Die psychische Geburt des Menschen


Hausarbeit, 2000

13 Seiten, Note: 1,3


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Die psychische Geburt des Menschen

Einleitung

Zum Inhalt dieser Arbeit hat mich die Erkenntnis bewogen, daß die ersten drei Lebensjahre des Menschen von größter Wichtigkeit für den Verlauf seines weiteren Lebens sind.

Da ich selbst einen jetzt 3-jährigen Sohn habe, interessiert und berührt mich natürlich die Frage nach dem Stellenwert der Mutter innerhalb dieses Entwicklungsprozesses.

Seit Beginn meines Studiums stehe ich in ständigem Konflikt zwischen Studienansprüchen und Mutterrolle. Gerade die Ausführungen bezüglich „ der genügend guten Mutter“ in Ihrer Vorlesungsreihe zur Entwicklungspsychologie haben mir gezeigt, nicht immer und ausschließlich für meinen Sohn verfügbar sein zu müssen.

Auch M. MAHLER (1975) behandelt dieses Thema unter dem Begriff: die psychischen Geburt. Da sich für mich eine zentrale Frage nach der Verfügbarkeit der Mutter aus ihrer Darstellung ergibt, möchte ich den Schwerpunkt meiner Hausarbeit auf die psychische Geburt des Menschen nach M. MAHLER (3) legen und versuchen die wichtigsten Stadien auf diesem Weg aufzuzeigen.

Abstract

Nach der Wiener Kinderärztin und Psychoanalytikerin MARGARET MAHLER (3) fallen die biologische Geburt und die psychische Geburt des Menschen nicht zusammen. Die biologische Geburt ist ein dramatisches, genau umrissenes Ereignis während sich die psychische Geburt als ein sich langsam entfaltender seelischer Prozeß darstellt, der den Weg von der infantilen Abhängigkeit zur ersten Verselbständigung beschreibt.

In der folgenden Arbeit werde ich zunächst kurz die Vorläufer des Loslösungsund Individuationsprozesses beschreiben. Den Schwerpunkt meiner Ausführungen lege ich auf den Loslösungs- und Individuationsprozeß selbst, den M. Mahler in 4 Phasen aufteilt.

In einer anschließenden Diskussion möchte ich Probleme, die während der Bearbeitung dieses Themas aufgetaucht sind aufgreifen und erörtern. Auch soll die Frage nach der Verfügbarkeit der Mutter betrachtet werden, welchen Einfluß sie auf die Entwicklung des Kindes nimmt und welche Möglichkeiten sie zum einzulenken hat.

1. Von der infantilen Abhängigkeit zur ersten Verselbständigung

1.1 Die autistische Phase

(0-2. Monat)

Ein bewußtes Empfinden unseres Selbst und unseres Körpers ist normalerweise eine Selbstverständlichkeit, ebenso die Momente von Selbstvergessenheit. Diese Errungenschaften werden in den ersten Lebensjahren entwickelt.

L. Schenk-Danzinger (1988) beschreibt, daß das Kind noch völlig in sich beschlossen ist, es genügt sich selbst, zwar noch nicht wirklich, denn es ist abhängig von der Pflege der Mutter, jedoch nimmt es diese nicht als Individuum wahr - sie ist ein Teil seiner selbst (5, S.83-84).

Dazu sagt Mahler (1975):

„ In den Wochen, die der Entwicklung zur symbiotischen Phase vorausgehen, überwiegen die schlafähnlichen Zustände des Neugeborenen und des sehr jungen Säuglings bei weitem die Wachzustände. Sie erinnern an einen Urzustand der Libidoverteilung während des intrauterinen Lebens, der in seiner selbstgenügsamen, halluzinatorischen Wunscherfüllung dem Bild eines geschlossenen monadischen Systems (3,S.59).“

Zunächst ist der menschliche Säugling nämlich nicht in der Lage, sein Leben selbständig zu erhalten, und dies bedingt seine seelische Abhängigkeit von der Mutter.

1.2 Die symbiotische Phase (ca. 2.-6. Monat)

Es ist ein allgemeingültiges Element unserer menschlichen Existenz, daß eine lebenslange emotionale Abhängigkeit zur Mutter besteht, am Anfang des Lebens eine totale, später eine nachlassende.

