Prestige, Rolle und Funktion des Spanischen als Minderheitensprache in den USA


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998
24 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

1. VORWORT

2. DER SOZIOLINGUISTISCHE ANSATZ
2.1. URSACHEN FÜR DEN ERHALT UND DIE WEITERE VERBREITUNG DES SPANISCHEN IN DEN USA
2.2. DER SPRACHGEBRAUCH DER ‘HISPANO/AS’
2.3. SPRACHE - BILDUNG - EINKOMMEN
2.4. DIE SPRACHENPOLITIK DER USA
2.4.1. DAS PROJEKT DER BILINGUALEN ERZIEHUNG
2.4.2. EXKURS: DIE ROLLE SPANISCHSPRACHIGER MEDIEN IN DEN USA

3. DIE SPANISCHE SPRACHE IN DEN USA - HERKUNFT UND BESONDERHEITEN UNTER SPEZIELLER BERÜCKSICHTIGUNG DES CHICANO SPANISCH
3.1. DIE URSPRÜNGLICHE HERKUNFT DER SPANISCHSPRACHIGEN BEVÖLKERUNG DER USA
3.2. DIE VERSCHIEDENEN DIALEKTE DES SPANISCHEN IN DEN USA UNTER BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DES MEXIKANISCHEN SPANISCH
3.3. BESONDERHEITEN DES CHICANO SPANISCH
3.3.1. VOKALVERÄNDERUNGEN
2.3.2. KONSONANTISCHE VERÄNDERUNGEN
3.3.3. DIE VERWENDUNG DER ZEITFORMEN
3.3.3.1. DAS FUTUR
3.3.3.2 DAS PRÄSENS
3.3.3.3. DAS PERFEKT
3.3.3.4. DAS P RETERITO I NDEFINIDO UND DAS I MPERFECTO
3.3.3.5. DAS PLUSQUAMPERFEKT
3.3.3.6. DER KONDITIONAL
3.3.3.7. DAS PERFEKT KONDITIONAL
3.3.3.8. DER KONJUNKTIV
3.3.4 . DIE MORPHOLOGIE DES VERBS
3.3.5. DIE PRONOMEN
3.3.5.1. PERSONALPRONOMEN
3.3.5.2. INTERROGATIV - UND RELATIVPRONOMEN
3.3.6. SUBSTANTIVE, ADJEKTIVE UND ADVERBIEN
3.4. DIE INTERFERENZPROBLEMATIK
3.5. DER CODEWECHSEL

BIBLIOGRAPHIE

1. Vorwort

Die folgenden Ausführungen sollen Funktion, Rolle und Prestige des Spanischen als Minderheitensprache in den USA behandeln. Da es sich um eine Arbeit auf dem Gebiet der synchronischen Sprachwissenschaft, genauer der Varietätenlinguistik, handelt, werden Aspekte wie die Herkunft und Entwicklung z.B. sprachlicher Besonderheiten nur marginal Beachtung finden. Es werden vielmehr soziolinguistische Faktoren, die den Bezug der Hispano/as zu ihrer eigenen Sprache prägen, genauso wie die Bedingungen für den Erhalt oder Verlust der spanischen Sprache und sprachliche Charakteristika speziell des Chicano Spanischen und der Bilingualismus untersucht. Für das Überleben von Sprachen nationaler und sprachlicher Minderheiten sind zunächst deren soziale und materielle Bedingungen von entscheidender Bedeutung. Der Status der jeweiligen Minderheitensprache, das Ausmaß ihrer sozialen Funktionen, sowie die Art der sozialen und sprachlichen Interaktion zwischen den Sprecher(inne)n der Sprache der Mehrheit und denen der Minderheitensprache sind abhängig von der sozialen und ökonomischen Position ihrer Sprecher(innen). Veränderungen dieser Position haben somit Veränderungen in der betreffenden Sprache und ihrem Status zur Folge, sind verantwortlich für ihre weitere Entfaltung und Verbreitung oder ihren Verlust.

Diese Arbeit wird sich hauptsächlich auf die mexikanischen Immigrant(inn)en in den USA und ihre Sprache, das Chicano Spanisch, konzentrieren, was zum Einen darin begründet liegt, daß die Chicano/as die größte Gruppe innerhalb der spanischsprachigen Bevölkerung der USA darstellen und zum Zweiten in der besonderen kulturellen Leistung, die mit der Schaffung einer eigenständigen Chicanoliteratur erreicht wurde.

„ Partimos de la premisa (de) que el español chicano es un fertil laboratorio de cambios lingüisticos.(...) El lenguaje de los chicanos ha sido muy activo en creaciones léxicas y en cambios semánticos.“1

2. Der soziolinguistische Ansatz

2.1. Ursachen für den Erhalt und die weitere Verbreitung des Spanischen in den USA

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Einer offiziellen Volkszählung aus dem Jahr 1990 zufolge lebten zu diesem Zeitpunkt 22.354.059 Spanischsprecher(innen) in den USA2 und stellten damit 9,0 % der Gesamtbevölkerung. Für 1994 lautet die Angabe des Statistischen Bundesamtes bereits 25.722.000 Spanischsprecher(innen). Die Tendenz ist offenbar steigend und die Prognose derselben Institution für 2020 geht von über 50.000.000 Spanischsprecher(inne)n aus3. Die große Anzahl von spanischsprachigen Personen in den USA, die nach den African - Americans die größte Minderheit darstellen, ist ein wichtiger Faktor für den Erhalt und die weitere Verbreitung der spanischen Sprache. Durch den Immigrationsfluß und den Familiennachzug erfahren sowohl die spanische Sprache als auch die Kultur, Tradition und Religion eine ständige Wiederbelebung und Erneuerung, unterstützt durch die mittlerweile vorhandene sprachliche und kulturelle Infrastruktur (Bildung, Massenmedien, Interessenvertretungen etc.). Seit den sechziger Jahren existiert ein Projekt der bilingualen Erziehung, das es den Angehörigen sprachlicher Minderheiten ermöglichen soll, in ihrer eigenen Sprache unterrichtet zu werden und gleichzeitig die englische Sprache zu erlernen, um so die Integration in die US-amerikanische Gesellschaft zu verbessern und andererseits die eigene Kultur zu pflegen. Wenn diese Unternehmung auch nicht unbedingt die entsprechenden Erfolge gezeitigt hat, so hat sie doch zumindest dazu beigetragen, daß die spanische Sprache heute die populärste Fremdsprache für US-Amerikaner(innen) ist. Desweiteren sind in den letzten Jahrzehnten staatlicherseits zunehmend bessere Voraussetzungen für die funktionale Erweiterung der Anwendung des Spanischen in den USA geschaffen worden. So sind z.B. Englischkenntnisse nicht mehr Bedingung für die Teilnahme an Wahlen und bei Gerichtsverhandlungen werden Personen, die des Englischen nicht in ausreichendem Maße mächtig sind, Dolmetscher zur Seite gestellt.

