Interkulturelle Soziale Arbeit. Sensibilität und Kompetenz im Zeichen von Migration und Integration


Hausarbeit, 2008

22 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Inhalt

Einleitung und Fragestellung

1. Migration als Realität
1.1 Um wen geht es?
1.2 Lebenslagen und Armutsrisiken

2. Integration von Menschen mit Migrationshintergrund
2.1 Strukturelle Integration
2.2 Kulturelle Integration
2.3 Kultur und Identität

3. Interkulturelle Soziale Arbeit
3.1 Interkulturell orientierte Sozialarbeit und Interkulturelle Öffnung
3.2 Interkulturelle Sensibilität
Spannungsfelder interkultureller Sensibilität
3.3 Interkulturelle Kompetenz
Wissen
Reflektion
Handeln

Schlussbemerkungen

Literatur- und Quellenangaben

Einleitung und Fragestellung

Der Begriff der Integration scheint einen übergreifenden Leitgedanken zu den im Seminar „Prekäre Lebenslagen und Lebensweltorientierung als Gegenstand Sozialer Arbeit“ behandelten Themen auszumachen. Dabei gehe ich von einem Verständnis von Integration als fortdauernden Prozess aus, der den „Zusammenhalt von Teilen innerhalb eines systemischen Ganzen“ (Esser 2001: 65) anstrebt. Für die Mitglieder der Gesellschaft bedeutet dies, Zugang zu den wesentlichen Elementen des Wohlfahrtsstaats zu bekommen, also Zugang zu Arbeit, Wohnen, Erziehung und (Aus-)Bildung, Gesundheit, Recht, Sicherheit, Medien und Religion. So gesehen bezeichnet Integration eine allgemeine Entwicklungsaufgabe, mit der jede und jeder gleichermaßen konfrontiert ist (vgl. Bommes 2007: 3), deren normativer Anspruch und Sinngehalt aber auch kritisch zu betrachten sind.

Inwiefern Integration bezogen auf Menschen mit Migrationshintergrund eine spezielle Problemstellung beschreibt, soll eine Grundfrage meiner Arbeit darstellen. Öffnungen und Anpassungen werden augenscheinlich durch Differenzen zwischen Kultur und Sprache der jeweiligen Herkunftsregion und dem Aufnahmeland Deutschland erschwert. Bei der genaueren Analyse scheinbar kultureller Unterschiede und damit verbundener Fremdheit werden jedoch deren konstruktive Charaktere deutlich. Inwiefern können solche theoretischen Überlegungen Eingang in die Soziale Arbeit finden, die in interkulturellen Kontexten tätig ist? Welcher Art von Aufmerksamkeit bedarf es in der Praxis Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik, die mit Irritationen, dem Anspruch gelingenden Dialogs und Konflikten in interkulturellen Zusammenhängen konfrontiert ist?

Der erste Teil beginnt mit einer kurzen Darstellung zu Migration und interkultureller Realität und fährt damit fort, migrantische Lebenslagen anhand soziostruktureller Befunde zu veranschaulichen, um der Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit der Marginalisierung ethnischer Gruppen sowie organisierten Hilfehandelns Ausdruck zu verleihen. Im Anschluss folgt der zweite Teil mit der Analyse von Integration, ihrer Begriffsbestimmung und ihren Teilaspekten. Eine kritische Sichtweise auf den Begriff der Kultur soll hier Eingang finden. Der dritte Teil der Abhandlung befasst sich vor allem auf Grundlage aktueller Literatur von Thomas Eppenstein und Doron Kiesel mit der Aufgabe interkulturell orientierter Sozialen Arbeit. Hier sollen besonders die Konzepte Interkultureller Sensibilität und Interkultureller Kompetenz als Querschnittsaufgaben vorgestellt werden, die als Grundlage von Maßnahmen und Projekten relevant sind, welche individuelle als auch kollektive Integrationsprozesse zu stützen und zu fördern beabsichtigen.

1. Migration als Realität

Im Jahre 2007 zählte das Statistische Bundesamt rund 680.800 Zuzüge aus dem Ausland, während 636.900 Fortzüge erfolgten1. Der Ausländeranteil unter den Zuzügen betrug rund 84,4% und war somit höher gegenüber dem Ausländeranteil der Fortzüge (74,7%).

