Der Verlust des individuellen Lebens erläutert anhand des Soldaten Paul Bäumer in Remarques "Im Westen nichts Neues"


Hausarbeit, 2020

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum literarischen Werk: „Im Westen nichts Neues“

3. Der Soldat in Abgrenzung seiner persönlichen Beziehungen
3.1.1 Die Verbundenheit des Soldaten mit der Erde
3.1.2 Instinkt und Bewusstsein
3.1.3 Das Generationsschicksal nach Herold
3.2 Textfunktion: Differenzierter Sprachgebrauch
3.3 Raumerfahrung und Motivik

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jahre hindurch war unsere Beschäftigung Töten - es war unser erster Beruf im Dasein. Unser Wissen vom Leben beschränkt sich auf den Tod. Was soll danach noch geschehen ?“]

Der Erste Weltkrieg gilt als „die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.“1 2 Mit einer Zahl von eingesetzten Soldaten, die zwischen 1914 und 1918 größer ist, als jemals zuvor, steuert die Kriegsführung des sogenannten Grabenkriegs einem „unrühmlichen Höhepunkt“ entgegen - die „Abnutzungsschlacht um Verdun 1916 [...] [kann] zum Inbegriff der Grausamkeit des Krieges und zum Symbol des sinnlosen Todes“ erklärt werden.3 Dass die überlebenden Soldaten nicht allein mit körperlichen Wunden zurückkehren, gibt Anlass, das Schicksal einer durch den Krieg gebrandmarkten Generation zu betrachten.

Unter all jenen, die den Krieg samt seiner Zerstörungskraft miterleben, geht der Schriftsteller Erich Maria Remarque durch seine literarische Reflexion des Kriegs hervor. Dem Kleinbürgertum zugehörig, wird Remarque unter dem Namen Erich Paul Remark am 22. Juni 1898 geboren.4 Zur literarischen Schöpfung Remarques zählen Romane, Theaterstücke, Drehbücher, Kurzgeschichten, Gedichte, journalistische Artikel und Reportagen.5

In der vorliegenden Arbeit soll das Generationsschicksal von jungen Soldaten des Ersten Weltkriegs anhand Remarques Roman Im Westen nichts Neues erarbeitet werden. Beginnend mit Informationen über das Werk wird dessen Entstehungsgeschichte beleuchtet. Daraufhin wird das im Roman dargestellte Charakteristikum eines Soldaten durch die Abgrenzung der persönlichen Beziehungen des Protagonisten erörtert. Im Anschluss erfolgt das Aufzeigen der Verbundenheit des Soldaten mit der Erde, um darauf folgend die im Roman aufgeführten Begrifflichkeiten Instinkt und Bewusstsein hinzuziehen zu können. Hierdurch gelingt ein Verweis auf das Generationsschicksal, in Anlehnung an den Sachlichkeitsbegriff von Herold. Das Untersuchen der Textfunktion ermöglicht im Anschluss die dargestellte Unterscheidung zwischen dem Soldaten und der Persönlichkeit dahinter zu veranschaulichen. Daraufhin wird der Aspekt der Verbundenheit des Soldaten mit der Erde durch eine semantische Deutung der Raumerfahrung untersucht, um gefolgt davon Instinkt und Bewusstsein als mögliche Leitmotive hinzuzuziehen. Dies ermöglicht die Beantwortung der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Soldatendasein, der Person dahinter und dem Schicksal einer ganzen Generation.

2. Zum literarischen Werk: „Im Westen nichts Neues“

Mit seinem Roman Im Westen nichts Neues legt Remarque „das erfolgreichste deutschsprachige Buch [des vergangenen] Jahrhunderts“ vor.6 Durch die Veröffentlichung im Jahr 1929 trifft er „das Empfinden [und den] Zeitgeist Deutschlands in der Spätphase der Weimarer Republik.“7 Zahlreiche Kritiken stellen sich ein, die sich mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit der Roman die Wirklichkeit darstellt, oder ob es sich dabei schlicht um einen von einem Pazifisten „frei erfundenen Antikriegsroman“ handelt.8 Es folgen Anti-Schriften, bis das Werk schließlich im Jahr 1933 aufgrund des „literarischen Verrat[s] am Soldat des Weltkrieges“ der öffentlichen Bücherverbrennung zum Opfer fällt.9 All diesen Widerständen zum Trotz, wird der Roman in 49 Sprachen übersetzt und es werden zwischen 15 und 20 Millionen Exemplare verkauft.10