Die Homogenität der spanischsprachigen Bevölkerung der USA in Religion und Tradition, sowie ihre relative sprachliche, gesellschaftliche und religiöse Isolation in Verbindung mit der generationsübergreifenden Stabilität der Familie sind weitere wichtige Faktoren, die am Erhalt von Sprache und Kultur großen Anteil haben. Zunehmende Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang seit einigen Jahren auch der Chicanoliteratur zu.

2.2. Der Sprachgebrauch der ‘ Hispano/as ’

Im Sprachgebrauch ist zwischen monolingualen Spanisch - oder Englisch- sprecher(inne)n und bilingualen Personen zu unterscheiden. Unter Bilingualismus wird mit H. Stammerjohann (1975)4 die Praxis von Sprecher(inne)n verstanden, zwei Sprachen abwechselnd zu benutzen, wobei als echte Bilingualismen nur die Fälle anzusehen sind, wo ein(e) Sprecher(in) eine zweite Sprache auf gleichem Niveau wie seine/ihre Muttersprache beherrscht. Weiterhin wird als Bilingualismus die Kontaktsituation zweier koexistierender Sprachen bezeichnet. Zunächst soll es jedoch um den oben erwähnten ‘individuellen’ Bilingualismus und die Ursachen für eine bestimmte Sprachwahl gehen. Bechert / Wildgen (1991)5 zufolge richtet sich die Wahl der Sprache erstens nach den Interaktionspartner(inne)n, hierbei nach deren Grad der Sprachbeherrschung, ihrer Bevorzugung einer Sprache, ihrem Sozialstatus und Einkommen, Alter, Geschlecht, Beruf, Schulbildung, ethnischem Hintergrund, nach der Geschichte der Interaktion der Partner(innen) miteinander, ihrer Verwandtschaftsbeziehung, der Vertrautheit, nach dem Vorgesetzten-/Untergebenen- verhältnis und dem Machtgefälle, nach ihrer Einstellung zu den Sprachen und dem Druck von außen. Ein zweiter Faktor für die Sprachwahl ist die Situation, die Umgebung und Lokalität, die Anwesenheit einsprachiger Personen, der Grad der Förmlichkeit oder Intimität. Weiterhin spielt der Inhalt des Gesprächs eine Rolle, dessen Thema und der geforderte Wortschatz. Zudem ist die Wahl der Sprache vom Zweck der Interaktion abhängig, davon, ob es um eine Statusanhebung, die Erzeugung sozialer Distanz, das Ausschließen eines Anwesenden, eine Bitte oder einen Befehl geht.

Im speziellen Fall der Hispano/as in den USA hängen Fähigkeiten und Gebrauch beider Sprachen zunächst von der Länge des Aufenthaltes den Vereinigten Staaten ab. Wo für neuimmigrierte Personen die spanische Sprache als Bindeglied zum Heimatland fungiert, kann sie für Personen, die bereits in den USA aufgewachsen sind, Erinnerung an die Zugehörigkeit zu einer unterprivilegierten Minderheit sein. Die allgemeine gesellschaftliche Kommunikation findet mittels der englischen Sprache statt, sie wird zumindest im öffentlichen, z.B. schulischen Leben, teilweise aber auch im privaten Bereich gesprochen. Eine wichtige Motivation für das Erlernen des Englischen ist ebenfalls der ökonomische Faktor, die Tatsache, daß ein beruflicher Aufstieg nur über das Englische möglich ist. Spanisch wird damit eher zur Sprache des familiären Hintergrundes und kann identitätsstiftend sein.

Zum Erhalt der spanischen Sprache trägt vor allem die soziale und Familienstruktur bei. Insbesondere Hispano/as, die sich seit langem in den USA aufhalten, leben oft in großen Familien, die durch Heiraten innerhalb der spanischsprachigen Gemeinschaft noch erweitert werden (lt. G. Barker, 1972)6. In diesen Familien herrscht eine relativ strenge Hierarchie mit festgelegter Rollenteilung zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, aus der unter Umständen Probleme für Eltern mit geringer Bildung und entsprechenden Englischkenntnissen resultieren mögen, indem die sprachliche Abhängigkeit von den Kindern sie verletzt und sie deshalb den Gebrauch der spanischen Sprache fördern bzw. das Erlernen des Englischen nicht unterstützen. Der Gebrauch des Spanischen wird zudem von den Familienoberhäuptern, d.h. in der Regel älteren Mitgliedern, gefördert, die Traditionen am Leben zu erhalten trachten, von denen die spanische Sprache eine der am tiefsten verwurzelten ist.

