form zu bestrafen.37

Gleichartig verhält es sich in einem einmaligen Public-Good-Game sowie in einem mehrstufigen, endlichen Public-Good-Game ohne Bestrafungsmöglichkeit. Wirtschaftsforscher stoßen auch hier auf einen hohen Anteil von Trittbrettfahrern, die keinen Beitrag zum öffentlichen Gut leisten.38 Gemäß den Vorhersagen des Standardmodells ohne Ungleichheitsaversion ändert auch eine Bestrafungsmöglichkeit nichts daran, da eine Sanktionierung von anderen Spielern Kosten verursacht.39 Erstaunlicherweise zeigen die von FEHR und SCHMIDT herangezogenen Untersuchungsergebnisse ein anderes Bild: In einem zweiphasigen, endlichen Public-Good-Game mit Bestrafungsmöglichkeit verhalten sich etwa 80 Prozent der Teilnehmer kooperativ, d. h. sie leisten einen Beitrag zum öffentlichen Gut. In der Folge profitieren Freerider nicht mehr unbedingt von der Bereitstellung des öffentlichen Guts durch andere, wenn sie entsprechend bestraft werden. Wenn die unvorteilhafte Ungleichheitsaversion der zum öffentlichen Gut Beitragenden ausreichend hoch ist, werden sie die Trittbrettfahrer bestrafen wollen, selbst wenn dies Kosten verursacht, die ihr eigenes Auskommen schmälern.40 Mehr noch: Die Autoren zeigen auf, dass bei entsprechender Parameterkonstellation eine Minderheit an fairnessorientierten Spielern in einem Public-Good-Game mit Bestrafungsmöglichkeit eine egoistische Mehrheit dazu bringen kann, zu kooperieren.41

Bisweilen ernten FEHR und SCHMIDT für ihr Modell in der Hinsicht Kritik, dass sie für die Erklärung des Einflusses von Ungleichheitsaversionen nur die Rahmenbedingungen (Spielarten) heranziehen. Wenngleich das Modell in der Realität zu beobachtende Kooperationen resp. ihre Rationalität nicht in jedem Fall perfekt erklären kann, leistet es einen wegweisenden Beitrag zur theoretischen Darstellung von sozialen Präferenzen.

3.1.2 Das Modell von BOLTON und OCKENFELS

Das ERC-Modell (Equity, Reciprocity, and Competition) von BOLTON und OCKENFELS (2000) wird nicht selten in Verbindung mit dem Modell von FEHR und SCHMIDT genannt.42 Anders als FEHR und SCHMIDT ziehen BOLTON und OCKENFELS die Ungleichheitsaversion nicht aus der direkten Gegenüberstellung von Auszahlungen (xi – xj), sondern dem Vergleich mit dem mittleren Auskommen.43 Das heißt, Personen beachten neben ihrem Auszahlungsvektor bei Standardpräferenz ihren relativen (!) Abstand zum Durchschnitt ihrer Gruppe, was einen der zentralen Unterschiede zum FEHR-SCHMIDT-Modell ausmacht. BOLTON und OCKENFELS begründen dies damit, dass ein Spieler eher unvollständige Informationen über die genauen Auszahlungshöhen seiner Mitstreiter hat. Analog zu oben spielen die Divergenzen anderer Personen keine Rolle.44 Die Ungleichheit wird sowohl bei negativer als auch positiver Abweichung vom sozialen Referenzpunkt als gleichermaßen stark empfunden, wobei die Aversion allerdings mit zunehmender Entfernung proportional ansteigt. Die sog. Motivationsfunktion eines Spielers lautet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

und c = sowie i = 1, 2, …n und yi 0 für die individuelle Auszahlung. Die Notation c umfasst das gesamte Auskommen aller Spieler und σi wiederum den eigenen relativen Anteil daran. Für den Zwei-Personen-Fall verändert sich die Funktion zu:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die individuelle 45 Auszahlung und der Einfluss des komparativen Effekts werden mit α bzw. b gewichtet. Eine Differenzierung zwischen unvorteilhafter und vorteilhafter Ungleichheit findet nicht statt. Aus Gleichung (4) ist zudem ersichtlich, dass ein Trade off zwischen dem ersten und dem zweiten Term besteht. Dabei spiegelt die Ratio α/b die Präferenzlage des Spielers wider: α/b charakterisiert strikte Eigennützigkeit, α/b 0 dagegen strikten Relativismus.46

BOLTON und OCKENFELS wenden ihr Modell ebenso wie FEHR und SCHMIDT auf verschiedene Spielarten an. Dabei zeigen sie, dass sie ebenso auf Gleichheit abzielende Verhaltensweisen im Ultimatum- und Diktatorspiel erklären können (Equity).47 Zusätzlich wenden die Autoren ihr Modell auf Dilemmaspiele an, um wechselseitiges Verhalten zu erklären (Reciprocity). Sie demonstrieren, dass das Ausmaß der Kooperation zum einen von der Heterogenität der Spieler hinsichtlich der Gewichtung des monetären und komparativen Teils der Motivationsfunktion abhängt. Zum anderen spielt die Auszahlungshöhe, insbesondere der Effizienzgewinn, der durch Zusammenarbeit erzielt werden kann, eine Rolle. Daraus ergibt sich, dass Kooperation beides benötigt – sowohl Akteure, die ungleichheitsavers sind als auch solche, die eigennützig sind.48 In Marktspielen hingegen herrscht Wettbewerbsverhalten, Ungleichheitsaversion kommt kaum zum Tragen (Competition).49

