Weber/ Marx: Ein kontrastiver Vergleich der Analysen von ökonomischer und sozialer Ordnung - Klassen und Stände


Seminararbeit, 2001
15 Seiten, Note: gut

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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2.1.1. Der Klassenbegriff und die historische Entwicklung der Klassen bei Marx
2.1.2. Der Klassenbegriff bei Weber
2.2.1. Das Klasseninteresse bei Marx
2.2.2. Das Klasseninteresse bei Weber
2.3.1. Klassenkampf bei Marx
2.3.2. Klassenkampf bei Weber

3.1. Stände bei Weber
3.2. Stände bei Marx

4.1. Stände und Klassen bei Weber: Bedingungen des Vorherrschens einer Gliederungskategorie
4.2. Die Bestimmung der sozialen Ordnung aus der ökonomischen Ordnung

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Gesellschaftsstruktur läßt sich mit Hilfe verschiedener Gliederungskategorien analysieren. Das Individuum kann u.a. gleichzeitig Teil einer Familie sein, einer sozialen Schicht, einer Klasse, eines Standes oder einer Partei. Lebenschancen und Lebensweisen können durch die soziale Verortung differenziert und erklärt werden. Während Karl Marx im „Manifest der Kommunistischen Partei“ ( 1.Abschnitt ) überwiegend mit dem Klassenbegriff operiert, erläutert Max Weber in „Wirtschaft und Gesellschaft - §6. Machtverteilung innerhalb der Gemeinschaft“ die Bedeutungen von Klassen, Ständen und Parteien.

Auf Grundlage dieser Textvorlagen, sowie Marxens Schrift: Feuerbach ( Aus der deutschen Ideologie ) entwickele ich die zugrundeliegenden Klassen- und Standesbegriffe und kläre in einem zweiten Schritt, welcher Gliederungskategorie der jeweilige Autor den Vorrang zur Erklärung der sozialen Wirklichkeit gibt.

2.1.1. Der Klassenbegriff und die historische Entwicklung der Klassen bei Marx

„ Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von KlassenkÄmpfen. “ 1 Karl Marx gliedert jede historische Gesellschaft in zwei Hauptklassen. Marxens Auffassung zur Folge entstanden Klassen mit der Entstehung des Privateigentums an den Produktionsmitteln. Entsprechend den in den jeweiligen Gesellschaftsordnungen herrschenden Eigentumsverhältnissen gebe es jeweils zwei gegensätzliche soziale Grundklassen: Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener sowie Zunftbürger und Gesell. Das Marxsche Zweiklassenmodell ist ökonomisch begründet, indem es die Aneigner des Mehrwerts von den Erzeugern des Mehrwerts scheidet.2 Als Mehrwert bezeichnet Marx die Differenz zwischen dem Wert des vom Arbeiter geschaffenen Produktes und dem dafür gezahlten Lohn, die sich der Unternehmer als Profit aneignet.3 Im Mittelalter unterscheidet Marx Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen und Leibeigene. Fast jede dieser Klassen bildete besondere Abstufungen. Marx war der Meinung, das Klassensystem werde sich im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus notwendigerweise auf die beiden Grundklassen Bourgeoisie und Proletariat reduzieren.

Im Manifest der Kommunistischen Partei verortet Marx den Ausgangspunkt dieser Entwicklungsperiode in der feudalen Gesellschaftsordnung, in der die Eigentumsverteilung hauptsächlich durch die Verteilung des Grundeigentums bedingt war. Die Arbeitsteilung war sowohl im Ackerbau, als auch im Handwerk kaum ausgebildet.4 Die Produktionsverhältisse veränderten sich erst mit der Entdeckung und Kolonialisierung Amerikas, der Umschiffung Afrikas und der Öffnung des ostindischen und chinesischen Marktes, also dem Wachstum der Märkte, welches verstärkte Nachfrage und letztlich die Ausweitung der Produktion nach sich zog. Die Manufaktur verdrängte das in Zünfte organisierte Handwerk und die Teilung der Arbeit innerhalb der einzelnen Produktionseinheit bildete sich aus. Revolutioniert wurde die industrielle Produktion Marx folgend aber erst durch den Einsatz neuer Produktions- und Verkehrsmittel. Die moderne, große Industrie entstand demnach vor dem Hintergrund bahnbrechender Erfindungen, wie z.B. der Dampfmaschine, die den Einsatz von Eisenbahnen und Dampfschiffen ermöglichte.

