Lesbische Paarbeziehungs- und Lebensthemen. Notwendiges Professionswissen in der Beratung mit gleichgeschlechtlich l(i)ebenden Frauen


Hausarbeit, 2011

32 Seiten, Note: 13


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und begriffliche Grundlagen
1.1 Heteronormativität
1.2 Homophobie und Homonegativität
1.3 Homosexualität: Zur Diskurs- und Forschungsgeschichte
1.4 Was bezeichnet ‚lesbisch‘?

2. Lesbische Identität(en)
2.1 (Sexuelle) Identität: Verständnisweisen und Kritik
2.2 Die Entwicklung lesbischer Identitäten: das Coming-out

3. Spannungsfelder in lesbischen Paarbeziehungen
3.1 Was verursachen Heteronormativität und Ablehnung?
3.1.1 Internalisierte Homophobie
3.1.2 Mangelnde Unterstützung lesbischer Paarbeziehungen
3.1.3 Bilderlosigkeit
3.2 Was bewirkt die weibliche Sozialisation?
3.2.1 Symbiose
3.2.2 Bedürfnisse und Konflikte
3.2.3 Sexualität

4. Kompetente Beratung für lesbische Frauen
4.1 Professionswissen, Reflektion und Handlungskönnen
4.2 Ziele

5. Schlussbemerkung

Quellenverzeichnis

Einleitung

Eine spezielle Sensibilität in der Beratung und Psychotherapie mit Schwulen, Lesben und Bisexuellen ist aufgrund äußerlicher Problemlagen sowie daraus resultierenden speziellen Belastungen im Alltag erforderlich. Nach wie vor kommt gesellschaftliche Feindlichkeit gegenüber homosexuellen Menschen und Lebensweisen in latenter als auch in manifester Ablehnung und Diskriminierung zum Ausdruck. Daneben liegen Besonderheiten gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in ihrer Struktur und Dynamik.

Die folgende Arbeit macht es sich zur Aufgabe zu untersuchen, welche Probleme und Themen sich in und für lesbische Paarbeziehungen im Gegensatz zu heterosexuellen ergeben können. Diese Analyse erfolgt im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Hintergründen bezüglich heteronormativer Vorgaben sowie mit den individuellen Identitätsbildungs-prozessen gleichgeschlechtlich l(i)ebender Frauen.

Die Untersuchung der Thematik ist im Kontext von lebensweltorientierter Beratungsarbeit mit dem Selbstanspruch, gegenüber einer vielfältigen Klientel offen zu sein, relevant. Beschreibungen von Lebenswelten und diesbezüglichen Problemfeldern erweitern in diesem Rahmen den Wissenshorizont. Für den professionellen Umgang mit jedweder Art von Lebensentwürfen, mit denen Psychotherapeut_innen1 und Beratende in ihrer Arbeit zu tun haben, ist solches Hintergrundwissen nützlich und notwendig.

Zu Beginn sollen gesellschaftliche Hintergrundbedingungen beleuchtet werden, die besonders für homo- und bisexuelle Menschen einschränkend wirken. Der Begriff der Homosexualität sowie die Bezeichnung lesbisch werden daraufhin genauer untersucht. Eine in diesem Zusammenhang relevante, kritische Sichtweise auf Identität soll im zweiten Teil aufgegriffen werden, um daran anschließend auf lesbische Identitätsentwicklungen einzugehen. Der dritte Teil der Arbeit wirft ein Augenmerk auf lesbische Beziehungsthemen und damit einhergehende Problematiken. Die Inhalte der ersten Kapitel sind als notwendiges Wissen für professionelle Begegnungen in Beratung und Psychotherapie zu verstehen. Inwiefern dieses in Beratungskompetenz einfließt und was es außerdem dazu bedarf, möchte ich im vierten Teil erläutern.

1. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und begriffliche Grundlagen

Als gesellschaftliche Rahmenbedingung, die in dieser Arbeit relevant ist, da speziell Menschen, die gleichgeschlechtliches Begehren empfinden und in ihre Selbst- und Lebenskonzepte integrieren (wollen), mit ihr in Widerstreit geraten, ist die Heteronormativität zu nennen. Mit ihr zusammen hängen Homophobie und Homonegativität. Nach diesen Erläuterungen sollen die zugrunde liegenden Termini bezüglich sexueller Orientierung definiert bzw. kritisch beleuchtet werden.

1.1 Heteronormativität

Das Konzept der Heteronormativität analysiert die Verknüpfung dreier Kategorien, die im Alltag permanent unterschieden und in einer bestimmten Verbindung erwartet werden. Dabei ist das biologische Geschlecht (sex) mit einer zugehörigen Geschlechtsrolle (gender) verbunden, das u.a. mit gegengeschlechtlichem sexuellen Begehren einhergeht (vgl. Butler 1991: 22ff; Degele 2008: 88). In Erwartung dieses normierten Korrespondenzverhältnisses wird Geschlecht in Bezug zu heterosexueller Orientierung hervorgebracht, das heißt „Frauen sind Frauen, weil sie Männer begehren und Männer sind Männer, weil sie Frauen begehren“ (Maier 2008: 25). Die ständige Reproduktion dieser Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata verselbstverständlicht und verfestigt sie. Sowohl Zweigeschlechtlichkeit als auch Heterosexualität erscheinen dadurch als natürliche, nicht legitimierungsbedürftige Gegebenheiten.

Die heteronormativen Schemata wirken als „verinnerlichte Gesellschaft“ (Degele 2008: 89) weitgehend unbewusst und dienen der Reduktion von Komplexität in sozialen Situationen. Dies bedeutet jedoch auch, dass die Grenzen des Bereichs dessen, was für möglich gehalten wird, stark festgelegt sind/werden. Lediglich jene Menschen, die heteronorm gemäß ihres biologischen Geschlechts erscheinen und sich dementsprechend verhalten, verkörpern eine „intelligible“, also erfassbare und wahrnehmbare „Geschlechtsidentität“ (Butler 1991: 37ff). Verhält sich ein Individuum außerhalb oder quer zu den gesellschaftlich für plausibel gehaltenen Möglichkeiten, wird die Person an sich in Frage gestellt und ihre Identität als diskontinuierlich, inkohärent und darüber hinaus als defizitär wahrgenommen, insgesamt als andersartig stigmatisiert. Heteronormativität wirkt daher persönlichkeitsbeschränkend, da z.B. Intersexualität oder gleichgeschlechtliche (Sexual-)Partnerwahl als Entwicklungsstörungen oder als logische Unmöglichkeiten gelten. Die hegemonialen Vorstellungen von Körpergeschlecht, Geschlechtsrolle und Begehren nehmen also fundamentalen Einfluss auf die Wahrnehmung unseres Selbstverständnisses als Individuen sowie auf die Wahrnehmung von anderen (vgl. Fritzsche/Hartmann 2007: 135).

Heteronormativität bezieht sich darüber hinaus auf die Institutionalisierung dieser Schemata in gesellschaftlichen Strukturen, „die Heterosexualität nicht nur zur Norm stilisieren, sondern als Praxis und Lebensweise privilegieren“ (Degele 2008: 88f). Sie durchzieht damit alle sozialen Bereiche (z.B. Rechtsprechung, Schulbildung, Wissenschaft, etc.) und wirkt gegenüber anderen Lebensformen mindestens ausschließend, wenn nicht diskriminierend.

1.2 Homophobie und Homonegativität

Da Homosexualität im Gegensatz z.B. zur Hautfarbe eigentlich ein unsichtbares Stigma ist, besteht ein wichtiger Teil heteronormativer Diskriminierung in dessen Verschweigen, Unsichtbarmachen und Tabuisieren (vgl. Tietz 2004: 65). Hierin drückt sich eine Angst vor dem Grenzjenseitigen, dem ‚Andersartigen‘ aus, das das heteronormative Weltbild in Frage stellt oder stellen könnte. Diese Angst wird als Homophobie bezeichnet, die sich in Aversion oder Intoleranz gegenüber Homo- und Bisexualität ausdrückt.

