In diesem Essay in Briefform werden die Ansichten und Meinungen zu folgender Frage geschildert: Warum sind Ikonen (und deren Verehrung), trotz des biblischen Bilderverbots, legitim?
Heute war ich nach über einem Jahr wieder in unserer wunderschönen Mariä-Geburt-Kathedrale. Du kannst dich sicherlich noch daran erinnern, als wir vor über zehn Jahren beim Anblick dieser Pracht nicht mehr aus dem Staunen herauskamen. Ich weiß noch, wie du bei dem Anblick der Ikonen ehrfürchtig auf die Knie gesunken bist. Als mir diese Situation plötzlich wieder in den Sinn kam, verspürte auch ich, für die der Anblick gewissermaßen alltäglich und bei weitem nichts Besonderes mehr ist, zum ersten Mal wieder eine tiefe Ehrfurcht. Wie viel kann ich, die sich als tiefgläubige, orthodoxe Russin bezeichnet, von einem deutschen Katholiken über meine eigene Religion lernen? Für diesen Augenblick möchte ich dir auf ewig danken!
Wie du sicherlich weißt, hat diese Frage vor vielen Jahrhunderten für einen Konflikt gewaltigen Ausmaßes gesorgt – und klingt selbst in diesen Zeiten noch leicht nach. Damals hat dieser Konflikt die orthodoxe Christenheit in zwei Lager aufgespalten: In die Ikonodulen und die Ikonoklasten. Ich, als Ikonodule, befürworte die Ikonenverehrung natürlich. Umso mehr verwundert mich die Tatsache, dass die Ikonoklasten, also die Gegenseite, sich bei ihren Argumenten gegen die Bilderverehrung, genauso wie die Ikonodulen, auch auf die Bibel stützen. Trotz alledem, was die Ikonoklasten dagegen vorbringen, verehren wir heutzutage die Ikonen in unseren Kirchen und zu Hause. Ich hoffe, dass du, mein Freund, beim Lesen dieses Briefes deine Bibel in Reichweite hast, um darin zu blättern und meine Gedankengänge nachzuverfolgen.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Bilderverbot und das Gottesbild.
2. Das Jesusbild.
3. Das Ikonenverständnis in der orthodoxen Kirche.
Zielsetzung & Themen
Dieses Essay untersucht die theologische Legitimität der Ikonenverehrung innerhalb des christlichen Glaubens unter Berücksichtigung des biblischen Bilderverbots und beleuchtet dabei die historische sowie spirituelle Relevanz von Gottesbildern.
- Das alttestamentliche Bilderverbot im Kontext moderner Auslegung
- Die christologische Argumentation für die Zulässigkeit von Ikonen
- Unterscheidung zwischen Götzenbildern und religiöser Repräsentanz
- Die Rolle der Menschwerdung Gottes für die visuelle Darstellung
- Das Verständnis der Ikone als "Fenster zur himmlischen Wirklichkeit"
Auszug aus dem Buch
Das Bilderverbot und das Gottesbild.
„Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde." Ex 20,4 & Dtn 5,8
Dieses zweite Gebot ist wahrscheinlich das erste, woran du bei dieser Thematik denkst. Auf den ersten Blick mag der erste Satz dieses Gebots tatsächlich zu besagen, dass wir uns keinerlei Bildnis von irgendetwas machen dürfen. Aber was bedeutet es denn, sich ein Bildnis zu machen? Reicht es bereits aus, wenn ich mir beim Verfassen dieses Briefes dein Gesicht vorstelle? Übertrete ich dieses Gesetz bereits, wenn ich das Wort „M e n s c h“ aufschreibe – was, dem Schriftbild nach, eigentlich auch ein Bildnis darstellt? Wo beginnt ein Bildnis und wo ist dessen Grenze? Wer stellt sich während des Lesens einer Lektüre die, darin beschriebene, Situation nicht bildlich vor? Diese Fragen beschäftigten auch mich seinerzeit. Zwar ist es rein biblisch betrachtet verboten sich ein Bild zu machen. Allerdings, und das habe ich bereits in der letzten Frage angedeutet, liegt es in der Natur des Menschen, sich Personen oder Dinge bildlich vorzustellen – dazu gehört auch Gott. Ich zum Beispiel habe manchmal eine Wolke und manchmal einen alten Mann mit hellgrauem Rauschebart vor meinem inneren Auge. Hat Gott sich selbst nicht in Form seiner Stimme (ich verstehe dies gewissermaßen als ein „Hör-Bild“) in einem Dornenbusch (vgl. Ex 3,4) oder in einer Wolke (vgl. Lk 9,35) – ja sogar in uns Menschen geoffenbart, die er immerhin nach seinem Abbild (vgl. Gen 1,26) schuf? Ist nicht die gesamte Bibel darauf ausgerichtet, eine Vorstellung – ein Bild – von Gott zu vermitteln? Die, in der Bibel enthaltene, lebendige Metaphorik und die Gleichnisse aus dem Neuen Testament machen die Bibel erst lebendig und machen es uns Menschen möglich, zu begreifen.
