Wie wichtig ist die Vaterfigur in "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller?

Ein Vergleich mit "Emilia Galotti" von Ephraim Lessing


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vaterfiguren im Drama
a. Der Musikus Miller und das Vater-Tochter-Verhältnis
b. Der höfische Präsident und der Vater-Sohn-Konflikt

3. Vergleich der Vaterrollen im Drama

4. Vergleich mit der Vaterrolle im Werk Emilia Galotti

5. Abschließendes Fazit

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Kabale und Liebe ist heutzutage eines der wichtigsten Theaterstücke der deutschen Geschichte, welches bei der Uraufführung am 13. April 1784 in Frankfurt am Main den Titel Luise Millerin trug. Als Literatur der Epoche des Sturm und Drang steht vor allem die Selbstbestimmung und der Drang nach Freiheit im Vordergrund. Thematisiert wird in dem Drama von Friedrich Schiller die herrschende Ständeordnung im 18. Jahrhundert und das Bedürfnis der Bürgerlichen danach, sich aus dieser vorgegebenen Ordnung zu befreien. Die Probleme, die die Unterschiede der Stände mit sich bringen, spielen hierbei eine große Rolle. Es geht nicht nur um die materiellen Unterschiede, sondern vor allem auch um die verschiedenen Denkweisen und die Moral des Adels und des Bürgertums. Da auch die Seite des Bürgertums betrachtet wird, wird dieses Theaterstück als bürgerliches Trauerspiel klassifiziert.

Die bürgerliche Luise und der Adelssohn Ferdinand wollen in diesem Trauerspiel die Grenzen ihrer Stände überwinden, um eine Beziehung führen zu können. Aber schon der Titel Kabale und Liebe deutet darauf hin, dass die Liebe eng mit Streit und Uneinigkeiten verbunden ist. Ihre Liebe zueinander wird aufgrund der Standesschranken von ihren Vätern nicht akzeptiert und von Ferdinands Vater, dem Präsidenten von Walter, sogar sabotiert. Mit Lügen und Intrigen versucht er, Luise und Ferdinand auseinanderzubringen, was letztendlich dazu führt, dass Ferdinand am Ende keinen anderen Ausweg mehr sieht, als Luise und auch sich selbst umzubringen.

Der Einfluss von Lessings Theaterstück Emilia Galotti ist in Anbetracht der Ähnlichkeiten zu Kabale und Liebe nicht außer Acht zu lassen, allerdings basiert Schillers Theaterstück viel mehr auf seinen eigenen Erfahrungen.

Schiller kritisierte mit dem Drama seinerzeit die damals existierende Kluft zwischen Adel und Bürgertum und musste auch am eigenen Leib erfahren, dass eine Beziehung zu einer Adligen unmöglich ist.

In beiden Stücken spielen die Vaterfiguren der Hauptcharaktere eine große Rolle, die durch Egoismus, Besitzansprüche und Eifersucht maßgeblich am katastrophalen Ende der Dramen beteiligt sind. Zwar unterscheiden sich Miller, der Präsident von Walter und Odoardo in vielen Aspekten voneinander, sie schränken aber alle ihre Kinder durch ihre Vorstellungen ein.

Jeder von ihnen projiziert seine Moral und seine Wertevorstellungen auf die von Luise, Ferdinand und Emilia, wodurch den Kindern ihre eigene Entscheidungsfreiheit genommen wird.

Wie wichtig die Vaterfiguren in Kabale und Liebe und Emilia Galotti sind, soll nun im Folgenden erläutert werden. Dabei sind vor allem die Unterschiede Millers, des Präsidenten und Odoardos in Bezug auf ihre Prinzipien und ihr Verhältnis zu Luise, Ferdinand und Emilia von zentraler Bedeutung.

2 Vaterfiguren im Drama

a. Der Musikus Miller und das Vater-Tochter-Verhältnis

Miller verkörpert im Drama den typischen Familienvater des Bürgertums. Er entspricht dem Ideal einer Vaterfigur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dem auf der einen Seite eine gute Erziehung und die emotionale Bindung zu seinem Kind äußerst wichtig sind und der auf der anderen Seite das autoritäre Familienoberhaupt ist, was bestimmt und entscheidend handelt1. Kinder werden nun nicht mehr nur als Kapitalanlagen gesehen, sondern sind das Produkt einer liebevollen Ehe. Somit spielt nun auch eine liebevolle Bindung Millers zu seinem Kind eine wichtige Rolle.

Gegenüber seiner Ehefrau zeigen sich oftmals Millers aggressive und aufbrausende Charakterzüge2, da er die Meinung seiner Frau zu der Beziehung seiner Tochter mit Ferdinand, dem Sohn des Präsidenten, nicht teilt. Seine Frau freut sich für Luise und sieht keinerlei Probleme in der Liebesbeziehung, die über die Standesgrenzen hinausgeht3.

Sein Geld verdient Miller als Stadtmusikant, der unter anderem dem Sohn des Präsidenten privaten Musikunterricht gibt4. Durch diesen Umstand haben sich Ferdinand und Luise kennengelernt und verliebt.