Bezüglich Homophobie gegenüber weiblicher Homosexualität bemerkt Gissrau aus psychoanalytischer Perspektive: „Daß der Mann überflüssig sein könnte, trifft den männlichen Narzißmus im Kern“ (Gissrau 2005: 75); die lesbische, vom Mann unabhängige Beziehungsfähigkeit der Frau könne Männer mit Ungenügen und Ohnmacht konfrontieren. Typische Abwehrmanöver, wie etwa lesbische Frauen unsichtbar, krank und/oder lächerlich zu machen, drücken sich in direkten Interaktionssituationen sowie in Denkstrukturen aus (vgl. ebd.: 76; Frossard 2002a: 96).2 Auf der Grundlage von Homophobie werden also Mythen, Stereotype, Diskriminierung und Gewalt gegen bi- oder homosexuelle Menschen gestärkt (vgl. Timmermanns 2008: 265). Da auch bi- und homosexuelle Menschen in heteronormativen Bezügen aufwachsen, verinnerlichen sie solche negativen Bilder bis zu einem gewissen Grad und entwickeln ein dementsprechend schwaches Selbstwertgefühl oder auch Selbstablehnung, was als „internalisierte Homophobie“ bezeichnet wird (vgl. ebd.).

Homophobie ist zwar der heutzutage gängigste Begriff in diesem Zusammenhang, aber auch ein recht problematischer. Im Gegensatz zu anderen phobischen ‚Krankheiten‘ tritt die Diskriminierung gegen Bi- und Homosexuelle „nicht in der klinischen Form einer Phobie“ auf (ebd.). Deshalb ziehe ich den Begriff der Homonegativität vor, der die ganze Palette von Ignoranz, Ablehnung, Diskriminierung und Gewaltanwendung umfasst.

Menschen mit ‚abweichender‘ sexueller Orientierung sind durch die Omnipräsenz der heteronormativen Strukturierung in der Umwelt ständig mindestens subtil mit ihrer ‚Andersartigkeit‘ konfrontiert. Explizite homonegative Anfeindungen können zwar zunächst umgangen werden, indem andere im Glauben der Heterosexualität gelassen werden (vgl. ebd.: 266). Doch gerade das permanente Verstecken ist bereits Ausdruck fehlender gesellschaftlicher Integration, erzeugt viel Leiden bei den Betroffenen und führt darüber hinaus nicht selten zu Misstrauen und Ausgrenzung etwa durch Kolleg_innen am Arbeitsplatz (vgl. Knoll et al. 1997: 63). Da lesbische und schwule Identitäten oftmals auch über stereotype Merkmale hinsichtlich Mode oder subkulturell typische Verhaltensweisen erkennbar sind oder zu sein scheinen, sind sie nicht immer gefeit vor offener Homonegativität, die auch in Form von aktiver Gewalt ausagiert wird. Diese entlädt sich häufiger an Schwulen als an Lesben (vgl. Wiesendanger 2002: 63). Andererseits werden Lesben weit weniger wahr- sowie in ihrer sexuellen Orientierung ernst genommen (vgl. ebd.). Da Heteronormativität außerdem ‚männliche‘ und ‚weibliche‘ Eigenschaften in ein hierarchisiertes Verhältnis setzt, erleben lesbische Frauen eine doppelte Diskriminierung als Frau und als Lesbe (vgl. Frossard 2002: 95f; Timmermanns 2008: 264).3 Diskriminierung kann als Grundproblem bezeichnet werden, das weitere psychosoziale Probleme bedingt wie Einsamkeit, Kontaktprobleme, Schwierigkeiten mit Selbstakzeptanz, im Coming-out und in der Partnerschaft (vgl. Tietz 2004: 65).

