Der Zusammenhang zwischen dem Körperbild, Streben nach Muskulosität und dysfunktionalen Kognitionen bei Männern


Masterarbeit, 2020

108 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


I Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

II Abbildungsverzeichnis

III Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Theoretischer Hintergrund
1.2 Körperbild
1.3 Körperbild bei Männern
1.3.1 Historischer Überblick
1.3.2 Körperbildstörungen bei Männern
1.4 Streben nach Muskulosität
1.4.1 Anabole Steroide
1.4.2 Sport und Psyche
1.5 Dysfunktionale Kognitionen
1.5.1 Begriffsbestimmung in Anlehnung an die Theorie nach Beck
1.5.2 Entstehungsursachen dysfunktionaler Kognitionen
1.5.3 Mögliche Folgen dysfunktionaler Kognitionen
1.6 Aktueller Forschungsstand und Ziele der Arbeit
1.7 Forschungsfrage und Hypothesen

2 Methoden
2.1 Untersuchungsdesign
2.2 Datenerhebung
2.3 Erhebungsinstrumente
2.3.1 Fragebogen zum Körperbild (FKB-20)
2.3.2 Drive for Muscularity Scale (DMS)
2.3.3 Skala dysfunktionaler Einstellungen (DAS)
2.4 Beschreibung der Stichprobe
2.5 Statistische Datenauswertung

3 Ergebnisse
3.1 Deskriptive Statistik
3.1.1 Interkorrelationen
3.2 Hypothesenbezogene Ergebnisse
3.3 Explorative Befunde

4 Diskussion
4.1 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
4.2 Kritische Reflexion
4.3 Implikationen und Fazit

IV Literaturverzeichnis

V Anhangsverzeichnis

Zusammenfassung

Wie stehen das Körperbild, das Streben nach Muskulosität und dysfunktionale Kognitionen bei Männern miteinander in Zusammenhang? Dieser Forschungsfrage wurde in der vorliegenden Arbeit bestehend aus einer Stichprobe von 244 Probanden im Alter von 19 bis 63 Jahren nachgegangen. Die Probanden wurden über soziale Plattformen rekrutiert, um einen Online-Fragebogen, bestehend aus dem Fragebogen zum Körperbild (FKB- 20, Clement & Löwe, 1996), der Drive for Muscularity Scale (DMS) (McCreary & Sasse, 2000) und der Skala dysfunktionaler Einstellungen (DAS) (Hautzinger, Joormann & Keller, 2005) auszufüllen. Die empirische Arbeit basiert auf der Grundannahme, dass sich ein hohes Streben nach Muskulosität negativ auf das Körperbild auswirkt und dysfunktionale Kognitionen diesen Zusammenhang zusätzlich beeinflussen. Anhand verschiedener multipler hierarchischer Regressionsanalysen und einer Moderationsanalyse wurden die generierten Hypothesen überprüft. Die Ergebnisse zeigen, dass hohe Werte im Streben nach Muskulosität ein negatives Körperbild vorhersagen. Außerdem weisen Personen mit einem hohen Streben nach Muskulosität hohe Werte in dysfunktionalen Einstellungen vor. Der angenommene moderierende Effekt der dysfunktionalen Kognitionen auf den Einfluss von Streben nach Muskulosität auf ein negatives Körperbild konnte nicht bestätigt werden. Stattdessen wurde im Rahmen weiterführender Berechnungen ein me- diierender Effekt der dysfunktionalen Kognitionen auf den Zusammenhang zwischen Streben nach Muskulosität und einem negativ ausfallenden Körperbild festgestellt.

Abstract

How are the body image, the drive for muscularity and dysfunctional cognitions in men related? This research question was investigated in the present study consisting of a sample of 244 participants aged between 19 and 63 years. The participants were recruited via social platforms to fill out an online questionnaire consisting of the Fragebogen zum Körperbild (FKB-20; Clement & Löwe, 1996,), the Drive for Muscularity Scale (DMS; McCreary & Sasse, 2000) and the Dysfunctional Attitude Scale (DAS; Hau- tzinger, Joormann & Keller, 2005). The empirical work is based on the basic assumption that a high level of drive for muscularity has a negative effect on body image and that dysfunctional cognitions additionally influence this relationship. The generated hypotheses were tested by using various multiple hierarchical regression analyses and a moderation analysis. The results show that high values in driving for muscularity predict a negative body image. Furthermore, persons with a high drive for muscularity show high values in dysfunctional cognitions. The assumed moderating effect of the dysfunctional cognitions on the influence of drive for muscularity on a negative body image could not be confirmed. Instead, further calculations have shown a mediating effect of dysfunctional cognitions on the relationship between driving for muscularity and a negative body image.

II Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Hypothetisches Moderationsmodell (eigene Darstellung)

Abb. 2: Hypothetisches Mediationsmodell (eigene Darstellung)

Abb. 3: Darstellung der derzeitigen Erwerbstätigkeit der Teilnehmer

Abb. 4: Darstellung des höchsten Bildungsabschlusses der Teilnehmer

Abb. 5: Darstellung der Häufigkeit sportlicher Betätigung der Teilnehmer

Abb. 6: Moderationsmodell Hypothese 4 - Prädiktoren sind mittelwertezentriert

III Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Mittelwerte und Standardabweichungen der Konstrukte

Tab. 2: Cronbach-Alpha Werte der Konstrukte

Tab. 3: Pearson-Korrelationen der verschiedenen Konstrukte

Tab. 4: Regressionsmodell Hypothese 1

Tab. 5: Regressionsmodell Hypothese 2

Tab. 6: Regressionsmodell Hypothese 3

1 Einleitung

Das Körperbild bei Männern - seit der Antike bereits geprägt durch konkrete Ideale und Vertreter, dennoch forschungstechnisch im Vergleich zum Körperbild der Frau untergehend. Was im Rahmen des Körperbildes der Frauen in den Fokus gerückt ist, ist die überwiegend vertretene Unzufriedenheit aufgrund gesellschaftlich und medial proklamierter Ideale. Doch exakt dort ist der Kernpunkt: Ein Ideal ist oftmals nur unter schwersten Anstrengungen oder auch gar nicht zu erreichen. Daraus resultieren demnach die Unzufriedenheit und der Drang danach, etwas zu verändern.

So berichtet eine Studie von Swami, Tran, Stieger und Voracek (2015), dass etwa 89 % von 10000 untersuchten Frauen an Unzufriedenheit bezüglich ihres Gewichts oder ihrer Figur leiden. Der für eine lange Zeit angenommene T rugschluss, Männer seien weniger von dieser Frustration bezüglich ihres Körpers und der damit einhergehenden negativ ausfallenderen Einschätzung des eigenen Körperbildes betroffen, konnte innerhalb der letzten drei Jahrzehnte gegenteilig bewiesen werden (Thompson & Cafri, 2007). Mittlerweile seien circa 40 % bis 50 % der Männer ähnlich unzufrieden mit ihrem Körper, so- dass sich die Verbreitung mit der der Frauen vergleichen lässt (Gray & Ginsberg, 2007). Was jedoch ein entscheidender Unterschied ist, der mitunter dafür verantwortlich war, dass Männer so lange fälschlicherweise als durchschnittlich viel zufriedener eingeschätzt wurden, ist die inhaltliche Art und Weise der Unzufriedenheit bezüglich des Körpers. Der Wunsch, schlank oder auch dünn zu sein, ist Inhalt des Ideals der meisten Frauen (Grabe, Ward & Hyde, 2008). So wurde die Unzufriedenheit bezüglich des eigenen Körpers auch lange Zeit dementsprechend eindimensional beleuchtet - wer sich nicht zu dick fühlt, fühlt sich automatisch wohl. Mit der Zeit zeigten die durchgeführten Studien mit männlichen Stichproben jedoch gegenteilige Ergebnisse. Der Wunsch, eine ausgeprägtere Muskulatur mit gleichzeitig geringem Körperfettanteil vorweisen zu können, rückte mehr und mehr in den Fokus. Dieses Phänomen wurde das Streben nach Muskulosität genannt (McCreary, 2007; McCreary & Sasse, 2000).

Es gibt zudem zahlreiche Befunde zu eventuellen Einflussfaktoren des Körperbildes oder des Muskulositätsstrebens. Als besonders bedeutend haben sich kognitive Aspekte erwiesen, darunter die dysfunktionalen Kognitionen. Neben der Tatsache, dass dysfunktionale Kognitionen zu psychischen Krankheiten wie Depressionen und Angststörungen führen können (Ellis & Hoellen, 2004), spielen sie auch in Bezug auf die Bewertung des eigenen Körperbildes und sogar die Entstehung von Körperbildstörungen eine bedeutende Rolle. So gibt es bereits zahlreiche Befunde bezüglich deren Einfluss bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Anorexia Nervosa bei Frauen (Legenbauer, Vocks & Schütt-Strömel, 2007).

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, näher zu untersuchen, inwiefern das Körperbild, das Streben nach Muskulosität und dysfunktionale Kognitionen miteinander im Zusammenhang stehen und das in Hinblick auf Männer. Die zugrunde liegende Forschungsfrage lautet somit: Welchen Einfluss hat das Streben nach Muskulosität auf das Körperbild des Mannes? Und welche Rolle spielen dabei dysfunktionale Kognitionen?

Die Arbeit ist in vier Abschnitte gegliedert. Auf die Einleitung folgt eine Schilderung des theoretischen Hintergrundes mit Aufführung relevanter Theorien und des aktuellen Forschungsstandes, aus welchem die für die Arbeit relevanten Forschungshypothesen generiert werden. Im Anschluss dessen wird die Methodik bezüglich der Durchführung der Studie, auf welcher die Daten basieren, erläutert. Im nächsten Teil werden die aufgestellten Hypothesen anhand statistischer Methoden ausgewertet und die Ergebnisse geschildert. Den Schluss der Arbeit bildet der Teil, in welchem die Ergebnisse kritisch reflektiert und diskutiert werden, sowie eine Ableitung praktischer Implikationen gegeben wird.

1.1 Theoretischer Hintergrund

Die folgenden Kapitel beinhalten die theoretischen Hintergründe und aktuellen Erkenntnisse der Forschung, die der Herleitung der dieser Arbeit zugrunde liegenden Hypothesen dienen. Zunächst wird der Begriff des Körperbildes im Allgemeinen erläutert. Da der Fokus der vorliegenden Arbeit auf Männern liegt, erfolgt im Anschluss dessen die Erläuterung des Körperbildes bei Männern sowie ein kurzer historischer Abriss. Weiterhin wird im Rahmen des Körperbildes des Mannes auf damit einhergehende mögliche Körperbildstörungen eingegangen. Im weiteren Verlauf wird das zweite für die vorliegende Arbeit relevante Konstrukt dargelegt, das Streben nach Muskulosität. Um damit zusammenhängende Faktoren und Hintergründe verständlich zu machen, wird zusätzlich auf den Konsum anaboler Steroide sowie den Zusammenhang zwischen Sport und Psyche eingegangen. Als drittes Konstrukt wird das der dysfunktionalen Kognitionen samt Entstehungsursachen und möglicher Folgen erläutert. Zum Schluss des Kapitels werden der aktuelle Forschungsstand mittels für die Arbeit relevanter Studien zusammengefasst und die daraus hergeleiteten Hypothesen vorgestellt.