Zusammenfassung der Kapitel
Das Bilderverbot und das Gottesbild.: Dieses Kapitel analysiert das alttestamentliche Verbot bildlicher Darstellungen und hinterfragt, ob eine rein bildlose Vorstellung von Gott für den Menschen überhaupt möglich oder intendiert ist.
Das Jesusbild.: Hier wird erörtert, inwiefern die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus die theologische Grundlage für dessen Abbildbarkeit auf Ikonen schafft.
Das Ikonenverständnis in der orthodoxen Kirche.: Das abschließende Kapitel erläutert die spirituelle Funktion der Ikone als Fenster zum Göttlichen, die nicht als Götzenbild, sondern als gnadenerfüllte Repräsentanz verstanden wird.
Schlüsselwörter
Ikonen, Ikonenverehrung, Bilderverbot, Ikonoklasten, Ikonodulen, Gottesbild, Menschwerdung, Christologie, Orthodoxe Kirche, Biblische Exegese, Kultbilder, Repräsentanz, Gottessohn, Heilsgeschichte, Acheiropoieta
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Essay grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theologischen Auseinandersetzung um die Legitimität von Ikonen und deren Verehrung im Christentum, insbesondere im Spannungsfeld zum biblischen Bilderverbot.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Verständnis des alttestamentlichen Bilderverbots, die christologische Bedeutung der Inkarnation sowie die spirituelle und liturgische Funktion von Ikonen in der orthodoxen Tradition.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Argumente für die Zulässigkeit der Ikonenverehrung zu finden und zu begründen, warum diese trotz des ausdrücklichen Verbots von Götzenbildern als legitim angesehen werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der theologischen Exegese und Reflexion in Form eines fiktiven Briefwechsels, um biblische Texte und dogmatische Standpunkte zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Differenzierung zwischen Götzen- und Kultbildern, die Bedeutung der Menschwerdung Christi für die visuelle Repräsentanz Gottes und die Definition der Ikone als Fenster zur himmlischen Realität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselbegriffe umfassen Ikonen, Ikonodulie, Bilderverbot, Inkarnation, Christologie und das orthodoxe Ikonenverständnis.
Welche Rolle spielt das Buch Ijob für die Argumentation der Autorin?
Die Autorin zieht das Buch Ijob heran, um zu verdeutlichen, dass das menschliche Erkenntnisvermögen gegenüber Gott begrenzt ist, was wiederum die Notwendigkeit von Bildern zur Annäherung an das Göttliche unterstreicht.
Wie begründet die Autorin die Verehrung von Jesusikonen?
Sie argumentiert, dass Jesus als Mensch gewordener Gott aufgrund seiner realen Menschlichkeit darstellbar ist und die Ikone als ein durch Gott geschenktes, gnadenerfülltes Medium fungiert, das auf die Heilsgeschichte verweist.
- Arbeit zitieren
- Christine K. (Autor:in), 2019, Warum sind Ikonen (und deren Verehrung), trotz des biblischen Bilderverbots, legitim?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006029