Gerechtigkeit in der Natur. Räuber-Beute-Beziehung in Bezug auf die Theodizee-Frage


Hausarbeit, 2017

17 Seiten, Note: 1,0

Dan Norben (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Natur und Gott als nichtmenschliche Agens

3 Die Theodizeefrage bzw. das Theodizeeproblem
3.1 Luthers Gerechtigkeit Gottes
3.2 Leibniz' Wahl der bestmöglichen Welt
3.3 Kants kritische Äußerung zur Theodizee

4 Betrachtung der Argumente und ihren Wert für die Fragestellung

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Naturwissenschaften wie bspw. Die Biologie machen sich nur selten Gedanken darüber, ob das was sie in der Natur als Regeln bzw. Gesetze feststellen auch gerecht ist. Sie untersuchen Phänomene, stellen Hypothesen und Theorien auf, analysieren ihre beobachteten Daten und erlangen Erkenntnisse, die sie in Form von Regeln und Gesetzen festhalten. So auch in Bezug auf die Tierwelt. Die Biologie hat beobachten können, dass es eine Art Beziehung zwischen einem Raubtier, wie dem Löwen und einem Beutetier, wie der Antilope, bezogen auf deren Population existiert. Wenn es verhältnismäßig mehr Räuber als Beute gibt, nimmt die Anzahl an Räubern rapide ab. Als Folge dessen nimmt die Anzahl der Beute in den darauffolgenden Jahren wieder zu. Dadurch nimmt auch die Anzahl der Räuber wieder zu, bis es zu viele werden und die Anzahl der Räuber wieder abnimmt. Der Biologe Volterra hat dieses Phänomen der Beziehung in mathematische Formeln übersetzt, die sich universell auf alle Beziehungen von Räubern und deren Beute übertragen lässt. (Vgl. Campbell 2009, S. 1595f; 1614) (Vgl. Rothen, 2010) Er kam dabei aber nicht auf den Gedanken, ob es denn überhaupt gerecht sein kann, dass der Löwe „Jagdwaffen“ in Form seiner großen scharfen Tatzen und der scharfen Zähne mit dem kräftigen Gebiss besitzt, die Antilope dagegen keine „Waffen“ zur Verteidigung gegen den Löwen hat und die Flucht die einzige Überlebenschance darstellt. Dabei stellt doch gerade dieses Beispiel eine interessante Basis da, um über die Gerechtigkeit in der Natur nachzudenken und sie zu suchen.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit genau dieser Frage: „Ist die Natur gerecht?“ bzw. wird im späteren Verlauf gefragt: „Kann gänzlich eine Aussage über ein mögliches Verständnis zur Gerechtigkeit der Natur zugeschrieben werden?“ Dazu wird zunächst geklärt, was aus philosophischer Sicht Natur bedeutet und wie sie in Verbindung zu Gott steht, um im folgenden Schritt die Theodizeefrage oder auch das Theodizeeproblem als Grundlage für die Untersuchung der Fragestellung rechtfertigen zu können. Es wird im Sinne des Theodizeeproblems die Lösungsansätze von Martin Luther, Gottfried Wilhelm Leibniz und Immanuel Kant betrachtet und erläutert, um den Wert ihrer Ansätze für die Fragestellung bestimmen zu können. Im letzten Schritt wird der Versuch eines eigenen Lösungsvorschlags erfolgen.