2.3. Sprache - Bildung - Einkommen

Die soziale und sprachliche Situation der Bevölkerung spanischsprachigen Ursprungs in den USA ist verbunden mit Immigration, Bildung und Arbeit. Die Chicano/as im Südwesten der Vereinigten Staaten sind hauptsächlich Angehörige der Arbeiterklasse und als solche in ständigem Kontakt mit der englischsprachigen Mehrheit. Im Jahr 1982 waren mehr als 15 Millionen Einwohner(innen) der USA mexikanischen Ursprungs, von den über 80 Prozent in urbanen Gebieten ansässig waren und die sich durch große geographische und berufliche Flexibilität ausgezeichnet haben, von landwirtschaftlicher Tätigkeit früher zu Fabrikarbeit und Dienstleistungsberufen heute. Die beruflichen Veränderungen sind jedoch meist nicht mit sozialer Mobilität verbunden, d.h. die Chicano/as sind weiterhin die Bevölkerung mit dem niedrigsten Einkommen. Sie sind hauptsächlich im Sekundärsektor tätig, der durch niedrige Einkommen und unsichere Anstellungen gekennzeichnet ist und in dem vor allem Frauen und Minderheiten beschäftigt sind. Diese Tätigkeiten mit niedrigem Einkommen führen zu einer Konzentration der Minderheiten in Ghettos und Barrios aufgrund der billigen Unterkünfte und des Zusammenhaltes mit Familie und Freunden. Höhere Einkommen sind andererseits mit sozialer Mobilität und dem Umzug in wohlhabendere, englisch - dominierte Gegenden verbunden. Die Konzentration der spanischsprachigen Bevölkerung in bestimmten Gebieten stellt sich somit als Ergebnis von Armut und Rassendiskriminierung dar und ist gleichzeitig mitverantwortlich für den Erhalt des Spanischen. Die zunehmende Urbanisierung und Industrialisierung verursacht ihrerseits auch eine Vereinzelung und Arbeitssegmentierung, die die geographische Mobilität fördern und den Umzug vieler Chicano/as in weitläufige Vororte mit wenig sozialen Kontakten und Bindungen zur Folge haben. Diejenigen Chicano/as, denen ein beruflicher Aufstieg möglich war, verlieren oft den Kontakt zur spanischen Sprache, mit Ausnahme jener, die in speziell von wohlhabenderen Mexikanern bewohnten Gegenden residieren wie Coronado oder La Jolla in San Diego County.

Doch sie stellen eher eine Minderheit angesichts von durchschnittlich 9,8 Schuljahren unter Hispanos (1977) und nur 32,8 Prozent Highschool-Abgängern. Im Jahr 1990 verfügten 62 Prozent der weißen Amerikaner über einen Highschool-Abschluß, aber nur 47 Prozent der Hispanos. Über das niedrigste Durchschnittseinkommen im Vergleich spanischstämmiger Personen verfügen spanisch-monolinguale Personen, das höchste konnten englisch-spanisch bilinguale Personen aufweisen. Erstere sind überdurchschnittlich häufig in Bergbau, Landwirtschaft und auf dem Bau beschäftigt, also in Tätigkeiten, die mit einem eher niedrigen Statuswert verknüpft werden. Im Vergleich der Arbeitslosenzahlen schneiden Personen spanischsprachiger Herkunft mit 9,5 Prozent ebenfalls um mehr als ein Drittel schlechter ab als jene mit englischsprachiger Herkunft (1994: 6,0 Prozent). Statistiken dieser Art lassen so grundsätzlich auf einen niedriges Prestige der spanische Sprache und ihrer Sprecher(innen) schließen.

Andererseits geht zunehmende Bildung und entsprechend guter Englischunterricht mit dem Überlappen von Sprachfunktionen und dem Unterminieren des Spanischen als Muttersprache einher. Bilingualer Unterricht ist eher ein Instrument zum schnellen Erwerb des Englischen als zum Erhalt des Spanischen, vor allem weil Englisch als Vehikel für soziale Mobilität und Assimilierung gilt, so daß in vielen Haushalten nicht mehr spanisch gesprochen wird. Schließlich sollen die Chancen der Kinder verbessert werden, einen höheren sozialen Standard zu erreichen als die Eltern. Glyn Lewis (1972)7 unterscheidet drei verschiedene Formen des Bilingualismus:

1. der stabile Bilingualismus an der Grenze zu Mexiko, wo auf der mexikanischen Seite das Spanische alle seine Funktionen behält genauso wie das Englische auf der amerikanischen Seite;
2. der dynamische Bilingualismus, wo eine Sprache droht, die andere durch die Differenzierung sozialer Rollen und das bereits erwähnte Überlappen von Sprachfunktionen zu ersetzen. Er tritt besonders in Zeiten großer Mobilität und Instabilität auf, ist in Chicano Gemeinschaften weitverbreitet und wird durch jede neue Generation von Immigranten erneuert;
3. der Übergangsbilingualismus als ein fortgeschrittenes Stadium, in dem eine Sprache vollständig bestimmte Funktionen der anderen übernimmt, sie nach und nach ersetzt bis nur eine dominante Sprache übrig ist und von der anderen nur Spuren bleiben.

Der linguistische Kontext ist heterogen und widersprüchlich. Einerseits wird das Spanische in vielen Familien verdrängt, andererseits aber wird es als informelle Sprache im Familienzusammenhang, im Bereich der Freundschaften, der persönlichen Beziehungen oft erhalten. Die Einstellungen zur spanischen Sprache unter der Bevölkerung spanischsprachiger Herkunft sind sehr vielfältig. Sie reichen von totaler Ablehnung der Sprache und der untergeordneten Position, die sie verkörpert bis zu ihrer Verteidigung als Symbol kulturellen Widerstands, wo das Spanische als Bindeglied zu anderen spanischsprachigen Arbeitern in den USA und denen in Lateinamerika fungiert.

„Whether it serves as a symbol of resistance or acquiescence to the system, the Spanish language will continue to survive as a living language in the Southwest as long as the material conditions of stratification persist.“ 8

2.4. Die Sprachenpolitik der USA

In den USA gibt es keine offiziell festgelegte oder Nationalsprache. Jedoch wurde seit der Zunahme der Immigration aus Europa ab 1870 eine repressive Sprachgesetzgebung gefordert und realisiert. Sogenannte „English-only Laws“ rief man ins Leben, Amerikanisierungsprogramme für die Immigranten erhielten besondere finanzielle Unterstützung. Diese Vorgehensweise wurde bis in die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts beibehalten. Erst 1952 genehmigte man z.B. in Puerto Rico die Verwendung des Spanischen als Unterrichtssprache nach fast fünfzig Jahren versuchter Amerikanisierung. Heute ist der Erhalt des Spanischen dort mit den Unabhängigkeitsbestrebungen verbunden, obwohl die ökonomischen Realitäten zum Erlernen des Englischen zwingen „either as a job serving tourists, or as the price of a ticket to the mainland.“9

Die repressive Sprachengesetzgebung wurde erst 1959 mit dem National Defense Education Act revidiert, gefolgt von weiteren legislativen Aktivitäten wie dem Voting Rights Act (1968) zur rechtlichen Gleichstellung von Minderheiten. Im Folgenden entstanden viele English-as-a-foreign-language -Programme, das Projekt der bilingualen Erziehung nahm seinen Anfang. Die siebziger Jahre brachten noch einmal verstärkte legislative Aktivitäten zur Unterstützung von Nicht-Englisch-Sprechern, sowie Neuauflagen des Education Act 1974 und 1978, den Bilingual Vocational Training Act und den Court Interpreters Act 1978. Weitere Aktivitäten dieser Art wie die Affirmative Action Programme der siebziger bis neunziger Jahre, die zur besonderen Förderung von Minderheiten und Frauen z.B. bei der Einstellung dienen sollten und auf dem Affirmative Action Dekret (1965) von Präsident Johnson basieren, werden heute bereits wieder in Zweifel gezogen.

