Fontane, Theodor - Mathilde Möhring - Darstellung der Gesellschaft in Fontanes Roman


Facharbeit (Schule), 2000

9 Seiten, Note: 10 Punkte


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Inhalt

1. Inhaltsangabe zu Fontanes »Mathilde Möhring«

2 Hauptteil
2.1 Mathilde & ihre Mutter als Vertreter der Unterschicht
2.2 Mathilde & Hugo vor seinem Examen als Vertreter der unteren Mittelschicht
2.3 Mathilde & Hugo nach seinem Aufstieg zum Bürgermeister als Mitglieder der gehobenen Mittelschicht
2.4 Mathilde nach Hugos Tod als Witwe und Lehrerin zwischen Unterschicht und unterer Mittelschicht

3. Bezug zur Gegenwart

4. Bezug zu Fontanes poetischem Realismus

5 Anhang
5.1 Zitatenliste/Worterklärungen
5.2 Quellenverzeichnis
5.1 »Mission: Fontane«
5.2 »Anna Nicole Smith: Prozess um Milliarden-Erbe«

1. Inhaltsangabe

Theodor Fontane beschreibt in seinem Roman »Mathilde Möhring« das Leben der jungen, vaterlosen Mathilde, die mit ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung in Berlin lebt. Da sie in ärmlichen Verhältnissen leben, sind sie darauf angewiesen, ein Zimmer zu vermieten. Als sich der junge Jurastudent Hugo Großmann um das Zimmer bewirbt, ist Mathilde ihm sofort zugetan und denkt bereits wenig später an eine mögliche Heirat, da er wohlsituiert, allerdings etwas unentschieden und langsam ist.

Als Hugo nach einer schweren Krankheit, während der er von Mathilde und ihrer Mutter gepflegt wird, um Mathildes Hand anhält, verloben sie sich und Mathilde unterstützt ihn beim Lernen für sein Examen. Nachdem Hugo es bestanden hat, sucht Mathilde ohne sein Wissen in mehreren Tageszeitungen nach einem Stellengesuch für einen Bürgermeisterposten, bis sie schließlich eine offene Stelle in einer Kleinstadt namens Woldenstein findet und Hugo drängt, diese anzunehmen. Angesichts der nunmehr gesicherten Zukunft können sie heiraten. Nachdem Hugo seinen Posten angetreten hat, nimmt Mathilde heimlich Hugos Gegner für ihn ein und sorgt auch sonst für allgemeines Wohlwollen in der kleinen Stadt gegenüber dem neuen, zum Teil recht fortschrittlich eingestellten Bürgermeister.

Allerdings bekommt Hugo eine schwere Lungenentzündung, von der er nach kurzer Genesung einen Rückfall erleidet und an der Schwindsucht stirbt. Mathilde kehrt nach Berlin zu ihrer Mutter zurück und absolviert ihr Examen (Lehramt) mit wesentlich größerem Erfolg als Hugo das seine.

Vgl. »Mission: Fontane«

2. Fontanes »Mathilde Möhring« ist der letzte Roman, den Fontane

vor seinem Tod 1898 verfasst hat. Der Roman wurde 1906 erstmals veröffentlicht veröffentlicht, allerdings nicht in der von Fontane erdachten Form, sondern leicht geändert. »Mathilde Möhring« ist eines der unbekannteren Werke Fontanes. Die Handlung spielt gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Unter- sowie Mittelschicht.

2.1 Mathilde & ihre Mutter als Vertreter der Unterschicht

Typische Vertreter der Unterschicht in Fontanes »Mathilde Möhring« (Auswahl)

Mathilde Möhring

- die alte Möhring (nicht näher benannt)
- die alte Runtschen

Mathilde und ihre Mutter gehörten vor dem Tod des Vaters, der als Buchhalter in einem Kleider-Exportgeschäft tätig war, der unteren Mittelschicht an. Nach dessen Tod rutschen sie jedoch in die Unterschicht ab und werden von ihrem Umfeld ungern weiterhin als das akzeptiert, was sie bislang waren. Ein Beispiel hierfür ist ihr Vermieter, Rechnungsrat Schultze, der sie zunächst äußerst ungern im Hause behält, da sie nun, um überleben zu können, einen Untermieter aufnehmen müssen.

