Weber und Charisma. Welche Rolle spielt es in der Geschichte am Beispiel von Tito?


Seminararbeit, 2000
14 Seiten

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INHALT

ERSTER TEIL
Einleitung
1) Charakter der charismatischen Herrschaft
2) Charakter des Verwaltungsstabes
3) Charakter zum Recht.
4) Charakter zur Wirtschaft
5) Veralltäglichung des Charismas

ZWEITER TEIL
Einleitung
1) Tito’s ‘vorrevolutionäre’ Zeit
2) Tito’s Engagement in der Kommunistischen Partei bis zum Zweiten Weltkrieg
3) Der Zweite Weltkrieg und Tito’s Partisanenkampf
4) Tito’s Konsolidierung der Macht
5) Die Veralltäglichung des Charismas in Tito’s Herrschaft (Titoismus).
6) Conclusion

BIBLIOGRAPHIE

ERSTER TEIL

Einleitung

In zum größten Teil in Wirtschaft und Gesellschaft führt Weber seine methodologischen Definitionen aus, in der Form von Idealtypen. Ein großer Teil beschäftigt sich mit Formen der Herrschaft.

Für die historische Forschung ist wichtig, daß diese Idealtypen der Herrschaft, wie sie von Weber abgegrenzt werden, wirklich rein nicht in der Realität vorkommen, aber die Distinktion in charismatisch, erbcharismatisch, amtscharismatisch, patriarchal, bürokratisch, ständisch usw. gibt einen Definitionsrahmen, mit dem es dem Historiker leichter fallen sollte, Besonderheiten festzustellen und diese auch definieren zu können.

1) Charakter der charismatischen Herrschaft

In Wirtschaft und Gesellschaft definiert Weber Charisma folgendermaßen: „ Charisma soll eine als außeralltäglich [...] geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ‘Führer’ gewertet wird.“ 1

Daraus lassen sich zwei grundsätzliche Charakteristika herausarbeiten: die Außeralltäglichkeit und die Hervorhebung der Persönlichkeit.

Damit unterscheidet sich die charismatische Herrschaft von der traditionellen und der legalen Herrschaft. Im Gegensatz zur legalen Herrschaft ist die charismatische Herrschaft personenbezogen und im Gegensatz zur traditionellen Herrschaft ist die charismatische Herrschaft ein außeralltägliche Form.

Was ist also dementsprechend eine charismatische Person?

Als erstes ist zu beachten, daß das Charisma einer Person von der Bewertung der Anhänger oder Jünger abhängig ist, und dementsprechend nicht objektiv zu bewerten ist. Dies kann in verschieden Formen passieren:

Offenbarungen, die ihm zuteil werden, magische oder hellseherische Fähigkeiten, die zum Anlaß genommen werden, diese Person als gottgesandt und vorbildlich anzusehen.

Die reinsten Typen der charismatischen Herrschaft sind Propheten, Kriegshelden und Demagogen. Die Anhänger gehorchen deswegen kraft persönlichen Vertrauens in die Führerperson.

Die Legitimitätsregelung der charismatischen Herrschaft beruht also ausschließlich „ auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person.

Ebenfalls wichtig zu beachten ist, daß der Charismaträger abhängig ist, von ‘Gottesgnadentum’. Das heißt, dafür, daß der Herrscher als Führer anerkannt und akzeptiert wird, ist ein einmaliges Wunder nicht ausreichend. Er muß seine charismatischen Qualitäten seinen Anhängern von Zeit zu Zeit unter Beweis stellen, um damit auch weiterhin die Anerkennung von den Beherrschten zu erlangen.

Weber unterscheidet diese Form der Anhängerschaft in der charismatischen Herrschaft von der Vergesellschaftung in der legalen Herrschaft. Die Anhänger bilden eher eine Vergemeinschaftung, die eine „psychologische eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene gläubige, ganz persönliche Hingabe“2 ist. Dementsprechend ist sie nicht Legitimitätsgrund sondern Pflicht.

Zusätzlich erwähnt Weber noch die demokratische Legitimität, die besonders für Studien innerhalb der neueren Geschichte interessant ist. Darunter versteht er, daß bei zunehmender Rationalisierung des Staates die Folge der Pflichtlegitimität diese Anerkennung als Legitimätsgrund gesehen wird.

Durch die „ Designation durch den Verwaltungsstab“3 und durch die „Anerkennung der Gemeinde selbst als Wahl“4 ist der Herr nun frei gewählter Führer. „ Der wichtigste Übergangstypus ist: die plebiszitäre Herrschaft. Sie hat ihre meisten Typen in dem „Parteiführertum“ im modernen Staat. [...] Sie besteht überall da, wo der Herr sich als Vertrauensmann der Massen legitimiert fühlt und als solcher anerkannt ist.“5

Günther Roth hat den Vorschlag gemacht, „zwischen transepochalen und historischen Aspekten des Charismas zu unterscheiden. Zu den ersteren rechnet er die außeralltäglichen Eigenschaften des

„Führers“ und die Struktur der von diesem gestifteten charismatischen Vergemeinschaftung; zu den letzteren zählt er die inneren Veränderungen, die sich im Prozeß der Rationalisierung am Charisma selbst vollziehen.“6

Diese ‘transepochalen’ Aspekte des Charismas erscheinen in vielen Bereichen, die in der Soziologie in die Kategorien Verwaltungsstab, Wirtschaft und Recht unterteilt werden. Diese Unterscheidung in transepochal und historisch ist nicht unangebracht, Weber spricht vom revolutionären Charakter der charismatischen Herrschaft, die dann veralltäglicht, und somit rational wird und dann unter traditioneller oder legaler Herrschaft eingestuft wird. Diese Unterscheidung kann auch formuliert werden in kurzfristige und langfristige Entwicklungslinien, also: die außeralltäglichen Qualitäten eines Führers bringen zuerst revolutionären Wandel, diese revolutionären Entwicklungen werden zwangsläufig veralltäglicht, also rationalisiert und institutionalisiert und bergen dementsprechend längerfristige Veränderungen. Doch zur Veralltäglichung des Charismas an späterer Stelle.

