Wie zeigt sich dieses "Dorf im Untergang"? Die vorliegende literaturwissenschaftliche Arbeit geht dieser Frage nach. Während die Figurenanalyse in der Literaturwissenschaft seit langer Zeit große Aufmerksamkeit genießt, steht seit dem "Spatial Turn" die Frage nach der Rolle des Raumes vermehrt im Fokus vieler literaturwissenschaftlicher Arbeiten. Um die Frage zu beantworten, ob und wie das (literarische) Dorf in Arno Camenischs Ustrinkata mit dem Untergang konfrontiert ist, ist es sinnvoll, Figuren- und Raumebene gleichermaßen ins Blickfeld zu nehmen. Schließlich sind es die Figuren, die sich im Raum bewegen. Und ist nicht das Dorf ein Raum von besonderem Interesse?
Ebenso interessant wie die Frage, wie das Individuum einen Raum wahrnimmt ist die Frage, wie dieser Raum zu charakterisieren ist. Das Verlassen von Räumen, sogenannte Grenzüberschreitungen, sind zentral für die Handlung vieler literarischer Texte. Auch Ustrinkata lebt vom Überschreiten, oder zumindest touchieren, von räumlichen Grenzen – selbst wenn dies nur auf der Erzählebene der Figuren passiert. In einem ersten Schritt wird ein Blick zurück gewagt: das Dorf bewegt sich in einer langen literarischen Tradition und genießt in der deutschen Literatur einen besonderen Stellenwert. Besonders im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Dorfgeschichte und des Heimatromans, kann von einer Blütezeit des Dorfes in der Literatur gesprochen werden. Doch auch in der Gegenwartsliteratur ist das Dorf immer wieder Schauplatz und Zentrum der Handlung. In einem zweiten Schritt wird ein kurzer Einblick in die literarischen Raumtheorie(n) und Figurenanalyse gegeben.
Schwerpunkte bilden dabei die Erkenntnisse Jurij Lotmans (Raumsemantik) sowie die figurenspezifischen Analyseinstrumente nach Tilmann Köppe und Tom Kindt. Um der Frage nachzugehen, wie sich das "Dorf im Untergang" auf Raum- und Figurenebene zeigt, wird im Hauptteil versucht, theoretische Erkenntnisse und Textstellen in Relation zu bringen und in dieser Form zu ergründen, mit was für einem Dorf wir es hier eigentlich zu tun haben. Wie unterscheidet sich das Dorf der Gegenwartsliteratur zum Dorf in der Heimatliteratur? Wie ist die Wahrnehmung der Figuren? In welchen Räumen bewegen sie sich? Kann man überhaupt von einem "Untergang" sprechen? Welche Aspekte sprechen dafür? Dies sind die Leitfragen der vorliegenden Arbeit, welche am Ende in der Zusammenfassung noch einmal aufgegriffen und zu beantworten versucht werden.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Zum Dorf in der deutschsprachigen Literatur
- Figurenanalyse und Raumstruktur
- Figurenanalyse
- Raumstruktur
- Das Dorf im Untergang in Ustrinkata
- Untergang auf Figurenebene
- Untergang auf Raumebene
- Zusammenfassung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert Arno Camenischs Roman Ustrinkata im Kontext des Untergangs des Dorfes in der Literatur. Die Untersuchung fokussiert auf die Figurenanalyse und die Raumstruktur des Romans und untersucht, wie sich der Untergang des Dorfes auf beiden Ebenen manifestiert. Dabei werden theoretische Erkenntnisse aus der Literaturwissenschaft zur Raumsemantik und zur Figurenanalyse herangezogen.
- Das Dorf als literarischer Imaginationsraum und seine Entwicklung in der deutschsprachigen Literatur
- Die Rolle der Figuren im Raum und die Wahrnehmung des Untergangs des Dorfes
- Die Bedeutung der Raumstruktur für die Darstellung des Untergangs des Dorfes in Ustrinkata
- Vergleich des Dorfes in der Gegenwartsliteratur mit dem Dorf in der Heimatliteratur
- Die Frage nach der Bedeutung des „Untergangs“ des Dorfes für die Figuren und das Dorf selbst
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Thematik des „Dorfes im Untergang“ in Arno Camenischs Roman Ustrinkata ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit. Das zweite Kapitel bietet einen Überblick über die literaturhistorische Entwicklung des Dorfes in der deutschsprachigen Literatur, wobei der Schwerpunkt auf der Dorfgeschichte und dem Heimatroman liegt. Das dritte Kapitel widmet sich der Analyse von Figurenanalyse und Raumstruktur im Roman. Es untersucht die Figuren und die Raumsemantik in Ustrinkata, um herauszufinden, wie sich der Untergang des Dorfes auf diesen Ebenen zeigt. Der vierte Teil befasst sich mit der konkreten Analyse des Untergangs des Dorfes in Ustrinkata, indem er die Figurenanalyse und die Raumstruktur des Romans in Bezug auf den Untergang des Dorfes untersucht.
Schlüsselwörter
Dorf, Untergang, Ustrinkata, Arno Camenisch, Figurenanalyse, Raumstruktur, Raumsemantik, Heimatliteratur, Gegenwartsliteratur, Imaginationsraum, literarischer Raum, Spatial Turn.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Arno Camenischs Roman „Ustrinkata“?
Der Roman thematisiert das „Dorf im Untergang“ und beschreibt die Atmosphäre und die Gespräche in einer Stammtischrunde kurz vor der Schließung der letzten Dorfbeiz.
Was bedeutet „Raumsemantik“ in diesem literarischen Kontext?
Raumsemantik (nach Jurij Lotman) untersucht, wie literarische Räume mit Bedeutungen aufgeladen sind und wie Grenzüberschreitungen die Handlung strukturieren.
Wie manifestiert sich der „Untergang“ im Roman?
Der Untergang zeigt sich sowohl auf der Raumebene (Verschwinden öffentlicher Orte) als auch auf der Figurenebene durch deren Wahrnehmung von Verlust und Stillstand.
Wie unterscheidet sich Camenischs Dorf von klassischer Heimatliteratur?
Während die Heimatliteratur des 19. Jahrhunderts das Dorf oft idealisierte, zeigt die Gegenwartsliteratur wie „Ustrinkata“ das Dorf als einen Raum des Zerfalls und der Melancholie.
Was ist der „Spatial Turn“ in der Literaturwissenschaft?
Es ist eine geisteswissenschaftliche Wende, die den Raum nicht mehr nur als Kulisse, sondern als zentrales Element und Bedeutungsträger literarischer Texte betrachtet.
- Quote paper
- Matthias Niederberger (Author), 2017, Figuren- und Raumstruktur in Arno Camenischs "Ustrinkata". Das Dorf im Untergang, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1005572