Entwicklung der politischen Kultur in Deutschland


Hausarbeit, 2000

13 Seiten, Note: sehr gut

Anonym


Gratis online lesen

Einleitung

Das politische System der BRD ist über die Jahrzehnte hinweg unverändert geblieben, dennoch ist die politische Kultur des Landes heute eine ganz andere als die vor z.B. 40 Jahren. Wir werden im Rahmen dieser Hausarbeit versuchen, die verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen herauszuarbeiten, die diesen Prozeß der Wandlung der Werte beeinflußten oder gar hervorbrachten.

I. Die Herausbildung von politischer Kultur in einer Gesellschaft

Die Herausbildung eines Wertesystems in einer Gesellschaft ist von zahlreichen Faktoren beeinflußt. Zum einen ist die politische Sozialisation in der Familie ein wichtiger Faktor für die Vermittlung von Werten und Einstellungen, sie ist die erste Institution, die Meinungsbildung auf das zu sozialisierende Individuum ausübt. Im weiteren Verlauf des Lebens wird dann in verschiedenen Lebensbereichen, beispielsweise im Freundeskreis, in Vereinen und am Arbeitsplatz, auf die Entwicklung der politischen Einstellungen und Verhaltensmuster einer Person eingeübt. Der Mensch lernt in diesen Bereichen gewisse Orientierungen gegenüber Autoritätsstrukturen einzunehmen und wird in gewisser Weise ,,politische erzogen"1.

In der heutigen Zeit wird die politische Sozialisation in immer größer werdendem Maße von den Medien (TV, Zeitungen, Hörfunk, Internet) bestimmt. Zum Einen vermitteln die Medien selbst bestimmte Einstellungen dem politischen System gegenüber, zum Anderen benutzen politische Parteien die Medien zur Verbreitung ihrer politischen Ansichten. Neben den Faktoren, die die individuellen Einstellungen einer Person prägen, gibt es aber auch Einflüsse, die eine Gesellschaft als Ganzes beeinflussen. So können beispielsweise Kriege, politische und wirtschaftliche Krisen und ähnliche Ereignisse das ,,kollektive Gedächtnis" einer Gesellschaft bilden, das diese noch Generationen später beeinflussen kann.2 Im nachfolgenden Teil werden wir auf solche sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der Vergangenheit eingehen, die auf die politische Kultur der Bundesrepublik

Deutschland nachhaltig einwirkten und eine allgemeine Entwicklung der politischen Kultur Deuschlands aufzeigen.

II. Politische Kultur in der Weimarer Republi

Nach der zuvor schon erläuterten Entstehung und Bedeutung einer politischen Kultur eines Landes, wird deutlich, daß die jeweiligen Ausprägungen einer politische Kultur in der Bevölkerung über die Akzeptanz einer politischen Ordnung in der Gesellschaft eines jeden Landes entscheidet.

Von einer demokratischen politischen Kultur spricht man immer dann, wenn die Bevölkerung eines Landes dem vorherrschenden demokratischen System gegenüber positiv eingestellt ist und dieses akzeptiert, sich mit ihm und seinen Institutionen identifiziert und die von diesen geforderte Verhaltensweisen erbringt.3

Eine weitere Definition hierfür wäre auch: ,,Wahrhaft demokratisch sei eine politische Kultur nur dann, wenn der Informationsstand der Bevölkerung über politische Vorgänge relativ hoch, der Grad der politischen Partizipation der Bürger beachtlich und das Ausmaß gefühlsmäßiger Bindung an das politische System stark ist."4

Betrachtet man nun die politischen Kultur der Weimarer Republik, so muß man zunächst einmal feststellen, daß es in dieser weitgehend an jener Unterstützung und Akzeptanz der neuen demokratischen Ordnung durch die deutsche Gesellschaft fehlte. Die demokratische Mitwirkungsbereitschaft und die positiven Einstellungen gegenüber den demokratischen Institutionen waren zu dieser Zeit in der Bevölkerung nicht sehr stark ausgeprägt.

Eine wirklich demokratische politische Kultur konnte sich in der Weimarer Zeit nicht ausbilden, zum Einen hing das sicherlich mit den Erblasten zusammen, die die Weimarer Republik von der vordemokratischen Zeit der Kaiserzeit übernahm, wie z.B. ein obrikeitsstaatliches Politikverständnis und eine autoritär geprägte politische Kultur der Bevölkerung, zum Anderen waren aber auch die Krisenphänomene, die die Weimarer Republik ständig begleiteten, ausschlaggebend.