2) Charakter des Verwaltungsstabes

Der Verwaltungsstab der charismatischen Herrschaft läßt sich am ehesten dadurch charakterisieren, durch was er sich nicht auszeichnet. Zuerst findet man im Verwaltungsstab innerhalb einer Herrschaft charismatischer Prägung kein geschultes Fachpersonal. Es handelt sich vielmehr um Gefolgsmänner des Charismaträgers. Dementsprechend ist der Verwaltungsapparat auch nicht hierarchisch aufgebaut sondern abhängig von Ein-oder Abberufungen des Herrschers. Entscheidend ist die Hingabe der ‘Jünger’, nicht deren Stand oder Professionalität für ihre verwaltenden Aufgaben, die nach den jeweils gegebenen Bedürfnissen des Herrschers gewählt werden.

3) Charakter zum Recht

Im Rechtsbereich verhält es sich innerhalb der charismatischen Herrschaft ähnlich wie im Verwaltungsbereich. Der Satz „es steht geschrieben - aber ich sage euch“, ist sehr bezeichnend. Der Herrscher verkündet Gesetzte - oder wie Weber schreibt - eher Gebote, deren Anerkennung durch die Beherrschten pflichtmäßig ist. Die Gebote oder Gesetze leiten sich direkt vom Charisma des Herrschers ab. In der reinen Form wäre dies gleichzusetzen mit Gottesurteilen-und Verkündungen in den Augen der ‘Jünger’. Diese Rechtsschöpfungen fallen folglich sehr unterschiedlich aus - von Fall zu Fall. Die Grundlage ist, wie sie für die charismatische Herrschaft typisch ist, irrational und außeralltäglich. Im Gegensatz zur legalen Herrschaft gibt es keine Gesetzesgrundlage oder wie bei der traditionellen Herrschaft eine Gesetzesgrundlage, die auf althergebrachten Rechtstraditionen ruht. Weber beschreibt diese Eigenschaft als revolutionär, da die charismatische Herrschaft die Vergangenheit innerhalb dieses Bereiches umstürzt. Durch diesen revolutionären Charakter vermag sich die charismatische Herrschaft besonders in Krisensituationen durchzusetzen, wenn vom Führer erwartet wird, daß er vergangenen oder nie dagewesenen Wohlstand bringt.

4) Charakter zur Wirtschaft

Dies führt auch zum nächsten Punkt, der Wirtschaftsfremdheit innerhalb einer charismatisch geprägten Herrschaftsform. Trotz des Streben des Führers nach materiellem Ausbau seiner Herrschaft, muß er als erstes danach streben, die Bedürfnisse seiner Anhänger zu befriedigen. Im reinen Typus der charismatischen Herrschaft „wird die ökonomische Verwertung von Gnadengaben als Einkommensquelle verworfen“ (S. 142); doch Weber weißt sofort darauf hin, daß dies „freilich oft mehr Anforderung als Tatsache bleibt.“ (S.142) Doch die charismatische Herrschaft ist dadurch charakterisiert, daß sie auch die Veralltäglichung der Wirtschaft, also eine rationale Wirtschaft, ablehnt. Charismatische Herrscher greifen eher auf Gönnergaben zurück oder, im Falle von kriegerischen Charismaträgern, auf Erpressungen und Beutezüge.

5) Veralltäglichung des Charismas

Charismatische Herrschaften entstehen am ehesten in Notsituationen, sie ist stets „das Kind ungewöhnlicher äußerer, speziell politischer oder ökonomischer, oder innerer seelischer, namentlich religiöser Situationen oder beider zusammen, und entsteht aus der , einer Menschengruppe gemeinsamen, aus dem Außerordentlichen geborenen Erregung und aus der Hingabe an das Heroentum gleichviel welchen Inhalts.“7 Daher sind solche Herrschaftsformen extrem labil. Der Wunsch des Führers und der Beherrschten ist dann, diese einmaligen Zustände zu institutionalisieren und in ein alltägliches Dauerbesitztum zu verwandeln. Dafür gibt es drei treibende Motive. Erstens gibt es ein Streben nach der Sicherung der Herrenpositionen und wirtschaftlichen Möglichkeiten für die Gemeinde. Zweitens zwingen Alltagserfordernisse-und Bedingungen einer Verwaltung und der Rechtsprechung zur Anpassung. Das gleiche gilt, drittens, für die Wirtschaft. Auch sie muß sich den Alltagsbedingungen anpassen um zur Sicherung der Herrschaft beizutragen. Das Ineindanderfließen von Charisma und Tradition läßt sich dabei insbesondere häufig beobachten. „ Sobald die charismatische Herrschaft den sie vor der Traditionsgebundenheit des Alltags auzeichnenden akut emotionalen Glaubenscharakter und die rein persönliche Unterlage einbüßt, ist das Bündnis mit der Tradition zwar nicht das einzig Mögliche, wohl aber, zumal in Perioden mit unentwickelter Rationalisierung der Lebenstechnik, das unbedingt Nächstliegende, meist unvermeidlich. Damit scheint nun das Wesen des Charisma endgültig preisgegeben und verloren, und das ist, soweit sein eminenter revolutionärer Charakter in Betracht kommt, auch in der Tat der Fall.“ 8

„Das Charisma löst sich [...] von der ausschließlichen Bindung an eine Person, es wird überpersönlich und sachlich, zu einer Eigenschaft, die sich an Ideen, Programme und Institutionen heftet. Aus dem magischen und religiösen Charisma wird auf diese Weise ein Charisma der Vernunft, bei dem die personalen Träger nicht mehr als Personen, sondern als Represäntanten von Ideen zählen.“ 9

ZWEITER TEIL

Charismatische Herrschaft unter Tito

Einleitung

Die Herrschaft unter Josip Broz Tito (1892-1980), erst Premierminister (1945), dann Staatspräsident der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (1953-1945), zeigt eindeutige charismatische Züge. Er besaß mit Sicherheit eine außeralltägliche Persönlichkeit und Eigenschaften, die ihn zum ‘Führer’ des einheitlichen Jugoslawien machen sollten. Tito ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Zwanzigsten Jahrhunderts.

