Warum sind Ikonen (und deren Verehrung), trotz des biblischen Bilderverbots, legitim?


Essay, 2019

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Mein ältester Freund!

Lange Zeit habe ich dir bereits nicht mehr geschrieben. Ich hoffe, es geht dir genauso gut, wie mir. Um deine Frage aus dem letzten Brief zu beantworten: Ja, ich wohne noch in Nischni Nowgorod und werde dieses wunderschöne Stückchen Erde niemals mehr verlassen.

Heute war ich nach über einem Jahr wieder in unserer wunderschönen Mariä-Geburt-Kathedrale. Du kannst dich sicherlich noch daran erinnern, als wir vor über zehn Jahren beim Anblick dieser Pracht nicht mehr aus dem Staunen herauskamen. Ich weiß noch, wie du bei dem Anblick der Ikonen ehrfürchtig auf die Knie gesunken bist. Als mir diese Situation plötzlich wieder in den Sinn kam, verspürte auch ich, für die der Anblick gewissermaßen alltäglich und bei weitem nichts Besonderes mehr ist, zum ersten Mal wieder eine tiefe Ehrfurcht. Wie viel kann ich, die sich als tiefgläubige, orthodoxe Russin bezeichnet, von einem deutschen Katholiken über meine eigene Religion lernen? Für diesen Augenblick möchte ich dir auf ewig danken!

Was heute in der Kathedrale geschehen ist, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe nach dem Besuch des Gottesdienstes einen ausgedehnten Spaziergang unternommen und über die Ikonen nachgedacht. Sie bedeuten mir so viel! Wenn ich die Ikonen verehre, fühle ich mich den abgebildeten Personen so nah – das erfüllt mich mit Glücklichkeit. Es stimmt mich sehr traurig, dass der gesamte Rest der Welt nicht auch im Besitz solch wunderschöner und prächtiger Ikonen ist. Mir ist bekannt, dass auch ihr Bilder von Jesus, seiner Mutter Maria und sicherlich auch von Heiligen besitzt. Allerdings haben wir uns noch nie darüber ausgetauscht, wie ihr die Bilder versteht.

Wie du sicherlich weißt, hat diese Frage vor vielen Jahrhunderten für einen Konflikt gewaltigen Ausmaßes gesorgt – und klingt selbst in diesen Zeiten noch leicht nach. Damals hat dieser Konflikt die orthodoxe Christenheit in zwei Lager aufgespalten: In die Ikonodulen und die Ikonoklasten.

Ich, als Ikonodule, befürworte die Ikonenverehrung natürlich. Umso mehr verwundert mich die Tatsache, dass die Ikonoklasten, also die Gegenseite, sich bei ihren Argumenten gegen die Bilderverehrung, genauso wie die Ikonodulen, auch auf die Bibel stützen. Trotz alledem, was die Ikonoklasten dagegen vorbringen, verehren wir heutzutage die Ikonen in unseren Kirchen und zu Hause. Es liegt mir daher sehr am Herzen, dir meine Ansicht und Meinung in diesem Brief zu schildern. Warum sind Ikonen (und deren Verehrung), trotz des biblischen Bilderverbots, legitim?

Ich hoffe, dass du, mein Freund, beim Lesen dieses Briefes deine Bibel in Reichweite hast, um darin zu blättern und meine Gedankengänge nachzuverfolgen.

Das Bilderverbot und das Gottesbild.

„Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde."1 Ex 20,4 & Dtn 5,8

Dieses zweite Gebot ist wahrscheinlich das erste, woran du bei dieser Thematik denkst. Auf den ersten Blick mag der erste Satz dieses Gebots tatsächlich zu besagen, dass wir uns keinerlei Bildnis von irgendetwas machen dürfen. Aber was bedeutet es denn, sich ein Bildnis zu machen? Reicht es bereits aus, wenn ich mir beim Verfassen dieses Briefes dein Gesicht vorstelle? Übertrete ich dieses Gesetz bereits, wenn ich das Wort „M e n s c h“ aufschreibe – was, dem Schriftbild nach, eigentlich auch ein Bildnis darstellt? Wo beginnt ein Bildnis und wo ist dessen Grenze? Wer stellt sich während des Lesens einer Lektüre die, darin beschriebene, Situation nicht bildlich vor? Diese Fragen beschäftigten auch mich seinerzeit. Zwar ist es rein biblisch betrachtet verboten sich ein Bild zu machen. Allerdings, und das habe ich bereits in der letzten Frage angedeutet, liegt es in der Natur des Menschen, sich Personen oder Dinge bildlich vorzustellen – dazu gehört auch Gott.2 Ich zum Beispiel habe manchmal eine Wolke und manchmal einen alten Mann mit hellgrauem Rauschebart vor meinem inneren Auge. Hat Gott sich selbst nicht in Form seiner Stimme (ich verstehe dies gewissermaßen als ein „Hör-Bild“3 ) in einem Dornenbusch (vgl. Ex 3,4) oder in einer Wolke (vgl. Lk 9,35) – ja sogar in uns Menschen geoffenbart, die er immerhin nach seinem Abbild (vgl. Gen 1,26) schuf? Ist nicht die gesamte Bibel darauf ausgerichtet, eine Vorstellung – ein Bild – von Gott zu vermitteln? Die, in der Bibel enthaltene, lebendige Metaphorik und die Gleichnisse aus dem Neuen Testament machen die Bibel erst lebendig und machen es uns Menschen möglich, zu begreifen.4 In diesem Punkt wird das Grundproblem des Bilderverbots verdeutlicht. Verstoßen wir nicht bereits dann dagegen, wenn wir den Dingen einen Namen geben? Hat Gott sich selbst deshalb in Ex 3,14 dem Mose nur als „Ich bin, der ich bin“ vorgestellt? Diesen Punkt kann ich insoweit wiederlegen, indem ich auf andere Stellen in der Bibel verweise. In den Psalmen ist es der HERR (vgl. Ps 105) oder Gott (vgl. Ps 104) und im Neuen Testament nennt Jesus ihn Vater (vgl. Mk 14,36). Es finden sich noch unzählige weitere Namen und Bezeichnungen für Gott. Was ich damit jedoch ausdrücken möchte, ist, dass wir uns zwar durch jede Bezeichnung oder jeden Namen vielleicht ein anderes Bild von Gott machen, dies jedoch notwendig für die Legitimation Gottes ist. Niemand wird um einen König und seine Macht wissen, wenn er nicht auch als ein solcher genannt wird.

Du fragst dich sicherlich nun, was dies alles, bezogen auf das Bilderverbot, bedeuten kann. Meiner Ansicht nach würde das Bilderverbot keinerlei Sinn ergeben, wenn es sich dabei um ein Verbot der bildlichen Vorstellung, des Schreibens von Worten oder gar der Benennung einer Sache oder einer Person handle. Noch nicht einmal glaube ich, dass es sich auf ein Verbot von gemalten Bildern bezieht. Mit Blick auf die Bibelstelle Ex 32,1-29 gehe ich eher davon aus, dass es die dreidimensionalen Figuren, also Statuen5, betrifft – wie etwa das goldene Kalb, dessen Herstellung und Anbetung durch das Volk Israel den Bundesbruch verursachte. Hier geht es ganz klar um ein Verbot des Götzendienstes, auf welches das Fremdgötterverbot im Grunde aus ist – dessen Konsequenz übrigens das Bilderverbot ist.6 Auch in Ez 8,9-10 wird eine ähnliche Situation beschrieben: „Und er sagte zu mir: Geh hinein, sieh dir die schlimmen Gräueltaten an, die sie hier begehen! Da ging ich hinein und schaute und siehe: allerlei Bilder von Gewürm und Vieh, ein Gräuel und allerlei Götzen des Hauses Israel, eingeritzt in die Wand ringsum überall.“7

Deshalb besteht durchaus die Möglichkeit, dass sich das Bilderverbot auf Bilder heidnischen Ursprungs bezieht – die Bilder des Glaubens an den einen (unsichtbaren) Gott also erlaubt sind.8 Es liegt also am Verwendungszweck. Auch sollten wir, wie ich finde, an dieser Stelle zwischen zweierlei Bildern unterscheiden: Und zwar zwischen denjenigen, die sich automatisch in unseren Köpfen bilden und denjenigen, die mit den Händen erschaffen wurden (also anikonische Bilder).9 Die Bildung der ersteren liegt in unserer Natur und ist mit der zweiten in der Hinsicht fest verbunden, als dass die Betrachtung der Bilder uns Menschen dabei behilflich ist, unsere Phantasie zu beflügeln. Dies erleichtert mir das Beten ungemein und ich fühle, wie meine Beziehung zu ihnen im Gebet immer stärker wird. Ist das nicht einfach bezaubernd?

Wie ich bereits erwähnt habe, stützen sich auch die Ikonoklasten bei ihrer Argumentation gegen die Ikonen auf das alttestamentliche Bilderverbot. Während einige lediglich gegen die Kultbilder, nicht aber gegen Bilder als solche waren, verwarfen andere, radikale Ikonoklasten neben den Ikonen auch die Bilder, die Verehrung von Reliquien, Heiligen und sogar das Gebet zu Maria.10 „Für sie standen die Bilder Christi, der Gottesgebärerin und der Heiligen mit den Götzenbildern der Heiden auf gleicher Ebene.“11 Mir drängt sich, wie dir sicherlich auch, die Frage auf, wo denn da die Grenze zu ziehen ist? Welches Bild ist denn nun ein Götzenbild und welches nicht? Darin sehe ich eine deutliche Schwachstelle, weswegen ich mich mit dieser Position nicht sonderlich anfreunden kann.