Den Mitgliedern der Unterschicht mangelt es ganz offensichtlich an Bildung, denn wie die alte Möhring, an der dieser Mangel besonders deutlich wird, selbst sagt ,,,...mein Vater wollte von Schule nichts wissen '"1. Sie muss selbst bei den kleinsten Zusammenhängen, die höhere Schichten als die Unterschicht angehen, passen. Sie entbehrt jeglicher Kenntnis, kann mit der Visitenkarte Hugos nur soviel anfangen, dass mit ,,Cand. jur." gemeint ist, dass Hugo Kandidat ist, sie weiß jedoch nicht, in welchem Fach. Sie kennt die Bezeichnung »Cand.« offenbar nur in Verbindung mit angehenden Predigern. Dass »Cand. jur.« bedeutet, dass der neue Untermieter Rechtskandidat ist, muss ihr ihre offensichtlich gebildetere Tochter Mathilde erklären. Hieran wird deutlich, dass viele Angehörige der Unterschicht mit Fremdwörtern, wie zum Beispiel »Ensemble« ,,,Gott, Thilde, sage nur nicht so was Franzö´sches; ich weiß dann immer nicht so recht...'"2 oder »sentimental« ,,sie dachte sich nichts bei »sentimental«..."3 kaum etwas anfangen können. Durch die mangelhafte bis nicht vorhandene Schulbildung fällt es ihnen besonders schwer, sich in einer anderen als der eigenen Schicht zurechtzufinden. Durch eben diesen Bildungsmangel fehlt es den Angehörigen auch an der nötigen Weitsicht. Dies demonstriert ebenfalls die alte Möhring sehr gut, als sie sich Sorgen um ihr weiteres Leben im Falle der Heirat ihrer Tochter mit Hugo macht. Sie sieht nicht die Möglichkeit Mathildes, in der Gesellschaft aufzusteigen und damit auch ihre Lebensbedingungen zu verbessern. ,,,Ich habe mich mit ihm verlobt' [...] ,Oh Gott, was soll nu aus mir werden?'

[Herv. d. d. Verf.]"4 Wieder muss Mathilde ihr erklären, dass sie ihre Mutter unterstützen wird. Endgültig beruhigt ist diese aber erst, als sie glaubt, in Hugo jemanden erkannt zu haben, der sich um sie kümmern wird.

Den Mitgliedern der Unterschicht scheint außerdem eine Kleinlichkeit anzuhaften, da die alte Möhring in ihrer Wohnung, in der es nur ein schönes Möbelstück zu geben scheint, nämlich die Chaiselongue. Sie achtet sehr genau darauf, dass niemand darauf sitzt, damit nicht auch noch dieses Möbel die ärmliche Aura erhält, die in der gesamten Wohnung vorzuherrschen scheint. Eine Ausnahme scheint nur das Wohnzimmer darzustellen, in dem es etwas »vornehmer« zugeht (dennoch lassen auch hier gewisse Kleinigkeiten auf Armut schließen, wie zum Beispiel der Riß im Stehspiegel): ,,,...Und da siehst Du nu wieder, wie gut es ist, daß wir die Chaiselongue haben.[...]',Ja, findst Du, daß das geht? Es ist doch sozusagen unser Prachtstück, der Stehspiegel hat einen Riß und sieht nich recht nach was aus. Aber die Chaiselongue . Du mußt doch nich vergessen, vierzehn Tage oder vier Wochen dauert es, und dann ist es hin. Er wird Kuten einliegen und alles eindrücken...' [Herv. d. d. Verf.]"5. Die alte Möhring legt eine Hartherzigkeit gegenüber dem kranken Untermieter an den Tag, weil ihr das Sofa wichtiger ist als die Gesundheit Hugos. Nach dessen Genesung wird das ein wenig in Mitleidenschaft gezogene Möbelstück noch seltener benutzt als vor der Krankheit Hugos. ,,Die Alte war an die Chaiselongue gegangen und ließ sich darauf nieder, was sie sonst immer vermied, namentlich, seit das Wertstück durch Hugos fünfwöchige Krankheit etwas gelitten hatte."6

Dennoch distanziert Mathilde sich trotz dieser offensichtlichen Armut im Gespräch mit ihrer Mutter sehr deutlich von Frau Runtschen, der Putz- und Einholfrau, die Hugos Zimmer in Ordnung halten soll. ,,...Ich habe Dir neulich gesagt, wir seien keine _kleinen Leute_, die Runtschen sei kleine Leut, und das ist auch richtig..."7. Hierbei hält sie sich immer noch die einstige Stellung des Vaters zugute, der immerhin einen Büroposten innehatte ,während die meisten Mitglieder der Unterschicht und der unteren Mittelschicht handwerklichen Tätigkeiten nachgehen.