Auf dieser Entwicklungsstufe entsprachen die Eigentumsverhältnisse nicht mehr den entwickelten Produktivkräften. Der industrielle Mittelstand wurde von industriellen Millionären verdrängt, welche die Klasse der modernen Bourgeoisie bildeten.

„ ,... “ In demselben Maß e, worin sich die Bourgeoisie, d. h. das Kapital, entwickelt, in demselben Maß e entwi ckelt sich das Proletariat, die Klasse der modernen Arbeiter,... “ 5 Marx interpretiert die Entstehung des modernen Proletariates, wie die Etablierung der modernen Bourgeoisie als das Produkt einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise. Die sich mit dem Aufkommen der Manufaktur entwickelnde Teilung der Arbeit und die Ausdehnung der Maschinerie im Rahmen der Fabrikproduktion lassen eine Arbeitermasse entstehen, die sich aus allen vorherigen Bevölkerungsklassen generiert. Handwerker, Bauern, die kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers unterliegen im Konkurenzkampf mit zunehmender Zentralisation der Produktionsmittel den größeren Kapitalisten. Sowohl Bourgeoisie als auch Proletariat entwickeln aus ihrer jeweiligen Klassenlage klassenspezifische Interessen, die ich in Abschnitt 2.2.1. aufzeigen werde.

2.1.2. Der Klassenbegriff bei Weber

Analog zu den zwei gegensätzlichen sozialen Grundklassen, die Marx jeder Gesellschaftsstruktur zugrunde legt, führt Weber zwei Grundkategorien aller Klassenlagen ein, deren Unterscheidungskriterium der Kode Besitz / Besitzlosigkeit bildet. Wie Marxens Bourgeoisie neben den Besitzern der Produktionsmittel auch den Hausbesitzer, den Krämer, den Pfandleiher usw. umfaßt6, ist auch bei Weber, die Möglichkeit den Besitz zum Erwerb zu verwerten, das die Grundkategorie des Besitzes konstituierende Merkmal. Im Gegensatz zu Marx, der in der Mehrwerttheorie einen teilweisen Verlust der Arbeitsleistung des lediglich seine Arbeitskraft Besitzenden feststellt, verfügen die Nichtbesitzenden bei Weber sowohl über ihre Arbeitskraft, als auch über das Produkt ihrer Arbeit7.

Weber attestiert der Eigentumsverteilung zwar eine Bedeutung für die spezifischen Lebenschancen, sein Klassenkonstrukt ist aber nicht identisch mit dem Zweiklassenmodell Marxscher Vorstellung.

Innerhalb beider Kategorien differenziert er Klassenlagen, welche die bei Marx eher homogenen Klassen bei Weber heterogener erscheinen lassen. Mit der Identität der Begriffe Marktlage und Klassenlage weist Weber jedem Individuum seine spezifische Klassenlage zu, abhängig von der spezifischen Art der Chance des Individuums auf dem Markt. Während innerhalb der Kategorie der Besitzenden, die Art des zum Erwerb verwertbaren Besitzes Markt- und Klassenlage bestimmt, unterscheidet er Markt- und Klassenlage der Besitzlosen nach der Qualität der anzubietenden Arbeitsleistung und nach der Art der Verwertung auf dem Arbeitsmarkt.