Die Autoren selbst merken an, dass sich ihr Modell eher für einfache Spiele mit kurzem Zeithorizont und konstanten Rahmenbedingungen eignet. Auch die Festlegung des sozialen Referenzpunkts sowie die Zusammensetzung der Vergleichsgruppe kann hinterfragt werden.50 Insgesamt macht das Modell von BOLTON und OCKENFELS jedoch weitgehend identische Annahmen und Vorhersagen wie das FEHR-SCHMIDT-Modell.51

3.2 Ansätze zum Altruismus

Im Gegensatz zu den Modellen zur Ungleichheitsaversion, die in eine Nutzenmaximierung absolute oder relative Vergleiche mit anderen Akteuren einfließen lassen, beziehen sich die Ansätze zum Altruismus unmittelbar auf die Auszahlungen anderer Personen. Insofern hängt im Zwei-Personen-Fall der Nutzen eines Handelnden sowohl von seinem eigenen als auch vom Auskommen eines anderen ab. In dem von LEVINE (1998) entwickelten linearen Altruismusmodell wird der Auszahlung des Opponenten eine Gewichtung beigemessen, die eine private Information darstellt. Diese kann in der Bevölkerung variieren und hängt davon abhängt, wie hoch die Gewichtung, die das Gegenüber vornimmt, eingeschätzt wird:52

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei kann der Altruismuskoeffizient α einen positiven oder negativen Wert annehmen. Im positiven Bereich zeigt der Spieler Präferenzen für Altruismus, bei null verhält er sich eigennützig im Sinne des Standardmodells und im negativen Bereich wird er als boshaft eingestuft.53 Der weitere Parameter λ steht für Fairness und wird nicht näher spezifiziert. Im Fall von λ = 0 sind die sozialen Präferenzen einer Person unabhängig vom Verhalten eines anderen Akteurs, bei λ > 0 hat ein Individuum bedingte soziale Präferenzen in Abhängigkeit vom Verhalten eines anderen. Das bedeutet, eine Person bringt einem altruistischen Akteur eine höhere Wertschätzung entgegen als einem boshaften.54 LEVINE überprüft seine Theorie anhand von verschiedenen schon bestehenden experimentellen Studien und zeigt auf, dass Menschen einen unterschiedlichen Grad an Altruismus besitzen. So stuft er 28 Prozent als altruistisch, 52 Prozent als normal und 20 Prozent als boshaft ein.55

[...]


1 Vgl. Deutsches Klimakonsortium (2018), Sonderbericht zu 1,5 Grad Celsius globaler Erwärmung.

2 Der Klimawandel grenzt sich insofern von lokalen Umweltproblemen ab, für die umweltpolitische Instrumente wie Auflagen, Abgaben und Zertifikate zur Internalisierung externer Effekte eingesetzt werden können. Vgl. Sturm und Vogt (2018), S. 139.

3 Vgl. Sturm und Voigt (2018), S. 220. Das Modell des Homo Oeconomicus wird auch als Standardmodell bezeichnet. Vgl. Ockenfels und Raub (2010), S. 119.

4 Vgl. Ockenfels (1999), S. 1.

5 Vgl. Fehr und Fischbacher (2002), S. C4.

6 Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon (2018). Soziale Präferenzen werden auch als Other-Regarding Preferences bezeichnet. Vgl. Pointner (2012), S. 34.

7 Vgl. Yildiz (2014), Abschnitt II.

8 Vgl. Pointner (2012), S. 34-35.

9 Vgl. Falk und Fischbacher (2006), S. 294.

10 Vgl. Fehr und Fischbacher (2003), S. 785.

11 Vgl. Andreoni (1989).

12 Vgl. Ockenfels (1999), S. 1.

13 Vgl. Diekmann und Voss (2004), S. 25.

14 Vgl. Yildiz (2014), Abschnitt II.1.

15 Vgl. Diekmann und Voss (2004), S. 13. Zur Definition des Nash-Gleichgewichts sh. Holler und Illing (2009), S. 56-57.

16 Vgl. Holler und Illing (2009), S. 2. Zur Erläuterung der konkreten Spielsituation wird auf Holler und Illing (2009), S. 2-3 verwiesen.

17 Vgl. Buchholz et al. (2014), S. 8. Vgl. DeCanio und Fremstad (2013), S. 178. Vgl. Stein (1990), S. 3-4.

18 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 825. Für eine weiterführende Begründung des teilspielperfekten Gleichgewichts bei s=0 bei Standardpräferenz sh. Fehr und Schmidt (1999), S. 825, Fußnote 8.

19 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 826. Vgl. Güth et al. (1982). Vgl. Roth et al. (1991).