Solche Wanderungsbewegungen führen nicht nur zu Verschiebungen in der Bevölkerungsstruktur, sondern auch zu Differenzierung und Modernisierung der Gesellschaft (vgl. Esser 1979: 124), indem durch das Eindringen fremder Faktoren das eigene System eine strukturelle und kulturelle Veränderung erfährt. Durch das Zuwanderungsgesetz vom 1.1.2005 ist auch politisch anerkannt worden, dass Wanderprozesse eine irreversible Tatsache sind, auf die politisch reagiert werden muss, um durch Handlungsspielräume auf Mikroebene und institutionelle Öffnungen die Förderung der strukturellen Angleichung von Menschen mit Migrationshintergrund zu ermöglichen. Die Anerkennung dieser Einwanderungsrealitäten geht mit der Aufgabe einher, diese dort mitzugestalten, wo Integration einen individuell oder strukturell als schwierig empfundenen Prozess darstellt. Politik kommt nicht die Aufgabe zu, stellvertretend zu integrieren, da auch immer die Eigenverantwortlichkeit und Autonomie der Akteure berücksichtigt sowie anerkannt werden muss. Sie kann jedoch notwendige Rahmenbedingungen schaffen, indem ihr die Möglichkeiten Recht und Bereitstellung von Geldern für Programme und Kampagnen zur Verfügung stehen (vgl. Bommes 2007: 4).

1.1 Um wen geht es?

Zunächst soll die Frage geklärt werden, welche Bezeichnung für mit Integrationsbestrebungen angesprochene Personen angemessen sein kann, da begriffliche Verwendungen meist mit spezifischen Problematiken einhergehen. Die Titulierungen „AusländerInnen“, „Ausländische MitbürgerInnen“ oder „Nicht-Deutsche“ zum Beispiel unterstreichen die Nicht-Zugehörigkeit der Individuen (vgl. Eppenstein/Kiesel 2008: 21 f). Während eher sachlich gehaltene Begriffe wie „EinwanderInnen“ und „ZuwanderInnen“ nur einen Teil vorhandener Migrationsrealitäten erfassen, umfasst die Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“ dagegen eine größere Personengruppe. Das Statistische Bundesamt definiert eine Person mit Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder ein Elternteil „nicht auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland geboren wurde und 1950 oder später zugewandert ist und/oder […] keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder eingebürgert wurde“ (Beauftragte der Bundesregierung 2007: 12). Nach dieser Definition machen Menschen mit Migrationshintergrund mit 15,1 Millionen etwa 18% der Bevölkerung in Deutschland aus, während 7,8 Millionen davon die deutsche Staatsbürgerschaft haben und 7,3 Millionen als Ausländerinnen und Ausländer registriert sind2, was etwa 8,2% der Gesamtbevölkerung entspricht. Etwa ein Drittel dieser Ausländer lebt bereits 20 Jahre oder länger in Deutschland. Paradox mutet sich auch die Feststellung an, dass fast ein Viertel davon (1,7 Millionen) im eigenen Geburtsland einen Ausländerstatus haben3.

Um die Subjekte von Migrationen differenzierter zu betrachten, lassen sich verschiedene Kategorien heranziehen, die unterschiedliche Migrationsrealitäten aufzeigen. Hamburger bestimmt fünf nach ihren jeweiligen Migrationsursachen bzw. –motiven differenzierte Gruppen (vgl. Hamburger 2004: 266 f). Zum einen sind dies Umweltflüchtlinge, die aufgrund von Naturkatastrophen ihren Lebensraum verlassen mussten. Die zweite Gruppe machen ArbeitsmigrantInnen und Armutsflüchtlinge aus, die aufgrund wirtschaftlicher Notlagen ihrer Herkunftsregion entfliehen. Eine dritte Migrationsursache kann politische und religiöse Verfolgung sein. Der vierte Typus migriert aus sozialen Gründen, wie dies beispielsweise bei der Familienzusammen-führung der Fall ist. Zuletzt sind individuelle Motive wie Neugier und Abenteuerlust zu nennen. Besonders scheint jeweils ausschlaggebend, ob die Migration mehr oder weniger freiwillig vonstatten geht, da dies die individuelle Offenheit beeinflusst.

Darüber hinaus listen Eppenstein und Kiesel noch weitere Kategorien zur Differenzierung von Migrationsrealitäten auf (vgl. Eppenstein/Kiesel 2008: 29 f). Migrantengruppen können hiernach hinsichtlich Herkunft, Geschlecht, rechtlicher Grundlage oder sozialem Status unterschieden werden. Migrationsrisiken ökonomischer oder gesundheitlicher Art sowie bezogen auf den Verlust kulturellen und sozialen Kapitals bestimmen sich oft durch die Migrationsform. Bestehen im Aufnahmeland bereits Kontakte wie bei der „Kettenmigration“ oder muss man als „PilotmigrantIn“ eigene Erkundungsarbeit leisten? Ist die Migration illegal oder legal, geplant oder ungeplant? Auch der Verlauf einer Migration, Geschehnisse unterwegs oder bei der Ankunft, eventuelle Traumata und Stressfaktoren können folgenreich für die psychische Verfassung sein.

