Rolle der Aufklärung in Thomas Paines "Common Sense". Aufklärung als Leitfaden seiner Argumentation


Bachelorarbeit, 2021

41 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenkritik

3. Eine Definition des Arbeitsgegenstandes: Die Thesen der Aufklärung

4. Eine unnatürliche Regierung

5. Die (Un-)Natur von Monarchie und Erbfolge

6. Die Unabhängigkeit als natürliche Notwendigkeit des Kontinentes

7. Die Realisierung einer Doktrin: die natürlichen Stärken Amerikas

8. Das Vermächtnis von Common Sense: ein Vergleich zur Unabhängigkeitserklärung

9. Fazit

10. Quellenverzeichnis

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die meisten Historiker sowie Zeitgenossen sind sich darüber einig, dass Thomas Paine mit seinem Pamphlet Common Sense eines der erfolgreichsten und einflussreichsten Werke der amerikanischen Revolutionszeit hervorbrachte.1 Wie beinah kein anderes Werk seiner Zeit vermochte Common Sense die nordamerikanische Bevölkerung hinter einem gemeinsamen Ziel zu vereinen und zu einer Veränderung der allgemeinen Gedankenstrukturen und Weltanschauungen seiner Zeitgenossen beizutragen. Paine hatte deshalb mit seinem Werk erheblichen Einfluss auf das, was von John Adams, einem der führenden Revolutionäre und Gründerväter, als „the real American revolution“, ein „radical change in the opinions, sentiments and affection of the people“2 bezeichnet wurde.

Dieser enorme Einfluss, welchen das Pamphlet auf die zeitgenössischen Gedanken und politischen Debatten ausübte, hatte seine Wurzeln in unterschiedlichen Faktoren.3 Ein wichtiger Teil davon war jedoch sicherlich die Argumentationsstrategie Paine’s, welche sich vor allem auf Prinzipien der Natur stützte. Dadurch entstand bei den Lesern ein Eindruck, nach welchem ihnen lediglich logische Verkettungen enthüllt wurden und die Vernunft die tragende Rolle derArgumentation übernahm.

Von dieser Argumentationsstrategie, welche sich durch das gesamte Werk zieht, lässt sich eine Verbindung zu einer philosophischen Strömung ziehen, welche die Zeit und die Gedanken ab Ende des 17. Jahrhundert zunehmend beherrschte: der Aufklärung. Nach der Lehre der Aufklärung waren unsere natürlichen, mentalen Fähigkeiten wie Vernunft, Logik und unser gesunder Menschenverstand die besten Mittel für das Schaffen von neuen Erkenntnissen. Daraus ergab sich der Gedanke, dass ein jeder Mensch theoretisch die nötigen Fähigkeiten besitze, die Natur und deren Prinzipien zu enthüllen. Außerdem legte sie großen Wert auf die sogenannten natürlichen Rechte eines jeden Menschen. Auf denselben Annahmen stütze Thomas Paine einen Großteil seiner Argumentation in Common Sense, was den Nutzen einer darauf abzielenden Analyse im Hinblick auf den großen Erfolg des Pamphlets verdeutlicht.

Das Ziel dieser Arbeit besteht nun darin, aufzuzeigen, dass Paine in Common Sense die philosophischen Grundgedanken der Aufklärung als Leitfaden benutzte, um seine Argumentation so als sich daraus ergebende und geradezu schlussfolgernde Notwendigkeit darzustellen. Dafür soll zuerst eine Quellenkritik erfolgen, welche die Quelle in einen historischen und ideologischen Kontext einordnen soll. Anschließend sollen die Grundgedanken der Aufklärung definiert werden, um so eine Grundlage für die folgende Analyse zu bilden. Danach werden verschiedene Passagen aus Common Sense auf die Verwendung ebendieser Thesen und Ansätze hin untersucht. Dabei übernimmt diese Arbeit die Kapitel der Quelle selbst als Gliederung. Nach diesem Hauptteil der Analyse soll noch kurz auf das Vermächtnis von Common Sense eingegangen werden, indem ein Vergleich zur Unabhängigkeitserklärung vorgenommen wird. Dadurch soll die folgenschwere Resonanz von Paine's auf den Thesen der Aufklärung basierender Argumentation verdeutlicht werden. Zuletzt folgt eine Zusammenfassung der vorgebrachten Ergebnisse.

2. Quellenkritik

Common Sense, die Hauptquelle dieser Arbeit, wurde von Thomas Paine am 10. Januar 1776 in Philadelphia veröffentlicht und gehörte der Textgattung des Pamphlets an.4 Diese fand im 18. Jahrhundert häufig Verwendung und wurde oft dafür genutzt, seine Meinung zu einem politischen oder religiösen Thema zu äußern.5 Allein aufgrund dieser Tatsache sind Polemik und Überzeugungsarbeit in derartigen Texten nicht auszuschließen und meistens sogar der Inbegriff eines Pamphlets; es ging den Autoren oft darum, die Leser von ihrer Position zu der jeweiligen Debatte zu überzeugen.6

Das Erscheinen von Common Sense ist im historischen Kontext der sogenannten „imperial crisis“7 zu betrachten. Diese Krise wurde von dem Streit zwischen den nordamerikanischen Kolonien und dem britischen Mutterland beherrscht. Zurückzuführen ist sie am wahrscheinlichsten auf den Anfang der 1760er Jahre beginnenden Steuerstreit zwischen den beiden Parteien. Nach dem sieben-jährigen Krieg gegen Frankreich 1756-1763 hatte England hohe Schulden zu verzeichnen.8 Zur Begleichung dieser Schulden zog man schnell auch die nordamerikanischen Kolonien in Betracht, hatte man diese doch aus Sicht Englands vor Feinden wie den Franzosen oder den Indianern beschützt.9 Die bei diesem Streit häufig von den Kolonisten verwendete Parole, „No taxation without representation“,10 verdeutlicht die Quintessenz der Kritik der Kolonisten, nach welcher sie sich vor allem durch die fehlende Vertretung in der Legislative in ihren Rechten als englische Bürger verletzt sahen. Dies bezog sich vor allem auf die in den 1760er und 1770er Jahren erlassenen Steuer- und Strafgesetze, bei deren Beratung kein Repräsentant der Kolonien mitgewirkt hatte.11 Deshalb fühlten sich die Kolonisten nicht in der englischen Regierung repräsentiert und sahen somit ihre Rechte als englische Bürger nicht geschützt.

Bemerkenswert war umso mehr, dass die populäre Meinung, so wie auch die Mehrheit des Kontinentalkongresses, dabei trotzdem auf eine Versöhnung mit dem Mutterland und nicht etwa auf eine Abspaltung abzielte. Dies lässt sich beispielsweise mit dem offiziellen Dokument der „Declaration of the Causes and Necessity of Taking up Arms“ von 1775 belegen, in welchem das weitere Vorgehen nach den ersten militärischen Auseinandersetzungen in Lexington und Concord geregelt werden sollte.12 Man kämpfte als Kolonisten öffentlich für das Ziel, seine Rechte als englische Regierte wiederherzustellen. An dieser Stelle trat Thomas Paine mit seinem Pamphlet Common Sense ideologisch in die Debatte ein.

Gemäß Paine’s in Common Sense dargelegten Argumenten war es nicht mehr möglich, eine Versöhnung einzugehen, was im Umkehrschluss zu einer Unabhängigkeit zu führen habe - er sah die Zeit als reif für eine eigene Regierung. Wie bereits oben angemerkt, dienten Pamphlets meistens dem Kundtun einer Meinung zu einem Thema, was auch bei Paine’s Common Sense der Fall war; er wollte seine Leser von seiner These der Notwendigkeit einer Unabhängigkeit überzeugen. Dabei waren auch manchmal innere Konflikte beteiligt, wie der zu Paine’s unterschiedlichen Auffassungen in Bezug auf die biblische Autorität, auf welche später näher eingegangen werden soll. Dies verdeutlicht, dass manche Argumentationen von Common Sense näher überprüft und kritisch betrachtet werden sollten

Paine bezieht sich in seinem Werk nur sehr selten explizit auf Dritte, jedoch ist ein Bezug zu den Grundgedanken und Thesen der Aufklärung offensichtlich. So bezieht er sich beispielsweise oft auf Thesen und Ansätze, welche der Aufklärung zu Grunde liegen und dessen Richtigkeit er voraussetzt.13

Weiterhin sollte angemerkt werden, dass der Veröffentlichung von Common Sense gewisse Vorteile zu Hilfe kamen, welche den Erfolg zusätzlich bekräftigten. In einer Rede bezichtigte der englische König die Kolonien eines Abspaltungsversuches. Diese Rede erschien am selben Tag wie auch Common Sense.14 Da, wie oben beschrieben, die populäre sowie die öffentliche Meinung auf eine Doktrin der Versöhnung bedacht war, wurde diese Rede mit gewissem Unmut von den Kolonisten gelesen.15 Daraufhin konnten die Argumente von Common Sense quasi als Antwort darauf gesehen werden, da sie ebendie Ansichten und Handlungen verteufelten, welche in der Rede des Königs deutlich wurden. Dies wurde sogar von Thomas Paine selbst bemerkt.16 Solche, eher zufälligen Gegebenheiten wie das zeitgleiche Erscheinen beider Texte, verstärkten sicherlich den erheblichen Erfolg, den Common Sense bereits kurz nach seinem Erscheinen ausübte; das Pamphlet erreichte Verkaufszahlen zwischen 120.000 und 150.000 Exemplaren sowie 25 verschiedene Editionen alleine im ersten Jahr.17 Diese Verkaufszahlen kamen bis dato nicht vor und übertrafen eine durchschnittliche Zeitung um das 50-fache.18

3. Eine Definition des Arbeitsgegenstandes: Die Thesen der Aufklärung

Diese Arbeit behandelt die auf den Grundgedanken und Thesen der Aufklärung basierenden Argumentationen von Common Sense. Um dies zu verstehen, müssen zuerst die philosophische Strömung der Aufklärung und deren Thesen erklärt werden. Diese geben dann einen erheblichen Einblick in die zugrundeliegenden Ansätze der Argumentationen von Common Sense sowie auch des generellen Gedankengutes der amerikanischen Revolution.19 Die Erkenntnisse der Aufklärung hielten die Menschen ihrer Zeit dazu an, ihre mentalen Fähigkeiten in neuer Weise zu nutzen. Damit war im Wesentlichen ein ständiges, kritisches Hinterfragen gemeint, welches zu universellen Gewissheiten führen sollte. Dieses Kapitel stützt sich hauptsächlich auf die Monographie von Bradley Thompson; dieser unternimmt darin einen ausgezeichneten Versuch, dem philosophischen Gedankengut der amerikanischen Revolution und damit dem Vorbild Thomas Paine's, auf den Grund zu gehen.

Drei Persönlichkeiten und deren Arbeiten haben entscheidenden Einfluss auf die Aufklärung genommen. Diese bedürfen deshalb einer besonderen Betrachtung: es sind Isaac Newton, Francis Bacon und John Locke. Von einigen Führern der amerikanischen Revolution wurden diese als die maßgeblichsten ihrer Zeit benannt und bieten daher eine gute Perspektive über die entscheidenden Grundgedanken der Philosophie der vorliegenden Zeit.20 Die drei grundlegenden Thesen, welche es hierbei für das Verstehen der Argumentationen von Common Sense zu erklären gilt, „can be summed up in three words: nature, reason, and rights.“21 Diese beschreiben zudem die markantesten Ideale der Aufklärung.

Zuerst empfiehlt sich die Erklärung der sich ändernden Vorstellung von Natur, welche maßgeblich von Newton herausgearbeitet wurde. Während Natur früher einer eher mystifizierten Darstellung folgte und als ein „realm open to miracles caused by an omniscient deity“22 beschrieben werden konnte, in welcher natürliche Gesetzmäßigkeiten und Wahrheiten entweder durch göttliche Hand oder nicht transparent erklärt werden konnten, stellten die Aufklärung und speziell Newton dieselbe Natur als universalen Gesetzen folgend und auf Kausalität beruhend dar. Laut Newton folgte also die Natur mechanischen und kausalen Gesetzmäßigkeiten, welche mathematisch begründbar und damit „universal, eternal, and abolute“ waren.23

Durch Newton’s Erkenntnisse entstand also eine Vorstellung der Natur, welcher einer mechanischen Maschine glich und somit rational verstanden und nach und nach entdeckt und beschrieben werden konnte. Nun benötigte man eine verlässliche Methodik, ebenjene Gesetzmäßigkeiten, Kausalitäten und deren Schlussfolgerungen nachzuvollziehen und darzustellen. Den Grundstein dieser Methodik bildete der zweite Pfeilerderldeale der Aufklärung, nämlich „reason“, was von „virtually all Enlightenment thinkers“ als „effacious and [...] man’s only means of acquiring knowledge“24 angesehen wurde. Hierzu lieferte Francis Bacon in seinem Werk Novum Organum entscheidende Fortschritte. Seiner Methode nach war es bei der Wissensschaffung entscheidend, aus Beobachtungen von natürlichen Vorgängen deren zugrunde liegenden Kausalketten abzuleiten und somit auf natürliche Gesetzmäßigkeiten zu schließen, welche anschließend durch reproduzierbare Experimente bewiesen werden sollten.25

Für diesen Prozess mussten laut Bacon die einem jeden Menschen angeborenen mentalen Fähigkeiten wie das logische Denken und die Vernunft angewendet werden. Im Englischen können diese unter dem Begriff „reason“ zusammengefasst werden, was im Deutschen so viel wie Vernunft, Logik, oder gesunder Menschenverstand bedeutet.26 Durch die sensorischen Fähigkeiten kamen die Beobachtungen zu Stande, mit Hilfe der Logik wurden diese Erfahrungen dann kategorisiert und eingeordnet. Später wurde dann anhand derVernunft und der Planung durch das Durchführen von speziell ausgerichteten Experimenten gleichbleibende Abläufe und Kausalketten ableitetet. Diese konnten dann aufgrund der Kausalität als oberstes Gesetz wiederum als natürliche Gesetzmäßigkeiten transparent dargestellt werden. Zum Erkennen und Darstellen von Naturgesetzen und zum generellen Schaffen von Wissen waren also laut der Aufklärung unsere angeborenen Fähigkeiten der Vernunft, der Logik und unseres gesunden Menschenverstandes, kurz „reason“, die besten Werkzeuge.27

In dieser Erkenntnis allein verbarg sich ein entscheidender Unterschied zum Gedankengut, welches zuvor herrschte: Da die Natur nach der neuen Ansicht auf universellen, kausalen und damit auch vorhersehbaren Gesetzmäßigkeiten beruhte, unter deren Wirkung alle lebenden Wesen existieren, waren diese Wahrheiten der Natur auch für jeden zugänglich und jeden betreffend; ein jeder Mensch konnte diese Gesetzmäßigkeiten nach Sicht der Aufklärung erkennen und beschreiben, wenn er nur die richtige Methodik verwendete, nämlich „reason“. Mit dieser Erkenntnis ging einher, dass kein Mensch mehr einen individuellen Wahrheitsanspruch haben konnte, da alles auf Kausalitäten und absoluten, objektiven und zurück verfolgbaren Gesetzmäßigkeiten beruhte, welche mit Hilfe unserer mentalen Fähigkeiten hergeleitet werden konnten. Damit wurde das Prinzip der „innate ideas“28 verworfen, welches früher kursierte und, unter Anderem, ebendiesen individuellen Wahrheitsanspruch ermöglichte. Die Erklärung, dass die Wahrheiten der „innate ideas“ und das Wissen darüber angeboren oder durch göttliche Hilfe erkenntlich gemacht wurden, hatte nach der neuen Ansicht der Aufklärung keinen Stellenwert mehr; jede Wahrheit konnte und musste auf die ihr zugrundeliegenden objektiven Kausalitäten zurückgeführt und damit transparent für jedermann gemacht werden, um Gültigkeit zu erreichen. Diese Erkenntnisse und Ansichten der Aufklärung „encouraged a deep-seated suspicion of authority“.29 Mit dem Wegfallen des individuellen Wahrheitsanspruches und dem Aufkommen einer für alle Menschen zugänglichen Methodik zur Wahrheitsfindung kam unter den Zeitgenossen die Frage auf, warum man sich überhaupt noch nach Regierungen zu richten habe, wenn sich diese den neuen Erkenntnissen nach auf keiner höheren Bewusstseinsebene befanden, als die Regierten.30

Ein weiterer Unterschied, welcher sich dadurch im Gedankengut der Zeitgenossen ergab, war die Bedeutung der höchsten Instanz von Wahrheit, Wahrheitsfindung und Objektivität. Während zuvor in der Gesellschaft diese höchste Instanz mit wenigen Ausnahmen in Gott, oder zumindest etwas Göttlichem verankert war, veränderte sich die Bewertung dieser Instanz im Zuge der Aufklärung hin zur Naturals höchstem Maß der Dinge.31 Da die Natur laut Newton’s Darstellung auf Kausalitäten und universellen Gesetzmäßigkeiten, also in gewisser Weise der Sprache des Universums beruhte, waren die daraus zu ziehenden Schlüsse dieser Ansicht nach gleichfalls jeden betreffend und somit objektiv wahr. Diese Bewertung der Natur als höchste Instanz von Wahrheit funktionierte besonders deswegen, da die Schritte zur Schaffung von Erkenntnissen im Gegensatz zum Bild von Gott als höchster Instanz immer auf der gleichen Methodik basierten und damit reproduzierbar und transparent waren. Die bei einer Epiphanie erkannten Wahrheiten waren für andere Menschen unergründlich, nicht reproduzierbar und erschienen damit dem Individuum Vorbehalten; dies hatte eine Ungleichstellung von Wissen, Wissensschaffung und damit von Macht innerhalb der Gesellschaft zur Folge. Im Gegensatz dazu waren die aus der Natur durch unsere mentalen Fähigkeiten vorgebrachten Ergebnisse transparent, für theoretisch jeden Menschen nachvollziehbar und sorgten so für kein Ungleichgewicht innerhalb der Gesellschaft. Interessanterweise pflegte Thomas Paine zu diesem Thema, besonders in Common Sense, eine eigene Beziehung, auf welche an entsprechender Stelle näher eingegangen werden soll.

Als nun sowohl die Gestalt der Natur als auch das Werkzeug zur Beobachtung und Entschlüsselung derselben durch Newton und Bacon gegeben waren, trat John Locke in die Debatte ein und prägte mit seinen Gedanken den philosophischen Diskurs der Zeit maßgeblich. Er unternahm den Versuch, den Untersuchungsgegenstand zu erweitern, indem er den Menschen und menschliche Verhaltensweisen mit einbezog und nach der gleichen Methodik von Bacon somit auf Gesetzmäßigkeiten zu schließen versuchte, welche nicht die Natur allgemein, sondern speziell die menschliche Natur objektiv beschreiben sollten. Dahinter stand sein Ziel, eine auf natürlichen Prinzipien bestehende, objektive Wissenschaft von Moral und moralischem Verhalten aufzubauen. Aufgrund der benutzten Methodik, nämlich unsere mentalen Fähigkeiten als einzige Werkzeuge anzusehen, hätte diese Wissenschaft von jedem verstanden werden können und wäre dadurch und wegen des Bezuges zu den universellen Gesetzen der Natur als in sich selbst gültig erschienen.32 Mit diesem Ansatz ging auch einher, dass unser gesunder Menschenverstand, also „common sense“33, nicht ausschließlich Logik und Vernunft, sondern auch ein gewisses Level an Sensibilität und moralischen Erwartungen mit sich brachte.34

Damit wollte Locke auch die „rights of nature“35 herausarbeiten, also die einem jeden Menschen von Geburt an durch die Natur gegebenen Rechte, welche den dritten Grundstein der Aufklärung bildeten. Um dies zu bewerkstelligen, definierte er einen sogenannten „‘state of nature' - that place or condition where there is no government“36, um darin die menschliche Natur und zwischenmenschliche Beziehungen unter Isolation zu betrachten. Aus der Betrachtung dieses natürlichsten aller Zustände, indem sich gerade eine Gesellschaft bildete, eine Regierung jedoch noch nicht vorhanden war, leiteten sich laut Locke direkt die ersten und damit fundamentalsten Rechte der Natur, nämlich „perfect freedom [...] and [...] equality“ ab.37 Diese Rechte sah Locke als „facts of human nature“38 an, da sie durch das Einsetzen unserer mentalen Fähigkeiten wie Vernunft und Logik, also „reason“,39 als in sich selbst gültig erschienen; nichts sei „more evident, than that creatures of the same species and rank [...] should also be equal one amongst another without subordination or subjection“, so Locke.40 Von diesen ersten zwei Rechten ausgehend versuchte Locke anschließend, moralische Gesetzmäßigkeiten zu erschließen, welche eine Art Leitfaden für menschliches Zusammenleben bilden sollten. Darunter befanden sich unter anderem die Rechte auf„self-ownership“ und „self-government.“41

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Aufklärung eine folgenschwere Veränderung des zeitgenössischen Gedankengutes zur Folge hatte, welche durch ihre Implikationen gerade in der Zeit des Kolonialismus und speziell der imperial crisis enorme Folgen hatte. Durch Newton’s sowie Bacon's Erkenntnisse veränderte sich das Bild der Natur hin zu etwas, was universellen Gesetzmäßigkeiten wie der Kausalität folgte und welches somit transparent beschrieben und allen Menschen zugänglich gemacht werden konnte. Dazu musste nur die richtige Methode zur Schaffung der jeweiligen Erkenntnis verwendet werden. Weiterhin legte die Aufklärung allerhöchste Priorität auf unsere mentalen Fähigkeiten als effektivstes Werkzeug zur Wissensschaffung. Diese konnten in dem Begriff „reason“ zusammengefasst werden und beinhalteten verschiedene Fähigkeiten wie Vernunft, Logik, oder auch „common sense". Maßgeblich wurden diese von Bacon und Locke definiert. Dadurch geschah eine Verschiebung in Bezug auf Wissen und Wissensschaffung von Gott als höchster Instanz hin zur Natur und somit vor allem eine Veränderung der Sicht auf staatliche Autorität. Zuletzt bezog die Aufklärung unter Locke die menschliche Natur mit ein und arbeitete so die sogenannten natürlichen Rechte heraus, welche einem jeden Menschen von Geburt an zustanden und dessen Schutz die höchste Aufgabe einer jeden Regierung darstellen musste. Weiterhin wurde durch diese Verschiebung die Idee eines gesunden Menschenverstandes um die Komponente der moralischen Sensibilität erweitert. In den nächsten Kapiteln soll nun gezeigt werden, wie Thomas Paine ebendiese philosophischen Grundgedanken und Thesen der Aufklärung aufgreift, um so seine Argumentationen als natürliche Notwendigkeit zu gestalten.

4. Eine unnatürliche Regierung

Bereits im Vorwort zu Common Sense lässt Paine erkennen, dass seine Argumentation auf den oben beschriebenen Grundgedanken der Aufklärung aufbaut: „[...] a long Habit of not thinking a Thing wrong, gives it a superficial appearance of being right. [...] Time makes more Converts than Reason”,42 heißt es im ersten Absatz des Pamphlets. Hier stellt Paine im Grunde dar, dass gewisse Dinge oft nur als „right“, also als wahr, angesehen wurden, weil die mentalen Fähigkeiten, also „Reason", nicht intensiv genug eingesetzt wurden, um die wahre Gestalt der Dinge zu hinterfragen. Aus dieser Bequemlichkeit heraus, lieber nicht zu hinterfragen, als seine mentalen Fähigkeiten anzustrengen, resultierte dann laut Paine, dass „Time“, also das Hinnehmen gewisser Fakten über lange Zeit, eher zu verfälschten Wahrheiten führen würde, als das Benutzen von „Reason.“ Eine weitere Möglichkeit, weshalb manche Gegebenheiten eher hingenommen als hinterfragt wurden, war die äußerliche Beeinflussung und daraus folgende Minderung der Qualitäten unseres gesunden Menschenverstandes. Dies war, so der Gedanke der Aufklärung, besonders bei Unterdrückung der Fall, was eine allgemeine Abkehr von Kolonialismus unter den Erkenntnissen der Aufklärung nahelegt.43 Hier zeigt sich bereits Paine’s Bezug zu „Reason“, welcher sich mit dem der Aufklärung deckt; auch Paine stellt „Reason“, also das Benutzen unserer mentalen Fähigkeiten, hier als effektivstes (und etwaig einziges) Werkzeug zum Herausfinden und Hinterfragen der wahren Gestalt von Gegebenheiten dar. Damit fordert er seine Leser direkt dazu auf, sich ihrer angeborenen mentalen Fähigkeiten wie der Vernunft und der Logik bewusst zu werden und diesen in der Meinungsbildung die höchste Priorität zuzuschreiben.

Auch im letzten Absatz des Vorwortes finden sich Parallelen zu den Thesen der Aufklärung, diesmal in Bezug auf die Universalität der Natur und die natürlichen Rechte einesjeden Menschen:

„The cause of America is in a great measure the cause of all mankind. Many circumstances have, and will arise, which are not local, but universal, and through which the principles of all lovers of mankind are affected [...]. [...] declaring war against the natural rights of all mankind [...] is the concern of every man to whom nature hath given the power of feeling.”44

[...]


1 Siehe beispielsweise: Browne, Peadar: Making sense ofThomas Paine (1737-1809), in: History Ireland, vol. 17 (2009), no. 5, S. 20: "The influence ofPaine's pamphlets on the successful outcome of the American struggle cannot be overstated"; oder: Hoffman, David C.: Paine and Prejudice: Rhetorical Leadership through Perceptual Framing in "Common Sense", in: Rhetoric and Public Affairs, vol. 9 (2006), no. 3, S. 374: "Most ofthe leaders of the Revolution, and the majority of modern scholars, point to Thomas Paine's Common Sense as the work that played the pivotal role in winning over the American people to the idea of independence".

2 Letter from John Adams to Hezekiah Niles, 13 February 1818, zitiert nach: Thompson, C. Bradley: America's Revolutionary Mind. A Moral History ofthe American Revolution and the Declaration That Defined It, New York 2019, S. 2. Außerdem erwähnt Adams dasselbe Konzept von Revolution in einem anderen Brief, geschrieben an Thomas Jefferson: „The revolution was in the minds ofthe people [...]".

3 Gründe und Faktoren für den Erfolg von Common Sense wurden in großer Menge von Historikern zusammengetragen. Eine der ältesten, aber immer noch aussagefähigsten Listen hierzu findet sich in Hayden Clark's „Toward a reinterpretation ofThomas Paine" aufSeite 144, hier zitiert nach: Hoffman: Paine and Prejudice, S. 379. Dies stellt jedoch lediglich einen Anfangspunkt der Forschungsliteratur zu diesem Thema dar.

4 Conway, Moncure D. (Hg.): The Writings of Thomas Paine. Volume I. 1774-1779, New York 1894, S. 67: „This pamphlet, whose effect has never been paralleled in literary history, was published January 10, 1776 [...]".

5 Knopik, Matthias: „Pamphlet", in: Enzyklopädie der Neuzeit online, https://referenceworks.brillonline.com/entries/enzyklopaedie-der-neuzeit/pamphlet- COM_390082?s.num=0&s.f.s2_parent=s.f.book.enzyklopaedie-der-neuzeit&s.q=pamphlet#COM-390117 (zuletzt besucht am 21.02.2021): „Der Ausdruck Pamphlet bezeichnet eine kurze Streitschrift, die sich mit gesellschaftlichen, vor allem politischen oder religiösen Sachverhalten auseinandersetzt und dabei wertend Stellung bezieht bzw. eine demagogische Absicht auf polemische Weise verfolgt."

6 Ebd.

7 Labaree, Benjamin W.: Catalyst for Revolution. The Boston Tea Party 1773, Boston 1973, S. 9.

8 Ebd.,S.7.

9 Ebd., S. 7: „Saddled with the expense of maintaining an army in America and of supporting numerous government officials there, Britons not surprisingly looked to the colonies for a source of revenue".

10 Ebd., S. 7.

11 So zum Beispiel der „Sugar Act" von 1764, der „Stamp Act" von 1765, oder die als Reaktion auf die Boston Tea Party 1773 erlassenen Strafgesetze, die sogenannten „coercive acts" von 1774. Tiefgreifendere Erklärungen dieser Gesetze und ihrerWirkungen finden sich in: Warford-Johnston, Benjamin: American Colonial Committees of Correspondence: Encountering Oppression, Exploring Unity, and Exchanging Visions ofthe Future, in: The HistoryTeacher, vol. 50 (2016), no. 1, S. 83-87 und in: Labaree: Catalyst, S. 21-23.

12 Declaration ofthe Causes and Necessity ofTaking up Arms, 06.07.1775, zitiert nach: https://founders.archives.gov/documents/Jefferson/01-01-02-0113-0005 (zuletzt besuchtam 19.02.2021): "[...] we assure them [any part ofthe empire] that we mean not to dissolve that union which has so long and so happily subsisted between us".

13 Conway: Writings ofThomas Paine, S. viii: „Although there are no indications in Paine's writings of direct indebtedness to other writers, such as Locke or Rousseau, he breathes their philosophical atmosphere [...]".

14 Siehe dazu und zu den generellen Faktoren für den Einfluss von Common Sense'. Hoffman: Paine and Prejudice, S. 378.

15 Ebd., S. 378: „After the care [...] to word every petition and declaration in such a way as to make clear that they were not seeking independence, this was a tremendous blow".

16 Thomas Paine: Common Sense, Philadelphia 1776, in: Conway, Moncure D. (Hg.): The Writings ofThomas Paine. Volume I. 1774-1779, New York 1894, S. 112: „ SINCE the publication ofthe first edition ofthis pamphlet [...], the King's Speech made its appearance in this city [Philadelphia], Had the spirit of prophecy directed the birth of this production, it could not have brought it forth at a more seasonable juncture, or at a more necessary time".

17 Hoffman: Paine and Prejudice, S. 375.

18 Ebd., S. 375: „In an era when an average newspaper reached only about 2,000 readers, Common Sense sold between 120,000 and 150,000 copies according to Paine's estimates, which are generally accepted by scholars, and went through 25 editions in the single year of 1776 [...]".

19 Thompson: Revolutionary Mind, S. 11: „The American Revolution and the Declaration that expressed it were the existential embodiment ofthe Enlightenment's highest ideals".

20 Ebd., S. 14: „Jefferson's, Adams's, and Wilsons's ranking ofthe world's greatest minds [Newton, Bacon und Locke] is our entry point into the Age of Enlightenment".

21 Ebd., S. 14.

22 Thompson: Revolutionary Mind, S. 15.

23 Ebd., S. 15.

24 Ebd., S. 16; oder: Ebd., S. 18: "He [John Locke] believed that reason is the faculty that collates, organizes, ranks, and judges the evidence of the senses. [...] 'Reason' is man's 'only Star and compass'. [...] 'Reason must be our lastjudge and guide in everything'".

25 Ebd., S. 16: „Experience and experiment for Bacon represented the only road to truth." Damit kann für Francis Bacon als Begründer des modernen Empirismus argumentiert werden.

26 Auch Henry F. May teilt diese Ansicht von „reason" in seinem maßgeblichen Werk zur Aufklärung von 1976: Dixon, John M.: Henry F. May and the Revival ofthe American Enlightenment: Problems and Possibilities for Intellectual and Social History, in: The William and Mary Quarterly, vol. 71 (2014), no. 2, S. 257: „that we understand nature and man best through the use of our natural faculties".

27 Eine gute, prägnante Zusammenfassung der Grundgedanken der Aufklärung findet sich in Thompson: Revolutionary Mind, S. 36: "By nature and reason, Newton, Locke, and America's founders meant something like this: first, that nature is fixed [...] and is governed by universal laws of cause and effect; second, that nature is knowable [...]; and third, that nature and reason therefore provide the standard of human action".

28 Siehe dazu: Ebd., S. 16-18.

29 Ebd., S. 16.

30 Zur Wirkung der Aufklärung auf die Veränderung der Betrachtung von Autorität sagte Thomas Jefferson passend: „ The general spread of the light of science has already laid open to every view the palpable truth, that the mass of mankind has not been born with saddles on their backs, nor a favored few booted and spurred, ready to ride them legitimately, by the grace of God", zitiert nach: Letter to Roger Weightman by Thomas Jefferson, June 24, 1826, https://constitutingamerica.org/letter-to-roger-weightman-l-thomas- jefferson-reprinted-from-the-u-s-constitution-a-reader-published-by-hillsdale-college/ (zuletzt besucht am 18.02.2021).

31 Henry May stellte hierzu die Behauptung auf, dass die Aufklärung im Prinzip wie eine Religion funktionierte, welche sich auf eine andere höchste Instanz stützte: Dixon: Revival of the American Enlightenment, S. 272:,,[...] May's characterization of the Enlightenment as a form of religion. May claimed in The Enlightenment in America that learned partisans of the Enlightenment answered religious questions by putting their faith in progress and reason, not tradition and revelation".

32 Thompson: Revolutionary Mind, S. 19: „the great ambition [...] was to establish a demonstrative and secular science of ethics. [...] The search for moral and political truths grounded in nature was really an attempt to establish morality on an objective foundation [Betonung hinzugefügt]".

33 Eine gute Auseinandersetzung mit dem Begriff findet sich in: Fruchtman Jr., Jack: Nature and Revolution in Paine's "Common Sense", in: History of Political Thought, vol. 10 (1989), no. 3, S. 422-426.

34 Fruchtman: Nature and Revolution, S. 423: "It was also an age of moral sensibility. Common Sense included both notions: reason and sensibility".

35 Thompson: Revolutionary Mind, S. 22.

36 Ebd., S. 23.

37 John Lo>Second Treatise of Government, London 1690, ed. Jonathan Bennet 2005, zitiert nach: https://www.earlymoderntexts.com/assets/pdfs/lockel689a.pdf (zuletzt besucht am 18.02.2021), ch. 2 par. 4.

38 Thomspon: Revolutionary Mind., S. 23.

39 Auch Locke warvon der Relevanz unserer mentalen Kapazitäten als maßgeblichstes Werkzeug zur Schaffung von Wissen überzeugt: Lo>Second Treatise, ch. 2 par. 6: " The state of nature has a law of nature to govern it, which obliges every one: and reason, which is that law, teaches all mankind, who will but consult it, that being all equal and independent, no one ought to harm another in his life, health, liberty, or possessions [Betonung hinzugefügt]".

40 Ebd., ch.2 par. 4.

41 Siehe dazu: Thompson: Revolutionary Mind, S. 23-27.

42 Paine: Common Sense, S. 67.

43 Siehe dazu: Fruchtman: Nature and Revolution, S. 426: „All men possessed common sense. The problem was that it could become impaired when brute force enslaved men, when kings and lords [...] made their subjects do their will".

44 Paine: Common Sense, S. 68.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Rolle der Aufklärung in Thomas Paines "Common Sense". Aufklärung als Leitfaden seiner Argumentation
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Zeitgeschichte)
Note
1.0
Autor
Jahr
2021
Seiten
41
Katalognummer
V1006671
ISBN (eBook)
9783346394941
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufklärung, Common Sense, Thomas, Paine, Bachelor, Geschichte, Neuzeit, amerikanische Revolution, Revolution, Kolonialzeit, Locke, Newton
Arbeit zitieren
Christoph Zistler (Autor), 2021, Rolle der Aufklärung in Thomas Paines "Common Sense". Aufklärung als Leitfaden seiner Argumentation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006671

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