„ Er kämpfte im Ersten Weltkrieg, nahm an der Russischen Revolution teil, entkam knapp den Stalinistischen Säuberungen der 30er Jahre, wurde dann prominenter Führer des Guerilla Widerstands gegen die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkrieges, führte die Kommunistische Partei Jugoslawiens in ihrer erfolgreichen Herausforderung gegen Stalin 1948. As Oberhaupt des jugoslawischen Staates ab 1945 bis zu seinem Tode spielte er eine wichtige Rolle in der osteuropäischen Politik, warb für ein neues Modell des Sozialismus und war einer der Gründer der neutralen, paktlosen Bewegung.“10

Doch, wie Ströhm argumentiert, „ von daher stammt nicht nur ein großer der Autorität des jugoslawischen Partei-und Staatschefs. Auch die kultische Verehrung seiner Person gehört in dieses Bild.“11

1) Tito’s ‘vor-revolutionäre’ Zeit

Tito war Sohn einer kleinbäuerlicher Familie aus dem Dorf Kumroves im kroatischen Grenzland, damals noch Teil des Österreich-Ungarischen Reich. Bis zum Ersten Weltkrieg arbeitete er als Mechaniker in Zagreb, Slowenien und Wien. 1913 wurde er in die österreichische Armee berufen und nahm dann an der Offensive gegen Rußland als Hauptmann teil. Dort sollte er dann in russische Kriegsgefangenschaft geraten, und, da dort 1917 die bolschewistische Revolution ausbrach, in Berührung mit dem Kommunismus kommen. Wie so vieles im Leben von Tito, ist der Grund für die Annäherung an den Kommunismus unbekannt. „Sei es, daß der flüchtige Kriegsgefangene Broz zum Sympathisanten Lenins wurde, weil die Bolschewiki die Beendigung des Krieges forderten, sei es, daß für einen Mann in seiner Lage die extremen russischen Revolutionäre naturgemäß zu Verbündeten und Helfern werden mußten - das Resultat war eine unaufhaltsame Annäherung des Josip Broz an die Bolschewiki.“ 12 Es ist auch anzumerken, daß Tito kein Intellektueller war, und es soll sich noch zeigen, daß Teil seines Charismas die Eigenschaft war, Dinge pragmatisch und unsentimental von Fall zu Fall zu entscheiden.

1920 kehrte Josip Broz in die Heimat zurück, „um festzustellen, daß der Zusammenfall des Österreich-Ungarischen Reiches die Bildung eines neuen, unabhängigen Staates Jugoslawien möglich gemacht hatte.“ 13

Jugoslawien war nun das ‘Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen’ und mußte erleben, wie alte soziale Konflikte wieder aufbrachen. „ Jugoslawiens innere Probleme [...] entsprangen in erster Linie aus seiner unterschiedlichen Zusammensetzung verschiedener Nationalitäten, insbesondere des serbischen Strebens den neuen Staat zu dominieren und der kroatischen Ambitionen nach Autonomität oder sogar Unabhängigkeit.“ 14

Obwohl Tito in die neu gegründete Kommunistische Partei Jugoslawiens eintritt, ist seine politische Aktivität bis 1928 eher limitiert.

Die Jahre vor Tito’s politischer Aktivität sind für die Betrachtung seines Charismas enorm wichtig, da sie unvermeidlich zum Verständnis seiner späteren Handlungen sind. Die Einflüsse dieser Jahre auf seine Persönlichkeit, seine Erfahrungen im österreich-ungarischen Kaiserreich und dann die Begegnung mit dem russischen Kommunismus wie auch die innere Entwicklung Jugoslawiens sind Grundvoraussetzungen für seinen späteren Erfolg. Weber selber beschäftigt sich weniger mit der Entwicklung der Charismaträger, bevor es einen Einfluß auf die Gesellschaft oder historische Entwicklung hat. Bei einer historischen Betrachtung jedoch ist es wichtig zu betrachten, wie sich die Persönlichkeit entwickelt, um charismatisch zu werden. Charisma ist ja in der Regel keine Gabe, die von Himmel fällt, sondern sicher auch ein biographisches Resultat. Dem anzumerken wäre noch, daß eine Betrachtung Tito’s vor seiner Zeit als Partisanenführer Licht auf die Gründe wirft, warum Tito dann diese charismatische Ausstrahlung auf seine Anhänger ausübte.

2) Tito’s Engagement in der Kommunistischen Partei bis zum Zweiten Weltkrieg

Bis ungefähr 1928 ist Tito’s politisches Engagement also eher spärlich gewesen. Aus dem relativ bedeutungslosen Mechaniker und Gewerkschaftler Josip Broz entwickelt sich langsam der Tito, der sich von der Masse hervorhebt und dementsprechend außeralltäglich wird. Natürlich war dies keine Entwicklung, die sich über Nacht vollzog, Fitzroy Maclean kann einige Beispiele nennen, in denen Tito’s charismatische Erscheinung schon vor dieser Zeit deutlich wird. Nichtsdestotrotz, wenn man Tito’s politische Karriere betrachtet, so beginnt sein Charisma nun die Massen anzuziehen. 1919 hatte die Kommunistische Partei Jugoslawiens einen ungeheuren Ansprung ihrer Mitgliederzahlen erlebt, 1928 sank diese von 60.000 auf knapp 3.000. Die Gründe darin liegen in der staatlichen Unterdrückung und des Verbotes der Partei durch das Gesetz zur Verteidigung des Staates(1921). 1928 wird Tito das erste Mal von der Polizei aufgrund kommunistischer Tätigkeit verhaftet. Da war er schon zum Generalsekretär der KP in Zagreb avanciert. Fitzroy Maclean beschreibt, wie die Zeitgenossen Tito’s ihn damals sahen:

„ Er besaß eine zustimmende und unwiderstehliche Persönlichkeit und war beliebt bei seinen Kollegen, die zu gerne bereit waren, dem zuzuhören, was er zu sagen hatte [...]. Er selber sah Zusammenhänge klar und hatte die Gabe sie anderen leicht verständlich zu vermitteln. [...] Er sprach mit Autorität [und] seine Worte fielen auf fruchtbaren Boden.“ 15

with his fellow workers who listened readily to what he had to say. [...] He himself saw issues clearly and had the gift of putting them to others in simple terms. [...] He spoke with authority [and] his words fell on fertile ground.“

Tito muß eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen und wird 1934 wieder in die Freiheit entlassen. 1935 geht er nach Moskau, immer noch der absolut überzeugte Sowjet-Kommunist, um für die Komintern zu arbeiten. Trotz der Stalinistischen Säuberungen, die um ihn geschehen, bleibt er unbeschadet, wahrscheinlich auch deshalb, weil er versucht, im Hintergrund zu bleiben und einige Fürsprecher hatte ( Dimitrov). Tito wurde zu zweiten Mann in der kommunistischen Partei Jugoslawiens.