2.2.1. Das Klasseninteresse bei Marx

Das Klasseninteresse ist die Gesamtheit der Bedürfnisse und Erfordernisse der Angehörigen einer sozialen Klasse8. Der Bourgeoisie unterstellt Marx das übergeordnete Interesse der Profitmaximierung. Zur Verwirklichung dieses Ziels entwickele die Klasse der Bourgeoisie eigene Interessen und Strategien, welche die Klasse einige aber auch spalte. Als Existenzbedingung der Bourgeoisie begreift Marx die ständige Revolutionierung der Produktionsinstrumente, die der Reduzierung der Lohnkosten diene, indem Arbeitskraft durch den Einsatz effizienterer Maschinerie verdrängt werde. Die Steigerung des Profites bedinge daneben die Erschließung neuer Absatzmärkte, wodurch Produktion und Konsumption weltweit nachhaltig dem Interesse der Bourgeoisie folgend gestaltet werden. Mit der Zentralisierung der Produktionsmittel und der damit einhergehenden Entwicklung des Handels weit über den Ort der Produktion hinaus, verlange die Bourgeoisie eine einheitliche politische Organisationsform. Dieses Klasseninteresse, so Marx, schaffe die Nation, in der Regierung und Gesetz das bourgeoise Profitinteresse politisch legitimieren.

Die aus dem klassenumfassenden Interesse der Profitmaximierung erwachsende Zentralisierung von Produktionsmitteln begründet nach Marx die fortwährende Spaltung der Bourgeoisie. Vor dem Hintergrund des Konkurrenzkampfes innerhalb der Klasse, kämpfe sie sowohl gegen die Interessen der Teile der Bourgeoisie, deren Produktionsweise mit dem Fortschritt der Industrie in Widerspruch gerate, als auch gegen die herrschende Klasse aller auswärtigen Länder.

Eine fundamentale Voraussetzung der bourgeoisen Herrschaft sieht Marx in der Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse der ausgebeuteten Klasse. Die Befriedigung selbst der existentiellen Bedürfnisse ( Essen, Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges andere9 ) gerate aber mit zunehmendem geschichtlichen Fortschritt in Widerspruch zu dem Profitinteresse der herrschenden Klasse. Die Entwicklung des Kapitalismus bis zum heutigen Tag, verifiziert die Einschätzung Marxens, die Bourgeoisie könne ihre Herrschaft aufgrund der Verelendung des Proletariates nicht konservieren, allerdings nicht.

Das Klasseninteresse des Proletariates leitet Marx aus der gemeinsamen Klassenlage aller Arbeiter ab, die in Abhängigkeit von der Lohnzahlung des Arbeitgebers gezwungen seien, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Als Ursache der Angleichung der Lebenslagen betrachtet Marx die Vereinfachung der Arbeit in Folge der Verwendung von Maschinen. Diese Vereinfachung entwerte die Arbeit zunehmend, was den Preis der Arbeitskraft zwar schwankend, aber doch auf Dauer senke. In der vorrevolutionären Entwicklungsphase begreift Marx die Behauptung des Arbeitslohnes als das die Arbeiterschaft vereinende Klasseninteresse.

2.2.2. Klasseninteresse bei Weber

Wie Marx entwickelt auch die webersche Theorie das Klasseninteresse aus den ökonomischen Interessen. Im Gegensatz zu Marx orientiert sich Weber bei der Bestimmung seines Klasseninteressenbegriffes ausschließlich an der Arbeiterklasse. Seiner Analyse folgend entstehen die Interessen der einzelnen Arbeiter aus deren individueller Klassenlage, sowie aus dem im Arbeiter veranlagten Qualifikationsgrad, auf dessen Grundlage er eine Arbeitsleistung auf dem Markt anbieten kann.

Da Weber die Begriffe Klassenlage und Marktlage synonym verwendet10, ist mir dabei unverständlich, warum er den individuellen Qualifikationsgrad unabhängig von der individuellen Klassenlage verwendet. Schließlich bestimmt der Qualifikationsgrad die Art der Chance auf dem Markt und somit die Klassenlage ( Marktlage ). Neben der Klassenlage und dem Qualifikationsgrad richte sich die Qualität der individuellen Arbeiterinteressen nach der möglichen, aber nicht notwendigen Ausbildung eines Gemeinschaftshandelns ( vgl. Abs. 2.3.2 ). Während Marx dem Proletariat ein gemeinschaftliches, den Klassenkampf begründendes Interesse zuordnet, konstatiert Weber divergierende Interessen innerhalb der Arbeiterklasse. Aus den unterschiedlichen Verständnissen des Klasseninteressenbegriffes ergeben sich unterscheidbare Vorstellungen über Bedingungen und Qualität von Gemeinschaftshandeln bzw. Klassenkampf.

