Merkmale einer Psychopathie. Eine Gratwanderung zwischen Normalität und Straffälligkeit


Bachelorarbeit, 2016

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Persönlichkeit
2.1 Die Entstehung der Persönlichkeit
2.2 Der Normalitätsbegriff
2.3 Persönlichkeitsstörungen allgemein

3. Die antisoziale Persönlichkeitsstörung
3.1 Was macht einen Psychopathen aus?
3.1.1 Diagnostik
3.1.2 Untertypen
3.2 Begriffsbestimmungen- Psychopathie in Abgrenzung wortverwandter Begriffe

4. Theorie und Forschung zur Ätiologie der Psychopathie
4.1 Anlage
4.2 Umwelt

5. Psychopathie und die Abgrenzung zwischen Normalität und Straffälligkeit
5.1 Was bedeutet Straffälligkeit?
5.2 Verbrechen als logische Entscheidung?
5.3 Psychopathen im Geschäftsleben
5.4 Fallbeispiel 1: Frank Gust
5.5 Fallbeispiel 2: Sam Vaknin

6. Therapiemethoden

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang 1 „Phasen der psychosozialen Entwicklung nach Freud“
Anhang 2 „Verteilung des Intelligenzquotienten eines großen Kollektivs (Normalverteilung)“
Anhang 3 „Cluster A, B, C der Persönlichkeitsstörungen“
Anhang 4 „Die 20 Kriterien der PCL-R“

1. Einleitung

Psychopathen sind „soziale Raubtiere“, die sich mittels Charme und gekonnter Manipulation ihren Weg durchs Leben bahnen und dabei eine Vielzahl enttäuschter Erwartungen, gebrochener Herzen und oftmals auch geplünderte Brieftaschen hinter sich lassen. Ein Gewissen oder gar Empathie fehlt diesen Personen völlig. Sie nehmen was sie begehren, tun was sie wollen und missachten dabei gesellschaftliche Normen ohne jegliches Schuldbewusstsein. Die Opfer, die sie zurücklassen, fragen sich verzweifelt, wer diese Menschen sind und wie man sich vor ihnen schützen kann. Noch essentieller scheint jedoch die Frage nach dem Warum zu sein – Was treibt einen Menschen an, derart gewissenlos und manipulativ zu handeln, wie Psychopathen es tun? Diese Fragen stehen seit mehr als hundert Jahren im Brennpunkt empirischer Forschungen und klinischer Mutmaßungen, dennoch ist es erst in den letzten Jahrzehnten gelungen, die Entstehung und begünstigende Faktoren der Psychopathie in Teilbereichen zu ergründen.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass gegenüber diesem Thema weitestgehende Unkenntnis innerhalb der Gesellschaft herrscht. Die Medien berichten zu genüge über Gewaltverbrechen, Finanzskandale oder Verletzungen des öffentlichen Vertrauens. Wenn auch einige dieser Berichte von Psychopathen handeln, trifft dies bei vielen anderen nicht zu. Dennoch wird der Begriff eines Serienmörders beispielsweise häufig mit dem eines Psychopathen gleichgesetzt. Selbst Kriminalpsychiatern, Rechtanwälten, Bewährungshelfern oder Vollzugsbeamten, die beinahe täglich mit Psychopathen in Berührung kommen, fehlt es oftmals an praktischem Wissen darüber, mit welch einer Art von Mensch sie es zu tun haben.

Da ein großer Teil der wissenschaftlichen Literatur über Psychopathie abstrakt und schwer verständlich ist, soll diese Arbeit einen Einblick in diese komplexe Thematik ermöglichen und verdeutlichen, dass nicht jeder Psychopath zwangsweise eine kriminelle Laufbahn einschlägt oder jeder Kriminelle ein Psychopath ist. Dazu werden vorerst grundlegende Begriffe wie die Persönlichkeit an sich, Persönlichkeitsstörungen allgemein, der Normalitätsbegriff oder die Straffälligkeit beleuchtet. Im Folgenden wird konkret auf die antisoziale Persönlichkeitsstörung und die Charakteristik eines Psychopathen eingegangen, um einen weiteren essentiellen Bestandteil dieser Arbeit zu beleuchten: Damit die Materie der Psychopathie erfasst werden kann, ist es unerlässlich zu verstehen, dass bestimmte Verhaltensweisen oder spezielle Charakterzüge, die spezifisch für Psychopathen sind, in der Persönlichkeit eines jeden von uns vorkommen. Umso wichtiger ist es daher, eine fundierte Unterscheidung zwischen Psychopathen und solchen die es nicht sind, zu treffen, da eine fehlerhafte Interpretation bittere Konsequenzen für die in Rede stehende Person und auch für die Gesellschaft haben kann.1