1.3 Homosexualität: Zur Diskurs- und Forschungsgeschichte

Die Bezeichnung Homosexualität (griech. homo „gleich“, lat. sexus „Geschlecht“) sowie das Antonym Heterosexualität wurden erst im Zuge der Entwicklung der Sexualwissenschaft Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden (vgl. Rauchfleisch 2002a: 17). Als mehrdeutiger Begriff können mit Homosexualität sexuelle Handlungen, die gleichgeschlechtliche Orientierung wie auch ein menschlicher Wesenszug, der mit bestimmten Eigenschaften einhergeht, gemeint sein, wobei besonders letzteres äußerst kritisch hinterfragt werden muss. Neben dieser Mehrdeutigkeit ist an dem Begriff problematisch, dass er aufgrund der Vorsilbe homo (lat. „Mann“) meist nur auf männliche Homosexualität bezogen wird.4 Der deutsche Begriff der Gleichgeschlechtlichkeit hebt diesen Umstand auf.

Bis zur Entwicklung der Sexualwissenschaft wurde die „Sodomie“ (zwischen Männern) als moralisch verwerfliche Sexualstraftat aufgefasst, also „als Handlung, als Ergebnis einer freien Willensentscheidung “ (Degele 2008: 85; Herv. v. S.Sch.). Die medizinische und auch die psychologische Forschung dagegen legten homosexuellen Verhaltens- und Lebensformen im Zuge der Kategorisierung und Normierung sexuellen Verhaltens eine spezifische körperliche wie psychische Konstitution zugrunde. Die Bewertung von Homosexualität reichte dabei von der normal-biologischen Abweichung bis hin zur (vererbbaren) Krankheit, mit der spezifische Wesenseigenschaften verbunden waren. Damit einher gingen Fragen der Vorbeugung und Heilbarkeit. Homosexualität erfuhr also in unserem Kulturkreis eine „Karriere von der Kriminalisierung zur Pathologisierung“ (Gissrau 2005: 88).

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte aufgrund unterschiedlicher Forschungen, die die Entpathologisierung unterstützten, der Konsens erreicht werden, Homosexualität nicht mehr als Krankheit aufzufassen.5 Somit war zumindest formal auch die Auffassung durchbrochen, Homosexualität als substantielle Kategorie aufzufassen, der bestimmte Wesensmerkmale und psychische Muster anhaften (vgl. Danneker 2001: 23).

Die gegenwärtige, nicht-pathologisierende wissenschaftliche Thematisierung fördert zwar die Sichtbarkeit, kann damit jedoch nicht gänzlich die Unterstreichung eines ‚Sonderfalls‘ und der Unterschiede vermeiden.6 Auch zeigt sich laut Danneker trotz der formalen Akzeptanz z.B. innerhalb psychoanalytisch geprägter Denkrichtungen eine „immer noch nicht überwundene Tendenz zur Psychopathologisierung der Homosexualität“ (ebd.: 20). Pathologisierende oder zumindest heteronormative Betrachtungsweisen, gerade wenn sie in wissenschaftliche Theorie eingebettet sind oder waren, haben weitreichende politische und gesellschaftliche Folgen bezüglich Einstellungen und Haltungen (vgl. Wolf 2006: 597).

1.4 Was bezeichnet ‚lesbisch‘?

Die Bezeichnungen heterosexuell, bisexuell, homosexuell sowie lesbisch und schwul sind heutzutage die gängigen Begrifflichkeiten, um die sexuelle Orientierung einer Person zu bezeichnen. Um diese Ausdrücke nicht unkritisch als Mittel zur Kategorisierung sexueller Orientierungen zu reproduzieren, bedarf es des Bewusstseins über ihre Hybridität. Was diese Begriffe als Eigenschaftsbezeichnungen bedeuten, ist historisch wandelbar (vgl. Soine 2000). Zu unterschiedlichen Zeiten wurde das Lesbische mal mehr und mal weniger als Form der Sexualität, als Form der Liebe und Beziehung, als Politikum oder als soziale Präferenz hervorgehoben.7