Auf Seite 141 von Wirtschaft und Gesellschaft spricht Weber vom Führungskampf innerhalb einer charismatischen Herrschaft. „ Sofern der Weisung eine konkurrierende Weisung eines Andern mit dem Anspruch auf charismatische Geltung entgegentritt, liegt letztlich nur durch magische Mittel oder (pflichtmäßige) Anerkennung der Gemeinschaft entscheidender Führerkampf vor, bei dem notwendig auf der einen Seite nur Recht, auf der anderen nur sühnepflichtiges Unrecht im Spiel sein kann.“ 16Tito’s erster ‘Führungskampf’ (Weber, S.141) wird in erster Linie von Stalin entschieden. Erster Generalsekretär der jugoslawischen Kommunistischen Partei war damals Milan Gorkic, einem Mann dem Tito entgegenstand. Im August 1935, auf dem Siebten Komintern Kongreß kam der Konflikt zwischen Tito und Gorkic schon zutage: Während der Diskussion „ über die Berufung eines jugoslawischen Mitgliedes in das Exekutive Komitee der Komintern [...] wurde entschieden ‘ durch die Instanz der jugoslawischen Delegierten’, daß der Name Josip Broz als volles Mitglied des Exekutiven Komtitees vorgeschlagen werden sollte und der Milan Gorkic’s als Anwärter. Der latente Konflikt zwischen Rank und Akte in der jugoslawischen Partei und seiner abwesenden Führer begann, konkrete Formen anzunehmen. Es kristallisierte sich in einen persönlichen Konflikt zwischen Milan Gorkic und Josip Broz.“17 Doch die endgültige Entscheidung über solche Fragen lag bei der Komintern, sprich, in Moskau und 1937 wird Gorkic nach Moskau berufen, wo er verhaftet und später ‘liquidiert’ wurde.

Ein weiterer Gegenspieler Tito’s war Petko Miletic, der versuchte, die Leitung der Kommunistischen Partei in Jugoslawien innerhalb eines Gefängnisses an sich zu reißen. Dieser versuchte, Tito in Moskau als Trotzkist zu beschimpfen, Tito konnte sich aber dagegen wehren und wurde 1939 als Erster Generalsekretär in Moskau bestätigt. 1940 kehrt Tito nach Jugoslawien zurück, nachdem er alle seine Konkurrenten abgeschüttelt hat - dank Stalin’s Säuberungen.

Trotz seiner tiefen Verbundenheit zum sowjetischen Kommunismus beginnt sich allerdings eine zweite ‘Außeralltäglichkeit’ bei Tito zu entwickeln, und zwar seine zuerst innere, dann aber auch äußerlich, beginnende Distanzierung von eben diesem. Zum einen versuchte er, die Führung der jugoslawischen KP zurück ins Land zu verlegen, zum anderen wollte er die finanzielle Unterstützung der jugoslawischen Partei von der Komintern - also der Sowjetunion einstellen lassen. 18

Zurück in Jugoslawien, beginnt Tito die KP als einheitliche Partei zu erhalten und sie systematisch aufzubauen . Bereits zu diesem Zeitpunkt hat Tito eine Gruppe ihm treuer ‘Jünger’ um sich versammelt, die ihm lange erhalten bleiben sollte. Diese Gruppe umfaßte Kardelj, Pijade, Rankovic, Djilas, Kidric, und andere. Sie stellen die Kerngruppe dar, die Weber für die Anerkennung einer charismatischen Führerfigur für essentiell hält, und ohne die es Tito nicht zur Macht gebracht hätte. 19 Bis zum Zweiten Weltkrieg steigen die Mitgliederzahlen der KP auf 12.000 Mitglieder und 20.000 Jungkommunisten in den Jugendorganisationen. Angemessen der instabilen internen Situation Jugoslawiens kann man diese Phase in Tito’s Wirken durchaus als außeralltägliche Hingabe der Anhängerschaft an einen charismatischen Führer bewerten, obgleich diese in keinem Verhältnis zum Zulauf während und nach seiner Partisanentätigkeit steht, Die Organisation der Partei und die personellen Entscheidungen lagen schon in Tito’s Händen, waren also weder auf Tradition noch auf Professionalität basiert und Subjekt seiner Führung.

3) Der Zweite Weltkrieg und Tito’s Partisanenkampf

Im September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus, und aufgrund des Hitler-Stalin Paktes blieb die Kommunistische Partei erst einmal in Wartestellung. 1940, auf einem Parteikongreß wurde Tito in seiner Position noch einmal bestätigt und das Ziel, Jugoslawien als Einheit zu bewahren, d.h. alle Nationalitäten zu vereinigen und kulturelle Unterschiede zu respektieren, formuliert. Außerdem sollte sich Jugoslawien im Kriegsgeschehen neutral verhalten. Doch Jugoslawien stand unter enormem Druck von seiten der Achsenmächte. 1941 wurde Jugoslawien innerhalb 11 Tage von den deutschen Truppen besetzt. Tito hielt sich solange in abwartender Haltung bis Hitler auch die Sowjetunion angriff. Im Juni 1941, wurde er also aktiv. Erst ab dann wurde zu aktivem Widerstand gegen die deutschen Besatzer ausgerufen. Der 4. Juli 1941 sollte später in der Föderativen Republik Jugoslawien jährlich als ‘Tag des Kämpfers’ zelebriert werden, der Tag, an dem der Partisanenkampf ausgerufen wurde, ein Merkmal des Personenkultes, der um Tito und seine Verdienste im Partisanenkampf mit Begeisterung gehalten wurde.