Ihre Mutter jedoch vergleicht sich immer mit der Runtschen, da zwischen ihnen beiden kaum noch ein Unterschied sei. Für sie, die »Repräsentantin« der Unterschicht in »Mathilde Möhring« bedeutet Reichtum Koffer aus Leder statt aus Pappe zu haben und ,,dick und fett"8 zu sein. Sie respektiert nicht nur die oberen Klassen, sie sieht zu ihnen auf und ässt sich sehr leicht von Nebensächlichkeiten wie den großen Manschettenknöpfen des Vermieters Schultze beeindrucken und meint dann, diese Leute seien ,,was Feines"9. Sobald ein Mitglied einer anderen Klasse einen Wunsch äußert, wird dieser, wenn möglich, erfüllt. Das beste Beispiel hierfür ist der Silvesterabend, an dem Hugo äußert, dass er die Runtschen nicht sehen mag. Also verrichtet an diesem Abend deren Tochter Ulrike die Arbeiten, für die sonst ihre Mutter zuständig ist, während diese in einem Hinterzimmer sitzt und sehr wohl weiß, weshalb sie nicht bedienen darf. ,,,..., und die alte Runtschen mußte draußen sitzen und den Gieße-Löffel halten, und ich sah woll, wie ihr die Hand zitterte, weil sie recht gut gemerkt hat, daß wir sie hier vorn nicht mehr sehn wollen...'[Herv. d. d. Verf.]"10

Untereinander scheint Neid vorzuherrschen, wenn jemand es wagt, die alten Bahnen hinter sich zu lassen und den Sprung in eine andere Gesellschaftsschicht schafft. So neiden die Nachbarn Mathilde, dass sie einen Bräutigam aus der Mittelschicht hat und machen sie deshalb schlecht. ,,...Solch ein feiner Herr und ein Studierter und nu diese Thilde mit ihrem geelen Teint [Herv. d. d. Verf.]; und früher hatte sie auch noch Pickel; alle Morgen mußte sie bei die Herrens rein machen und ausgießen und nu doch Braut, und eh Gott den Schaden besieht, steht sie da mit Atlas und Myrte..."11

2.2 Mathilde & Hugo vor seinem Examen als Vertreter der unteren Mittelschicht

Typische Vertreter der unteren Mittelschicht in Fontanes »Mathilde Möhring« (Auswahl)

- Hugo Großmann & Mathilde als seine Verlobte
- Hugos Mutter sowie seine Schwester
- Rechnungsrat Schultze (der Vermieter der Möhrings)
- Rybinsky (Hugos Freund, Schauspieler)

Im Gegensatz zur Unterschicht, die sich das Leben nur in seiner einfachsten Form leisten kann, haben die Mitglieder der Mittelschicht, und sei es auch vorerst die untere, die finanziellen Möglichkeiten, abends gelegentlich ins Theater oder ins Restaurant zu gehen.

Durch diesen kleinen Unterschied fühlen sie sich privilegiert, auf die Unterschicht herabsehen zu können. So sieht auch Hugo, der Bürgermeistersohn zunächst auf seine Zimmerwirtin und deren Tochter herab, ,,,...Und da insinuieren12. So weit sind wir doch noch nicht runter...'[Herv. d. d. Verf.]"13, was von seinem Freund Rybinsky als völlig normal angesehen und noch unterstützt wird. ,,,...beide so dicht bei dir könnte dich vielleicht genieren, namentlich die Alte, sie ist doch noch sehr Mutter aus dem Volk...' [Herv. d. d. Verf.]"14