1.2 Körperbild

Bezüglich der Begrifflichkeit des Körperbildes existieren zahlreiche, zum Teil kontroverse Theorien aus verschiedenen Fachbereichen, wie beispielsweise der Medizin, Philosophie, Psychiatrie oder auch Psychologie. Bereits im Jahr 1908 äußerte sich der Prager Psychiater und Neurologe Arnold Pick zum Körperbild. Er verstand darunter ein neurologisches Konstrukt, das er „Körperschema“ nannte und als eine Korrelation zwischen der Wahrnehmung des realen Körpers und der Vorstellung des eigenen Körpers im Raum (Pick, 1908) zusammenfasste. Im Jahre 1923 äußerte der Psychiater und Psychoanalytiker Schilder sich erstmalig differenzierter zum Begriff des Körperbildes. Er nennt den Begriff des „Body Image" und geht auf verschiedene Komponenten ein, die auf das Körperbild Einfluss nehmen, wie etwa psychosoziale, psychologische und sozi- okulturelle Bestandteile. Seine Idee war, das Körperbild sei nicht alleine von sinnesphysiologischen Aspekten, sondern ebenfalls vom subjektiven, realen Erleben abhängig. In seinen Werken erläutert er drei unterschiedliche Teile des Körperbildes. Der erste ist die physiologische Basis mit beispielsweise der Wahrnehmung von Schmerz und dem Muskeltonus. Als zweiten Teil nennt er die libidinöse Komponente des Körperbildes in Anlehnung an die Psychoanalyse nach Freud. Der dritte Teil gilt als die soziale Struktur (Schilder, 1936). Einige Jahre später definieren Fisher und Cleveland (1958) das Körperbild als Körpergrenzen, die die Persönlichkeit, das sogenannte Innere, von der Körperoberfläche, dem Äußeren, trennen. Die Psychoanalytikerin Dolto Francoise erörtert weitere Abgrenzungen. Sie differenziert das Körperschema vom Körperbild insofern als das Körperschema für jedes Individuum gleich sei, während das Körperbild bei jedem individuell sei, da es an die jeweilige Vergangenheit und Erfahrungen gebunden sei. Sie führt auf, das Körperbild sei ein Funktionsbereich, in welchem körperbezogene Emotionen, Wahrnehmungen und Imaginationen unterschiedlich ausgeprägt bewusstseinsfähig seien (Dolto & Widmer, 1987). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Begriff des Körperbildes als ein multidimensionales Phänomen zu verstehen ist. Im Folgenden wird die neuzeitliche Definition etwas ausführlicher dargelegt.

Nach Deusinger (1998) ist das Körperbild als eine Art Körperkonzept zu sehen, das als Teil des Selbstkonzepts definiert wird. Zum Körperkonzept gehören die Gesundheit, das allgemeine Befinden und die körperliche Stabilität. Es wird davon ausgegangen, dass das Körperbild durch Erfahrungen gewonnen wird und sich daraus resultierend stabile Einstellungen hinsichtlich des eigenen Körpers und der Persönlichkeit bilden. Das wahrgenommene Körperbild eines einzelnen ist individuell. Es kann sowohl positiv als auch negativ geprägt sein und sich in Emotionen wie Akzeptanz oder Ablehnung äußern (Deusinger, 2009). Nach Clement und Löwe (1996) ist das Körperbild der T eil des Selbstkonzeptes, der sich aus der Ganzheit der einzelnen Auffassungen gegenüber des eigenen Körpers zusammensetzt. Dazu zählen Kognitionen, die Wahrnehmung, Affekte und Bewertungen.

Das Körperbild unterteilt sich in vier verschiedene Ebenen. Die perzeptive Ebene umfasst die Wahrnehmung des individuellen Erscheinungsbildes. Hintergrund dieser Ebene ist die Tatsache, dass viele Menschen ein Bild ihres Körpers haben, das nicht der objektiven Realität entspricht. Es gibt oftmals eine Differenz zwischen der eigenen Wahrnehmung und dem realen Aussehen (Slade, 1994). Dieses Phänomen findet sich vorwiegend in westlichen Gesellschaften und Kulturen. So fühlen sich vorwiegend junge Frauen oftmals zu dick während Männer über einen zu wenig muskulösen Körper klagen (Daszkowski, 2003). Die zweite Ebene nennt sich die affektive Ebene. Darunter werden alle Emotionen gegenüber des eigenen Körpers bzw. solche, die durch das eigene Aussehen ausgelöst werden, verstanden. Diese können sowohl auf den ganzen Körper bezogen sein als auch auf einzelne Partien, den Körperbau, das Gewicht oder anderweitige körperliche Merkmale (Thompson & Van Den Berg, 2002). Eine weitere Ebene des Körperbildes ist die kognitive Ebene. Diese beinhaltet die geistige Vorstellung darüber, wie der Körper aussehen und sein sollte. Das betrifft sowohl optische als auch funktionale Facetten, sprich z.B. was als attraktiv wahrgenommen wird und welche körperlichen Fähigkeiten als erstrebenswert empfunden werden. Diese Ebene hat folglich Einfluss auf die affektive Ebene. Bei einem schmal gebauten Mann, der der Auffassung ist, Männer müssen muskulös sein, fällt diese dementsprechend schlechter aus (McCreary & Sasse, 2002). Die letzte Ebene bezeichnet sich als behaviorale Ebene. Diese ist das Resultat aus den Inhalten der vorherigen. Sie äußert sich in Verhaltensweisen, die sich aufgrund der perzeptiven, affektiven und kognitiven Ebene ergeben. Wer beispielsweise unzufrieden mit seinem Körper ist und sportlicher sein möchte, meldet sich als behaviorale Konsequenz im Fitnessstudio an. Es werden also bestimmte Verhaltensweisen in Angriff genommen oder vermieden, um das erwünschte Körperbild zu erreichen (Thompson & Van Den Berg, 2002).

1.3 Körperbild bei Männern

Kein Teil der Gesellschaft kann sich davon freisprechen: Das Bestehen eines Körperideals. Das Körperbild war sehr lange Zeit ausschließlich auf das weibliche Geschlecht bezogen interessant. Es gibt hinreichend Studien darüber, wie Frauen ihren Körper wahrnehmen, welche Faktoren das weibliche Körperbild beeinflussen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben (Pope, Pope, Phillips & Olivardia, 2000). Frauen verspüren eine enorme Unzufriedenheit, da der eigene Körper in den meisten Fällen nicht dem gesellschaftlich vorgegebenen Ideal entspricht und diese Diskrepanz wahrgenommen wird (Deuser, Deuser, Gläser & Köppe, 1995). Untersuchungen in den vergangenen Jahren, auf die im Verlaufe der Arbeit noch eingegangen wird, haben durchscheinen lassen, dass es sich bei Männern ähnlich verhalten könnte, wenn auch in einem geringeren Ausmaß. Denn auch bei Männern gibt es ein Ideal, dem es gilt, zu entsprechen. Der ideale männliche Körper ist v-förmig: Breite Schultern, eine schmale Taille und ein geringer Körperfettanteil, damit sich Muskeln, beispielsweise in Form eines Sixpacks am Bauch, abzeichnen (Ridgeway & Tylka, 2005). Dieses Körperbild soll typisch männliche Attribute widerspiegeln, beispielsweise Dominanz, sexuelle Potenz und Stärke (Hofstadler & Buchinger, 2001).

1.3.1 Historischer Überblick

Im Folgenden wird ein kurzer Überblick darüber geschaffen, wie sich das Körperbild des Mannes im geschichtlichen Verlauf entwickelt hat. Es handelt sich hierbei nicht um ein Phänomen der neuen westlichen Kultur. Die Entwicklung lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Dort entstand in Anlehnung an die Heldenfigur Herkules das Ideal des muskulösen männlichen Körpers. Hintergrund des Ganzen war damals die Verkörperung von perfekter Menschlichkeit, die zu damaligen Zeiten jedoch primär als perfekte Männlichkeit verstanden wurde (Dutton, 1995). Die fernöstliche Kultur verkörpert ihre Helden und Götter bis heute gegensätzlich zur Muskulosität eher rundlich, weich und geschmeidig. Der Fokus liegt eher auf Weisheit und Innengewandtheit, während das Ideal der griechischen Götter eher für die Bezwingung der Umwelt durch körperliche Vollkommenheit steht. Während Skulpturen im antiken Griechenland vorwiegend unbekleidet konstruiert wurden, bildete die römische Kultur ihre Helden meist mit kriegerischer Bekleidung. Dennoch lag der Fokus ebenfalls auf der Abbildung maskuliner Dominanz und Kraft, was sich beispielsweise in einem mit Muskeln ausgefüllten Brustpanzer zeigt (Dutton, 1995).

Zur ersten wirklich gravierenden Veränderung diesbezüglich kam es im 19. Jahrhundert, als die künstlerische Fotografie möglich wurde. So konnten erstmalig der Gesellschaft entsprechende „reale" Körper abgelichtet und veröffentlich werden. Nacktheit galt zwar überwiegend als unangemessen und unanständig, dennoch waren Aktaufnahmen das Mittel der Wahl zur Darstellung körperlicher Schönheit. Hierbei ging es weniger um pornografische Inhalte als um Ablichtung anatomischer Schönheit. Zusätzlich wurden im 19. Jahrhundert erstmalig Einrichtungen gebaut, die der Entwicklung des männlichen Körpers in Richtung Muskulosität dienten. So wurden Bücher und Instruktionen zur Erlangung eines muskulösen Körpers verfasst, die Übungen und Hinweise zum Training beinhalteten. Die Erreichung physischer Perfektion und dessen Ablichtung standen zunehmend im Fokus. Nach und nach gewann die öffentliche Darstellung damals genannter Kraftmenschen auf Zirkusbühnen an Bedeutung. Neben der Entstehung des Gewichthebens als Sport wurde es ebenfalls zum Zwecke der Unterhaltung auf Bühnen verwendet. Ein prägender Künstler war Friedrich Wilhelm Müller, der durch seine außerordentlich entwickelte Muskulatur und seiner talentierten Bühnenpräsenz die allgemeine Wahrnehmung des männlichen Körpers tiefgreifend veränderte und noch heute als Urvater des Bodybuildings verstanden wird (Dutton, 1995). Er eröffnete zahlreiche Sportstudios, spielte in einer Komödie die Hauptrolle des „Adonis" und betrieb zahlreiche Shops, die Fitnessgeräte und Zeitschriften anboten. Mitunter war er der Grund, dass sich der Fokus mehr in Richtung der Ästhetik des maskulinen Körpers verschob - weg von der Präsentation körperlicher Kraft. Eine weitere bedeutende Rolle in diesem Bereich spielte Toni Sansone, der neben körperlicher Perfektion ebenfalls über ein ästhetisches Gesicht verfügte, sodass sich die ursprünglich heldenhafte Erscheinung des Bodybuilders in eine eher erotisch geprägt perfekte Gesamterscheinung des Mannes entwickelte.