Nur in der Anfangszeit, als sich die neue Republik noch nicht hatte bewähren müssen, wurde die neue demokratische Ordnung von einer ausreichenden Mehrheit des Volkes und der politischen Kräfte, den Parteien der Weimarer Koalition, getragen.5 Diese anfängliche Zustimmung beweisen die Wahlergebnisse zur Nationalversammlung vom Januar 1919, bei denen 76,1 % der Wähler sich für demokratische Parteien entschieden. Um die Leistungsfähigkeit des neuen Systems beweisen zu können und eine durch das Volk gestärkte demokratische politische Kultur zu dieser Zeit in der Republik zu etablieren, hätte die neue politische Ordnung aber einerseits Zeit und andererseits günstige ökonomische und politische Bedingungen gebraucht6 Da der Weimarer Republik aber beides nicht zur Verfügung stand, zerbrach nach dieser nicht lang anhaltenden Phase der Unterstützung der Republik bereits im Jahre 1920 die politische Mehrheit und es konnte sich in der darauf folgenden Zeit weder bei den Regierenden noch bei den Regierten mehr eine Mehrheit finden, die bereit gewesen wäre die demokratische Staatsform zu verteidigen.

Aufgrund der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise des Winters 1929/30, wie z.B. die Rezession und der enorme Anstieg der Arbeitslosenzahl auf über sechs Millionen, konnte man vielmehr eine stetig ansteigende Ablehnung der demokratischen Regierungsform in der Bevölkerung feststellen. Diese Entwicklungen führten schließlich dazu, daß die Unterstützer und Verteidiger der demokratischen Republik sowohl in der Bevölkerung als auch bei den Politikern im Gegensatz zu der immer größer werdenden Anzahl der Gegner dieser Ordnung nur noch eine Minderheit darstellten.

Zusammenfassend kann man zur politischen Kultur der Weimarer Republik sagen, daß die Akzeptanz der Republik durch die Bevölkerung und die damit verbundene Unterstützung für das demokratische politische System nicht stark genug ausgebildet waren, um der Republik das Überleben zu sichern und daß schließlich die aufkommenden bzw. stets gegenwärtigen antiliberalen und antidemokratischen Elemente in der politischen Kultur der Weimarer Zeit eine immer stärker werdende Bedeutung übernahmen.

III. Politische Kultur im Dritten Reich

Die Staats- und Wirtschaftskrise der Weimarer Republik und die daraus resultierende Veränderung in der politischen Kultur mit den immer lauter werdenden antiliberalen und antidemokratischen Forderungen des deutschen Volkes erleichterten also den Aufstieg des Nationalsozialismus zur Massenpartei im Jahr 1930.7

Das deutsche Volk verlangte nach einer Neuordnung sowohl im sozialen- als auch im politischen Bereich und sehnte sich nach einem Führer oder einer Partei, die das Volk aus der wirtschaftlichen Not herausführen sollte.

In einer solchen von Krisen, Ängsten und Hoffnungen geprägten Situation war die Propaganda der NSDAP, u.a. mit den Themen der nationalen Erneuerung, der Wiederherstellung eines starken Beamten- und Verwaltungsstaates jenseits der Parteien und des Parlaments, sowie der Vernichtung der Volksfeinde mit dem Ziel einer nationalen Volksgemeinschaft, für die deutsche Bevölkerung sehr attraktiv. Der Erfolg dieser Propaganda war mit Sicherheit eine Auswirkung der Identitätskrise, in der sich die deutsche Gesellschaft in den frühen dreißiger Jahren befand.8

Die politische Kultur im Dritten Reich, d.h. das politische Denken und die politischen Verhaltensmuster der Bevölkerung, waren grundlegend durch das totalitäre politische System geprägt. Anders als in einem freien demokratischen System, war in dieser politischen Ordnung alles darauf ausgerichtet dem Bürger eine bestimmte politische Kultur aufzuerlegen. Durch gezielte Propaganda in allen Bereichen des öffentlichen sowie des privaten Lebens, durch eine auf das nationalsozialistische Gedankengut ausgerichtete Erziehungsarbeit und durch die Verfolgung von politischen Gegnern steuerte die Regierung Hitlers das politische Verhalten der Bevölkerung und nahm den Einzelnen dadurch die Freiheit, nach ihren Bedürfnissen und Interessen zu leben bzw. zu handeln.