Auch liegt den öffentlichen Institutionen wie Theatern nicht viel an der untersten Gesellschaftsschicht, da der Direktor, in dessen Theater das Stück mit Rybinsky spielt, Wert darauf legt, dass im Parquet bei der Kritik keine ,,...solche[n] Damen auf Enthusiasmus ausspielen..."15, wie Rybinsky sagt. Außerdem vermeidet Hugo den Augenkontakt mit den beiden Damen Möhring, um nicht mit diesen in der Öffentlichkeit in Verbindung gebracht zu werden. Man hat sich nicht mit Mitgliedern der unteren Gesellschaftsschicht zu unterhalten. Ganz offensichtlich ist auch, dass sich die Mitglieder der Mittelschicht aussuchen können, wer sich um sie herum aufhält. Gefällt ihnen jemand nicht, so wird er einfach durch einen anderen ersetzt. Ob Gefühle verletzt werden, scheint egal zu sein.

Besonders deutlich wird diese Arroganz, als Hugo über seinen Heiratsantrag nachdenkt und fest davon überzeugt ist, dass Mathilde ihn nicht abweisen wird, da er schließlich ein Bürgermeistersohn ist und sie nur ein armes Mädchen. ,,...Daß ihm dies Ja nicht versagt werden würde, davon hielt er sich überzeugt, denn schließlich war er doch immer ein Burgemeisterssohn mit Vollbart, während Thilde, soviel sah er wohl, auf Geburtenstolz verzichten mußte...[Herv. d. d. Verf.]"16. Demnach hat ein Mädchen aus der Unterschicht es als Ehre anzusehen, wenn ein Mitglied der Mittelschicht um ihre Hand anhält, egal, ob es ihn liebt oder nicht.

Selbst Mathilde fängt an, ähnlich zu denken, sobald sie mit Hugo verlobt ist. Wurde die Mutter vorher immer mitgenommen, reagiert Hugo jetzt schon sehr unwillig, wenn sie mitgehen soll. ,,,Und die Mutter? Werden wir sie mitnehmen müssen?'[Herv. d. d. Verf.] ,Wir werden es ihr wenigstens anbieten müssen. Vielleicht, daß sie nein sagt. Ich bekenne, daß ich gerne mit dir allein wäre...' [Herv. d. d. Verf.]"17

Dennoch hält sie Hugo zurück, als er nach der »Ferienwoche« nach ihrer Verlobung immer noch jeden Abend ausgehen will, denn er soll sein Examen machen. ,,,...Daß wir arme Leute sind, weißt du, und daß du nicht reich bist, weißt du auch. Zweimal null macht null '"18 Sie will, daß Hugo Bürgermeister wird, denn die ,,lebten immer am forschesten, weil sie das meiste Geld hätten"19, wie sie ihrer Mutter erzählt. Wie viele Mitglieder der unteren Mittelschicht ist auch sie bestrebt, in die Gehobene aufzusteigen.

2.3 Mathilde & Hugo nach seinem Aufstieg zum Bürgermeister als Mitglieder der gehobenen Mittelschicht

Typische Vertreter der gehobenen Mittelschicht in Fontanes »Mathilde Möhring« (Auswahl)

- Hugo & Mathilde Großmann
- Landrat
- Justizrat Noack

Nach ihrem Aufstieg in die gehobene Mittelschicht wird Mathildes Scham gegenüber ihrer eigentlichen Herkunft, nämlich der Unterschicht, immer größer. Das ist typisch für die Mittelschicht (sowohl gehobene als auch untere), denn anstatt stolz zu sein auf das, was sie geschafft hat, scheint Mathilde sich mehr und mehr für ihre Mutter zu genieren. ,,,...Aber einladen hierher geht nicht.[...]Der Landrat kann da sein oder die gnäd´ge Frau. Und nu denke dir einen Bostontisch und Mutter mit der Landrätin zusammen. Ich glaube, Mutter kann gar nicht Boston...'" Als Mathilde einen Brief von der alten Möhring bekommt mit der Aufschrift ,,Frau Burgemeister Großmann, geb. Möhring..."20, ist ihr das »geb. Möhring« sehr unangenehm. ,,,Gott'[...] ,wenn Mutter bloß nicht immer geborne Möhring schreiben wollte.