Diese symbiotische Phase in den ersten Lebensmonaten ist das Einzigartige unserer menschlichen Existenz. Spuren dieser Phase begleiten uns während unseres gesamten Lebens. Die grundlegende Errungenschaft dieser Phase ist die Bindung an die Mutter. Diese Mutter-Kind-Beziehung bildet den Urgrund für alle späteren Beziehungen.

A. Jean Ayres (1984) schreibt dazu, daß in diesem Alter die Berührungsempfindung wichtig als Quelle für emotionale Befriedigung ist. Das Berühren zwischen einem Baby und seiner Mutter sei von Bedeutung für dessen Hirnentwicklung und die Ausbildung einer guten Mutter-Kind-Bindung (1) .

Der Säugling nimmt das bedürfnisbefriedigende Objekt, die Mutter, nur verschwommen wahr. Die Symbiose ist für den Säugling optimal, wenn die Mutter erlaubt, sie anzusehen und den Augenkontakt fördert, während sie z.B. Brust oder Flasche gibt, dabei spricht, singt - also kommunikativ ist. Die Mutter ist wie ein Spiegel, in dem sich das Kind wiederfindet. Das Kind wendet sich diesem Objekt zu und besetzt es. Dieser Vorgang findet allmählich statt. Das Kind unterscheidet den Körper der Mutter nicht vom eigenen. Kind und Mutter bilden nach SCHENK-DANZINGER (1988) im Erleben des Kindes eine Zweiheit ( Dyade) die von der übrigen Außenwelt getrennt ist (5). Das Bindungsverhalten des Kindes an die Mutter ist ein angelegtes, angeborenes Triebverhalten. Es ist unabhängig davon, ob das Bindeobjekt die Bedürfnisse befriedigt oder nicht. Durch genaue Säuglingsbeobachtung hat man das Bindungsverhalten zur Mutter feststellen können. Das Schaubild über Bindungsverhalten auf der folgenden Seite zeigt diese Beobachtungen. Die Altersangaben sollen als Orientierungspunkte benutzt werden.

1.2.1 BINDUNGSVERHALTEN des Kindes

(Schaubild aus dem Psychologieunterricht innerhalb meiner Erzieherausbildung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2.2 Bedeutung und Aufgaben der Mutter

Die Beziehung, die das Kind zu anderen Personen herstellt, ist unmittelbar von der Beziehung zur Mutter abhängig. Je stärker die Beziehung zur Mutter, um so stärker die Beziehung zu anderen Personen und auch Objekten. Dieser Zusammenhang ist von den physiologischen Faktoren des Kindes abhängig. Eine Mutter kann durch das Kind so überfordert sein, daß sie nicht mehr angepaßt reagiert.

Der Einfluß der Mutter ist entscheidend auf den kommunikativen Bereich zurückzuführen, also auf das, was man als >Dialog< versteht. Pflege, Ernährung und ständige Beschäftigung reichen nicht aus. Die Interaktion muß den Bedürfnissen des Kindes angepaßt sein. Zur kommunikativen Funktion der Mutter gehört z.B. die körperliche Nähe, ihr Eingreifen, um körperliche Spannungen abzubauen und ihre Verfügbarkeit. Die körperliche Nähe findet ihren Ausdruck im Halten, Tragen, Umarmen,... und ist von größter Wichtigkeit. Das Kind lernt über den Körper sich so zu lieben und zu empfinden, wie die Mutter es liebt. Durch die Verfügbarkeit der Mutter wird dem Säugling ermöglicht eine Bindung einzugehen. Erst wenn diese Bindung - diese Verankerung stattgefunden hat, wendet sich das Kind nach außen. Bei einer unbefriedigten Mutter-Kind-Symbiose kann eine schnellere Trennung erfolgen, das Kind bleibt aber emotional auf die symbiotische Beziehung fixiert.

Mit dem Höhepunkt der symbiotischen Bindung , die ca. mit dem 4.-5. Monat erreicht wird, beginnt die Loslösung aus dieser Mutter-Kind-Symbiose. Mit dessen Beginn durchläuft jedes Kind noch weitere Phasen der Loslösung und damit auch Phasen der Individuation. Das bedeutet, daß dem Säugling und Kleinkind mehr und mehr bewußt wird, daß es ein getrenntes Individuum ist, und hierin liegen die Ursprünge von Selbstgefühl, Beziehungsfähigkeit und die Ursprünge vom Erkennen einer Realität - einer Außenwelt.