Jugoslawien befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer tiefen Notlage. Im September 1941 beginnt Tito den Partisanenkampf „aus dem Wald“20, „aus dem Untergrundkämpfer wird der militärische Führer, aus dem unbekannten Funktionär der Marschall, von dem die Welt spricht. Hier erweist sich auch, daß dieser Mann ein militärisches und politisches Talent ist.“ 21Diese Bewertung der Situation von Ströhm ist etwas zu rhetorisch und historisch nicht ganz korrekt, da Tito keineswegs nur ein unbekannter Funktionär mehr war, trotz allem spiegelt es das Bild, das später von Tito kreiert wurde und ein großer Teil seiner Legitimation wurde. Aber zurück zum Partisanenkampf. Nachdem Jugoslawien von den Deutschen okkupiert wurde, befand sich das Land im Chaos und die Lage wurde extrem komplex und soll daher hier nur oberflächlich behandelt werden. Tito hatte während des Kampfes gegen die Besatzungsmacht zwei Hauptgegner., was ein wenig zum Führerkampf, wie in Webers Wirtschaft und Gesellschaft erwähnt, zurückführt. Wichtig zu bemerken in diesem Zusammenhang ist auch, daß sich die Basis von Tito’s Wirken nun auf nationaler Ebene und nicht mehr auf parteiinterner Ebene bewegt.

Zum einen gab es die serbische Widerstandsbewegung der „Tschetniks“, unter der Führung eines der Hauptgegenspielers Tito’s, Draza Mihailovic. Sie repräsentierten ausschließlich das Serbentum, welches alle anderen Nationalitäten Jugoslawiens automatisch ausschloß und waren zudem militärisch schlecht organisiert. Die Chetniks waren keine einheitlich Gruppe und innerlich zersplittert. Die Kommunisten auf der anderen Seite repräsentierten das einheitliche Jugoslawien. Zuerst hatte Mihailovic die Unterstützung der Alliierten, doch als klar wurde, daß Mihailovic in erster Linie serbische Nationalinteressen verfolgte, stand Tito eher in deren Gunst.

Von besonderer Bedeutung ist auch die Utashi-Regierung im besetzten Kroatien, eine von den Deutschen eingesetzte Marionettenregierung. Diese faschistische Regierung ging mit einer solchen Brutalität vor, daß selbst die Deutschen davon geschockt waren. Ethnische Säuberungsmassaker gegen die Serben führten zu Racheakten der Chetniks und trugen zum absoluten Chaos in der Widerstandsbewegung nur bei. Was deutlich gemacht werden sollte ist, daß alle Widerstandsgruppen gegen die Deutschen geschwächt waren und den Kommunisten zu einem Vorteil verhalfen. Während die Chetniks nicht nur mit Nationalitätenfragen beschäftigt waren, sondern sich auch abwartend mit Sabotage auf Deutsche verhielten (aufgrund des Wartens auf alliierten Beistand und aus Angst vor Racheakten), boten die Kommunisten eine echte Alternative. Die organisierten Sabotageakte gegen die deutschen Truppen „ machten sich schließlich bezahlt. Die Alliierten wurden überzeugt, daß die Partisanen, und nicht die Chetniks, diejenigen waren, die die Deutschen bekämpften und daher militärische Unterstützung verdienten. Es machte ebenfalls Sinn, da die Partei danach strebte, weitverbreitete Unterstützung in gegen die Besatzungsmächte zu mobilisieren und präsentierten die Kommunisten als die Hauptverteidiger Jugoslawiens.“22 Michailovic wurde 1946 vor einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Tito’s führende Eigenschaften waren von nun an unangefochten, die stärksten Gegenspieler ausgeschaltet und bis zum Ende von seiner Herrschaft auch ideologisch verschmäht.

Doch wie wirkte sich Tito’s Charisma in seiner Position als Partisanenführer aus?

„ Tito verpflichtete sich dazu, die Basis für einen neuen kommunistischen Staat auszubauen und präsentierte den Alliierten mit einer fait accompli Situation nach dem Krieg.“ 23

Wann immer er einen Landstrich zurückerobert hatte, setzte er ein politisches Netzwerk ein, das von Kommunisten kontrolliert wurde. Aber er sorgte unter anderem auch für Lebensmittelnachschub und Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen. Da Hilfe aus der Sowjetunion lange ausblieb, mußte er selbst auch für die militärische Ausrüstung seiner Truppen sorgen. Zu seinem Vorteil konnte er eine ganze Menge italienischer Waffen für seine Truppen besorgen, die die sich zurückziehenden italienischen Truppen nicht mehr mitnehmen konnten. Zu diesem Punkt muß eine Alteration von Webers Idealtyp des charismatischen Herrschers in Beziehung zur Wirtschaftlichkeit gezogen werden. Zwar hatte Tito die italienischen Sachen zwar erbeutet, auf allen anderen Gebieten jedoch bewies er ökonomische Rationalität, ohne die eine Versorgung unter solchen Umständen gar nicht möglich gewesen wäre. Er war von Anfang daran interessiert, eine rationale Wirtschaft zu etablieren, Webers Beschreibung, daß charismatische Herrschaft durch die Ablehnung der rationalen Wirtschaft charakterisiert ist trifft also weder in dieser Situation noch in der Anfangsphase der Föderativen Republik Jugoslawiens zu.

Dank dieser organisatorischen Tätigkeit aber vor allem dank seiner persönlichen Überzeugungskraft konnte Tito Bevölkerungsgruppen begeistern, die nicht als unbedingt potentiell Kommunistische Sympathisanten waren. „Der Kampf in den Wäldern und Bergen hatte in den Reihen der Partisanen Begeisterung, Kameradschaft und ein Gefühl des eigenen Wertes und eigener Leistung geschaffen.“24 Was die partisanischen Truppen aber besonders auszeichnete, war ihre innere Hingabe und Disziplin.

„ Die Partisanen kämpften mit dem größten Mut und Selbstaufopferung, sie imposierten eine unbarmherzige Disziplin unter sich, waren aber auch extrem unbarmherzig ihren Feinden gegenüber.“25

Maclean beschreibt auch, wie in Zeiten der Verzweiflung ideologische Gespräche die Moral der Truppe wieder stärkten.