IV. Politische Kultur der Nachkriegszeit

Nach dem verlorenen Krieg begann in Deutschland im Jahr 1945 eine ,,Phase der Wiederherstellung und der ersten Verfestigung parlamentarischer Demokratie"9, die sich etwa bis in das Jahr 1966 hinzog.

Der größte Teil der deutschen Bevölkerung erlebte im Jahr 1945 das Ende des Krieges als Niederlage des eigenen Volkes und Landes und zwei Drittel aller Deutschen waren damals der Ansicht bzw. kamen zu der Einsicht, daß es zu einem großen Teil die zu starke eigene politische Beteiligung war, die in den voran gegangenen fünfzehn Jahren sowohl den Machtausbau Hitlers als auch die Entwicklung des Krieges ermöglichten. Ein Großteil des Gesellschaft erkannte also, daß die eigenen politischen Aktivitäten für den Verlauf der Diktatur Hitlers ausschlaggebend waren und schließlich zu den schwerwiegenden Folgen des verlorenen Krieges, wie z.B. der schlechten Lebensbedingungen, der Zerstörung und der allgemeine Not, mit denen man nun zu leben hatte, führten. Aufgrund dieses Eingeständnisses entschlossen sich viele Deutsche in der Nachkriegszeit dazu, sich in Zukunft weniger bzw. gar nicht mehr politisch zu engagieren. Diese Entwicklung führte dazu, daß die politische Kultur Deutschlands in dieser Phase durch eine fast vollständige politische Enthaltsamkeit der Bürger bestimmt war.10

Zu dieser Zeit herrschte in Deutschland allgemein eine politische Apathie und die Mehrheit der Bevölkerung stand den Politikern und einer Teilnahme am politischen Leben passiv gegenüber. Zwar wurden bei Wahlen weiterhin hohe Wahlbeteiligungen erreicht, doch sowohl eine aktive Beteiligung an politischen Prozessen als auch das allgemeine politische Interesse waren in der Bevölkerung nur noch sehr mäßig ausgeprägt.11 Das Interesse der Bevölkerung wurde in dieser Phase vielmehr vollständig von der Behebung der wirtschaftlichen Not und der Sicherung der privaten Lebensverhältnisse beansprucht.

V. Phasen der politischen Kultur in Westdeutschland

1. Die Entwicklung einer demokratischen politischen Kultur

Als dem deutschen Volk Ende der vierziger Jahre von den drei westlichen Besatzungsmächten die Möglichkeit gegeben wurde, auf der Basis einer freien und demokratischen Regierungsform einen eigenen Staat zu bilden, zeigten die Bürger noch sehr wenig Interesse an den Arbeiten des Parlamentarischen Rats, der damit begann ein Grundgesetz für das westliche Deutschland auszuarbeiten. Die Bereitschaft, das neue politische System zu akzeptieren und die demokratischen Einstellungen waren zunächst zwar nicht allzu stark, wuchsen in der Bevölkerung aber mit der Zeit.12

Eine 1950 veranstaltete Umfrage ergab, daß 75% der Befragten zwischen 15 und 19 Jahren, 65% der 20-25 jährigen und 62% der über 25 jährigen keinerlei Interesse an Politik hatten. 79% der Jugendlichen und 82% der Älteren unter den Befragten erklärten, sie würden keine verantwortliche Position im politischen Leben übernehmen, auch wenn man sie dazu auffordern würde.13

Aufgrund des ständigen wirtschaftlichen Aufschwungs in Westdeutschland und der damit verbundenen Verbesserung der sozialen Lebensverhältnisse veränderten sich aber nach und nach die Einstellungen der Bürger gegenüber dem neuen demokratischen System und, begünstigt durch den sich einstellenden Wohlstand und den sozialen Frieden, begann die Bevölkerung zunächst die demokratische Ordnung zu akzeptieren und später auch sie zu unterstützen.14

Und je länger die deutschen Bürger den ständig steigenden wirtschaftlichen Wohlstand in Zusammenhang mit der demokratischer Regierungsform erlebten, desto mehr wurde ihnen die Leistungsfähigkeit des Systems bewußt, und desto verläßlicher wurde ihr Vertrauen in die demokratischen Institutionen.15