2.4.1. Das Projekt der bilingualen Erziehung

Die Probleme speziell puertorikanischer Schüler an US-amerikanischen Schulen wurde erstmals im Report „A Program of Education for Puerto Ricans in New York City“ 1948 dargestellt. Die daraus resultierenden Diskussionen führten zur Schaffung der Position des Substitute Auxiliary Teachers, der seinerseits die Zusammenarbeit von Lehrern und Schülern spanischsprachiger Herkunft ermöglichen sollte. Später entstand daraus der Bilingual Teacher. Gleichzeitig schuf man Stellen für Englischlehrer, die puertorikanische Kinder unterrichten sollten - ein Relikt aus der Zeit als die Politik des Board of Education auf eine schnellstmögliche Amerikanisierung ausgerichtet war. Eine Nachfolgestudie zum „Teaching Children of Puerto Rican Background in New York City Schools“ konstatierte erste Veränderungen. Sie stellte fest, daß der kulturelle Hintergrund der Schüler zunehmend Beachtung fände, Spanischkenntnisse mehr wertgeschätzt würden und bestätigte die Notwendigkeit spanischsprachiger Lehrer an den Schulen. Dieser Studie wurde allerdings nie entsprechende Beachtung zuteil, sondern die gewonnenen Kenntnisse wurden weiterhin eher als Mittel zur schnellen Amerikanisierung verstanden.

Im Jahr 1967 fand die erste städtische Konferenz der puertorikanischen Gemeinschaft statt, die ihre Mißbilligung an der Bildung puertorikanischer Kinder äußerte und verschiedene Empfehlungen aussprach. Sie forderte bilinguale Programme, die auch zum Erhalt der spanischen Sprache dienen sollten, Unterricht in puertorikanischer Kultur, Literatur und Geschichte, die Einbeziehung der puertorikanischen Gemeinschaft in die Planung von Schulprogrammen für puertorikanische Kinder, Puertorikaner zur Unterstützung der Lehrer und die Mitarbeit im Board of Education. Im Jahr 1968 wurde dann der Bilingual Education Act verabschiedet, in dem man „special educational needs“ bei diesen Kindern spanischsprachiger Herkunft feststellte und dafür Geld zur Verfügung stellte. Im selben Jahr öffnete die erste vollständig bilinguale Grundschule.

2.4.2. Exkurs: Die Rolle spanischsprachiger Medien in den USA

Genauso wie die Verbreitung englischsprachiger Massenmedien nahm ebenfalls die spanischsprachiger Medien in den siebziger Jahren, speziell zwischen 1975 und 1980 um 63 Prozent zu. Eine Studie in Los Angeles County von Lopez und Enos (1973) stellte fest, daß Amerikaner mexikanischer Herkunft tägliche Neuigkeiten dem englischsprachigen Radio und Fernsehen entnehmen, wogegen sie kulturellen Informationen und Unterhaltung in spanischsprachigen Medien den Vorzug geben. Dies reflektiert aufs Neue die Notwendigkeit einer gewissen Assimilation in den USA, andererseits aber auch das Bemühen um die Aufrechterhaltung des kulturellen und sprachlichen Kontaktes zum Herkunftsland.

3. Die spanische Sprache in den USA - Herkunft und Besonderheiten unter spezieller Berücksichtigung des Chicano Spanisch

3.1. Die ursprüngliche Herkunft der spanischsprachigen Bevölkerung der USA

Die spanischsprachige Bevölkerung in den USA besteht im Wesentlichen aus Personen mexikanischer, puertorikanischer und kubanischer Herkunft. Die Mexikaner stießen erstmalig im Ergebnis des Krieges von 1846-48 zwischen Mexiko und den USA zu letztgenannten. Im Jahr 1848 wurden Kalifornien, New Mexico und Texas in die Union aufgenommen.

Puerto Rico hingegen wurde 1898 von den USA annektiert. Eine große Einwanderungswelle gab es nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere nach New York. Im Jahr 1975 lebten 1,7 Millionen Puertorikaner insgesamt in den USA. Die Immigration von Kubanern fand hauptsächlich ab 1960 und vor allem nach Süd - Florida statt, unterstützt durch die US-Regierung und die offizielle Anerkennung der Kubaner als Flüchtlinge.

3.2. Die verschiedenen Dialekte des Spanischen in den USA unter besonderer Berücksichtigung des mexikanischen Spanisch

Die folgenden Ausführungen betreffen aus den bereits im Vorwort erwähnten Gründen speziell das mexikanische Spanisch in den USA. Einer Klassifikation Ornstein- Galicias (1988)10 zufolge können innerhalb des mexikanischen Spanisch sechs verschiedene Dialekte unterschieden werden:

1. das nördliche New Mexico - Colorado Spanisch, das direkt vom kolonialen Spanisch des 16. und 17. Jahrhunderts abstammt;
2. das allgemein südwestliche Spanisch, ein etwas archaisches Spanisch, das eine Mischung aus dem kolonialen mexikanischen Spanisch des 19. Jahrhunderts und Neologismen des Englischen und der sprachlichen Umgebung darstellt und das von der Mehrheit der Chicanos des Südwestens gesprochen wird;
3. das sogenannte Tex - Mex oder Grenzspanisch, ein allgemein südwestliches Spanisch mit großen Einflüssen aus dem Englischen;
4. das gegenwärtige Non - Standard nordmexikanische Spanisch, die Sprache der braceros, der Hilfsarbeiter oder Tagelöhner, der Immigranten der ersten und zweiten Generation;
5. das Indianische Pidgin Spanisch, ein simplifiziertes Spanisch mit starken Einflüssen aus indigenen Sprachen und dem Englischen;
6. verschiedene Jargons, z.B. Berufsjargons der Bauern und Viehtreiber, der kriminelle Jargon (das Pachuco oder Tirili aus El Paso) oder das Jugendspanisch, das beeinflußt ist vom Pachuco und dem englischen Teenagerslang.

