Individuelle Wahrnehmung der Vulnerabilität in Krisensituationen während Spätadoleszenz und jungem Erwachsenenalter. Darstellung der Einflussfaktoren am Beispiel der Pandemien Schweinegrippe und Covid 19


Bachelorarbeit, 2020

89 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen der Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung
2.1 Resilienz
2.2 Vulnerabilität
2.3 Risikobegriff
2.3.1 Risikobegriff nach Luhmann
2.3.2 Risikogesellschaft nach Beck

3. Darstellung der Krisensituation Pandemie
3.1 Begriffsbestimmung Pandemie
3.2 Schweinegrippe H1/N
3.3 Corona-Virus / Covid

4. Besonderheit des Lebensalters zwischen 18 und 25 Jahre
4.1 Entwicklungskonzepte
4.1.1 Entwicklungsmodell nach Erik Erikson
4.1.2 Konzept ,the emerging adulthood‘ nach Jeffrey J. Arnett
4.2 Entwicklungsbiologische Besonderheiten

5. Risikomanagement mit einer Pandemie
5.1 Risikobeurteilung
5.1.1 Objektive Risikobewertung
5.1.2 Subjektive Risikobewertung
5.2 Risikokommunikation
5.3 Risikobewältigung und Handlungsreaktionen am Beispiel der Coping Strategie

6. empirische Untersuchung
6.1 Methodik und Methodendiskussion
6.2 Darstellung der Forschungsergebnisse
6.3 Interpretation der Ergebnisse und Handlungsempfehlung

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract

Das Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit bestand darin, relevante Einflussgrößen auf die individuelle, gefühlte Vulnerabilität während der Krisensituation einer Pandemie zu erforschen. Der Fokus lag dabei auf jungen Menschen in Spätadoleszenz und jungem Erwachsenenalter. Zunächst wurde hierzu eine theoretische Fundierung vorgenommen, um grundlegende Zusammenhänge zwischen der Vulnerabilitäts- und Resilienzforschung und einer Pandemie herzustellen. Mittels einer Online-Umfrage wurde untersucht, welche Einflussfaktoren für die individuelle Vulnerabilität ausschlaggebend sind. Die Unterschiede der daraus resultierenden Handlungsreaktionen beider Altersgruppen wurden exploriert.

Im Ergebnis können die folgenden Schlussfolgerungen gezogen werden: Junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren fühlen sich im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie weniger gefährdet als die Altersgruppe der über 25-Jährigen. Hier kann unter anderem eine Korrelation mit der weniger häufigen Beschäftigung mit der Thematik gesehen werden. Dem Verhalten der Mitbürger und der Kompetenz der Bundesregierung messen junge Menschen eine große Bedeutung zu, um vor einer Ansteckung geschützt zu werden. Beide Punkte stehen in engem Zusammenhang mit funktionierender Risikokommunikation. Behörden sollten folglich transparente und kongruente Wissensangebote anbieten, die an die Bedürfnisse junger Menschen angepasst sind. Damit könnten Falschinformationen und dysfunktionale Handlungsreaktionen vermieden oder zumindest reduziert werden.

Schlüsselwörter: Pandemie, Vulnerabilität, Resilienz

The objective of this study was to investigate the influencing factors concerning the individually perceived vulnerability during a pandemic crisis. The focus is on young people in their late teens and early adulthood. At first a theoretical foundation has been undertaken to show the connections between vulnerability and resilience research and a pandemic. With the help of an online survey the determining influencing factors for the individual vulnerability have been evaluated. The differences in the resulting acts of both age groups have been analyzed. The results allow us to reach the following conclusion. Young people between 18 and 25 feel lees threatened by the Corona Pandemic than the age group of the over 25-years-old. That may be due to the fact, that they concern themselves less with the topic. Young people attach great importance to the behavior of their fellow citizens and the competence of our government to be protected against infection. Both points are closely connected with a functioning risk communication. The authorities should offer transparent and congruent knowledge, adapted to the needs of young people. With it, misinformation and dysfunctional reactions could be reduced.

Keywords: pandemic, vulnerability, resilience

Abbildungsverzeichnis/Tabellenverzeichnis

Abb. 1: Schutzfaktorenkonzept

Abb. 2: Auswertung Frage 2

Abb. 3: Auswertung Frage 3

Abb. 4: Auswertung Frage 8/18-25 Jahre

Abb. 5: Auswertung Frage 8/über 25 Jahre

Abb. 6: Auswertung Frage 9

Abb. 7: Auswertung Frage 10

Abb. 8: Auswertung Frage 12

Abb. 9: Auswertung Frage 13/saisonale Grippe

Abb. 10: Auswertung Frage 13/Corona-Virus/Covid 19

Abb. 11: Auswertung Frage 13/Krebserkrankung

Abb. 12: Auswertung Frage 14: Antworten 18-25 Jahre

Abb. 13: Auswertung Frage 14: Antworten über 25Jahre

Abb. 14: Auswertung Frage 15

Abb. 15: Auswertung Frage 16

Abb. 16: Auswertung Frage 18

Abb. 17: Auswertung Frage 19/18-25 Jahre

Abb. 18: Auswertung Frage 19/über 25 Jahre

Abb. 19: Auswertung Frage 20

Abb. 20: Auswertung Frage 21

Abb. 21: Auswertung Frage 22

Abb. 22: Auswertung Frage 26/Antwort 18-25 Jahre

Abb. 23: Auswertung Frage 26/Antwort über 25 Jahre

Abb. 24: Auswertung Frage 27

Abb. 25: Auswertung Frage 28

Tab 1: Resilienzfaktoren: Umsetzung in einem Fragebogen

Tab.2: Auswertung Frage

Tab.3: Auswertung Frage 6/18-25 Jahre

Tab.4: Auswertung Frage 6/über 25 Jahre

Tab.5: Auswertung Frage 11/ 18-25 Jahre

Tab.6: Auswertung Frage 11/ über 25 Jahre

Tab.7: Auswertung Frage 17/18-25 Jahre

Tab.8: Auswertung Frage 17/über 25 Jahre

Einleitung

Seit Beginn des Jahres 2020 hat das Corona-Virus den Alltag der Menschen fest im Griff und beeinflusst mit seinen Auswirkungen fast alle Lebensbereiche. Gesellschaft, Kultur, Bildung und vor allem der Fokus auf die eigene Gesundheit haben sich dadurch stark verändert. Auch wenn die CoronaPandemie grundsätzlich die gesamte Gesellschaft betrifft, nehmen die Menschen die Bedrohung und die daraus resultierenden Veränderungen unterschiedlich war. Dies hängt von verschiedenen Einflussfaktoren wie unter anderem den Medien, der sozialen Vernetztheit, der Informiertheit oder dem Alter ab. Die Reaktionen auf die Krise können beispielsweise in Ängsten oder aber auch in Ignoranz oder renitentem Verhalten bestehen. Die fatalen Auswirkungen der Einschränkungen auf Kinder und ältere Menschen wurden während der Krise in der Medienberichterstattung immer wieder betont. Sie leiden unter den Veränderungen und der Beschränkung der Sozialkontakte. Die Folgen sind indes noch nicht abschätzbar. Jugendliche und junge Erwachsene wurden in den Medien dagegen häufig von einer anderen Seite dargestellt. Feiernde Jugendliche auf sogenannten CoronaPartys zeigen eine scheinbar gefühlte Unverwundbarkeit und ablehnendes Verhalten gegenüber den angeordneten Schutzmaßnahmen. Wie verletzlich sich diese Altersgruppe wirklich fühlt, welche Faktoren diese Wahrnehmung beeinflussen und um welche Bereiche sie sich am meisten sorgen, ist bisher noch nicht ausreichend beleuchtet worden. Gerade junge Menschen in einer Phase vieler Übergänge, wie z. B. von der Schule ins Berufsleben, sind besonders vulnerabel gegenüber Krisen.

Ziel dieser Arbeit ist es daher, einen Einblick zu erhalten, wie stark sich die Wahrnehmung der eigenen Verletzlichkeit von Menschen in Spätadoleszenz und jungem Erwachsenenalter zwischen 18 und 25 Jahren von der Wahrnehmung der Altersgruppe der über 25-Jährigen unterscheidet. Es soll herausgefunden werden, welche Faktoren einen Einfluss auf die Vulnerabilität haben und welche Handlungskonsequenzen sich daraus ergeben. Die Ergebnisse aus dieser Untersuchung können unterstützend für eine erfolgreiche Krisenkommunikation herangezogen werden. Diese ist in einer besonderen Situation wie einer Pandemie essenziell, um so genannten Fake News und daraus folgendem falschen Aktionismus entgegentreten zu können.