„ In Situationen wie diesen wurde ideologischer Stimmungsaufschwung kombiniert mit strikter Disziplin wichtiger denn je. [...] Wenn Einheiten schlaff waren und wenn die Motivation tief war, brachte die feste Hand der Partei alles wieder in Ordnung.“ 26

Natürlich war das Auftreten der Partisanen hart, „aber jene betrunkenen Ausschreitungen, wie sie die Armee der großen Sowjetunion praktizierte, gab es bei Titos Leuten nicht. [...] Heute kann man hinzufügen: Titos Truppen hätten kaum vier Jahre des Kampfes so erfolgreich durchgehalten, wenn sie nur Räuberbanden und Tito selber ein balkanischer Räuberhauptmann gewesen wäre.“ 27

Not und Verzweiflung, das waren sicherlich die Hautgründe, warum sich so viele Jugoslawen in ansteigender Zahl Tito’s Gruppen anschlossen. Tito wurde die unumstrittene Autorität und der kriegerische Erfolg sollte sein Leben lang einer der Hauptgründe der Legitimation seiner Anhänger sein. Der charismatische Kriegsherr ist sicherlich eine passende Beschreibung für ihn. Hinzu kommt noch die Legendenbildung um seine Person, zu der er auch um Verlaufe seiner Amtszeit immer wieder beigetragen hat. Ein Beispiel dafür ist die Schlacht am Mount Durmitor, als die Partisanen eingekesselt waren und nur unter größten Schwierigkeiten fliehen konnten. Dann marschierten sie durch Bosnien, und „ der lange Weg der Partisanen durch Bosnien und Montenegro, begleitet von einer Anzahl epischer Schlachten, wurde lebendig beschrieben von einigen jugoslawischen Partisanen und von einem britischen Liaison Officer.“

28 Erzählungen solcher Heldentaten sollten in der Föderativen Republik Jugoslawien unter Tito immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden und das Charisma Tito’s lebendig halten.

Die Alliierten waren die Ersten, die Tito zu Hilfe kamen, Stalin verhielt sich bewußt zurückhaltend. Diese Zurückhaltung entfremdete Tito von Stalin und vom Sowjetkommunismus. „Jetzt aber, in der Endphase des Zweiten Weltkrieges, fühlte er sich von einer Welle der Zustimmung und Treue an die Spitze einer Revolution getragen.“ 29 Diese Phase in der jugoslawischen Geschichte hat revolutionären Charakter, Tito und seine Partisanen hatten schon lange auf die Bildung eines politischen Fundaments für eine Regierung nach dem Krieg gearbeitet und dies sollte ohne direkte Kontrolle, also aus eigener Kraft geschehen. Für Jugoslawien war 1944 der Krieg beendet, und jetzige jugoslawische Staats-und Parteichef begann, sehr selbständig vorzugehen.

4) Tito’s Konsolidierung der Macht

Wie Ströhm argumentiert, ergab sich diese radikale, revolutionäre jugoslawische Haltung aus dem raschen Sieg, den Tito über die bürgerlich-demokratischen und rechtsgerichteten Kräfte in Jugoslawien errang.30 Die Kommunistische Partei hatte jetzt die einzige effektive Kontrolle inne und begann sofort alle ihr feindlich gesinnten Elemente auszumerzen. Im November 1945 wurden Wahlen für ein konstitutionelles Parlament gehalten. Obwohl die Kommunisten ihrer Unterstützung eigentlich hätten sicher sein können, gab es nur eine Einheitsliste von der alle oppositionellen Parteien gebannt waren. Man findet hier den Übergangstyp der plebiszitären Herrschaft: durch die Wahl fühlte sich Tito als legitimer Herrscher über die Massen.

„Tito begann schnell mit der Bildung einer kommunistischen Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild, mit einem Eifer und einer Unbarmherzigkeit die ihren Ursprung in seiner ideologischen Verpflichtung und der bitteren Erfahrungen des Krieges fand.“31 Obwohl die westlichen Mächte Tito als Marionette Stalins sahen, traten doch die ersten Unterschiede zutage. Er berief eine rein kommunistische Regierung, und drang auf ein rasches Programm der Nationalisierung der Wirtschaft. Hier sei wieder auf denwirtschaftlichenCharakter Tito’s Herrschaft hingewiesen. In wirtschaftlicher Hinsicht war die Übergangsphase also so fließend, daß man die unwirtschaftliche Phase seiner charismatischen Herrschaft nicht genau ausmachen kann.

Dadurch wurde Jugoslawien 1948 von der Kominform ausgeschlossen, und führte Tito in eine Krise über die Einheit der Partei und seiner Führungsposition. Doch, die Herrschaft Titos war schon zu gefestigt und „die Mehrheit der jugoslawischen Partei auf allen Ebenen schloß sich Tito an, motiviert durch die gemeinsamen Erfahrungen der Kriegsjahre, durch nationalen Stolz und durch Respekt für ihren Führer.“32

5) Die Veralltäglichung des Charismas in Tito’s Herrschaft (Titoismus)

Nachdem Tito sich von Stalin distanziert hatte, begann Jugoslawien einen dritten Weg zu gehen. Jugoslawien wurde weder westlich kapitalistisch noch sowjetisch kommunistisch, sondern suchte nach einer Zwischenlösung, die „ an alte, teils marxistische, teils syndikalistische Ideen [anknüpfend] - zumindest in der Theorie - die Abschaffung des Staates ankündigte“ 33 Tito strebte nach Dezentralisierung, nicht nur für Staatsfunktionen und Institutionen, sondern auch in der Separation von Staats-und Parteipersonal.

Nach den chaotischen Verhältnissen vor und während des Zweiten Weltkrieges war der Wunsch, die einmaligen Zustände zu institutionalisieren und in ein alltägliches Dauerbesitztum zu verwandeln treibende Kraft. Vor allem auf dem Gebiet der Wirtschaft läßt sich dies beobachten. Schon 1950 wurde das Prinzip der Selbstverwaltung der Arbeiter auf alle Arbeitstypen ausgeweitet. „ Eine zweite Welle von Reformen erschien in den 60er Jahren, welche einen radikaleren Schritt beinhaltete um Regierungskontrolle über die Wirtschaft mitsamt Marktregulation ersetzen sollte. Dies erneuerte den Druck für eine Trennung von Staat und Partei und für innere Parteidemokratie.“ 34

Wie vorher schon erwähnt, läßt sich Tito’s charismatische Herrschaft auf wirtschaftlichem Gebiet nicht unbedingt mit Weber’s Idealtyp vergleichen. Von Beginn an wurde versucht, gerade auf diesem Gebiet Rationalität, System und Organisation zu erreichen, wo auch immer es die Umstände erlaubten. In dieser Periode wurde der eminent revolutionäre Charakter Tito’s aufgegeben und machte einer breiten Institutionalisierung Platz. Um dies zu etwas genauer auszudrücken: Der dritte Weg, den Jugoslawien unter Tito einschlug, war an sich revolutionär, doch die Anpassung an den Alltag machte diese Staatsform des Sozialismus für die Bürgerinnen und Bürger Jugoslawiens zu einem alltäglichen und institutionalisierten Zustand.