2.3.1. Klassenkampf bei Marx

Der marxschen Vorstellung folgend beginnt der Klassenkampf mit der Herrschaft der Bourgeoisie11 und endet mit der Realisierung des Kommunismus. Nachfolgend reflektiere ich den Verlauf des Kampfes des Proletariates, indem ich vier Phasen des Klassenkampfes unterscheide.

Die erste Phase kennzeichnet nach Marx der Kampf der Arbeiter gegen den sie ausbeutenden Bourgeois. Die Zerstörung von Maschinen und konkurrierenden Waren vollziehe sich lokal, ohne Vernetzung in größeren Zusammenhängen. Marx begründet den Kampf mit dem Willen der Arbeiter, ihr Klasseninteresse, die Behauptung des Arbeitslohnes durchzusetzen.

In der zweiten Phase gleichen sich Lebenslagen und Interessen der Arbeiter unter der Bedingung weiterhin sinkender Löhne an. Die Schaffung neuer Kommunikationsmittel ermögliche dem Proletariat zu diesem Zeitpunkt die Gründung von Arbeiterkoalitionen und dauerhaften Assoziationen. Der zunehmend organisierte Kampf bringe den Arbeitern punktuelle Reformen der Arbeitsbedingungen und bewirke eine Festigung des Klassenbewußtseins innerhalb der Arbeiterklasse.

Der spontane lokale Protest habe sich auf dieser Entwicklungsstufe in einen nationalen Klassenkampf gewandelt.

Die dritte Phase betrachtet Marx als Endstadium des Auflösungsprozesses der herrschenden Klasse. Nachdem nichtkonkurrenzfähige Elemente der Bourgeoisie, wie bereits ausgeführt, in das Proletariat hinabgefallen seien , erwartet Marx nun den freiwilligen Anschluß eines kleinen Teiles der Bourgeoisie an die Arbeiterklasse. In der letzten Phase bekomme der Klassenkampf des Proletariates einen revolutionären Anspruch. Das Verständnis des ideologischen Überbaus ( Moral, Gesetz, Religion,... ) als von bürgerlichen Interessen geleitet, lasse den Bürgerkrieg in eine offene Revolution umschlagen. Das den Kampf begründende Klasseninteresse wandele sich von der Behauptung des Lohnes in die Abschaffung der ganzen bisherigen Aneignungsweise. Das Proletariat stürze die Bourgeoisie, indem es sich die Produktionsmittel gewaltsam aneigne.

2.3.2. Klassenkampf bei Weber

Weber unterscheidet drei Formen des Klassenkampfes12 ( Massenhandeln, Klassenhandeln und Vergesellschaftungen ), deren Bedingungen und Ausgestaltungen ich an dieser Stelle nachvollziehen werde.

Analog zur ersten Phase des Klassenkampfes bei Marx, charakterisiert Weber das Massenhandeln als eine weitgehend unorganisierte, lokal begrenzte, also nichtvergesellschaftete Form des Protestes. Weber unterstellt dieser Form des Kampfes, z.B. der absichtlichen Einschränkung der Arbeitsleistung, „Irrationalität“, während Marx die spontane Zerstörung der Maschinen als eine rationale Reaktion auf die sinkenden Löhne bewertet. Das Klassenhandeln als Ausdruck eines Gemeinschaftshandelns der Klassenangehörigen hebe die lokale Begrenztheit des Massenhandelns auf, ohne die Kampfhandlungen jedoch durch Organisationsbildung innerhalb der Arbeiterklasse zu inszenieren. Die Entstehung dieser fortgeschrittenen Form des Klassenkampfes knüpft Weber an allgemeine Kulturbedingungen, besonders intellektueller Art. Außerdem müsse ein starke Differenzierung der Lebenschancen vorliegen, deren Ursachen und Wirkungen in Bezug auf die Klassenlage der benachteiligten Klasse, von eben dieser Klasse reflektiert werden müßten. Die gleichen Bedingungen weist Weber der Vergesellschaftung z.B. in Gewerkschaften zu, die eventuell aus dem Klassenhandeln erwachse.

Im Kontrast zu Marxens Auffassung, der Klassenkampf entwickele sich mit Naturnotwendigkeit aus den wachsenden Widersprüchen zwischen Produktionskräften und Eigentumsordnung, bindet Weber jede Form des Klassenkampfes an Bedingungen, die er nicht als notwendigerweise gegeben sieht.

3.1. Stände bei Weber

Während Weber den Grad der Vergemeinschaftung innerhalb von Klassen an die im vorhergehenden Abschnitt erläuterten Bedingungen knüpft, sei der Stand als Kategorie der sozialen Ordnung notwendigerweise auch eine Gemeinschaft. Die „ständische Lage“ kennzeichne eine typische gemeinsame Komponente in der Lebensführung vieler, die einen standesspezifischen Lebensstil begründe. Ständebildung differenziere Individuen nicht willkürlich in soziale Gruppen, sondern vollziehe sich auf Grundlage bestehender gesellschaftlicher Unterschiede. Als mögliche Ursprünge ständischer Entwicklung nennt Weber ethnische, politische und ökonomische Unterschiede. Den zur Abgrenzung gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen motivierenden Faktor bestimmt Weber in der Inanspruchnahme materieller Monopole. Diese materielle Monopolisierung könne positiver oder negativer Art sein, indem ein Stand das exklusive Besitzrecht bestimmter Güter oder Chancen einfordere ( z.B. Waffen, innerständisches Heiratsrecht, Speisen ), bzw. den Standesangehörigen Besitz oder Gebrauch anderer Güter untersage, um die standesspezifische Art der Lebensführung zu schützen. So seien alle gesellschaftlichen Konventionen ständischen Ursprungs oder werden durch die ständische Entwicklung konserviert bzw. verändert. Weber unterscheidet drei Typen ständischer Gliederung. In der konventionellen Entwicklungsphase beanspruche eine Gruppe unabhängig von der Rechtslage, auf Grund ihrer ethnischen, politischen oder ökonomischen Stellung eine subkulturelle Position innerhalb der bestehenden Gesellschaft. Gelinge es diesem Stand die neue soziale Ordnung gesellschaftlich fortzupflanzen und zu verankern, könne auf Basis einer ökonomischen Privilegierung die rechtliche Privilegierung eines Standes erwachsen. Die Bildung einer geschlossenen Kaste, als dritten Typ der ständischen Gliederung, knüpft Weber an die Bedingung der Existenz ethnischer Differenzen. In diesem Stadium verletze jeder Kontakt mit Angehörigen niedrigerer Kasten die standesspezifische religiöse Ehre. Der ethnisch bedingten Kastengliederung sei eine soziale Hierarchie immanent, die jedem Stand innerhalb der politischen Vergemeinschaftung eine standesgemäße Funktion zuweise. Die Kastenzugehörigkeit regele also die Verteilung der gemeinschaftstragenden Aufgaben ( z.B. Krieger, Priester, Handwerker,... ).

3.2. Stände bei Marx

Im Manifest der Kommunistischen Partei verwendet Marx den Begriff des Standes anfangs synonym zum Klassenbegriff. Dem Mittelalter, beschreibt er, liege eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände zugrunde, wobei jede dieser Klassen wieder besondere Abstufungen kennzeichne13. Im weiteren Verlauf des Manifestes, in dem Marx die historische Entwicklung vom Feudalismus über die bürgerliche Gesellschaft bis zum Sieg des Proletariates nachzeichnet bzw. voraussagt , bleibt der Gebrauch des Standesbegriffes reduziert auf die Beschreibung der feudalen Gesellschaftsordnung. Marx spricht von der Produktion neuer Klassen, neuer Bedingungen der Unterdrückung und neuer Gestaltungen des Kampfes durch die moderne bürgerliche Gesellschaft14. Doch welche Struktur schreibt Marx der ständischen Gesellschaft zu? Diese Frage beantworte ich im Folgenden auf Grundlage der marxschen Schrift, Feuerbach ( Aus der „Deutschen Ideologie „ ).

Im Zeitalter des vollständig ausgebildeten Feudalismus unterscheidet Marx ländliche von städtischen Klassengegensätzen. Wie im Kommunistischen Manifest geht er von einer jeweils stark differenzierten Ständegliederung aus. Während er auf dem Land Fürsten, Adel, Geistlichkeit und Bauern gegeneinander abgrenzt, sei die städtische Bevölkerung geteilt in Meister, Gesellen, Lehrlinge und Tagelöhnerpöbel. Die Hierarchie der Stände (Klassen) begründet Marx aus der hierarchischen Gliederung des Grundbesitzes, bzw. aus der Organisation der Handwerker in Zünften. Die Monopolisierung des Grundbesitzes in den Händen des Adels konstituiere diesen als Stand, wie die leibeigenen Bauern aufgrund ihrer Besitzlosigkeit zum ausgebeuteten Stand werden. Der feudalen Gliederung des Grundbesitzes entspreche in den Städten das korporative Eigentum. Handwerkliche Produktion und Vertrieb der Waren wurden durch die Zunft geregelt, deren Ordnung die städtischen Stände ( Meister, Gesellen, Lehrlinge ) und deren patriarchalisches Verhältnis zueinander bedinge. Der Tagelöhnerpöbel bleibe auch nach seiner Flucht vom Land in die Stadt eigentumslos und unorganisiert, was ihm den Status des niedrigsten Standes zuweise.

4.1. Klassen und Stände bei Weber :

Bedingungen des Vorherrschens einer Gliederungskategorie Wie ich bereits in Abschnitt 3.1. gezeigt habe, entwickeln sich ständische Unterschiede der weberschen Theorie folgend, nicht notwendigerweise unabhängig von den Klassenlagen. Doch während ökonomische Unterschiede „mögliche“ Ursprünge für ständische Entwicklungen seien, bzw. von Weber eine Katalysatorenfunktion im Verlauf dieser Prozesses zugewiesen bekommen, wenden sich ständische Konventionen meistens sogar gegen ein Primat der freien Marktentwicklung15.

Beide Prinzipien der gesellschaftlichen Gliederung stehen nach Weber in einem ständigen Kampf um höhere gesellschaftliche Relevanz, den die ständisch privilegierten Gruppen gegen die ökonomisch privilegierten Gruppen austragen. Das Kriterium zur Entscheidung dieses Kampfes bilden die technisch - ökonomischen Bedingungen der jeweiligen Epoche. Technisch - ökonomische Umwälzungen bedingen demnach verstärkt die gesellschaftliche Gliederung gemäß der Klassenlagen, während jede Stabilisierung der ökonomischen Bedingungen die ständische Entwicklung begünstige16.

4.2. Die Bestimmung der sozialen Ordnung aus der ökonomischen Ordnung bei Marx

Innerhalb Marxens Konzeption des historischen Materialismus geht die soziale 17Ordnung einer jeden Epoche aus der ökonomischen Ordnung der jeweiligen historischen Periode hervor. Gesetze, Konventionen, Religion, als die soziale Ordnung konstituierende Parameter, seien Produkte der „Lebensproduktion“, d.h. der täglichen Produktion von Lebensmitteln zur Befriedigung der entwickelten Bedürfnisse. Die Bedingungen dieser Produktion, bzw. der Arbeit verändern sich mit den Eigentumsverhältnissen, dem Grad der Arbeitsteilung und der Ausdehnung des Verkehrs, was wiederum ausschlaggebend für die Transformation der sozialen Ordnung sei. Marx interpretiert die sich in dieser Weise anpassenden theoretischen Vorstellungen als ein Resultat der materiellen Tätigkeit aufeinander folgender Generationen.

Wie ich bereits in Abschnitt 2.1.1 darstellte, reduzieren sich die verschiedenen Stände der feudalen Gesellschaft mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft auf die beiden Klassen der Bourgeoisie und des Proletariates. Die ökonomisch bedingten gegensätzlichen Klassenlagen schaffen gegensätzliche Klasseninteressen ( vgl. Abs. 2.2.1 ), aus denen Marx die Entstehung klassenspezifischer Sitten folgert. Während Weber also allen Konventionen einen ständischen Ursprung zuweist, entstehen die Sitten, wie der gesamte ideologische Überbau bei Marx aus den Klassenlagen.

5. Resümee

Weber und Marx entwickeln Klassenbegriffe, deren Überschneidungen, aber vor allem Unterschiede ich in Abschnitt zwei gegeneinander abgegrenzt habe. Die differierenden Definitionen und Analysen der Klassenlagen bilden den Ausgangspunkt für gegensätzliche Bestimmungen des Klasseninteresses. Beide Autoren folgern aus ihren jeweiligen Festlegungen, bezüglich des Klasseninteresses, notwendigerweise spezifische Qualitäten von Klassenhandeln bzw. Klassenkampf.

Marxens Reduzierung des Ständebegriffes auf die feudale Gesellschaftsordnung ist die Konsequenz der beschriebenen gesellschaftlichen Polarisierung der zwei Hauptklassen. Die zeitlose Anwendung des Klassenbegriffes ist Marxens Erklärung des menschlichen Bewußtseins und aller sozialer Phänomene aus den Eigentumsverhältnissen geschuldet.

Weber verwendet dagegen sowohl den Begriff des Standes als auch den Klassenbegriff, was die Folge der Unterscheidung von sozialer- bzw. ökonomischer Ordnung ist.

Literaturverzeichnis

Marx, Karl: Manifest der Kommunistischen Partei - Bourgeois und Proletarier, 1848 aus:Karl Marx, Die Frühschriften, herausgegeben von Siegfried Landshut, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1964

Marx, Karl: Feuerbach ( Aus der „Deutschen Ideologie“ )

aus: Bücher des Wissens - MARX, herausgegeben von Franz Borkenau, Frankfurt / Hamburg: Fischer Bücherei KG, 1956

Weber, Max: Klassen, Stände und Parteien, 1922

aus: Weber, Max, Wirtschaft und Gesellschaft,

Köln / Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1994, S. 678-689

[...]


1 Vgl. Marx: Manifest Der Kommunistischen Partei, 1848, S.525, Z.24f.

2 Vgl. Drechsler/ Hilligen/ Neumann: Gesellschaft und Staat - Lexikon der Politik, S.453

3 Vgl. Pohlmann: Die Struktur des Kapitalismus bei Karl Marx

4 Vgl. Marx: Feuerbach ( Aus der „Deutschen Ideologie“ )

5 Vgl. Marx: Manifest der Kommunistischen Partei, 1848, S.532, Z.24ff.

6 Vgl. Marx: Manifest der Kommunistischen Partei, 1848, S.533, Z. 31ff.

7 Vgl. Weber: Wirtschaft und Gesellschaft- §6, 1922, S.531, Z. 47

8 Lexikon zur Soziologie, 1995, S.337

9 Vgl. Marx: Feuerbach ( Aus der „Deutschen Ideologie“ )

10 Vgl. Weber: S.532, Z. 23ff.

11 Vgl. Marx: Kommunistisches Manifest, S.534, Z. 5f.

12 Vgl. Weber: S.533, Z.3ff.

13 Vgl. Marx: Manifest der Kommunistischen Partei, S.526, Z.5ff.

14 Vgl. Marx: Manifest der Kommunistischen Partei, S.526, Z.12ff.

15 Vgl. Weber: S.537, Z.53ff.

16 Vgl. ebd. S. 539, Z.4ff.

17 Die Argumentationen dieses Abschnittes beziehen sich auf die marxschen Ausführungen in: Feuerbach ( Aus der deutschen Ideologie ), insbes. aber auf den Abs. : Über die Produktion des Bewußtseins

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Details

Titel
Weber/ Marx: Ein kontrastiver Vergleich der Analysen von ökonomischer und sozialer Ordnung - Klassen und Stände
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Einführung in die Sozialstrukturanalyse
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V100627
Dateigröße
360 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weber/, Marx, Vergleich, Analysen, Ordnung, Klassen, Stände, Einführung, Sozialstrukturanalyse
Arbeit zitieren
Stephan Sielschott (Autor), 2001, Weber/ Marx: Ein kontrastiver Vergleich der Analysen von ökonomischer und sozialer Ordnung - Klassen und Stände, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100627

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