Möhring ist doch zu wenig.'[Herv. d. d. Verf.]"21

Doch zunächst tritt noch ein anderer Effekt der gehobenen Mittelschicht zutage: Man kann die Wohnung einrichten, ohne sich Gedanken um die finanzielle Seite machen zu müssen. ,,Sie [...] vervollständigte die Einrichtung durch viele kleine Einkäufe"22

Nachdem sich Hugo als Bürgermeister etabliert hat, verkehren die Großmanns mit dem Landrat und dessen Gattin sowie mit den Stadtverordneten und allen anderen Mitgliedern der gehobenen Mittelschicht in Woldenstein. Allerdings fällt Hugo negativ durch seine Akzeptanz der Juden auf, die keineswegs selbstverständlich zu sein scheint. Dennoch setzt Mathilde sich wieder durch und verhilft Hugo und somit auch sich selbst zur allgemeinen Akzeptanz. Sie beeindruckt die gehobene Mittelschicht mit ihren Kenntnissen in politischen Fragen. Bei einem Schlittschuhlaufen im Rahmen von Hugos Verpflichtungen lernt Mathilde einen polnischen Grafen, der durch seinen Adelstitel Mitglied der Oberschicht ist, kennen. Jedoch nimmt der gesellschaftliche Aufstieg durch Hugos Tod ein jähes Ende.

Die Oberflächlichkeit der gehobenen Mittelschicht wird besonders deutlich, als der Graf nach dem Abschied von Hugo sagt, Woldenstein bräuchte demnächst ein neues Stadtoberhaupt. ,,,Woldenstein kann sich nach einem neuen Burgemeister umsehn'"23

Allerdings wird die Fassade durchaus gewahrt, denn bei Hugos Bestattung finden sich alle wichtigen Persönlichkeiten der Stadt ein, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. ,,...alles war da, der alte [polnische, Anmerk. d. Verf.] Graf [...], der Landrat, [...]viel Adel aus der Nähe und die ganze Bürgerschaft einschließlich der dritten Konfession24. Auch der Provisor [...] wollte nicht fehlen..."25

2.4 Mathilde nach Hugos Tod als Witwe und Lehrerin zwischen Unterschicht und unterer Mittelschicht

Durch ihren »Ausflug« in die gehobene Mittelschicht hat Mathilde ihre in der Unterschicht manifestierte Kleinlichkeit verloren. Sie verhält sich zum Beispiel der Runtschen gegenüber freundlicher, fragt nach deren Befinden oder weist die alte Möhring an, der Runtschen eine Tasse Kaffee vor die Tür zu bringen. ,,,Mutter, bringe der Runtschen den Kaffee raus, sie wird wohl noch nichts Warmes genossen haben. Die Runtschen ist wirklich arm...' [Herv. d. d. Verf.]"26 Sie hat durch ihre Ehe an Wärme gewonnen, eine Eigenschaft, die ihrer Mutter in ihrer Armut völlig fehlt. Mathilde will versuchen, ein wenig die guten Charaktereigenschaften Hugos für sich zu übernehmen.

Die Kleinlichkeit der Unterschicht wird erneut besonders deutlich, als ihrer Mutter wichtiger ist, dass Mathilde ihre Trauerkleidung trägt, damit die Leute nichts Falsches denken, als dass sie ihrer Tochter in dieser für sie schweren Zeit beisteht. ,,,Ich weiß ja, daß es hier sitzt [im Herz, Anmerk. d. Verf.], aber wegen der Leute.' [Herv. d. d. Verf.]"27

Sie nimmt keinerlei Rücksicht auf Mathildes Gefühle, sondern stellt ständig neue Forderungen, Mathilde solle wieder heiraten, denn wenn sie als Mitglied der Unterschicht einen Angehörigen der Mittelschicht hatte in die Ehe eingehen können, ,,so konnte sie jetzt jeden heiraten, denn nun hatte sie ja einen Titel..."28. Überhaupt sollte Mathilde sich nach Meinung der alten Möhring nur danach richten, wie es ihr am besten gefiel. So soll Mathilde auch ihren alten Namen wieder annehmen, doch das kann Mathilde ihr mittels Erwähnung des Sträflichen an der Sache rasch ausreden. Im Verhalten der alten Möhring kann man sehr gut das Spießbürgerliche der damaligen Zeit ersehen, in ihr ,,portraitiert Fontane jene penetrante Version des Spießers, der unter all der Kleinstietzigkeit und geistigen Öde gänzlich lebensuntüchtig geworden ist."29

Als Mathilde beschließt, Lehrerin zu werden, ist auch das ihrer Mutter nicht recht, da diese aufgrund ihrer Unkenntnis zu denken scheint, Lehrerin zu sein sei noch unter etwas Anstößigem oder Unanständigem anzusiedeln. Dennoch setzt Mathilde sich durch und macht ihr Examen, wodurch die beiden in gewisser Weise wieder in die untere Mittelschicht aufsteigen.