Der zugrundeliegende Erzähltyp ist nach Genette als homodiegetisch zu klassifizieren: weil der Erzähler selbst Teil der erzählten Welt ist, fungiert er als Vermittler des Geschehens.11 Als Protagonist verkörpert er einen Soldaten, der stellvertretend für die im Roman dargestellte Gruppe von Soldaten steht. Im Alter von 18 Jahren zieht der Protagonist Paul Bäumer gemeinsam mit seiner Klasse der euphorischen Überredungskunst seines Lehrers Kantorek geschuldet in den Krieg.

„Neun Kilometer hinter der Front“ (S. 7) befindet sich die Kompanie inmitten des Geschehens: der Leser erfährt vom Kriegsalltag der Gruppe sowie von deren Erinnerungen an die Schulzeit, welche durch Rückblenden wechselhaft die Mitglieder der Gruppe einbeziehen. Die Gespräche der Gruppe finden ihren Ausgang oftmals in einstürzenden Weltanschauungen und der Frage nach dem Sinn des Kriegs. Als Soldaten wird ihnen die Menschlichkeit bereits in der Grundausbildung abtrainiert - der Krieg fordert allein das Überleben auf dem Schlachtfeld. Zwischenzeitliche Heimaturlaube ermöglichen Paul, physisch in sein altes Leben zurückzukehren. Dort stellt er jedoch ernüchternd fest, dass sich das Soldatendasein nicht gleich seiner Uniform durch alleinigen Urlaub ablegen lässt. Nach einer Verwundung kehrt er vom Lazarett zurück an die Front. Bereits hier ist ein Großteil seiner Klasse gefallen. Schließlich fällt auch Paul.

3. Der Soldat in Abgrenzung seiner persönlichen Beziehungen

Um den im Roman dargestellten Soldaten charakterisieren zu können, wird im Folgenden eine Unterscheidung zwischen Paul Bäumer und seinem Dasein als Soldat zu erörtern versucht. Da der Protagonist stellvertretend für eine Generation spricht, gelingt durch die Betrachtung seiner Persönlichkeit und der Beziehung, die er mit seinen Kameraden pflegt, die Charakterisierung der im Roman dargestellten Soldaten.