Die folgenden Beschreibungen der Besonderheiten des Chicano Spanischen werden sich allerdings nicht auf diese Unterteilung beziehen, weil die Möglichkeit der Differenzierung der Dialekte innerhalb des mexikanischen Spanisch nach regionaler Herkunft, die bei Ornstein durchaus eine Rolle spielt, von Rosaura Sánchez, auf die ein Großteil der folgenden Ausführungen zurückgeht, in Zweifel gezogen wird.

“Because Mexican immigration, since 1848 but especially since the early part of the twentieth century, originates in various parts of Mexico (despite certain patterns of immigration from certain Mexican regions to particular southwestern states), it is difficult to propose a classification in terms of regional dialects, although studies of dialect have been attempted under the assumption that some variants are peculiar to one state when in fact they are widespread throughout the Southwest.”11

Sie beschränkt sich im Wesentlichen auf eine Unterteilung nach ländlicher oder urbaner Herkunft der sprachlichen Besonderheiten und betont, daß diese nicht nur für das Chicano typisch sind, sondern auch in anderen Teilen der spanischsprachigen Welt auftreten.

3.3. Besonderheiten des Chicano Spanisch

3.3.1. Vokalveränderungen

Die Varianten des Spanischen, die im Südwesten der USA gesprochen werden, zeichnen sich generell durch eine sehr nachlässige, ungespannte Aussprache der Vokale aus, die unter Umständen auch zum Verlust der Vokale führen können. Eine häufige Erscheinung ist hierbei die Aphäresis. Dabei handelt es sich um den Verlust eines unbetonten Vokals in Anfangsposition, der oft in schneller, informeller Sprache auftritt. z.B. ayudar > yudar, acabar > cabar, ahora > hora, estar > tar, había > bía oder hubiera > biera.

Eine weitere Besonderheit ist die Synäresis, die durch das Zusammenziehen zweier Silben zu einer, in unserem Fall durch Diphtongierung, gekennzeichnet ist, z.B. ea > ia: pelear > peliar, a í > ai: caído > caido, ae > ai: traer > trai oder trer durch Kontraktion, oe > ue: cohete > cuete, oa > ua: toalla > tualla, eo > io: preocupa > priocupa oder procupa durch Kontraktion.

Weiterhin werden oft Diphtonge in betonter Position durch einfache Vokale ersetzt, z.B. ie > e: ciencia > cencia, ue > o: pues > pos, ua > a: graduar > gradar, au > a: aunque > anque, ie > i: diez y ocho > diciocho, ei > e: treinta y cinco > trentaicinci. Es besteht eine Neigung, hohe Vokale durch mittlere zu ersetzen wie i > e: injusticia > enjusticia, u > o: cumplir > complir. Insbesondere Vokale, die sich vor einem Nasallaut befinden wie beispielsweise in entonces > antonces werden gern durch tiefere Vokale ersetzt.

Auf der anderen Seite ist auch die gegenläufige Tendenz des Wechsels von mittleren Vokalen zu hohen zu beobachten, z.B. o > u: morir > murir.

Der Begriff Apokope bezeichnet den Verlust eines oder mehrerer Laute am Ende eines Wortes wie er ebenfalls im Spanisch des Südwestens der USA auftritt, z.B. para > pa oder clase > clas.

Andererseits kann auch am Wortanfang ein Laut hinzugefügt werden (Prothesis) wie beispielsweise in tocar > atocar.

Homologe Vokale werden unter Umständen zusammengezogen, d.h. ee > e: leer > ler. Überdies finden sich Synkopen, d.h. Laute im Inneren eines Wortes fallen weg, in diesem Fall betrifft es unbetonte Silben vor betonten, wie in desaparecido > desparecido, necesita > necita.

Der Begriff der Epenthesis bezeichnet das Einfügen oder Entwickeln eines Lautes. In unserem Fall handelt es sich um das Einfügen eines Gleitlautes in intervokalischer Position, wie in creo > creyo, destruir > destruyir.

Schließlich werden unbetonte Vokale oft ohne Spannung, nachlässig gesprochen, z.B. pero > [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

Als vokalische Besonderheit sei noch die Metathesis , das Vertauschen von Vokalen, erwähnt, z.B. iu > ui: ciudad > swidad > swidá.

2.3.2. Konsonantische Veränderungen

Auch Konsonanten werden im Spanisch des Südwestens der USA im Allgemeinen ohne Spannung gesprochen, das gilt in besonderem Maße für stimmhafte Reibelaute. Zischlaute sowie manchmal der stimmlose labiodentale Reibelaut f werden aspiriert gesprochen und konsonantische Gruppen vereinfacht. All diese Varianten sind jedoch ebenfalls in verschiedenen anderen Teilen der spanischsprachigen Welt vorhanden, vor allem im ländlichen Spanisch. So ist die Aspiration des Zischlautes s in jeglicher Position sowohl typisch für das Spanisch in Nordzentralmexiko als auch für das in Texas, z.B. nosotros > nohotros, decir > dihir.

Aspiriert werden weiterhin der stimmlose labiodentale Reibelaut f (fuimos > juimos, fue > jue) und das ansonsten im urbanen Spanisch nur orthographische h (se fue de hilo > se fue de jilo, se huyó > se juyó).

Stimmhafte Reibelaute gehen in intervokalischer und finaler Position. verloren, so das intervokalische [b], [d] und [g]: todavía > toavía, tuavía, todos > toos, abuelo > awelo, iba > í:a oder das intervokalische [y]: ella > ea, botella > botea, genauso wie auch in finaler Stellung: usted > usté, muy > mu.