Diese Aufschlüsselung macht deutlich, dass individuell unterschiedliche Migrationsrealitäten mit je eigenen Problemstellungen und Lösungspotentialen bestehen. Verbunden mit den Bedingungen und Entwicklungen im Aufnahmeland sind damit sehr unterschiedliche Voraussetzungen gegeben, ob MigrantInnen über mehr oder weniger Handlungsspielräume verfügen (vgl. ebd.: 31).

1.2 Lebenslagen und Armutsrisiken

Zahlen zeigen, dass migrantische Personen tendenziell sozialer Unterschichtung ausgesetzt sind. Die Lage in Bezug auf die Arbeitsmarktintegration „muss vor dem Hintergrund der Migrationsgeschichte des Landes betrachtet werden“ (OECD 2005: 7). In der wirtschaftlichen Boomphase stand die Anwerbung gering qualifizierter ausländischer Arbeitskräfte im Vordergrund. Viele dieser Zugewanderten werden seit den 80ern weniger gebraucht (vgl. Seifert 2007: 12) und sind als ungelernte Arbeitskräfte in Zeiten der Auslagerung von Produktion überflüssig geworden. Dies zeigt sich in der Arbeitslosenquote von 14,8%, während die der Gesamtbevölkerung 8,6% beträgt (vgl. BA, Stand 2/2008).

Auch was Wohnqualität betrifft, sind große Defizite zu beanstanden (vgl. Eppenstein/Kiesel 2008: 37). Diese Effekte vermischen sich mit „Desintegrations-risiken aus Erwerbsarbeit, Bildungsinstitutionen und gesundheitlicher Verfasstheit“ (ebd.: 35). Für die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund liegt das Armutsrisiko in Deutschland bei 11,6 % und bei 28,2 % für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund. In den Großstädten sind diese Zahlen noch deutlich erhöht (vgl. Beauftragte der Bundesregierung 2007: 107).

Es ist aber auch zu beachten, dass sich immer stärkere soziale Differenzierungen innerhalb der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund entwickelt haben (vgl. Barth 2001: 206) und kultureller Hintergrund keinesfalls mit sozialem Status gleichgesetzt werden kann. Während die Mehrheit soziale und ökonomische Unterschichtsmerkmale aufweist, erfährt eine Minderheit sozialen und ökonomischen Aufstieg. Diejenigen, die bereits lange in der BRD leben, haben tendenziell eine weniger prekäre Lebenslage als solche mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Ebenso liegen Unterschiede bezüglich des Zugangs zu Bürgerrechten vor, die Partizipation ermöglichen und sich dadurch auf das Zugehörigkeitsgefühl sowie auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auswirken.

Soziale Arbeit mit MigrantInnen kann demnach „nur in einem breiten Spektrum von Adressaten und Arbeitsschwerpunkten abgebildet werden“ (Hamburger 2004: 268). Welche diese Schwerpunkte sein können und warum die Arbeit einer speziellen Sensibilität bedarf, soll das folgende Kapitel deutlich machen, indem die Problemstellung der Integration erläutert wird.

2. Integration von Menschen mit Migrationshintergrund

Integration (lat. integratio) bedeutet wörtlich die „(Wieder)herstellung einer Einheit“ oder das „Einbeziehen in ein größeres Ganzes“ (vgl. Diebold 2004: 35). Sie beschreibt demnach einen Prozess, etwas in etwas einzupassen, etwas zugehörig zu machen. Nach Esser bezeichnet Integration einen Zustand des Zusammenhalts von Teilen innerhalb eines systemischen Ganzen, die voneinander abhängig sind (vgl. Esser 2001: 65). Dieses Modell der Interdependenz deutet bereits an, dass im Prozess der Integration allen Beteiligten eine aktive Rolle zukommt: denen, die neu zu integrieren sind und sich integrieren wollen, als auch denen, die als bereits integriert erscheinen4.