2. Persönlichkeit

Dieser Teil der Arbeit befasst sich mit Grundlagen hinsichtlich der Persönlichkeit und der Persönlichkeitsstörungen. Zudem wird sich mit dem Begriff der Normalität auseinandergesetzt. Diese Grundbausteine dienen dazu, ein besseres Verständnis für die folgenden Kapitel zu erlangen. Daher sind vorerst folgende Fragen zu klären: Was macht unsere Persönlichkeit aus? Wo ist die Grenze zwischen normaler und abnormaler Persönlichkeit? Diese und weitere Aspekte werden im Folgenden beleuchtet.

2.1 Die Entstehung der Persönlichkeit

Angenommen, man sollte zwei enge Freunde vergleichen und benennen, inwiefern sie sich ähneln oder unterscheiden. Die Bewertung würde sich wahrscheinlich schnell auf die Persönlichkeit dieser Personen konzentrieren. Man könnte beispielsweise feststellen, dass einer freundlicher oder misstrauischer als der Andere ist. Doch wodurch wird unsere Persönlichkeit determiniert und wie entsteht sie?2

Generell stellt die Persönlichkeit alle prägenden Eigenschaften eines Menschen dar. Dennoch lässt sie sich mit Begriffen wie „Charakter“ oder „Temperament“ nicht gleichstellen, da diese nur einen Teil der Gesamtpersönlichkeit wiederspiegeln.3 Psychologen definieren Persönlichkeit häufig different, dennoch beinhalten alle diese Definitionen zwei grundlegende Konzepte: Charakteristische Verhaltensmuster und Individualität. Die Persönlichkeit wird „[…]als eine komplexe Menge von einzigartigen psychischen Eigenschaften, welche die für ein Individuum charakteristischen Verhaltensmuster in vielen Situationen und über einen längeren Zeitraum hinweg beeinflussen[…]“4 verstanden. Persönlichkeitstheorien stellen Annahmen über die Struktur und Funktionsweise von einzelnen Persönlichkeiten. Mit Hilfe solcher Theorien nähert man sich zwei essentiellen Zielen der Persönlichkeitspsychologie: Sie dienen einerseits dem Verständnis des Aufbaus und der Ursprünge der Persönlichkeit, andererseits können sie einer Vorhersage von Verhaltensweisen in bestimmten Situationen, aufgrund der Basis dessen, was wir über die Persönlichkeit wissen, nützen. Diverse Theorien treffen unterschiedliche Vorhersagen über die Art und Weise der Reaktion verschiedener Menschen auf bestimmte Situationen und wie sie sich an diese anpassen. Bevor auf eine der wesentlichsten Theorien zur Persönlichkeitsentwicklung eingegangen wird, stellt sich jedoch die Frage, warum es so viele und teilweise konkurrierende Theorien gibt. Die Antworten hierfür finden sich in den Ausgangsüberlegungen, den genutzten Datenquellen und darin, dass Theoretiker verschiedene Phänomene zu erklären versuchen. So interessieren einige sich eher dafür, wie die Persönlichkeit entstanden ist und wie sie sich weiterentwickeln wird bzw. könnte. Anderen liegt es wiederum nahe, die Struktur der einzelnen Persönlichkeit zu erforschen. Weiterhin legen diverse Theorien den Schwerpunkt darauf, wie Menschen mit spezifischen Lebenssituationen umgehen. Einige Ansätze konzentrieren sich auf gesunde Personen, andere auf solche, die psychische Probleme aufweisen, um diese zu erklären. Zusammenfassend kann man aus jeder dieser Theorien Rückschlüsse auf die Persönlichkeit und die menschliche Natur ziehen.5