In der vorliegenden Arbeit werden Frauen als lesbisch bezeichnet, wenn sie gleichgeschlechtliche Liebe, Partnerschaft, Begehren und/oder Sexualformen als Möglichkeiten, Selbst-Verständnisse und Selbstverständlichkeiten in ihr Selbstkonzept einbeziehen und/oder ihren Lebensentwurf danach ausrichten. Mit diesen Konzepten können, müssen aber nicht soziale Präferenzen einhergehen, sprich z.B. ein spezieller Bezug zu Frauen im Allgemeinen oder der Aufenthalt in bestimmten Kultur- und Subkulturkreisen. Einzubeziehen ist neben der Selbstbezeichnung und der inneren Annahme einer lesbischen Identität dennoch auch die von Gesellschaft und Subkultur geprägte Perspektive auf das Lesbische, das über die sexuelle Ausrichtung hinausgeht. An die lesbische Identität als soziale und sexuelle Präferenz scheinen Bereiche wie Mode, die Art der Ausfüllung der Geschlechtsrolle, Verhaltensweisen in Sprache, Gestik und Mimik gekoppelt zu sein. Anhand dieser Erscheinungen werden lesbische Lebensstile als solche identifiziert, anerkannt oder abgelehnt und dadurch als das Lesbische hergestellt. Wenn sich eine Frau als lesbisch identifiziert, hat sie sich auch in irgendeiner Weise zu dem, was gemeinhin als lesbisch aufgefasst wird, zu positionieren. Lesbische Identitätsbildung betrifft deshalb meist mehr Bereiche des Selbst als lediglich die psychosexuelle Ebene.

Die Verwendung des Begriffs lesbisch sowie von Homosexualität, Bisexualität und Heterosexualität ist als Vereinfachung zu verstehen (vgl. Rauchfleisch 2002a: 36), die jedoch immer wieder diskursiv aufgebrochen werden sollte, um die Konstrukte nicht als in sich geschlossen zu denken. Zudem werden solche Einteilungsschemata oft als freiheitseinschränkender Druck empfunden, durch den die persönliche Wahlfreiheit verloren geht (vgl. Lautmann 2005: 84). In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, das zugrunde liegende Verständnis von Identität zu betrachten.

2. Lesbische Identität(en)

2.1 (Sexuelle) Identität: Verständnisweisen und Kritik

Die Begrifflichkeit der Identität spielt hier insofern eine Rolle, als die Bevorzugung bestimmter Sexual- und Partnerschaftsformen gemeinhin als Identitätsfacette aufgefasst wird, die als sexuelle Orientierung, sexuelle Identität oder Sexualität bezeichnet wird. Außerdem ist das Erleben gleichgeschlechtlicher Erfahrungen als mögliche Erschütterung der heterosexuellen Selbstannahme nicht selten mit Krisen der Identität verbunden.

Foucault (1983) hat viel zu dem Verständnis beigetragen, dass die Idee, sexuelles Erleben und Verhalten sei Ausdruck einer sexuellen ‚Identität‘, eine Schöpfung der modernen medizinischen Sexualwissenschaft des 19. Jahrhunderts ist. Insgesamt wandelte sich in dieser Zeit das Subjektverständnis von einem handelnden und erlebenden Subjekt der Erfahrung zu einem substantiellen Subjekt, das bestimmte Wesenseigenschaften in sich trägt, die, wie etwa die Art des Begehrens, die Grundlage für Tun und Sein darstellen: „Was man tat, war nun mehr als ein Verstoß gegen göttliches Gesetz; es entschied, welche Sorte Mensch man war.“ (Weeks 2000: 164)