2. DER LOSLÖSUNGS- UND INDIVIDUATIONSPROZEß

Gegliedert in 4 Subphasen

Während des Loslösungs- und Individuationsprozesses übt das Kind ein getrenntes „funktionieren“ , während die Mutter jedoch weiterhin zur Verfügung steht.

Mit Loslösung wird der Prozeß, durch den die Grenzen zwischen Mutter und Kind gezogen werden, bezeichnet. Diese Trennung wird normalerweise als Befreiung erlebt.

Mit Individuation ist die Entwicklung der psychischen Autonomie des Kindes gemeint, die sich durch die Reifung der Wahrnehmungsfunktionen, des Denkens und Gedächtnisses, die Anpassung an die Außenwelt vollzieht. Innerhalb dieses Prozesses gibt es 4 Phasen die durchlaufen werden:

2.1 1.PHASE: DIFFERENZIERUNG

5.-10. Monat

2.1.1 Psychisches Ausschlüpfen

Das Kind beginnt den Körper der Mutter von dem eigenen zu unterscheiden. Es tastet die Mutter ab und beginnt mit den ersten Verschwinden- Erscheinen - Spielen. Es interessiert sich verstärkt für das Gesicht der Mutter und für Gegenstände die zur Mutter gehören. Mütter nehmen in den Augen des Kindes einen „neuen Blick“ wahr - eine Wachheit, eine Zielgerichtetheit, die auf ein Ausschlüpfen aus der Zwei-Einheit hinweist. Spiele am Körper der Mutter, Haare ziehen, Nahrung in den Mund der Mutter stecken, seinen Körper von dem der Mutter abstemmen sind beispielhaft für diese Zeit. Um den 7. Monat beginnt das Kind durch genaues Beobachten zwischen dem Gesicht der Mutter und dem von Fremden zu unterscheiden.

2.1.2 Acht-Monate-Angst

Das berühmte `Fremdeln` setzt ein ( 8-Monats-Angst). Dieses Verhalten markiert den Übergang von der „ nichtindividuellen Bindungsphase “ zur „ individuellen Bindung “ (Hassenstein, 4, S.16) , das heißt, daß das Kind nun deutlich zwischen bekannt und fremd unterscheidet. Ein Stimmungsabfall bei Abwesenheit der Mutter ist deutlich zu erkennen.

2.1.3 Konsequenzen für die Mutter-Kind-Beziehung

Mit der Fähigkeit, die Beziehungen im Umfeld des Kindes zu Differenzieren, treten weitere Fähigkeiten in Erscheinung. Das Kind entwickelt ein Verständnis für Gebärden, es ist fähig sowohl positive als auch negative Gefühle zu zeigen ( Liebe, Freude, Eifersucht, Neid, Zorn,...)

Die Beziehung zur Mutter wird ambivalent, denn seit das Kind sich beginnt von ihr wegzubewegen kommt es häufiger zur Konfrontation und Einschränkung. Allerdings ist das Kind jetzt auch mehr und mehr in der Lage sich durch ein gesagtes ´Nein` den erzieherischen Eingriffen der Mutter und des Vaters zu wiedersetzen. Spitz (1960) meint, daß dadurch eine neue Phase der Kommunikation erreicht sei, die eine erste Abhebung des ICH`S von der Umwelt darstelle (7).

Das ICH des Kindes ist zunächst ein Körperliches. Durch die Bewunderung und Anerkennung erwachsener Menschen wird der Säugling stimuliert und erlebt seinen eigenen Körper so mit Freude und Lust, wodurch es ein geistiges Bild seines eigenen Körpers entwickelt ( -> Körperschema).

2.2 2.PHASE: ÜBUNG

( Liebesaffäre mit der Welt)

10.-14. Monat

Die zweite Phase in diesem Prozeß ist die Phase der Einübung welche sich mit der Differenzierungsphase überschneidet. Das Kind lernt sich fortzubewegen (robben, krabbeln, laufen) und kann seine Trennung durch diese erworbenen Fähigkeiten üben.