Die stimmhaften Reibelaute [b] und [g] werden oft ausgetauscht: abuelo > agüelo. Eine häufige Erscheinung ist, wie schon erwähnt, auch das Vereinfachen von Konsonantenmustern, d.h. ct > t: doctor > dotor, nd > d: andábamos > adá:mos, mb > m: también > tamién, rr > r: barrio > bario, rl > l: tenerla > tenela, rn > n, l: pararnos > paranos, paralos.

Eine bereits im Vokalischen aufgetretene Besonderheit, die Metathesis , findet sich ebenfalls, z.B. pared > pader, problema > porblema, lengua > luenga. Zur Erleichterung der Aussprache fügt man Laute, sogenannte epenthetische Konsonanten ein, wie podemos > podermos, nadie > nadien, naiden, aire > aigre.

Verschiedene Konsonanten werden lateralisiert, d > l: de > le, desde > desle, n > l: nos > los.

Auffällig ist gleichfalls die Nutzung archaischer Begriffe aus dem ländlichen Spanisch wie semos, asina oder truje.

Änderungen in der Betonung finden sich, etwa mendigo > méndigo -wobei die Betonung sich parallel zur Bedeutung verändert - oder seamos > séanos, séamos -was für alle Konjunktiv Präsens Verben in der 1. Person Plural gilt.

In bestimmten Gegenden wie West-Texas, dem südlichen New Mexico, Tijuana und Südkalifornien werden Affrikaten durch alveo-palatale Reibelaute ersetzt, so wird aus dem ch ein sch in Worten wie muchacho oder cuchara. Diese Eigenart ist jedoch nicht nur im Spanisch in den USA anzutreffen, sondern vielmehr in den verschiedensten Landstrichen Lateinamerikas z.B. in Kuba oder Paraguay, wo noche zu nosche wird, choque zu schoque und leche zu lesche.

Zum Abschluß hierzu sei noch bemerkt, daß Interferenzen mit dem Englischen bezüglich der Konsonanten kaum eine Rolle spielen. Es gibt sie nur gelegentlich, wenn beispielsweise Personen, deren Muttersprache nicht das Spanische ist, das r retroflex sprechen.

3.3.3. Die Verwendung der Zeitformen

3.3.3.1. Das Futur

Allgemein kann festgestellt werden, daß die Formen des Futur I selten benutzt werden. Sie werden meist durch das Präsens oder das periphrastische Futur (ir + a + Infinitiv) ersetzt. Das einfache Futur ist den nichtsystematischen Fällen vorbehalten, z.B. zum Ausdruck der Wahrscheinlichkeit: Será tu padre. ( dt. Es wird wohl dein Vater sein.) Das Futur II findet gleichfalls wenig Verwendung. Statt dessen gebraucht man eine Form des einfachen Futurs + Adverb: Para diciembre habrá llegado. > Va a llegar pa diciembre. Der bevorzugte Gebrauch des periphrastischen Futurs kann als Parallele zum be going to-Future des Englischen aufgefaßt werden und als Beleg einer generellen Tendenz der Präferenz der analytischen vor der synthetischen Sprache. Die Verwendung des einfachen Präsens statt des Futurs ist ebenfalls auch im Englischen anzutreffen, z.B. Van al dentista esta tarde. oder They go to the dentist this afternoon.

Es existieren letztlich im Chicano zwei Zeitformen mit Orientierung auf die Gegenwart (Präsens und Perfekt) und fünf mit einer Ausrichtung auf die Vergangenheit.

3.3.3.2 Das Präsens

Die zeitliche Orientierung des Präsens im Chicano entspricht der im Spanischen allgemein, jedoch besteht die Tendenz, die Dauer bei Handlungen im Verlauf miteinzubeziehen: Sí, sí te oigo. > Sí, sí te estoy oyendo.

3.3.3.3. Das Perfekt

Häufiger als die eigentliche Perfektform findet sich die Verwendung der Form des Preterito Indefinido des Verbs in Kombination mit einem Adverb: Se ha ido. > Ya se fue.

3.3.3.4. Das Preterito Indefinido und das Imperfecto

Beide erfahren im Chicano nur morphologische Veränderungen. Es besteht zudem die Tendenz, die Dauer miteinfließen zu lassen: Comía cuando entró. > Estaba comiendo cuando entró.

3.3.3.5. Das Plusquamperfekt

Das Plusquamperfekt hat im Chicano die selbe Funktion wie im Standardspanisch, es gibt im Wesentlichen nur morphologische Veränderungen. Manchmal findet sich die Verwendung des Hilfsverbs ir statt haber, z.B. iba comido statt había comido, wobei es fraglich scheint, ob es hierbei um eine Metathesis había > bía > iba handelt oder möglicherweise das -er Verb als -ar Verb konjugiert wird: habiba > iba.

3.3.3.6. Der Konditional

Der Konditional wird selten gebraucht. Er findet vor allem in unsystematischen Fällen z.B. zum Ausdruck einer Wahrscheinlichkeit Verwendung: ¿Quién sería? In der Regel wird der Konditional durch das Imperfecto Indicativo oder Imperfecto de Subjuntivo substituiert.

3.3.3.7. Das Perfekt Konditional

Das Perfekt Konditional wird wie der Konditional oft durch das Plusquamperfekt Indikativ oder Konjunktiv ersetzt. Auf die Vergangenheit orientierte Zeitformen werden so oft zu Preterito Indefinido, Imperfecto und Plusquamperfekt reduziert. Die Zeitformen des Imperfecto dienen auch dazu, einen der Vergangenheit nachfolgenden Zeitpunkt zu indizieren. Die Orientierungen sind damit auf zwei reduziert, nämlich zum Anzeigen einer Handlung vor einem bestimmten Zeitpunkt und zum Hindeuten auf Handlungen, die simultan zu oder nach einem bestimmten Zeitpunkt stattgefunden haben.

3.3.3.8. Der Konjunktiv

Die Verwendung des Konjunktivs im Chicano folgt den allgemeinen Regeln der spanischen Sprache, mit der Ausnahme von Verben, die zum Ausdruck eines Zweifels dienen, z.B. No creo que tiene muchas ganas.