In dieser Bachelorthesis folgt nach der Einleitung in Kapitel 2 eine theoretische Fundierung der Resi- lienz- und Vulnerabilitätsforschung. Hierbei soll der Zusammenhang zwischen deren Inhalten und dem Risikobegriff erläutert werden. In Kapitel 3 wird die Besonderheit der Krisensituation Pandemie an den Beispielen der Schweinegrippe/H1N1 und des Corona-Virus/Covid 19 herausgearbeitet. Um die in dieser Arbeit angestrebte Abgrenzung der Wahrnehmung zwischen den beiden Alterskohorten vornehmen zu können, werden in Kapitel 4 die Besonderheiten des Lebensalters zwischen 18 und 25 Jahren definiert. In Kapitel 5 wird aufgezeigt, aus welchen Segmenten Risikomanagement besteht und wie sich diese auf die Bewältigung einer Pandemie auswirken. Die empirische Untersuchung ist Gegenstand von Kapitel 6. Hier wird die verwendete Methodik der quantitativen Umfrage vorgestellt, es erfolgt eine Methodenkritik und die Forschungsergebnisse werden dargestellt und interpretiert. Mit Kapitel 7, dem Fazit, schließt diese Bachelorthesis.

In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist (Pfeiffer, 2020).

2. Grundlagen der Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung

Vulnerabilität, Resilienz und Risiko sind Begriffe, die vielschichtig verwendet werden und in zahlreichen Kontexten wie Klimawandel, Terrorismus und Naturkatastrophen zu finden sind (Bürkner, 2010, S. 5).1 Das Zusammenspiel dieser Komponenten kann erklären, wie Menschen auf besondere Situationen im Leben, wozu auch eine Pandemie zählt, reagieren und diese verarbeiten. Diese Verarbeitungsmechanismen sind zudem von der jeweiligen Entwicklungsstufe des Menschen abhängig. Phasen, die von Übergängen geprägt sind, wie die Adoleszenz und Spätadoleszenz, erfordern aufgrund der erhöhten Vulnerabilität ein höheres Maß an Anpassungsleistung (Reißig, 2015, S. 187). Die Besonderheit dieses Lebensalters wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch im Detail besprochen (s. Kapitel 4).

2.1 Resilienz

Gerade im Zusammenhang mit schwer belastenden Situationen wie der aktuellen Corona-Virus/Co- vid-19-Pandemie erscheint die Frage berechtigt, warum manche Menschen starke Ängste, Unsicherheiten und psychische Probleme entwickeln, während andere hierfür ein gewisses Schutzschild zu haben scheinen. Diese Fähigkeit, eine Krise erfolgreich bewältigen zu können, wird Resilienz genannt. Eine Definition von Wustmann Seiler (2020, S. 18) beschreibt Resilienz als „die psychische Widerstandsfähigkeit [...] gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken“. Diese Stärke gegenüber schädigenden Einflüssen ist entgegen früheren Annahmen der Resilienzforschung nicht ausschließlich angeboren, sondern vielmehr von einem beständigen Austausch und Einfluss zwischen einer Entität und der Umwelt abhängig. Eine große Rolle bei kritischen Lebensereignissen spielen unter anderem die soziale Unterstützung und eine gefühlte Selbstwirksamkeit (Lösel & Bender, 2008, S. 69). Resilienz ist als ein dynamischer Prozess aufzufassen, der trotz großer Belastungssituationen auch zu positiver Anpassung führen kann (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2019, S. 13). Zwei Konzepte, das Risiko- und das Schutzfaktorenkonzept, stellen das Zusammenspiel von vorhandener Resilienz, Risikofaktoren und Schutzfaktoren anschaulich dar (Wustmann Seiler & Fthenakis, 2020, S. 36—48). Sie zeigen auf, welche Einflüsse erschwerend und welche unterstützend auf die Verarbeitung einer schweren Krise wie einer Pandemie wirken.

Abb. 1: Schutzfaktorenkonzept

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2019, S. 28-31).

Neben den Schutzfaktoren können ebenso erschwerende Lebensbedingungen die Resilienz beeinflussen und schwächen. Das Risikofaktorenkonzept benennt Faktoren, die besonders bedrohlich sind. Dazu zählen auch traumatische Erlebnisse, wie die Erfahrung mit Naturereignissen, worunter auch Pandemien fallen (Wustmann Seiler & Fthenakis, 2020, S. 38-39). Diese können somit als Stressor und schwächender Faktor für die Entwicklung und psychische Gesundheit eines Menschen bezeichnet werden.2 Die oben genannten Resilienzfaktoren spielen bei der Wahrnehmung einer Krise wie einer Pandemie eine große Rolle. Bei einer Befragung können Merkmalsträger Auskunft über die Ausprägung relevanter Indikatoren geben, um daraus Erkenntnisse über vorhandene oder existente Resilienz zu gewinnen. In verschiedenen Studien zur Wahrnehmung einer Pandemie wurden beispielsweise Einschätzungen abgefragt, die Aufschluss über Selbstwahrnehmung, Selbststeuerung oder Selbstwirksamkeit geben. Über die Ergebnisse dieser Fragen können Rückschlüsse zu Resilienzfaktoren gezogen werden.

Tab 1: Resilienzfaktoren: Umsetzung in einen Fragebogen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Universität Erfurt et al., 2020 und European Commission, 2010

2.2 Vulnerabilität

Nach dem oben erläuterten Begriff der Resilienz soll in dieser Arbeit auch die Vulnerabilität eines Menschen, insbesondere im Jugend- und jungen Erwachsenenalter, untersucht werden. Vulnerabilität leitet sich vom lateinischen Wort verlnerabilis ab und bedeutet verletzlich oder verwundbar (Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, 2020). Es kann in seiner Beschreibung als Schwäche als Gegenstück zur oben beschriebenen Resilienz als Begrifflichkeit der Stärke gesehen werden. Vulnerabilität ist nicht per se von Geburt an vorhanden, sondern kann sich auch im späteren Leben durch äußere Einflüsse positiv oder negativ entwickeln. Aufgrund dieser anfänglichen oder später hinzugekommenen Ursachen wird nach primären und sekundären Faktoren unterschieden. Zu primären, von Geburt an vorhandenen Einflüssen zählen z. B. genetische Veranlagungen oder Beeinträchtigungen, zu den sekundären diejenigen, die durch Interaktion mit der Umwelt entstanden sind (Görlitz, G, 2009, S. 34). Verschiedene Faktoren, wie z. B. eine geringe Anzahl von Sozialkontakten, eine häufige Beschäftigung mit der belastenden Problematik oder die Beobachtung des Verhaltens der Mitbürger, könnten sich derart auswirken, dass sich ein Mensch gegenüber der Corona-Pandemie verletzlicher fühlt. Diese Annahme soll später in Kapitel 6 empirisch untersucht werden.

Ein kurzer Einblick in forschungstheoretisch differenzierte Betrachtungsweisen zeigt Unterschiede hinsichtlich der Einflussfaktoren auf. Objektivistisch-naturwissenschaftliche Ansätze zu Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung gehen auf die Hazard-Forschung der 80er-Jahre zurück (Bürkner 2010, S. 5). Hier werden Risiken als Einflüsse auf die Vulnerabilität als fest definierte, gegebene Elemente aufgefasst (Bohle & Glade, 2008, S. 99). Naturphänomene und Katastrophen, wozu auch eine Pandemie zählt, werden also als naturgegebene Sache verstanden, an die sich der Mensch anpassen muss (Bürkner 2010, S. 5). Konträr hat sich in den 80er-Jahren ein eigener sozialwissenschaftlicher Forschungsstrang entwickelt, der die Einflüsse auf die Vulnerabilität einer Entität differenziert betrachtet. Die Sozialwissenschaft bezieht den Einfluss gesellschaftlicher Faktoren mit ein. Im Fokus steht der Blick auf das ganzheitliche, sich bedingende Gesellschaftssystem (Bohle & Glade, 2008, S. 99).3 Ulrich Beck als Vertreter dieses Paradigmas sieht in der Verwundbarkeit eine durch die Individualisierung entstandene Problematik. Einerseits besteht durch die Vielzahl der Möglichkeiten die prinzipielle Chance einer individuellen Gestaltung der Lebensbiografie. Darüber hinaus ist der Mensch durch das Wegbrechen der traditionellen, vorgegebenen Strukturen weitgehend von gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen abhängig. Daraus ergeben sich in einer Krise Situationen, die nicht mehr durch das Individuum kontrolliert werden. Es entsteht eine gesellschaftlich vermittelte Verwundbarkeit, derer man sich nicht entziehen kann. Beispiele hierfür sind der Einfluss der Medien, die Abhängigkeit durch Globalisierungsprozesse oder das System sozialer Sicherheit (Stöhr et al., 2019, S. 176-177). In Bezug auf die Besonderheit einer Pandemie kann damit festgesellt werden, dass besonders junge Menschen durch die starke Individualisierung des Lebenslaufes von äußeren Gegebenheiten abhängig sind. Daraus ergibt sich wiederum eine besondere Vulnerabilität.