Die Stellung, die die Wirtschaft im Bewußtsein der deutschen Bevölkerung zu dieser Zeit einnahm, wird in den Ergebnissen einer internationalen Studie von Almond und Verba aus dem Jahr 1959 sehr deutlich. Bürger aus den Ländern Britannien und USA nennen hier als Gegenstand ihres nationalen Stolzes an erster Stelle die politischen Institutionen ihres Landes, in den USA erreichen diese überragende 85% und in Britannien 46%. Die emotionale Bindung der deutschen Bürger an ihr politisches System lag dagegen mit nur 7% weit dahinter. Die Umfrageergebnisse der Deutschen zeigten vielmehr, daß das Wirtschaftssystem mit 33% neben den Volkseigenschaften mit 36% zu diesem Zeitpunkt noch im Mittelpunkt des nationalen Stolzes stand.16

Seit Ende des Krieges läßt sich von Jahr zu Jahr eine Annäherung der politische Kultur Westdeutschlands an die westlichen politischen Kulturen Britanniens oder der USA erkennen. Der erste Schritt, den die deutsche Gesellschaft auf diesem Weg machte, war die Anerkennung der grundsätzlichen demokratische Aspekte, wie beispielsweise des Pluralismus der Parteien und der politischen Meinungen. Und seit Anfang der fünfziger Jahre konnte man in der BRD die zunehmende Akzeptanz des Mehrparteiensystems in der Bevölkerung beobachten.

Die Westdeutschen befanden sich also auf dem besten Wege, das neue demokratische System zu akzeptieren und selbst zu Demokraten zu werden, doch es gibt noch weitere wichtige Kriterien, die eine demokratische Gesellschaft erfüllen muß. Zwei dieser wichtige Punkte sind beispielsweise zum Einen das politische Interesse und die damit verbundene Informiertheit der Bürger und zum Anderen deren politische Partizipationsbereitschaft.

Im Bereich der ,,Informiertheit über politische Institutionen, Gesetze und politische Verfahren" konnten die Deutschen bereits in internationalen Studien der 50er Jahre ein sehr gutes Ergebnis aufweisen.17 In einer Umfrage von Almond und Verba stimmten 24% der befragten deutschen Bürger damals dafür, ,,man müsse sich politisch informiert halten" und übernahmen mit diesem Prozentsatz vor den USA, die in diesem Vergleich nur ein Ergebnis von 21% erreichten, und Britannien, die nur 11% erzielten, die führende Position.

Im Bereich der aktiven politischen Partizipation schnitten die Deutschen gegen Ende der fünfziger Jahre allerdings nicht sehr gut ab. In internationalen Studien erreichten die Westdeutschen in jeglicher Art der aktiven Partizipation mit nur 22% einen bedeutend kleineren Prozentsatz als die USA mit 51% und Britannien mit 39%. Diese Ergebnisse lassen zusammen mit denen der politischen Informiertheit noch sehr deutlich Nachwirkungen der Untertanenkultur erkennen, die lange Jahre das politische Bild Deutschlands prägte und in der die Bürger zwar immer gut über die politischen Prozesse und Entwicklungen informiert waren, aber stets auf politische Anordnungen von oben warteten.18

Zusammenfassend kann man für diese ersten Jahre der BRD also festhalten, daß die Westdeutschen noch weit von einer Staatsbürgerkultur nach westlichem Modell entfernt waren, die durch ein hohes Maß an politischem Interesse und politischer Bildung, emotionaler Bindung und Glaube an das politische System geprägt war. Die westdeutschen Bürger waren zwar weitestgehend über das politische System informiert und mit dessen Output auch zufrieden, doch eine emotionale Bindung an das System oder gar Nationalstolz war kaum zu erkennen.

2. Die 68er Protestbewegung und ihre Auswirkungen auf die politische Kultur

In den Jahren 1967/68 wurde durch die Studentenbewegung die nächste Entwicklungsphase der politischen Kultur der BRD eingeleitet. Begünstigt durch mehrere Faktoren, wie z.B. ,,das Verblassen älterer Alternativen zur Demokratie", die in den vergangenen Jahren von den Bürgern erfahrene ,,effektive Leistung" des demokratischen Systems und auch die ,,gesellschaftliche Modernisierung", löste die neue soziale Bewegung der siebziger Jahre eine Veränderung im politischen Bewußtsein der Bürger aus.19