Die Integration einer Person als Element eines Systems geschieht in unterschiedlichen Bereichen. Auf der einen Seite des Spektrums steht die strukturelle Integration, welche „wirtschaftliche und soziale Konvergenz“ meint (Hönekopp 2007), bezogen auf Eingliederung in den Arbeitsmarkt und Zugangsmöglichkeiten zu Bildungs- und anderen sozialdienstlichen Institutionen. Auf der anderen Seite steht die kulturelle Integration, die Einbettung in das soziale Netz im Hinblick auf gesellschaftliche Teilhabe und Identifikation mit kulturellen Orientierungen des Aufnahmelandes anstrebt. Auf diese beiden voneinander abhängigen Aspekte von Integration soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund gestaltet sich als Ergebnis zwischen erHHerkHhHerkunfts- und Aufnahmegesellschaft vielseitig und individuell (vgl. Diebold 2004: 35). Maßgeblich stellt sich hier die Frage, ob das Modell der Multikulturalität als Zusammenfließen aller Kulturen zu einem kohärenten Ganzen realisierbar ist oder ob die Möglichkeit einer Zusammen- und Übereinkunft nur in der Anerkennung unauflösbarer kultureller Differenzen bestehen kann.

2.1 Strukturelle Integration

Mit struktureller Integration ist die Platzierung und Inklusion in die funktionalen Sphären der Aufnahmegesellschaft gemeint (vgl. Esser 2001: 68), was hauptsächlich mit der Integration in den Arbeitsmarkt verbunden ist. Dies wiederum bedeutet, dass migrantische Gruppen in Arbeitslosen- und Beschäftigungsquote, Schulabschluss, Durchschnittsverdienst, Wohneigentum, Teilnahme an Bürgerorganisationen, Wahlverhalten usw. den Quoten der Gesamtbevölkerung entsprechen sollten. Vollständig integriert wären zugewanderte Gruppen strukturell, wenn sie sich „so über die Hierarchieebenen des Arbeitsmarktes verteilten wie die Erwerbstätigen insgesamt“ (Seifert 2007: 12). Da dies sich in einem Prozess anzunähern hat, wäre für Kinder der ‚zweiten Generation‘ bereits zu erwarten, dass jene mit einem bestimmten Bildungsabschluss ähnliche Arbeitsmarktergebnisse erzielen wie die Kinder von in Deutschland Geborenen mit ähnlichem sozioökonomischen Hintergrund. Trotz günstigerer Bildungsvoraussetzungen sieht es für die zweite Generation in der Realität so aus, dass dieser selbst höhere Abschlüsse den Zugang zu höheren Positionen nicht so sehr gewährleisten wie im Vergleich dazu Deutschen (vgl. ebd.: 16 f). Hier wird deutlich, dass Integration auch „Konkurrenz um knappe Güter“ heißt (Bommes 2007: 4).5

2.2 Kulturelle Integration

Neben der strukturellen Angleichung beginnt bei der Zuwanderung ein „lebendiger mitmenschlicher Auseinandersetzungsprozess“ (Eppenstein 2007: 40), der kulturelle Annäherung anstrebt. Die Akkulturation in die Aufnahmegesellschaft erfolgt zum einen durch das Aneignen von Wissen und Kompetenzen für sinnhaftes, verständiges, erfolgreiches Agieren und Interagieren, was auch den Spracherwerb einschließt. Darüber hinaus stellt die Aufnahme von interethnischen Kontakten und sozialen Beziehungen mit den Einheimischen die Integration in alltäglichen Bereichen dar, die auch emotionale Unterstützung bei der Herausbildung eines Gefühls der Zugehörigkeit bietet (vgl. Esser 2001: 67 f). Integration bedeutet jedoch nicht nur die „Einführung der Einwandererminderheiten in die Kultur der dominanten Mehrheiten des Aufnahmelandes“ (Diebold 2004: 35), sondern erfordert beidseitige Anpassung (vgl. Esser 2001: 72). Zum Beispiel im Hinblick auf Essgewohnheiten oder das Sprachverhalten Jugendlicher (vgl. Schroeder 2007: 8) ist zu beobachten, dass sich Assimilation durchaus auch von Seiten der Aufnahmegesellschaft vollzieht. Während jedoch die Annäherung der Einheimischen an die ‚Fremden‘ weniger von einer Pflicht als von ihrem Wohlwollen abhängt, stellt die Integration für Neuzugewanderte eine Notwendigkeit dar (vgl. Büttner/Kohte-Meyer 2002: 7). Die neue Lebenssituation versuchen Eingewanderte mit ihren vertrauten Verhaltensmustern zu bewältigen. Weichen diese von der Leitkultur ab, erfährt die Aufnahmegesellschaft eine Veränderung, die je nach dem als Störung oder Bereicherung empfunden wird (vgl. Feld 2004: 290).