Werden die persönlichen Beziehungen des Protagonisten betrachtet, fällt auf, dass eine eindeutige Trennung zwischen seinem Soldatendasein und seinem Leben zuvor aufgrund der Einflüsse, die er durch den Krieg erfährt, nicht möglich ist. Seine ehemaligen Beziehungen spiegeln sich aus diesem Grund allein in seinen Erinnerungen wider. Während seines zweiwöchigen Heimaturlaubs holen ihn diese ein, obgleich er sich physisch inmitten ihres Entstehungsraumes befindet. Dabei stellt er auf schmerzliche Weise fest, dass die einstmals vertraute Gegend auf ihn trotz ihrer Bekanntheit fremd wirkt. Zuhause eingetroffen, überkommt Paul bei der ersten Begegnung mit seiner Schwester ein Gefühl von Scham: „Ich schäme mich einen Augenblick und senke den Kopf, dann nehme ich den Helm ab und sehe hinauf“ (S. 141). Hier kommt es zu einem einschneidenden Erlebnis, welches Pauls Identitätskrise, die im späteren Verlauf thematisiert wird, erahnen lässt. Während seine Schwester seinen Namen ruft, erkennt er sich selbst nicht wieder. Es scheint, als überkäme ihn befindlich inmitten seiner Selbst ein Gefühl der Fremde: „Ich quäle mich gewaltsam, zu lachen und zu sprechen, aber ich bringe kein Wort hervor, und so stehe ich auf der Treppe, unglücklich, hilflos, in einem furchtbaren Krampf“ (S. 142). Der weitere Verlauf des Wiedersehens gestaltet sich ähnlich. Paul trifft auf seine an Krebs erkrankte Mutter - allerdings sprechen die beiden nicht viel. Der Leser wird darüber informiert, dass Paul die ohnehin schon besorgte Mutter nicht weiter beunruhigen möchte. Er pflichtet ihr deshalb bei und begräbt seine Sorgen in sich: „Ach Mutter, Mutter! Laß uns aufstehen und fortgehen, zurück durch die Jahre, bis all dies Elend nicht mehr auf uns liegt, zurück zu dir und mir allein, Mutter“ (S. 164). Diesen Wunsch spürt er gleich seiner verlorenen Leidenschaft für Literatur in der Allgegenwärtigkeit seiner Heimat. Er will sich „hineindenken in die Zeit damals“ (S. 153), stellt indessen jedoch fest, dass all die Bilder der Vergangenheit an ihm vorbeiziehen, denn „sie haken nicht fest, es sind nur Schatten und Erinnerungen“ (S. 155). So ist anlässlich seines Heimatbesuchs zu konstatieren, dass Paul die einst innigsten Beziehungen seines Lebens verloren zu haben scheint: jene zu seiner Familie und zu seinen ehemaligen Leidenschaften. Aus diesem Grund verhält sich Paul als Soldat wie ein anderer Mensch. Bereits zu Beginn des Romans fällt die Selbstverständlichkeit in den Schilderungen der Erzählinstanz auf. Indem das Geschehen durch eine Geläufigkeit des Erlebten geschildert wird, beginnt die Charakterisierung des Soldaten seine Wirkung zu entfalten: „Wir liegen neun Kilometer hinter der Front. Gestern wurden wir abgelöst; jetzt haben wir den Magen voll weißer Bohnen mit Rindfleisch und sind satt und zufrieden“ (S. 7). Diese alltägliche Darstellung verdeutlicht den Rahmen, in welchem der Soldat agiert: der zähen Logik des Kriegs folgend, rückt seine Persönlichkeit weitestgehend in den Hintergrund. Um die sozialen Beziehungen des Soldaten zu charakterisieren, kann auf die dargestellte Gruppe des Erzählers zurückgegriffen werden. Dieser berichtet vorläufig aus der Wir-Perspektive - auf diese Weise gelingt eine Veranschaulichung deren Beziehung untereinander. Die viergliedrige Gruppe, die gemeinsam in den Krieg gezogen ist, besteht aus Albert Kropp, Müller V, Leer, Franz Kemmerich und dem Erzählenden Ich, Paul Bäumer. Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Soldaten entsteht allerdings nicht allein aufgrund einer gemeinsamen Vergangenheit, da sich nicht alle der im Roman vorkommenden Figuren seit der Schulzeit kennen. Zum einen festigt sich dieses durch das gemeinsame Schwelgen in Erinnerungen - zum anderen durch die gemeinsam erträumten Vorstellungen von einer Realität fernab des Krieges: „Albert, was würdest du tun, wenn jetzt mit einemmal Frieden wäre?“ (S. 71). Ein Gespräch über die verschiedensten Fantasien eröffnet sich. Auf Erinnerungen der Schulzeit wird dabei auf lachhafte Weise zurückgegriffen, um in Hinblick auf den Krieg die Bedeutungslosigkeit des dort Erlernten aufzuzeigen: „Wie wollen Sie bloß im Leben bestehen, wenn Sie das nicht wissen?“ (S. 78). An dieser Stelle ist eine Verlagerung des für den Soldaten Wichtigen auszumachen, denn wo einstmals „vier Bände Schopenhauer“ (S. 25) von Bedeutung zu sein schienen, war nunmehr „ein geputzter Knopf wichtiger“ (S. 25). Allein Tatsachen bleiben im Leben der aufgeführten Soldaten erhalten: „Wir haben den Sinn für andere Zusammenhänge verloren, weil sie künstlich sind. Nur die Tatsachen sind richtig und wichtig für uns“ (S. 24). Die Passage über die Nutzung von Massenlatrinen zeigt außerdem, „daß ihre gemütliche Erledigung ebenso gewertet wird wie [...] ein schön durchgeführter, bombensicherer Grand ohne viere“ (S. 13). Daraus ist zu folgern, dass der Soldat diese ursprünglich mit Scham behafteten Dinge als Normalität erlebt. Die Beschreibungen des Erzählers über ebenjenen Ort knüpfen an die Aussage von „wunderbar gedankenlose[n] Stunden“ (S. 14) an, woraufhin er das „Brummen der Front“ als unbedeutend charakterisiert, da die „Hummeln, die vorübersummen[,] [es schon] übertönen“ (S. 14). Sein Bericht mündet in einer eindrucksvollen Beschreibung von der Schönheit der umliegenden Natur.