2 Die Natur und Gott als nichtmenschliche Agens

In der Philosophie wird die Natur beschrieben, als „ein Sammelbegriff für alles, was nach eigenen innewohnenden Kräften sich gestaltet und entwickelt, ohne dass es durch menschliche Tätigkeit verändert wurde." (Wiesen, o.J.) Somit gilt das auch für die Beziehung zwischen dem Räuber und seiner Beute. Als Teil der Natur, welche nicht durch menschliche Tätigkeit verändert wird. Zumindest gilt dies für die mathematischen Formeln und die Frage der Gerechtigkeit innerhalb der Natur. Aristoteles zufolge „ist alles, was in der Natur vorkommt, eine Zusammensetzung aus Materie und Form". (Blume, o.J.) Nach Blume unterscheide er zwischen einem aktiven und einem passiven Teil der Seele, die sich gegenüberstehen. Dieser Gedanke wird in Thomas von Aquins Erkenntnistheorie weitergeführt. Erkenntnis stelle für ihn eine Abbildbeziehung dar. Das sinnliche Wahrnehmungsvermögen verbildlicht einen Gegenstand um ihn in der Vorstellung als sinnliche Komponente des Gegenstandes repräsentieren zu können. (vgl. Blume, o.J.) „Dem intellectus agens fällt die Aufgabe zu, aus diesem Vorstellungsbild die allgemeinen Wesensmerkmale zu abstrahieren. Zugleich ist er das Licht, das die Vorstellungsbilder erhellt." (Blume, o.J.) Das Zusammenspiel von sinnlichem Wahrnehmungsvermögen und des intellectus agens führt also zur Erkenntnis des Menschen. In der neuzeitlichen Philosophie wird zwischen Verstand und Sinnlichkeit unterschieden. Dabei stellt die Sinnlichkeit den passiven Teil dar, der die aufgenommen Eindrücke wahrnimmt. Der Verstand stellt den aktiven Teil da, welcher „entweder allgemeine Wesenszüge aus den sinnlich gegebenen Vorstellungen abstrahiert (britischer Empirismus) oder dem sinnlichen Mannigfaltigen eine bestimmte Form aufprägt (Kant)." (Blume, o.J.) Agens also als ein aktives, tätiges Wesen. Bezogen auf die Natur und Religion, in Gestalt von Gott (oder auch Göttern), demnach ein nichtmenschliches Agens. Dieses nichtmenschliche Agens bildet das Fundament der Suche nach der Gerechtigkeit. Die Suche nach der Gerechtigkeit der Natur erfolgt über die Sucher der Theodizeefrage. Kerngedanke bietet hierbei die theologische Ansicht der Natur als die Schöpfung Gottes. Mit der Theodizeefrage geht auch immer die Frage nach der Existenz Gottes einher. Der Gottesbeweis einzelner Theologen und Philosophen erfolgt jedoch nur, wenn er für die Argumentation des Lösungsansatzes elementar ist.

3 Die Theodizeefrage bzw. das Theodizeeproblem

Die Theodizeefrage oder auch das Theodizeeproblem, ist ein theologischphilosophischer Versuch, Antworten finden zu können für eine Rechtfertigung Gottes (in dieser Hausarbeit beschränkt auf den Gott des christlichen Glaubens). Diese Rechtfertigungsversuche ergeben sich aus der Frage, warum es leid, physisches Übel und böses auf der Welt gibt, wenn Gott doch allmächtig und gütig ist. (vgl. Mittelstraß 1996, S. 247) Die Problemstellung dieser Frage lautet demzufolge: „Entweder will Gott eine vollkommene Welt schaffen, kann es aber nicht; oder er kann, will aber nicht; oder er will weder, noch kann er; oder er will und kann, wogegen der faktische Zustand der Welt spricht.“ (Mittelstraß 1996, S. 247) 3.1 Luthers Gerechtigkeit Gottes Vor diesem Hintergrund argumentierten viele Theologen und Philosophen das The- doizeeproblem, um Lösungsvorschläge bieten zu können. So auch Martin Luther, der zwar kein konkretes Werk zur Theodizeefrage verfasste, doch findet man in seiner Rechtfertigungslehre strukturelle Parallelen zum Theodizeeproblem, die allerdings genauso in Konkurrenz zum Theodizeeproblem steht, bezogen auf die Lösungsvorschläge und auch „zur Aufstellung dieses Problems“ (Sparn 1980, S. 221) an sich.

Laut Sparn verschieben sich die Ansichten des Problems (Sparn 19080, S. 221): „An die Stelle der Rechtfertigung Gottes tritt die Rechtfertigung durch Gott, an die Stelle der ,theologia gloriae' [...] tritt die ,theologia crucis'Der Mensch sei ein „Mitarbeiter Gottes des Schöpfers“ (Sparn 1980, S. 222) der in einem von diesem vorgegebenen Rahmen alles bewirken kann was er soll, solange er sich in diesem Rahm bewegt. Dieser Rahmen bzw. „Bereich des Praktischen ist allerdings dadurch abgegrenzt, daß [sic!] er ,unterhalb' und ,außerhalb' des Menschen selbst liegt.“ (Sparn 1980, S.222)