Als Familienoberhaupt und Vater liegt die Entscheidung der Bildung, Berufswahl und auch die der Partnerwahl von Luise in seiner Hand. Jedoch sollen hierbei die Wünsche der Kinder respektiert und bedacht werden5. Insbesondere bei der Partnerwahl trägt er als Vater eine große Verantwortung, da Luise vom Herrschaftsund Schutzbereich ihres Vaters zu dem des Ehemanns wechselt6.

Miller ist jedoch der Meinung, dass er seine Tochter nicht zwingen könne, jemanden zu heiraten, den sie nicht liebt7. Luise soll sich selbst für einen Ehemann entscheiden dürfen, jedoch nur innerhalb der Standesgrenzen. Diese Bedingung Millers zeigt deutlich sein Standesbewusstsein, aber auch seine Vernunft. Er hält es für unmöglich die Standesschranken zu umgehen8.

Des Weiteren hat Miller Angst davor, dass Luise sich von ihm und dem bürgerlichen Leben entfernt, wenn sie das Leben eines höheren Standes kennenlernt.

Die Mutter von Luise spielt so gut wie keine Rolle im gesamten Drama. Sie wird nur »Millers Frau<< genannt und tritt später gar nicht mehr auf. Das (Familien)Drama dreht sich somit also ausschließlich um die Vater-Tochter-Beziehung9.

Miller pflegt eine sehr innige und liebevolle Beziehung zu seiner Tochter. Da er selbst religiös ist, ist ihm auch eine religiöse Erziehung wichtig10. Luise entspricht diesem Bild einer frommen und tugendhaften Tochter, worauf Miller sehr stolz ist. Durch Ferdinand sieht er die Religiosität und die Jungfräulichkeit seiner Tochter allerdings bedroht.

Auch Luise kann ihr religiöses Denken nicht mit der Beziehung zu Ferdinand vereinbaren. Sie sieht sich als »schwere Sünderin«11 und steht im Zwiespalt mit ihrem frommen Gewissen und der Liebe zu Ferdinand. Miller ist verzweifelt und spricht sich deutlich gegen diese Beziehung aus12. Die Sorge, dass Luise sich so ihre Chancen auf eine Ehe innerhalb ihres Standes verbaut sowie die Meinung, dass seine Tochter zu kostbar für eine Affäre mit Ferdinand sei13, zeigen seine Liebe zu Luise.

Miller wünscht sich für sie einen anständigen und bürgerlichen Mann, lässt ihr aber innerhalb dieser Rahmenbedingung die freie Wahl. Dies zeigt sich deutlich bei seinem Gespräch mit Wurm, dem Sekretär des Präsidenten, der Luise heiraten will14.

Miller will seine Tochter zu nichts zwingen. Die Liebesheirat steht bei ihm im Vordergrund, aber eine Hochzeit, die über die Grenzen des eigenen Standes hinausgeht, hält er für unvernünftig.

Miller steht für die Ehre seiner Tochter ein und versucht, sie zu beschützen. Er ist mutig und versucht sich gegen den Präsidenten zu behaupten, als dieser seine Tochter als »Hure des Sohnes«15 bezeichnet. Miller droht damit, den »ungehobelten Gast [...] zur Tür hinaus[zuwerfen]<<16. Hier zeigt sich aber klar die Ohnmacht des Bürgertums17. Er droht zwar damit, schafft es aber nicht, dies auch wirklich durchzusetzen. Stattdessen reagiert der Präsident mit der Androhung einer Verhaftung. Der Präsident demonstriert damit seine Macht gegenüber dem wehrlosen und schwachen Bürgertum. Diese Situation deutet darauf hin, dass Miller seine Tochter letztendlich nicht vor der Katastrophe schützen kann.

Die Verbindung von Luise und ihrem Vater wird nochmals deutlich, als Luise das Fluchtangebot Ferdinands ausschlägt. Sie will ihren »Vater, der kein Vermögen hat, als diese einzige Tochter«18 nicht alleine lassen. Luise wird dadurch indirekt von ihrem Vater eingeschränkt, für den sie eine Absicherung im Alter ist19.

Auch Luise hält eine Beziehung zu Ferdinand im Diesseits für unmöglich und sieht als Ausweg nur das Jenseits, um mit ihm zusammen zu sein20.