Zum offiziellen Sport wurde das Bodybulding in den 1940er Jahren. Es wurden erstmalig Wettbewerbe durchgeführt, wie beispielsweise „Mr. America". In den 1970er Jahren gelangte Arnold Schwarzenegger in das Rampenlicht, der sich und seinen überaus durchtrainierten Körper gekonnt vermarktete und mit Begriffen wie Maskulinität, Dominanz und sexueller Potenz warb. Mit der Erfindung des Kinos wurden Filme gezeigt, die Abenteuer und Geschichten von Superhelden wiedergaben. Die dort dargestellten Rollen wurden ausschließlich mit stark durchtrainierten Schauspielern besetzt, die damit einhergehend superheldähnliche Kräfte und Fähigkeiten aufwiesen. Im Laufe der Jahre kam es zur Vermarktung des männlichen Körpers als Objekt weiblicher Begierde, beispielsweise in Form von Strip-Shows. Ebenso wurden im Laufe der 1970er Jahre Zeitschriften gedruckt, die an Frauen gerichtete Produkte mithilfe männlicher Attraktivität vermarkteten. Dabei unterscheidet Dutton (1995) zwischen zwei verschiedenen Varianten. Während der sogenannte „heroic mode" hypermuskulöse Männer in Form von Helden abbildete, warb der „erotic mode" eher mit gesamter Schönheit des Mannes und weniger stark ausgeprägter Muskulatur. Währenddessen hat sich die Bodybuilder Szene in eine derart extreme Richtung entwickelt, dass sich das körperliche Ideal dessen nicht mehr in der durchschnittlichen Gesellschaft verankern lässt. Der Fokus liegt auf einem unersättlichen Wunsch nach der Erlangung größerer Muskelmasse. Der sogenannte „erotic mode" hat sich zum öffentlichkeits-konformen Ideal entwickelt, allerdings geht der Trend wieder deutlich in Richtung größere Muskelmasse, wie sich in einer Studie von Pope, Olivardia, Borowiecki und Cohane (2001) feststellen ließ, die sich die Bilder der Aktmodelle in Zeitschriften für Frauen anschauten.

Was die Medien im Allgemeinen angeht, lässt sich feststellen, dass der Anteil männlicher Werbekampagnen seit den 1980er Jahren deutlich zugenommen hat. Wo früher nur Frauen abgelichtet waren, nehmen mehr und mehr männliche Körper ihren Platz ein (Gill, Henwood & McLean, 2000). Auslösend dafür war mitunter die Kampagne von Calvin Klein und ihren männlichen Unterhosenmodels (Dutton, 1995). Abschließend ist noch zu erwähnen, dass die heutzutage gedruckten Männer Lifestyle-Magazine wie beispielsweise Men’s Health oder FHM eine bedeutende Rolle bei der Vermarktung des männlichen Körperideals spielen. Die Men’s Health bedruckt ihr Cover stets mit einem am Oberkörper unbekleideten und durchtrainierten Mann. Inhaltlich handelt es sich meist um den männlichen Körper, Sport und dazu passende Ernährung.

In der Einleitung bereits aufgeführt aber dennoch noch einmal für die vorliegende Arbeit wichtig zu betonen: Ideale sind für die meisten Menschen nur unter schwersten Anstrengungen oder auch nicht zu erreichen. Das impliziert die oben bereits erwähnte Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand und die damit einhergehende Unzufriedenheit, die entstehen kann.

Die zahlreich existierenden psychometrischen Messinstrumente zur Erhebung des Körperbildes sind größtenteils an den Kriterien der Frau, dem Schlankheitsstreben, orientiert. Demnach ist es nicht verwunderlich, dass Männer auf diesen Skalen weniger reliable und natürlich geringer ausfallende Ausprägungen erzielen.

Über eine lange Zeit hinweg bestand also die Annahme, Unzufriedenheit mit dem Körper bedeute lediglich, sich zu dick zu fühlen und an Gewicht verlieren zu wollen (McCreary & Sasse, 2000). Demnach war die ursprüngliche Annahme, Männer seien eher selten von Unzufriedenheit bezüglich ihres Körpers geplagt (Thompson, Penner & Altabe, 1990). Seit Ende der 1980er-Jahren wurde der Fokus schließlich zusätzlich auf das männliche Geschlecht erweitert. Im Zuge dessen wurde beispielsweise die Drive for Muscularity Scale (McCreary & Sasse, 2000) entwickelt, die erstmalig nicht nur die allgemeine Körperform und das Körperfett, sondern auch die Muskulosität thematisiert. Somit kann das Körperbild von Männern aussagekräftiger untersucht werden, seitdem die Wichtigkeit von Muskulosität als Dimension des Körperbildes entdeckt und anerkannt wurde. Des Weiteren ist bekannt, dass Männer einen größeren Wert auf die Funktionalität ihres Körpers legen, während Frauen eher die optische Erscheinung wichtig ist (Gi- nis, Eng, Arbour, Hartman & Phillips, 2005).

1.3.2 Körperbildstörungen bei Männern

Da es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine Studie mit einer nicht-klinischen Stichprobe handelt, liegt der Fokus nicht auf pathologischen Körperbildstörungen. Dennoch sind Körperbildstörungen im Rahmen der Körperbildforschung ein bedeutender Bestandteil, weshalb der Vollständigkeit halber kurz auf entsprechende Formen eingegangen wird.

Nach Vocks und Legenbauer (2010) sind Störungen im Körperbild auf kognitiv-affektiver Ebene verankert. Dies erfolgt durch negative Bewertungen des eigenen Körpers, gedankliches Verhaftetbleiben bezüglich Sorgen um die Figur und das Gewicht sowie damit einhergehende negative Emotionen wie Angst, Ekel oder Scham. Neben der kognitiven Körperbildkomponente gehören kognitive Verzerrungen ebenfalls zu den Ursachen für Körperbildstörungen. Dazu zählen Interpretations-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisverzerrungen (Tuschen-Caffier, 2015). Auf perzeptiver Ebene äußern sich Störungen des Körperbildes insofern als der Betroffene seinen eigenen Körper und dessen Maße fehlerbehaftet einschätzt (Thompson, Heinberg, Altabe & Tantleff-Dunn, 1999). Eine hinreichend überprüfte Erkenntnis diesbezüglich ist die Tatsache, dass Frauen, die unter Essstörungen, wie beispielsweise Anorexia Nervosa oder Bulimia Nervosa, leiden, ihre Körperausmaße signifikant überschätzen. Das bedeutet, sie nehmen sich dicker wahr, als sie sind und überschätzen ihren Körperfettanteil (z.B. Schneider, Frieler, Pfeiffer, Lehmkuhl & Salbach-Andrae, 2009). Bei Männern besagt die Studienlage, sie neigen bezüglich ihres Körperfettanteils zu einer Überschätzung und unterschätzen gleichzeitig ihre Ausprägung an Muskulatur (Danilova, Diekhoff & Vandehey, 2013). Körperbildstörungen machen sich ebenfalls auf behavioraler Ebene bemerkbar. Es handelt sich dabei um zwei führende Verhaltensweisen, das körperbezogene Kontroll- und Vermeidungsverhalten. Das Kontrollverhalten (engl. Body Checking) meint im Rahmen dessen alle Verhaltensweisen, die eine Überprüfung, Beurteilung oder Bewertung des eigenen Körpers oder einzelner Bereiche beinhalten. Dazu zählen klassischerweise das Betrachten seines Spiegelbildes, sich mit anderen zu vergleichen, seine eigenen Maße zu nehmen oder den Körper abzutasten (Alfano, Hildebrandt, Bannon, Walker & Walton, 2011). Das Vermeidungsverhalten (engl. Body Avoidance) fasst hingegen alle Verhaltensweisen zusammen, die eine Verbergung des eigenen Körpers vor sich und anderen implizieren. Dadurch sollen negative Emotionen wie Anspannung und negative Gedanken vermieden werden (Trottier, Carter, MacDonald, McFarlane & Olmsted, 2015). Das bedeuten beispielsweise das Tragen weiter Kleidung, die keine Rückschlüsse darauf schließen lassen, welche Form der eigene Körper hat. Außerdem meiden betroffene Personen häufig Orte, an denen ein Großteil ihres Körpers sichtbar wäre, etwa Schwimmbäder (Vocks & Legenbauer, 2010). Bislang sind die konkreten Abläufe und Hintergründe der beiden Arten körperbezogenen Kontrollverhaltens noch nicht genau geklärt, dennoch gibt es Studien, die einen Zusammenhang mit einer erhöhten Symptomatik eines gestörten Essverhaltens (Trottier et al., 2015) und einem ausgeprägten Streben nach Musku- losität feststellen (Walker & Murray, 2014). Körperbildstörungen sind in einem ausgeprägten Ausmaß klinisch relevant. Sie spiegeln sich am häufigsten in den klassisch bekannten Essstörungen wider, etwa der Anorexia Nervosa und der Bulimia Nervosa (ICD- 10; Weltgesundheitsorganisation, 2016; DSM-5; American Psychiatric Association, 2013). Als weiteres Störungsbild lässt sich die Körperdysmorphe Störung als relevant hinzuziehen (Hartmann, Thomas, Wilson & Wilhelm, 2013). Eine Studie von Kollei, Rauh, de Zwaan und Martin (2013) zeigte die Ähnlichkeit bezüglich der Körperunzufriedenheit auf kognitiver Ebene zur Anorexia Nervosa auf. Auf behavioraler Ebene lässt sich bei Betroffenen der Körperdysmorphen Störung ein bedeutsam ausgeprägtes Body Checking und Body Avoidance feststellen (Oakes, Collison & Milne-Home, 2017). Weitere Studien, die überprüft haben, ob Symptomatiken der Anorexia Nervosa auf Männer und deren Bezug zum Körper übertragbar seien, kamen zu weiteren Erkenntnissen. Ursprünglich wurden die daraus gezogenen Ergebnisse die sogenannte „umgekehrte Anorexie“ (engl. Reverse Anorexia) genannt, die jedoch schließlich die Muskeldysmorphie getauft wurde (Pope, Katz & Hudson, 1993). Auszeichnend für dieses Störungsbild ist, dass Betroffene, vorwiegend Männern, ihr vorhandene Muskulatur sowohl qualitativ als auch quantitativ als insuffizient empfinden, was einen erheblichen Leidensdruck mit sich zieht. Außerdem resultiert daraus spezifisches Kontroll- und Vermeidungsverhalten, beispielsweise exzessives Sporttreiben. Das wiederum kann Schwierigkeiten in sozialen und beruflichen Bereichen mit sich ziehen (Mosley, 2009). Betroffene konsumieren zusätzlich nicht selten anabole Steroide, anderweitige, meist hochproteinhaltige Nahrungsergänzungsmittel oder leistungssteigernde Substanzen. Dies dient zur Kompensation unangenehmer Emotionen, die mit dem Störungsbild einhergehen (Rohman, 2009). Unter der Muskeldysmorphie wird ein übersteigertes Streben nach Muskulosität verstanden, das folglich vorwiegend im Bereich des Kraftsports auftritt (Murray et al., 2012; Hernândez-Martlnez, Gonzâlez-Martl & Contreras Jordan, 2017). Unter Kraftsportlern ist jedoch zu unterscheiden, ob die Ausübung des Sports aus optischen Beweggründen oder aus dem Wunsch, kraftvoll und sportlich zu sein, stattfindet. Letztere sind weniger vom Störungsbild der Muskeldysmorphie betroffen (Murray et al., 2016). Die Verbreitung der Muskeldysmorphie lässt sich nur schwer einschätzen, da die Sorgen um den eigenen Körper und das Aussehen nach wie vor eher Frauen zugeschrieben werden. Viele betroffene Männer schämen sich diesbezüglich und wollen nicht als feminin oder schwach abgestempelt werden. Nach Schätzungen einer Studie von Pope et al. aus dem Jahr 2001 betrug die Zahl Betroffener in den USA, die die Symptomatiken einer Muskeldysmorphie vorwiesen, um die 100.000 Männer.