3.3.4 . Die Morphologie des Verbs

Die drei Konjugationstypen des Spanischen werden im Chicano auf zwei Typen reduziert. Durch die große Menge an Lehnwörtern aus dem Englischen, die sich alle in die Gruppe der -ar Konjugation einordnen, bildet diese den größten Block. Die Gruppe der -ir Verben wird in die auf -er eingeschlossen, d.h Verben auf -ir konjugiert man frau als -er Verben (salimos > salemos).

Vokale im Wortstamm, die, wenn sie betont werden, diphtongiert sind, behalten diese Diphtongierung auch dann, wenn sie sich in unbetonter Stellung befinden ( puedo > puedemos statt podemos). Das deutet bereits darauf hin, daß im Chicano Spanisch die Tendenz besteht, die Verbmorphologie zu simplifizieren, die sich auch in der ‘Regularisierung’ unregelmäßiger Verben fortsetzt ( decir >Pret. Ind. deciste statt dijiste). Gleiches gilt für die Partizipien, wo die unregelmäßigen Formen ebenfalls eine ‘Regularisierung’ erfahren ( abrir > abrido, escribir > escribido).

3.3.5. Die Pronomen

3.3.5.1. Personalpronomen

Veränderungen finden sich vor allem im Gebrauch des Pronomens usted, das insbesondere von jungen Leuten und in Kalifornien kaum verwendet wird. Die Anrede erfolgt dann immer per tu. In Texas hingegen bleibt die Differenzierung grundsätzlich erhalten.

Weiterhin auffällig ist die Verwendung des proklitischen Akkusativs im Plural, wenn das direkte Objekt eigentlich im Singular steht und das indirekte im Plural, z.B. Les di el libro a ellos. wird zu Se los di (a ellos).

Dies setzt sich mit dem enklitischen nos fort, das, wenn ihm ein entsprechendes Pronomen folgt, zu no reduziert wird, z.B. Nos dio el libro. > No los dio. Ähnliches geschieht im Imperativ mit dem -n am Wortende. Es wird ans Ende des ersten enklitischen Pronomens versetzt, z.B. Vénganse > Véngansen.

3.3.5.2. Interrogativ - und Relativpronomen

Im Chicano Spanischen findet man häufig die Verwendung des Interrogativpronomens qu é statt cuál, insbesondere in informellen Gesprächen und in Fragestellungen, die im Englischen mit what beginnen würden. Das deutet zunächst auf eine Interferenz mit dem Englischen hin oder auch nur auf die bereits mehrfach erwähnte Tendenz des Chicano Spanischen zu simplifizieren. Gleiches gilt für die Verwendung von ¿ Qui é n son? statt ¿ Qui é nes son? oder von que statt lo que. Doch auf die Interferenzen soll später noch näher eingegangen werden.

3.3.6. Substantive, Adjektive und Adverbien

Ebenfalls vereinfacht werden die Regeln betreffs der Übereinstimmung in Genus und Numerus. Im Standardspanisch haben mit einem Vokal beginnende Substantive den Artikel ‘ el ’, im Chicano Spanisch verfügen unabhängig vom Geschlecht alle auf einen Vokal anlautenden Substantive über den Artikel ‘ l ’, z.B. el agua > l’ agua oder el oro > l’ oro.

Wörter maskulinen Geschlechts ihrerseits erhalten feminine Artikel, wenn sie wie z.B. problema auf -a enden. So wird aus el problema > la problema.

Weitverbreitet ist auch die Verwendung von -ses als Pluralmorphem nach Worten, die auf einem betonten Vokal enden, wie z.B. papá > papases, café > cafeses. Andererseits entfällt das normale Plural -s oft völlig in Worten, die auf der vorletzten Silbe betont sind und auf -z enden. Dies ist dem in Lateinamerika verbreiteten Seseo geschuldet, der aus einem -z am Ende in der Aussprache ein -s macht und damit der Regel des Spanischen, wonach auf -s endende und auf der vorletzten Silbe betonte Wörter ein Nullmorphem am Ende haben, Genüge tut, z.B. el lápiz > Pl. los lápiz. Die Übereinstimmung von Substantiv und Adjektiv in Genus und Numerus wird ebenfalls vielfach vernachlässigt, genauso wie die zwischen Zahlwort und Substantiv. Diminutivformen von Adjektiven (-ito und -ita) sind sehr beliebt. Sie werden genauso zum Bezeichnen kleiner Größen und Mengen oder kurzer Dauer wie zum Ausdruck von Sympathie benutzt und finden sich auch in anderen Gegenden der Hispania. Um einen Eindruck zu verstärken und bestimmte Dinge besonders hervorzuheben werden die betreffenden Adjektive, Adverbien oder Verben entweder wiederholt oder die Präfixe re- und -rete gebraucht, z.B. Está fuerte fuerte. oder Está retebonito.

3.4. Die Interferenzproblematik

Unter dem Begriff der Interferenz sind alle Fälle der Abweichung von den Normen der einen wie der anderen Sprache zu fassen, die in der Rede von Zweisprachigen als Ergebnis ihrer Vertrautheit mit mehr als einer Sprache, d.h. als Ergebnis des Sprachkontaktes vorkommen.12

Interferenzen finden sich hauptsächlich im Bereich des Lexikons, der Aussprache und gelegentlich der Syntax.

Im lexikalischen Bereich ist zu unterscheiden zwischen mehr oder weniger intakten Anglowörtern (z.B. el sueter), phonetisch veränderten Anglowörtern (z.B. el troque), Lehnübersetzungen (z.B. rueda de manejar) und sogenannten falschen Freunden (z.B. copa für cup statt taza). Entlehnte Verben werden zumeist der ersten Konjugation (-ar) zugeordnet (z.B. engl. shine > span. chainear, engl. dust > dostear). Substantive, die dem Englischen entlehnt sind, werden im Spanischen grundsätzlich mit Genus und Numerus versehen. In manchen Fällen variiert das Genus von Lehnwörtern in den verschiedenen Regionen (z.B. engl. plug > span. plogue oder ploga). Ein Wort kann entlehnt werden, weil das spanische Äquivalent dem/der Chicano Sprecher(in) nicht bekannt ist oder der Kontext, in dem das eine oder das andere jeweils verwendet wird, unterschiedlich ist. Lehnwörtern wird somit unter Umständen eine andere Bedeutung beigemessen als demselben Wort in der Ausgangssprache. Diese Bedeutung kann erweitert oder spezifiziert werden.