Diese Hoffnung mit Ferdinand im Tod vereint zu werden, spendet ihr Trost. Luise nimmt ihr Schicksal im Diesseits hin, ohne aktiv dagegen anzukämpfen. Von Luises Gedanken an Selbstmord versucht Miller, sie abzubringen. Er bezeichnet Selbstmord als das »abscheulichste«21 und sagt, dass Selbstmord eine Sünde sei. Zusätzlich werden nun die egoistischen Besitzansprüche Millers auf seine Tochter deutlich22. Er

redet ihr Schuldgefühle ein, ihn im Stich zu lassen23. Seine Tochter ist trotz der emotionalen Beziehung eine Kapitalanlage, an die das Erbe weitergegeben wird und die ihre Eltern im Alter sowohl finanziell als auch emotional unterstützen soll. Doch auch das Plädieren an ihr Gewissen und ihre Pflichten als Tochter kann sie nicht überzeugen. Erst als er den Selbstmord von Luise mit einem Vatermord vergleicht, fängt Luise an zu zögern. Sie wird von ihrem Vater unter Druck gesetzt, sich zwischen Ferdinand und ihm zu entscheiden: »Wenn die Küsse deines Majors heißer brennen als die Tränen deines Vaters — stirb!«24. Die Liebe zu ihrem Vater, aber auch der psychische Druck, dem sie durch ihn ausgesetzt ist, sind stärker als die Liebe zu Ferdinand.

Doch im letzten Moment scheitert Miller daran, zu erkennen, dass Ferdinand Luise töten will. Trotz der Anspielung auf die Unsterblichkeit Luises, lässt Miller sich von dem Gold blenden, das Ferdinand ihm anbietet25. Er versteht nicht, dass Ferdinand damit das Leben von Luise bezahlt und die Zukunft Millers absichern will, der seine Tochter verlieren wird. Im entscheidenden Moment kann Miller seine Tochter nicht schützen und scheitert somit kläglich.

[...]


1 Vgl. Ursula Hassel: Familie als Drama: Studien %u einer Thematik im bürgerlichen Trauerspiel, Wiener Volkstheater und kritischen Volksstück. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2002, S. 22

2 Vgl. Friedrich Schiller: Kabale und Liebe 1784. Anm. v. Walter Schafarschik. Stuttgart: Reclam, 1969, S. 9, Z. 29ff.

3 Vgl. ebd. S. 6, Z. 20ff.

4 Vgl. ebd. S. 105, Z. 26f.

5 Vgl. Ursula Hassel: Familie als Drama: Studien %u einer Thematik im bürgerlichen Trauerspiel, Wiener Volkstheater und kritischen Volksstück. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2002, S. 27f.

6 Vgl. ebd. S. 45

7 Vgl. Friedrich Schiller: Kabale und Liebe 1784. Anm. v. Walter Schafarschik. Stuttgart: Reclam, 1969, S. 10; Z. 19ff.

8 Vgl. Hans-Erich Struck: Friedrich Schiller, Kabale und Liebe. München: Oldenbourg, 1944, S. 38

9 Vgl. Ursula Hassel: Familie als Drama: Studien %u einer Thematik im bürgerlichen Trauerspiel, Wiener Volkstheater und kritischen Volksstück. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2002, S. 37f.

10 Vgl. Friedrich Schiller: Kabale und Liebe 1784. Anm. v. Walter Schafarschik. Stuttgart: Reclam, 1969, S. 12, Z. 21

11 Ebd. S. 12, Z. 14

12 Vgl. ebd. S. 13, Z. 24f.

13 Vgl. ebd. S. 8, Z. 7ff.

14 Vgl. ebd. S. 10; Z. 3

15 Friedrich Schiller: Kabale und Liebe 1784. Anm. v. Walter Schafarschik. Stuttgart: Reclam, 1969, S. 48, Z. 24

16 Ebd. S. 49, Z. 18

17 Vgl. Ursula Hassel: Familie als Drama: Studien %u einer Thematik im bürgerlichen Trauerspiel, Wiener Volkstheater und kritischen Volksstück. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2002, S. 24

18 Friedrich Schiller: Kabale und Liebe 1784. Anm. v. Walter Schafarschik. Stuttgart: Reclam, 1969, S. 64; Z. 23

19 Vgl. Hans-Erich Struck: Friedrich Schiller, Kabale und Liebe. München: Oldenbourg, 1944, S. 52

20 Vgl. Friedrich Schiller: Kabale und Liebe 1784. Anm. v. Walter Schafarschik. Stuttgart: Reclam, 1969, S. 97, Z. 28

21 Friedrich Schiller: Kabale und Liebe 1784. Anm. v. Walter Schafarschik. Stuttgart: Reclam, 1969. S. 98, Z. 12

22 Vgl. Hans Peter und Martina Herrmann: Friedrich Schiller: Kabale und Liebe, Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. Frankfurt am Main: Diesterweg, 1983, S. 66

23 Vgl. Vgl. Friedrich Schiller: Kabale und Liebe 1784. Anm. v. Walter Schafarschik. Stuttgart: Reclam, 1969, S. 98, Z. 35

24 Ebd. S. 100, Z. 13f.

25 Vgl. ebd. S. 109, Z. 32

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wie wichtig ist die Vaterfigur in "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller?
Untertitel
Ein Vergleich mit "Emilia Galotti" von Ephraim Lessing
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V1006887
ISBN (eBook)
9783346390752
ISBN (Buch)
9783346390769
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch Hausarbeit Kabale und Liebe Emilia Galotti Vaterfigur Vater Rolle
Arbeit zitieren
Lena Morgenstern (Autor), 2019, Wie wichtig ist die Vaterfigur in "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006887

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