Es verbreiteten sich in Teilen der deutschen Bevölkerung Ansätze einer neuen politischen Kultur, d.h. die bisher bestehenden politschen Verhaltensmuster und das politische Denken der Bürger begann sich unter diesen neuen Einflüssen zu verändern. Diese Wandlungen vollzogen sich zwar nicht in der Gesamtheit der Bürger, aber doch bei Teilen der höher gebildeten Jüngeren. Diese Protestwelle, die sich gegen die zu dieser Zeit vorwiegend bestehende politische Kultur richtete, brachte vor allem einen Schub der Demokratisierung in gesellschaftlichen Bereichen und ein höheres Maß an Partizipation in die deutsche politische Kultur.20

Verbunden mit dieser Bewegung ereignete sich gegen Ende der sechziger Jahre ein allgemeiner ,,Einbruch linker Theorien und Ideologien in das politische Bewußtsein der BRD"21. Durch diese neue politische Strömung begann besonders die jüngere deutschen Bevölkerung mehr und mehr die als zu ,,autoritär" empfundenen Strukturen in Politik und Gesellschaft zu kritisieren und an der Rechtmäßigkeit der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung und auch an der parlamentarischen Demokratie als Regierungsform zu zweifeln.22 Diese Zweifel am demokratischen Regierungssystem waren aber auch über die Kreise der Jugendlichen hinaus in der Bevölkerung weit verbreitet, wie Umfrageergebnisse aus dem Jahr 1973 zeigen, in denen die Demokratiezufriedenheit der Westdeutschen bei nur 43,2% lag.23 Das primäre Unterscheidungsmerkmal der beiden damals nebeneinander bestehenden politische Kulturen war sicherlich die unterschiedliche Auffassung von Demokratie. Für die Anhänger der traditionellen politischen Kultur bedeutete Demokratie überwiegend ein von den Parteien und deren Institutionen getragenes System, für die Sympathisanten der alternativen politische Kultur gehörte jedoch eine stärkere Einbeziehung der Bürger in die demokratischen Prozesse zu den wichtigsten Merkmalen einer funktionierenden Demokratie.24

Eine der durch die 68er Bewegung ausgelösten Veränderungen im politischen Leben der Deutschen, war die ansteigende Bereitschaft der Bürger zur politischen Partizipation, so stieg z.B. das Interesse der Bürger an Politik gegen Ende der 70er Jahre auf annähernd 50% und die Zahl der Personen, die in Umfragen angaben sich häufig über Politik unterhielten stieg in dem Zeitraum von 1964-73 von 19 auf 28%.25 Und auch der Glaube an den eigenen Einfluß auf politische Entscheidungen verstärkte sich in der deutschen Bevölkerung, so waren 1974 bereits 59% der befragten deutschen Bürger der Meinung ,,gegen ein als ungerecht empfundenes Gesetz etwas tun zu können."26 Beeinflußt durch die eben genannten Veränderungen stiegen beispielsweise auch sowohl die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen von 78,5% im Jahr 1949 auf 91,1% im Jahr 1972 als auch die Anzahl der Parteimitglieder in der Zeit von 1960-80 von 1,1 Millionen auf über 2 Millionen.27

Mit diesen Zahlen erreichte Westdeutschland Anfang der 70er Jahre im Großen und Ganzen ein internationales Partizipationsniveau und näherte sich von nun an auch in den Bereichen der demokratischen Einstellungen und Verhaltensweisen, den klassischen Demokratien, wie z.B. Großbritannien oder USA, immer mehr an.28 Eine weitere Veränderung, die die alternative politische Kultur mit sich brachte, war ein sichtbares Nachlassen autoritärer Einstellungen, bis in den innerfamiliären Umgang hinein. Auch dieser Wandel war am deutlichsten in der jüngeren Bevölkerung zu bemerken, in der sich mehr und mehr ein Wertewandel zu vollziehen schien. Zu diesen sich immer weiter verbreitenden postmaterialistischen Werten zählten beispielsweise die Selbstbestimmung des Menschen, soziale Bedürfnisse wie weniger Anonymität, die Bedürfnisse nach Mitsprache im Staat und Gesellschaft oder auch die Meinungsfreiheit.29

Zusammenfassend für die durch die Studentenbewegung eingeleitete Entwicklungsphase der politischen Kultur kann man feststellen, daß sich Westdeutschland zu einem Land mit einer politischen Kultur entwickelte, die weitestgehend der Staatsbürgerkultur der westlichen Demokratien entsprach. Das Land kam seit den 60er Jahren zu wirtschaftlicher Blüte und war in der Welt als unabhängiger Staat akzeptiert und respektiert. Die Bürger identifizierten sich mit dem politischen System und der Regierung und sie waren aktiv am politischen Geschehen interessiert und beteiligt.