Eine der bekanntesten Theorien, die versucht die Entwicklung der Persönlichkeit zu erklären, ist der psychoanalytische Ansatz von Sigmund Freud, welcher im Folgenden grob dargestellt wird. Freud war der Meinung, dass die Entwicklung eines Menschen über die sogenannten psychosexuellen Phasen hinweg Grundlage für die Persönlichkeitsentfaltung sei. Gemäß der Theorie Freuds entstehen in jeder Lebensphase fundamentale Bedürfnisse, die bewältigt werden müssen. Freud war diesbezüglich der Meinung, dass der Übergang von einer zur nächsten Phase biologisch festgelegt ist und auch dann stattfindet, wenn der Entwicklungsprozess der vorherigen Phase noch nicht abgeschlossen ist. Die Phasen, die folgend erläutert werden, bilden eine nicht veränderbare Reihenfolge. Interessanterweise entwickelte Freud seine Theorie durch Beobachtungen und Untersuchungen an Erwachsenen, nicht an Kindern. Seine wichtigsten Methoden waren die Traumdeutung, da es im Schlaf zu unkontrollierten Gedankenverbindungen kommt, und die freie Assoziation. Hierbei muss der Patient seine Gedanken in Worte fassen. Grundannahme hierfür ist, dass jedem Gedanken und jedem Gefühl eine Ursache zu Grunde liegt und somit nicht zufällig ist.

Die Altersangaben der verschiedenen Stadien der Persönlichkeitsentwicklung stellen lediglich Richtwerte dar:

Orale Phase (Geburt bis 1 Jahr):

Die zentrale Rolle in dieser Phase spielt der Mund. Der Säugling gewinnt Lust durch die Befriedigung oraler Triebe wie saugen, kauen oder beißen. Bereits in dieser Phase, wird dem Kind durch seine Eltern vermittelt, wie es seine Triebe befriedigen darf (nicht alles darf angebissen werden). Entscheidend in dieser Phase ist die Bindung von der Mutter zum Kind, die als Grundstein der Entwicklung späterer sozialer Kontakte dient. Gegen Ende dieser Phase hat der Säugling bereits Einstellungen zu sich selbst und anderen gewonnen und bestimmte Interessen und Handlungsweisen verinnerlicht, sodass eine grob umrissene Persönlichkeit entstanden ist.

Anale Phase (1 bis 3 Jahre):

Die Bedürfnisse des Kindes verlagern sich von der oralen auf die anale Zone. Hierdurch werden neue Konflikte ausgelöst. Durch Defäkation wird Spannung aufgebaut. Durch den Abbau dieser Spannung wird ein Lustgefühl und somit Stimulation erzeugt. Abermals werden dem Kind durch die Eltern gesellschaftliche Werte, wie auch die Sauberkeitserziehung vermittelt. Je nachdem wie ein Kind die orale und anale Phase bewältigt hat, zeichnet sich ein entsprechendes Muster für die Lösung späterer Probleme ab.6

Phallische Phase (3 bis 5 Jahre):