So beschreibt M. MAHLER (1975):

„ Die wachsende Fortbewegungsf ähigkeit in der frühen Übungsphase erweitert die Welt des Kindes “ (3, S.88)

Die Einübung findet in zwei Stufen statt. Auf der ersten Stufe kann das Kind sich durch krabbeln fortbewegen. Hierbei ist es wichtig , daß die Mutter dennoch sichtbar und erreichbar bleibt. Die Einstellung der Mutter zu den neuen Fähigkeiten ihres Kindes, fördern oder hemmen es in seiner Entwicklung. Je besser der Kontakt zur Mutter , desto weiter wagt sich das Kind in seiner Fortbewegung.

Mit dem aufrechten Gehen wird die zweite Stufe erreicht. Durch die neue Haltung ändert sich die visuelle Wahrnehmung des Kindes und die kognitiven Funktionen reifen rasch. Die Möglichkeit der Fortbewegung ist nicht hoch genug ein zu schätzen.

Es zeigt sich ein steigendes Interesse an motorischen und anderen selbständigkeitsfördernden Tätigkeiten. Das Interesse an der Mutter hat aber immer noch Vorrang. Das Kind wendet sich jetzt auch leblosen Objekten zu, so z.B einer Decke ,einer Rassel oder anderem Spielzeug, Papier,... Es erforscht besagte Gegenstände mit den Augen, es prüft Konsistenz und Geruch, Geschmack mit seinen kontaktwahrnehmenden Organen, insbesondere mit dem Mund und den Hände.

Mit ca. 18 Monaten verändert sich das Verhalten des Kindes.

2.3 3.PHASE: WIEDERANNÄHERUNG

(Wiederannäherungskrise, Ambivalenz, Finden der optimalen Distanz)

15.-24. Monat

Das Kind ist stärker beunruhigt wenn die Mutter außer Sichtweite ist. M. MAHLER beobachtete, daß an die Stelle der relativen Nichtbeachtung der Mutter, die für die Übungs- Subphase bezeichnend war, nun ein anscheinend konstantes Interesse für den Aufenthaltsort der Mutter sowie ein Verhalten aktiver Annäherung tritt (3, S.101).

Sein Verhalten ist stark widersprüchlich: es schaut und folgt jeder Bewegung der Mutter einerseits, andererseits schießt es plötzlich davon in Erwartung, von der Mutter gefangen zu werden. Diese Ambivalenz stellt die Beziehung zur Mutter auf eine schwere Probe. Es kommt zu Mißverständnissen und Konflikten , weil das Kind zwar viel selbständiger geworden ist, aber von der Mutter nun wieder mehr Aufmerksamkeit und Dabeisein einfordert

2.3.1 Wiederannäherungskrise

Ursache für dieses widersprüchliche Verhalten und diese hohe Ambivalenz auf seiten des Kindes ist die Tatsache, daß die Mutter nicht mehr einfach als Ausgangsbasis benutzt werden kann, sondern sie als getrennte Person behandelt werden muß, weil dem Kind durch seine kognitiven Fähigkeiten die Trennung immer bewußter wird. Das Kind muß die Erfahrung machen, daß seine Wünsche nicht immer identisch mit denen der Mutter sind. Das Kind erlebt seinen Körper autonom und es kann seine Illusion von der elterlichen Omnipotenz nicht weiter aufrechterhalten.

Das Verhalten im Umgang mit der Trennung von der Mutter ist sehr unterschiedlich. Manche Kinder zeigen gesteigerte Aktivität, andere Kinder verarbeiten die Trennung im Spiel, in dem es um Weggehen und Wegwerfen geht. Das Lieblingswort ist der Wiedersehensgruß, in der vorangegangenen Phase war es der Abschidesgruß. Überhaupt kommt der Sprache eine wichtige Rolle zu. Das Kind kann Wünsche nennen, Nein- sagen, Dinge benennen, es benutzt die Ichform,...

In den Monaten um den 2. Geburtstag ist das Kind verletzbarer, hilfloser und gerät oft in ohnmächtige Wut. Oft kommt es zu dramatischen Kämpfen zwischen Mutter und Kind. Diese Zeit wird als Wiederannäherungskrise bezeichnet, weil die Ambivalenz des Kindes ihren Höhepunkt erreicht. Die Kinder zeigen plötzliche Angst, die Mutter könnte weg sein. Sie wollen nicht allein sein. Je weniger die Mutter zur Verfügung steht, um so mehr wird das Kind sich an sie klammern.