Was das Verhältnis zum Recht anbelangt, liegt die Bewertung im Vergleich zu Weber’s Idealtyp irgendwo in der Mitte. Während der Partisanenzeit konnte man ohne Probleme sagen, daß Tito’s Autorität soweit ging, daß „ es steht geschrieben - aber ich sage Euch“ zutrifft. Während seiner Amtszeit jedoch wurde auch das Rechtswesen auf eine legale Grundlage gestellt, trotzdem behielt Tito zumindest den Anspruch auf das letzte Wort, dank seiner charismatischen Autorität und seiner auf Lebenszeit gesicherten Position als Staatspräsident.

Der Punkt, der jedoch am meisten ins Auge springt, wenn man Tito’s Zeit als jugoslawischer Präsident betrachtet, ist der Kult, der um seine Person gemacht wurde. Tito schien absolut unfehlbar zu sein. 1953 trennte er sich von seinem langjährigen Weggefährten Djilas über Methoden der Parteiführung. Zu diesem Zeitpunkt hat er aber schon eine solche Autorität, daß er auf Anhänger der ersten Stunde verzichten konnte. 1966 muß er sich dann von einem weiteren der ersten Weggefährten trennen, von Rankovic, dem Chef der Geheimpolizei, und es erging eine Welle der Liberalisierung über Jugoslawien. Am kritischsten war jedoch das Wiederaufleben der kroatischen Nationalbewegung. Die Krise konnte beigelegt werden, Tito verstärkte die interne Parteidisziplin und alarmierte die Polizeibereitschaft. Zum einen zeigt diese Situation den ambivalenten Charakter von Tito’s charismatischer Herrschaft zum Recht, zum anderen aber auch, daß Tito der „ einzig wahre Jugoslawe war, der übriggeblieben war und durch seine symbolische Rolle und sein Prestige das Land zusammenhielt.“ 35

In seinen letzten Lebensjahren verfiel ein wenig von Tito’s Charisma. Die erste Generation seiner Anhänger war gestorben, und da Tito auch aufgrund seines Alters nicht mehr so wundervollbringend und energetisch war, sah in die jüngere Generation „ den alten Mann mit weniger Zuneigung und mehr Ungeduld.“ 36

Tito als Person selber wurde jedoch kaum kritisiert. Sein Charisma war extrem stark und alle Verantwortlichkeit über die Probleme, mit denen Jugoslawien konfrontiert wurde, wurde ihm nicht persönlich angelastet. Ganz im Gegenteil, die Verehrung seiner Person war enorm. Natürlich tat er auch viel daran, dies zu forcieren, Legenden rankten schon zu Lebzeiten um ihn. Doch erstaunlicherweise brauchte es keinen massiven Propagandaapparat um dieses öffentliche Bild von ihm zu intensivieren. Der Tag des Kampfes und sein Geburtstag am 25. Mai waren Nationalfeiertage, die jedes Jahr enthusiastisch begangen worden.

Trotz allem wurde schon zu seinen Lebzeiten deutlich, daß er die Verkörperung Jugoslawiens als einheitlicher Staat war. Vier Jahre vor seinem Tod war man sich schon bewußt, daß „ Tito’s Problem heute Tito heißt. Die schwerste Herausforderung, der sich Jugoslawien heute gegenüber sieht, ist, daß es nach Tito keinen Tito geben kann. Erst in der Stunde X kommt die Bewährungsprobe für Titos Staat und Partei.“37 Allein dies ist schon ein Beweis, daß sich Tito’s Charisma von der Person abhieb und zur Repräsentation einer Staatsform wurde. Tito selber war so schlau, keinen Nachfolger zu ernennen und wie die Realität dann auch zeigte, überlebte Jugoslawien ohne Tito nicht lange. Tito mit seiner charismatischen Persönlichkeit hatte das Land zusammengehalten, danach ergab sich kein Nachfolger und die lange unterdrückten Probleme traten wieder an die Oberfläche.

6) Conclusion

Heute ist uns Tito als legendärer, international bekannter Staatsmann im Gedächtnis. Es geht in diesen Ausführungen nicht darum, seine Herrschaft nach westlichen moralischen Standpunkten zu bewerten. Vielmehr ist es eine Applikation von Weber’s Charismakonzept auf eine historische Persönlichkeit. In dieser Hinsicht zeigt es, daß Charisma eine sehr große Bedeutung in der Geschichte hat. Träger charismatischer Eigenschaften haben viel bewegt und große Eindrücke in der Geschichte hinterlassen. Vor allem in der Diskussion um individuelle Tribute im Verlauf der Geschichte zeigt sich, das Charisma einen großen Impakt hat. Charisma ist eine Eigenschaft, die nur wenigen Personen zuteil wird, und gerade diese Besonderheit macht Zeiten charismatischer Herrschaft so speziell und häufig auch revolutionär. Damit es zu einer charismatischen Herrschaft kommt, bedarf es gewisse Vorbedingung äußerlicher und innerlicher Natur. Die äußerlichen Bedingungen müssen so sein, daß ein Bedürfnis nach einem charismatischen Führer besteht. Die Bedingungen innerlicher Art müssen so sein, daß es einen Führer mit den richtigen charismatischen Eigenschaften überhaupt gibt. Diese Vorbedingung ist enorm wichtig in Diskussionen, ob nicht irgendwelche Personen anstelle der endgültigen Charismaträger die gleichen Funktionen hätte erfüllen können. Und da, so sollte es sich zumindest in den Ausführungen gezeigt haben, kommt die individuelle Kontribution von Charismaträgern im geschichtlichen Verlauf zu Tage. Charisma ist eine außeralltägliche Eigenschaft bestimmter Personen, eine Qualität, die ebennichtjeder hat und die dementsprechend nicht einfach ersetzbar ist.

Tito ist hier nur ein Beispiel unter vielen. Charisma beschränkt sich nicht nur auf große Staatsmänner, es findet sich auf sämtlichen Ebenen sozialen Lebens. Wichtig ist, daß charismatische Persönlichkeiten große Menschenmengen um sich versammeln können und revolutionäre Bewegungen vollbringen können. Die Bindung an eine Person, deren Legitimation von der Treue der Anhänger abhängt, ist ein nicht zu unterschätzender Motor in historischer Entwicklung.