Lust und Unlust sind in dieser Phase auf den genitalen Bereich gerichtet. Besonders gekennzeichnet ist die phallische Phase bei Jungen durch deren Penis, der den Mädchen fehlt. Der sich entwickelnde Sexualtrieb, richtet sich auf den gegengeschlechtlichen Elternteil und kann bei Jungen und Mädchen stark unterschiedlich ausgeprägt sein. Der Junge identifiziert sich daraufhin mit seinem Vater, was zu einem Konflikt führt. Diese Auseinandersetzung mit Lust beziehungsweise Unlust ist bei dem Mädchen durch den sogenannten „Penisneid“ gekennzeichnet und schwächt die Bindung zur Mutter.7 Vereinfacht gesagt sieht es etwas beim Vater, was es selbst nicht besitzt aber auch haben möchte. Dies führt gemäß Freud zu Zorn gegenüber der Mutter. Die phallische Phase ist für das Kind von entscheidender Bedeutung, da es zum ersten Mal eine emotionale Bindung zum Elternteil des anderen Geschlechts aufbaut, die einer Beziehung eines Erwachsenen zu seinem Partner ähnelt. Dennoch darf nicht außen vorgelassen werden, dass es zu einer Identifizierung beider Elternteile kommt. Eine übermäßige Gefühlsbindung des Jungen an die Mutter und somit verbundener Eifersucht gegenüber dem Vater gilt als problematisch, auch für spätere Partnerschaften, und wird als Ödipuskomplex bezeichnet. Analog wird eine übermäßige Gefühlsbindung der Tochter an den Vater als Elektrakomplex bezeichnet. Am Ende dieser Phase ist die Grundstruktur der Persönlichkeit festgelegt- Das Individuum ist in der Lage Konflikte auf persönliche und charakteristische Weise zu lösen.

Latenzperiode (5 Jahre bis zur Pubertät):

Diese Phase ist durch Ruhe und einen passiven Sexualtrieb gekennzeichnet. Laut Freud konzentriert die vorhandene sexuelle Energie auf die sozialen Bindungen. Für das Kind stehen Freizeitaktivitäten mit Freunden und die Schule im Vordergrund. Kognitive Fähigkeiten und kulturelle Werte werden erworben.

Genitale Phase (Adoleszenz):

Die während der Latenzperiode verdrängten sexuellen Impulse treten während der Pubertät wieder auf und richten sich auf den gegengeschlechtlichen Personenkreis. Ziel dieser Phase ist eine reife Sexualität mit dem biologischen Ziel der Fortpflanzung. Auffällig ist, dass die Partnerwahl durch die in der Kindheit herausgebildeten Einstellungen determiniert wird.8

Ein Schaubild, welches die psychosoziale Entwicklung Freuds auf einen Blick wiedergibt und zudem Charakteristika von Erwachsenen darstellt, welche als Kind auf einer Phase fixiert geblieben sind, findet sich im Anhang (Anhang 1). Eine solche Fixierung verhindert die Entwicklung des Individuums auf die nächstgelegene Stufe.9

Des Weiteren befasst sich die psychoanalytische Entwicklungslehre Freuds mit den sogenannten Triebtheorien, dem topographischen Modell des Seelenlebens und der Instanzenlehre. Eine detaillierte Ausführung hierzu würde den Rahmen der Arbeit sprengen, somit wurden nur die essentiellsten Komponenten (die klassische psychoanalytische Entwicklungslehre), die gemäß Freud den Grundstein der Entstehung der Persönlichkeit bedingen, vertieft.

Kritik an Freuds Theorien wird unter anderem insofern geübt, dass diese lediglich rückblickend erfolgen. Durch die psychoanalytische Entwicklungstheorie können keine Vorhersagen zum menschlichen Verhalten getroffen werden. Weiterhin stellen Kritiker es als fragwürdig dar, dass keine Beobachtungen oder Untersuchungen an Kindern durchgeführt wurden. Des Weiteren konzentrieren sich Freuds Theorien hauptsächlich auf Betrachtungen des männlichen Wesens.

Dennoch ist festzuhalten, dass Freuds Theorien als Meilensteine der wissenschaftlichen Psychologie und die der Persönlichkeitsentwicklung gelten und einige Ansätze sehr treffend sind.10 Insbesondere das Modell der Entwicklungsphasen hat über einen langen Zeitraum das psychologische Denken geprägt. Fast alle psychiatrischen Erkrankungen werden in ihrer Entstehung nach Freud gedeutet. Die Freudsche Theorie der Entwicklungspsychologie wurde durch andere Psychologen, wie Erik Erikson, aufgegriffen, weiterentwickelt und findet noch heute große Resonanz.11

2.2 Der Normalitätsbegriff

Normalität repräsentiert ein statistisches Maß. Das durchschnittliche Verhalten der Mehrzahl der Bevölkerung wird als normal erachtet. Folglich gilt ein Mensch als normal, wenn sein Verhalten dem der Mehrheit entspricht.12