2.3.2 Vaterrolle

Dem Vater wird in dieser Zeit eine besondere Rolle zuteil. Während die Beziehung zur Mutter in dieser Zeit sehr verwundbar ist, scheint die Beziehung zum Vater weniger ambivalent. Der Anspruch an Zärtlichkeit, körperlicher Nähe und Beachtung kann auch dem Vater gegenüber geltend gemacht werden. Auch Trennungsschmerz beim Verlassen wird beobachtet. Aber von jenen Gefühlsschwankungen zwischen Liebe und Aggression bleibt er weitgehend verschont. Diese Art von Gefühlen treten ihm gegenüber erst später auf. Die Bedeutung des Vaters in dieser Zeit besteht darin, daß er eine Hilfe bei der Loslösung von der Mutter ist. Ziel für die Entwicklung des Kindes in dieser Krise ist es , die optimale Distanz zur Mutter zu finden.

M. ROTTMANN (1980) weist darauf hin, daß sich das Kind schon in der Phase der Differenzierung nicht mehr im Zustand der Dyade befindet, sondern - eine vollständige Familie vorausgesetzt - in einer Dreierpersonenbeziehung, der Triade, die Mutter, Kind und Vater umfaßt (8).

2.4 4.PHASE: INDIVIDUATION

(Objektkonstanz, Individualität)

3.Lebensjahr

2.4.1 Objektkonstanz

Mit den bisher genannten Errungenschaften, baut das Kind seine Individualität auf, die seinen Charakter lebenslang prägt. In der Beziehung zur Mutter und zu anderen Menschen entwickelt das Kind eine Stabilität, die Objektkonstanz genannt wird. Die Mutter wird mit einem konstanten, positiven Bild verinnerlicht, indem sowohl gute als auch schlechte Anteile miteinander verschmelzen. Dadurch findet eine Milderung der aggressiven Impulse auf die Mutter statt, wenn sie nun abwesend ist. Die Mutter wird also im Stadium der Objektkonstanz bei Abwesenheit oder Versagung nicht mehr abgelehnt oder gar gehaßt. Dieses „Abbild“ der Mutter bildet das Vorbild für weitere Beziehungen.

2.4.2 Entwicklung einer eigenen Individualität

Die Trennung von der Mutter wird nun leichter ertragen, bisweilen sogar für gewisse Zeit bevorzugt ( wie es bereits einmal in der Übungsperiode der Fall war) . Mit der Bildung einer eigenen Individualität wird das Erleben des Kindes von dem der Mutter und anderen Erwachsenen getrennt und verselbständigt sich.

Sprachentwicklung, Phantasie, Wünsche, Selbst und Objekt trennen können, führen zu einer eigenständig erlebten Identität, die das Kind erprobt. Dieses Bewußtsein führt zum Widerstand gegen die Ansprüche der Erwachsenen und löst aggressive Impulse aus. Wir alle kennen den Begriff der ´Trotzphase`. „Nein“ und „Ich“ sind wichtige Worte für das Kind. Das Kind beginnt ein Gefühl für Zeit zu entwickeln. Neben dem Gefühl für den Körper und Raum, wird nun auch die Zeit als Besitz erlebt.

Das Bewußtsein von meinem Körper, meinem Raum, meiner Zeit ist eine wichtige Grundlage für die Ich- und Selbstentwicklung. Nur mit einem Bewußtsein für Zeit, kann ein Befriedigungsaufschub und Trennung ertragen werden. Begriffe wie >später< oder >morgen< werden von Kindern diesen Alters nicht nur verstanden, sondern auch angewandt.

Mit dem Ende des 3. Lebensjahres hat sich die Individualität des Kindes soweit entwickelt, daß Selbst und Objekt eindeutig getrennt sind. Die Beziehungen werden sowohl den eigenen als auch den Bedürfnissen des Objekts ( Mutter und andere Bezugspersonen) angepaßt.

„ Diese 4. Subphase des Loslösungs- und Individuationsprozesses ist keine Subphase in dem Sinne der ersten drei, da ihr Ausgang offen ist “ (M. MAHLER, 3, S.145)

3. Zusammenfassung

Bevor ich weiterfahre, möchte ich versuchen das bisher gesagte in einer Zeittabelle zusammenzufassen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit der Bewältigung der Trennung wird die Zweierbeziehung endgültig abgelöst. Das Kind macht jetzt entscheidende Entwicklungsfortschritte in einer Dreierbeziehung.