Die charismatische Herrschaft unter Webers Definition ist in der Tat nur ein temporärer Zustand, der Weg zum Alltagszustand ist fließend und entwickelt schnell eigene Traditionen und Institutionen.

Doch, wie das Beispiel Tito’s zeigt, bleibt der charismatische Eindruck einer Person maßgebend. Während sich der Staat selber rationalisierte, wurde auch die Person Tito zu einer eigenen Institution und stand für die Einheit, den Mut und den besonderen Weg Jugoslawiens, daß es letztendlich zusammenhielt.

Weber hat mit seinem Charismakonzept einen Definitionsrahmen für den Historiker geboten, der die historische Analyse vereinfachen soll. Durch den Vergleich mit einem historischen Beispiel, in diesem Falle Tito, soll erkannt werden, in welcher Form vom Idealtyp abgewichen wird um so einen neuen, spezifischen zu erstellen und um Besonderheiten leichter zu erkennen und zu analysieren.

Bibliographie

Breuer, Stefan;Bürokratie und Charisma, Zur politischen Soziologie Max Webers;

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1994

Carter, April;Marshal Tito, A Bibliography;Meckler, Westwort, London, 1990

Maclean, Fitzroy;Disrupted Barricade, The Life and Times of Josip Broz-Tito;Jonathan Cape, London, 1957

Ströhm, Carl Gustav;Ohne Tito; Kann Jugoslawien überleben?Styria, Graz, Wien, Köln, 1976 Weber, Max;Wirtschaft und Gesellschaft; Fünfte Edition, Mohr, Tübingen, 1972

[...]


1 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S.140

2 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S.120

3 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S.156

4 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S.156

5 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S.156

6 Breuer, Bürokratie und Charisma, S.59

7 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S.661

8 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 662

9 Breuer, Bürokratie und Charisma, S.59

10 Carter, Marshal Tito, S. 1 „ He fought in the First World War, joined the Russian Revolution, narrowly escaped the Stalinist purges of the 1930s, became a prominent leader of the guerilla resistance to German occupation during World War Two, and led the Communist Party of Yugoslavia in its successful defiance of Stalin in 1948. As head of the Yugoslav State from 1945 until his death, he played an important role in the politics of Eastern Europe, promoted a new model of socialism, and was one of the original founders of the nonaligned movement.“

11 Ströhm, Ohne Tito, S. 11

12 Ströhm, Ohne Tito, S.17

13 Carter, Marshal Tito, S. 5 „ to find that the dissolution of the Austro-Hungarian Empire had made possible the creation of a new independent state of Yugoslavia.“

14 Carter, Marshal Tito, S. 6 „Yugoslavia’s internal problems [...] arose primarily from its diverse mix of nationalities, in particular the Serbian ambition to dominate the new state and Croatian aspirations to autonomy or even independence.“

15 Maclean, Disputed Barricade, S.37 „ He possessed an agreeable and compelling personality and was popular

16 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S.141

17 Carter, Marshal Tito, S. 84-85 „ to discuss the appointment of a Jugoslav member of the Executive Committe of the Comintern [...] it was decided, ‘at the instance of the delegates from Jugoslavia’ that the name of Josip Broz should be proposed as a full member of the Executive Committee and that of Milan Gorkic as a ‘candidate member’. The latent conflict between the rank and file of the Party in Jugoslavia and its absentee leaders was beginning to take concrete shape. It was crystallising into a personal conflict between Milan Gorkic and Josip Broz.“

18 Ströhm, Ohne Tito, S.26

19 Ströhm, Ohne Tito, S.27

20 Ströhm, Ohne Tito, S.30

21 Ströhm, Ohne Tito, S.30

22 Carter, Marshal Tito, S. 20 „eventually paid off in terms of persuading the Allies that the Partisans, not the Chetniks, were fighting the Germans and deserved military aid. It also made sense for a party seeking to mobilise widespread support against the occupying powers and to present the Communists as the chief defenders of Yugoslavia.“

23 Carter, Marshal Tito, S.20 „Tito was committed to building foundations of a new Communist state and presenting the Allies with a fait accompli after the war.“

24 Ströhm, Ohne Tito, S. 35

25 Carter, Marshal Tito, S. 22 „The Partisans fought with great bravery and self sacrifice, that they imposed a ruthless discipline upon themselves and were extremely ruthless to their enemies.“

26 Maclean, Disputed Barricade, S. 159 „ On occasions like these ideological uplift combined with strict discipline was more necessary than ever. [...] Units had got slack, morale was low but the firm hand of the Party has put that all right.“

27 Ströhm, Ohne Tito, S. 36

28 Carter, Marshal Tito, S. 22 „ the Partisans’ long journey through Bosnia and Montenegro, accompanied by a number of epic battles, has been vividly described by some Yugoslav participants and by a British liaison officer.“

29 Ströhm, Ohne Tito, S. 37

30 Ströhm, Ohne Tito, S.38

31 Carter, Marshal Tito, S.24 „Tito embarked rapidly on the creation of a Soviet-style Communist society with a zeal and ruthlessness that sprang both from ideological commitment and from bitter experience of the war.“

32 Carter, Marshal Tito, S. 26 „the majority of the Yugoslav Party at all levels rallied to Tito, motivated by the shared experiences of the war years, by nationalist pride and by respect for their leader.“

33 Ströhm, Ohne Tito, S. 42

34 Carter, Marshal Tito, S. 28 „ A second wave of reform occured in the 1960s, which included more radical move to replace government control over the economy with market regulation, and renewed pressure for separating party and state and for internal party democracy.“

35 Carter, Marshal Tito, S. 30 „ the only true Yugoslav left, holding the country together by his symbolic role and prestige.“

36 Carter, Marshal Tito, S. 33 „the old man with less affection and with more impatience.“

37 Ströhm, Ohne Tito, S. 46

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Weber und Charisma. Welche Rolle spielt es in der Geschichte am Beispiel von Tito?
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V100377
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weber, Charisma, Welche, Rolle, Geschichte, Beispiel, Tito
Arbeit zitieren
Christine Meinert (Autor), 2000, Weber und Charisma. Welche Rolle spielt es in der Geschichte am Beispiel von Tito?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100377

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