Am besten lässt sich der Normalitätsbegriff an psychischen Funktionen veranschaulichen, die, wie beispielsweise die Intelligenz, durch Messung nachweisbar sind. Untersucht man bei einer Vielzahl von Personen mit Hilfe eines Tests die Intelligenz und protokolliert die Häufigkeit der verschiedenen Intelligenzquoten in einem Diagramm, erhält man die sogenannte Kurve der Gauss- Normalverteilung (Anhang 2). Durch die Kurve wird ersichtlich, dass sich der Großteil der untersuchten Personen sich hinsichtlich ihres Intelligenzquotienten in dem Abschnitt 85 bis 115 bewegt, wobei der Durchschnitt bei einem Intelligenzquotienten von 100 liegt. Den Abschnitt zwischen 85 und 100 wie auch den zwischen 100 und 115 bezeichnet man als Streuung. Als Spannweite der Intelligenz wird demnach der Bereich der Intelligenzquotienten von 100 +/- 15 angesehen, welcher zugleich die meisten Probanden erfasst. Als Minusvarianten werden diejenigen Personen bezeichnet, die einen niedrigeren Intelligenzquotienten als 85 aufweisen. Sie werden dem Variationsbereich der Intelligenz zugewiesen, der Intelligenzminderung genannt wird. Innerhalb dieses Bereiches sind jedoch noch drei weitere Abstufungen gängig. Zu den sogenannten Plusvarianten zählen alle Personen, die einen Wert von 115 oder höher erreichen. Dieser Variationsbereich wird als Hochbegabung eingestuft. Die Psychologie befasst sich eher mit dem Bereich der Hochbegabung, wohingegen in der Psychiatrie in erster Linie die Intelligenzminderungen untersucht werden. Beide Varianten, ob Plus- oder Minusvarianten sind im statistischen Sinne nicht normal, sondern normalabweichend. Psychischen Eigenschaften, wie Gefühl, Reaktionsweisen oder Persönlichkeit, die schwer messbar sind, wird jedoch der gleiche Normalitätsbegriff zugrunde gelegt. Jedoch ist man in diesem Bereich mehr auf Schätzungen angewiesen. Angenommen, man könnte die Gefühlsansprechbarkeit ebenso messen wie die Intelligenz und diese erlangten Werte in einem Diagramm festhalten, dann würde man ebenfalls eine Normalverteilung erhalten. Diese würde der vorangegangenen und Anlage 2 dargestellten ähneln. Es wäre demnach möglich, Menschen mit einer normalen Gefühlsansprechbarkeit von solchen zu unterscheiden, die als gefühlsarm (Minusvarianten) oder anderen, die als sehr gefühlbetont gelten (Plusvarianten). Obwohl es keine Möglichkeit gibt, die Gefühls-ansprechbarkeit zu messen, weiß jeder aus persönlicher Erfahrung, dass es Menschen gibt, die gefühlsärmer oder gefühlsbetonter sind. Abweichungen einer sich vergegenwärtigten Durchschnittsbreite werden auch abnorme Varianten (Normabweichungen) genannt. Daraus resultiert, dass man den Normalitätsbegriff in gleicher Art und Weise auf Reaktionsweisen und die Persönlichkeit anwenden kann, was unter anderem zur Abgrenzung von neurotischen Störungen oder Persönlichkeitsstörungen (abnorme Persönlichkeiten) führt.13

2.3 Persönlichkeitsstörungen allgemein

Persönlichkeitsstörungen sind durch ein chronisches, unflexibles, fehlangepasstes Muster der Wahrnehmung, des Verhaltens oder des Denkens gekennzeichnet. Diese Verhaltensweisen können die betroffenen Personen sowohl bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben als auch in ihrem Beruf und Privatleben beeinträchtigen. Persönlichkeitsstörungen treten für gewöhnlich erstmalig in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter auf.14