2.3 Risikobegriff

Der dritte Punkt, den es im Zusammenhang mit der Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung zu beschreiben gilt, ist der Risikobegriff. Dieser war bis in die 60er-/70er-Jahre hauptsächlich in der technischen Risikoforschung beheimatet (Plapp, 2004, S. 18). Die Ergebnisse, eine Berechnung der Eintrittswahrscheinlichkeit, relativen Häufigkeit und des Schadensumfangs, ließen bis dato aber noch keine Aussagen über die Wahrnehmung von Risiken und die Reaktionen der Menschen auf risikoreiche Situationen zu (Renn, Schweizer, Dreyer & Klinke, 2007, S. 13). Die sozialwissenschaftliche Risikoforschung der 80er-Jahre läutete schließlich einen Paradigmenwechsel ein. Das Risiko wurde nun als selbst konstruierte und individuell bewertete Wirklichkeit gesehen, die durch äußere Bedingungen beeinflusst wird. Auch die daraus folgenden Handlungsstrategien hängen von dieser konstruierten Sicht ab (Plapp, 2004, S. 22). In Bezug auf eine Krisensituation, wie sie mit einer Pandemie vorliegt, sind äußere Einflüsse dafür ausschlaggebend, für wie bedrohlich die Gefahr oder das Risiko einer Erkrankung eingeschätzt wird. Nachfolgend werden zwei populäre Ansätze des Risikobegriffs dargestellt, um aufzuzeigen, wie differenziert dieser betrachtet werden kann.

2.3.1 Risikobegriff nach Luhmann

Eine der populärsten Erklärungen für den Risikobegriff stammt von dem Soziologen und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann, geboren 1927 in Lüneburg (Niklas Luhmann-Archiv, 2019). Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen der 60er- und 70er-Jahre untersuchte er, warum manche unwahrscheinliche, katastrophale Ereignisse eher beachtet wurden als wahrscheinliche. Den Grund sah er in der identifizierbaren Ursache, dem Menschen oder der Organisation (Luhmann, 2003, S. 3). Ein Erdbeben ist demnach eine unvermeidbare Gefahr mit nicht anthropogener Ursache. Die Herstellung von Krankheitserregern als biologische Waffe stellt indes ein vermeidbares Risiko dar, das durch menschliche oder institutionelle Einwirkung entstanden ist. Prägnant für die Ansätze nach Luhmann ist auch die Differenzierung zwischen Risiko und Gefahr (Luhmann, 2003, S. 30). Der Unterschied liegt hier in der Position des Handelnden. Betrifft die Entscheidung für eine Unsicherheit und damit für künftige Schänden nur das entscheidende Subjekt selbst, wird von Risiko gesprochen. Hat die Entscheidung auch externe Folgen, wird dies als Gefahr bezeichnet (Luhmann, 2003, S. 30-31). Aus diesem strukturell-systemtheoretischen Ansatz lässt sich schließen, dass jede individuelle Entscheidung für oder gegen das Eingehen eines Risikos Auswirkungen auf das System haben kann. In Bezug auf Pandemien kann daher nicht von einer Selbstverantwortung im Umgang mit der Krankheit gesprochen werden. Die individuelle Entscheidung gegen Schutzmaßnahmen wird dadurch vom Risiko nur für sich selbst zur Gefahr für das gesamte System. Luhmann geht weiterhin davon aus, dass es keine risikofreien Entscheidungen gibt. Denn jegliche Art des Tuns oder Nichtstuns impliziert weitere nicht abschätzbare Folgen, also Risiken oder auch Gefahren (Luhmann, 2003, S. 37). Um nochmals den Bogen zur Pandemie-Thematik zu schlagen, lässt sich dieser Sachverhalt am Beispiel der Schutzmaßnahmen darstellen. Die Entscheidung eines Individuums gegen die Einhaltung von Schutzmaßnahmen, wie beispielsweise den Abstand von 1,5 Metern, ist für das Individuum selbst ein Risiko. Ausgehend von Luhmanns Theorie ergibt sich daraus aber auch eine Gefahr für die Gesellschaft, sich anzustecken. Auch Ulrich Beck lieferte bereits in den 70er-Jahren Ansätze zum Risikobegriff, die sich ebenfalls auf die heutige Situation der Corona-Pandemie übertragen lassen.

2.3.2 Risikogesellschaft nach Beck

Ulrich Beck (1944-2015), geboren in Stolp/Pommern, war ein deutscher Soziologe, der sich hauptsächlich mit den Themen Individualisierung, Globalisierung und Modernisierungsdynamiken des 21. Jahrhunderts beschäftigte (Gröber, 2020). Beck prägte mit Luhmann in den 70er-Jahren die Epoche der Nachkriegssoziologie, in der eine verstärke Aufmerksamkeit auf ökologisch-gesellschaftliche Zusammenhänge aufkam. Zeitgleich mit den Ereignissen von Tschernobyl stellte er den Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt und der ökologischen Verantwortung für die gesamte Gesellschaft dar (Beck, 2016, S. 7-8). Beck postuliert, dass die Risiken der Bevölkerung durch die maschinelle Weiterentwicklung und zunehmende Globalisierung selbst produziert werden. Die Problematik liegt nicht mehr, wie vor wenigen Jahrzehnten, in der bestmöglichen Nutzbarmachung und Unterwerfung der Natur. Vielmehr müssen die dadurch verursachten Risiken politisch, wissenschaftlich, ökologisch und ökonomisch verwaltet werden (Beck, 2013, S. 25-26). Er stimmt mit Luhmann dahingehend überein, dass nicht fehlendes Wissen oder mangelnde Naturbeherrschung eine Bedrohung darstellen, sondern die Perfektionierung der beiden Parameter (Beck, 2013, S. 300). Die daraus resultierenden Probleme können sich im Laufe der Zeit bis hin zu Katastrophen und lebensbedrohlichen Risiken entwickeln. Diese sind nicht durch forcierte Industrialisierung zu beseitigen, sondern nur durch Kommunikation und Konsens zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft (Grundmann, 1999, S. 45). Auch hier wird der Versuch unternommen, aus der vorgestellten Theorie Zusammenhänge mit der Krisensituation einer Pandemie herzustellen. Diese ist kein technisches, direkt durch Menschen verursachtes Problem, doch die Ausbreitung von Krankheiten wird durch deren Verhalten begünstigt, z. B. durch die Abholzung von Wäldern oder enges Zusammenleben von armen Menschen mit Tieren (Baureithel, 2020). Massentierhaltung beschleunigt die Verbreitung von Viren während einer Pandemie (Schmidinger, 2020).4 Migrationsströme gelten nach landläufiger Meinung zwar ebenfalls als Pandemiebeschleuniger, vieles spricht jedoch gegen diese Annahme. Durch die verschlechterte wirtschaftliche Situation in einem Land durch eine Pandemie wird die mit hohen Kosten verbundene Migration zurückgedrängt (Osnabrücker Zeitung, 2020). Alles in allem sind die heutigen Risiken zu globalen weltumspannenden Gefährdungslagen geworden (Beck, 2013, S. 29). Beck bezeichnete bereits in seinem 1986 erschienenen Werk „Die Risikogesellschaft“ die Gesellschaft als katastrophal. Beck (2016) hierzu: „Es droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden“ (S. 31). Diese Aussage scheint sich 35 Jahre später in der Corona-Krise zu bestätigen.

3. Darstellung der Krisensituation Pandemie

In dieser Bachelorthesis werden die Einflüsse auf die Wahrnehmung während einer Krise untersucht. Als besondere Lebenssituation werden dabei Pandemien beschrieben, da diese tiefgreifende Änderungen mit sich bringen und Auswirkungen auf den gesamten Lebensbereich haben.

Umbrüche des politischen und wirtschaftlichen Systems, des Rechtsstaats und des Gesundheitswesens aber auch gesellschaftliche Veränderungen wirken sich auf den Einzelnen und die Gesellschaft aus (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020). Nachfolgend werden exemplarisch die Schweinegrippe/H1N1 und das Corona-Virus/Covid 19 vorgestellt. Ausgewählt wurden diese, da sie anders als Influenza-Ausbrüche der früheren Jahre stark dem medialen Einfluss unterliegen, der hier berücksichtigt werden soll.