Lautmann verdeutlicht, dass daher Selbst- und Fremdbezeichnungen, die auf identitäre Merkmale verweisen, wie „Ich bin lesbisch“, vor dieser Entwicklung noch undenkbar waren (vgl. Lautmann 2005: 85). Im Gegensatz dazu bestehen heutzutage der Anspruch an unveränderliche Eindeutigkeit und der Glaube, eine wahre innere Identität könne gefunden werden, um letztlich mit sich selbst identisch zu leben. Sexuelle Identität ist in diesem Zusammenhang sowohl „das Resultat eines modernen, dichotomen, naturalisierten und geschlechtsbezogenen Vergesellschaftungsprozesses“ (Soine 2000: 205) als auch das Resultat einer (un)bewussten individuellen Verarbeitung hegemonialer „Skripte“ (vgl. Rauchfleisch 2002a: 27). Die daraus resultierende Identität als gefestigte Position kann die Chance bieten, von ihr ausgehend zu handeln und Sichtbarkeit für die jeweilige Position zu schaffen, um Anerkennung und Gleichberechtigung zu erkämpfen. Daher dienen „Ich bin“- oder „Wir sind“-Aussagen besonders bewegungspoltischen Zielen (vgl. ebd.: 84). Jedoch birgt ein solches Identitätsverständnis die Gefahr der Verfestigung und Starrheit subjektbezogener Positionen.

„Identitätslogische Vorstellungen einer inneren Substanz schließen Vielfalt und Dynamik im Feld von Sexualität weitgehend aus, stützen die klassifizierende Binarität moderner Identitätsformen von Homo- und Heterosexualität und präformieren das Feld potenzieller Wünsche und Begehren.“ (Hartmann 2007: 105)

Die damit einhergehende Norm der Eindeutigkeit, also die Forderung nach eindeutiger (sexueller) Identität als „lebensumfassende Entweder-oder-Alternative“ (Hartmann 2001: 71) erscheint als noch grundlegender als die Norm der Heterosexualität (vgl. Timmermanns 2004: 91). Das hegemoniale Denken der „‘eigentlichen‘ Identität“ als monosexueller Identität (Hartmann 2007: 103) kann schwerwiegende Identitätskrisen mitverursachen.

Deshalb soll an dieser Stelle eine Auffassung von Identität vertreten werden, die den Begriff Identität eher „als Arbeitstitel“ versteht (Tietz 2004: 71). Identität ist durchaus als etwas Kontinuierliches zu verstehen, jedoch nicht als „mit sich selbst identische Entität“ (Soine 2000: 205), nicht in dem Sinne, dass ein Individuum fortwährend sich selbst gleicht oder zu gleichen hat. Statt einer substantiellen Auffassung ist eine „in komplexen sozialen Interaktionen erworbene und dynamisch veränderbare, jedoch notwendige Annahme des Mit-Sich-Selbst-Identisch-Seins“ (ebd.: 70) gemeint. Diese Selbst-Annahme unterstützt die „Fiktion psychischer Kohärenz“ (ebd.), während Identität dennoch prinzipiell unvollständig bleibt. Sie ist der „‚Fluchtpunkt‘ einer sozialen Praxis“ (Straub 2004: 280), in deren Rahmen das eigene Handeln am Horizont des erwünschten Selbst-Seins orientiert wird.

Identität als mehr oder weniger beständige sowie wandelbare Konstruktion gesehen (vgl. Rauchfleisch 2002a: 31) erlaubt, dass Personen sich selbst mehr oder weniger mit ihren Erfahrungen, die sie mit Liebe, Zuneigung, Begehren und Sexualformen machen, identifizieren können, einige als gewichtig für das eigene Selbst empfindend, andere als passager. Anzuerkennen bleibt, dass Menschen trotz aller Identitätskritik meistens einer Selbstzuordnung bedürfen und Lebenswege beschreiten, die an bestimmte Identifizierungen gebunden sind. Zusammenfassend ist deshalb zu sagen, „daß die sexuelle Orientierung eines Menschen, inklusive seiner Geschlechtspartner-Orientierung einerseits eine mehr oder weniger dynamische, variable Größe darstellt, andererseits aber aus Gründen der innerseelischen Ökonomie und der Eingebundenheit in soziale Beziehungen auch eine überdauernde Stabilität aufweist.“ (ebd.; Herv. v. R.)