Da sich psychische Erkrankungen schwer kategorisieren lassen, verwenden sowohl Psychologen als auch Psychiater das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM). Dieses Diagnoseschema ist weltweit anerkannt und wurde von der American Psychiatric Association entwickelt und bezieht sich auf psychische Erkrankungen.15 Erwähnenswert ist jedoch, dass die ICD – 10 (International Statistical Classification of Diseases and Health Problems) ebenfalls ein renommiertes Klassifikationssystem hinsichtlich aller bekannten Krankheiten darstellt. Herausgeber ist die Weltgesundheitsorganisation16. Da sich das DSM – IV jedoch spezifisch mit psychischen Erkrankungen befasst, werde ich mich in meinen weiteren Ausführungen lediglich auf dieses Klassifikationssystem beziehen. Im DSM- IV lassen sich zehn Persönlichkeitsstörungen unterscheiden, die in drei Bereiche, sogenannte Cluster, eingeteilt werden.

Cluster A umfasst die paranoide, die schizoide und die schizotypische Persönlichkeitsstörung. Personen mit diesen Störungen neigen oft zu sonderbarem oder exzentrischem Verhalten. Der zweite Bereich, Cluster B, beinhaltet die Borderline-, die histrionische, die narzisstische und die antisoziale Persönlichkeitsstörung. Personen mit diesen Störungen werden meist als dramatisch, emotional oder launisch beschrieben. In Cluster C werden die selbstunsichere, die dependente und die zwanghafte Persönlichkeitsstörung zusammengefasst. Diese drei Persönlichkeitsstörungen sind durch Angst und Furcht geprägt. Die drei Cluster sind zusammenfassend in Anlage 3 dargestellt.17

Im Folgenden wird auf die antisoziale Persönlichkeitsstörung eingegangen, die die Psychopathie bedingt.

3. Die antisoziale Persönlichkeitsstörung

Die antisoziale Persönlichkeitsstörung, unter welcher auch die Psychopathie im DSM - IV klassifiziert wird, stellt die in der Fachliteratur am gründlichsten erforschte und diskutierte Persönlichkeitsstörung dar18. Psychopathie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „Leiden der Seele“. Aus historischer Sicht galt der Begriff der Psychopathie als Oberbegriff für viele verschiedene Typen von Persönlichkeitsstörungen.19

Sie ist durch permanent unverantwortliches und gesetzeswidriges Verhalten gekennzeichnet, welches soziale Normen verletzt. Personen, die von einer antisozialen Persönlichkeitsstörung betroffen sind, werden als Psychopathen bezeichnet. Hierbei ist von großer Bedeutung zu erwähnen, dass Personen, die lediglich dissoziale Merkmale aufweisen, nicht mit Psychopathen gleichzusetzen sind. Durch Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass nahezu jede Person antisoziale Elemente verinnerlicht hat, dennoch kommen diese Menschen innerhalb der Gesellschaft gut zurecht, was für Psychopathen meist nicht gilt. Allein deshalb wird verständlich, warum sich viele Missverständnisse um den Begriff der Psychopathie ranken.20 Um ein besseres Verständnis hinsichtlich dieser Thematik zu erlangen, werden im Folgenden die Charaktereigenschaften von Psychopathen skizziert und das, was diese ausmacht, erläutert. Weiterhin wird auf die Diagnostik und die Symptomatik dieser Persönlichkeitsstörung eingegangen.

3.1 Was macht einen Psychopathen aus?

Bevor ich die Persönlichkeit des Psychopathen im Folgenden charakterisiere, ist es unerlässlich zu erwähnen, dass nicht jede Person, die antisozial handelt ein Psychopath ist. Genauso falsch ist die weit verbreitete Vorstellung, dass nahezu jeder Psychopath ein kaltblütiger Mörder ist.21

Psychopathen machen über 4% der Bevölkerung aus und umfassen jede Schicht der Gesellschaft. Sie können in jeder Kultur, jeder Klasse und jedem Berufszweig vorkommen.22