3.1.1 Die Verbundenheit des Soldaten mit der Erde

Anknüpfend an diese „wunderbar gedankenlose[n] Stunden“ (S. 14), werden die im Roman immer wiederkehrenden Ausführungen über die Natur betrachtet. Entgegen der Erwartung eines Romans über die Schrecken des Ersten Weltkriegs treten idyllische Ausführungen über die Natur gehäuft auf: „Und rund um uns liegt die blühende Wiese. Die zarten Rispen der Gräser wiegen sich, Kohlweißlinge taumeln heran, sie schweben im weichen, warmen Wind des Spätsommers“ (S. 14). Da der Protagonist als Soldat fungierend die Schrecken des Kriegs erlebt und darüber berichtet, kann die Frage aufkommen, weshalb er dazu fähig ist, auf poetisch anmutende Weise die umliegende Natur zu beschreiben. Die im Roman stetig wiederkehrende Verbindung zwischen dem Soldaten und der Erde kann in den Beschreibungen der Natur erstmals vernommen werden. Hinweise auf den Grund hierfür liegen in der Gefahr des Krieges selbst: „Leicht hätte es sein können, daß wir heute nicht auf unsern Kästen saßen, es war verdammt nahe daran. Und darum ist alles neu und stark - der rote Mohn und das gute Essen, die Zigaretten und der Sommerwind“ (S. 15). Folglich ist anzunehmen, dass der Protagonist gerade wegen der Grauen, die er durchlebt, die Reflexion der umliegenden Natur als die einzige Möglichkeit nutzt, dem bloßen Todeskampf des Soldatendaseins zu entkommen. Betrachtet man in Hinblick dessen die Umstände des Ersten Weltkriegs, kann aufgrund seiner Ausführung als Grabenkrieg, die Verbundenheit des Soldaten mit der Erde bestätigt werden. Weitere Belege hierfür werden im Kapitel 3.3 Raumerfahrung und Motivik untersucht.

3.1.2 Instinkt und Bewusstsein

Die präzisen Naturbeschreibungen des Erzählers werden durch die Erläuterungen von Instinkt und Bewusstsein eingeholt. Die Beschreibungen über das Kämpfen an der Front lassen erahnen, dass hier etwas Grundlegendes mit dem Soldaten geschieht. So gibt der Protagonist an, dass „das Bewußtsein der Front [...] [einen] Kontakt [im Innern] auslöst“ (S. 52). Dieser Kontakt scheint es zu sein, der stellvertretend für das Wesen des Soldaten steht. Er umfasst den „Instinkt des Tieres“ (S. 53) und zeigt sich durch die Verbundenheit mit der Erde auf. Diese Verbindung ist in der Art des aufeinanderfolgenden Geschehens zu erkennen: inmitten des Kampfes gibt der Erzähler an, dass „die braune Erde [. ] der Hintergrund rastlos dumpfen Automatentums“ (S. 105) ist. Als einen solchen Automaten charakterisiert er den Soldaten im Moment des Kampfes.

[...]


1 Hier und im Folgenden zitiert nach: Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues (2019). Kiepenheuer & Witsch, 5. Auflage. Köln.

2 Epkenhans (2015), S. 7.

3 Vgl. Scriba (2014); Wolfien (2009), S. 106; Scriba (2014).

4 Vgl. Sternburg (1998), S. 61.

5 Vgl. ebd., S. 20.

6 Sternburg (2009), S. 147.

7 Sternburg (2009), S. 22.

8 Ebd., S. 151.

9 Ebd., S. 240.

10 Vgl. Schneider (1996), zit. nach: ebd., S. 147.

11 Vgl. Lahn / Meister, S. 79.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Verlust des individuellen Lebens erläutert anhand des Soldaten Paul Bäumer in Remarques "Im Westen nichts Neues"
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V1007159
ISBN (eBook)
9783346394880
ISBN (Buch)
9783346394897
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Remarque, Im Westen nichts Neues
Arbeit zitieren
Julia Kleemayr (Autor), 2020, Der Verlust des individuellen Lebens erläutert anhand des Soldaten Paul Bäumer in Remarques "Im Westen nichts Neues", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007159

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