2.2 Die Entwicklung lesbischer Identitäten: das Coming-out

Trotz der durchdringenden Wirksamkeit von Heteronormativität entwickeln Menschen Selbstentwürfe, die die heteronormativen Vorstellungen unterwandern. Frauen empfinden offensichtlich lesbisches Begehren und entwickeln entsprechende Lebensweisen. Die heteronormative Zuschreibung scheint also einen Spielraum der Handlungs- und Wandlungsfähigkeit sowie der Selbstbestimmung zu lassen. Es lassen sich viele Theorien darüber entwickeln, woher Eigenbewegung im Kontext sexuellen Begehrens grundlegend kommt und wie sie entsteht. Im Folgenden steht jedoch im Zentrum des Interesses, wie lesbische Identitätsbildungsprozesse vonstatten gehen, wie sie behindert und gefördert werden.

Erschwerend sind die mangelhafte Unterstützung sowie Ablehnung und Unsicherheiten in der Umwelt für den Prozess des Suchens und Findens im Bereich der sexuell-emotionalen Orientierung. Die im vorangegangenen beschriebene, hegemoniale Vorstellung von linearer Identitätsentwicklung drückt sich in Idiomen aus wie ‚sich selbst erkennen‘, ‚die wahre Identität‘, ‚zur eigenen Identität‘ sowie ‚zu sich‘ finden. Der soziale Druck, eindeutig aufzutreten, erlegt „der möglichen Leichtigkeit von Verliebtheit eine große Bürde“ auf (Hartmann 2007: 104), denn gleichgeschlechtliche Verliebtheit zuzulassen scheint an eine weitreichende Entscheidung über die „das gesamte Leben umfassende[n] Identität“ (ebd.) gebunden zu sein. So sind Grenzgänger_innen sowie oszillierenden Prozessen der Selbsterfahrung wenig Raum gelassen (vgl. Hartmann 2001: 72). Im Gegensatz zu heterosexuell empfindenden Jugendlichen müssen sich Jugendliche, die gleichgeschlechtliche Anziehung erfahren, stärker um die aktive Einordnung der Gefühle kümmern und bewusste „Identitätsarbeit“ leisten (Watzlawik 2004: 164). Grundlegend ist für die Verwirklichung lesbischer oder bisexueller L(i)ebensformen recht bedeutend, wie stark eine Frau oder eine Jugendliche von der Wirkungsmacht der Norm der Eindeutigkeit beeinflusst ist. Dabei sind Einstellungen in der Familie als eine der primären Sozialisationsinstanzen sehr bedeutsam (vgl. Falco 1993: 148).

Für den Prozess des Sich-gewahr-Werdens der sexuellen Orientierung sowie für die Sichtbarmachung und Veröffentlichung in der sozialen Umwelt ist der Begriff des Coming-out gängig geworden. Ist das Coming-out im Grunde ein lebenslanger Prozess, so werden damit zugespitzt besonders die ersten Gehversuche mit der Selbstbezeichnung als lesbisch oder bisexuell8 vor sich selbst bzw. vor anderen gemeint, die nicht selten mit Problemen und Krisen verbunden sind (vgl. Knoll et al. 1997: 84). Seit den 1970ern wurden verschiedene Modelle zur Darstellung der Entwicklungsphasen einer lesbischen Identität entwickelt.9 Die zeitliche Einordnung verschiedener Phasen kann je nach Erfahrungen sehr verschieden sein. Ein vereinheitlichendes, zeitliches Phasenmodell ist aufgrund dessen eher zu verwerfen (vgl. Tietz 2004: 68f). Es folgen fünf Elemente eines typischen Coming-out-Prozesses, von denen besonders die beiden letzteren die ersten stark überlappen können.

- Die vor-lesbische oder Prä-Coming-out-Phase. Diese Phase geht oft mit dem Gefühl, irgendwie anders zu sein, nicht verstanden zu werden und ausgeschlossen zu sein, einher (vgl. Rauchfleisch 2002b: 40). Diese Gefühle werden durch das Fehlen von Vorbildern und Modellen verstärkt. Wenn die Phase im Kindes- und Jugendalter einsetzt, ist oft geschlechtsuntypisches Verhalten zu beobachten, das als Ausdruck des Versuchs zu werten ist, Kohärenz zwischen der Geschlechterrolle und dem gefühlten Begehren herzustellen, was dann aber wieder im Widerspruch zum biologischen Geschlecht steht (vgl. Gissrau 2005: 192). Werden in dieser Phase homophobe Haltungen wahrgenommen und internalisiert, kann dies die weitere Entwicklung stark hemmen (vgl. Wiesendanger 2002: 67ff).

[...]


1 Ich verwende diese Schreibweise, um deutlich zu machen, dass es mindestens zwei Geschlechter gibt. Der Unterstrich lässt Freiraum für vielfältige Selbstentwürfe.

2 Oftmals wird dabei weniger lesbische Sexualität angegriffen – diese wird sogar eher verschwiegen - sondern die ‚Mangelhaftigkeit‘ der Weiblichkeit und die Grenzüberschreitung zum Männlichen: „Bei Frauen waren nicht die lesbischen Akte die Provokation schlechthin, sondern ‚acting like a man‘“. (Degele 2008: 85)

3 Durch weitere stigmatisierende Merkmale wie Behinderung oder Ethnizität verstärkt sich die Mehrfachdiskriminierung, die auch innerhalb der lesbischen Szene nicht ausbleibt (vgl. SenIAS 2009).

4 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t#Etymologie_und_Verwendung, Zugriff am 9.2.2011

5 Die American Psychiatric Association (APA) strich Homosexualität 1973 aus ihrem Krankheitenkatalog (DSM), in der International Classification of Diseases (ICD-10) taucht Homosexualität seit dem Jahr 1991 nicht mehr auf.

6 Für einen umfassenderen Überblick zur „Gegenwärtige[n] Lesbenforschung in Deutschland“ vgl. Schuyf 1993.

7 In der feministischen Theorie war lesbische Identität lange Zeit vor allem über die politisch motivierte Bezugnahme auf das eigene Geschlecht definiert. Das heißt, das Lesbische war vorrangig über die politische Einstellung definiert, als Frau für das weibliche Geschlecht einzustehen, während Sexualität und Erotik eher weniger, tendenziell „nur als entkörperlichte Beziehungserotik“ (Soine 2000: 221), relevant waren. Lesbischsein hatte im feministischen Diskurs also vor allem mit radikalisiertem Frausein zu tun. Die Begriffe „Traditionslesbe“ und „Bewegungslesbe“ machen eine Spaltung zwischen lesbischen Frauen deutlich, die dadurch hervorgerufen wurde (vgl. Husmann 1995: 15). Das Verständnis des Lesbischen hat sich in den letzten Jahrzehnten wieder eher ‚entfeminisiert‘ (vgl. Soine 2000: 221).

8 Im Folgenden konzentriert sich die Darstellung stärker auf einen lesbischen Coming-out-Prozess. Besonderheiten der Bisexualität werden außen vor gelassen, auch wenn hiermit Gefahr gelaufen wird, die Nichtthematisierung und den Ausschluss von Zwischenräumen zu perpetuieren.

9 Je nach Auffassung und Auslegung dieses Entwicklungsprozesses spiegelt sich auch darin die Vorstellung einer inneren Substanz, mit dem eine/r ‚herauskommen‘ kann, wieder.

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Details

Titel
Lesbische Paarbeziehungs- und Lebensthemen. Notwendiges Professionswissen in der Beratung mit gleichgeschlechtlich l(i)ebenden Frauen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Erziehungswissenschaft)
Note
13
Autor
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V1006088
ISBN (eBook)
9783346387691
ISBN (Buch)
9783346387707
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lesbische Lebensweisen, Paarbeziehung, homosexuell, Heteronormativität, Beratungskompetenz, Beratung, sexuelle Identität
Arbeit zitieren
Sophia Schmilinsky (Autor), 2011, Lesbische Paarbeziehungs- und Lebensthemen. Notwendiges Professionswissen in der Beratung mit gleichgeschlechtlich l(i)ebenden Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006088

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