3.1 Begriffsbestimmung Pandemie

Eine Epidemie bezeichnet ein Ereignis, das räumlich begrenzt auftritt. Breitet sich eine Epidemie unbegrenzt global aus, wird von einer Pandemie gesprochen (Robert-Koch-Institut, 2020a). Der Begriff Pandemie stammt vom griechischen Wort pandëmios ab und lässt sich als weitverbreitete Erkrankung des Menschen definieren (Spektrum, 1999). Als schwerste Pandemie der jüngeren Geschichte gilt die spanische Grippe. Diese forderte zwischen dem Ausbruch 1918 und 1920 schätzungsweise 27 bis 50 Millionen Tote weltweit5 (Rengeling 2017, S. 51-53). Trotz der hohen Todesrate gab es bereits damals massive Proteste seitens der Bevölkerung gegen die Maßnahmen zur Eindämmung wie etwa Schul-, Theater- und Fabrikschließungen (Rengeling 2017, S. 56).

Die spanische Grippe wurde an dieser Stelle angeführt, da diese oft als Beispiel und Vorläufer für eine Pandemie als Katastrophenszenario herangezogen wird. Sie wurde durch H1N1, einen Subtyp des Influenza A-Virus verursacht (Rengeling, 2017, S. 33). Im weiteren Verlauf der Geschichte sind immer wieder neue Virengattungen und Subtypen des Influenza-Virus entstanden6. Der Ausbruch einer erneuten Pandemie, wie im Jahr 2020 durch das Corona-Virus, war anzunehmen und wurde in verschiedenen Untersuchungen als realistisches Szenario bereits besprochen. Bereits im Jahr 2011 forschte Prof. Dr. Christian Drosten an Coronaviren, die SARS, das Schwere Akute Respiratorische Syndrom, auslösen. Er vermutete bereits damals eine drohende Pandemie durch die Übertragung von Fledermäusen, da diese eine hohe Zahl von Coronaviren in sich tragen (Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2011). Im Jahr 2012 bereitete sich der Bundestag in einer Risikoanalyse auf eine mögliche Pandemie durch ein SARS-Corona-Virus vor (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2012, S. 57). Das Fraunhofer Institut beschrieb im Jahr 2013 seine Prognosen in der Zusammenfassung „Pandemische Influenza in Deutschland 2020, Szenarien und Handlungsoptionen“ (Fraunhofer Institut, 2013). Der erneute Ausbruch einer Pandemie war demnach nur eine Frage der Zeit. Für den Fall des Ausbruchs besteht ein sogenannter Pandemieplan in sechs Warnstufen, der letztmals im Jahr 2009 überarbeite wurde (Robert-Koch-Institut, 2010).7 Das Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (2010) stellt diese sechs Stufen wie folgt dar.

Auftreten einer bisher unbekannten Form des Influenza-Virus, Auftreten nur bei Tieren, keine Übertragung auf den Menschen.

Ansteckung von Tier zu Mensch. Influenza-Virus erstmals bei einzelnen Menschen nachgewiesen (z. B. H5N1-,Vogelgrippe‘ ab 1997).8

Das Virus breitet sich auf Personengruppen aus. Übertragung von Mensch zu Mensch möglich.

Ausbreitung der Krankheit. Die Gefahr einer Pandemie ist deutlich erhöht.

In mindestens zwei WHO-Regionen (von sechs) werden Übertragungen nachgewiesen. Umsetzung von Schutzmaßnahmen (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung 2010).

Vorliegen einer Pandemie. In mind. 3 WHO-Regionen (von sechs) Auftreten des Virus. Weltweiter Ausbruch möglich (z. B. H1N1-,Schweinegrippe‘ ab 2010; Corona-Virus ab 2020).

Während einer Pandemie ist mit einer hohen Zahl an Krankenhauseinweisungen und Todesfällen sowie dem Ausfall der Versorgungsstrukturen zu rechnen (Bundesärztekammer, 2020). Bereits im Jahr 2005 wurde ein nationaler Pandemieplan entwickelt und 2007 überarbeitet. Dieser dient dazu, aufkommende Influenzainfektionen rechtzeitig zu erkennen und entsprechende Handlungsmaßnahmen einzuleiten. Auch die Kommunikation zwischen der Bevölkerung und den Behörden wird darin thematisiert. Der Pandemieplan wurde während der H1N1-,Schweingegrippe‘-Pandemie umgesetzt. Für die aktuelle Corona-Pandemie gab das Robert-Koch-Institut im März 2020 eine Ergänzung zum aktuellen Pandemieplan heraus (Robert-Koch-Institut, 2020b).

3.2 Schweinegrippe/H1N1 2009

Die Schweinegrippe hatte ihren Ursprung in Mexiko im März 2009. Drei Monate später, im Juni 2009, hatte sich das Virus der Gruppe H1N1 bereits weltweit ausgebreitet.9 Die WHO rief daraufhin die höchste Pandemie-Warnstufe 6 aus (Rengeling 2017, S. 88-89). Durch die bisher kaum genutzten Social-Media-Plattformen breiteten sich nicht amtliche Informationen unerwartet schnell unter der Bevölkerung aus. Der Inhalt der Nachrichten stützte sich auf Mund-zu-Mund-Propaganda und verursachte teilweise Panik (Pharmazeutische Zeitung, 2019). Die Prognosen beriefen sich auch auf Parallelen zu vorherigen Influenza-Pandemien. Bereits vor 90 Jahren grassierte die Spanische Grippe als weltweite Pandemie mit demselben Virenstamm H1N1. Damals wie auch bei der Schweinegrippe war ein hoher Anteil an jungen Menschen betroffen. Die Bedenken der Mediziner, der Regierung und der Bevölkerung, eine Pandemie mit apokalyptischen Ausmaßen könnte sich wiederholen, waren entsprechend groß (Schmitt, 2009). Im Rahmen des Pandemieplans orderte die Bundesregierung 34 Millionen Impfdosen des Wirkstoffes Pandemrix. Nachdem sich die anfänglichen Ängste der Bürger gelegt hatten, ließ sich jedoch nur ein geringer Teil impfen. 16 Millionen Impfdosen wurden daraufhin vernichtet (Deutsches Ärzteblatt, 2011).

Die Auswirkungen des H1N1-Virus reichten je nach Vorerkrankung der betroffenen Personen von leichten Erkältungsbeschwerden wie Schnupfen und Husten bis hin zu schweren Verläufen, die auch zum Tod führten (Rengeling 2017, S. 89). Trotz der anfänglich dramatischen Prognosen verzeich- nete Deutschland mit 252 Toten die niedrigste Mortalitätsrate (3,1 %) in Europa (Wilking et al., 2010). Laut einer Umfrage der Europäischen Commission war der Großteil der Bevölkerung zufrieden (53 %) oder sogar sehr zufrieden (8 %) mit den Maßnahmen der Behörden gegen H1N1 (European Commission 2010). Laut Umfrageergebnissen war der Großteil der Bevölkerung zudem nicht besorgt (43 %) oder überhaupt nicht besorgt (13 %) (European Commission 2010). In Bezug auf die Gefahr, dass sich der H1N1-Virus zu einer ernsten Bedrohung entwickeln könnte, zeigten sich 13 % überhaupt nicht besorgt und 46 % nicht besorgt (European Commission 2010). Politik und Behörden gerieten jedoch später massiv in die Kritik, aufgrund mangelhafter Risikokommunikation Hysterie und Panik unter der Bevölkerung verursacht zu haben (Rengeling, 2017, S. 357). Auch die niedrige Impfbereitschaft könnte auf unzureichende Information der Bevölkerung zurückgeführt werden. Auf die Bedeutung einer funktionierenden Risikokommunikation wird wie bereits erwähnt in Kapitel fünf näher eingegangen.

3.3 Corona-Virus/Covid 19

Das Corona-Virus, nach der daraus resultierenden Lungenkrankheit auch COVID 19 genannt, hat seit Beginn des Jahres 2020 massive Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche. Ursprung des neuartigen Corona-Virus war Wuhan City in der Provinz Hubei in China. Hier trat das Virus erstmals im Dezember 2019 auf (ECDC, 2020). Durch die globalisierte Welt, das hohe Reiseaufkommen und den damit verbundenen Flugverkehr verbreitete sich das Virus schneller als alle bisherigen Infektionskrankheiten der Geschichte (Kistemann, Schweikart & Butsch, 2019, S. 77-80).10 Bereits Ende Februar wurden die ersten Fälle in Deutschland gemeldet und am 11. März 2020 wurde das CoronaVirus von der WHO mit Stufe 6 zu einer Pandemie erklärt (Robert-Koch-Institut, 2020c). Die Krankheitsverläufe bei Covid 19 variieren stark. Der Großteil der Erkrankten hat nur milde Symptome wie Schnupfen (21 %), Husten (49 %) oder Fieber (41 %). Zum Stand 18. Juni 2020 entwickelten 3 % eine Pneumonie und bei 18 % der Patienten musste aufgrund schwerer Verläufe eine Krankenhauseinweisung erfolgen (Robert-Koch-Institut, 2020e, S. 7). Risikogruppen sind Menschen mit Herz- Kreislauf-Vorerkrankungen, Asthma und Übergewicht (Robert-Koch-Institut, 2020d).