3. Bezug zur Gegenwart

Vor kurzem hörte ich von einer neuen Fernsehsendung, die es demnächst auch in Deutschland geben soll. Dort soll sich ein reicher Mann aus hundert Frauen sieben (es können auch andere Zahlen gewesen sein) heraussuchen, die ihm gefallen. Die Frauen sehen den Mann vor dem Spiel nicht einmal. Diese Sieben müssen nun Aufgaben, die ihnen der Moderator stellt, möglichst gut erfüllen. Am Schluss sucht sich der Mann die Kandidatin, die ihm an Besten gefällt, aus und heiratet diese noch während der Sendung.

Ich denke, es passiert sowieso auch heute noch oft genug, dass junge Frauen ältere reiche Männer heiraten, um in der Gesellschaft aufzusteigen, so dass dieses Phänomen nicht noch zusätzlich vom Fernesehen unterstützt werden muss. Mittlerweile soll der Millionär abgesagt haben, das Format dieser Sendung wird ihm wohl doch zu fragwürdig vorgekommen sein.

Das beste aktuelle Beispiel für diese Art des »Aufsteigens in der Gesellschaft« ist die Ex-Stripperin Anna Nicole Smith, die vor etwa sechs Jahren den Ölmilliardär J.Howard Marshall geheiratet hat, nachdem er ihr im Falle einer Eheschließung die Hälfte seines Vermögens zugesichert hatte. Nach seinem Tod (die Ehe dauerte nur 14 Monate) kämpft sie nun vor Gericht um ihr Erbe. Das Argument man habe denjenigen aus Liebe geheiratet, wird in diesem Falle durch Unkenntnis des Hochzeitsdatums außer Kraft gesetzt.30

In den meisten Fällen suchen sich diese Frauen nach dem Ableben des Gatten selbst einen jüngeren Mann, und der Kreislauf fängt von vorne an, nur eben mit vertauschten Rollen.

Allerdings war, im Gegensatz zu heute, in früheren Zeiten reich heiraten nicht gleich damit, in der Gesellschaft aufzusteigen, denn die »Neureichen« wurden vom alten Adel nur in den seltensten Fällen als ihresgleichen geachtet. Heute ist es für »Neureiche« einfacher, denke ich, denn mittlerweile zählt ein Adelstitel kaum noch.

Ich finde jedoch, dass es heutzutage niemand nötig hat, durch eine reiche Heirat in der Gesellschaft nach oben zu kommen, denn es steht jedem frei, einen Beruf zu wählen, mit dem er selbst reich werden kann.

4. Bogen zum poetischen Realismus

Theodor Fontane hat mit seinem Werk »Mathilde Möhring« einen typischen Roman nach dem Schema des poetischen Realismus geschaffen. Der Autor greift in der Geschichte um die junge Mathilde zwar mehrere Probleme der Gesellschaft kurz auf, wie zum Beispiel die Engstirnigkeit der Unterschicht oder die Oberflächlichkeit der Mittelschicht, geht jedoch nie näher auf mögliche Lösungen oder die komplexen Verflechtungen der einzelnen Probleme untereinander ein und verallgeimernert die Probleme der einzelnen Schichten meiner Meinung nach zu sehr. Er greift in seinem Roman den Regionalismus auf, neben dem Historismus die häufigste Art des poetischen Realismus. Mit »Mathilde Möhring« wendet sich Fontane einigen Problemen der Städter zu, ohne auf möglicherweise ähnliche Probleme der ländlicheren Gegenden einzugehen.31

5. Anhang

5.1 Zitatenliste/Worterklärungen

5. Quellenverzeichnis

Stefanie Sagerer: Mission: Fontane. 1998. Die Fontane-Welt. http://www.landshut.org/members/msagerer/f_mathilde.htm

Theodor Fontane, Mathilde Möhring, Ernst Klett Verlag, Editionen Pegasus, Auflage 5/1999, Stuttgart 1983

Gottfried Erler: Theodor Fontane: Mathilde Möhring. Nachwort. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1971, S. 126-128. Ausschnitt. © Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar

Walter Müller-Seidel: Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1975, S. 325-329. Ausschnitte.