1.4 Streben nach Muskulosität

Streben nach Muskulosität war in der früheren Körperbildforschung, bei welcher der Fokus wie bereits erwähnt auf Frauen lag, insofern schon nicht bedeutsam als Frauen genetisch bedingt in der oberen Körperhälfte schon circa 30 % weniger Muskulatur haben als Männer (Janssen, Heymsfield, Wang & Ross, 2000). Das weibliche Schönheitsideal ist seit Ende der 1960er Jahre geprägt von dünnen, fast kindlichen Frauenkörpern (Davids, 2007), fernab von Muskulosität. Die Wichtigkeit von Muskulatur für Männer findet dahingegen schon in Hinblick auf die Evolution an Bedeutung. So hatten muskulöse Männer den nicht-muskulösen einen erheblichen Überlebensvorteil. Sie konnten besser jagen, waren erfolgreicher im Kampf gegen Feinde und zusätzlich weniger anfällig für Verletzungen (Puts, 2010). So hat die natürliche Selektion ihren Beitrag geleistet, Muskulatur als nicht unbedeutenden Faktor herauszukristallisieren. Dies scheint bis heute seine Konsequenzen nach sich zu ziehen. Es stellt sich jedoch die Frage, warum Mus- kulosität heutzutage einen so hohen Stellenwert hat, wenn die eigentliche Funktionalität, im Sinne von Vorteilen beim Jagen oder der natürlichen Selektion, gar nicht mehr notwendig ist (Mishkind, Rodin, Silberstein & Striegel-Moore, 1986).

Als prägender Faktor wird die Bedeutung der Maskulinität als Hintergrund gesehen. Auch noch heutzutage wird die klassische Männlichkeit mit Ausdrücken wie Kraft, Risikobereitschaft und Dominanz in Verbindung gebracht. Unterdessen wird dem weiblichen Geschlecht eher Warmherzigkeit und Fürsorge als charakterisierende Attribute zugeschrieben (Zimmermann, Sieverding & Müller, 2011). Im Rahmen der Gleichberechtigung im Laufe des 20. Jahrhunderts haben die Werte sich jedoch etwas neutralisiert, sodass die klassische Rollenverteilung des Mannes im Sinne des Ernährers und Beschützers wegfällt. Studien sprechen demzufolge in einem gewissen Maße von einem Verlust der Männlichkeit (Meuser, 2012). Nach Mills und D’Alfonso (2007) handelt es sich anhand des Strebens nach Muskulosität um eine Art Kompensationsversuch, die verlorengegangene Männlichkeit auszugleichen. Sie haben in einer Studie Männer und Frauen in verschiedenen Leistungstest gegeneinander antreten lassen und festgestellt, dass Männer, die im Wettbewerb schlechter abgeschnitten haben als ihre weiblichen Konkurrentinnen, sich weniger zuversichtlich hinsichtlich ihrer körperlichen Fähigkeiten fühlen und sich als weniger muskulös einschätzen. Zusammenfassung der Studie ist, dass Männer aufgrund der sich erweiterten Leistungen durch Frauen in bisher traditionell von Männern dominierten Bereichen einen erhöhten Drang zur Muskulosität entwickeln. Dieses Phänomen wurde im Zuge dessen die „threatened masculinity" genannt (Mills & D’Alfonso, 2007).

Außerdem haben Männer mit einem höheren Anteil an Muskulatur auch bezüglich der Partnerselektion auf sexueller Ebene einen Vorteil gegenüber der nicht so muskulösen. So fanden Yanover & Thompson (2010) heraus, dass Frauen muskulöse Männer bevorzugen. Sie werden als gesünder und als optisch ansprechender eingestuft, weshalb die Partnerwahl häufig auf sie fällt. Dieses Verhältnis lässt sich allerdings als U-förmigen Verlauf feststellen. Bei zu hoch werdendem Anteil an Muskulosität nimmt die wahrgenommene Attraktivität ab und Frauen entwickeln eine Abneigung (Frederick & Haselton, 2007). Eine weitere Studie zur Partnerwahlforschung hat ergeben, dass Frauen, die eine Kurzzeitbeziehung anstreben, eher Männer mit einem hohen Muskulositätsanteil auswählen. Dahingegen werden für langfristige Beziehungen eher die ausgewählt, deren Muskulosität geringer ausfällt (Lucas, Koff, Grossmith & Migliorini, 2011).

Das Streben nach Muskulosität hat nicht nur genetisch bedingte Ursachen. Es lassen sich eindeutig soziokulturelle Unterschiede feststellen (Gallup & Frederick, 2010). Das eigene Schönheitsideal ist von der eigenen Kultur abhängig (Gray & Ginsberg, 2007).

So ist die Unzufriedenheit bezüglich des eigenen Körpers oder des Anteils der Muskelmasse in weniger globalisierten Ländern weniger ausgeprägt als in den westlichen, industrialisierten (Frederick & Haselton, 2007). Es gibt darüber hinaus viele Studien zu medialen Hintergründen für ein Streben nach Muskulosität. Nach Leit, Pope & Gray (2001) hat beispielsweise der Anteil an wenig bekleideten Männern in Zeitschriften oder Werbung in den letzten Jahren stark zugenommen. Sogar Spiel- und Actionfiguren für Kinder sind muskulöser geworden (Pope, Olivardia, Gruber & Borowiecki, 1999). Eine Studie von Ricciardelli, Clow & White (2010) stellt je nach Genre Unterschiede bezüglich der konkreten Ausprägung des Körpers fest, so gibt es beispielsweise eher dratig-mus- kulöse oder auch hyper-muskulöse. Dennoch wird flächendeckend vermittelt, Männer müssen athletischer und muskulöser sein, um wirklich erfolgreich und mächtig werden zu können. Des Weiteren gibt es positive Korrelationen zwischen erhöhtem Medienkonsum und einem stärker ausgeprägten Streben nach Schlankheit oder Muskulosität (Slater & Tiggemann, 2014). So haben auch Hatoum und Belle im Jahr 2004 untersucht, ob Männer, die Lifestyle Magazine, beispielsweise die Men’s Health, lesen, in ihrer Körperzufriedenheit beeinflusst werden. Die Hypothese der Autoren wurde bestätigt. Männer, die in den vorausgegangenen Monaten die Magazine gelesen hatten, äußerten eine erhöhte Sorge bezüglich ihres Körpers und ihrer Fitness. Sie verbringen mehr Zeit beim Training und konsumieren Nahrungsergänzungsmittel. Was jedoch unklar blieb, ist die Frage, ob der Einfluss tatsächlich in diese Richtung besteht oder ob ohnehin schon unzufriedene Männer eher dazu tendieren, solche Zeitschriften zu lesen und sich die Unzufriedenheit infolgedessen verstärkt. Die Autoren vermuten einen beidseitiges Modell (Hatoum & Belle, 2004). Um diesbezüglich konkrete Aussagen treffen zu können, sind allerdings Langzeitstudien notwendig. Eine weitere Studie hat die Reaktionen und Einstellungen von Männern untersucht, die anhand verschiedener Fitness Magazine ideal muskulöse Männerkörper präsentiert bekommen haben (Gill et al., 2000). Kaum einer der Probanden hat das Gefühl gehabt, er könne den auf den Fotos abgebildeten Körper jemals selbst erreichen, geschweige denn hat sich jemand damit identifizieren können und seinen Körper als ähnlich ideal eingeschätzt. Die meisten Männer haben die Fotos sogar als belastend wahrgenommen. Sie sahen keine Chance darin, jemals so aussehen zu können und haben sogar eingeräumt, nachvollziehen zu können, wie Frauen sich aufgrund medialer Einflüsse schon seit Jahren fühlen müssen.

1.4.1 Anabole Steroide

Eng mit dem Streben nach Muskulosität verknüpft, eine tatsächlich sehr drastische, aber dennoch mittlerweile weitverbreitete Maßnahme zur Erlangung dieser, ist die Einnahme anaboler Steroide. Darunter fallen diverse Präparate, die zum Ziel haben, Muskelmasse aufzubauen und gleichzeitig den Körperfettanteil zu reduzieren. Sie funktionieren als künstlicher Ersatz für das männliche Geschlechtshormon Testosteron und imitieren dessen Wirkung (Pope, Phillips & Olivardia, 2001).