Die Regierung verhängte zahlreiche Maßnahmen, um eine exponentielle Ausbreitung des Virus zu verhindern.11 Am 16. März 2020 wurde die Schließung zahlreicher Unternehmen sowie Sport- und Unterhaltungsstätten angeordnet, um die Zahl der Ansteckungen zu reduzieren. Am 22. März 2020 wurden diese sozialen Distanzierungsmaßnahmen durch bundesweite Schulschließung und ein Verbot von Versammlungen mit mehr als zwei Personen verschärft (Eurosurveillance 2020). Die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet die Maßnahmen der Bundesregierung, jedoch ging die Zustimmung im Verlauf der Pandemie zurück. Waren im März noch 97 % mit der Schließung von Kultureinrichtungen einverstanden, sank der Anteil zum 12. Mai auf 77 %. Selbiges gilt für die Kontaktbeschränkungen; hier sank die Zustimmung von 92 auf 72 %. Dem Tragen einer Maske pflichteten am 21. April bei Einführung der Maskenpflicht noch 86 % zu, drei Wochen später sank der Wert auch hier auf 73 % (Bundesinstitut für Risikobewertung, 2020b, S. 13). Ein Teil der Menschen fordert die Aufhebung der Maßnahmen und beruft sich dabei auf die ungerechtfertigte Einschränkung der Freiheitsrechte. 4 % der Menschen wären auch bereit, diese Forderung durch die Teilnahme an einer Demonstration durchzusetzen (Universität Erfurt et al., 2020). Wie eingangs beschrieben, wird in den Medien wiederholt von feiernden Jugendlichen berichtet, die sich über die Kontaktbeschränkungen hinwegsetzen (Welt, 2020). Als ursächlich hierfür wird zum einen die gefühlte Unverletzlichkeit angegeben, da als Hauptrisikogruppe ältere Menschen mit Vorerkrankungen gelten. Auf der anderen Seite bestehe das Ziel solcher Zusammenkünfte darin, durch bewusste Ansteckung Immunität zu erreichen, ähnlich wie bei Masernpartys (Lahrtz, 2020). Inwieweit die mediale Darstellung der wirklichen Wahrnehmung der Jugendlichen entspricht, konnte in bisherigen Untersuchungen empirisch nicht belegt werden. Bei allen Befragungen fand bisher keine getrennte Betrachtung der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen statt. Ebenso konnte bisher nicht eruiert werden, welche Einflussfaktoren auf die Wahrnehmung dieser Altersgruppe wirken. Sicher ist jedoch die Gefahr, dass bestimmte Entwicklungsprozesse durch die Corona-Pandemie gestört werden. Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler Prof. Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin warnt davor, diese Menschen, die sich in einer besonders empfindsamen Phase des Lebens befinden, nicht ausreichend zu beachten (Schmid, 2020).

4. Besonderheit des Lebensalters zwischen 18 und 25 Jahren

Die Zeit der späten Jugend und des jungen Erwachsenenalters ist eine Zeit der Übergänge und Veränderungen. Die Verselbstständigung durch den Auszug aus dem Elternhaus, das Erreichen erster finanzieller Unabhängigkeit und vor allem der Übergang von der Schule ins Berufsleben sind große Aufgaben, die ein Mensch in dieser Zeitspanne zu bewältigen hat (Reißig, 2015, S. 187). Diese Veränderungen und Anforderungen lassen sich in Entwicklungsmodellen und Konzepten darstellen. Des Weiteren können typische Verhaltensweisen wie unangepasstes Verhalten auch durch entwicklungsbiologische Vorgänge erklärt werden. Die Lebensphase der Orientierung, Identitätssuche und biologischen Umstrukturierung ist daher durch eine besondere Vulnerabilität für Krisen geprägt (Lehmkuhl, Resch und Herpertz. 2015, S. 7). Eine Pandemie beeinträchtigt durch die damit einhergehenden veränderten Lebensbedingungen bedeutsame Parameter, die für eine erfolgreiches Erwachsenwerden nötig sind.

4.1 Entwicklungskonzepte

Die Entwicklungsaufgaben, Risiken und Besonderheiten dieser Lebensspanne können in verschiedenen Modellen dargestellt werden. Angefangen von Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert, über Charlotte Bühler in den 1930er-Jahren, Erik Erikson in den 1960er-Jahren und vielen weiteren, haben sich Gelehrte, in Abhängigkeit von geschichtlichen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, Gedanken über die „Jugend von heute" gemacht (Keller, 2019, S. 38-49). Ein neuerer Ansatz nach J. J. Arnett, ,the emerging adulthood‘, berücksichtigt die Veränderungen und Herausforderungen für die Jugend durch Pluralität und Individualisierungsprozesse.

Nachfolgend wird der Versuch unternommen, die Entwicklung unter erschwerten Bedingungen einer Pandemie im Rahmen des Entwicklungsmodells nach Erik H. Erikson und des Ansatzes ,the emerging adulthood‘ darzustellen.

4.1.1 Entwicklungsmodell nach Erik H. Erikson

Erikson beschreibt bereits in den 1960er-Jahren Jugendliche und junge Erwachsene als höchst verletzliche Individuen. Um die in seinem Stufenmodell dargestellten Entwicklungsstufen erfolgreich abschließen zu können, sind gesellschaftlich stabile Rahmenbedingungen inklusive dazugehöriger Institutionen äußerst relevant. Auf Stufe 5 des Entwicklungsmodells steht die Adoleszenz mit den beiden Polen Identität vs. Rollenkonfusion. Für die Bildung einer eigenen Identität sind stetige Sozialkontakte nötig, um sich selbst in der Gesellschaft zu prüfen, sich infrage zu stellen und seine eigene Rolle zu finden (Keller, 2019, S. 41). In Zeiten einer Pandemie ist diese Möglichkeit durch die Beschränkung der Sozialkontakte und Schulschließungen stark eingeschränkt. Bei nicht ausreichend abgeschlossener Überwindung dieser Phase droht daher die Ausprägung einer Rollenkonfusion. Auf Stufe 6 des Entwicklungsmodells steht das frühe Erwachsenenalter mit den Polen Intimität vs. Isolation. Die Qualität der späteren Beziehung hängt von der positiven ICH-Erfahrung innerhalb einer Kameradschaft, Freundschaft oder anderen Beziehungsform ab (Keller, 2019, S. 41-42). Auch hier steht die künstlich geschaffene Isolation durch die Schutzmaßnahmen im Zuge einer Pandemie den natürlichen Entwicklungserfordernissen entgegen.

4.1.2 Konzept ,the emerging adulthood‘ nach Jeffrey J. Arnett

Wie bei Erikson und anderen Vertretern der Entwicklungstheorien, steht auch in diesem Konzept die Identitätsfindung im Mittelpunkt. Die Fragen ,Wer bin ich?‘, ,Was fange ich mit meinem Leben an?‘, ,Woran glaube ich?‘ (Keller, 2019, S. 53) bilden die zentralen Themen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die bei Erikson beschriebene, für die Adoleszenz zentrale Identitätskrise hat sich in den letzten zehn Jahren weit ins junge Erwachsenenalter verschoben. Diese Krise findet aufgrund eines verlängerten Moratoriums in dieser neuen Entwicklungsphase, der emerging adulthood, statt (Grimmer, Sammet & Dammann 2012, S. 16). Die normativen Entwicklungsanforderungen, wie z. B. der Übergang vom Bildungssystem ins Arbeitsleben, die Ablösung vom Elternhaus und die Entwicklung von festen Beziehungen werden durch gesellschaftliche Bedingungen zusätzlich erschwert. Entstandardisierung, der Verlust von traditionellen Rollen, Unbeständigkeit und eine schier unüberblickbare Zahl an Möglichkeit, den Lebenslauf individuell zu gestalten, können zu einer Nichtbewältigung der Entwicklungsanforderungen führen (Keller, 2019, S. 51-52). Eine Pandemie besitzt zusätzlich die Eigenschaft, nicht planbar zu sein. Eine Konsequenz daraus kann eine zusätzliche Destabilisierung von vulnerablen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sein.