3. Entwicklung der politischen Kultur seit Anfang der 80er Jahre

Innerhalb der nächsten Jahren nahm der Einfluß der 68er Bewegung auf das politische Verhalten der Bevölkerung aber immer mehr ab. Vielmehr kam es seit Anfang der achtziger Jahre zu einer erneuten Veränderung in der politischen Kultur, die seit diesem Zeitpunkt an immer stärker durch die nachlassende Bereitschaft der Bürger zur politischer Partizipation geprägt wurde. Deutlich wird dieser Rückgang beispielsweise dadurch, daß seit dem Jahr 1976 sowohl die Wahlbeteiligung als auch die Anzahl der Personen, die in Parteien organisiert waren, kontinuierlich gesunken sind.30

Diese Veränderungen sollten aber nicht als politisches Desinteresse gedeutet werden, da das politische Interesse der deutschen Bevölkerung seit Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen ist und seit Anfang der 90er Jahre mit über 55% stärker ausgeprägt ist als in allen anderen europäischen Demokratien.31 Diese seit Anfang der 80er Jahre auftretende Veränderung im Bereich der politischen Einstellungen und Verhaltensmuster der deutschen Bevölkerung ist vielmehr ein international erscheinendes Phänomen.32

Ein zentraler Punkt dieser auftretenden Veränderungen war die immer lauter werdende Kritik an den Parteien und speziell an den Politikern, deren Ansehen in der Gesellschaft unaufhörlich zu sinken schien. Laut Umfragen aus dem Jahr 1992 hatten nur noch 17% der deutschen Bürger eine gute Meinung von Politikern und nur noch ca. 27% der Deutschen erklärten, daß man ihnen vertrauen könne.33 Dieser Vertrauensschwund in die Politiker läßt sich aus der Tatsache erklären, daß die Parteien und ihre Akteure die wichtigsten Überbringer und Vermittler von Politik sind, und daß die Bevölkerung ihre Handlungen besonders interessiert beobachten und sie wie in diesem Fall in den Mittelpunkt ihrer anfallenden Kritik rücken.34

Einige Ursachen, bzw. Erklärungsansätze, die Wolfgang Rudzio für die bei den Bürgern aufkommende Politikverdrossenheit nennt sind unter anderem die ,,Erosion politisch-sozialer Milieus, die mit der Bildungsexpansion gewachsene subjektive politische Kompetenz und Kritikneigung der Bürger, sowie die Politikdarstellungen im Fernsehen."35 Der sich seit Anfang der 80er Jahre vollziehende Rückgang an aktiver politischer Beteiligung der Bevölkerung und die ansteigende Verdrossenheit an Parteien und Politikern wirkte sich allerdings nicht auf die Demokratiezufriedenheit der Westdeutschen aus. Diese lag in einer Studie von 1990 bei annähernd 80% und war die höchste Ausprägung im Vergleich mit den anderen europäischen Ländern. 86% der Westdeutschen waren damals der Meinung, daß die Demokratie die beste Staatsform sei und 80% hielten die ,,Demokratie, die wir in der BRD haben", für die beste Staatsform und glaubten nicht, daß ,,andere, bessere Staatsformen gibt".36 Vergleicht man nun diese Umfrageergebnissen mit denen aus dem Jahre 1973, wo die Demokratiezufriedenheit der Bevölkerung bei nur 43% lag, kann man einen sehr positiven Trend erkennen.

Auch David Conradt bemerkte diesen Wandel und formulierte die folgende Beurteilung der Entwicklung der politischen Kultur in Deutschland: ,,Das Bild der politischen Kultur in Deutschland hat sich in jeder Beziehung gewandelt. Die Bonner Republik hat, anders als die Weimarer Republik, ein Reservoir an Systemvertrauen entwickelt, das sie in die Lage versetzen sollte, mit künftigen Problemen der Demokratie in Europa genauso gut fertig zu werden wie andere westliche Demokratien."37

Sowohl die Umfrageergebnisse als auch die Beurteilung Conradts vermitteln uns also den Eindruck, daß die demokratischen Einstellungen in der deutschen Gesellschaft fest verankert sind, doch wird dieser Zustand auch in Krisensituationen anhalten? Denn bis zu dem heutigen Zeitpunkt wurden weder im wirtschaftlichen noch im politischen Bereich ernste Herausforderungen an unsere Demokratie gestellt.