Die nötigen Anpassungsleistungen gehen mit großer psychischer Anstrengung einher, da Interaktionen permanente Aufmerksamkeit verlangen und die Emigration noch dazu einen zu verarbeitenden biographischen Bruch darstellt (vgl. Diebold 2004: 42). Ethnischen Netzwerken im Aufnahmeland kommen hierbei große Bedeutung zu. Oftmals werden solche Verbindungen als dysfunktional erachtet, sie können aber zur Verminderung des Akkulturationsstresses bei der Immigration beitragen sowie der Integration dienlich sein, indem sie „emotionalen Rückhalt, Informationsaustausch und gegenseitige Unterstützung“ bieten (ebd.: 44). Die Gefahr dabei ist, dass nicht gelingende gesellschaftliche Integration durch subkulturelle Vergemeinschaftung ersetzt wird und sich Zugewanderte und Einheimische deshalb fremd (vgl. Hamburger 2004: 273), Angst und feindliche Gefühle also untransformiert bleiben.

Sowohl die MigrantInnen als auch die Einheimischen treten bei der Emigration in einen nicht abschließbaren Lernprozess ein, in dem Gegensätze in gegenseitigen Verständigungsprozessen aufzulösen oder zu tolerieren lernen sind. Integrationshilfen der Migrantenkultur der zugewanderten Person erleichtern den Eintritt in das noch unbekannte Land und gewähren gleichzeitig den Erhalt der kulturellen Integrität, Integrationshilfen der Aufnahmegesellschaft erleichtern die Teilhabe an dieser. Es gilt also „interkulturelle Konzepte zu entwickeln, die Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam gestalten“ (Diebold 2004: 60). Interkulturell kompetenter Sozialer Arbeit kommt dabei die Aufgabe zu, Partizipations- und Anschlussmöglichkeiten zu eröffnen und kultursensibel zwischen den ‚Fremden‘ und den Einheimischen zu vermitteln (vgl. Eppenstein 2007: 41).

2.3 Kultur und Identität

Was zwischen den zu vereinenden Gruppen steht, wird oft kulturelle Differenzen genannt, doch was macht ‚Kultur‘ aus? „Kultur stellt die symbolische Ordnung des sozialen Lebens dar“, nach der sich die Mitglieder einer Gesellschaft in Art der Lebensführung sowie in Kommunikations- und Verhaltensweisen orientieren (vgl. Eppenstein/Kiesel 2008: 102). Sie ist also als „Landkarte der Bedeutungen“ (ebd.: 109) konstitutiv für Identitätsbildung und dadurch gleichzeitig „ein Gefüge von Einschränkungen, ohne die wir nicht sprechen können“ (Scherr 2001: 351). Die Kultur einer Gemeinschaft oder einer Region stellt jedoch kein abgeschlossenes System dar, sondern unterliegt ständiger Veränderung.

[...]


1 http://www.statistischesbundesamt.de/ vom 21.8.2008. Diese Zahlen stellen so genannte Bewegungsgrößen dar und beziehen außerdem deutsche Staatsangehörige mit ein (vgl. BAMF 2007: 1).

2 Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes widersprechen sich teilweise. An anderer Stelle ist die Rede von 6,7 Millionen Ausländerinnen und Ausländern.

3 Die Zahlen beziehen sich auf Angaben des Bundesministeriums des Innern (http://www.bmi.bund.de/cln_012/nn_161630/Internet/Content/Themen/Auslaender__Fluechtlinge__Asyl__Zuwanderung/DatenundFakten/Deutsche__Auslaender__mit__Migrationshintergrund.html vom 01.09.2008).

4 Einige AutorInnen befürworten die Aufgabe des Leitbegriffs „Integration“ aufgrund der Überlegung, ob der Sinngehalt von Integration in die Gesellschaft vertretbar sei, als auch angesichts struktureller Grenzen, auf die die Vermeidung von Exklusion und Sicherung allumfassender sozialer Teilhabe stößt. Diese Debatte soll hier jedoch nicht weiter verfolgt werden, vgl. hierzu Scherr 1992 und Scherr et al. 2004.

5 Welche Macht- und Diskriminierungsmechanismen zur Reproduktion bestehender sozialer Ungleichheit von Menschen mit Migrationshintergrund beitragen, bedarf einer genaueren sozialwissenschaftlichen Analyse, der hier nicht nachgegangen werden soll.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Soziale Arbeit. Sensibilität und Kompetenz im Zeichen von Migration und Integration
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Prekäre Lebenslagen und Lebensweltorientierung als Gegenstand Sozialer Arbeit
Note
15
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V1006102
ISBN (eBook)
9783346387431
ISBN (Buch)
9783346387448
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integration, Migrationshintergrund, interkulturell, Marginalisierung, Migration
Arbeit zitieren
Sophia Schmilinsky (Autor), 2008, Interkulturelle Soziale Arbeit. Sensibilität und Kompetenz im Zeichen von Migration und Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006102

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