Die Begründung der Seele des Menschen (vgl. Sparn 1980, S. 222; vgl. Henke o.J.) liege im Gesetz Gottes und im Glauben an Jesus Christus, jedoch nicht im Handeln des Menschen. (vgl. Sparn 1980, S.222) Das Gesetz meint bei Luther laut Sparn, das Wort Gottes, in welchem er „gute, seiner Schöpfung entsprechende Taten" (Sparn 1980, S. 224) fordert, welches seit Anbeginn existiert und Gott so dem Menschen nicht erst durch Jesus begegnet. Der Mensch als Sünder versteht dieses falsch und meint, dass die formulierte Forderung aus seinem eigenständigen Handeln heraus entsteht. Der Sünder versucht mittels Vernunft und Gerechtigkeit ein Urteil über das Gesetz Gottes zu formulieren, womit er lediglich seine eigenen Anliegen versucht zu verteidigen, was dazu führt, dass er Gott seine göttliche Position nimmt. So ergibt sich der „verborgene Gott", der seinen Willen erst durch das Evangelium, in Gestalt von Jesus Christus, dem Mensch begreifbar macht, dass der Versuch sich eigens zu begründen unmöglich ist. (vgl. Sparn 1980, S. 224f)

Luther begründet also das bestehende Leiden des Menschen als Folgerung seiner Sünden. Demnach ist das Leiden eine Selbstverschuldung und kein Versagen Gottes. Zeitgleich ist der Mensch Täter und Opfer im selben Moment, denn selbst der Gläubige ist der Gefahr des Zweifels an Gott und der Rechtfertigung gegenüber dem Sünder ausgesetzt, was ihn im Falle einer Rechtfertigung selbst zum Sünder werden lässt. (vgl. Sparn 1980, S. 225)

In diesem Sinne ist der Mensch ein Geschöpf Gottes, genauso wie die Tiere auch Geschöpfe Gottes sind. (vgl. Lutherbibel 1991, 1. Mose 1-2) Die Tiere können im Gegensatz zum Menschen die Existenz Gottes nicht anzweifeln, da sie nicht über eine solch ausgereifte Art des Denkens verfügen wie der Mensch - zumindest ist dato nichts der Gleichen bekannt. Folglich wäre, wenn man die Rechtfertigungslehre Luthers auf die Tiere überträgt, das Tier kein Sünder, weil es die Existenz Gottes nicht anzweifelt und dem Gesetz Gottes folgen, wenn man von der Annahme ausgeht, dass die der Schöpfung entsprechende Taten der Tiere das Handeln ist, dass diese zeigen. Daraus lässt sich ableiten, dass es nach Luthers Rechtfertigungslehre gerecht ist, dass die Antilope sich, als Beute, dem Löwen, als Räuber, gegenüber nicht verteidigen kann.

Dieser Ansatz ist jedoch sehr vage, da man von Annahmen ausgehen muss, die man nicht beweisen kann und folglich nur Unterstellungen sind. Luthers Rechtfertigungslehre bietet folglich keine ausreichende und befriedigende Antwort auf die Frage nach der Gerechtigkeit in der Natur.

3.2 Leibniz' Wahl der bestmöglichen Welt

Leibniz war es, der den Begriff Theodizee, im originalen „Théodicée“ (Hermanni 2002, S. 173), geprägt hat. Grundlage für seinen Lösungsansatz bilden zum einen sein Erklärungsansatz zur Existenz Gottes und zum anderen seine Überlegungen zu vielen möglichen Welten, die sich im Grad ihrer Vollkommenheit unterscheiden. (vgl. Hermanni 2002, S. 171)

Leibniz verstand, Hermanni zufolge, Gott, so wie auch alles andere als individuelle und unterschiedliche Substanzen, die jedoch alle von derselben Art sind. Diese beiden Punkte unterscheiden Leibniz' Gottesbegriff von Spinozas Monismus und Descartes' Dualismus. Gott bildet für Leibniz die höchste aller möglichen Substanzen oder auch Monaden, da nur er alleine vollkommen ist. (vgl. Hermanni 2002, S.171) Leibniz sah, laut Hermanni, zwei Gründe, warum ein vollkommenes Wesen ein Widerspruch in sich sein könnte: „[Ejrstens dadurch, daß einige Vollkommenheiten, die im Gedanken dieses Wesens kombiniert werden, einander ausschließen, und zweitens dadurch, daß bestimmte Vollkommenheiten, die diesem Wesen im höchsten Grad zukommen sollen, gar kein Maximum zulassen.“ (Hermanni 2002, S. 171) Nach Hermanni, versuchte Leibniz die Probleme im Zusammenhang mit dem Begriff der Vollkommenheit zu lösen. Zum einen definiert er in seiner Monadologie, dass in Bezug zu dem Begriff Vollkommenheit keine Negationen ausgedrückt werden können. Und zum anderen bestimmte er, dass Vollkommenheit als positive Qualität zu sehen ist. Zu diesen Qualitäten schreibt Leibniz in seinem Werk „Discours de Métaphysique“ (Hermanni 2002, S. 172), dass Qualitäten, die keine Steigerung zulassen keine vollkommenen sind. (vgl. Hermanni 2002, S. 172) Das bedeutet, dass nur als Vollkommenheit oder auch als Qualität zählen kann, was ausschließlich keine Negationen zulässt und zur Steigerung fähig ist.

Leibniz zufolge hätte Gott eine Vielzahl an Welten geschaffen, die er zusammenfasst im Begriff „Universum" (Hoerster 1985, S. 109). Gott habe sich dann für die beste all dieser Welten entschieden. Die existierende Welt sei nach Leibniz die beste aller möglichen, weil sie den stärksten Drang nach Existenz in sich habe, was ihm zufolge alle Möglichkeiten besitzen müssen um überhaupt existieren zu können und damit die höchste Aktualisierungstendenz besäße. (Vgl. Hermanni 2002, S. 174) Leibniz vertritt die Ansicht, dass jede Substanz die Wahrheit durch die Erkenntnis erkennen aber sie weder erschaffen noch ändern kann. (Evers 2006, S. 7) So unterliege auch Gott der Wahrheit und konnte in seiner Vollkommenheit und seiner Vernunft nur die beste aller möglichen Welten schaffen. (Vgl. Hermanni 2002, S. 175)

Das Übel in der Welt versucht Leibniz, so Hermanni (Vgl. 2002, S. 183ff) über verschiedene systematisch verbundene Theorien zu erklären. Das Übel entstehe so durch den Missbrauch der Freiheit durch den Menschen. Nur Gott allein kann eine vollkommene Substanz sein und muss sich folglich von den anderen Substanzen unterscheiden. Somit ist das Übel ein resultierender Mangel an Vollkommenheit. In der dritten Theorie stellt das Übel ein notwendiges Kriterium für die beste aller möglichen Welten da, denn wenn Gott dieses Übel verhindern müsste wäre sie nicht die beste aller möglichen Welten, da er in die Strukturen des Systems eingreifen müsste. Die vierte Theorie besagt, dass die Existenz der besten aller möglichen Welten besser ist als das Ausbleiben ihrer Existenz und es in ihr mehr Gutes als Übel gibt.

Leibniz' Lösungsansatz brachte viele Kritiker hervor. Unter anderem auch B. Russel der meint, dass Leibniz' Theorie zwar in sich logisch aber nicht überzeugend sei. (Vgl. Hoerster Hrsg. 1985, S. 101) Er schrieb dazu (Hoerster Hrsg. 1985, S. 98):

„[E]s [ist] höchst erstaunlich, daß [sic!] Menschen glauben können, diese Welt mit allem, was sich darin befindet, und mit all ihren Fehlern sei das Beste, was Allmacht und Allwissenheit in Millionen von Jahren erschaffen konnten. Ich kann das wirklich nicht glauben. Meinen Sie, wenn Ihnen Allmacht und Allwissenheit und dazu Jahrmillionen gegeben wären, um Ihre Welt zu vervollkommnen, daß [sic!] Sie dann nichts Besseres als den Ku-Klux- Klan oder die Faschisten hervorbringen könnten?"

[...]

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Details

Titel
Gerechtigkeit in der Natur. Räuber-Beute-Beziehung in Bezug auf die Theodizee-Frage
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V1006138
ISBN (eBook)
9783346386953
ISBN (Buch)
9783346386960
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gerechtigkeit, natur, räuber-beute-beziehung, bezug, theodizee-frage
Arbeit zitieren
Dan Norben (Autor:in), 2017, Gerechtigkeit in der Natur. Räuber-Beute-Beziehung in Bezug auf die Theodizee-Frage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006138

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