Ich würde noch sehr gerne einen weiteren Punkt anführen, der mich eine Weile lang beschäftigt hat, nachdem ich eines Tages die Geschichte vom Ijob in der Bibel las. Dieser gottesfürchtige Mann verlor alles, was er liebte und quälte sich damit, dass er sich den Grund, weshalb Gott sein Leiden zulässt, einfach nicht erklären konnte. Als Ijob schließlich die Konversation mit Gott sucht, führt dieser ihm die Schöpfung vor Augen und zeigt dem Mann damit, dass er bei der Schöpfung nicht dabei war und deshalb nur all das weiß, all das sieht und all das versteht, was er als menschliche Gestalt zu wissen, sehen und verstehen vermag. Darin sehe ich eine entscheidende Parallele zu den Ikonen: „[…] [M]an [kann] sich von dem jegliches begrenztes Wahrnehmen übersteigenden unendlichen und darum absolut geheimnisvollen Gott kein angemessenes Bild machen […].“12 Es übersteigt letztlich unser menschliches Wahrnehmungsvermögen – aus welchem Grund wir Christen uns auch nicht dazu anmaßen, ein solches Gottesbild erstellen zu wollen. Merke dir diese Worte, denn ich werde später noch einmal auf sie zurückkommen.

Du siehst also, mein Teurer, dass die wundervolle Bedeutungsträchtigkeit der Bibel ein Segen und ein Fluch zugleich sein kann. Allerdings nehmen wir die Bibel ehrlich gesagt auch nicht immer wortwörtlich und halten uns deshalb nicht unbedingt an alle Gebote und Verbote. Warum wollen sich die Ikonoklasten denn ausgerechnet an dieses Verbot halten? Jedenfalls wird diese Thematik seit jeher heiß diskutiert und es finden sich in beiden Lagern stets plausible Argumente, die sich mit der Bibel belegen lassen.

Im Kern geht es im Bilderstreit ja darum, welchen Gottesbezug die Ikonen vermitteln können und ich finde es überhaupt nicht abwegig, dass durch Bilder durchaus Göttliches repräsentiert werden kann.13 Sage nur: Wie legst du diese, hier aufgegriffenen, Punkte aus?

Das Jesusbild.

Gott wird, wie bereits erwähnt, in keiner unserer monotheistischen Religionen bildlich dargestellt. Jesus, seine Mutter Maria und die Heiligen hingegen schon. Der Grund dafür ist, dass weder Maria noch die Heiligen göttlicher Natur sind. Wie sieht es allerdings bei Jesus aus?

Mein Freund, ich bin mir gewiss, dass du die Antwort bereits weißt und nun, voller Erwartung und mit einem Lächeln, die nächsten Zeilen abwartest! Wie Johannes von Damaskus in seinen „Logoi“ einbrachte, ist Jesus Christus Mensch gewordener Gott und kann deshalb, aufgrund seiner Menschlichkeit, auch als dieser gemalt werden.14 Mir kommt dazu eine Stelle aus dem 1. Johannesbrief in den Sinn, welche besagt: „Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus.“15 1 Joh 5,6

Weiter heißt es in 1 Joh 5,10: „Wer an den Sohn Gottes glaubt, trägt das Zeugnis in sich. Wer Gott nicht glaubt, hat ihn zum Lügner gemacht, weil er nicht an das Zeugnis geglaubt hat, das Gott von seinem Sohn abgelegt hat.“16

[...]


1 Die Bibel 2016 (Ex 20,4 & Dtn 5,8)

2 Vgl. Ebach 1997, Seite 22

3 Ebd., Seite 27

4 Vgl. ebd., Seite 22f

5 Vgl. Ebach 1997, Seite 33

6 Vgl. Lüdgers 1986, Seite 36

7 Die Bibel 2016 (Ez 8,9-10)

8 Vgl. Bremer 2014, Seite 51

9 Vgl. Ebach 1997, Seite 34

10 Vgl. Molinski 2005, Seite 91f

11 Ebd., Seite 92

12 Molinski 2005, Seite 90

13 Vgl. ebd., Seite 87

14 Vgl. Bremer 2014, Seite 32

15 Die Bibel 2016 (1 Joh 5,6)

16 Die Bibel 2016 (1 Joh 5,10)

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Warum sind Ikonen (und deren Verehrung), trotz des biblischen Bilderverbots, legitim?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Theologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
10
Katalognummer
V1006029
ISBN (eBook)
9783346388377
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, ikonen, verehrung, bilderverbots
Arbeit zitieren
Christine K. (Autor), 2019, Warum sind Ikonen (und deren Verehrung), trotz des biblischen Bilderverbots, legitim?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006029

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