Der Konsum anaboler Steroide ist primär ein Teil der Bodybuilder-Szene, jedoch längst nicht mehr nur dort vertreten. Nach Johnston, O’Malley, Bachmann und Schulenberg (2010) wird auch in der Fitnessszene der Freizeitsportler mehr und mehr zu solchen Präparaten gegriffen. Dabei handelt es sich vorwiegend um heranwachsende und erwachsene Männer, die ihren Erfolg durch das Training als zu langsam vorangehend oder als unzureichend empfinden und dementsprechend den Prozess beschleunigen oder optimieren wollen. Diese stetig zunehmende Nachfrage kurbelt den Schwarzmarkt enorm an. So wurde der jährliche Umsatz des Schwarzmarkts bereits vor einigen Jahren in der deutschen Bundesrepublik auf circa 50.000.000 Euro geschätzt (Waldrich, 2004).

Der Konsum anaboler Steroide erregt auch medial immer wieder Aufsehen. Besonders bedeutsam war der Tod des Profi-Bodybuilders Andreas Münzer im Jahr 1996. Der Sportler aus Österreich kollabierte nach einem Wettkampf in den USA und verstarb noch in der gleichen Nacht aufgrund von Organversagen. Grund dafür war der jahrelange exzessive Konsum anabolischer Präparate. Er injizierte sich täglich fünf Dosen und konsumierte unzählige Pillen. Seine monatlichen Kosten anaboler Steroide wurden auf circa 10.000 DM geschätzt. Aufgrund dieses immensen Konsums bildeten sich riesige Geschwülste in seiner Leber, woran er letztendlich verstarb (Waldrich, 2004).

Die Bodybuilding-Szene samt Konsum anaboler Steroide stößt in der allgemeinen Gesellschaft vorwiegend auf Ablehnung und wird sogar teilweise als abartig wahrgenommen (Monaghan, 2001). Der Ausprägungsgrad der in dieser Szene als erstrebenswert geltenden Muskulatur ist unumgänglich nur unter Einnahme dieser gesundheitsgefährdender Zusatzpräparate erreichbar (Moosburger, 2004). Moosburger (2004) hat trotz der enormen Vielfalt an verfügbarer Mittel eine typische Anabolika „Kur" vorgestellt. Diese besteht zum einen aus fünf verschiedenen anabolen Steroiden, sowie Testosteron, was sowohl oral als auch parenteral verabreicht wird. Darüber hinaus wird das Wachstumshormon HGH, was ursprünglich in den 60-er Jahren zur Behandlung von Kleinwuchs eingesetzt wurde, unter die Haut gespritzt. Im Zuge dessen wird zeitgleich Insulin injiziert, da das Wachstumshormon in zu hohen Dosen den Blutzuckerspiegel massiv ansteigen lässt. Zur Steigerung des Stoffwechselprozesses und einer erhöhten Fettverbrennung werden die Schilddrüsenhormone Thyroxin und Trijodthydronin konsumiert. Ein unerwünschter Nebeneffekt der Zufuhr künstlichen Testosterons ist die Tatsache, dass der Hoden des Mannes unterdessen aufhört, eigenes Testosteron zu produzieren. Aufgrund dessen werden anabol wirkende Asthmamittel sowie zum Ende der „Kur" das Hormon HCG konsumiert. Zu guter Letzt kommen noch Ephedrin sowie Aspirin zum Einsatz.

Unschwer erkennbar ist der Gebrauch anaboler Steroide gefährdend und birgt eine Menge gesundheitlicher Risiken. Dazu zählen unter anderem massive Irritationen und Schädigungen der Haut, kardiovaskuläre Erkrankungen, ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen, Schädigungen der Leber, Auswirkungen auf das Wachstum der Lunge bei jugendlichen Konsumenten, sowie zahlreiche psychotrope Effekte. Darunter fallen mitunter Stimmungsschwankungen, aggressive Verhaltensweisen und Gewaltbereitschaft. Außerdem werden kognitive Leistungen wie die Konzentrationsfähigkeit und die Gedächtnisleistung massiv beeinträchtigt (Elsharkawy et al., 2012).

1.4.2 Sport und Psyche

Das gute Gefühl nach sportlicher Aktivität, fast jeder kennt es oder hat von Bekannten schon mal davon gehört. Sofern die Einheit nicht überaus anstrengend war, ist das eigene Befinden im Anschluss daran besser, ob auf physischer oder psychischer Ebene. Nach Schlicht (1994) schlagen sich die Auswirkungen sportlicher Aktivität in verschiedenen Bereichen nieder. Negative emotionale Empfindungen wie das Gefühl von Ärger oder Wut werden reduziert, zeitgleich werden Gefühle der Ausgeglichenheit und der inneren Ruhe aktiviert. Außerdem würde der subjektive gesundheitliche Zustand im Rahmen von sportlicher Aktivität als positiver eingeschätzt werden.

Dennoch sind die Behauptungen der kausalen Zusammenhänge, Sport wirke sich positiv auf die Psyche aus, laut Studienlage umstritten. Schlicht (1994) hat verschiedene Studien analysiert und konnte schlussfolgern, dass insbesondere bei den Begrifflichkeiten „mental health" und „physical fitness" keine einheitlichen Übereinstimmungen vorliegen, sodass teilweise die gleichen Studien durch verschiedene Wissenschaftler differenziert interpretiert werden. Aufgrund dessen lassen sich auf Basis dieser Forschungsgrundlagen keine eindeutigen Schlüsse bezüglich der Auswirkungen der Verbesserung des körperlichen Fitnesszustandes auf das psychische Befinden ziehen. Diese Meinung postulieren auch andere Wissenschaftler, die Meta-Analysen mit vorliegenden Studien zu diesem Thema durchgeführt haben (Abele, Brehm & Pahmeier, 1997).

Was sich jedoch sicher sagen lässt, ist, dass Teilaspekte herausgefiltert werden können, die den Zusammenhang zwischen Sport und Psyche erklären und vorhersagen können. Es lässt sich beispielsweise festhalten, dass die Ausübung von Sport bei Personen, die älter als 65 Jahre alt sind, zu einer signifikanten Anhebung der Stimmung führt (Peig- Chiello, Perrig, Ehrsam, Stahhelin & Krings, 1998). Corbin und Pangrazi (1996) stellen auf Basis einiger Untersuchungen ebenfalls die betont vorsichtige Behauptung auf, körperliche Aktivität reduziere wahrscheinlich ängstliche und depressive Symptomatiken. Sie weisen darauf hin, dies nicht als direkten Zusammenhang zu bescheinigen.

Was in der gesamten Studienlage als auffällig erscheint, ist die Tatsache, dass in den meisten Designs auf aerobe Ausdauersportarten geschaut wurde und weniger Kraftsport und Fitness beleuchtet wurden. Warum dem so ist, ist unklar, da beispielsweise eine Studie von Emery und Blumenthal (1988) darlegt, dass es keine signifikanten Unterschiede bezüglich des Effekts von Kraft- beziehungsweise Ausdauersport gibt. Eine weitere Studie von Palmer, Palmer, Michiels & Thigpen (1995) kommt sogar zu dem Schluss, dass die Probanden, die sich einem Kraftsportprogramm unterzogen haben, ihre depressiven Symptomatiken stärker reduzieren konnte als die Vergleichsgruppe mit einem aeroben Steppprogramm. Bezüglich klinischer Symptomatiken gibt es weitere Befunde. So konnte gezeigt werden, dass Symptomatiken einer Angststörung circa 20 Minuten nach einer niedrig intensiven Einheit von Krafttraining signifikant reduziert werden konnten (Bartholomew & Linder, 1998).

Die Studienlage ist wie bereits geschildert umstritten, da den oben aufgeführten Ergebnissen kontroverse Befunde gegenüberstehen. Es gibt Studien, die keine Veränderungen, beziehungsweise Verbesserungen der Symptomatiken feststellen können, was die Schlussfolgerung oben aufgeführter Studien natürlich in Frage stellt. So zum Beispiel eine Studie von Koltyn, Raglin, O’Connor & Morgan (1995), die nach Durchführung von Krafttraining keine Verbesserung der Angststymptomatik bemerken konnten.

Dennoch existieren einige Erklärungsansätze, die die Effekte von Sport auf die Psyche erläutern. Wichtig zu erwähnen ist hierbei, dass es sich vorwiegend nicht um wissenschaftlich bewiesene Fakten handelt, sondern um Hypothesen. Dabei wurde sich vorwiegend auf aerobe Ausdauersportarten bezogen.

Es gibt vier verschiedene Ansatzpunkte, die auf unterschiedlicher Basis die Steigerung des Wohlbefindens durch Sport erklären. Der erste ist der physiologische Ansatz. Einerseits wird gesteigertes Wohlbefinden durch die erhöhte Durchblutung und die ansteigende Körpertemperatur erklärt. Darüber hinaus umfassen physiologische Ansätze en- dokrinologische Hintergründe, die durch die erhöhte Ausschüttung verschiedener Hormone, wie beispielsweise Serotonin oder Endorphin, das verbesserte Befinden erklären.

Der zweite Ansatz erfolgt aus dem psychologischen Blickwinkel. Zum Einen wird behauptet, der mediative Zustand des sogenannten „flow“-Erlebens, welcher durch Sport erreicht werden kann, ist Erklärer des gesteigerten Wohlbefindens. Darüber hinaus existiert die Hypothese, Sport lenke kurzzeitig von Stresssituationen ab, die einen im alltäglichen Leben erwarten. Demnach wird eine kurzzeitige Verbesserung des Gemütszustandes ausgelöst. Weiterhin wird im Rahmen des Sports von Kompetenzerfahrungen gesprochen. Wird die anstrengende Situation während des Ausdauersports bewältigt, greift die Selbstwirksamkeitserwartung. Daraus resultieren Zuversicht und Glaube in die eigene Stärke, was Zufriedenheit und eine verbesserte Stimmung mit sich ziehen. Im Zusammenhang mit den Leistungen, die erbracht werden, steht auch die nächste Annahme, die sogenannte Hypothese der Körperwahrnehmung. Durch die sportliche Aktivität treten positive Veränderungen des Körpers ein, einhergehend mit einer höheren Leistungsfähigkeit. Die kann positive Auswirkungen auf das Befinden haben.

Neben dem dritten Ansatz, der physiologische und psychologische Ansätze kombiniert, gibt es zuletzt noch unspezifische Erklärungshypothesen. Darunter fallen einerseits Erwartungseffekte. Es gibt Personen, die eine bestimmte Erwartung an die Folgen der Ausübung von Sport haben, welche dann in deren Empfinden auch zutreffen. Sofern die Erwartung an die Tätigkeit übereinstimmt, können die Sportarten auch mit letztendlich gleicher Wirkung ausgetauscht werden. Hier gilt es, zu erwähnen, dass Sport und insbesondere Fitness mittlerweile gesellschaftlich hoch angesehen sind, weshalb viele Menschen dem überhaupt erst nachgehen. Demzufolge hat die vollbrachte Leistung positive Auswirkungen.

Schlussendlich gilt es, nochmal zu betonen, dass es sich hierbei um Annahmen handelt, deren endgültige Annahme noch viel Forschung bedarf, insbesondere unter Einbezug von Fitness- und Kraftsportarten (Schlicht, 1994; Fuchs, Hahn & Schwarzer, 1994).

1.5 Dysfunktionale Kognitionen

„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen." Das wurde bereits vom römischen Philosophen Epiktet festgehalten, der um 50 - 138 nach Christus gelebt hat und umfasst treffend, was hinter dem Konzept der dysfunktionalen Kognitionen steckt (Schulthess, 1778).

Um ein umfassendes Verständnis der Bedeutung dysfunktionaler Kognitionen zu ermöglichen, werden beide Begrifflichkeiten separat sowie anhand verschiedener Ansätze definiert. Kognition stammt von dem lateinischen Wort „cognitio" und bedeutet Erkenntnis (Hau & Martini, 2012). Die Psychologie fasst die Begrifflichkeit etwas breiter. Hier wird unter Kognitionen ein heterogenes Konstrukt verstanden, das neuronale Prozesse, etwa Wahrnehmungs- und Vorstellungsprozesse, Gedanken, Erwartungen, Einstellungen, Interpretationen und Schlussfolgerungen beinhalten. Die Intention des Gehirns ist es dabei, Ziele zu erreichen und sich eventuell auf dem Weg dorthin ergebene Hindernisse zu umgehen oder zu überwinden (Anderson, 2001). Nach Edelmann (1995) dienen Kognitionen zur Erlangung von Kenntnissen seiner Umwelt. Auf den Menschen bezogen sind das demnach Wahrnehmung, Vorstellung, Denken, Urteilen und die Sprache. Kognitionen sind nach Newell (1980) ursprünglich aufgrund ihrer problemlösenden Funktion als funktional zu verstehen. Sie helfen, dem Leben Struktur zu geben und es demzufolge unkomplizierter zu gestalten. Menschen greifen bezüglich verschiedener Situationen auf fest einprogrammierte Schemata zurück, welche ohne das Erfordernis weiterer Bemühungen oder der Notwendigkeit des Nachdenkens dazu führen, Situationen zu bewältigen. Sie verändern sich dann in eine problematische, beziehungsweise dysfunktionale Richtung, wenn Prozesse aufgrund starrer Denkstrukturen und Abläufe nicht mehr flexibel und zielführend ablaufen können. Sie werden somit zu irrationalen Überzeugungen, die selbsthindernde und selbstschädigende Gedanken beinhalten. Veränderte und verzerrte Operatoren führen dazu, dass Personen nicht mehr dazu in der Lage sind, Erschwernisse zu bewältigen, um einen erwünschten Zielzustand erreichen zu können (Beck, 1991). So werden zwar Vorgangsweisen für ein entstandenes Problem abgeleitet, diese führen jedoch zu keiner zielführenden Lösung dessen. Dysfunktionale Einstellungen sind demnach kognitive Schemata, welche sowohl Erfahrungen aus der Vergangenheit organisieren, neu erworbene Erfahrungen interpretieren und bestimmen, als auch zukünftige Ereignisse vorhersagen, jedoch in einer Art und Weise, in der sie das Leben beeinträchtigen und erschweren (Beck, 1967; Beck, Rush, Shaw & Emery, 1979). Die Überzeugungen dysfunktionaler Kognitionen äußern sich in negativen, einseitigen und realitätsfernen Gedankengängen, die üblicherweise die eigene Person, die Umwelt und die Zukunft betreffen. Daraus resultieren Emotionen wie Unzufriedenheit, Enttäuschung und das Gefühl, die eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen zu können (Beck et al., 1979). Die dysfunktionalen Einstellungen beeinflussen außerdem, welcher Wert der eigenen Person zugeschrieben wird. Demzufolge kreisen Gedanken dysfunktionaler Kognitionen häufig um Emotionen wie Wertlosigkeit, die Ängste, sozial nicht dazuzugehören und akribische Ansprüche an die eigene Leistung (Lakdawalla, Hankin & Mermelstein, 2007).

Sauerland (2015) hat Denkmuster herausgearbeitet, die im Zuge dysfunktionaler Kognitionen auftreten. Dazu zählen beispielsweise das dichotome und das perfektionistische Denken. Während sich Ersteres durch strenges entweder/ oder- Denken auszeichnet, streben Menschen der perfektionistischen Denkweise stets nach absoluter Fehlerfreiheit. Weiterhin gibt es das Muster der Minimierung. Betroffene sind der Überzeugung, ihre eigene Leistung sei wenig wert und hätte durch jede beliebige Person mindestens genauso gut zustande gebracht werden können. Die sogenannte Katastrophisierung, ein weiteres Denkmuster, bedeutet, die betroffenen Personen stellen sich stets vor, was innerhalb einer Situation im schlimmsten Fall passieren könne. Im Rahmen des Denkmusters der selektiven Wahrnehmung ist die Betrachtung seiner Situation und seiner Umwelt sehr eingeschränkt. Das bedeutet beispielsweise, Betroffene nehmen nur die Dinge des Tages wahr, die eventuell hätten besser laufen können.

1.5.1 Begriffsbestimmung in Anlehnung an die Theorie nach Beck

Je nachdem welches Definitionsmodell näher beleuchtet wird, ergeben sich inhaltliche Unterschiede zwischen dysfunktionalen Kognitionen und kognitiven Dysfunktionen. Obgleich beide Begrifflichkeiten häufig als Synonym verwendet werden, ist es von Bedeutung, die konkrete Differenzierung kurz aufzuführen. Nach Ingram und Kendall (1986) ist in Hinblick auf das Klassifikationsmodell der Kognition unter Einbezug des Meta-Kon- strukt-Modells der Unterschied bereits im Wortlaut erkennbar. Kognitive Dysfunktionen umfassen demnach Komplikationen in der Informationsverarbeitung und bezüglich der Aufmerksamkeitsprozesse. Dahingegen fokussieren dysfunktionale Kognitionen eher den inhaltlichen Aspekt. Die Kognition, auf die sich bezogen wird, ist nicht zielführend oder hilfreich. Beck (1967, 1987) hat in seiner Definition der dysfunktionalen Einstellungen beide Konstrukte miteinander verschmelzen lassen. Grundlage seiner Theorie sind maladaptive Schemata. Dysfunktionale kognitive Schemata beinhalten sowohl das Abspeichern und Organisieren von Informationen, also die strukturelle Organisation des Denkens, als auch inhaltliche Aspekte der Gedanken (Ingram & Kendall, 1986). Es ist nicht möglich, bewusst Zugang zu den Schemata zu erhalten. Diese sind jedoch in einer Ansammlung von dysfunktionalen Einstellungen versammelt, welche wiederum den bewusst zugänglichen Teil abbilden. Folglich sind dysfunktionale Einstellungen nach Beck sowohl dysfunktionale Kognitionen als auch kognitive Dysfunktionen. Bezüglich maladaptiver Selbstschemata unterscheidet er zwischen zwei Modi (1987). Der erste ist der Modus der Soziotropie. Dazu zählen Personen, die besonderen Wert darauflegen, von anderen Menschen akzeptiert und unterstützt zu werden. Es existieren negativ verzerrte Ideen darüber, wie Anerkennung und Akzeptanz durch das soziale Umfeld erreicht werden kann. Inhaltlich beinhaltet dies Ideen wie immer zu allen nett sein zu müssen, um wirklich bedingungslos gemocht zu werden. Dem gegenüber steht der zweite Modus, die Autonomie. Darunter werden irrationale Ideen bezüglich Leistung und Erfolg verstanden. Um ein für die betroffenen Personen wirklich wertvoller Mensch zu sein, muss das Leben von überdurchschnittlichen Leistungen, Freiheit und Erfolgserlebnissen geprägt sein. Alles wird mit dem Drang zum Perfektionismus behandelt. Beck schreibt dysfunktionalen Einstellungen eine bedeutende Rolle bezüglich der Entwicklung depressiver Erkrankungen zu (Beck, 1967). Er sieht sie als stabile und überdauernde Persönlichkeitsanteile, die sich in der Kindheit entwickeln und konstant bestehen bleiben. Die neuzeitige Forschung ist sich allerdings uneinig darüber, ob es sich bei dysfunktionalen Einstellungen eher um stimmungsabhängige Zustände (States) oder tatsächlich überdauernde Persönlichkeitseigenschaften (Traits) handelt. Beevers und Miller (2004) haben eine Studie durchgeführt, die zu drei verschiedenen Zeitpunkten die Ausprägungen der dysfunktionalen Einstellungen untersucht haben. Dazu wurden diese bei an Depressionen Erkrankten vor der Therapie, währenddessen und zu einem Zeitpunkt danach erhoben. Es hat sich herausgestellt, dass die Ausprägung der dysfunktionalen Kognitionen sowohl von dem Grad der zum vorherigen Zeitpunkt erhobenen Ausprägungen abhängig war als auch von der gegenwärtigen Depression. Somit wird von einem State-Trait-Modell ausgegangen, das sowohl überdauernde als auch von dem Ausprägungsgrad der Depression abhängige Faktoren gleichermaßen einbezieht (Beevers & Miller, 2004; Zuroff, Blatt, Sanislow, Bondi & Pilkonis, 1999). Eine weitere Studie von Hankin (2008) hat untersucht, ob es einen reziproken Effekt in Hinblick auf den Zusammenhang zwischen dysfunktionalen Einstellungen und depressiver Erkrankungen gibt, was bestätigt werden konnte. So können dysfunktionale Kognitionen zur Entwicklung depressiver Symptomatiken führen, gleichzeitig führen jedoch negative Lebensereignisse und Depressivität zu vermehrt dysfunktionalen Kognitionen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass dysfunktionale Einstellungen zwar eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Depressionen spielen, jedoch noch Forschungsbedarf dahingehend besteht, ab welchem Alter und welchem Ausmaß sie verhaltenswirksam werden und inwiefern sie sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln. Für die vorliegende Arbeit wird sich bezüglich der Definition auf die Theorie der dysfunktionalen Einstellungen nach Beck fokussiert, sodass die Begrifflichkeiten der dysfunktionalen Einstellungen und der dysfunktionalen Kognitionen inhaltsgleich verwendet werden.

1.5.2 Entstehungsursachen dysfunktionaler Kognitionen

Ein Blick in die Fachliteratur zeigt, dass verschiedene Ursachen und Erklärungsmodelle zur Entstehung dysfunktionaler Kognitionen bestehen. Beck (1967, 1987) äußerte sich ursprünglich insofern als er den Ursprung der Entwicklung dysfunktionaler Kognitionen bereits in der frühen Kindheit sieht. Er äußerte sich allerdings nicht mehr detaillierter dazu. Im Vorfeld festzuhalten ist, dass es sowohl biologisch-genetische, sowie kognitive und soziale Modelle der Entstehungsursachen gibt, auf die im Folgenden kurz eingegangen wird.

Durch Lau, Rijsdikj und Eley (2006) wurden Studien publiziert, die an Zwillingen untersucht haben, welche Rolle die Vererbbarkeit auf den Zusammenhang zwischen dem Attributionsstil als dysfunktionale Kognition und Depressionen spielt. Dieser Wert wurde von .35 bis .47 im Längsschnitt auf .40 bis .42 verändert, was darlegt, dass interindividuelle Differenzen in der Art und Weise des Attributionsstils teilweise durch genetische Ursachen bedingt sind (Lau & Eley, 2008). Im selben Jahr konnten auch Erkenntnisse bezüglich einzelner Gene und Allele erlangt werden. Hayden et al. haben im Jahr 2008 festgestellt, dass vorwiegend das s-Allel des Serotonin Transporter Polymorphismus (5- HTTLPR) eine Rolle spielt. Es konnte nachgewiesen werden, dass eine Verlängerung des Gens eine Störung des Serotonergen Systems verursacht, was sich auf die emotio- nale Wahrnehmung eines Menschen auswirkt. So verspüren Betroffene durch diese genetische Veränderung im Vergleich zu ihren Mitmenschen in einem erhöhten Ausmaß Angst und Aggressionen. Dies kann wiederum die Entstehung dysfunktionaler Denkmuster begünstigen. Dennoch ist hier zu erwähnen, dass diese Zusammenhangsstudien mit Vorsicht zu interpretieren sind, da oftmals eine gering ausfallende Stichprobengröße vorliegt und zuverlässige Replikationsstudien bisher noch ausstehen (Sheikh et al., 2008). Außerdem im Fokus stehen Aspekte des Temperaments, die zur Entstehung beitragen. Davies und Windle (2001) haben bewiesen, dass es einen direkten Einfluss von sowohl negativer als auch positiver Emotionalität und der Kontrolle der Aufmerksamkeit auf die Entwicklung von Depressionen gibt. Darüber hinaus wird auch von einem indirekten Einfluss über Seiten der kognitiven Vulnerabilität ausgegangen. Dies lässt sich anhand der negativen Emotionalität deutlich darlegen. Demnach verspüren Menschen mit einer höher ausgeprägten negativen Emotionalität stärker ausgeprägt Emotionen, die Unbehagen und Missbefinden umfassen. Das hat zur Folge, dass sie schneller und leichter auf negative Lebensumstände reagieren, mit Stress beispielsweise (Davies & Windle, 2001). Weiterhin wurde bewiesen, dass Menschen mit einer starken Neigung zur Emotionalität verändert auf belastende Lebensereignisse und Umweltbedingungen reagieren. Es lässt sich sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, bei eintretenden negativen Ereignissen dysfunktionale Kognitionen zu entwickeln, positiv mit der Ausprägung an negativer Emotionalität eines Menschen korreliert (Mezulis, Hyde & Abramson, 2006). Darüber hinaus gibt es sozialpsychologische Ansätze, die die Entwicklung dysfunktionaler Kognitionen erklären. Laut Beck, Rush, Shaw & Emery (1999) ist eine Ursache beispielsweise die Beobachtung und der Vergleich mit seinen Mitmenschen.

Auf die Kindheit betrachtet wird angenommen, dass Kinder mit einer höher ausfallenden negativen Emotionalität verstärkte emotionale Reaktionen auf unschöne Ereignisse des Lebens zeigen und demzufolge wahrscheinlicher negativ geprägte Stile entwickeln, Dinge kognitiv zu verarbeiten. Dazu gibt es eine Studie von Mezulis et al. (2006), die die Temperamentsdimension als eine moderierende Variable postulieren konnten. Demnach reguliert die Temperamentdimension die Wahrscheinlichkeit, bei Eintreten negativer Lebensereignisse negative kognitive Verarbeitungsstile zu entwickeln.

Weiter Erklärungsmodelle in der Entstehung dysfunktionaler Kognitionen liegen in der Interaktion zwischen Anlage- und Umweltbedingungen. Interpersonale Faktoren sind primär die ersten Bezugspersonen, die ein Kind in seinem Leben hat, demnach in den meisten Fällen die Eltern. Sowohl die Interaktion zwischen Eltern und Kind als auch der Erziehungsstil spielen hier eine bedeutende Rolle. Es gibt hinreichende Belege dafür, dass eine autoritäre, kritikerfüllte und eher durch Ablehnung und Perfektionismus geprägte Erziehung, welche zeitgleich wenig Wärme und Zuneigung beinhaltet, signifikant zu kognitiver Vulnerabilität führen und die Entstehung einer Depression begünstigen (Bruce et al., 2006; Garber & Flynn, 2001). Weitere Studien betonen die Wichtigkeit der Strukturen, in welchen Kommunikation stattfindet. Hier finden sich zwei Annahmen, die sich ergänzen. Dies ist zum einen die Modellhypothese, welche besagt, Kinder würden in Anlehnung an das Modelllernen negative Kognitionen der Eltern, explizit der Mutter, da diese häufig die primäre Bezugsperson ist, übernehmen (Alloy et al., 2006; Garber & Flynn, 2001). Die dem gegenüberstehende Feedbackhypothese umfasst die Internalisierung negativer Attributionen seitens der Eltern bezüglich eines durch das Kind gezeigten Verhaltens. So wurde durch eine Studie von Mezulis, Hyde und Abramson (2006) der Einfluss der negativen Attribution durch die Mutter als Reaktion auf das Nichtlösenkönnen einer Mathematikaufgabe auf die Entwicklung kognitiver Vulnerabilität des Kindes bewiesen. Die gleiche Studie gibt Hinweise darauf, dass im Jugendalter erfahrene Viktimisierung durch Personen gleichen Alters oder anderweitige zwischenmenschliche Konflikte im Zusammenhang mit der Entwicklung kognitiver Vulnerabilität stehen. Außerdem aufzuführen sind die Wichtigkeit externer Faktoren, beispielsweise belastende und kritische Lebensereignisse (Garber & Flynn, 2001). Zur Verdeutlichung des Einflusses von Stress auf die kognitive Vulnerabilität werden drei verschiedene Gruppen von Stress unterschieden (Ingram, 2001). Die erste ist die der zufälligen, von der Herkunft und den Familienverhältnissen unabhängig eintretenden Stresssituationen, also unvorhersehbare Ereignisse. Dazu zählen beispielsweise Autounfälle und andere, nicht zu kontrollierende, externe Faktoren. Die Stresskategorie ist die der familienabhängigen Ereignisse. Besonders weit verbreitet ist hierbei die Trennung der Eltern. Rudolph, Kur- lakowsky und Conley (2001) fanden heraus, dass das Verlieren eines Elternteils, obgleich aufgrund einer Trennung oder eines Todesfalls, zu stärker ausgeprägten Hilflosigkeitsgedanken führen. Das äußert sich sowohl im schulischen als auch im sozialen Kontext. Als dritte Kategorie nennt Ingram (2001) die sogenannte Stressgenerierung. Demnach neigen Kinder, die zu kognitiver Vulnerabilität und der Entwicklung eines dysfunktionalen Selbstbildes tendieren, eher dazu, sich folglich in Situationen zu begeben, die dies bestätigen und kultivieren. Anhand eines Beispiels wäre das so, dass ein Kind, welches von den eigenen Eltern Ablehnung und Kälte erfährt und zeitgleich eine vergleichbare Zurückweisung seitens der Mitschüler*innen, sich zurückzieht und sozial distanziert. Folglich wird ihm allerdings genau die Ablehnung entgegengebracht, der es sich entziehen wollte. Also Schlussfolgerung verspürt das betroffene Kind hier sowohl die Zurückweisung durch die Kinder gleichen Alters als auch die Verstärkung im eigenen, dysfunktionalen Selbstbild.

Es gibt ebenso zahlreiche kognitive Erklärungsansätze zur Entstehung dysfunktionaler Kognitionen. Abela und Hankin (2008) begründen die Entstehung dysfunktionaler Kognitionen mit veränderten Normen und Werten, die sich im Laufe der Kindheit bis hin zum Erwachsenenalter entwickeln. Sie basieren sich dabei auf die Annahmen von Elkind (1967) über das anwachsende Selbstbewusstsein des jugendlichen Egozentrismus. Demnach sind Jugendliche, die sich selbst mit einem kritischen Auge betrachten, davon überzeugt, dass ihre Mitmenschen dies ebenfalls tun. Sie fühlen sich demnach oft beobachtet oder etwa unter Druck gesetzt, ihre Leistungen oder ihr Verhalten verbessern zu müssen. Diese Denkweisen führen zur Entwicklung negativer Kognitionen und folglich dysfunktionaler Kognitionen. Zu letzterem kommt es, wenn sich die vom Individuum befürchteten negativen Erwartungen bestätigen und sie tatsächlich beispielsweise von Peers oder anderweitig nahestehenden Personen kritisiert werden. Arbeiten von Taylor und Ingram (1999) konnten Ursachen kognitiven Ursprungs auch schon zu früheren Zeitpunkten des Lebens feststellen. Sie haben Kinder zwischen 8 und 12 Jahren von sowohl depressiven als auch nicht-depressiven Müttern miteinander verglichen. Die Kinder sollten sich selbst beschreiben, entweder nach Konfrontation mit einem für sie traurigen oder neutralen Ereignis. Dabei ergaben sich signifikante Gruppenunterschiede. Die Kinder, deren Mütter nicht depressiv waren, fanden in beiden Situationen ähnliche Selbstbeschreibungen. Dahingegen fiel die Selbstbeschreibung der Kinder mit depressiven Müttern nach Konfrontation mit dem negativen Ereignis negativer aus, sie reagierten also stärker kognitiv auf einen negativen Reiz. Dadurch können sich dysfunktionale Kognitionen entwickeln.

In Hinblick auf weitere Studien zur Untersuchung der Entstehung dysfunktionaler Kognitionen wäre es zielführend, sich ein Gesamtmodell unter Einbezug biologischer, sozialer und kognitiver Faktoren, anzuschauen (Hankin et al., 2009).

1.5.3 Mögliche Folgen dysfunktionaler Kognitionen

Wie bereits im vorausgegangenen Kapitel erläutert, haben fehlerhafte Informationsverarbeitungsstile im Sinne von dysfunktionalen Kognitionen einen bedeutenden Einfluss auf die Entstehung psychischer Erkrankungen, vorwiegend hinsichtlich emotionaler Störungen wie Depressionen und Angst- und Panikstörungen (Ellis & Hoellen, 2004). Eine Studie von Alloy (2006) hat Zusammenhänge zwischen dem Vorhandensein dysfunktionaler Kognitionen sowohl mit der Erstmanifestation depressiver Erkrankungen als auch dem wiederholten Auftreten finden können. Das Ausmaß, wie schwer die depressive Symptomatik zurückkehrt, ist ebenfalls abhängig von dem Ausprägungsgrad vorhandener dysfunktionaler Kognitionen. Weiterhin prognostizieren dysfunktionale Einstellungen den Therapieerfolg bei depressiven Erkrankungen. Je höher die dysfunktionalen Einstellungen ausgeprägt sind, desto geringer ist der resultierende Erfolg einer psychotherapeutischen Behandlung (Beevers, Wells & Miller, 2007). Ein bedeutender Ansatz zur nachhaltigen Verbesserung des gesundheitlichen Zustandes ist der von Beevers und Mitarbeitern (2007) vorgeschlagene, nicht nur die depressiven Symptomatiken zu be- handeln, sondern zeitgleich den Fokus auf die Reduktion der dysfunktionalen Kognitionen zu legen. Ähnliche Befunde liegen bezüglich Angststörungen vor. Das für dysfunktionale Kognitionen typische Sorgen-machen korreliert positiv mit der übriggebliebenen Angstsymptomatik am Ende der Therapie (Ertle, Joormann, Wahl & Kordon, 2009).

An dieser Stelle ist in Hinblick auf die Ziele der vorliegenden Arbeit zu erwähnen, dass dysfunktionale Kognitionen auch bei gesunden Menschen von Relevanz sein können. Dieser Forschungsansatz stammt primär aus dem arbeitspsychologischen Kontext. Bei einer Stichprobe aus Berufstätigen wurden bei fast 90 % dysfunktionale Kognitionen erfasst. Des Weiteren konnten Zusammenhänge zwischen den negativen Grundüberzeugungen und Stress sowie der Leistung dargelegt werden (Sauerland, 2018). Im Rahmen von Stressbewältigungstrainings konnte festgestellt werden, dass Trainings, die mit kog- nitiv-behavioralen Ansätzen arbeiten höhere Effekte erzielten als reguläre Entspan- nungstechiken (Richardson & Rothstein, 2008).

1.6 Aktueller Forschungsstand und Ziele der Arbeit

Bisher wurden die Konzepte des Körperbildes, Streben nach Muskulosität und dysfunktionalen Kognitionen getrennt voneinander betrachtet. Im Folgenden wird eine Übersicht über die aktuelle thematische Befundlage der zu untersuchenden Konstrukte und deren Zusammenhänge geschildert. Dafür werden Querverbindungen zwischen den Konstrukten hergestellt und eine Auswahl passender Forschungsergebnisse vorgestellt. Im Anschluss daran werden die Ziele der vorliegenden Arbeit aufgeführt.

Wie bereits geschildert, gibt es bezüglich des Körperbildes der Frau hinreichend Studien über Folgen, Ursachen und Einflussfaktoren. Obgleich innerhalb der letzten Jahrzehnte zusätzlich ebenfalls Männer in den Fokus der Forschung gerückt sind, ist sowohl die Qualität als auch die Quantität der Studienlage längst nicht auf Augenhöhe. Dennoch gibt es zum Körperbild bei Männern mittlerweile zahlreiche Studien, auch in Bezug auf weitere, damit zusammenhängende Konstrukte und Einflussfaktoren. Cohane und Pope haben im Jahre 2001 17 Studien der vorausgegangenen zehn Jahre untersucht und zusammengefasst. In allen Studien wurden die Einstellungen zum Körperbild bei Jungen unter 18 Jahren bewertet. Die meisten anhand von Fragebögen und Interviews, ein paar aber auch anhand von Zeichnungen, die durch Daraufzeigen als Antwort auf die gestellten Fragen dienten. Die Jungen jeden Alters äußerten Unzufriedenheit mit ihrem Körper, negativ korrelierend mit der Ausprägung des Selbstwertes. Sie empfanden sich als zu schmal. Als deutlicher Kritikpunkt der Studien ließ sich festhalten, dass nicht genau differenziert wurde, ob die Jungen sich als zu dünn im Sinne von zu wenig Körperfettanteil oder als zu unmuskulös empfanden.

Eine Studie von Olivardia, Pope, Borowiecki und Cohane (2004) hat den Zusammenhang zwischen dem Körperbild, Selbstwert, Depressionen und Essstörungen bei Männern untersucht. Die Stichprobe bestand aus 154 amerikanischen Studenten, deren Körperbild anhand eines computergestützten Programms erhoben wurde. Außerdem wurden psychologische Testinstrumente zur Erhebung von Depressionen, Merkmalen von Essstörungen und dem Selbstwertgefühl ausgefüllt. Die Ergebnisse sprachen für sich: Die Unzufriedenheit der Probanden mit ihrem eigenen Körper war erheblich. Es gab Zusammenhänge zwischen Unzufriedenheit mit dem Körperbild und depressiver Symptomatik, pathologischer Essgewohnheiten, sowie eine negative Korrelation mit dem Selbstwertgefühl. Grenzen dieser Studie sind, dass das Körperbild anhand der Somato- morphic Matrix (SMM) erhoben wurde. Dazu wird den Probanden auf einem Bildschirm eine männliche Figur dargeboten, dessen Muskularität und Körperfettanteil so lange manuell verändert werden kann, bis sie einen in den Augen des Probanden erstrebenswerten Körper abbildet. Es fehlt hierbei die Berücksichtigung des komplexen Konstrukts des Körperbildes. Aspekte wie das Wohlbefinden, die Kraft und auch die funktionale Komponente werden außer Acht gelassen, weshalb sich ähnliche Studien mit einem weitrei- chender-messenden Instrument zum Körperbild empfehlen würden. Ein weiterer Kritikpunkt der Studie ist die Art der Stichprobe. Die vorhandene Muskelmasse der Probanden wurde durch den FFMI (Fettfreie Masse Index) berechnet, wozu das T-Shirt ausgezogen werden musste. Es ist davon auszugehen, dass Männer, die wirklich tiefgreifende Schwierigkeiten in Bezug auf ihren Selbstwert und ihr Körperbild hatten, sich nicht dazu bereit erklärt haben, dem nachzugehen und sich deshalb nicht für die Studie zur Verfügung gestellt haben. Die depressive Symptomatik wurde anhand des Beck Depressions Inventar erhoben (Hautzinger, Bailer, Worall & Keller, 1995). Es handelt sich dabei nicht um ein Instrument zur Diagnosestellung, sondern um die Feststellung der Schwere depressiver Symptomatiken. Die Studie bewegt sich demnach, zusätzlich zu der Ermittlung der pathologischen Essgewohnheiten, in die Richtung des klinischen Bereichs. Es fehlt an Studien, die die Situation bereits im Vorfeld beleuchten und eventuelle präpathologische Zusammenhänge untersuchen, sodass vorhandene dysfunktionale Kognitionen bereits vor eventuellem Übergang zu depressiven Erkrankungen erfasst werden können.

In einer kürzlich erschienenen Studie von Schoenenberg und Martin (2020) wurde untersucht, ob und inwiefern der Konsum von Medien wie Instagram etc. einen Einfluss auf die Entwicklung einer muskeldysmorphen Symptomatik hat. Im Zuge dessen wurde ebenfalls festgestellt, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen dem Wunsch, muskulös zu sein und einer negativ ausfallenden Bewertung des eigenen Körpers gibt. Dieser Befund deckt sich ebenfalls mit der behavioralen Ebene des Körperbildes. Wie oben bereits erläutert, zeigen sich auf dieser Ebene die Verhaltensweisen, die aus der kognitiven Ebene des Körperbildes resultieren. Konkret: Männer, die sich als zu wenig muskulös empfinden, gehen viel trainieren, um dies zu verändern. Demnach ist ihr Wunsch, muskulöser zu sein, enorm ausgeprägt und die daraus resultierende Bewertung des Ist-Zustandes ihres Körpers eher negativ. Folglich wird davon ausgegangen, dass Männer, die einen hoch ausgeprägten Wunsch danach haben, muskulös zu sein, ihr eigenes Körperbild hinsichtlich der optischen Erscheinung umso negativer einschätzen.

Dass sich dysfunktionale Kognitionen negativ auf die Psyche auswirken und längerfristig zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen führen können, wurde bereits in vorausgegangenen Kapiteln aufgeführt (vgl. 1.5.3). Darüber hinaus gibt es zahlreiche Studien zu Körperbild- und Essstörungen bei Frauen, die ebenfalls das Vorhandensein dysfunktionaler Kognitionen als auslösenden und aufrechterhaltenden Faktor nennen (Legenbauer et al., 2007). Nicht zuletzt setzt hier die Therapie zur Bewältigung der Störungsbilder an der kognitiven Umstrukturierung an, um verzerrte Überzeugungen, die sich negativ auf das Gemüt auswirken, zu durchbrechen und zu verändern. Patientinnen, die ihr Essverhalten wieder normalisieren konnten, jedoch nach wie vor unter einer durch dysfunktionale Kognitionen bedingte Körperbildstörung litten, hatten ein deutlich höheres Rückfallrisiko (Vocks, 2008). Auch hier bedarf es Studien, die den Zusammenhang analog an männlichen Stichproben überprüfen. Dennoch wird auf Basis vorhandener Studien, die immer wieder die Parallelen zwischen der Anorexia Nervosa bei Frauen und der Muskeldysmorphie bei Männern betonen, davon ausgegangen, dass es ebenfalls bei Männern einen positiven Zusammenhang zwischen der Ausprägung dysfunktionaler Kognitionen und einem negativen Körperbild gibt (Pope, Katz & Hudson, 1993).

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Ende der Leseprobe aus 108 Seiten

Details

Titel
Der Zusammenhang zwischen dem Körperbild, Streben nach Muskulosität und dysfunktionalen Kognitionen bei Männern
Hochschule
Hochschule Fresenius; Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
108
Katalognummer
V1003416
ISBN (eBook)
9783346381156
ISBN (Buch)
9783346381163
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zusammenhang, körperbild, streben, muskulosität, kognitionen, männern
Arbeit zitieren
M. Sc. Sonja Iris Pütz (Autor:in), 2020, Der Zusammenhang zwischen dem Körperbild, Streben nach Muskulosität und dysfunktionalen Kognitionen bei Männern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003416

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