( -> ödipale Phase, Aufbau der Geschlechtsidentität)

4. DISKUSSION

Eine zentrale Frage, die sich aus den bisherigen Darstellungen ergibt , ist die Verfügbarkeit der Mutter für das Kind in den ersten 3. Lebensjahren. Die gesellschaftliche Situation, die die Berufstätigkeit der Frau fördert, stellt sie dadurch gleichzeitig vor scheinbar unlösbare Probleme, wenn sie ein Kind bekommt. Diese Überforderung der Frau bestärkt die unbewußten Ängste vor einer Schwangerschaft und Geburt, die zu Hemmnisse in ihrer gesellschaftlich anerkannten Selbstverwirklichung werden können.

Ich denke, nicht nur die Verfügbarkeit der Mutter ist für eine gesunde seelische Entwicklung unerläßlich, sondern ebenso ihre gefühlsmäßige Reaktion, die dem Kind eine zuverlässige Basis für seine Entwicklung sichern soll. Unstete, wechselhafte Mütter verunsichern das Kind, das später keiner Beziehung vertrauen kann. Die passive und gleichzeitig angstfreie Verfügbarkeit der Eltern überhaupt, ist für die Entwicklung des Kindes von großer Bedeutung. Nicht nur das Kind lieben, sondern sich vom Kind auch lieben lassen und manchmal auch hassen lassen, ohne es dafür zu strafen, ermöglicht seine Individuation. Für viele Eltern sind aggressive Impulse vom Kind nicht zu ertragen und sie werden durch sinnlose Untersagungen unterdrückt. Ich denke es ist bei weitem nicht genüge getan, nur die Lust und Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen, ohne auf eigene Bedürfnisse zu achten. Ich kann nur dann als Mutter im Gleichgewicht sein, wenn auch meine Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigt werden und wenn diese Berücksichtigung eine Abwesenheit erfordert, muß dafür ein Weg gefunden werden, den es in einer intakten Familie sicherlich gibt.

Obwohl ich M. Mahler nachvollziehen kann und selbst so erlebt habe (Ambivalenz des Kindes zwischen Loslösung und Abhängigkeit, um nur ein Beispiel zu nennen) bereitete mir ihre Theorie beim Verfassen dieser Arbeit teilweise Schwierigkeiten.

Gerade die autistische Phase des Säuglings in den ersten Wochen und die symbiotische Phase in der es sich mit der Mutter verschmolzen fühlt, um erst mit etwa 5 Monaten zwischen sich und anderen zu unterscheiden, kann ich nicht nachvollziehen. Meine Erlebnisse und Erfahrungen innerhalb meiner Familie und meiner Arbeit als Erzieherin waren anderer Natur. Besonders Vätern kommt in Mahler´s Modell meines Erachtens eine viel zu geringe Bedeutung zu. Vielleicht liegt es daran, daß es damals noch keine Hausmänner gab, und durch ihre beruflichen Verpflichtungen einfach nicht so präsent waren - aber Zeiten ändern sich und Einstellungen zum Glück auch.

Weiter empfinde ich Mahler´s Konzept der Symbiose als Widerspruch zu den heute bekannten Fähigkeiten die ein Säugling schon besitzt. Auch M. DORNES (1993) kritisiert:

„ Der Säugling ist nicht symbiotisch in dem Sinn, daßer die Umwelt nur verschwommen wahrnimmt. Er ist nicht symbiotisch in dem Sinn, daßseine Interaktion mit der Mutterüberwiegend undifferenziert oder passiv ist (Symbiose als Beziehung) . Und er ist nicht symbiotisch in dem Sinn, daßer Phantasienüber Verschmelzung mit der Mutter haben könnte (Symbiose als Phantasie)... “ (2, S.75)

Auf der Suche nach Alternativen stieß ich auf Untersuchungen des New Yorker Psychoanalytiker und Entwicklungspsychologe Daniel N. Stern (6) die ich als wohltuende Ergänzung erwähnen möchte:

Die Grundaussage in Stern`s Theorie lautet, daß Gemeinsamkeitserlebnisse von Mutter und Kind stattfinden und wichtige psychische Erlebnisse darstellen. In diesen Erlebnissen, die Stern (6) „experience of self-with-other“ nennt, findet jedoch keine Verschmelzung statt, sondern das Gefühl für die Grenze zwischen Selbst und Objekt bleibt erhalten.