Lehnwörter insbesondere, die auch in anderen Teilen der Hispania existent und dort maskulin sind, werden häufig im Chicano Spanisch feminisiert, z.B. el sueter ist im Key West Spanisch la sueda, in Texas la suera. Die Veränderungen resultieren aus dem Auslassen des finalen -r in Florida, Texas, Brooklyn oder der Bronx, weshalb alle -er - Endungen Schwa ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) gesprochen werden, was wiederum der femininen Endung -a ähnlich klingt. Dieses Beispiel zeigt außerdem, daß die Lehnwörter aus dem Englischen ins Chicano Spanisch hauptsächlich auf oralem Wege eingedrungen sind. Wie bereits angedeutet werden die Lehnwörter und syntaktischen Strukturen in der Regel mit den morphologischen und phonologischen Strukturen des Spanischen versehen, so mag z.B. cuidar durch watch ersetzt werden, Zeitenfolge und Konjugation des Spanischen behält man jedoch bei.

Dort, wo Ähnlichkeiten zwischen dem englischen und dem spanischen Verbsystem bestehen, wird andererseits oft dem englischen gefolgt, z.B. was den Gebrauch der Verlaufsform betrifft. In der Sprache speziell junger Chicano/as findet sich deshalb oft die Verlaufsform, wo das einfache Präsens genügen würde.

Eine weitere Tendenz innerhalb der Interferenzproblematik ist die verstärkte Nutzung von Umschreibungen wie sie im Englischen üblich ist. Englische Redewendungen können entweder wörtlich übersetzt werden, Lehnübersetzungen oder zum einen Teil übersetzt und zum anderen entlehnt (‘hybrid compounds’ - hybride Komposita) sein.

3.5. Der Codewechsel

Innerhalb eines Gespräches bilingualer Chicano/as finden häufig Wechsel von einer Sprache in die andere statt und dies sogar innerhalb einer Äußerung. Diese Wechsel scheinen die ihnen und ihrem sozialen Kontext angemessenste Ausdrucksform zu sein, was sich auch in der Tatsache widerspiegelt, daß sich in den letzten Jahrzehnten eine prosperierende Literatur und Kunst in dieser sprachlichen Ausdrucksform entwickelt hat, so daß davon ausgegangen werden kann, daß sie identitätsstiftende Funktion hat. Ein Motiv für einen Codewechsel ist die sprachliche Bedarfsdeckung. Der / die Sprecher(in) sucht in der Gesprächssituation nach einem bestimmten Wort und findet es in der anderen Sprache. Unter Umständen wird die Rede dann in dieser Sprache fortgesetzt.

Innerhalb eines Codewechsels behält jedoch jedes Sprachsegment die Betonung und die grammatische Form der jeweiligen Sprache. Ein Wechsel unterliegt bestimmten Regeln. So ist er beispielsweise innerhalb eines Wortes oder einer festen Redewendung nicht möglich. Er kann aus Gründen der Äquivalenz nur an Stellen stattfinden, vor und hinter denen die Wortfolge für beide Sprachen gleich ist.

Schlußfolgernd bleibt festzuhalten, daß der Codewechsel wie auch der bevorzugte oder ausschließliche Gebrauch des Englischen unter jungen Chicano/as Indizien für den gesamtgesellschaftlichen Druck sind, die dominante Sprache anzunehmen. Andererseits trägt die andauernde Diskriminierung in sozialer und ökonomischer Hinsicht zum Erhalt der spanischen Sprache in den USA bei.

Die einzelnen sprachlichen Besonderheiten des Spanischen der Chicano/as in den USA sind, wie bereits mehrfach erwähnt, nicht ausschließlich dem Chicano Spanisch vorbehalten, sondern zum großen Teil in verschiedenen Gebieten der Hispania verbreitet. In ihrer Gesamtheit und dem speziellen sprachlichen und außersprachlichen Kontext ihres Auftretens sind sie jedoch nichtsdestotrotz ein Spiegelbild der Gemeinschaft der Chicanos in den USA.

Bibliographie

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2 Helms, Erwin: USA. Staat und Gesellschaft. Hannover 1993. S.233.

3 lt. Angaben des Statistischen Bundesamtes in: Länderbericht USA. Wiesbaden 1992.

4 Stammerjohann, Harro (Hg.): Handbuch der Linguistik. München 1975. S. 67f.

5 Bechert / Wildgen: Einführung in die Sprachkontaktforschung. Darmstadt 1991. S.64f.

6 Barker, George C.: Social Functions of Language in a Mexican-American Community. Arizona, 1972.

7 Sánchez, Rosaura: Our Linguistic and Social Context. In: Spanish in the United States. Sociolinguistic Aspects. hrsg. von Jon Amaste und Lucía Elías - Olivares. Cambridge 1982. S.12.

8 ibidem. S. 13.

9 Chang - Rodriguez, Eugenio (Hrg.): Spanish in the Western Hemisphere. New York 1982. S.43.

10 Ornstein, Jacob: Form and Function in Chicano English. Florida 1988.

11 Sánchez, Rosaura: Our Linguistic and Social Context. In: Spanish in the United States. Sociolinguistic Aspects. hrsg. von Jon Amaste und Lucía Elías - Olivares. Cambridge 1982. S.13.

12 Weinreich, Uriel: Languages in Contact. Den Haag 1953/76. S.15.

23 von 24 Seiten

Details

Titel
Prestige, Rolle und Funktion des Spanischen als Minderheitensprache in den USA
Veranstaltung
HS Spanischsprecher in der Welt von heute
Note
1,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
24
Katalognummer
V100720
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
die Arbeit beschäftigt sich sowohl mit Statusproblemen des Spanischen in den USA, dem sozialen Staus seiner Sprecher als auch mit sprachlichen Besonderheiten insbesondere des mexikanischen Spanisch in den USA
Schlagworte
Prestige, Rolle, Funktion, Spanischen, Minderheitensprache, Spanischsprecher, Welt
Arbeit zitieren
Jeannine Schätzle (Autor), 1998, Prestige, Rolle und Funktion des Spanischen als Minderheitensprache in den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100720

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