Anna Nicole Smith: Prozess um Milliarden-Erbe (kein Verfasser angegeben), http://www.ticker.de/entertainment/1999/10/30/91004972.shtml

Texte, Themen und Strukturen, Grundband Deutsch für die Oberstufe, Hrsg. H. Biermann und B. Schurf u.a., Cornelsen-Verlag, Berlin 1997, »Poetischer Realismus (1848-1890)«, S. 221/222

[...]


1 s. S.13, Z.8/9 in »Mathilde Möhring«

2 s. S.13, Z.6/7 in »Mathilde Möhring«

3 s. S.15, Z.19/20 in »Mathilde Möhring«

4 s. S.42, Z.14-16 in »Mathilde Möhring«

5 s. S.37, Z.19-25 in »Mathilde Möhring«

6 s. S.75, Z.18-21 in »Mathilde Möhring«

7 s. S. 59, Z. 17-19 in »Mathilde Möhring«

8 s. S.17, Z.20 in »Mathilde Möhring«

9 s. S.48, Z.8 in »Mathilde Möhring«

10 0 s. S.56, Z.35 - S.57, Z.3 in »Mathilde Möhring«

11 1 s. S.48, Z.35 - S.49, Z.4 in »Mathilde Möhring«

12 2 sich bei jemandem einschmeicheln

13 3 s. S.24, Z.1/2 in »Mathilde Möhring«

14 4 s. S.26, Z.6-8 in »Mathilde Möhring«

15 5 s. S.26, Z.11 in »Mathilde Möhring«

16 6 s. S.40, Z.20-24 in »Mathilde Möhring«

17 7 . S.53, Z.19-22 in »Mathilde Möhring«

18 8 s. S.63, Z.7-9 in »Mathilde Möhring«

19 9 s. S.70, Z.3/4 in »Mathilde Möhring«

20 0 s. S.96, Z.30 in »Mathilde Möhring«

21 1 s. S.96, Z.32-34 in »Mathilde Möhring«

22 2 s. S.79, Z.26-28 in »Mathilde Möhring«

23 3 s. S.95, Z.15/16 in »Mathilde Möhring«

24 4 die Juden

25 5 s. S.99, Z.35 - S.100, Z.2 in »Mathilde Möhring«

26 6 s. S.104, Z.25-27 in »Mathilde Möhring«

27 7 s. S.103, Z.19/20 in »Mathilde Möhring«

28 8 s. S.108, Z.20/21 in »Mathilde Möhring«

29 9 s. S.142, Z.15-17 im Nachwort von Gotthard Erler

30 0 vgl. »Anna Nicole Smith: Prozess um Milliarden-Erbe«

31 1 vgl. »Poetischer Realismus (1848-1890)«

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Fontane, Theodor - Mathilde Möhring - Darstellung der Gesellschaft in Fontanes Roman
Veranstaltung
Leistungskurs RO12
Note
10 Punkte
Autor
Jahr
2000
Seiten
9
Katalognummer
V100482
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fontane, Theodor, Mathilde, Möhring, Darstellung, Gesellschaft, Fontanes, Roman, Leistungskurs, RO12
Arbeit zitieren
Christin Pehling (Autor), 2000, Fontane, Theodor - Mathilde Möhring - Darstellung der Gesellschaft in Fontanes Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100482

Kommentare

  • Gast am 8.1.2002

    FACHARBEIT.

    Ich finde deine Facharbeit gar nicht mal so schlecht, aber ich bin auch der Meinung, du hast diesen Roman zu einseitig beleuchtet, zB. hast du gar nicht Mathildes Absichten angesprochen, dass z.B. beide, Mathilde und Hugo der Meinung sind, Macht über den anderen zu haben usw.
    Was ich allerdings sehr merkwürdig finde ist, dass dieser Umfang bei uns eher einer Deutscharbeit entspricht, aber keinesfalls einer Facharbeit! Bei uns auf dem Gymnasium wird allemal mehr verlangt!!

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