Er nämlich spricht von Selbstempfindungen und unterscheidet 4 Phasen, die sich nicht ablösen, sondern aufeinander aufbauen. Das was der Säugling einmal gelernt hat, geht ihm nicht mehr verloren. In den ersten 2 - 3 Monaten ist es das Empfinden eines >auftauchenden Selbst<. In dieser Phase erlebt das Baby jeden Moment mit allen Sinnen. Soübersetzt und verarbeitet es alles Geschehen um sich herum in körperliche Empfindungen und Reaktionen. Es unterscheidet noch nicht zwischen innen und außen, zwischen auslösendem Geschehen und Gefühl.

Zwischen dem 2. und dem 6. Monat entwickelt sich das >Kern-Selbst<, in dem der Säugling wahrnimmt, daß er seine eigenen Gefühle und seinen eigenen Willen hat - getrennt von dem der Mutter. Damit kann er mit ihr in Beziehung treten. Die Entwicklung des sozialen Lächelns fällt z.B. in diese Phase. Im 7. - 9. Monat entwickelt sich die Empfindung von einem > subjektiven Selbst<, das eine zweite Perspektive mit sich bringt. Es ist nicht auf die Beobachtungen von Handlungen beschränkt, sondern entdeckt dahinter auch Gefühle und Motive. Erst jetzt sind bewußte > Interaktionen< zwischen dem Kind und anderen, vor allem der Mutter, möglich.

Erst zwischen dem 15. Und 18. Monat entwickelt laut Stern (6) das Kind die Empfindung eines >verbalen Selbst<, in dem es die Fähigkeit zur Objektivität und Selbstbeobachtung entwickelt.

Weitere kritische Stimmen fand ich in Martin Dornes Buch (2) in welchem er zum Entschluß kommt, daß das Konzept der normalen autistischen Phase aufgehoben werden sollte. Er schreibt:

„Mahlers Theorie erfreut sich breiter Akzeptanz und erhebt den Anspruch aufgrund psychoanalitisch orientierter Direktbeobachtung zu ihren Aussagen gekommen zu sein Es wird gezeigt, daß die zentralen Begriffe von Autismus und Symbiose, nicht den kindlichen Entwicklungsprozeß im ersten halben Jahr beschreiben sollen, nicht mit dem empirischen Befunden der neueren Säuglingsforschung in Einklang stehen und selbst kaum eine empirische Grundlage haben. Die Einbeziehung neuerer Forschungsresultate ergibt, daß der Säugling in den ersten sechs Monaten weder in seiner Wahrnehmungsorganisation noch in seinem Interaktiosverhalten- und erleben autistisch oder symbiotisch ist. Er ist vielmehr in allen Bereichen kompetent, aktiv und differenziert. Dieser Teil der Mahlerischen Theorie sollte deshalb aufgegeben werden.“ (S.16)

M. Dornes nach zu urteilen wird Stern die Diskussion der nächsten Jahre beherrschen, wie das M. Mahler und Spitz in der Vergangenheit getan haben.

LITERATURVERZEICHNIS

1 AYRES , A. JEAN : Bausteine der kindlichen Entwicklung, Berlin -

Heidelberg -

New York - Tokyo 1984

2 DORNES M.: Der kompetente Säugling, Fischer 1993

3 MAHLER M., PINE F. und BERGMAN A. : Die psychische Geburt des

Menschen

- Symbiose und Individuation, Frankfurt 1975

3 HASSENSTEIN, B.: Tierjunges und Menschenkind - Das Kind im Vorschul- und Grundschulalter, Herder Pädagogik 9005.

5 SCHENK-DANZINGER L.: Entwicklung, Sozalisation, Erziehung - Von der Geburt bis zur Schulfähigkeit ,Stuttgart: Klett-Cotta, Wien 1988

6 STERN, D.: Tagebuch eines Babys, Piper

7 SPITZ,R. A.: Ja und Nein,Stuttgart,1960

8 ROTTMANN M.: Über die Rolle des Vaters in der Entwicklung des Kleinkindes in NASKE R. (Hrsg.): Aufbau und Störungen frühkindlicher Beziehungen zu Mutter und Vater. Wien1980

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Die psychische Geburt des Menschen
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V100421
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geburt, Menschen
Arbeit zitieren
Nitja Gremmelspacher (Autor), 2000, Die psychische Geburt des Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100421

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