3.1.1 Diagnostik

Hervey Cleckley legte durch sein 1941 erschienenes Werk „The Mask of Sanity (Die Maske der Vernunft) den Grundstein, der dem heutigen Verständnis für Psychopathie zu Grunde liegt. Mask of Sanity hatte großen Einfluss auf Forscher, die sich mit der Materie der Psychopathie befassten und bildete den klinischen Rahmen für einen Großteil der wissenschaftlichen Forschungen über diese Erkrankung im letzten Vierteljahrhundert. Dr. Robert D. Hare entwickelte aufbauend auf die Thesen Cleckleys, mithilfe eigener jahrzehntelanger Forschung, eine sogenannte „Psychopathie-Checkliste (PCL-R), die es ermöglicht, einen Psychopathen zu erkennen, ohne dabei die Gefahr einzugehen, es lediglich mit einem Menschen mit sozial abweichendem oder kriminellem Verhalten zu tun zu haben.23 Eine Abbildung der PCL-R findet sich nachstehend im Anhang (Anhang 4). Sie besteht aus 20 Merkmalen, welche in emotionale beziehungsweise zwischenmenschliche Indikatoren und Anzeichen abweichenden Sozialverhaltens unterteilt werden. Für jedes Merkmal können null bis zwei Punkte in Bezug auf den Probanden vergeben werden. Ab einer Gesamtpunktzahl von 30 spricht man von Psychopathie, ab 25 Punkten hat ist eine erhöhte Punktzahl erreicht, die für eine Vielzahl psychopathischer Züge spricht.24 Diese Liste stellt jedoch ein klinisches Werkzeug dar, welches lediglich durch geschultes Personal eingesetzt werden sollte. Weiterhin liefert sie ein differenziertes Bild der Psychopathen.

Im Folgenden Kapitel werde ich dieses Bild detailliert beleuchten, indem ich die wichtigsten emotionalen und sozialen Merkmale dieser komplexen Persönlichkeitsstörung erörtere. Auf den Lebensstil von Psychopathen wird unter 3.1.2 näher eingegangen.

Heuchlerisch und oberflächlich:

Psychopathen gelten als geistreich und wortgewandt. Sie können amüsante und unterhaltsame Gesprächspartner sein, die unwahrscheinliche aber dennoch glaubhafte Geschichten erzählen, die sie in einem guten Licht erscheinen lassen. Weiterhin gelingt es ihnen oft, sich als liebenswert und charmant darzustellen. Gelegentlich wirken sie jedoch aalglatt und oberflächlich, sodass schnell der Eindruck entsteht, als würden sie „mechanisch ihren Text aufsagen“. Psychopathen geben sich oft als Experten verschiedener Bereiche, wie Medizin, Psychologie, Rechtswissenschaften oder Literatur, aus. Dabei schrecken sie oft nicht davor zurück, akademische Titel oder Zeugnisse zu fälschen. Es gelingt ihnen dabei oft, den Glauben in ihrem Umfeld aufrecht zu erhalten, da sie oft versiert im Gebrach des spezifischen Fachjargons sind. Dennoch beschränkt sich deren Wissen oft nur auf das Oberflächlichste.25

[...]


1 Vgl. Hare, Robert D.: Gewissenlos- Die Psychopathen unter uns, Wien 2005, S. xi-xiii

2 Vgl. Zimbardo, Philip G./ Gerrig, Richard J.: Psychologie, (18. Auflage), München 2008, S. 504

3 Vgl. Fernstudium Psychologie: 3.1 – Der Begriff der Persönlichkeit, URL: www.fernstu-dium-psychologie.eu/begriff-persoenlichkeit (letzter Zugriff am 15.04.2016)

4 Vgl. Zimbardo, Philip G./ Gerrig, Richard J.: Psychologie, (18. Auflage), München 2008, S. 504

5 Vgl. Zimbardo, Philip G./ Gerrig, Richard J.: Psychologie, (18. Auflage), München 2008, S. 504-505

6 Vgl. Wissen.de: Die psychoanalytische Theorie von Freud, URL: www.wissen.de/die-psychoanalytische-theorie-von-freud/page/0/12 (letzter Zugriff am 16.04.2016)