4.2 Entwicklungsbiologische Besonderheiten

Durch die hirnorganische Veränderung während der Adoleszenz ergeben sich typische Verhaltensweisen, wie etwa eine hohe Risikobereitschaft, sich einer Gefahr auszusetzen, oder eine renitente Haltung gegenüber Autoritäten, die sich unter anderem durch die ungleiche Entwicklung der einzelnen Gehirnareale begründen lassen (Konrad & König, 2018, S. 20). Subkortikale Hirnareale wie das limbische und das Belohnungssystem sind früher ausgereift als präfrontale Hirnstrukturen wie das kortikale Kontrollsystem. Dieser Bereich, der für Impulskontrolle und zielgerichtetes Handeln zuständig ist, reift erst im frühen Erwachsenenalter vollständig aus (Goethe Institut, 2020). Es ließe sich also davon ausgehen, dass Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren eine höhere Bereitschaft haben, sich dem Risiko der Ansteckung auszusetzen. Der Belohnungseffekt durch das Treffen mit Freunden hätte in diesem Fall höheres Gewicht als die Impulskontrolle und vorrausschauendes Handeln. Zu befürchten ist folglich, dass die Restriktionen der Corona-Pandemie der Autonomieentwicklung entgegenstehen. Jugendliche und junge Erwachsene befinden sich in einem Prozess der Ablösung. Die ablehnende Haltung und kritische Sicht auf autoritäre Anordnungen ist ein natürlicher Prozess, der in einem gewissen Rahmen auch durchgesetzt werden muss. Die Abschottung von den für diese Altersgruppe bedeutsamen Peers widerspricht ebenso stark der Entwicklungssituation (Hein, J., 2020). Der daraus resultierende unzureichende Aufbau intensiver Beziehungen kann im späteren Verlauf Kontaktstörungen oder Kontaktängste zur Folge haben (Schmid, 2020). Die derzeitige Kontaktbeschränkung und teilweise Isolation zu Hause widersprechen demnach den Entwicklungsbedürfnissen der Jugendlichen, denn sie lehnen sich naturgemäß gegen Autoritäten auf, wollen und müssen eigene Wege gehen, wollen Distanz haben und eigene Erfahrungen mit ihrer Gruppe, ihren Peers, machen (Hein, J., 2020).

5. Risikomanagement mit einer Pandemie

Es stellt sich nun die Frage, wie der Mensch, insbesondere der Jugendliche und junge Erwachsene, einer extremen Ausnahmesituation entgegentritt. Der Umgang mit einer Pandemie könnte an das Risikomanagement eines Unternehmens angelehnt werden. Reduziert auf die grundlegendsten Parameter, stehen auch im Falle einer Pandemie zwei Aspekte im Vordergrund: Die Bewertung eines Risikos, also wie bedrohlich eine Gefahr eingeschätzt wird, und welche Handlungskonsequenzen daraus gezogen werden (Rhyner, 2020). Es gilt zu verhindern, dass sich die Beurteilung der Gefahr in das Extrem der Unter- oder Überbewertung entwickelt. Dafür stellt die Risikokommunikation eine der bedeutendsten Aufgaben der Behörden und der öffentlichen Verwaltung dar (Bundesinstitut für Risikobewertung, 2020c).

5.1 Risikobeurteilung

Grundsätzlich bestehen zahlreiche Möglichkeiten, um auszudrücken, dass eine Situation eintreffen wird oder auch nicht. Das Wort Risiko beinhaltet die Annahme, dass etwas vielleicht, wahrscheinlich, unwahrscheinlich, möglich, sicher, ganz sicher, nicht sicher, denkbar, nicht ausgeschlossen passieren wird. Ebenso gibt es je nach Individuum unterschiedliche Möglichkeiten, diese Eventualität in ihrem Ausgang zu bewerten (Schaaf & Zschoke, 2013, S. 131). In der Ökonomie ist eine Auswertung der Parameter Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit üblich (Quelle evtl. rowe 1977 oder Peter & Tarpey, 1975). Die Situation einer Pandemie lässt sich auf diese Weise indes nicht berechnen. Wie stark diese einen Menschen individuell beeinflusst, hängt auch von individuellen, subjektiv wahrgenommenen Eindrücken ab. Die Katastrophensoziologie unterscheidet die Risikobewertung daher in objektive und subjektive Parameter, die nachfolgend näher beleuchtet werden (Plapp, 2004, S. 22).

5.1.1 Objektive Risikobewertung

Eine Möglichkeit, die beiden Parameter der Risikobewertung zu unterteilen, ist nach dem Ausgangspunkt der Sichtweise. Die objektive Risikobewertung kann als das Urteil eines Experten, einer Fachstelle oder einer wissenschaftlichen Einrichtung bezeichnet werden, während die subjektive Bewertung die Einschätzung eines Laien beinhaltet. Wird ein Risiko objektiv betrachtet, wird es meist nach Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit sowie dem Ausmaß des möglichen Schadens quantitativ bewertet (Jungermann & Slovic, 1993, S. 181-182). Die objektiv betrachteten Ergebnisse liegen im Falle einer Pandemie in Zahlen zu Hospitalisierung, demographischer Verteilung und Letalität vor und werden von einer anerkannten Stelle, beispielsweise dem Robert-Koch-Institut, und den zuständigen Behörden veröffentlicht (Robert-Koch-Institut 2020e). Die sozialwissenschaftliche Risikoforschung gibt indes zu bedenken, dass auch das Betrachten dieser offensichtlich feststehenden Tatsachen der subjektiven Bewertung unterliegt. Denn das Risiko lässt sich zwar in Zahlen fassen, ist aber dennoch kein Objekt und kann daher nicht mit den Sinnesorganen erfasst werden (Plapp, 2004, S. 22).

5.1.2 Subjektive Risikobewertung

Die subjektive Bewertung hat einen großen Einfluss darauf, ob ein Risiko als bedrohlich oder harmlos eingestuft wird, und bringt damit auch Auswirkungen auf die individuelle, gefühlte Vulnerabilität während einer Krisensituation mit sich. Der Einfluss von Faktoren, die auf die persönliche Risikobewertung einwirken, kann durch verschiedene Theorien und Muster beschrieben werden.12 Bekannte Vertreter der Risikoforschung, Helmut Jungermann und Paul Slovic (1993), benennen als zentralen Faktor die Wahrscheinlichkeit des Schadensausmaßes (S. 170). Im Falle einer Pandemie könnte dies bedeuten, dass Jugendliche und junge Erwachsene abwägen, welche Folgen eine Ansteckung mit dem Corona-Virus für sie individuell hätte, um damit ihre individuelle Verletzlichkeit zu bewerten. Weitere Faktoren, die zur Risikobewertung beitragen können, sind die Freiwilligkeit und die damit in engem Zusammenhang stehende Kontrollierbarkeit (Jungermann & Slovic 1993, S. 173). Bezugnehmend auf die Corona-Pandemie könnte die Freiwilligkeit, sich dem Risiko auszusetzen, mit der Einhaltung der Schutzmaßnahmen und damit der Kontrolle einer Ansteckung in einen Zusammenhang gebracht werden. Ein weiterer Punkt, der zur Bewertung des Risikos und damit auch zur individuellen Vulnerabilität beiträgt, ist die Informiertheit über das Risiko, die Pandemie selbst. Eine große Rolle spielen dabei die Online-Medien. Auf diesen Punkt wird aufgrund der hohen Bedeutung nachfolgend näher eingegangen. Wissensbeschaffung erfolgt heute zu einem großen Teil über das Internet. 71 % der Deutschen geben an, täglich online zu sein. Bei den 14- bis 29-Jährigen liegt diese Zahl sogar bei 98 %. Dabei verbringen die Menschen durchschnittlich 87 Minuten am Tag mit dem Lesen von Nachrichtenportalen, Radio- und Textnutzung (ARD ZDF Onlinestudie 2019). In einer Studie von Sindermann, Elhai, Moshagen & Montag (2020) wurde bei einer Stichprobe von 1681 Teilnehmern die Nutzung der verschiedenen Medien untersucht. Hierbei wurde festgestellt, dass junge Menschen ein vergleichsweise hohes Risiko tragen, in eine sogenannte Filterblase zu gelangen, da sie dazu tendieren, sich Informationen ausschließlich über Online-Medien zu beschaffen (Sindermann, Elhai, Moshagen & Montag 2020). Filterblasen beschreiben das Phänomen, wenn Informationen bei Suchmaschinen oder Sozialen Netzwerken gefiltert werden. Auf der Plattform platzierte Algorithmen steuern die Abläufe des Programms. Wissensinhalte, die nicht oder selten aufgerufen werden, erscheinen möglicherweise gar nicht mehr in der Suchmaske. Da hauptsächlich Informationen angezeigt werden, die zum Interessengebiet oder Meinungsbild des Nutzers passen, kann von einer Personalisierung und Selektion der Informationen gesprochen werden (Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, 2020). Als Vorteile werden die bessere Verständlichkeit und Kontrolle über die Informationen angeführt (Facebook, 2020). Die Gefahr besteht gleichwohl in der Herausbildung eines verzerrten Meinungsbildes. Durch die fehlenden konträren Meinungen erscheint dieses als normativ, was unter Umständen auch zu einer Anpassung an extreme Meinungsbilder führen kann (Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, 2020). In Krisenzeiten sind wissenschaftlich fundierte Informationen als Basis notwendig (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, 2015). Die zielgerichtete Überbringung der relevanten Informationen ist Aufgabe der Risikokommunikation.

5.2 Risikokommunikation

Neben den zuvor besprochenen Einflussparametern ist ebenso entscheidend, wie ein Risiko kommuniziert wird. Einen besonders hohen Stellenwert hat die Risikokommunikation, wenn objektive Risikobewertung und öffentliche Wahrnehmung divergieren (Bundesinstitut für Risikobewertung, 2020c). Bei der Pandemie ist dies der Fall, wenn eine objektiv durch empirische Studien belegte hohe Gefahr der Ansteckung besteht, die Wahrnehmung durch andere Faktoren aber so beeinflusst wird, dass diese unterschätzt wird (Bundesinstitut für Risikobewertung, 2020c). Als Beispiel kann hier angeführt werden, dass zu Beginn der Corona-Pandemie in den Medien die besondere Gefährdung von älteren Menschen hervorgehoben wurde. In einer Pressemitteilung der WHO am 2. April 2020 wurde erklärt: „[...] Ältere Menschen sind durch COVID-19 am stärksten gefährdet, doch alle müssen handeln, um eine Ausbreitung in der Bevölkerung zu verhindern“ (Kluge, 2020). Daraus resultierte eine Wahrnehmung in der Bevölkerung, junge Menschen seien nicht gefährdet. Im umgekehrten Fall kann ein objektiv geringes Risiko auch problematisch werden, wenn diese überschätzt wird. Dadurch kann es zu Panik und irrationalen Handlungen in der Bevölkerung kommen. Im Beispiel der Corona-Pandemie bestand objektiv zu keinem Zeitpunkt ein Versorgungsengpass an Grundnahrungsmitteln oder Hygieneartikeln (Bundesregierung, 2020). Dennoch wurden durch die individuelle Wahrnehmung der Bevölkerung irrationale Hamsterkäufe von haltbaren Lebensmitteln und Desinfektionsmitteln getätigt (Statistisches Bundesamt, 2020). Bereits 2014 wurde von der WHO ein Leitfaden zusammengefasst, wie in Krisensituationen einer Pandemie effektiv kommuniziert werden kann (Brandt-Bohne, 2018). Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat im Jahr 2012 eine Anleitung zur erfolgreichen Risikokommunikation erstellt, die im Zuge der Corona-Pandemie umgesetzt wurde (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, 2012). Die schwierige Aufgabe besteht darin, ein Gefahrenbewusstsein der Bevölkerung aufzubauen, ohne jedoch Panik zu verursachen. Die Reaktionen und das Mitwirken der Gesellschaftsmitglieder bilden die Basis für ein funktionierendes System auf allen Ebenen während der Krise (Felgentreff & Glade, 2008, S. 235).

5.3 Risikobewältigung und Handlungsreaktionen am Beispiel der Coping-Strategie

Risikobewältigung im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wird hier als Maßnahme verstanden, auf eine Belastungssituation zu reagieren und mit ihr zurechtzukommen. Damit sind alle Versuche eines Individuums gemeint, mit einer Situation unter Zuhilfenahme emotionaler und kognitiver Ressourcen umzugehen. Dies kann sich in verschiedenen Handlungsreaktionen zeigen (Wustmann Seiler & Fthenakis, 2020, S. 76). In dieser Arbeit wird als Lösungsansatz die Risikobewältigung am Beispiel der Coping-Strategie nach Lazarus dargestellt. Er benennt unter anderem das Ertragbar machen negativer Umstände, die Verbesserung der Aussicht auf Erfolg und das Sichern des emotionalen Gleichgewichts als zentrale Aufgaben des Copings (Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, o. J.). Verschieden Strategien lassen sich nach diesem Modell beschreiben und auf Prozesse während einer Pandemie beziehen. Im Kern geht es bei den beiden Varianten darum, das Geschehen entweder zu verändern oder sich damit auseinanderzusetzen (Wustmann Seiler & Fthenakis, 2020, S. 77). Eine Bewältigungsmöglichkeit ist das problemorientierte Coping. Hierbei sind lösungsorientierte Strategien zu finden, um die Situation an sich zu verändern. Die aktive Suche nach Unterstützung gehört ebenso dazu wie die Erweiterung des Wissens über die Problematik (Franzkowiak & Franke, 2018). Im Falle der Pandemie könnten die kritische Hinterfragung der dargebotenen Informationen und die Corona-Demonstrationen als problemorientierter Coping-Ansatz und Handlungsstrategie aufgefasst werden. Auch das Anzweifeln oder Leugnen der Gefährlichkeit der Pandemie kann hiermit in Verbindung gebracht werden. Dieser Ansatz wird auch als „aktive Coping-Strategie" bezeichnet (Wustmann Seiler & Fthenakis, 2020, S. 77). Auch das Zurückziehen aus der Krisensituation oder die Isolation können als aktiver Lösungsansatz bezeichnet werden (Wild, 2014). Emotionsorientiertes Coping hingegen zielt auf eine Änderung der Gedanken und Gefühle ab. Sich abzulenken oder emotional von der Thematik zu distanzieren, gehört beispielsweise zu dieser Strategie (Franzkowiak & Franke, 2018). Dabei geht es nicht darum, die Situation an sich zu verändern, sondern um eine Kontrolle der Emotionen, etwa durch Entspannung, sich mit Sport Abreagieren oder Lesen (Wustmann Seiler & Fthenakis, 2020, S. 78). Die Treffen von Jugendlichen untereinander könnte in diesem Zusammenhang auch als Lösungsansatz der jungen Menschen gesehen werden, sich von der Thematik abzulenken.

Als Zusammenfassung der theoretischen Fundierung lassen sich folgende Zusammenhänge der Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung und der Wahrnehmung einer Krisensituation feststellen. Als mögliche Einflussfaktoren auf die individuelle Vulnerabilität und Resilienz gelten unter anderem die soziale Interaktion mit anderen Menschen, die eigene gefühlte Selbstwirksamkeit, an der Situation etwas ändern zu können, oder die eigene wahrgenommene Informiertheit über die Problemthematik. Die Beurteilung eines Risikos beruht unter anderem auf objektiven Parametern und individuellen subjektiven Zuschreibungen, wobei diese Einordnung durch mediale Einflüsse beeinflusst werden kann. In den bisherigen Untersuchungen zur Wahrnehmung wurden verschiedene Faktoren zur Wahrnehmung einer Pandemie betrachtet. Eine besondere Betrachtung der Menschen in Spätadoleszenz und jungem Erwachsenenalter ist bisher indes nicht erfolgt. Diese Lücke soll mit der im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten empirischen Untersuchung geschlossen werden.

6. Empirische Untersuchung

Nachfolgend wird die empirische Untersuchung vorgestellt, wobei zunächst die gewählte Methodik in Abgrenzung zu alternativen Forschungsparadigmen beschrieben wird und eine Überprüfung der Einhaltung der Gütekriterien erfolgt. Die Methodendiskussion zeigt die Grenzen der vorliegenden Arbeit auf. Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt angesichts der nötigen Trennung der beiden Alterskohorten überwiegend grafisch. Die Interpretation der Ergebnisse und das Formulieren von Handlungsempfehlungen schließen dieses Kapitel ab.

6.1 Methodik und Methodendiskussion

Für den Ablauf einer empirischen Untersuchung wie der vorliegenden ist ein strukturiertes Vorgehen essenziell. Zu Beginn des Forschungsprozesses muss zuerst das Untersuchungsproblem klar definiert werden (Kuß, Wildner & Kreis, 2017, S. 9). In dieser Arbeit wurde dieses mit der Forschungsfrage wie folgt formuliert: Welche Faktoren haben einen Einfluss auf die gefühlte Vulnerabilität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren im Vergleich zu Menschen über 25 Jahren? Im nächsten Schritt wird mit der Festlegung der Untersuchungsziele die Strategie ausgewählt, mit der die Fragestellung beantwortet werden soll. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Explorative Untersuchungen sollen Zusammenhänge zwischen Variablen erforschen, während kausale Untersuchungen die Gründe für beobachtete Phänomene in den Fokus rücken. Bei deskriptiven Untersuchungen werden bei einer Grundgesamtheit Merkmale untersucht, um das Untersuchungsproblem lösen zu können (Kuß, Wildner & Kreis, 2017, S. 11).

In der vorliegenden Thesis soll eine Grundgesamtheit hinsichtlich deren Wahrnehmung in Krisensituationen erforscht werden. Da der Unterschied zwischen zwei Alterskohorten (18-25 Jahre und über 25 Jahre) dargestellt werden soll, wurde ein deskriptiver Ansatz gewählt. Vor der Wahl des Forschungsdesigns steht zunächst die Frage, ob die gewünschten Daten bereits in anderen Untersuchungen vorliegen. Diese können dann durch Aufbereitung und Analyse zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen werden, was einer Sekundärforschung entspricht. Ist dies nicht der Fall, müssen Daten in einer sogenannten Primärforschung neu erhoben werden (Kuß, Wildner & Kreis, 2017, S. 20). Zur Wahrnehmung von Krisensituationen wie der Corona-Pandemie/Covid 19 liegen zahlreiche Studien vor. Bisher wurde jedoch keine gesonderte Betrachtung der Alterskohorte der 18- bis 25-Jährigen vorgenommen. In dieser Arbeit wurde daher der Ansatz der Primärforschung gewählt, um die Besonderheiten dieser Altersgruppe empirisch belegen zu können. Bei der anschließenden Auswahl des Forschungsdesigns kann grundsätzlich zwischen qualitativer und quantitativer Forschung unterschieden werden (Döring & Bortz, 2016, S. 32).13 Die Paradigmen der jeweiligen Forschungslogiken unterscheiden sich unter anderem in der Anzahl der Betrachtungen, im Forschungsablauf und in der Forschungslogik (Burzan, 2015, S. 21-24).

In dieser Arbeit wurde ein quantitativer Ansatz gewählt. Dieser schien geeignet, um eine repräsentative Aussage über eine Grundgesamtheit treffen zu können. Bei der Planung der Umfrage wurde von einer Gesamtpopulation von 76.648.013 Personen über 18 Jahren ausgegangen, hiervon 7.271.228 (9,49 %) im Alter von 18 bis 25 Jahren und 69.376.785 (90,51 %) über 25 Jahre (Statistisches Bundesamt, 2019). Bei einem Konfidenzniveau von 95 % und einer Fehlerspanne von 5 % sind mindestens 380 Umfragebögen notwendig, um eine repräsentative Stichprobe zu erhalten. Bei vorliegenden 470 Ergebnissen kann daher von Repräsentativität ausgegangen werden.

Als Methode wurde ein Fragebogen gewählt, der auf einer Online-Plattform ohne Einfluss seitens des Untersuchungsleiters ausgefüllt werden musste. Zur Beantwortung der Forschungsfrage einer empirischen Arbeit müssen aufgestellte Hypothesen überprüft werden (Ebster & Stalzer, 2017, S. 156). Die Hypothesen für diese Arbeit wurden mit Umfragen bereits vorliegender wissenschaftlicher Studien in Verbindung gebracht und in Anlehnung an bereits vorliegende Fragemuster erstellt. Für Hypothesen, die nicht mit den bereits vorliegenden Fragen beantwortet werden können, wurden eigene Fragestellungen erstellt. Zur Datenerhebung stehen bei Fragebögen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, wie z. B. Telefonische Befragungen, Face-to-Face-Interviews oder Online-Umfragen. Letztere wurde für diese Arbeit gewählt und auf der für studentische Zwecke kostenfreien Plattform Onlineumfrage.de gestartet. Die Verteilung erfolgte über die Studienplattform PIAZZA und private Kontakte mit der Bitte um Weiterleitung. Ein in der örtlichen Tageszeitung erschienener Artikel zur Thematik sowie ein Online-Bericht über die vorliegende Untersuchung wiesen ebenfalls auf die Umfrage hin.14 Innerhalb eines Zeitraums von zehn Tagen konnten so 536 Umfragekontakte generiert werden, von denen 460 die Umfrage vollständig ausgefüllt und abgeschlossen haben.

[...]


1 Pandemien wie das Corona-Virus/Covid 19 und die Schweinegrippe sind nicht als Naturkatastrophen eingestuft, sondern als natürlichen Ursprungs zu sehen (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, 2020). Die Beeinträchtigung des persönlichen Lebensumfelds, des Alltags und der Angst um die eigene Person ist gleichwohl mit oben genannten Beispielen vergleichbar.

2 Verschiedene Autoren weisen jedoch darauf hin, dass Schutz- und Risikofaktoren ohne methodische Abgrenzung nicht auf eine Waagschale gelegt werden können, um diese gegeneinander aufzurechnen. Siehe hierzu auch Multifinalität von Risiko- und Schutzfaktoren (Lösel & Bender, 2008, S. 64-65).

3 Häufig kritisiert wird eine bisher unzureichende, aber notwendige Verknüpfung der beiden Forschungstraditionen. Naturwissenschaftliche Ansätze müssen ebenso gesellschaftliche Aspekte miteinbeziehen, wie sozialwissenschaftliche Theorien die quantitativen Ereignismagnituden berücksichtigen müssen, um bestmögliche Ergebnisse herbeizuführen (Bohle & Glade, 2008, S. 117-118).

4 Zwischen 70 und 75 % der neuen Krankheitserreger, die den Menschen bedrohen, sind zoonotischen Ursprungs, werden also vom Tier auf Menschen übertragen (Schmidinger, 2020).

5 Die Mortalitätsrate von 5 % ist aber bei weitem niedriger als bei der zwischen 1347 und 1351 wütenden Pest mit ca. 33 % (Rengeling 2017, S. 51-53).

6 1918-1920: Spanische Grippe, 20-50 Millionen Tote, Influenzagrippe Subtyp A/H1N1, 1957/58: Asiatische Grippe, 1-4 Millionen Tote, Influenzagrippe Subtyp A/H2N2, 1968: Hongkong-Grippe, 1-4 Millionen Tote, Influenzagrippe Subtyp A/H3N2, 1977/1978: Russische Grippe, 700.000 Tote (vor allem Kinder und Jugendliche erkrankten), Influenzagrippe Subtyp A/H1N1,2009/10: Schweinegrippe, 100.000-400.000 Tote, Influenzagrippe Subtyp/California/7/2009 (H1N1) (Henneke, 2020).

7 Die WHO stand nach der Influenza H1N1 in der Kritik, die Definitionskriterien geändert zu haben, um eine Ausrufung der Stufe 6 möglich zu machen (Robert-Koch-Institut, 2010).

8 Im Jahr 2004 benannte die WHO aufgrund einer sehr hohen Letalitätsrate von über 50 % die Vogelgrippe als größte Bedrohung für die Menschheit (Rengeling, 2017, S. 85).

9 Weitere Bezeichnungen waren auch Mexiko-Grippe, Swine flu pandemic 2009/2010 oder Neue Grippe A/H1N1 (Rengeling 2017, S. 88).

10 Im Vergleich hierzu seien zwei Beispiele genannt, wie sich durch die stärker vernetzte Welt auch Pandemien immer schneller verbreiten: Die Pest brach im Jahr 1346 im Karakorum aus und erreichte das 4000 km entfernte Europa erst 10 bis 12 Jahre später. Die spanische Grippe brach 1918 aus und verbreitete sich innerhalb weniger Monate über die gesamte Weltbevölkerung (Kistemann, Schweikart & Butsch, 2019, S. 77-80).

11 Zur Risikoeinschätzung bedient sich die Medizin mathematischer Berechnungen. Exponentielles Wachstum bezeichnet einen schnellen Anstieg der Infektionszahlen in immer kürzerer Zeit (Decker, 2020).

12 Siehe auch Luhmann, N. (1990). Risiko und Gefahr. In: Luhmann, N. Soziologische Aufklärung. 5 Konstruktivistische Perspektiven (S. 131-169). Westdeutscher Verlag: Opladen.

13 Es besteht auch die Möglichkeit, beide Forschungstraditionen zu verbinden. Die sogenannte Triangulation lässt durch die Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden einen umfangreichen Blick auf die Forschungsfrage zu (Ebster & Stalzer, 2017, S. 153).

14 Huebner, W. (2020): Online Studie einer Speichersdorferin zu Corona. Abgerufen am 20.07.2020 von https://www.bayern-reporter.com/2020/06/09/online-studie-einer-speichersdorferin-zu-corona/

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Individuelle Wahrnehmung der Vulnerabilität in Krisensituationen während Spätadoleszenz und jungem Erwachsenenalter. Darstellung der Einflussfaktoren am Beispiel der Pandemien Schweinegrippe und Covid 19
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
89
Katalognummer
V1004585
ISBN (eBook)
9783346387776
ISBN (Buch)
9783346387783
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Corona, Covid 19 Pandemie Schweinegrippe Vulnerabilität Resilienz
Arbeit zitieren
Barbara Moller-von Lossow (Autor), 2020, Individuelle Wahrnehmung der Vulnerabilität in Krisensituationen während Spätadoleszenz und jungem Erwachsenenalter. Darstellung der Einflussfaktoren am Beispiel der Pandemien Schweinegrippe und Covid 19, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1004585

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