20 Vgl. Ockenfels (1999), S. 6. Vgl. Forsythe et al. (1994).

21 Vgl. Ockenfels (1999), S. 7-8.

22 Vgl. Diekmann (2008), S. 540.

23 Vgl. Ockenfels und Raub (2010), S. 122. Vgl. Roth et al. (1991).

24 Vgl. Ockenfels (1999), S. 14.

25 Vgl. Buchholz et al. (2014), S. 8. Zum Beispiel Chicken-Game, Stag-Hunt-Game, Centipede-Game u. a.

26 Zur Verdeutlichung sei erwähnt, dass die Erkenntnisse der nicht-kooperativen Spieltheorie im Fokus stehen. Das heißt, die Spiellösungen müssen ohne bindende Verträge aus sich selbst heraus durchsetzbar (engl.: self-enforcing) sein. Vgl. Holler und Illing (2009), S. 6.

27 Vgl. Vogt (2016), S. 34.

28 Das Ausschlusskriterium führt dazu, dass kein Preismechanismus genutzt werden kann. Vgl. Sturm und Vogt (2018), S. 188.

29 Vgl. Sturm und Vogt (2018), S. 53-54.

30 Vgl. Buchholz et al. (2014), S. 3.

31 Vgl. Sturm und Vogt (2018), S. 219.

32 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 821. Unvorteilhafte (vorteilhafte) Ungleichheitsaversion kann eintreten, wenn sich das eigene Einkommen unterhalb (oberhalb) von dem eines anderen befindet.

33 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 822. Der Parameter β wird auf minimal 0 begrenzt, um Subjekte auszuschließen, die einen positiven Nutzen aus vorteilhafter Ungleichheit ziehen. Die Prämisse β < 1 rührt daher, dass der Nutzen aus einer steigenden Auszahlung x bei β ≥ 1 gleich bleiben bzw. sinken würde, was unglaubhaft erscheint. Für α besteht jedoch kein Grund für eine obere Beschränkung. Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 824.

34 Vgl. Sturm und Vogt (2018), S. 221. Aus Vereinfachungsgründen wird angenommen, dass alle Terme der Nutzenfunktionen linear sind.

35 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 836. Ähnliches beobachten die Autoren auch im Diktator- und Motivationsspiel (Gift-Exchange-Spiel).

36 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 829-834. Beim Responder-Wettbewerb gilt dies, solange es wenigstens einen Responder gibt, der alles akzeptiert.

37 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 835.

38 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 837. Die Autoren ermitteln über verschiedene Studien hinweg einen Trittbrettfahrerdurchschnitt von 73 Prozent.

39 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 837. Insofern ist es rückwärtig betrachtet von vornherein rational, keinen Beitrag zum öffentlichen Gut zu leisten.

40 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 838-840. Für den Auszahlungsvektor x im Public-Good-Game mit Bestrafungsmöglichkeit sh. Anhang 1.

41 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 856.

42 Das Modell von Fehr und Schmidt wird aufgrund seiner verständlicheren mathematischen Darstellung oftmals bevorzugt. Vgl. Sturm und Vogt (2018), S. 219.

43 Vgl. Fehr und Schmidt (1999), S. 854.

44 Vgl. Bolton und Ockenfels (2000), S. 166-168.

45 Vgl. Bolton und Ockenfels (2000), S. 171-173. Im Original wird anstelle von yi der Ausdruck cσi verwendet.

46 Vgl. Bolton und Ockenfels (2000), S. 172-173.

47 Vgl. Bolton und Ockenfels (2000), S. 188-189.

48 Vgl. Bolton und Ockenfels (2000), S. 182. Vereinfachte Erläuterung: Der zweite Spieler kooperiert, wenn er ausreichend ungleichheitsavers ist und der erste Spieler kooperiert hat. Der erste Spieler kooperiert, wenn er ausreichend eigennützig ist und durch die Kooperation einen zusätzlichen Gewinn erwartet.

49 Vgl. Bolton und Ockenfels (2000), S. 177.

50 Vgl. Bolton und Ockenfels (2000), S. 189.

51 Vgl. Sturm und Vogt (2018), S. 219.

52 Vgl. Levine (1998), S. 593.

53 Vgl. Levine (1998), S. 597. Im Original wird anstelle von U das Symbol n sowie anstatt x das u verwendet. Die Begrenzungen der Parameter α und λ besagen, dass die Auszahlung eines Mitstreiters nicht höher gewichtet wird als die eigene.

54 Vgl. Levine (1998), S. 597. Im Fall von λ = 0 kann von purem Altruismus gesprochen werden.

55 Vgl. Levine (1998), S. 602. Zum Beispiel anhand der Analyse des Ultimatumspiels von Roth et al. (1991).

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Soziale Präferenzen im Kontext internationaler Klimakooperation
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insb. Mikroökonomie)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
35
Katalognummer
V1003324
ISBN (eBook)
9783346379153
ISBN (Buch)
9783346379160
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, präferenzen, kontext, klimakooperation
Arbeit zitieren
Heike Schnarelt (Autor:in), 2020, Soziale Präferenzen im Kontext internationaler Klimakooperation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003324

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Soziale Präferenzen im Kontext internationaler Klimakooperation



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden