Die Vergegenwärtigung der Dialektik der Aufklärung in Fällen von krisendynamischem Antisemitismus


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2021

16 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Zusammenarbeit von Horkheimer und Adorno

III. Rassismus und Antisemitismus

IV. Antisemitismus als Begriff in der Dialektik der Aufklärung

V. Ausblick

VI. Bibliografie

Die Vergegenwärtigung der Dialektik der Aufklärung in Fällen von krisendynamischem Antisemitismus

Überarbeitete Fassung.

I. Einleitung

Sobald sich die wirtschaftliche Situation der Menschen negativ entwickeln könnte, erstarken die an den äußersten Rand gerückten Parteien. Dieses Verhalten rührt nach John Bargh, einem zu diesem Thema forschenden Professor der Universität Yale, aus dem tiefen Bedürfnis nach Sicherheit her: „‘Menschen werden konservativer, wenn sie sich in irgendeiner Hinsicht bedroht fühlen‘“1. Nun können Individuen auch durch scheinbar willkürliche, außerhalb ihres Wirkungskreises liegende Phänomene ins Unglück stürzen, jedoch soll sich dieser Text auf die eindeutig durch den Menschen und damit künstlich verursachten Katastrophen, etwa in Form von Wirtschafts-, Immobilien- und Finanzkrisen2 fokussieren und nicht auf höhere Gewalt. Übereinstimmt Barghs These weitgehend auch mit der medial vermittelten Information über politische Veränderungen, konkretisiert der Bonner Wirtschaftsökonom Moritz Schularick diese Aussage mit der Feststellung, dass etwa das erhöhte Aufkommen der politisch Rechten direkt „[…] [mit einer] Angst“3 zusammenhänge, wenn „Menschen […] ihr Geld […] verlieren [könnten]“4.5 Obwohl Schularik „Daten der vergangenen 140 Jahre“6 in seiner Studie miteinbezieht, würden seinen Erkenntnissen nach, selbst ein angeschlagenes „Wirtschaftswachstum […] [und erhöhte] Arbeitslosenzahlen“7 das politische Verhalten weniger beeinflussen als konkrete „Bankenprobleme“8: „‘In diesen anderen schweren Krisen fallen die politischen Reaktionen nicht so extrem aus‘"9.10 Diese Differenzierung in Bezug auf die Reaktion der Bevölkerung auf Krisen zeigt einen entscheidenden Aspekt auf: Obwohl stets eine wechselseitige Beziehung zwischen finanziellen Krisen und Arbeitslosigkeit – beides bewegt sich innerhalb einer kapitalistischen Abhängigkeitssphäre – besteht, scheinen Menschen nicht zwingend dieselben Konsequenzen bezüglich ihrer politischen Einstellung zu ziehen, wie sie es bei Bankenkrisen machen. Der Faktor des Bankenwesens überstrahlt demnach andere Kräfte, obwohl diese nicht minder mit finanziellen Sorgen in Verbindung zu bringen sind.

Das Phänomen der Erstarkung des Antisemitismus muss jedoch nicht zwingend einer tatsächlichen oder potenziellen Armutssituation entspringen, auch auf der entgegengesetzten Seite der wohlhabenden Gesellschaftsschichten finden sich Anhänger und Förderer des rechten politischen Spektrums. Obgleich deren Finanzen, Eigentum und Güter deutlich stabiler aufgestellt sind als jene der hilfebedürftigen Bevölkerung, führen Horkheimer und Adorno dies durchaus weniger auf Verlustängste als auf das Streben nach einer Maximierung des bestehenden Wohlstands zurück. Die Autoren greifen hier auf die Anfänge des modernen Kapitalismus zurück: In auffallend protestantischer Manier verändern die Bevorrechteten ihr Gebaren gegenüber dem Sujet der Arbeit und stellen sich auf vermeintliche Augenhöhe mit ihren Arbeitern.11

Waren in früheren Epochen die Herrschenden unmittelbar repressiv, so daß sie den Unteren nicht nur die Arbeit ausschließlich überließen, sondern die Arbeit als die Schmach deklarierten, die sie unter der Herrschaft immer war, so verwandelt sich im Merkantilismus der absolute Monarch in den größten Manufakturherrn. [...] Die Herren als Bürger haben schließlich den bunten Rock ganz ausgezogen und Zivil angelegt. Arbeit schändet nicht, sagten sie, um der der andern rationaler sich zu bemächtigen. Sie selbst reihten sich unter die Schaffenden ein, während sie doch die Raffenden blieben wie ehedem. [...] Er nannte sich den Produzenten, aber er wie jeder wußte insgeheim die Wahrheit.

Die produktive Arbeit des Kapitalisten [...] war die Ideologie, die das Wesen des Arbeitsvertrags und die raffende Natur des Wirtschaftssystems überhaupt zudeckte. Darum schreit man: haltet den Dieb! und zeigt auf den Juden. Er ist in der Tat der Sündenbock, nicht bloß für einzelne Manöver und Machinationen, sondern in dem umfassenden Sinn, daß ihm das ökonomische Unrecht der ganzen Klasse aufgebürdet wird.12

Einen weiterführenden Gedanken stellt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus und der Dialekt der Aufklärung in Hinblick auf den, von der Kapitalgenerierung betont abweichenden, Antisemitismus dar, wie es bei der s. g. Anastasia-Bewegung vorgelebt wird.13 Eigentum spielt in der antisemitischen Rhetorik der Blut- und Boden-Ideologie eine wesentliche Rolle, hier handelt es sich um Flächengewinnung resp. Rückgewinnung für Gleichgesinnte. Auf diesem Grundbesitz soll schließlich eine Art der landwirtschaftlichen Selbstversorgung entstehen, möglichst unabhängig von der Außenwelt. Abweichend von einem direkten monetären Bezug, hebt die Anastasia-Bewegung in diesem Kontext die Wiederherstellung der Nähe zwischen den Menschen und der Natur hervor – ein identitätsstiftender Appell. Die Gefahr bei dieser Bewegung liegt in der propagierten s. g. Hippie- bzw. Ökomentalität, was zu einer Verharmlosung, Fehlinterpretation resp. Verschleierung des tatsächlichen antisemitischen Kerns führen kann.

Rückwärtsgewandtheit verstärkt die Hoffnung auf eine vermeintlich bessere Zeit, wie sie in der Erinnerung vor jeglicher aktuellen Krise gewesen zu sein schien. Dabei wird die tatsächliche, der Krise vorangegangene Phase, in dieser sich erst verschiedene Fehlentwicklungen kumulieren konnten, beispielsweise aufgrund von jahrelangem Missmanagement, außer Acht gelassen und erneut herbeigesehnt.14 Entbehrt sich diese Denkweise bereits jeglicher Reflexion, stellt eine hinzukommende unzureichende Suche nach den Verursachern eine weitere fehlgeleitete Strategie der Problemaufarbeitung dar. Es liegt nahe, im Falle von durch Menschenhand verursachte Katastrophen verantwortliche Personen finden zu wollen, neben der Motivation hinsichtlich des Gerechtigkeitsverlangen, lenkt eine solche Nachforschung auch das Augenmerk von einem selbst ab. Problematisch wird diese Suche jedoch in jenem Moment, in dem Mutmaßungen zu einer vermeintlichen Mitverantwortung bereits ausreichen, um Schuldige auszumachen. Diesem Vorgehen liegt etwas zeitloses inne: „‘ Wenn Vertrauen und Verlässlichkeit schaffende Ordnungskonzepte brüchig werden, dann wachsen Schutzbedürfnisse und die individuelle wie kollektive Wehrbereitschaft ‘“15. Mit anderen Worten wird hier eine Art „Selbstjustiz“16 verübt, entweder bevor oder nachdem jemand einer Straftat überführt wird resp. im Falle eines ausbleibenden juristischen Verfahrens. Inwiefern es sich dabei tatsächlich um eine Straftat handelt oder eher um eine Art der subjektiv wahrgenommenen Ehrverletzung, spielt hierbei keine relevante Rolle. Was zu früheren Zeiten als physische Hetzjagd oder mittels eines „Pranger[s]“17 durchgeführt worden ist, zeigt sich heute vor allem in Form des s. g. digitalen Vigilantismus.18

Ein Akt des Beschämens und Demütigens ist stets eine Ausübung von Macht; er stellt ein Sich-Erheben über denjenigen, der beschämt und gedemütigt wird, dar, und kommt somit einem Akt der Selbst-Aufwertung bzw. Selbst-Affirmation gleich […].19

Bei Schuldzuweisungen ohne zwingend notwendiger Beweise bieten sich Minderheiten in der Funktion der Sündenböcke an, deren Lobby kleiner, deren Verteidigungsmechanismen schwächer und deren Ruf – unabhängig davon, ob begründet oder willkürlich festgelegt – sich bereits als gesellschaftlich schädlich etabliert hat. An dieser Stelle spielt zudem der Faktor der Geschwindigkeit eine wesentliche Rolle, auch wenn Menschen, im Gegensatz zu Maschinen, kaum vermögen, qualitativ hochwertige Ergebnisse in besonders kurzer Zeit zu erzielen. Diese Schwachstelle bei der Suche nach angeblich Schuldtragenden soll ebenfalls nicht hinterfragt werden, kann auch kaum, wird das Endergebnis schließlich rasant angefertigt und veröffentlicht. Je schneller die Schuldfrage folglich beantwortet werden kann, desto eher lässt sich der Zorn in eine bestimmte – und nicht zwingend richtige – Richtung kanalisieren und projizieren, um eine vermeintliche Gerechtigkeit herzustellen.

Stellt man eine solche These in Zusammenhang mit diversen Krisen des noch jungen 21. Jahrhunderts, deren unmittelbare Folgen sich auf finanzieller und stets emotionaler Ebene bemerkbar gemacht haben, mit einer einhergehenden Erstarkung rechtspopulistischer Parteien, zeigen sich offenkundliche Parallelen bzgl. der Geisteshaltung des Volkes, die sich speziell im deutschen und österreichischen Raum der 1930er Jahre etablieren konnten und Dekaden vorher angekündigt hatten.

II. Die Zusammenarbeit von Horkheimer und Adorno

Dieser Text skizziert anhand des Kapitels Elemente des Antisemitismus aus dem Werk Dialektik der Aufklärung Anhaltspunkte für die Tendenz der breiten Masse, sich mit einem vermeintlich stabilen Rettungsanker aus einer wirtschaftlichen Krise herausziehen zu wollen, eine zunächst naheliegende, jedoch gleichzeitig folgenschwere Entscheidung, die sich im Endeffekt gegen sich selbst richtet. Schließlich lassen sich Krisen, wie bereits erwähnt, nicht erst anhand ihres Zenites erkennen – das ist höchstens der Zeitpunkt, an dem ein Point-of-no-return erreicht worden ist und ein Zurückrudern, das Anbringen von Korrekturen oder eine Verschleierung nicht mehr möglich ist. Viel mehr kündigen sich die Anfänge einer solchen Katastrophe lange vorher an, weshalb eine eilig generierte Lösung kein adäquates Mittel zur Problembewältigung darstellen kann. So sollte von einem längst anschwellenden Unmut innerhalb der Bevölkerung bzgl. wirtschaftlicher, politischer und geistiger Fehlentwicklungen sowie einen damit einhergehenden Anstieg antisemitischer Tendenzen ausgegangen werden, dessen Übergang in die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz selbst frühe demokratische Tendenzen ablösen konnte: Der Auswuchs des faschistischen Geistes der 1930er Jahre zeigt seinen Höhepunkt mit dem Einzug der vom Volke gewählten NSDAP als federführende Partei in den Reichstag auf.20

'Machtergreifung' ist ein gängiger Begriff für den Prozess, an dessen Ende Adolf Hitler 1933 Reichskanzler ist. Ganz so, als hätten die Deutschen mit dem gescheiterten Kunstmaler aus Österreich wenig zu tun. Ganz so, als sei er unverhofft aus Braunau am Inn herangezogen wie ein Gewitter und habe die Macht mal eben ergriffen, um Europa ins Unglück zu stürzen.

Am 31. Juli 1932 geben 37,3 Prozent der Deutschen in freien Wahlen ihre Stimme der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), mehr als ein Drittel also.21

[...]


1 Martin Lindemann: Politische Einstellungen in der Corona-Krise. Die Rückkehr des Konservativen. In: Saarbrücker Zeitung [online], 27.04.2020. https://www.saarbruecker-zeitung.de/nachrichten/politik/inland/politische-einstellungen-in-der-corona-krise-die-rueckkehr-des-konservativen_aid-50271693 (Stand: 29.08.2020).

2 Anmerkung: Der Begriff Krise soll innerhalb dieses Textes in pauschalisierter Form, wie dieser i. d. R. medial an Rezipienten/innen vermittelt wird, Anwendung finden.

3 Zacharias Zacharakis: Finanzkrise. Im Zweifel rechts. In: Zeit Online, 09.03.2016. https://www.zeit.de/wirtschaft/2016-03/finanzkrise-einfluss-politik-extreme-angst-rechtsextremismus-linksextremismus-oekonomie (Stand: 04.09.2020).

4 Ebd.

5 Vgl. ebd.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Schularik geht von einem Anstieg von „durchschnittlich [...] bis zu 30 Prozent” aus. Ebd.

11 Vgl. Theodor W. Adorno; Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. In: Società Filosofica Italiana., S. 72. https://giuseppecapograssi.files.wordpress.com/2013/08/dialektik_aufklaerung.pdf (Stand: 31.08.2020).

12 Ebd., S.72.

13 Vgl. Christoph Wagenseil: Reaktionär, konservativ oder progressiv? Ein Glossar. Teil 1: Dialektik von Moderne und Mythos. In: Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst e. V. (REMID). https://www.remid.de/blog/2019/04/reaktionaer-konservativ-oder-progressiv-ein-glossar-teil-1-dialektik-von-moderne-und-mythos/ (Stand: 15.12.2020).

14 Anmerkung: Auch in Hinblick auf die von der Natur ausgehende Desaster, die innerhalb dieses Kontextes keine weitere Erwähnung finden, sollte der Vollständigkeit halber auf die übereinstimmende Qualität mit den ökonomischen Krisen hingewiesen werden: Pandemien, Überbevölkerung, Artensterben, Verschiebungen von Erdplatten, Erdbeben, Flutwellen, Vulkaneruptionen, Wetterkapriolen etc. stellen mit heutigen Erfassungstechniken keine Überraschungen mehr dar, sondern wissenschaftlich nachvollziehbare Folgen von naturbezogenen oder künstlichen (menschliche Eingriffe) Prozessen. Das Argument des Plötzlichen, der Überrumpelung, des Unvorhersehbaren ist somit auch hierbei obsolet; Wenige (noch) nicht erforschte Phänomene an dieser Stelle weitgehend ausgeschlossen.

15 Ronald Hitzler: Bürger macht mobil: Über die neue soziale Sicherheits-Bewegung. Forschungsjournal Neue Soziale Bewegung, 1993, 6(3—4), S. 19. In: Kerrin-Sina Arfsten: Digitaler Vigilantismus. Hervorh. im Orig. In: Thomas-Gabriel Rüdiger; Petra Saskia Bayerl (Hg.): Cyberkriminologie. Wiesbaden: Springer VS (2020), E-Book, S. 579.

16 Ebd., S. 548.

17 Arfsten, Digitaler Vigilantismus, S. 574.

18 Vgl. ebd.

19 Ebd., S. 576. Mit zusätzl. Verweis im Original auf: Vgl. Steven A. Kohm (2009). Naming, shaming and criminal justice: Mass-mediated humiliation as entertainment and punishment. Crime Media Culture, 5(2), S. 198.

20 Vgl. Hellmuth Vensky: NSDAP-Übernahme. Als das Volk für Hitler die Demokratie abwählte. In: Zeit Online, 31.07.2012. https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2012-07/weimarer-republik-nsdap-reichstagswahl (Stand: 09.09.2020)

21 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Vergegenwärtigung der Dialektik der Aufklärung in Fällen von krisendynamischem Antisemitismus
Autor
Jahr
2021
Seiten
16
Katalognummer
V1003738
ISBN (eBook)
9783346382542
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus, Horkheimer, Adorno, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik, Dialektik der Aufklärung, Nationalsozialismus, Reflexion, Politik, Elemente des Antisemitismus, Kritische Theorie, Sozialphilosophie, Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft, Krise, Krisen, Wahlen, Wirtschaft, Judentum, Memmi, 1930, 1944, Europa, American Jewisch Committee, AJC, Bankenkrise, Wahlverhalten, Angst, Rassismus, Geld, Geisteswissenschaft, Exil, Exilliteratur, Krisenmanagement, Mißmanagement, Missmanagement, Einfluss, beeinflussend, dynamisch, Dynamik, krisendynamisch, Vergegenwärtigung
Arbeit zitieren
Dr. phil. Tiffany Kudrass (Autor), 2021, Die Vergegenwärtigung der Dialektik der Aufklärung in Fällen von krisendynamischem Antisemitismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003738

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