7 Vgl. Zimbardo, Philip G./ Gerrig, Richard J.: Psychologie, (18. Auflage), München 2008, S. 516

8 Vgl. Wissen.de: Die psychoanalytische Theorie von Freud, URL: www.wissen.de/die-psychoanalytische-theorie-von-freud/page/0/12 (letzter Zugriff am 16.04.2016)

9 Vgl. Zimbardo, Philip G./ Gerring, Richard J.: Psychologie, (16. Auflage), München 2004, S. 616

10 Vgl. Zimbardo, Philip G./ Gerrig, Richard J.: Psychologie, (18. Auflage), München 2008, S. 515-520

11 Vgl. DocCheck Flexikon: Entwicklungsphasen nach Freud, URL: flexikon.doccheck.com/de/Entwicklungsphasen_nach_Freud (letzter Zugriff am 15.04.2016)

12 Vgl. Seele und Gesundheit.de: Psychische Normalität, URL: www.seele-und-gesundheit.de/diagnosen/normalitaet.html (letzter Zugriff am 16.04.2016)

13 Vgl. Haupt, Walter F./ Jochheim, Kurt-Jochheim/ Remschmidt, Helmut: Neurologie und Psychiatrie für Pflegeberufe, (9. Auflage), Stuttgart 2002, S. 291-292

14 Vgl. Zimbardo, Philip G./ Gerrig, Richard J.: Psychologie, (18. Auflage), München 2008, S. 573

15 Vgl. Voos, Dunja: DSM – Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 20.05.2007, URL: www.medizin-im-text.de/blog/2007/148/dsm-iv-diagnostic-andStatistical-manual-of-mental-disorders/ (letzter Zugriff am 16.04.2016)

16 Vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information: ICD-10-GM, URL: https://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/ (letzter Zugriff am 16.04.2016)

17 Vgl. Barnow, Sven: Persönlichkeitsstörungen: Ursachen und Behandlung, (1. Auflage), Bern 2008, S. 28

18 Vgl. Turkat, Daniel I.: Die Persönlichkeitsstörungen-Ein Leitfaden für die klinische Praxis, (1. Auflage), Bern 1996, S. 67

19 Chehadi, Omar/ Nebi, Emine: Antisoziale Persönlichkeitsstörung, 28.05.2011, URL: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/rke-forensik/material/nebi_berischt_psycho-pathie_1.pdf (letzter Zugriff am 19.04.2016)

20 Vgl. Turkat, Daniel I.: Die Persönlichkeitsstörungen-Ein Leitfaden für die klinische Praxis, (1. Auflage), Bern 1996, S. 67

21 Vgl. Simon, Robert I.: Die dunkle Seite der Seele-Psychologie des Bösen, (1. Auflage), Bern 2011, S. 47

22 Vgl. Rich, Mark: Das verborgene Böse-Der psychopathische Einfluss, 25.12.2010, URL:de.sott.net/article/1043-Das-verborgene-Bose-Der-psychopathische-Einfluss (letzter Zugriff am 19.04.2016)

23 Vgl. Hare, Robert D.: Gewissenlos- Die Psychopathen unter uns, Wien 2005, S. 29-30

24 Vgl. Müller, Henning E.: Die PCL-R von Hare aus kriminologischer und strafprozess-rechtlicher Sicht, 17.11.2012, URL: www.rechtspsychologie-bdp.de/wp-content/up-loads/vortraege3tag/Mueller.pdf (letzter Zugriff am 19.04.2016)

25 Vgl. Hare, Robert D.: Gewissenlos- Die Psychopathen unter uns, Wien 2005, S. 29-31

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Merkmale einer Psychopathie. Eine Gratwanderung zwischen Normalität und Straffälligkeit
Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
41
Katalognummer
V1003947
ISBN (eBook)
9783346384041
ISBN (Buch)
9783346384058
Sprache
Deutsch
Schlagworte
merkmale, psychopathie, eine, gratwanderung, normalität, straffälligkeit
Arbeit zitieren
Sandra von Kuick (Autor), 2016, Merkmale einer Psychopathie. Eine Gratwanderung zwischen Normalität und Straffälligkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003947

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