Sontheimer vertrat 1993 die Meinung, daß es voraussichtlich auch in nächster Zeit nicht zu einer ,,echten Bewährungsprobe für die demokratischen Qualität unserer politischen Kultur in der BRD kommen" werde und äußerte sich auch über mögliche Herausforderungen an die Demokratie Deutschlands in der Zukunft optimistisch, da jede demokratische politische Kultur unter der Voraussetzung von stabilen Verhältnissen von Jahr zu Jahr stabiler und widerstandsfähiger wird.38

[...]


1 Dirk Berg-Schlosser, Politische Kultur, München 1972, S. 58

2 Dirk Berg-Schlosser, Politische Kultur, München 1972, S. 60

3 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 104

4 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 43

5 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 104 ff

6 Hans-Ulrich Thamer, Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik, in: Politische Bildung 2/1996, S. 5ff

7 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 105 ff

8 Hans-Ulrich Thamer, Die nationalsozialistische Massenbewegung, in: Politische Bildung 2/1996, S. 20 ff

9 Wolfgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996, S. 507

10 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 24 f

11 Wolfgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996, S. 507

12 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 25f

13 John Gimbel, Eine deutsche Stadt unter amerikanischer Besatzung, Köln 1964, S. 211

14 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 26

15 Martin und Sylvia Greiffenhagen, Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur im vereinigten Deutschland, Paul List Verlag, München 1993, S. 118

16 Martin und Sylvia Greiffenhagen, Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur im vereinigten Deutschland, Paul List Verlag, München 1993, S. 117

17 Martin und Sylvia Greiffenhagen, Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur im vereinigten Deutschland, Paul List Verlag, München 1993, S. 106f

18 Martin und Sylvia Greiffenhagen, Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur im vereinigten Deutschland, München 1993, S. 109

19 Wolfgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996, S. 514f

20 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 29

21 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 53

22 Wolfgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996, S. 509f

23 Martin und Sylvia Greiffenhagen, Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur im vereinigten Deutschland, München 1993, S. 106

24 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 29

25 Elisabeth Noelle-Neumann/Edgar Piel (Hrsg.), Jahrbuch der Demoskopie 1978-1983, München 1983, S. 339f, nach: Wolfgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996, S. 512

26 David P. Conradt, Changing German Political Culture, in: Gabriel A. Almond/Sidney Verba (Hrsg.), The Civic Culture Revisited, Boston/Toronto 1980, S. 248 und 232, nach: Wolfgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996, S. 512f

27 Heinz Rausch, Politische Kultur in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1980, S. 21, nach: Wofgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996, S. 514

28 Wolfgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996, S. 514

29 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 30f

30 Elmar Wiesendahl, Volksparteien im Abstieg, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 34- 35/1992, S. 3ff

31 Wilhelm Bürklin, nach: Martin und Sylvia Greiffenhagen, Ein schwieriges Vaterland, München 1993, S. 107f

32 Wolfgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996, S. 517

33 R. Köcher, nach: Martin und Sylvia Greiffenhagen, Ein schwieriges Vaterland, München 1993, S. 174f

34 Martin und Sylvia Greiffenhagen, Ein schwieriges Vaterland, München 1993, S. 175

35 Wolfgang Rudzio, Parteienverdrossenheit im internationalen Vergleich, in: Politische Bildung 3/1994, S. 60ff

36 Allensbacher Jahrbuch der Demokratie 1991, nach: Martin und Sylvia Greiffenhagen, Ein schwieriges Vaterland, München 1993, S. 106

37 D.P. Conradt, The German Polity, New York 1978

38 Kurt Sontheimer, Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 32

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Entwicklung der politischen Kultur in Deutschland
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Einführung in das Regierungssystem der BRD
Note
sehr gut
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V100549
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Kultur, Deutschland, Einführung, Regierungssystem
Arbeit zitieren
Anonym, 2000, Entwicklung der politischen Kultur in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100549

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Entwicklung der politischen Kultur in Deutschland



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden