Vollautomatischer Kommunismus. Diskussion um die Aktualität von Marx' Theorien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Marx’ materialistische Geschichts- und Klassentheorie
2.1 Einordnung und Bezug zur Fragestellung
2.2 Biographischer und zeitgeschichtlicher Hintergrund Marx’
2.3 Materialistische Geschichtsauffassung: Basis und Überbau
2.4 Stufentheorie: Entwicklung der Marx’schen Gesellschaftsformationen
2.4.1 Definition von Gesellschaftsformationen
2.4.2 Begriff der Klassen und Klassenkämpfe
2.4.3 Zwangsläufigkeit der Abfolge von Gesellschaftsformationen
2.4.4 Vergangene Gesellschaftsformationen - Klassenkampf
2.4.5 Überwindung des Klassenkampfes - klassenlose Gesellschaft
2.5 Fazit in Bezug zur Fragestellung

3. „Vollautomatischer Kommunismus“ - Aktualität von Marx’ Konzepten
3.1 Heutige Ausgangslage
3.1.1 Definition von künstlicher Intelligenz im historischen Kontext
3.1.2 Studien zum Einsatz künstlicher Intelligenz
3.2 Marx in der aktuellen Diskussion
3.3 Vergleichbarkeit von aktueller Situation und zeitgeschichtlichem Hintergrund Marx’

4. Fazit

1. Einleitung

„Die Roboter halten Einzug in die Wirtschaftswelt. In den Werken großer Automobilbauer zurren sie Schrauben fest und montieren Karosserieteile, in Amazons Logistikzentren sortieren sie Pakete, bei Banken managen sie das Portfolio und entwickeln Anlagestrategien (Robo-Advisors). Und bei der Nachrichtenagentur AP schreiben Algorithmen sogar Quartalsberichte.“ (Lobe, 2017).

Dies sind nur einige der vielfältigen Bereiche, in denen (intelligente) Roboter schon heute Eingang in den Arbeitsmarkt gefunden haben. Und doch wird hiermit ersichtlich, dass sie sowohl in höchst unterschiedlichen Feldern eingesetzt werden, als auch, dass sie immer anspruchsvolleren Aufgaben gewachsen sind - was natürlich in einem wechselseitigen Verhältnis steht.

Experten, die vom Future of Humanity Institute an der Universität Oxford 2018 befragt wurden, kamen zu dem Ergebnis, dass künstliche Intelligenz Menschen schon in den nächsten zehn Jahren in einigen Bereichen übertreffen wird: So beispielsweise bis 2024 im Übersetzen von Sprachen, bis 2026 im Schreiben von Aufsätzen und nur ein Jahr später beim Fahren eines Lastwagens. Ihren Prognosen nach wird 2049 künstliche Intelligenz erstmals fähig sein, ein Bestseller-Buch schreiben; vier Jahre später wird sie gar die Aufgabe eines Chirurgen übernehmen können (Grace, Salvatier, Dafoe, Zhang & Evans, 2018).

Zusammengefasst bedeutet das, dass KI1 den Menschen - gemäß den „Medianaussagen“ der Experten - innerhalb der kommenden 30 Jahren in weitreichenden Bereichen (kognitiv) einholen bzw. sogar übertreffen wird.

In dem Moment, in dem künstliche Intelligenz Aufgaben vergleichbar oder gar besser auszuführen kann als ein Mensch, stellt sie in puncto Arbeitskraft natürlich eine Konkurrenz zu diesem dar. Da intelligente Roboter zunehmend zu immer komplexeren Tätigkeiten fähig sein werden, steigt auch die Zahl der Bereiche an, in denen sie eingesetzt werden und menschliche Arbeit ersetzen könnten. So prognostizierten die Ökonomen Frey und Osborne von der Universität Oxford im Jahr 2013, dass 47 Prozent der Arbeitsplätze in den USA in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren durch (intelligente) Systeme ersetzt werden könnten und somit gefährdet sind. Für Großbritannien errechneten Berriman und Hawksworth vom PwC2 2017, dass bis in die frühen 2030er Jahre bis zu 30 Prozent der Jobs automatisiert werden könnten.

Auch wenn solchen Prognosen mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen ist, wird anhand dieser Zahlen doch das Ausmaß deutlich, in dem KI Wirtschaft und Arbeitsmarkt verändern könnte - und das in nicht allzu ferner Zukunft. Während bisher überwiegend Arbeitsplätze im Bereich der Geringqualifizierten durch die Automatisierung gefährdet waren, könnten durch die technische Weiterentwicklung automatisierter Systeme bald auch höherqualifizierte Jobs und damit ein deutlich größerer Teil der Gesellschaft betroffen sein.

Schnell wird ersichtlich, dass diese Thematik nicht nur die Wirtschaft betrifft, sondern zu einer politischen - und sehr grundsätzlichen - Diskussion wird: Würde ein Großteil der Jobs durch zunehmende Automatisierung wegfallen, wären Maßnahmen zur Umverteilung von Ressourcen unumgänglich, da ein weiter Teil der Menschen ihren Lebensunterhalt nicht mehr durch Arbeit bestreiten könnte. Die Veränderungen in der Wirtschaft bzw. auf dem Arbeitsmarkt wären also in dem Maße elementar, dass politisches Handeln notwendig wäre, um eine Grundversorgung und den sozialen Frieden zu gewährleisten. In jedem Fall würden also neben wirtschaftlichen auch weitreichende politische und gesellschaftliche Umbrüche stattfinden.

Im Zusammenhang mit KI und der fortschreitenden Automatisierung finden sich in Zeitungsund Onlineartikeln immer öfter Schlagworte wie „Roboter-Kommunismus“ oder „Vollautomatischer Kommunismus“ als Konsequenz bzw. Lösung der Situation.

Kernfrage der Diskussion ist, ob der technische Fortschritt und damit die Übernahme von immer größeren Bereichen der Arbeit durch Roboter zu einem Systembruch und in den Kommunismus führen könnte, da die wirtschaftlichen Unterschiede innerhalb der Gesellschaft zu groß werden würden.

In dieser gegenwärtigen Diskussion lassen sich eindeutig Kernpunkte wiedererkennen, die bereits vor knapp 200 Jahren diskutiert wurden: Die Auseinandersetzung mit der Frage, zu welchem Ergebnis die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen und eine starke Ungleichverteilung dieser „Produktionsmittel“ in einer Gesellschaft führen, ist mit einem Namen verbunden: Karl Marx.

In vielen aktuellen Artikeln zu gesellschaftlichen Entwicklungen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz wird daher auf ihn und seine Konzepte zugegriffen; seine Gedanken scheinen in der heutigen Situation also wieder aktuell zu werden.

In meiner Hausarbeit möchte ich daher der Frage nachgehen, inwiefern Marx’ Theorien in unserer heutigen Situation wieder herangezogen werden können und wie in der aktuellen öffentlichen Diskussion auf seine Konzepte zugegriffen wird. Dazu möchte ich auch untersuchen, inwiefern sich heute bzw. in naher Zukunft mit den Fortschritten im Bereich der künstlichen Intelligenz ähnliche wirtschaftliche und technische Entwicklungen vollziehen wie zu Zeit Marx’, sodass seine Argumentationen gerade heute wieder in der aktuellen Diskussion sind.

2. Marx’ materialistische Geschichts- und Klassentheorie

2.1 Einordnung und Bezug zur Fragestellung

Zu Beginn erscheint es mir zunächst sinnvoll, eine kurze Einordnung, auf welchen Bereich der Gedanken Marx’ ich in dieser Hausarbeit aufgrund meiner Fragestellung eingehen möchte, vorzunehmen.

Das, was Marx in Bezug auf meine Fragestellung bedeutungsvoll macht, sind seine Aussagen über die Relevanz der ökonomischen Bedingungen einer Gesellschaft, die Analyse der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten im Kapitalismus sowie eine Ableitung der aufgrund dieser Umstände notwendigerweise verlaufenden Entwicklungen. Auch wenn sich die Ausführungen zu diesen Aspekten auf verschiedene seiner Werke verteilen, lässt sich doch eine kausale Struktur dieser Punkte zueinander feststellen, sodass der Ausdruck „Theorie“ in diesem Zusammenhang treffend erscheint. Da die Argumentation Marx’ in Bezug auf die eben genannten Punkte jedoch nicht für sich allein steht, sondern in einen größeren Kontext eingebettet ist, liegt der Fokus meiner Auseinandersetzung mit Marx’ Gedanken auf seiner als materialistische Geschichts- und Klassentheorie bezeichneten Argumentation.

Dass Marx’ Erkenntnisse als zusammenhängende Theorie verstanden werden, wird deutlich, wenn man die grundlegende Art und Weise, wie er an philosophische Fragen herantritt, betrachtet. Diese Herangehensweise zu verstehen ist hilfreich, um seine Argumentationen nachvollziehen können: Marx analysiert und interpretiert Phänomene aus einer historischen Perspektive; das Verständnis eines Phänomens bedeutet für ihn, es in seinem zeitlichen Kontext und somit sowohl in der Art, wie es geworden ist, als auch wie es werden wird, zu begreifen (Artus et al., 2014). Seine Befunde zu Ökonomie und Gesellschaft ergeben sich aus einer Analyse dieses Zusammenspiels im zeitlichen Wandel. Und nach der Analyse des Gewesenen und (zu seiner Zeit) Jetzigen folgt in einem Begründungszusammenhang eine Voraussage über das, was notwendigerweise folgen wird. Insofern steckt in Marx’ Theorie und dabei vor allem in seine Aussagen darüber, welche Entwicklungen eintreten werden, weniger etwas Spekulatives, sondern durchaus etwas eher Deterministisches. Zumindest Marx selbst war überzeugt, dass seine Prognosen - früher oder später - eintreffen würden (vgl. ebd.).

Von diesem Gedanken ausgehend, lässt sich nun auch meine Fragestellung verstehen: Dadurch, dass Marx eine Kausalität zwischen den gegebenen ökonomischen und sozialen Verhältnissen einerseits und der daraus folgenden Entwicklung andererseits darstellt, stellt sich die Frage, inwiefern heute ähnliche Bedingungen gegeben sind wie zu Zeit Marx’, sodass der „Anfangspunkt“ der Kausalkette derselbe ist. Hierbei schwingt natürlich auch die Frage mit, wieso die von Marx vorausgesagte Entwicklung in seiner Zeit nicht eingetreten ist und welche Faktoren das Eintreten heute wahrscheinlicher machen könnten.

Um diesen Fragen nachzugehen, die zusammengefasst die Fragestellung ergeben, inwieweit Marx’ Erklärungen in der heutigen wirtschaftlichen und politischen Situation wieder relevant sind, ist es sinnvoll, zunächst die Kernaussagen seiner Theorie darzustellen.

2.2 Biographischer und zeitgeschichtlicher Hintergrund Marx’

Zeitgeschichtlicher Hintergrund für Marx’ Schaffen war die seit Mitte des 18. Jahrhunderts in England begonnenen Industrialisierung. Vor allem ihre Frühphase, die der 1818 geborene Karl Marx erlebte, ging neben technischem Fortschritt auch mit einer dramatischen Verschlechterung der sozialen Lage der neuen Industriearbeiter einher (Endreß, 2017).

Vor dem Hintergrund der immer größeren werdenden wirtschaftlichen Unterschiede zwischen „Besitzenden“ und „Besitzlosen“ begann sich Marx ab ca. 1843 mit Ökonomie zu beschäftigen. In den folgenden Jahren befasste er sich mit der Analyse des sich entwickelnden „kapitalistischen Systems der Warenproduktion“ (Endreß, 2017, S. 11) und mit seinen gesellschaftlichen Folgen, insbesondere für die „Klasse“ der Arbeiter. In diesen Jahren entwickelte er, vor allem in der Auseinandersetzung mit der Philosophie Hegels, die er quasi verkehrte, die Erkenntnis, dass die ökonomischen Verhältnisse schon seit Urzeit an bestimmend für das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen waren und der historische Prozess somit als Geschichte der Auseinandersetzung um ökonomische Ressourcen zu verstehen ist - dies lässt sich als seine materialistische Geschichtsauffassung bezeichnen (ebd.).

Ausgehend von seinen Studien begann sich Marx ab ca.1845, aus einer sich bereits als kommunistisch verstehenden Perspektive, für den Zusammenschluss der Arbeiterbewegung unterschiedlicher europäischer Länder einzusetzen. Seine diesbezüglichen Bemühungen gipfelten in der Veröffentlichung seines - anlässlich des Gründungskongresses des „Bundes der Kommunisten“ gemeinsam mit Engels verfassten - Werkes „Das kommunistische Manifest“ 1848, in das seine bisherigen Erkenntnisse Eingang fanden (ebd.).

Als Marx aufgrund seiner Ausweisung ins Exil nach England kam, lernte er dort das am stärksten industrialisierte Land und die damit am weitesten entwickelte kapitalistische Gesellschaft der Welt kennen - und sah sich mit enormen Gegensätzen zwischen Überfluss und bitterer Armut konfrontiert (Korte, 2017). Er begann mit dem genauen Studium der ökonomischen Verhältnisse in Europa, dessen erste Ergebnisse er zunächst 1859 in seinem Werk „Kritik der politischen Ökonomie“ veröffentlichte, worauf mit einiger Verzögerung der erste Band seines wahrscheinlich bekanntesten Werkes „Das Kapital“ 1867 folgte (ebd.).

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Marx’ Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie im Kontext der Frühphase der Industrialisierung entstand, die sich durch immer größer werdende soziale und wirtschaftliche Unterschiede sowie die damit einhergehende Verschlechterung der sozialen Lage der Arbeiter auszeichnete. Marx’ Theorie lässt sich also vor dem Hintergrund dieser extremen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen interpretieren.

2.3 Materialistische Geschichtsauffassung: Basis und Überbau

Wie bereits beschrieben, bedeutet für Marx das Verständnis eines Phänomens, es in seinem zeitlichen Kontext zu begreifen und somit zu untersuchen, wie seine Entwicklung bis ins „Jetzt“ verlaufen ist und wie sie weitergehen wird (Artus et al., 2014). Daher begründet Marx seine Annahmen über Wirtschaft und Gesellschaft durch die Analyse dieser Bedingungen in früheren Zeiten, woraus er wiederum ihre Entwicklung in der Zukunft ableitet. Die enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche seinerzeit sind dabei natürlich als ein Faktor zu werten, der sowohl seinen Rückblick auf die Geschichte als auch damit seine Voraussage für die Zukunft beeinflusst.

Die zentrale Erkenntnis, die Marx durch die Analyse der ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen im Wandel der Zeit erlangt, legt er im Vorwort seines Werkes „Kritik der politischen Ökonomie“ dar: Nach Marx sind Rechtsverhältnisse wie Staatsformen ausschließlich auf die ökonomischen Verhältnisse der Gesellschaft zurückzuführen; die wirtschaftlichen Verhältnisse bedingen somit die sozialen und politischen Bereiche (Kritik der politischen Ökonomie, 1859). Diesen Befund erklärt Marx unter Bezugnahme auf ein Modell, das aus Basis und Überbau besteht.

Demnach gehen Menschen notwendigerweise bestimmte (unfreiwillige) Produktionsverhältnisse ein, die „einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen“ (ebd., Vorwort). Mit Produktivkräften ist die Gesamtheit der den Produktionsprozess betreffenden subjektiven und gegenständlichen Faktoren sowie ihr Zusammenwirken bei der Warenproduktion gemeint (Röhrich, 2013). Als Produktionsverhältnisse bezeichnet Marx hingegen die sozialen Verhältnisse, also die Gesamtheit der sozialen Lebensbedingungen, wie Familien- und Rechtsstrukturen. Besonders wichtig dabei sind vor allem die Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse, die festlegen, wem die Produktionsmittel gehören (Artus et al.). Nach Marx bildet die Gesamtheit der Produktionsverhältnisse die ökonomische Struktur der Gesellschaft und somit die Basis seines Modells. Aufbauend - sowohl metaphorisch als auch inhaltlich - auf dieser Basis entsteht der politische und juristische Überbau (Kritik der politischen Ökonomie, 1859), der jedoch nur die Basis wiederspiegelt.

Marx’ zentrale Erkenntnis, dass das gesellschaftliche Leben der Menschen in allen Bereichen ökonomisch bestimmt ist, lässt sich durch sein berühmtes Zitat „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“ (ebd.) zusammenfassen.

2.4 Stufentheorie: Entwicklung der Marx’sehen Gesellschaftsformationen

2.4.1 Definition von Gesellschaftsformationen

Entsprechend der Feststellung, dass eine Gesellschaft durch ihre ökomischen Verhältnisse bestimmt ist, ist nach Marx die Veränderung einer Gesellschaft durch die Veränderung der ökonomischen Grundlage, also der Basis, bedingt. Gemäß den ökonomischen Änderungen ergibt sich der politische und rechtliche Überbau (ebd.).

In diesem Zusammenhang benennt Marx bestimmte Konstellationen von ökonomischer Basis und politischem Überbau in der Geschichte, die er von anderen unterscheidet - diese Konstellationen bezeichnet er als „Gesellschaftsformationen“ (Korte, 2017). Als sich in ihren sozio-ökonomischen Verhältnissen voneinander unterscheidende Gesellschaftsformationen lassen sich die „Urgesellschaft“, die „Sklavenhalterordnung“, die „Feudalgesellschaft“, der Kapitalismus und der Kommunismus benennen (ebd.).

Die ökonomischen Verhältnisse sind gemäß Marx’ Analyse nicht nur maßgeblich für Veränderungen der einen Gesellschaftsformation in die andere, sondern sie bilden seit jeher die Trennlinie zwischen den Individuen der Gesellschaft (mit Ausnahme der Urgesellschaft): Die Erkenntnis, dass alle gesellschaftlichen Prozesse auf ökonomische Verhältnisse zurückzuführen sind, geht aus seiner Analyse, dass dies in den verschiedenen Gesellschaftsformationen bereits schon immer so war, hervor. Marx’ Theorie, die zentrale Frage des Zusammenlebens der Menschen sei in jeder bisherigen historischen Gesellschaft die Verteilung ökonomischer Ressourcen, lässt sich als materialistische Geschichtstheorie bezeichnen (Endreß, 2017).

2.4.2 Begriff der Klassen und Klassenkämpfe

Marx geht allerdings bei seiner geschichtlichen Interpretation noch einen Schritt weiter: Er wertet die Geschichte der verschiedenen Gesellschaftsformationen nicht nur als durch ökonomische Bedingungen bestimmt, sondern nach ihm ist die „Geschichte aller bisherigen Gesellschaft [...] die Geschichte von Klassenkämpfen.“ (Das kommunistische Manifest, 1848, S. 92). Das bedeutet - zunächst vereinfacht ausgedrückt - dass Marx nicht der Überzeugung ist, dass alle Individuen einer Gesellschaft gleichermaßen um ökonomische Ressourcen konkurrieren und sich fast schon zufällig eine faire Verteilung dieser ergibt.

Im Ausdruck des Klassenkampfes steckt sowohl, dass es so etwas wie zusammengehörige „Gruppen“ (auf den Klassenbegriff wird im nächsten Abschnitt eingegangen) von Individuen gibt, als auch, dass diese Parteien in einem verfeindeten Verhältnis zueinander stehen.

Der KlassenbegriffMarx’ lässt sich aus seiner materialistischen Perspektive heraus interpretieren: Dadurch, dass eine Gesellschaft durch die wirtschaftlichen Verhältnisse bestimmt ist, liegt es nahe, die Einteilung der Individuen aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess vorzunehmen. Mit dieser unterschiedlichen ökonomischen Position sind andere wichtige Faktoren verbunden, wie beispielsweise Einkommen oder Besitz (Artus et al., 2014). Unter dem Begriff „Klasse“ versteht Marx somit Angehörige einer (ähnlichen)

Stellung im System der Produktion; die Unterteilung der Individuen erfolgt also nach ökonomischen Maßstäben.

Der Begriff des Klassenkampfes drückt nun aus, dass sich die Klassen in einer Gesellschaftsformation feindlich gegenüberstehen - nach Marx’ Theorie ist jede bisherige Gesellschaftsformation (mit Ausnahme der Urgesellschaft) bestimmt von dem Kampf der Klassen gegeneinander, sodass nach seinem vermutlich berühmtesten Zitat die Geschichte aller Gesellschaft im Allgemeinen als Geschichte von Klassenkämpfen betrachtet werden kann (Das Kommunistische Manifest, 1848). Obwohl erst in der Gesellschaftsform des Kapitalismus die ökonomischen Verhältnisse der Menschen durch die Frage nach dem Besitz oder Nichtbesitz der Produktionsmittel wirklich elementar werden, lässt sich nach Marx auch in den vorigen Gesellschaftsformationen der „Sklavenhalterordnung“ und der „Feudalgesellschaft“ von Klassen sprechen (Korte, 2017). Dies lässt sich damit begründen, dass Marx auch in diesen Gesellschaftsformen eine Trennung der Menschen aufgrund der ökonomischen Aspekte für gegeben hält. Nach ihm sind die ökonomischen Bedingungen und die ökonomische Stellung des Individuums also auch in weniger technisierten und sozial ausdifferenzierteren Gesellschaften ausschlaggebend (ebd.).

Mit Ausnahme der Urgesellschaft führen nach Marx’ Theorie in jeder Gesellschaftsformation „Unterdrücker“ und „Unterdrückte“ aufgrund ihrer (ökonomisch) in Widerstreit miteinander stehenden Interessen einen mehr oder weniger offenen Kampf (Das Kommunistische Manifest, 1848). So stellt Marx in der „Sklavenhalterordnung“, trotz der Benennung verschiedener Nebenklassen, den Interessenskonflikt und daraus resultierend den Kampf zwischen der herrschenden Klasse der Sklavenhalter und der ausgebeuteten Klasse der Sklaven heraus (Korte, 2017). Aus der „Sklavenhalterordnung“ heraus entwickelte sich nach Marx die Feudalordnung des Mittelalters. In dieser gibt es Vasallen, Zunftbürger und einige mehr; die Interessengegensätze sind primär allerdings zwischen der Klasse der Feudalherren und der der Leibeigenen auszumachen (Das Kommunistische Manifest, 1848).

2.4.3 Zwangsläufigkeit der Abfolge von Gesellschaftsformationen

Die Übergänge einer Gesellschaftsformation in die andere, lassen sich nach Marx durch den an einem bestimmten Punkt der Entwicklung entstehenden Widerspruch zwischen den „materiellen Produktivkräften“ und den „vorhandenen Produktionsverhältnissen“ erklären (ebd.): So entwickeln sich die Produktivkräfte, also beispielsweise Produktionsmittel und Arbeitskraft, innerhalb einer Gesellschaft durchweg schneller als die Produktionsverhältnisse, sodass der Zustand der weiterentwickelten Produktivkräfte einen Widerspruch zu noch unveränderten Produktionsverhältnissen bildet (Endreß, 2017). Dieser Widerspruch ist nach Marx nur durch eine Revolution aufzulösen, die die Produktionsverhältnisse umgestaltet und vor allem grundlegend neue Eigentumsverhältnisse hervorbringt - damit entsteht eine neue Gesellschaftsformation (ebd.). Entsprechend der neuen Gesellschaftsformation mit neuen Produktivmitteln, Produktionsverhältnissen sowie einem angepassten politischen und rechtlichen Überbau, ergeben sich neue Klassen - eine grundsätzliche Existenz und die damit verbundenen (ökonomischen) Interessensgegenätze bleiben jedoch bestehen.

Wie bereits ersichtlich geworden sein dürfte, entwickelt Marx durch die Analyse der konkreten, seinerzeit vorausgegangenen Gesellschaftsformationen bzw. ihren Veränderungen in die jeweils nächste Gesellschaftsform, allgemeine Gesetzmäßigkeiten zum Wandel der Gesellschaftsformen. Daher besteht seine Theorie nicht nur aus der Erklärung bereits vergangener gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, sondern macht ebenso Aussagen zu (aus Marx’ zeitlicher Perspektive) kommenden Veränderungen der Gesellschaftsformation. Anders gesagt ist nach Marx’ materialistscher Geschichts- und Klassentheorie die Entwicklung der Gesellschaft durch notwendigerweise aufeinanderfolgende gesellschaftliche Stufen bestimmt (Endreß, 2017); die Entwicklung der Gesellschaftsformationen ist somit zwangsläufig und voraussehbar.

2.4.4 Vergangener Gesellschaftsformationen - Klassenkampf

Im folgenden Teil möchte ich nun Marx’ Theorie zur Entwicklung der Gesellschaftsformationen aufzeigen. Dadurch, dass er davon ausgeht, dass es eine gesetzmäßige und notwendige Abfolge der Gesellschaftsformen gibt, ist für ihn auch voraussehbar, in welche Gesellschaftsform der seinerzeitige Kapitalismus führen wird - der bevorstehende Übergang von Kapitalismus zu Kommunismus bildet für ihn den Abschluss der gesellschaftlichen Entwicklungsgeschichte (Artus, et al., 2014).

Die Urgesellschaft stellt bei Marx die einzige Gesellschaftsform dar, in der keine im Konflikt miteinander stehenden Klassen existieren (Korte, 2017). Die Produktivkräfte sind hier nur primitiv, die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse somit kaum ausdifferenziert und die Produktionsmittel im „Besitz“ von allen.

Dies ändert sich ab der nächsten Gesellschaftsordnung, der „Sklavenhalterordnung“:

[...]


1 Künstliche Intelligenz

2 PricewaterhouseCoopers

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Vollautomatischer Kommunismus. Diskussion um die Aktualität von Marx' Theorien
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
33
Katalognummer
V1006881
ISBN (eBook)
9783346393227
ISBN (Buch)
9783346393234
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vollautomatischer, kommunismus, diskussion, aktualität, marx, theorien
Arbeit zitieren
Elena Höppner (Autor), 2019, Vollautomatischer Kommunismus. Diskussion um die Aktualität von Marx' Theorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006881

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